{"id":127315,"date":"2026-07-08T15:11:13","date_gmt":"2026-07-08T13:11:13","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=127315"},"modified":"2026-07-09T11:48:20","modified_gmt":"2026-07-09T09:48:20","slug":"die-zukunft-der-schoepfung-im-blick-einfuehrung-in-die-tagung","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-zukunft-der-schoepfung-im-blick-einfuehrung-in-die-tagung\/","title":{"rendered":"Die Zukunft der Sch\u00f6pfung im Blick"},"content":{"rendered":"<p>Aus sozialethischer Sicht ist die Enzyklika\u00a0Laudato si\u2019\u00a0(LS) das zentrale Verm\u00e4chtnis von Papst Franziskus. Er hat darin seine Hoffnung f\u00fcr eine gerechte und zukunftsf\u00e4hige Welt zusammengefasst und die Katholische Soziallehre um die \u00f6kologische Dimension erweitert. Sie ist ein Manifest, ein ethischer Kompass und eine theologische Antwort auf die gro\u00dfen Herausforderungen unserer Zeit. Diese werden im Sinne der \u201eintegralen \u00d6kologie\u201c systemisch zusammengedacht und als Bew\u00e4hrungsprobe f\u00fcr die christliche Heilsbotschaft verstanden. Durch die Enzyklika hat sich Franziskus als eine weltweit f\u00fchrende Stimme f\u00fcr die Einheit von Klimaschutz und Armutsbek\u00e4mpfung etabliert.<\/p>\n<p>In der langj\u00e4hrigen Geschichte der Katholischen Soziallehre wurde keine Enzyklika so intensiv medial rezipiert, wissenschaftlich diskutiert, interreligi\u00f6s akzeptiert und politisch mit Entscheidungsprozessen der UNO verkn\u00fcpft. Innerkirchlich kommt kaum eine Stellungnahme zu \u00f6kologischen Themen in den letzten zehn Jahren ohne einen Bezug zu\u00a0Laudato si\u2019\u00a0aus.<\/p>\n<p>Dennoch wurde die Enzyklika bisher nicht zum Katalysator f\u00fcr einen umfassenden \u00f6kosozialen Wandel. Politisch ist der hoffnungsvolle Pioniergeist des Jahres 2015 verflogen. Wir erleben eine R\u00fcckkehr fossiler und nationalistischer Denkmuster. Zivilgesellschaftlich macht sich eine verzagte Transformationsm\u00fcdigkeit breit. Kirchlich gab es kaum institutionelle Konsequenzen, die dem revolution\u00e4ren Anspruch des Textes entsprechen und mit der Aufbruchsbewegung der Entwicklungszusammenarbeit nach der Enzyklika Populorum progressio\u00a0in den 1960er Jahren vergleichbar w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Gerade deshalb ist die Botschaft der Enzyklika heute jedoch aktueller denn je: Sie ist keineswegs erledigt oder \u00fcberholt, sondern bleibt ein noch einzul\u00f6sendes Versprechen, dessen richtungsweisende Bedeutung angesichts der vielfachen Aufsch\u00fcbe nur noch st\u00e4rker hervortritt. Der Text ist keineswegs naiv, er rechnet mit Handlungsblockaden durch Macht- und Interessenkonflikte sowie Mentalit\u00e4ten der Verdr\u00e4ngung und sozialen Abschottung. Erstmals wird in einer Enzyklika das Thema Macht ausf\u00fchrlich reflektiert (gleich mit 67 Belegen). Dabei bleibt der Text jedoch nicht bei der Machtkritik stehen, sondern ist zugleich von einem Mikrooptimismus der Freude an der Sch\u00f6nheit der Sch\u00f6pfung und einer ermutigenden Wertsch\u00e4tzung von all dem, was schon heute gelingt und was jeder Einzelne tun kann, gepr\u00e4gt.