{"id":127349,"date":"2026-07-08T16:15:30","date_gmt":"2026-07-08T14:15:30","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=127349"},"modified":"2026-07-09T11:56:57","modified_gmt":"2026-07-09T09:56:57","slug":"wer-ist-dieser-mk-441-eine-einfuehrung-in-das-markusevangelium","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/wer-ist-dieser-mk-441-eine-einfuehrung-in-das-markusevangelium\/","title":{"rendered":"\u201eWer ist dieser?\u201c (Mk 4,41)"},"content":{"rendered":"<p>Das Markusevangelium nimmt seine Adressaten mit auf die Wanderung Jesu durch Galil\u00e4a und macht sie zu Zeugen seines Leidens und Sterbens. Dabei stehen seine Erz\u00e4hlfiguren und auch seine christlichen H\u00f6rer und Leser immer wieder vor der Frage, wer dieser Jesus eigentlich ist (Mk 4,41; 8,29). Der vorliegende Beitrag befasst sich zum einen mit den Einleitungsproblemen des Markusevangeliums und zeigt zum anderen, wie es dem \u00e4ltesten Evangelisten gelang, anhand seines eindr\u00fccklichen Umgangs mit dieser Frage den Weg Jesu ans Kreuz als Grundlage des christlichen Glaubens in tr\u00f6stender Weise zu veranschaulichen und ihm zugleich eine kunstvolle literarische Gestalt zu verleihen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>\u00c4lteste Evangelienschrift und literarische Innovation<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der zunehmende zeitliche Abstand des fr\u00fchen Christentums zum irdischen Jesus aus Nazareth war mit dem allm\u00e4hlichen Wegsterben der Zeugengeneration verbunden. Zugleich entstand in den Jahrzehnten seit Ostern die Notwendigkeit, das eigene Zusammenleben in der Nachfolge des Gekreuzigten und in der bestehenden Hoffnung auf die endg\u00fcltige Aufrichtung des Reiches Gottes trotz \u00e4u\u00dferer Anfeindungen, Ausgrenzungen, Verleumdungen, Einsch\u00fcchterungen und Benachteiligungen dauerhaft zu fundieren und in stetiger Dienst- und Leidensbereitschaft zu organisieren. Beide Entwicklungen machten es ab den sechziger Jahren des ersten Jahrhunderts notwendig, die verstreuten Erinnerungen an Jesu Wirken und Verk\u00fcndigung zu sammeln, zu ordnen und entsprechend den gottesdienstlichen, missionarischen und katechetischen Bed\u00fcrfnissen der christlichen Gemeinden schriftlich zu fixieren.<\/p>\n<p>Das Markusevangelium gilt als der \u00e4lteste solcher zusammenh\u00e4ngender Erz\u00e4hltexte, in denen sich historiographisch-biographische \u00dcberlieferungen mit der Verk\u00fcndigung der exklusiven Heilsbedeutung Jesu Christi verbinden. Es ist zugleich die Schrift, welche die Gattung \u201eEvangelium\u201c \u00fcberhaupt erst begr\u00fcndete. Hatte der Apostel Paulus den Begriff \u201eEvangelium\u201c, der sich am besten mit \u201efrohe Botschaft\u201c \u00fcbersetzen l\u00e4sst, vor allem als Glaubensformel f\u00fcr die Heilsbedeutung von Jesu Tod und Auferweckung verwendet (z. B. R\u00f6m 1,1; 1 Kor 9,14; 15,1), so verwendete ihn Markus knapp zwei Jahrzehnte nach Paulus zur Benennung seiner literarischen Darstellung der Geschichte, der Verk\u00fcndigung und des Geschicks Jesu aus Nazareth als endzeitliches Geschehen bzw. als ereignishaftes Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft. Damit gebrauchte er den Terminus atypisch und schuf etwas v\u00f6llig Neues. F\u00fcr ihn waren nicht nur Kreuzigung und Auferweckung Jesu heilsbedeutsam, sondern auch sein gesamtes irdisches Leben, seine Worte und Taten sowie deren Weiterverk\u00fcndigung. Der Evangelist Markus war davon \u00fcberzeugt, dass der gekreuzigte Jesus aus Nazareth von Anfang an seinen Weg als in besonderer Weise erw\u00e4hlter Gottessohn ging (Mk 1,11; 3,11; 9,7; vgl. 2 Sam 7,14; Ps 2,7). Die anderen Evangelisten, Lukas, Matth\u00e4us und auch Johannes, sind ihm in diesem Verst\u00e4ndnis gefolgt.