{"id":127319,"date":"2026-07-08T15:19:37","date_gmt":"2026-07-08T13:19:37","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=127319"},"modified":"2026-07-09T14:12:43","modified_gmt":"2026-07-09T12:12:43","slug":"staerken-und-schwaechen-der-enzyklika-laudato-si-aus-sozialethischer-sicht","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/staerken-und-schwaechen-der-enzyklika-laudato-si-aus-sozialethischer-sicht\/","title":{"rendered":"St\u00e4rken und Schw\u00e4chen der Enzyklika Laudato si\u2019 aus sozialethischer Sicht"},"content":{"rendered":"<p>Das Thema, das mir f\u00fcr meinen Beitrag vorgegeben wurde, verstehe ich als Auftrag, die Enzyklika Laudato si\u2019 einer sozialethischen Relecture zu unterziehen. \u00dcber eine historische W\u00fcrdigung hinaus geht es darum, die ethische Aussage- und Orientierungskraft dieses herausragenden Dokuments der p\u00e4pstlichen Sozialverk\u00fcndigung in der gegenw\u00e4rtigen Weltlage zu pr\u00fcfen und nach seinem unerledigten sozialethischen Provokationspotential zu fragen. Mit dem zeitlichen Abstand seit dem Erscheinen im Jahr 2015 hat sich die Rezeptionssituation ver\u00e4ndert:<\/p>\n<p>(1) Multiple globale Krisen haben die politischen Priorit\u00e4ten erheblich verschoben. Den Symptomen der sich versch\u00e4rfenden \u00f6ko-sozialen Krise stehen gravierende geopolitische Machtverschiebungen, Kriege und ideologische Verwerfungen gegen\u00fcber. Klima- und \u00d6kologiepolitik sind weltweit unter Druck geraten. Die Frage nach konstruktiven, sozial-\u00f6kologischen Gegenkr\u00e4ften ist noch dr\u00e4ngender geworden. Sie betrifft auch die Rolle der Religionen.<\/p>\n<p>(2)\u00a0Mit dem Tod von Papst Franziskus am 21. April 2025 ist dessen \u0152uvre abgeschlossen;\u00a0Laudato si\u2019\u00a0wird heute im Zusammenhang aller Dokumente des Pontifikats gelesen.<\/p>\n<p>(3)\u00a0Die Enzyklika, erst recht in diesem gr\u00f6\u00dferen Rezeptionsrahmen, stellt der Sozialethik Aufgaben, aus denen sich eine anspruchsvolle Agenda f\u00fcr die Zukunft ableiten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Im Folgenden werde ich zun\u00e4chst ethische Kernbotschaften und Transformationspotentiale der Enzyklika in Erinnerung rufen. Anschlie\u00dfend greife ich exemplarisch zwei Aspekte heraus, die den epochalen Beitrag von\u00a0Laudato si\u2019\u00a0zur kirchlichen Sozialverk\u00fcndigung markieren, und greife vor diesem Hintergrund Anfragen an die Enzyklika aus der sozialethischen Diskussion auf. Abschlie\u00dfend formuliere ich einige Thesen zur Bedeutung<br \/>\nvon\u00a0Laudato si\u2019\u00a0als Referenztext f\u00fcr eine Geosozialethik des 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Kernbotschaften und Potentiale der Enzyklika<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als erstes p\u00e4pstliches Lehrschreiben \u00fcberhaupt hat\u00a0Laudato si\u2019\u00a0die \u00d6kologiefrage zum Kernthema kirchlicher Sozialverk\u00fcndigung gemacht. Die Enzyklika leistet damit nicht weniger als eine \u00f6kologische Reformulierung der globalen sozialen Frage und transformiert diese zur\u00a0geosozialen Frage\u00a0als zentralem Thema des 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Ausgehend von einer wissenschaftlich fundierten Analyse der Klima- und Biodiversit\u00e4tskrise reflektiert sie die theologisch-ethische Reichweite \u00f6kologischer Verantwortung und setzt unter dem Vorzeichen der\u00a0Mitgesch\u00f6pflichkeit Impulse f\u00fcr einen Wandel von Lebensstil und Politik. Programmatisch verbindet sie Sozial- und \u00d6kologiekritik und verwahrt sich entschieden gegen jede Trennung von sozialer und \u00f6kologischer Frage. Ungerechtigkeiten und Machtasymmetrien im gesellschaftlichen Zusammenleben wie im Umgang mit nicht-menschlichen Wesen und der Natur prangert sie mit gleicher Dringlichkeit an.