{"id":127325,"date":"2026-07-08T15:47:27","date_gmt":"2026-07-08T13:47:27","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=127325"},"modified":"2026-07-09T11:52:19","modified_gmt":"2026-07-09T09:52:19","slug":"chancen-und-widerstaende-der-oekosozialen-impulse-von-papst-franziskus-aus-vatikanischer-sicht","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/chancen-und-widerstaende-der-oekosozialen-impulse-von-papst-franziskus-aus-vatikanischer-sicht\/","title":{"rendered":"Chancen und Widerst\u00e4nde der \u00f6kosozialen Impulse von Papst Franziskus"},"content":{"rendered":"<p>Die katholische Kirche ist ein Global Player. Der Papst wird wahrgenommen \u2013 weit \u00fcber die Gemeinschaft von 1,4 Milliarden Katholiken hinaus. Ob und wie sich der Bischof von Rom Geh\u00f6r verschafft, das ist die Frage. Die Rezeption des ersten Interviews von Leo XIV. mit dem US-amerikanischen Portal \u201eCrux\u201c im September 2025 etwa wurde weitgehend auf innerkirchliche Reizthemen reduziert. Manche meinten, dem neuen Papst eine \u201eSchonfrist\u201c von 100 Tagen einr\u00e4umen zu sollen, um dann aber, nach diesem Interview mit Elise Ann Allen, das zwei mehrst\u00fcndige Gespr\u00e4che wiedergab und die Grundlage f\u00fcr eine in Peru erschienene Biographie bildete, \u201edas Ende der Wohlf\u00fchlphase des L\u00e4chelns und pontifikaler Unverbindlichkeiten\u201c gekommen zu sehen. Es erging Leo XIV. wie seinerzeit Franziskus: Er wurde zur gigantischen Projektionsfl\u00e4che. Der erste US-amerikanische Papst (mit peruanischer Staatsb\u00fcrgerschaft) steht in vielen Punkten in thematischer Kontinuit\u00e4t zu Franziskus, wenn auch mit einem anderen Stil.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Laudato si\u2019\u00a0als bleibendes Programm<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein\u00a0auf Dauer ausgerichtetes Erbe zeigte sich rasch: in Bezug auf\u00a0Laudato si\u2019. In Castel Gandolfo, inmitten der idyllischen H\u00fcgellandschaft der Albaner Berge s\u00fcd\u00f6stlich von Rom, fand vom 1. bis 3. Oktober 2025 eine internationale Tagung statt:\u00a0Raising Hope for Climate Justice\u00a0\u2013 im \u00d6ko-Zentrum\u00a0Borgo Laudato si\u2019, das Franziskus als soziales Lehr- und Versuchsprojekt gegr\u00fcndet hatte \u2013 eine beeindruckende Anlage inmitten der pr\u00e4chtigen Gartenlandschaft der jetzt reaktivierten Sommerresidenz des Papstes. Leo hatte es am 5. September 2025 im Rahmen einer \u201eFeier der Hoffnung\u201c eingeweiht und er\u00f6ffnet. Das Dorf (Borgo) ist direkt dem Papst unterstellt und nicht dem Dikasterium f\u00fcr ganzheitliche Entwicklung des Menschen. Dem Papst unterstellt bedeutet: Kardinal Fabio Baggio (*1965) f\u00fchrt die Gesch\u00e4fte. Der italienische Ordensmann von der Kongregation der Missionare vom Heiligen Karl Borrom\u00e4us ist seit April 2022 Untersekret\u00e4r in dem neugeschaffenen Dikasterium, seit Februar 2023 auch Generaldirektor f\u00fcr h\u00f6here Bildung (Direttore Generale del Centro di Alta Formazione Laudato si\u2019). Er war in Chile t\u00e4tig, er war Direktor des Zentrums f\u00fcr Migration im Erzbistum Buenos Aires, er leitete das\u00a0Scalabrini Migration Centre\u00a0in Quezon City (Philippinen), danach das\u00a0Scalabrini International Migration Institute\u00a0(SIMI) in Rom. Seit Januar 2017 im Vatikan als Untersekret\u00e4r mit Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr Migranten und Fl\u00fcchtlinge t\u00e4tig. Seit Dezember 2024 ist Baggio auch Kardinal.