<\/p>\n<p>Was wissen wir \u00fcber den Verfasser des \u00e4ltesten Evangeliums? Um 130 n. Chr. verteidigte der Bischof Papias von Hierapolis das Markusevangelium gegen Angriffe auf seine Authentie und Zuverl\u00e4ssigkeit (Eusebius, Kirchengeschichte III 39,15): \u201eAuch dies lehrte der Presbyter: Markus hat die Worte und Taten des Herrn, an die er sich als Dolmetscher des Petrus erinnerte, genau, allerdings nicht der Reihe nach, aufgeschrieben. Denn er hat den Herrn nicht geh\u00f6rt und begleitet, wohl aber folgte er sp\u00e4ter, wie gesagt, dem Petrus, welcher seine Lehrvortr\u00e4ge nach den Bed\u00fcrfnissen einrichtete, nicht so, dass er eine zusammenh\u00e4ngende Darstellung der Reden des Herrn gegeben h\u00e4tte.\u201c Nun zeigt das Markusevangelium aber weder ein besonderes Interesse an der Gestalt des Petrus noch enth\u00e4lt es eine erkennbar \u201epetrinische\u201c judenchristliche Theologie. Die Schrift sollte wohl durch Papias\u2019 Berufung auf Simon Petrus (vgl. 1 Petr 5,13) indirekt einer apostolischen Autorit\u00e4t unterstellt werden.<\/p>\n<p>Das Markusevangelium wurde urspr\u00fcnglich wohl anonym \u00fcberliefert. Sein Verfasser ist also unbekannt. Wahrscheinlich war dies von ihm auch so gewollt. Die \u00dcberschrift \u201eEvangelium nach Markus\u201c setzt bereits die Existenz mehrerer Evangelien voraus und ist deshalb sicher sekund\u00e4r. Sie ergibt erst Sinn als ein Unterscheidungsmerkmal. Dass der \u00e4lteste Evangelist tats\u00e4chlich den antiken Allerweltsnamen \u201eMarkus\u201c trug, scheint hingegen bereits in der fr\u00fchesten Tradition verankert zu sein. Andernfalls w\u00e4re das Evangelium einem \u201eprominenten\u201c J\u00fcnger oder einem Apostel aus dem Kreis der vor\u00f6sterlichen Jesusbewegung zugeschrieben worden.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der Abfassungszeit des Markusevangeliums kann zun\u00e4chst grob festgehalten werden, dass es Lukas und Matth\u00e4us bereits vorlag und sein Verfasser kein Augenzeuge war. Auch scheint die Losl\u00f6sung des Christentums vom Judentum (Mk 7,1\u201323) und seine \u00d6ffnung f\u00fcr die gesamte V\u00f6lkerwelt (Mk 14,9) kein sichtliches Problem mehr gewesen zu sein. Gemeinhin wird heute angenommen, dass das Werk um 70 n. Chr. zu datieren ist. Unsicher bleibt, ob der Evangelist auf die im Sp\u00e4tsommer dieses Jahres geschehene Einnahme Jerusalems und die Zerst\u00f6rung des Tempels durch die R\u00f6mer bereits zur\u00fcckblickte oder ob die Rebellion gegen das r\u00f6mische Imperium noch andauerte. W\u00e4hrend Bef\u00fcrworter einer Sp\u00e4tdatierung davon ausgehen, dass die prophetische Ank\u00fcndigung der Tempelzerst\u00f6rung durch Jesus in Mk 13,2 der nachtr\u00e4glichen heilsgeschichtlichen Deutung der geschehenen Katastrophe diente, betonen