<\/p>\n<p>Franziskus kritisiert insbesondere die \u00dcbernutzung der G\u00fcter im globalen Norden und nennt dies eine wirkliche \u201e\u00f6kologische Schuld\u201c (LS 51). Die Verursacher und Profiteure eines ressourcenintensiven Lebensstils haben dessen Folgen f\u00fcr Menschheit und \u00d6kologie im Interesse ihrer eigenen Lebensqualit\u00e4t viel zu lange ignoriert. Die Vorteile f\u00fcr Wenige sind l\u00e4ngst zur existentiellen Bedrohung der sozialen und \u00f6kologischen Lebensgrundlagen weltweit geworden.<\/p>\n<p>Im Sinne der Hermeneutik der \u201eZeichen der Zeit\u201c analysiert\u00a0Laudato si\u2019\u00a0die Verflechtung von \u00f6kologischer und sozialer Krise (LS 17\u201361) und fordert alle Handlungs- und Verantwortungsf\u00e4higen zu einem umfassenden Dialog auf, der einer echten \u201e\u00f6kologischen Umkehr\u201c den Weg bahnen soll (LS 216\u2013221). Franziskus zielt auf ein alternatives, solidarisches Gesellschaftsmodell, das \u00f6kologischen und sozialen Anforderungen gen\u00fcgt. Dem technokratischen, sozial und \u00f6kologisch unverantwortlichen Umgang mit dem \u201egemeinsamen Haus\u201c stellt die Enzyklika die Leitidee einer\u00a0ganzheitlichen \u00d6kologie\u00a0gegen\u00fcber (LS 137\u2013162).<\/p>\n<p>Sie erweitert die klassische Trias nachhaltiger Entwicklung \u2013 Umwelt, Wirtschaft, Soziales \u2013 um kulturelle Aspekte: Eine Kultur\u00f6kologie ist kontextsensibel zu entwickeln; sie muss lokale (z. B. indigene) Akteure beteiligen und deren Lebenswirklichkeiten (z. B. den Umgang mit dem Boden) ber\u00fccksichtigen. Mit Blick auf st\u00e4dtische Sozialr\u00e4ume und \u00f6ffentliche Infrastruktur versteht Franziskus Human\u00f6kologie als kontextuelles Kriterium von Lebensqualit\u00e4t. Das Programm universaler Geschwisterlichkeit, das die Enzyklika Fratelli tutti\u00a0(2020) ausformuliert, zeichnet sich hier schon ab.<\/p>\n<p>Zwei Fragen, die Papst Franziskus an \u201ejeden Menschen [\u2026], der auf diesem Planeten wohnt\u201c (LS 3) richtet, b\u00fcndeln die Leitperspektive der Enzyklika: Die erste betrifft das Zusammenleben mit allen Gesch\u00f6pfen \u2013 wie k\u00f6nnen und wie wollen wir die Erde, unser gemeinsames Haus, bewohnen? Die zweite kehrt die Perspektive um \u2013 \u201eWozu braucht uns diese Erde?\u201c (LS 160) \u2013 und macht die Erde selbst zum Subjekt und \u00fcberschreitet die Grenzen einer rein anthropozentrischen Sch\u00f6pfungstheologie und Ethik. Eben dies kennzeichnet Laudato si\u2019 als Meilenstein der katholischen Soziallehre.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Laudato si\u2019\u00a0als Programmtext einer globalen Transformationsethik<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Untertitel der Enzyklika bringt diese Programmatik zum Ausdruck: Im \u201egemeinsamen Haus\u201c steht der Mensch nicht der Sch\u00f6pfung gegen\u00fcber, sondern ist Mitgesch\u00f6pf unter Mitgesch\u00f6pfen. Und dieses gemeinsame Haus, die \u00d6kologie, bildet den Gegenstand der Sorge. Beide Aspekte erweitern die sozialkatholische Tradition deutlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>\u00dcberwindung einer anthropozentrischen Ethik<\/h4>\n<p>Laudato si\u2019\u00a0zielt darauf, das instrumentelle Naturverst\u00e4ndnis der Moderne zu \u00fcberwinden und unser Weltverh\u00e4ltnis ethisch neu auszurichten. An die Stelle