{"id":127352,"date":"2026-07-08T16:34:46","date_gmt":"2026-07-08T14:34:46","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=127352"},"modified":"2026-07-09T11:55:39","modified_gmt":"2026-07-09T09:55:39","slug":"narrative-traumabewaeltigung-historischer-kontext-traumabewaeltigung-und-passionsgeschichte-im-markusevangelium","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/narrative-traumabewaeltigung-historischer-kontext-traumabewaeltigung-und-passionsgeschichte-im-markusevangelium\/","title":{"rendered":"Narrative Traumabew\u00e4ltigung"},"content":{"rendered":"<p>Die neutestamentliche Bibelwissenschaft ist nicht nur eine theologische, sondern auch und vor allem eine historische Wissenschaft. Wer neutestamentliche Sekund\u00e4rliteratur liest oder neutestamentliche Vortr\u00e4ge h\u00f6rt, erf\u00e4hrt eine Menge \u00fcber die historischen Kontexte der neutestamentlichen B\u00fccher, \u00fcber die Zeiten, Orte und Umst\u00e4nde, zu denen sie entstanden sind, \u00fcber politische Str\u00f6mungen, Herrscher und ihre Ziele, philosophische Ideen, kulturelle Trends, religi\u00f6se Praktiken, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Vereine und Versammlungspraxis, Alltagsfragen in Stadt und Land und Vieles mehr. Hinzu kommen Beobachtungen und \u00dcberlegungen zur Entstehung der neutestamentlichen B\u00fccher und ihrer Stellung im antiken Literaturbetrieb: Wer schreibt was, wo, f\u00fcr wen und warum? Welche Formen und Gattungen werden verwendet? Wie sind einzelne Motive und Erz\u00e4hlungen entstanden? Wie wurden sie weitertradiert und dabei ver\u00e4ndert? Und last, but not least: Welchen historischen Anhaltspunkt haben sie? Was ist eigentlich passiert?<\/p>\n<p>Neutestamentliche Arbeiten aus historisch-kritischer Perspektive k\u00f6nnen faszinieren: Sie erschlie\u00dfen und erl\u00e4utern die uns heute fremde Welt des ersten und zweiten Jahrhunderts im Imperium Romanum und erm\u00f6glichen einen Blick in die Welt der fr\u00fchen Jesusnachfolger. Die Lekt\u00fcre der neutestamentlichen Texte wird dadurch reicher und tiefer. Oder doch nicht?<\/p>\n<p>Bei den\u00a0Biblischen Tagen\u00a0fragte eine Teilnehmerin am ersten Abend \u201eWarum ist der historische Kontext denn so wichtig? Nimmt die historische Lesart nicht auch etwas weg? Kann ich den Text nicht einfach auf mich und mein Leben wirken lassen, so wie er ist?\u201c Die Frage bringt einen wichtigen Aspekt, ein zentrales Charakteristikum von neutestamentlichen Texten (wie biblischen Texten insgesamt) zur\u00fcck. Es geht darum, dass die historisch-kritische Exegese immer wieder Gefahr l\u00e4uft, zu \u00fcbersehen, dass ein Text wie das Markusevangelium nicht nur eine historische Erz\u00e4hlung und eine historische Quelle ist, sondern auch und vor allem ein Identit\u00e4tstext.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Neutestamentliche Texte als Identit\u00e4tstexte<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass es sich bei den biblischen und den neutestamentlichen Texten vor allem um Identit\u00e4tstexte handelt, ger\u00e4t beim historischen Zugang leicht aus dem Blick. Texte wie das Markusevangelium sind nicht in erster Linie entstanden, um zu dokumentieren, was passiert ist, sondern um zentrale, identit\u00e4tsbegr\u00fcndende Erfahrungen festzuhalten, zu verarbeiten und f\u00fcr sich selbst wie f\u00fcr die Nachwelt aufzubewahren. Sie sind, wie der \u00c4gyptologe Jan Assmann es formuliert hat,\u00a0identit\u00e4tskonkret, das hei\u00dft, auf eine ganz bestimmte Gruppe bezogen und f\u00fcr die Identit\u00e4t dieser Gruppe relevant.