Vertreter einer Datierung des Evangeliums bereits vor 70 n. Chr., dass seinem Verfasser die Aussichtslosigkeit des Aufstands bereits w\u00e4hrend seiner Endphase sicher bewusst war. Vor diesem Hintergrund und mittels R\u00fcckgriff auf das verbreitete biblische Motiv der prophetischen Ank\u00fcndigung des Verlusts des Jerusalemer Heiligtums (vgl. Jer 7,14; 26,6; Mi 3,12; Ps 74,7) habe der Evangelist versucht, entfesselte apokalyptische Naherwartungen unter seinen durch das Kriegsgeschehen bedr\u00e4ngten und von den R\u00f6mern als vermeintliche Aufr\u00fchrer verfolgten Adressaten, die sich bereits am Rande des Weltuntergangs w\u00e4hnten, zu d\u00e4mpfen (vgl. Mk 13,32).<\/p>\n<p>Auch im Hinblick auf den Abfassungsort besteht in der Forschung keine Einigkeit. Die einen verweisen auf das l\u00e4ndlich-kleinb\u00e4uerliche Erz\u00e4hlkolorit des Markusevangeliums und die Aram\u00e4ischkenntnisse seines Verfassers (z. B. Mk 5,41; 7,11.34; 15,34) und lokalisieren es in Syrien-Pal\u00e4stina. Die anderen folgen dem Zeugnis des Kirchenschriftstellers Clemens von Alexandria (ca. 150\u2013215), der f\u00fcr seine Abfassung in Rom votierte. Gegen die erstgenannte Auffassung l\u00e4sst sich ins Feld f\u00fchren, dass Markus immer wieder Fehler hinsichtlich der Wegstrecken in Jud\u00e4a und Galil\u00e4a sowie hinsichtlich j\u00fcdischer Riten und Gebr\u00e4uche unterlaufen (Mk 7,3.31). Gegen letztere Auffassung spricht, dass diese Riten und Gebr\u00e4uche den Lesern \u00fcberhaupt erkl\u00e4rt werden mussten und dass s\u00e4mtliche lateinischen Lehnw\u00f6rter (z. B. Mk 5,9 [legio]; 12,14 [census]; 15,16 [praetorium]; 15,39 [centurio]) dem Milit\u00e4rbereich entstammen bzw. nicht die Verh\u00e4ltnisse in der Hauptstadt, sondern diejenigen in der r\u00f6mischen Provinz widerspiegeln. Spricht man sich weder f\u00fcr Rom noch f\u00fcr Jud\u00e4a oder Galil\u00e4a aus, erscheint der \u00f6stlich des Jordan gelegene s\u00fcdsyrische Raum, in dem sich nach der Tempelzerst\u00f6rung zahlreiche Fl\u00fcchtlinge aus dem Mutterland niederlie\u00dfen, als Ort der Abfassung des Markusevangeliums am wahrscheinlichsten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Jesus aus Nazareth als Gottessohn und Menschensohn<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Markusevangelium war zum Vorlesen in der Versammlung der christlichen Gemeinde gedacht. Seine Sprache ist die griechische Koine, die dominante Alltags- und Verkehrssprache im \u00f6stlichen Mittelmeerraum. Der Schreibstil des Evangelisten ist erkennbar um Einfachheit bem\u00fcht. Haupts\u00e4tze reihen sich aneinander. Der Wortschatz ist schlicht und ohne viele Variationen. Beschreibende Adjektive werden sparsam verwendet. Dieser Stil ist nicht etwa ein Zeichen, dass Markus kein \u201eliterarisches\u201c Griechisch beherrschte, sondern entspricht seinem Bem\u00fchen um eine optimal verst\u00e4ndliche, eing\u00e4ngige und memorierbare Erz\u00e4hlweise. Markant ist auch die geh\u00e4ufte Verwendung des erz\u00e4hlenden Pr\u00e4sens (ca. 150 mal). Markus wollte hierdurch wohl jede Distanzierung des H\u00f6rers verhindern.