eines hierarchischen Gegen\u00fcbers von Mensch und Natur tritt die Einsicht, dass \u201ealles miteinander verbunden\u201c (LS 11 u. \u00f6.) und die menschliche Existenz Teil alles Lebendigen ist. Franziskus weist ausdr\u00fccklich eine Lesart des biblischen Sch\u00f6pfungsmythos als religi\u00f6se Legitimation wirtschaftlich interessierter Naturausbeutung zur\u00fcck. Gen 1 m\u00fcsse mit einer \u201egeeigneten Hermeneutik\u201c im gesamtbiblischen Sinnzusammenhang gelesen werden (LS 67). Gerade weil alles Lebendige miteinander verbunden ist, bleibt der Mensch als Mitgesch\u00f6pf zu treuh\u00e4nderischer Sorge verpflichtet. Er ist nicht nur anderen Menschen und Gott, sondern auch allen Mitgesch\u00f6pfen verantwortlich.<\/p>\n<p>Diese Sichtweise erschlie\u00dft Franziskus auch mit spirituellen Ressourcen sowohl aus der christlichen Tradition, besonders der franziskanischen Sch\u00f6pfungsspiritualit\u00e4t, als auch aus der andinen Weisheitstradition: Beide verbindet das Narrativ der \u201eMutter Erde\u201c (LS 1\u20132; 92).\u00a0Laudato si\u2019\u00a0f\u00fchrt es zusammen mit dem christlichen Motiv der Menschheitsfamilie, das zur universalen Sch\u00f6pfungsfamilie (vgl. LS 89) erweitert wird.<\/p>\n<p>Franziskus beschreibt \u201eunsere Schwester, Mutter Erde\u201c (LS 1) als Verletzte, die unter der Gewalt des Menschen leidet. \u201eDarum befindet sich unter den am meisten verwahrlosten und misshandelten Armen diese unsere unterdr\u00fcckte und verw\u00fcstete Erde, die \u201aseufzt und in Geburtswehen liegt\u2018 (R\u00f6m 8,22). Wir vergessen, dass wir selber Erde sind (vgl. Gen 2,7).\u201c (LS 2)\u00a0Dem Zugriff auf die Erde als Objekt menschlicher Nutzung stellt die Enzyklika den empathischen Blick auf die Mutter Erde als Subjekt, das durch den \u201eerdvergessenen Menschen\u201c verletzt ist, gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Vom globalen Gemeinwohl zu den globalen Gemeing\u00fctern<\/h4>\n<p>Zugleich stellt\u00a0Laudato si\u2019\u00a0die\u00a0Sorge\u00a0um die gemeinsamen G\u00fcter ins Zentrum. Der lateinische Text spricht nicht vom\u00a0bonum commune, sondern von\u00a0bona communia, also gemeinsamen G\u00fctern, und bezeichnet so auch die gef\u00e4hrdeten \u00f6kologischen G\u00fcter. Die Enzyklika kritisiert die zerst\u00f6rerischen Folgen des menschengemachten Klimawandels \u2013 Erderw\u00e4rmung, Wasserknappheit, Artenverlust. \u00dcberproportional davon betroffen sind die Armen und diejenigen, die ihre ausgezehrte Heimat verlassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Franziskus nennt als Ursachen ungerechte Wirtschaftsweisen, extreme Eigentums- und Machtasymmetrien sowie das \u201etechnokratische Paradigma\u201c (LS 106\u2013114) und betont die besondere Verantwortung und die \u201e\u00f6kologische Schuld\u201c (LS 51) der Wohlstandsl\u00e4nder des globalen Nordens: Ihre Wirtschaftsweise geht auf Kosten der heutigen Armen und der kommenden Generationen. Demgegen\u00fcber propagiert\u00a0Laudato si\u2019\u00a0eine Sozialwirtschaft. Sie soll sich am Leitbild nachhaltiger Entwicklung orientieren und Humanit\u00e4t und konkrete Freiheit f\u00fcr alle Menschen erm\u00f6glichen. Dazu m\u00fcssen der Primat der Politik und eine politische Steuerung der global verflochtenen wirtschaftlichen Prozesse unter der regulativen Idee des Gemeinwohls gesichert werden.