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Grund, warum das Neue Testament bis heute gelesen wird, ist, dass es von Erfahrungen berichtet, die Menschen mit Jesus und seiner frohen Botschaft vom Reich Gottes gemacht haben. Menschen lesen \u00fcberwiegend nicht deshalb in der Bibel, weil sie Weltliteratur ist oder einen Einblick in eine untergegangene antike Welt bietet, sondern weil diese Texte von existentiellen menschlichen Erfahrungen erz\u00e4hlen. Erfahrungen, die so existentiell und zeitlos sind, dass Menschen zu allen Zeiten mit ihren eigenen Erfahrungen daran ankn\u00fcpfen und sie f\u00fcr sich fruchtbar machen konnten.<\/p>\n<p>\u201eEin Mann hat eine Erfahrung gemacht\u201c, so formuliert es der Schweizer Schriftsteller Max Frisch in seinem Roman\u00a0Mein Name sei Gantenbein, \u201eund nun sucht er nach der Geschichte zu seiner Erfahrung (\u2026) Man kann nicht mit einer Erfahrung leben, die ohne Geschichte bleibt.\u201c Frischs schriftstellerische Erkenntnis ist auch f\u00fcr den Zugang zu neutestamentlichen Texten als Identit\u00e4tstexten entscheidend.<\/p>\n<p>Erfahrungen brauchen, um verstanden und geteilt zu werden, eine sprachliche Form, und diese ist zumeist erz\u00e4hlend, das hei\u00dft narrativ. Aus menschlichen Erfahrungen werden Geschichten, die in der Sprache und in den Bildern erz\u00e4hlt werden, die vertraut sind. Beim Erz\u00e4hlen von Geschichten denkt man meist adressatenorientiert und nutzt Motive, Bilder, sprachliche Wendungen, kurz: einen kulturellen Rahmen, den die Zielgruppe kennt. Das erkl\u00e4rt, warum die gleiche Erfahrung und die gleiche Geschichte sehr unterschiedlich ausfallen kann, wenn sie anderen Menschen erz\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p>Mit Siebenj\u00e4hrigen spricht man anders als mit Siebzehnj\u00e4hrigen und noch einmal ganz anders als mit Siebzigj\u00e4hrigen. In Niederbayern w\u00e4hlt man andere Vergleiche und Bilder als in Sachsen, im Ruhrpott oder im Saarland. Die Weitergabe von Erfahrung unterscheidet sich auch je nach sozialen und politischen Kontexten: Pfarrgemeinde oder Stammtisch, Handwerksbetrieb oder Universit\u00e4t, Museum oder Fitnessstudio. Es ist die gleiche Erfahrung, doch sie wird sprachlich unterschiedlich ausfallen, je nachdem, wer sie mit wem in welchem Kontext und mit welchem Ziel teilt. Das erkl\u00e4rt, warum wir unterschiedliche Evangelien haben, die die gleiche Geschichte zum Teil sehr unterschiedlich erz\u00e4hlen: Die gleiche Basiserfahrung hat sich in unterschiedlichen Kontexten auf unterschiedliche Weise manifestiert und Gestalt angenommen.<\/p>\n<p>Um solche Geschichten nicht nur oberfl\u00e4chlich zu verstehen, muss man genauer hinh\u00f6ren und sich Kontextwissen aneignen. Um biblische Erz\u00e4hlungen zu verstehen und biblische Erfahrungen aufzuschl\u00fcsseln, braucht es aber keine anderen Werkzeuge oder Fertigkeiten als beim Gespr\u00e4ch mit den eigenen Kindern, Gro\u00dfeltern oder Nachbarn; das Gespr\u00e4ch mit dem Nachbarn erscheint uns nur deswegen leichter, weil uns dessen Erfahrungswelten und Kontexte n\u00e4her sind als die der fr\u00fchen Christen.