<\/p>\n<p>Bereits der Anfang des Evangeliums hat es in sich. Gleich zu Beginn lesen wir in Mk 1,1: \u201eAnfang des Evangeliums von Jesus Christus\u201c. Zum einen kann sich diese Wortverbindung im Griechischen entweder auf die Botschaft Jesu vom anbrechenden Gottesreich oder auf Jesus selbst als Hauptperson der von Markus erz\u00e4hlten Geschichte beziehen. Vermutlich hat der Evangelist die Doppeldeutigkeit so gewollt. Zum anderen entspricht die griechische Bezeichnung \u201eChristus\u201c dem hebr\u00e4ischen Hoheitstitel \u201eMessias\u201c. Als ein solcher Messias (\u201eGesalbter [Gottes]\u201c) wurde im antiken Judentum ein m\u00e4chtiger Kriegerk\u00f6nig aus dem Haus Davids erwartet, der alle inneren und \u00e4u\u00dferen Feinde des wahren Gottesvolkes Israel besiegen und Gott den Weg bereiten werde. Der H\u00f6rer bekommt also gleich im ersten Vers ein Vorwissen, das sich f\u00fcr die Erz\u00e4hlfiguren des Evangeliums erst nach und nach entwickelt. Ob dieses Vorwissen wirklich ersch\u00f6pfend ist, l\u00e4sst Markus an dieser Stelle allerdings noch offen.<\/p>\n<p>Bevor nun die Taufe Jesu aus Nazareth in den Blick kommt, die seine un\u00fcberbietbare Gottesn\u00e4he zum Ausdruck bringt (Mk 1,11), unterstreicht der Erz\u00e4hler in Mk\u00a01,2f. mittels dreier deutlich markierter Schriftzitate (Mal 3,1; Ex 23,20; Jes 40,3) und mittels der Gestalt des Propheten Johannes als T\u00e4ufer und Vorl\u00e4ufer (Mk 1,4\u20138) die besondere Bedeutung des Geschehens als H\u00f6hepunkt des bisherigen Heils und Ausgangspunkt des kommenden Heils. Anders als bei Lukas und Matth\u00e4us findet sich bei Markus weder eine Kindheitsgeschichte Jesu noch wird von seiner Herkunft erz\u00e4hlt; der Mann aus Nazareth betritt die B\u00fchne bereits als ein erwachsener Mann. Seine Botschaft fasst der Evangelist in einem einzigen Satz summarisch zusammen (Mk\u00a01,15): \u201eDie Zeit ist erf\u00fcllt, das Reich Gottes ist nahegekommen. Tut Bu\u00dfe und glaubt an das Evangelium!\u201c<\/p>\n<p>Im Kontext von Jesu anf\u00e4nglichem Wirken in Galil\u00e4a lesen wir nicht nur von der Berufung seiner ersten J\u00fcnger und seiner \u00f6ffentlichen Lehre in der Synagoge von Kefarnaum, sondern auch von seinem Auftreten als Heiler und als Exorzist (Mk 1,23\u201334). W\u00e4hrend die Krankenheilungen Jesu im Markusevangelium in erster Linie Gottes Zuwendung und Heilswillen verdeutlichen, zeigen seine D\u00e4monenaustreibungen Gottes Hoheit und Herrschaft \u00fcber alle b\u00f6sen M\u00e4chte an. In der Darstellung von Jesu demonstrativer Tischgemeinschaft mit gesellschaftlichen Randfiguren (z. B. Mk 2,15) zeigt sich zum einen die Hoffnung auf eine radikale Umw\u00e4lzung aller bestehenden gesellschaftlichen Hierarchien im Reich Gottes (vgl. Mk 10,28\u201331) und zum anderen die zeichenhafte Vorwegnahme des erwarteten Festmahls aller Gerechten an der endzeitlichen Tafel des Herrn.<\/p>\n<p>Deutliche Kritik an bestehenden religi\u00f6s begr\u00fcndeten Normen bringt auch Mk 3,1\u20135 zum Ausdruck. Die Pointe dieses Heilungswunders besteht darin, dass akute Lebensgefahr im Judentum zur Zeit Jesu zwar grunds\u00e4tzlich das Sabbatgebot verdr\u00e4ngt, aber eine gel\u00e4hmte Hand eben kein solcher Notfall war. Indem der markinische Jesus dennoch die Heilung an diesem Ruhetag vollzieht, relativiert er die Bedeutung der religi\u00f6sen Normen der Tora als Heilsweg zu Gott (vgl. Mk 2,23\u201328). In unmittelbarem Anschluss an die Perikope (Mk 3,6; vgl. 11,18; 12,12f.) setzt der Evangelist den ersten narrativen Vorverweis auf die Passion Jesu: \u201eUnd die Pharis\u00e4er gingen hinaus und berieten sich gleich mit den Anh\u00e4ngern der Herodianer \u00fcber ihn, wie sie ihn umbr\u00e4chten\u201c.