<br \/>\nFranziskus denkt die institutionelle Steuerung horizontal und polyzentrisch; daf\u00fcr stehen die programmatische Metapher des Polyeders (EG 236) und die prinzipielle Vorordnung der Zeit (Prozessualit\u00e4t) \u00fcber den Raum (das Definitorische, Besitzanspruch). Konkretisiert werden diese Pr\u00e4ferenzen in dem starken Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen Multi-Stakeholder-Dialog zur Verwirklichung einer ganzheitlichen \u00d6kologie.<\/p>\n<p>Franziskus erweitert das traditionelle Gemeinwohlverst\u00e4ndnis der Katholischen Soziallehre, indem er es mit der sch\u00f6pfungstheologisch begr\u00fcndeten Leitidee der Gemeinwidmung der Erdeng\u00fcter verbindet. Schutz der Meere, Klimaschutz und Ausrottung der Armut gelten als \u201ebona communia\u201c, als \u201eglobale G\u00fcter\u201c bzw.\u00a0global commons\u00a0(vgl. LS 174\u2013175) und damit als Gegenstand globaler Gemeinwohlverantwortung. Das globale Gemeinwohl wird zu einem Suchbegriff, um den Primat des Politischen zur\u00fcckzugewinnen und Stabilit\u00e4t und langfristige Bewohnbarkeit des \u201egemeinsamen Hauses\u201c zu sichern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Anfragen an die Enzyklika<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die insgesamt sehr positive Rezeption von Laudato si\u2019 war von Beginn an auch von kritischen Anfragen begleitet: Die Klage \u00fcber eine \u201ekatholische Versp\u00e4tung\u201c in der Gewichtung der \u00d6kologiefrage kritisiert dabei weniger die Enzyklika als die Tatsache, dass die kirchliche Sozialverk\u00fcndigung so lange gez\u00f6gert hat, die sozial-\u00f6kologische Frage auszuformulieren. Manche halten den sachlichen Innovationsgehalt gegen\u00fcber s\u00e4kularen Umweltdebatten oder der Postwachstumsbewegung f\u00fcr begrenzt, w\u00e4hrend andere Stimmen bestimmte Positionierungen des Papstes als zu pessimistisch oder zu pauschal kritisieren.<\/p>\n<p>Kritik entz\u00fcndete sich auch an der f\u00fcr Franziskus typischen metaphorischen Sprache, die ber\u00fchren und verst\u00f6ren kann. Dabei ist zu bedenken, dass der prophetische Gestus seiner Sozialverk\u00fcndigung, die teils \u00fcberscharfe Krisendiagnose dazu dient, die Gegenwart als Situation der Entscheidung sichtbar zu machen und den Kairos der Ver\u00e4nderung nicht zu verpassen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich wurde (v. a. in den USA) Kritik aus Kreisen des rechten Katholizismus laut, die dem anthropogenen Klimawandel grunds\u00e4tzlich skeptisch oder ablehnend gegen\u00fcberstehen, und Papst Franziskus generell skeptisch bis ablehnend begegnen. Solche Kritik wird weder dem wissenschaftlichen Fundament noch dem ethischen Anliegen der Enzyklika gerecht. Das weltpolitische Gewicht, das einem u. a. durch die Leugnung des anthropogenen Klimawandels charakterisierten Politikstil inzwischen zukommt, unterstreicht umso mehr die Bedeutung, die der Enzyklika heute zukommt. Die sozial\u00f6kologischen Argumentations-, Motivations- und Orientierungspotentiale, \u00fcber die der christliche Glaube und religi\u00f6se Weltdeutungen insgesamt verf\u00fcgen, entschieden zu nutzen und \u00f6ffentlich geltend zu machen, ist heute dringender denn je.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Laudato si\u2019\u00a0als Referenztext einer Geosozialethik<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einige Impulse der Enzyklika f\u00fcr sozialethische Forschung und gesellschaftliche Praxis m\u00f6chte ich abschlie\u00dfend in sechs Thesen b\u00fcndeln.<\/p>\n<p>(1) Im Kontext der katholischen Sozialtradition ist Laudato si\u2019 innovativ, insofern sie die soziale Frage als globale sozial-\u00f6kologische bzw. als geosoziale Frage reformuliert. Die Enzyklika er\u00f6ffnet damit ein neues Kapitel der katholischen Soziallehre und stellt der wissenschaftlichen Sozialethik die Aufgabe, ethische Konsequenzen dieser Neudimensionierung im Gespr\u00e4ch mit Natur-, Sozial- und Kulturwissenschaften auszuarbeiten.