<\/p>\n<p>Das Timing war perfekt: Die internationale, von \u00fcber 400 Teilnehmern beschickte Tagung fand wenige Wochen vor der UN-Klimakonferenz COP30 (10. bis 21. November 2025) im brasilianischen Bel\u00e9m statt. Die Er\u00f6ffnungszeremonie zeigt beeindruckende Szenen, nicht nur, weil auch Andrea Bocelli und sein Sohn Matteo auftraten. Es ging dabei nicht nur um \u201esch\u00f6ne Bilder\u201c. Leo nahm in seiner Ansprache Bezug auf seinen Vorg\u00e4nger: \u201eDer Borgo Laudato si\u2019 ist ein Samenkorn der Hoffnung, den Papst Franziskus uns als Erbe hinterlassen hat, ein ,Samenkorn, das Fr\u00fcchte der Gerechtigkeit und des Friedens bringen kann\u2018 (Botschaft zum 10. Weltgebetstag f\u00fcr die Bewahrung der Sch\u00f6pfung). Und der Borgo Laudato si\u2019 wird dies verwirklichen, indem er seinem Auftrag treu bleibt: ein greifbares Modell des Denkens, der Organisation und des Handelns zu sein, das in der Lage ist, durch Bildung und Katechese die \u00f6kologische Umkehr zu f\u00f6rdern.\u201c Vor Beginn der Tagung empfing Papst Leo Hollywoodstar Arnold Schwarzenegger, den Ex-Gouverneur von Kalifornien und Klimaaktivisten.<\/p>\n<p>Franziskus hatte den\u00a0Borgo, wie so vieles, auf den Weg gebracht: \u201eein greifbares Modell des Denkens, der Organisation und des Handelns\u201c, so Leo IV., \u201edas in der Lage ist, durch Bildung und Katechese die \u00f6kologische Umkehr zu f\u00f6rdern\u201c. Das war eine Ansage. \u00c4hnlich wie die schon am 8. Mai auf der Benediktionsloggia get\u00e4tigte Aussage \u201eWir wollen eine synodale Kirche sein\u201c, mit der Leo XIV. ein anderes Programmwort von Franziskus aufgenommen hatte. Bis zu 2000 Lernende pro Jahr will das Projekt nach der vollst\u00e4ndigen Aufnahme der Lehrt\u00e4tigkeiten ausbilden. Weitere Fl\u00e4chen dienen der Landwirtschaft und der Tierhaltung. Auf dem p\u00e4pstlichen Bauernhof werden Lebensmittel produziert, die bislang exklusiv dem p\u00e4pstlichen Haushalt vorbehalten waren. Jetzt kann sie jeder beziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Wirkung und Kontroversen der Enzyklika<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Papst Franziskus hat au\u00dferhalb der Kirche oft mehr Geh\u00f6r und Zustimmung erhalten als innerhalb der Kirche. Das gilt auch f\u00fcr die Enzyklika\u00a0Laudato si\u2019, die mehr ist als eine \u201e\u00d6ko-\u201c oder \u201egr\u00fcne Enzyklika\u201c. Sie geh\u00f6rt sie zu den Meilensteinen seines Pontifikates. Zu lesen ist\u00a0Laudato si\u2019\u00a0zusammen mit\u00a0Laudate Deum, dem Update vom Oktober 2023, und mit\u00a0Fratelli tutti, der dritten Enzyklika vom Oktober 2020; au\u00dferdem mit dem, was innerkirchliche Themen angeht, gro\u00dfe Entt\u00e4uschungen ausl\u00f6senden Nachsynodalen Schreiben\u00a0Querida Amazonia\u00a0vom Februar 2020.<\/p>\n<p>Aus \u201eFranz freundlich\u201c wurde mit diesen Dokumenten \u201eFranz kontrovers\u201c. Der brasilianische Au\u00dfenminister nannte die durch die Enzyklika ausgel\u00f6ste Klimadebatte eine \u201emarxistische Ideologie\u201c. F\u00fcr Kardinal Walter Kasper wiederum ist die Enzyklika \u201eeine prophetische und vision\u00e4re Enzyklika\u201c, nicht nur, weil darin auch Pierre Teilhard de Chardin zitiert wird. Der emeritierte austrobrasilianische Bischof vom Xingu, Erwin Kr\u00e4utler, nannte\u00a0Laudato si\u2019\u00a0einen \u201eSegen f\u00fcr Amazonien\u201c, sie sei \u201eein politischer Sieg sondergleichen\u201c. Marco Politi wies auf \u201eLaudato-si\u2019-Gemeinschaften\u201c in etlichen L\u00e4ndern hin.