<\/p>\n<p>Mk 4,1\u201334 enth\u00e4lt eine Reihe von Gleichnissen Jesu, in denen unterschiedliche Aspekte des erhofften Gottesreichs mittels verschiedener Bilder aus der kleinb\u00e4uerlichen Lebenswelt der Adressaten seiner Verk\u00fcndigung verst\u00e4ndlich und erfahrbar gemacht werden. Innerhalb des erz\u00e4hlten Geschehens sollen die eindrucksvollen Natur- und Heilungswunder in Mk 4,35\u20135,43 allen Anwesenden die Vorstellung g\u00f6ttlichen Heils in Jesu Wirken pr\u00e4sentieren und ihnen zugleich die besondere Hoheit und Vollmacht des Sohnes Gottes vor Augen f\u00fchren. Im Kontext des Abschlusses der Verk\u00fcndigung Jesu in Galil\u00e4a (Mk 6,1\u201356) wird sein J\u00fcngerkreis von Markus eigent\u00fcmlich ambivalent gezeichnet. Einerseits werden die ihm nachfolgenden J\u00fcnger von Jesus ebenfalls mit besonderen Kr\u00e4ften ausgestattet (Mk 6,7\u201313), andererseits begreifen sie immer noch nicht, wer er wirklich ist (Mk 6,37.49\u201352). Beides l\u00e4dt die H\u00f6rer des Evangeliums dazu ein, sich mit den J\u00fcngern zu identifizieren und sich selbst auf den Weg Jesu und die Nachfolge einzulassen, um diese rettende Beziehung zu Gott in der sozialen Verantwortung f\u00fcr die N\u00e4chsten zu realisieren. Die nun folgenden Auseinandersetzungen Jesu mit seiner st\u00e4ndig anwachsenden Gegnerschaft um Fragen der religi\u00f6sen Alltagsgestaltung in Mk 7,1\u20138,21 m\u00fcnden nicht zuf\u00e4llig in die Schilderung einer Blindenheilung (Mk 8,22\u201326) als Endpunkt seines \u00f6ffentlichen Wirkens in Galil\u00e4a. Ganz im Norden Galil\u00e4as, in der N\u00e4he der Stadt Caesarea Phi-lippi, dem von Jerusalem fernsten Aufenthaltsort Jesu, der im Markusevangelium erw\u00e4hnt wird, spricht Simon Petrus ihn direkt an: \u201eDu bist der Christus!\u201c (Mk 8,29).<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung des Markus bekommt an diesem Punkt eine \u00fcberraschende Wendung. Nachdem seine Darstellung des bisherigen Auftretens Jesu und seiner J\u00fcnger in Galil\u00e4a durchaus den hohen Erwartungen entsprach, die man im Judentum der hellenistisch-r\u00f6mischen Epoche von einem k\u00f6niglichen Messias und seinem Gefolge hatte, k\u00fcndigt der nunmehr als Gesalbter Gottes und \u201eSohn Davids\u201c (Mk\u00a010,47f.) erkannte Jesus aus Nazareth nicht etwa seinen Triumph an, sondern sein zuk\u00fcnftiges Leiden (Mk 8,31\u201333; 9,30\u201332; 10,32\u201334; vgl. Jes 53,12). Dabei bezeichnet er sich selbst mit dem ambivalenten Titel \u201eMenschensohn\u201c, der ihn gleicherma\u00dfen als endzeitlichen Heilsbringer und als Mensch wie alle anderen auch ausweist (vgl. Dan 7,13f.). Und auch den J\u00fcngern in der Nachfolge des Menschensohns, bei deren literarischer Konturierung der Evangelist immer wieder seine eigenen H\u00f6rer im Blick hat, werden nicht etwa besondere Ehre und Macht angek\u00fcndigt, sondern Leiden und Schmach (Mk 8,34f.). Der Weg Jesu f\u00fchrt fortan von Caesarea Philippi nach Jerusalem als Weg ins Leiden am Kreuz. F\u00fcr die H\u00f6rer des Evangeliums wird dieser Weg zugleich zur tr\u00f6stenden Wegweisung ihrer bedr\u00e4ngten christlichen Existenz. Am Ende des gemeinsamen Weges nach Jerusalem erz\u00e4hlt Markus erneut von der letzten Heilung eines Blinden, die dessen Augen \u00f6ffnet und es ihm erm\u00f6glicht, Jesus fortan und bis zum Ende nachzufolgen (Mk 10,46\u201352).