\u00a0Laudato si\u2019ist im Kern keine moralische Drohbotschaft, sondern eine Frohbotschaft, ein Evangelium der Sch\u00f6pfung, eine Botschaft der Hoffnung in Krisenzeiten. Was brauchen wir heute angesichts der stillen Resignation so Vieler dringender?<\/p>\n<h3><\/h3>\n<h3>Geistige Grundlagen der integralen \u00d6kologie<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Spiritualit\u00e4t der Verbundenheit mit der Sch\u00f6pfung als Quelle von Freude und einer \u00fcber das Menschliche hinausgehenden Solidarit\u00e4t pr\u00e4gt das Denken von Papst Franziskus. Es ist von seinem Namenspatron Franz von Assisi gepr\u00e4gt, dessen Sonnengesang nicht nur den Titel\u00a0Laudato si\u2019\u00a0inspiriert hat, sondern den Grundduktus der ganzen Enzyklika: Lob und Dank f\u00fcr die Sch\u00f6nheit der Sch\u00f6pfung stehen im Mittelpunkt, ohne deshalb die dunklen Seiten zu verdr\u00e4ngen (der Heilige aus Assisi nennt besonders Krankheit und Tod, der Papst die \u00f6kologischen Katastrophen). Gott selbst im Schrei der Sch\u00f6pfung und im Schrei der Armen (vgl. bes. LS 49 [Textziffer in Laudato si\u2019]) als \u201eZeichen der Zeit\u201c zu h\u00f6ren, ist der theologische Ausgangspunkt der Enzyklika. \u00d6kosoziale Anwaltschaft ist f\u00fcr den Papst unmittelbare Glaubenspraxis, ein Ort der Gottesrede und unausweichliche Aufgabe der Kirche heute.<\/p>\n<p>Die Spiritualit\u00e4t von Papst Franziskus ist nicht nur franziskanisch gepr\u00e4gt, sondern ebenso durch Referenzen auf Ignatius von Loyola und Romano Guardini. Der Jesuitenpapst leitet aus dieser Verkn\u00fcpfung vier Maximen ab, die als eine Art Matrix seines Denkens in nahezu allen Lehrschreiben vorkommen und auch den Argumentationsgang von\u00a0Laudato si\u2019\u00a0pr\u00e4gen: Das Ganze ist wichtiger als der Teil, die Einheit wichtiger als der Konflikt, die Zeit wichtiger als der Raum und die Wirklichkeit wichtiger als die Idee. Aus dieser \u201eFranziskusformel\u201c (Erny Gillen) gehen die pr\u00e4genden Grundoptionen der Enzyklika hervor (vgl. LS 110, 141, 178, 198, 201; zusammenh\u00e4ngend entfaltet Franziskus diese vier Maximen im Apostolischen Schreiben\u00a0Evangelii Gaudium, Textziffern 221\u2013237; im Hintergrund steht die Pr\u00e4gung seines Denkens durch Romano Guardini; vgl. Massimo Borghesi:\u00a0Papst Franziskus. Sein Denken, seine Theologie, Freiburg 2020, 126\u2013166):<\/p>\n<ul>\n<li>f\u00fcr ganzheitlich-systemisches Denken im Sinne integraler \u00d6kologie,<\/li>\n<li>f\u00fcr Dialog als produktiven und einheitswahrenden<br \/>\nUmgang mit Konflikten,<\/li>\n<li>f\u00fcr synodale Prozesse statt der machtzentrierten Ordnung r\u00e4umlicher Strukturen,<\/li>\n<li>f\u00fcr eine sensible Wahrnehmung widerspr\u00fcchlicher Realit\u00e4ten statt des Vorrangs verallgemeinerbarer Theorien.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wie in einem Brennglas lassen sich in diesen Maximen die St\u00e4rken und Schw\u00e4chen des Pontifikats von Papst<br \/>\nFranziskus erkennen.<\/p>\n<p>Sprachlich unterscheidet sich die Enzyklika erheblich von allen vorherigen p\u00e4pstlichen Rundschreiben: Ihr Stil ist der einer prophetischen Zuspitzung radikaler Kritik, nicht prim\u00e4r das Bem\u00fchen um eine ausgewogen-objektivierende Darstellung. Die Rolle von M\u00e4rkten und technischen Innovationen wird kaum gew\u00fcrdigt. Aber der Text legt den Finger in die Wunden der Zeit und vermag es, aufzur\u00fctteln. Das ist aus meiner Sicht vorrangig. Umso wichtiger ist es jedoch, dass er aus wissenschaftlicher Sicht flankiert, differenziert und weitergedacht wird, wie wir es bei dieser Tagung anstreben und wie es Aufgabe der Christlichen Sozialethik ist.