<\/p>\n<p>(2) Die Neudimensionierung der sozialen Frage in Laudato si\u2019 beruht auf einer grundlegend ver\u00e4nderten Sicht auf den Menschen als Mitgesch\u00f6pf und Teil der Sch\u00f6pfungsfamilie, die der Erde den Status eines leidenden Gesch\u00f6pfs (zur\u00fcck-)gibt. Diese Wendung fordert die Sozialethik heraus, den Diskurs \u00fcber menschliche Verantwortung f\u00fcr das gemeinsame Haus neu mit der Frage nach dem Status aller Mitgesch\u00f6pfe zu verkn\u00fcpfen. Den Subjektcharakter der Erde, die Dignit\u00e4t aller Gesch\u00f6pfe und die Schutzanspr\u00fcche\/ Rechte der Natur gegen\u00fcber dem Menschen anzuerkennen, verlangt einen Paradigmenwechsel gegen\u00fcber der \u00fcberlieferten anthropozentrischen Sch\u00f6pfungstheologie und theologischen Anthropologie.<\/p>\n<p>Die Sozialethik muss eine auf dem Personalit\u00e4tsprinzip gr\u00fcndende Anthropologie so reformulieren, dass die inh\u00e4rente Anthropozentrik \u00fcberwunden und gleichzeitig die unaufgebbare Verantwortung f\u00fcr die Schutzanspr\u00fcche aller Gesch\u00f6pfe und der Erde als solcher gest\u00e4rkt wird.<\/p>\n<p>(3) Laudato si\u2019 nimmt ernst, dass Menschen wie alle Tiere G\u00fcter der Sch\u00f6pfung zu ihrem Unterhalt nutzen (m\u00fcssen). Innovativ verkn\u00fcpft der Text das (globale) Gemeinwohl als Zielkategorie des Politischen mit den gemeinsamen (globalen) G\u00fctern als Schutzgegenstand einer globalen \u00f6kologisch-sozialen Politik.\u00a0Die Enzyklika empfiehlt einen Denkansatz, der einen sozialwirtschaftlichen Umgang mit nat\u00fcrlichen Ressourcen auf lokaler wie globaler Ebene fokussiert. Die sozialethische Debatte um das Gemeinwohl kann neue Orientierung gewinnen, wenn sie das im Text angelegte, aber nicht im Detail ausgearbeitete Verh\u00e4ltnis von Gemeinwohl und Gemeing\u00fctern im globalen, ja planetarischen Ma\u00dfstab systematisch reflektiert \u2013 sowohl mit Blick auf globale und intergenerationelle (Verteilungs-)Gerechtigkeit als auch auf \u00f6kologisch und sozial belastbare Kriterien von Lebensqualit\u00e4t und eine Umkehr zu<br \/>\neinem nachhaltigen Lebensstil.<\/p>\n<p>(4)\u00a0Laudato si\u2019\u00a0gewinnt \u00dcberzeugungskraft durch die \u201edoppelt codierte\u201c (Ch. Bals) Aufforderung zu \u00f6kologischer Umkehr, die sowohl wissenschaftlich solide begr\u00fcndet als auch auf ein starkes spirituelles Fundament gest\u00fctzt wird.\u00a0Nicht zuletzt auf kirchlicher Lernf\u00e4higkeit und Offenheit f\u00fcr wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt, die sich in\u00a0Laudato si\u2019\u00a0zeigen, basiert die Wahrnehmung von Kirche als ernst zu nehmende Dialogpartnerin in den sozial-\u00f6kologischen Herausforderungen. Die Enzyklika bietet aber zugleich posts\u00e4kulare, vielf\u00e4ltig anschlussf\u00e4hige Identifikationsangebote mit den Themen Umwelt und Klima, die aus religi\u00f6sen und spirituellen Ressourcen sch\u00f6pfen. Darin liegt ein echter Mehrwert des religi\u00f6s begr\u00fcndeten und kontextualisierten Engagements gegen\u00fcber einer allein auf naturwissenschaftliche Argumente bauenden \u00dcberzeugungsstrategie. Beide Ans\u00e4tze treten nicht in Konkurrenz, sondern erg\u00e4nzen sich wechselseitig.<\/p>\n<p>Der sozialethisch wissenschaftliche Diskurs ist herausgefordert, sich verst\u00e4rkt auch der kulturellen und religi\u00f6sen Dimension ethischer Kommunikation und Argumentation zu stellen. Ethische Orientierung, Ermutigung und Kritik sind neben rationalen Argumenten auch auf sinnstiftende Erz\u00e4hlungen angewiesen.