<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung von Jesu spektakul\u00e4rem Einzug in Jerusalem (Mk 11,1\u201311) bereitet seine provozierende Aktion im \u00e4u\u00dferen Vorhof des Tempels vor. Einer prophetischen Zeichenhandlung gleich (vgl. Jes 20,2f.; Jer 19,1\u201311) werden hierbei die Tische der Geldwechsler und St\u00fchle der Taubenverk\u00e4ufer, die f\u00fcr ein funktionierendes Opfergeschehen unverzichtbar waren, umgesto\u00dfen (Mk 11,15\u201318). Markus wollte hier wohl die Untauglichkeit der Kommunikation mit dem Gott Israels im andauernden Kultbetrieb im Heiligtum und dessen \u00d6ffnung f\u00fcr die V\u00f6lkerwelt veranschaulichen (Mk 11,17). Als hermeneutisches Prinzip f\u00fcr die Tauglichkeit aller Gebote der Tora betont Markus das zweifache Liebesgebot (Mk 12,28\u201333). Die folgenden Konflikte Jesu mit den j\u00fcdischen Gruppierungen und Autorit\u00e4ten f\u00fchren zu deren endg\u00fcltigem T\u00f6tungsbeschluss (Mk 14,1) und zu seiner Gefangennahme, Verurteilung, Folterung, Verspottung als Karikatur eines \u201eK\u00f6nigs der Juden\u201c (Mk 15,17\u201319) und schlie\u00dflich zu seiner \u2013 ebenso brutalen wie entehrenden \u2013 \u00f6ffentlichen Kreuzigung durch die r\u00f6mische Provinzverwaltung (Mk 14,43\u201315,37).<\/p>\n<p>\u201eWahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!\u201c (Mk\u00a015,39). In dem Bekenntnis des r\u00f6mischen Zenturios im Angesicht des Gekreuzigten zeigt sich vollends die \u00adradikale Umdeutung der gel\u00e4ufigen zeitgen\u00f6ssischen j\u00fcdischen Messiaserwartung durch die eigenst\u00e4ndige Kreuzestheologie des Evangelisten. Nicht der in seiner Hoheit triumphierende Kriegerk\u00f6nig, sondern die in ihrer Niedrigkeit leidende menschliche Kreatur erweist sich f\u00fcr Markus als der wahre Retter der Welt und als der einzige Beistand seiner durch die Ersch\u00fctterungen des Krieges bedr\u00e4ngten Gemeinde. Die kurze Geschichte vom leeren Grab und der Botschaft des Engels an die drei Frauen (Mk 16,1\u20138) beendet das Markusevangelium in seiner urspr\u00fcnglichen Textgestalt. Einerseits wird hier explizit von der Auferstehung Jesu erz\u00e4hlt (Mk\u00a016,6). Andererseits bieten die allerletzten W\u00f6rter des Evangeliums (\u201eund sie sagten niemandem etwas; denn sie f\u00fcrchteten sich\u201c) seinen H\u00f6rern kein \u201eHappy End\u201c in dem Sinne, dass nun alles \u00fcber Jesus Christus abschlie\u00dfend gesagt und verstanden worden sei. Dieser urspr\u00fcngliche Schluss des Markusevangeliums wurde erst ein knappes Jahrhundert sp\u00e4ter von christlichen Abschreibern als zu behebender Mangel empfunden. Daher kam es zu einer nachtr\u00e4glichen kompilatorischen Erg\u00e4nzung von Erscheinungserz\u00e4hlungen, die den anderen Evangelienschriften und der Apostelgeschichte entnommen wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Vom Ende zum Anfang<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es