<\/p>\n<p>Eine Besonderheit von\u00a0Laudato si\u2019\u00a0ist, dass Papst Franziskus ihren Ruf zur \u00f6kologischen Umkehr (vgl. LS 216\u2013221) mit zahlreichen Fortschreibungen verkn\u00fcpft hat:<\/p>\n<ul>\n<li>2019 mit der Apostolischen Konstitution\u00a0Veritatis gaudium\u00a0zur weltweiten Neuordnung des Theologiestudiums, bei der die Ausbildung von Leaderships f\u00fcr eine kulturelle Revolution des Verst\u00e4ndnisses von Entwicklung eine zentrale Rolle spielen solle.<\/li>\n<li>2020 im nachsynodalen Schreiben\u00a0Querida Amazonia\u00a0(Geliebtes Amazonien), in dem der Schutz der Biodiversit\u00e4t des Amazonaswaldes als \u201egr\u00fcne Lunge\u201c der Erde im Mittelpunkt steht, was im Kontext der Klimakonferenz in Brasilien im November sowie der scheinbar unaufhaltsam fortschreitenden Zerst\u00f6rung des Regenwaldes dort hochaktuell war und ist.<\/li>\n<li>2020 in der Enzyklika\u00a0Fratelli tutti,\u00a0in der die Politik der Abschottung als Bedrohung des Weltfriedens und kooperativer Sch\u00f6pfungsverantwortung thematisiert wird. Der Zusammenhang von \u00d6kologie und Frieden ist ein Schl\u00fcsselthema im Konziliaren Prozess seit den 1980er Jahren sowie der p\u00e4pstlichen Friedensbotschaften von 1990, 2010 und 2020, das dringend in der wissenschaftlichen Forschung aufgegriffen werden sollte.<\/li>\n<li>2023 mit dem Apostolischen Schreiben\u00a0Laudate Deum\u00a0anl\u00e4sslich der UN-Klimakonferenz in Dubai, in dem Papst Franziskus die Botschaft von\u00a0Laudato si\u2019\u00a0angesichts der Analysen des Weltklimarates zum beschleunigten Umweltwandel wiederholt und zuspitzt, was in dieser Form ein Novum f\u00fcr die Katholische Soziallehre ist.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Enzyklika lebt von der besonderen Begabung des Papstes, den Kern der christlichen Botschaft auch f\u00fcr Nicht- und Anders-Glaubende verst\u00e4ndlich zu machen, indem er sie mit existenziellen Kategorien wie Hoffnung, Demut, W\u00fcrde und Gerechtigkeit sowie einem Ernstnehmen aktueller Forschungsergebnisse verkn\u00fcpft. Auf der Grundlage dieser Dialogoffenheit hat sie auch in den Wissenschaften ein neues Bewusstsein f\u00fcr die Relevanz religi\u00f6ser und ethischer Perspektiven geweckt.<\/p>\n<p>Dennoch ist die Wirkung der Religionen in den Arenen der Politik hinsichtlich \u00f6kologischer Verantwortung derzeit zutiefst ambivalent: In der Gesamtbilanz werden all die Bem\u00fchungen der Gutwilligen zunichtegemacht durch die starke Unterst\u00fctzung, die rechtspopulistische Klimaleugner vonseiten evangelikaler sowie katholisch-reaktion\u00e4rer, vermeintlich besonders frommer Christen \u2013 keineswegs nur in den USA \u2013 haben. Es fehlt derzeit nicht prim\u00e4r an technischen M\u00f6glichkeiten, sondern am Willen zu Vernunft und Kooperation. Ein Hoffnungsanker ist, dass mit Papst Leo \u00a0XIV. ein Nachfolger Petri gew\u00e4hlt wurde, der bereit ist, das