<\/p>\n<p>(5) Die Enzyklika betont die Rolle der Religionen als mitverantwortliche Akteure und Kooperationspartner einer \u00f6kologischen Transformation und verweist auf genuin religi\u00f6se Ressourcen zur Deutung, zur Bildung und spirituellen Erneuerung. Papst Franziskus adressiert, entsprechend der Reichweite und Dringlichkeit seiner Themen, die gesamte Welt\u00f6ffentlichkeit. St\u00e4rker als die Tradition der Sozialenzykliken akzentuiert er die weltgesellschaftliche Rolle der Religionen, ihre Potentiale als Akteure des sozial-\u00f6kologischen und kulturellen Wandels sowie den Beitrag, den sie zur Schaffung einer friedlicheren Welt zu leisten gefordert sind. Damit tritt Laudato si\u2019 verbreiteter Religionsskepsis im Allgemeinen und offenem Hass auf bestimmte Religionen im Besonderen entgegen und inspiriert das Nachdenken \u00fcber die Rolle von Kirche, Theologie, Religionen und religi\u00f6sen Akteuren in der Weltgesellschaft. Die Sozialethik ist herausgefordert, st\u00e4rker als bisher die konfessionellen und religionsspezifischen Diskurse in Richtung auf eine interreligi\u00f6se Verst\u00e4ndigung hin<br \/>\nzu \u00f6ffnen und weiterzuentwickeln.<\/p>\n<p>(6) Kirche als Change Agent einer globalen sozial-\u00f6kologischen Transformation.\u00a0Die pr\u00e4zise im globalen umweltpolitischen Prozess platzierte Ver\u00f6ffentlichung und Rezeption von\u00a0Laudato si\u2019\u00a0zeigen, dass Kirche tats\u00e4chlich als Akteur gesellschaftlicher Transformation wirken kann. Dabei geht es nicht nur um kurzfristig wirkende Impulse, sondern darum, langfristig zum kulturellen Wandel, zu einer epochalen Transformation beizutragen.<\/p>\n<p>Als Akteur der Ver\u00e4nderung wirken zu k\u00f6nnen, ist an Bedingungen im Inneren wie in der Au\u00dfenwahrnehmung gekn\u00fcpft, die immer wieder neu hergestellt werden m\u00fcssen. Neben ideellen und materiellen Ressourcen sowie Gelegenheitsstrukturen geh\u00f6rt dazu Glaubw\u00fcrdigkeit in Bezug auf das konkrete<br \/>\nAnliegen wie auch institutionelle Glaubw\u00fcrdigkeit. Darin liegen f\u00fcr die katholische Kirche Herausforderungen, die \u00fcber die sozial-\u00f6kologische Reformulierung der sozialen Frage hinausreichen.<\/p>\n<p>Die Sozialethik steht daher in der Verantwortung, einerseits den kirchlichen Beitrag zur sozial-\u00f6kologischen Transformation mit der Fortentwicklung einer Geosozialethik zu unterst\u00fctzen, andererseits die (ungeliebte und unbequeme) Aufgabe anzunehmen, das institutionelle Gef\u00fcge der Kirche kritisch zu begleiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Thema, das mir f\u00fcr meinen Beitrag vorgegeben wurde, verstehe ich als Auftrag, die Enzyklika Laudato si\u2019 einer sozialethischen Relecture zu unterziehen. \u00dcber eine historische W\u00fcrdigung hinaus geht es darum, die ethische Aussage- und Orientierungskraft dieses herausragenden Dokuments der p\u00e4pstlichen Sozialverk\u00fcndigung in der gegenw\u00e4rtigen Weltlage zu pr\u00fcfen und nach seinem unerledigten sozialethischen Provokationspotential zu fragen.&hellip;<\/p>","protected":false},"author":5,"featured_media":127439,"menu_order":18,"template":"","meta":{"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"class_list":["post-127319","media-library","type-media-library","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","focus-area-klimawandel"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.0 - 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