d\u00fcrfte hinreichend deutlich geworden sein, dass das Markusevangelium (entgegen der \u00dcberzeugung der fr\u00fcheren Forschung) nicht nur eine Zusammenstellung von \u00e4lteren vorformulierten \u00dcberlieferungen darstellt, die der Evangelist gesammelt, nachtr\u00e4glich miteinander verbunden und mit einem groben literarischen Rahmen versehen hat, sondern als ein komplexer literarischer Gesamtentwurf mit einer Erz\u00e4hlstrategie zu betrachten ist. Dies zeigt sich bereits anhand seines Aufbaus des Werks, der das Traditionsmaterial in komplement\u00e4rer Weise sowohl in geographischer und chronologischer als auch in christologischer Hinsicht strukturiert. Dabei werden nicht nur inhaltlich und formal \u00e4hnliche Stoffe zusammengestellt, sondern auch ein \u00fcbergeordneter Spannungsbogen entworfen.<\/p>\n<p>In geographischer Hinsicht stehen sich das unbedeutende l\u00e4ndliche Gebiet Galil\u00e4as als Raum des beeindruckenden Wirkens und der befreienden Verk\u00fcndigung Jesu aus Nazareth, der Zustimmung und der Gewinnung von Anh\u00e4ngern der Jesusbewegung (Mk 1,9\u20139,50), aber auch der Offenbarung des Auferstandenen (Mk 16,7), und die geschichtstr\u00e4chtige Tempelstadt Jerusalem als Ort sowohl der Ablehnung und Feindschaft gegen Jesus als auch der Planung und Ausf\u00fchrung seiner Hinrichtung gegen\u00fcber. Zwischen diesen beiden r\u00e4umlichen Polen des erz\u00e4hlten Geschehens setzt Markus, gleichsam als Wendepunkt, das Petrusbekenntnis bei Caesarea Philippi als Anfang des Wegs Jesu zur Passion. In christologischer Hinsicht stehen sich zugleich die verborgene Messianit\u00e4t Jesu in Vollmacht (Mk 1,1\u20138,26) und seine sich offenbarende Messianit\u00e4t in Ohnmacht (Mk\u00a08,31\u201316,8) gegen\u00fcber. Auch sie werden verbunden durch das inszenierte Bekenntnis der messianischen W\u00fcrde Jesu durch seine J\u00fcnger, dem ein kategorisches Schweigegebot Jesu folgt (Mk 8,27\u201330).<\/p>\n<p>Die Machttaten des markinischen Jesus, die den ersten Hauptteil des Evangeliums pr\u00e4gen, w\u00e4hrend sie in seinem zweiten Hauptteil erkennbar fehlen, lassen sich durchaus als Entsprechungen der herk\u00f6mmlichen Messiaserwartungen des antiken Judentums und auch der hellenistisch-r\u00f6mischen mythischen Vorstellung eines machtvollen Halbgotts deuten. Zugleich erf\u00e4hrt der H\u00f6rer hier immer wieder von Verboten Jesu, anderen Menschen von seinem Heilshandeln zu erz\u00e4hlen (z. B. Mk 5,43; 7,36), und auch von seinen Schweigegeboten an die von ihm ausgetriebenen D\u00e4monen (z. B. Mk 1,25.34; 3,12). Wiederholt begreifen die J\u00fcnger Jesu nicht, was seine Gleichnisse bedeuten und wer er in Wirklichkeit ist (z. B. Mk 4,13; 8,14\u201321). Dieses \u201eMessiasgeheimnis\u201c im Markusevangelium wird heute zumeist als ein besonderer literarischer Kunstgriff seines Verfassers interpretiert. Markus wollte durch die narrative Verklammerung der Berichte von Jesu Wirksamkeit mit der Passions\u00fcberlieferung wohl zeigen, dass Jesu k\u00fcnftige Herrlichkeit in seinen vollm\u00e4chtigen Machterweisen zwar bereits verborgen ist, sich in den durch ihn geschehenen Wundertaten aber noch nicht enth\u00fcllt hat. Auch mit dem Petrusbekenntnis ist f\u00fcr Markus noch keine vollst\u00e4ndige Erkenntnis der Person Jesu verbunden. Vielmehr ist der Messias des Markusevangeliums zun\u00e4chst ein leidender Messias. Seine Hoheit zeigt sich zun\u00e4chst in Niedrigkeit und sie offenbart sich vollends in seiner Auferweckung durch Gott: \u201eEr gebot ihnen, dass sie niemandem sagen sollten, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden w\u00e4re\u201c (Mk 9,9).