sozialethische Erbe von Papst Franziskus fortzuf\u00fchren \u2013 hartn\u00e4ckig, klug abw\u00e4gend und vorsichtig, aber mit einem Sinn f\u00fcr institutionelle Weichenstellungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Das Erbe von Franziskus weiterdenken<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In seiner Botschaft zum Weltgebetstag f\u00fcr die Bewahrung der Sch\u00f6pfung\u00a0Samen des Friedens und der Hoffnung\u00a0(1.9.2025) \u00fcbernimmt Papst Leo XIV. die Grundprinzipien der ganzheitlichen \u00d6kologie aus\u00a0Laudato si\u2019\u00a0und erweitert dieses Erbe um einen friedensethischen Fokus, was der Tatsache Rechnung tr\u00e4gt, dass die \u00f6kologische Zerst\u00f6rung heute besonders durch Kriege beschleunigt wird. In der Enzyklika\u00a0Magnifica humanitas\u00a0(25.05.2026) greift Papst Leo XIV. den Begriff des \u201etechnokratischen Paradigmas\u201c intensiv auf und wendet ihn auf die Kritik digitaler Machtstrukturen an. Dadurch verlagert sich der Akzent von der Sch\u00f6pfungstheologie zur Technikethik und Anthropologie. Da beide Themen in\u00a0Laudato si\u2019\u00a0angelegt sind, jedoch im Kontext des digitalen Wandels eine neue Zuspitzung erfahren, erg\u00e4nzen die Enzykliken einander auf gl\u00fcckliche Weise. Zugleich gewinnt die Reflexion zur W\u00fcrde und Verletzlichkeit des Menschen im Zeitalter der K\u00fcnstlichen Intelligenz in\u00a0Magnifica humanitas\u00a0sowie im Kontext der aktuellen Umbr\u00fcche eine ganz eigene Eindringlichkeit, die einen neuen Brennpunkt sozialethischer Reflexion darstellt und ein Jahrzehnt, in dem\u00a0Laudato si\u2019\u00a0im Vordergrund stand, abschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund mag es hilfreich sein, daran zu erinnern, dass Umweltthemen in der Theologiegeschichte eine weit zur\u00fcckreichende Tradition haben und die Kirchen auf beachtliche Pionierleistungen im Bereich von Sch\u00f6pfungsspiritualit\u00e4t und \u00d6kologie zur\u00fcckblicken k\u00f6nnen, z. B.<\/p>\n<ul>\n<li>die tiefe Sch\u00f6pfungsspiritualit\u00e4t bei Benedikt von Nursia, Franz von Assisi, Hildegard von Bingen und vielen anderen,<\/li>\n<li>die sch\u00f6pfungstheologisch begr\u00fcndete Gemeinwohltheorie des Thomas von Aquin, die heute als Orientierung f\u00fcr den Umgang mit \u00f6kologischen Kollektivg\u00fctern wie Klima und Biodiversit\u00e4t neu entdeckt wird,<\/li>\n<li>das erste globale Programm f\u00fcr\u00a0Sustainability\u00a0durch den Weltrat der Kirchen (1974\u20131976) und die Mitpr\u00e4gung des UN-Konzepts von Nachhaltigkeit durch den Begriff der ganzheitlichen Entwicklung in der Enzyklika\u00a0Populorum progressio\u00a0(1967) und den \u00f6kosozialen Ansatz des Konziliaren Prozesses.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auch neue Initiativen sind durchaus beachtenswert, z. B. das 2021 gegr\u00fcndete\u00a0Laudato si\u2019 Movement\u00a0als globales Netzwerk von \u00fcber 900 katholischen Organisationen, das wesentlich von den Jesuiten getragene\u00a0Laudato si\u2019 Research Institute\u00a0an der Universit\u00e4t Oxford, die Zentren f\u00fcr Nachhaltigkeitsforschung an den Universit\u00e4ten M\u00fcnster, M\u00fcnchen und Notre Dame, die jeweils von der Theologie mitgetragen werden. Das von