<\/p>\n<p>Ganz grunds\u00e4tzlich gefragt wurde 2015: Was hat ein Papst zu tun mit Klimawandel und Feuchtgebieten, mit Schadstoffen und D\u00fcngemitteln, Insektiziden, Fungiziden, Herbiziden und Agrargiften, mit M\u00fclldeponien und Fleischfressern, Solarzyklus und Treibhausgasen, der Abholzung von Regenw\u00e4ldern, dem Schmelzen des Polareises und dem Verschwinden der tropischen Urw\u00e4lder, mit Migranten und Kindersterblichkeit, mit sauberem Trinkwasser und S\u00fc\u00dfwasserquellen, mit dem Verschwinden von Pflanzen- und Tierarten, mit dem Aussterben von S\u00e4ugetieren und V\u00f6geln, mit Umweltvertr\u00e4glichkeit und der Schaffung von biologischen Korridoren, mit dem \u00d6kosystem tropischer Urw\u00e4lder wie dem Amazonasgebiet und dem Kongobecken, mit Monokulturen, der unkontrollierten Ausbeutung des Fischbestands in Ozeanen, mit Korallenb\u00e4nken, mit Zyanid und Dynamit als Fischfangmethoden, mit dem Anstieg des Meeresspiegels, mit der Quecksilber in Goldminen und der Vergiftung mit Schwefeldioxid im Bergbau zur Kupfergewinnung, mit erneuerbaren Energien? Alle diese Begriffe und Themen tauchen in der Enzyklika auf: immenses Detailwissen, das sich der Bischof von Rom angeeignet hat, indem er sich schlau machte<br \/>\nund beraten lie\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Klima, Gerechtigkeit und Soziallehre<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Franziskus ging es nie nur um \u201edie frommen Seelen\u201c, sondern um die Bedingungen des Lebens der frommen Seelen. So kamen die Umwelt und die Mitwelt ins Spiel, Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit: Kirche, die sich nicht auf Liturgie beschr\u00e4nkt oder in theologischen Sonderwelten verbarrikadiert, achtet auf den Planeten, den die Christen als Sch\u00f6pfung Gottes ansehen. Von \u201eweltweiter \u00f6kologischer Umkehr\u201c sprach bereits Johannes Paul II. (vgl. LS 5). Franziskus rekurrierte auf Franz von Assisi und dessen \u201eganzheitliche \u00d6kologie\u201c (LS 11): \u201eWir brauchen eine neue universale Solidarit\u00e4t\u201c (LS 14).<\/p>\n<p>Laudato si\u2019\u00a0f\u00fcgt sich ein in die Reihe bemerkenswerter Sozialenzykliken der Kirche. Aus theologischer Sicht ist es durchaus erstaunlich, dass sich Franziskus an eine derart komplexe Materie wagte. Wer sich f\u00fcr \u201eeine arme Kirche f\u00fcr die Armen\u201c ausspricht, kann an Klimafragen nicht vorbeigehen: Weil der Klimawandel die Armen am h\u00e4rtesten und am ungesch\u00fctztesten trifft. Franziskus scheute sich nicht, \u00e4hnlich wie in dem Schreiben\u00a0Evangelii gaudium\u00a0von 2013 (\u201eDiese Wirtschaft t\u00f6tet\u201c: EG 53) zu betonen: Ohne den Schutz globaler Gemeinschaftsg\u00fcter wie der Atmosph\u00e4re, der W\u00e4lder, des globalen Wasserkreislaufs und der Ozeane wird es keine gerechte Weltwirtschaftsordnung geben. Leo XIV. hat sich mit seiner Apostolischen Exhortation\u00a0Dilexi te\u00a0\u00fcber die Liebe zu den Armen (September 2025) die Kapitalismuskritik von Franziskus nicht nur \u00fcbernommen, sondern sogar versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Der Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung im Juni 2015 war ein politisches Signal \u2013 nach dem G7-Gipfel auf Schloss Elmau Anfang Juni mit dem Beschluss zur Dekarbonisierung der Weltwirtschaft und vor der Verabschiedung der sogenannten\u00a0Sustainable Development Goals\u00a0(SDGs) im September 2015 in New York sowie der UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember 2015. \u201eDamit\u201c, so J\u00fcrgen Erbacher, \u201ewird der Papst zu einem bewusst handelnden politischen Akteur auf Weltebene.