<\/p>\n<p>Der markinische Passionsbericht (Mk 14,1\u201316,8), dem eine umfangreiche und zusammenh\u00e4ngende vormarkinische Tradition zugrunde liegt, deutet das Leiden und Sterben Jesu von den heiligen Schriften Israels her, insbesondere mittels biblischer Psalmenworte. In seiner Schilderung der eigentlichen Kreuzigung Jesu nimmt der Evangelist wiederholt auf Psalm 22 als Verstehenshintergrund seines Todesgeschicks Bezug: Das Verteilen der Kleider (Mk 15,24) greift Ps 22,19 auf, die Verspottung Jesu (Mk 15,29f.) entspricht Ps 22,9 und der Notschrei Jesu \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen\u201c (Mk 15,34) beruht auf Ps 22,2. Beide Anspielungen und das explizite Zitat aus dem davidischen Klagepsalm nehmen Motive aus seinem ersten Teil auf, der von der Not der Gottverlassenheit handelt (Ps 22,1\u201322). Vordergr\u00fcndig unterstreichen und begr\u00fcnden sie damit die Menschlichkeit und Niedrigkeit des Gekreuzigten. Setzen wir indes voraus, dass der markinischen Gemeinde hier der gesamte Psalm 22 vor Augen und Ohren stand, dann erw\u00e4chst f\u00fcr sie aus dem beschriebenen Leiden zugleich Trost und Hoffnung gem\u00e4\u00df dem Thema seines zweiten Teils (Ps 22,23\u201332), n\u00e4mlich Dank und Lob \u00fcber Gottes Hilfe. Erst von seiner Selbsthingabe am Kreuz und seiner Auferweckung her werden im Sinne der markinischen Niedrigkeitschristologie Jesu Messianit\u00e4t und Gottessohnschaft uneingeschr\u00e4nkt verst\u00e4ndlich. Jesus aus Nazareth ist von Anfang an der Messias und Gottes Sohn, aber f\u00fcr die Menschen wird er erst Gottes Sohn. Sein Leidensweg entspricht dem Willen Gottes und dient den Menschen zum Heil (Mk 14,24).<\/p>\n<p>Das vermeintlich offene Ende des Evangeliums in Mk\u00a016,8 bekommt von hier aus einen besonderen Aussagegehalt: Alles Heil wurde am Kreuz bereits vollbracht. Der ohnm\u00e4chtig leidende Jesus ist der vollm\u00e4chtige Christus. Und um die Bedeutung des Kreuzesgeschehens zu verstehen, bedarf es des Blicks auf das ganze Evangelium als heilige Geschichte und Grundlage des Glaubens. Mit dieser doppelten Paradoxie korrespondiert die Rahmung der Evangelienerz\u00e4hlung in Mk\u00a01,1 und 16,7. Und wenn man die gesamte markinische Geschichte vom Wirken und von der Passion des irdischen Jesus im Lichte des Osterglaubens schlie\u00dflich bis zu ihrem Ende geh\u00f6rt hat, dann wird man aufgefordert, sie noch einmal von vorn zu h\u00f6ren oder zu lesen, um immer besser zu verstehen, wer dieser Jesus eigentlich ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Markusevangelium nimmt seine Adressaten mit auf die Wanderung Jesu durch Galil\u00e4a und macht sie zu Zeugen seines Leidens und Sterbens. Dabei stehen seine Erz\u00e4hlfiguren und auch seine christlichen H\u00f6rer und Leser immer wieder vor der Frage, wer dieser Jesus eigentlich ist (Mk 4,41; 8,29). 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