Papst Franziskus initiierte Projekt\u00a0Borgo Laudato si\u2019, das die Prinzipien der ganzheitlichen \u00d6kologie modellhaft umsetzen soll, wird von seinem Nachfolger ausdr\u00fccklich als dessen Verm\u00e4chtnis bezeichnet und gezielt gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Der Sammelband\u00a0Theology for Future, der die 17\u00a0Sustainable Development Goals\u00a0der UNO jeweils aus theologischer Perspektive interpretiert, formuliert selbstbewusst: \u201eAls\u00a0global player\u00a0verf\u00fcgen die Kirchen und die Institutionen von Religionen \u00fcber nicht zu untersch\u00e4tzende geistige, personelle und materielle Ressourcen, die auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung einen gewichtigen Beitrag leisten k\u00f6nnen.\u201c (Thomas Laubach u. a. (Hg.):\u00a0Theology for Future. Die 17 Ziele der UN f\u00fcr nachhaltige Entwicklung, Freiburg 2024, 12) Dieser Beitrag besteht jedoch nicht prim\u00e4r in zus\u00e4tzlichen Ressourcen f\u00fcr die Umsetzung, sondern in einer grundlegenden Perspektivenerweiterung: Ohne Bewusstsein dessen, was das technisch und politisch Machbare \u00fcberschreitet und unverf\u00fcgbar ist, droht der umfassende Anspruch des Nachhaltigkeitskonzepts in ein totalit\u00e4res Paradigma umzukippen (vgl. Markus Vogt:\u00a0Christliche Umweltethik, Freiburg 2021, 482\u2013534). Aufgrund der h\u00f6chst fragilen Regeln der Akzeptanz in internationaler Diplomatie kann sich die UNO keine radikale Kritik an Korruption, Machtmissbrauch und Systemversagen leisten und spricht die Tiefendimension des n\u00f6tigen kulturellen Wertewandels zugunsten von Gen\u00fcgsamkeit, Einfachheit und Solidarit\u00e4t nur am Rande an. Darin unterscheiden sich die\u00a0Sustainable Development Goals\u00a0der UNO von der Enzyklika, die unmissverst\u00e4ndlich eine \u00f6kologische Umkehr einfordert. Diese ist jedoch unbequem, so dass die Enzyklika mehrheitlich (auch in der Kirche) als ein zwar aufr\u00fcttelnder, aber f\u00fcr die Praxis sekund\u00e4rer Text beiseitegeschoben wird. Soll Nachhaltigkeit mehr sein als ein gr\u00fcnes M\u00e4ntelchen f\u00fcr die Entwicklungsvorstellungen von gestern, m\u00fcssen sich die unterschiedlichen Stimmen aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft wechselseitig erg\u00e4nzen. Gerade aufgrund der Tatsache, dass die daf\u00fcr n\u00f6tigen Dialoge zwischen den Fachbereichen, Gesellschaftsgruppen und Nationen derzeit weltweit so massiv gest\u00f6rt sind, richten sich weit \u00fcber den kirchlichen Rahmen hinaus in neuer Weise intensive Hoffnungen auf die P\u00e4pste als Anw\u00e4lte des Gewissens, der Armen und der Natur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>\u00d6kologischer Humanismus als Zukunftsaufgabe<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aufs Ganze gesehen ist die Katholische Kirche jedoch kein Pionier f\u00fcr Nachhaltigkeit, obwohl sie als eine auf Langfristigkeit und globale Solidarit\u00e4t ausgerichtete Gemeinschaft dazu gro\u00dfe Potenziale h\u00e4tte. Durch \u201edespotische Anthropozentrik\u201c, wie es Papst Franziskus in\u00a0Laudato si\u2019\u00a0nennt, wurde sie jedoch zur Impulsgeberin f\u00fcr die naturvergessene Zivilisation der westlichen Moderne. Damit hat sie die Grundlagen der biblischen Anthropologie, die den Menschen nicht nur als Ebenbild Gottes, sondern zugleich als Adam, also \u201eErdling\u201c, sieht, verraten. \u00d6kologisch gesehen ist die Kirche Teil des Problems. Gerade deshalb muss sie auch Teil der L\u00f6sung werden. Dazu geh\u00f6rt Demut. Die Enzyklika formuliert dazu programmatisch: \u201eWir vergessen, dass wir selber Erde sind.