\u201c<\/p>\n<p>Wie schon Johannes XXIII. richtete Franziskus seine Enzyklika als Einladung zum Dialog an \u201ejeden Menschen (\u2026), der auf diesem Planeten wohnt\u201c (LS 3), also nicht nur an Katholiken. Wo es um die Zukunft des Planeten Erde geht, k\u00f6nnen Katholiken nicht die alleinigen Adressaten sein. Auch daran ist zu erinnern: Es gab Gr\u00fcnde, die gegen eine solche Enzyklika sprachen. Mit einer klaren Positionierung in der Frage der Verursacher des Klimawandels k\u00f6nnte der Vatikan seine moralische Autorit\u00e4t besch\u00e4digen. Zweitens bef\u00fcrchtete er, dass das Thema Bev\u00f6lkerungspolitik erneut virulent werden k\u00f6nnte. Wenn die Verbrennung von Kohle, \u00d6l und Gas sowie die Abholzung der W\u00e4lder den Anstieg der globalen Mitteltemperatur verursacht, dann l\u00e4sst sich nicht von der Hand weisen, dass neben dem Wirtschafts- auch das Bev\u00f6lkerungswachstum ein Treiber des Klimawandels ist.<\/p>\n<p>Wie kein Pontifex zuvor stellte Franziskus das derzeitige globale Wirtschaftssystem in Frage. F\u00fcr ihn ersch\u00fctterten der Klimawandel, die globale Armut und Ungleichheit die Fundamente des gemeinsamen Hauses. Deswegen prangerte er die Leugnung des Klimawandels in ungewohnter Sch\u00e4rfe als Ausdruck verschleierter Machtinteressen an: Offenkundig werde nicht um die wissenschaftliche Wahrheit gerungen, sondern es gehe um das Durchsetzen von Partikularinteressen gegen das Gemeinwohl (vgl. LS 54, 135, 188).<\/p>\n<p>Laudato si\u2019 betonte vor allem die Klimafolgen f\u00fcr die Armen. Sie sind als erste und am h\u00e4rtesten vom Klimawandel getroffen, etwa weil sie besonders stark von der Landwirtschaft und anderen \u00d6kosystemdienstleistungen (z. B. Fischerei) abh\u00e4ngig sind und sich gegen zunehmende Extremwettereignisse und Wasserknappheit am schlechtesten sch\u00fctzen k\u00f6nnen (vgl. LS 25). Auch der mangelnde Zugang der \u00c4rmsten zu sauberem Trinkwasser, der Verlust der Biodiversit\u00e4t und die Luftverschmutzung mit ihren nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit bereiteten dem Papst Sorge: Die Gefahren durch globale Umweltver\u00e4nderungen und Ressourcenverbrauch k\u00f6nnten in der Zukunft zu Migrationsbewegungen oder gar zu Kriegen f\u00fchren (vgl. LS 57)<\/p>\n<p>Dabei sah Franziskus nicht das Bev\u00f6lkerungswachstum als Ursache. Nicht die Zahl der Menschen, sondern die ungleiche Nutzung der vorhandenen nat\u00fcrlichen Ressourcen sei das Problem. Die reichen L\u00e4nder konsumieren zu viel, ohne mit den \u00c4rmsten zu teilen. Vielleicht der wichtigste Punkt: Der Papst erkl\u00e4rte das Klima und die Atmosph\u00e4re zu einem Gemeinschaftsgut \u201evon allen f\u00fcr alle\u201c (LS 23). Auch die Ozeane und andere Naturg\u00fcter m\u00fcssten als \u201eGlobal Commons\u201c betrachtet und durch eine entsprechende Ordnungs- und Strukturpolitik gesch\u00fctzt werden (vgl. LS 174). Damit wurde zum ersten Mal in der Geschichte der kirchlichen Soziallehre das Prinzip der universalen Widmung der Erdeng\u00fcter auch auf die globalen Kohlendioxid-Senken, Atmosph\u00e4re, Ozeane und W\u00e4lder angewandt. Um die \u00c4rmsten zu sch\u00fctzen und gef\u00e4hrlichen Klimawandel zu vermeiden, m\u00fcssen diese Senken vor einer \u00dcbernutzung und daraus folgendem gef\u00e4hrlichem Klimawandel bewahrt werden.