\u201c (LS 3). Eine Anthropologie, die die einzigartige W\u00fcrde des Menschen nicht einebnet, aber \u00f6kologisch einbettet, ist der Schl\u00fcssel einer christlichen Umweltethik.<br \/>\nIch nenne dies \u201e\u00f6kologischen Humanismus\u201c.<\/p>\n<p>Es fehlt derzeit nicht an \u00f6kologischem Wissen, technischen M\u00f6glichkeiten oder moralischen Appellen f\u00fcr eine Gro\u00dfe Transformation, sondern an einem Mentalit\u00e4tswandel hinsichtlich unserer Einstellung zur Natur. Es gilt, diese als integralen Teil unserer Vorstellungen von Gl\u00fcck, Freiheit, Wohlstand, Gerechtigkeit, Identit\u00e4t sowie Gottes- und Selbsterfahrung zu denken. Das ist religionsproduktiv, da es zutiefst mit der religi\u00f6sen Grundfrage zu tun hat, was wirklich wichtig ist und Sinn vermittelt, diese jedoch in einen neuen Kontext stellt. Die christliche Hoffnung auf Erl\u00f6sung ist keine Garantie f\u00fcr die Rettung der Welt ohne menschliches Zutun noch eine blo\u00df jenseitsbezogene Vertr\u00f6stung. Sie ist eine \u201eTat-Sache\u201c, ein Handlungsauftrag, zum Schutz der Bewohnbarkeit der Erde im Anthropoz\u00e4n beizutragen. Das fast ergebnislose Ende der Klimakonferenz im brasilianischen Bel\u00e9m (COP 30 im November 2025) hat gezeigt, dass die Motivation f\u00fcr \u00f6kosoziale Vernunft und Kooperationsf\u00e4higkeit einer tiefen Resignation sowie einem fragmentierten Machtstreben erlegen ist. Umso wichtiger ist die Suche nach Orientierung f\u00fcr eine verantwortungsbewusste Transformation.<\/p>\n<p>Dabei kann Franziskus\u2019 Erbe f\u00fcr die Sch\u00f6pfung auch nach \u00fcber einem Jahrzehnt wegweisend sein. Allerdings nur dann, wenn der Text zugleich kritisch weitergedacht wird in Bezug auf die Nutzung von Marktkr\u00e4ften, ein differenziertes Verst\u00e4ndnis politischer Steuerung, Chancen und Grenzen technischer Innovationen sowie umweltrechtlicher Leitplanken. Auch die Sch\u00f6pfungstheologie bedarf einer systematischen Vertiefung, interkulturellen Weitung und kirchlichen Praxis, um ihren performativen, auf eine Haltung von Vertrauen und verantwortlicher Sorge zielenden Sinn glaubw\u00fcrdig zu vermitteln. Das Erbe von Franziskus ist auch heute noch, mehr als zehn Jahre nach der Ver\u00f6ffentlichung von\u00a0Laudato si\u2019\u00a0ein uneingel\u00f6stes, aber wegweisendes Versprechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus sozialethischer Sicht ist die Enzyklika\u00a0Laudato si\u2019\u00a0(LS) das zentrale Verm\u00e4chtnis von Papst Franziskus. Er hat darin seine Hoffnung f\u00fcr eine gerechte und zukunftsf\u00e4hige Welt zusammengefasst und die Katholische Soziallehre um die \u00f6kologische Dimension erweitert. Sie ist ein Manifest, ein ethischer Kompass und eine theologische Antwort auf die gro\u00dfen Herausforderungen unserer Zeit. 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