<\/p>\n<p>Johannes Wallacher und Esther J\u00fcnger haben diese Leistung so auf den Punkt gebracht: Franziskus nahm damit \u201eeine umfassende sozialethische Aktualisierung der ,Option f\u00fcr die Armen\u2018 angesichts der \u00f6kologischen Krise vor\u201c. Die Metapher vom \u201egemeinsamen Haus\u201c und die Formulierung, dass das Klima \u201eein gemeinschaftliches Gut von allen und f\u00fcr alle\u201c (LS 23) sei, haben dabei geholfen. Ottmar Edenhofer und Cecilia Kilimann wiederum hoben in ihrer W\u00fcrdigung darauf ab, was die Sicht des Klimas als gemeinsames Gut in Bezug auf die Pariser Klimaziele bedeutet: \u201eLaudato si\u2019\u00a0legitimiert einen solchen Eingri\ufb00 in die staatlichen und privaten Eigentumsrechte (LS 23, bes. 93-95), wenn das Gemeinwohl dies erfordert. Denn in der Tradition der Katholischen Soziallehre stellt die Enzyklika die ,allgemeine Bestimmung der Erdeng\u00fcter\u2018 \u00fcber das Recht auf Privateigentum (vgl. LS 93). Damit wird die gegenw\u00e4rtige Nutzung der Atmosph\u00e4re nach dem Recht des St\u00e4rkeren delegitimiert. Allerdings beantwortet die Enzyklika nicht, wie der verbleibende Deponieraum auf die Erdenb\u00fcrger aufgeteilt werden soll.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Perspektiven f\u00fcr die globale Klimapolitik<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kann eine Klimapolitik gerechtfertigt werden, die in die Eigentumsrechte der Besitzer von Kohle, \u00d6l und Gas eingreift? Mit ihrer klaren Positionierung erwies sich\u00a0Laudato si\u2019\u00a0als Fortschreibung der katholischen Eigentumslehre seit\u00a0Rerum Novarum\u00a0(1891). Franziskus hatte gegen starke internationale Lobbys den Mut, den Status der Atmosph\u00e4re als Globales Gemeinschaftsgut in das kollektive Bewusstsein der Menschheit zu heben. Die Frage der institutionellen Ausgestaltung der Beschr\u00e4nkung des Zugangs zur Atmosph\u00e4re und damit des Schutzes der \u00c4rmsten vor dem Klimawandel lie\u00df er offen.<\/p>\n<p>Die Wurzeln der \u00f6kologischen Krise liegen aus Sicht von Franziskus in der Ambivalenz der Moderne, wobei er in Kapitel III immer wieder auf Romano Guardinis Denken in dessen Buch\u00a0Das Ende der Neuzeit\u00a0von 1965 Bezug nahm. Weltweit haben Wissenschaftler, die sich selbst als Atheisten oder Agnostiker bezeichnen, politisch Konservative, die der Klimapolitik skeptisch gegen\u00fcberstehen, und Aktivisten, die die Kirche l\u00e4ngst abgeschrieben haben, \u00fcber diese Enzyklika geredet, deren Unteritel nicht ohne Grund\u00a0\u00dcber die\u00a0Sorge f\u00fcr das gemeinsame Haus\u00a0lautet.<\/p>\n<p>Franziskus wollte nicht dekretieren, sondern motivieren. Das ist ihm mit\u00a0Laudato si\u2019\u00a0gelungen. Edenhofer und Kaufmann schlagen in ihrem Artikel eine Br\u00fccke zum neuen Papst: \u201ePapst Leo XIV. hat anl\u00e4sslich des zehnj\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums von\u00a0Laudato si\u2019\u00a0dazu aufgerufen, die Entschuldung der \u00e4rmsten Staaten mit dem Abbau der \u00f6kologischen Schulden der Industriel\u00e4nder zu verbinden. Eine Klima-Koalition mit\u00a0Jurisdictional Reward Funds\u00a0w\u00fcrde dieser Forderung Rechnung tragen, denn dieses Modell bietet einerseits die M\u00f6glichkeit, dass Industriel\u00e4nder die \u00f6kologische Schuld des historischen Emissionsaussto\u00dfes durch CO2-Entnahme-Technologien abbauen. Andererseits generiert ein solcher Mechanismus Einnahmen, die zumindest dazu beitragen, die strukturellen Finanzierungsengp\u00e4sse der Entwicklungsl\u00e4nder zu \u00fcberbr\u00fccken.\u201c<\/p>\n<p>Papst Leo XIV. k\u00f6nnte \u2013\u00a0Laudato si\u2019\u00a0weiterf\u00fchrend \u2013 diese Themen auf die internationale Agenda setzen und damit den festgefahrenen internationalen Klimaverhandlungen einen gangbaren Ausweg zeigen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die katholische Kirche ist ein Global Player. Der Papst wird wahrgenommen \u2013 weit \u00fcber die Gemeinschaft von 1,4 Milliarden Katholiken hinaus. Ob und wie sich der Bischof von Rom Geh\u00f6r verschafft, das ist die Frage. 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