<\/p>\n<p>Biblische Texte erz\u00e4hlen also nicht nur, was war, sondern bringen die Erfahrungen, die Menschen mit Gott und seiner Botschaft gemacht haben, zur Sprache. Wenn man den identit\u00e4tsstiftenden Charakter dieser Texte erkennt und das Potential, mit eigenen Erfahrungen an die Texte anzukn\u00fcpfen, wenn man sp\u00fcrt, dass die neutestamentlichen Texte auch heute noch etwas zu sagen haben, dann ist die Frage der Teilnehmerin durchaus verst\u00e4ndlich, warum die historischen Kontexte so wichtig sein sollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Identit\u00e4tstexte lassen sich ohne ihre historischen Kontexte nicht vollst\u00e4ndig erfassen<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Antwort auf diese Frage ist einfach: um noch mehr zu verstehen, besser ankn\u00fcpfen und im Glauben wachsen zu k\u00f6nnen. Die Frage:\u00a0Welche Erfahrung haben Menschen mit Gott gemacht und wie erz\u00e4hlen sie davon?\u00a0ist jedoch eine andere als:\u00a0Wie k\u00f6nnen wir an diese Erfahrungen ankn\u00fcpfen und heute noch von ihnen lernen?<\/p>\n<p>Der Respekt vor den Erfahrungen der Menschen, die sich in biblischen Texten ausdr\u00fccken, gebietet es, diese Erfahrungen nicht einfach in die eigene Gegenwart und Erfahrungswelt zu \u00fcbertragen. Allzu oft gehen dabei n\u00e4mlich die Zwischent\u00f6ne und kulturellen Differenzen verloren, die die biblischen Texte auszeichnen. Trotz aller \u00c4hnlichkeit von Erfahrung ist es paradoxerweise gerade die Un\u00e4hnlichkeit, die Fremdheit, die den neutestamentlichen Texten und ihrer Welt innewohnt, von der sich am meisten lernen und profitieren l\u00e4sst. Um sie zu erkennen und zu verstehen, und sich nicht mit einfachen Antworten abzugeben, braucht es die historischen Kontexte f\u00fcr die biblischen Texte eben doch und ganz dringend. Die Frage ist lediglich, ob sie am Anfang der Besch\u00e4ftigung mit dem neutestamentlichen Text stehen sollen oder erst dann relevant werden, wenn es bereits eine Erfahrung mit dem Text gibt.<\/p>\n<p>Wie immer man sich diesbez\u00fcglich entscheidet, man liest in jedem Fall \u201edoppelst\u00f6ckig\u201c \u2013 also einerseits von der Erfahrung der Menschen mit Gott und versucht sie in ihrem antiken Kontext nachzuvollziehen, um sie andererseits noch besser zu verstehen und das Zeitbedingte vom \u00dcberzeitlichen zu trennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Das Markusevangelium als fr\u00fchchristliche Momentaufnahme<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als identit\u00e4tskonkrete Erz\u00e4hlung ist das Markusevangelium eine Momentaufnahme aus dem fr\u00fchen Christentum und nicht ohne ihren zeitlichen Kontext zu denken. Erst wenn man diesen versteht, l\u00e4sst sich auch die \u00fcberzeitliche Erfahrungsdimension erkennen und fruchtbar machen.<\/p>\n<p>Neben der Begegnung mit Jesus und seiner Botschaft ist der Verlust Jesu durch seinen gewaltsamen Tod und die Frage, wie mit dem Auferstandenen Gemeinschaft m\u00f6glich sein k\u00f6nnte, eines der zentralen Themen des Markusevangeliums. Man merkt beim Lesen, dass schon fr\u00fch der Schatten des Kreuzes auf das Geschehen f\u00e4llt. Die Passion beginnt schon lange vor dem Beginn der eigentlichen Passionserz\u00e4hlung in Mk 14,1. Der T\u00f6tungsbeschluss in Mk 14,3 kommt nicht \u00fcberraschend, denn Herodianer und Schriftgelehrte \u00fcberlegen schon in Mk 3,6, wie sie Jesus umbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch die drei Leidensank\u00fcndigungen Jesu auf dem Weg nach Jerusalem (Mk 8,31; 9,31; 10,33) lassen wenig Zweifel daran, dass die Erz\u00e4hlung in einer Katastrophe enden wird. Manche Leser sehen sogar schon in Mk 1,14\u201315 die Vorboten dessen, was kommen \u2013 und dessen, was vom Leser gefordert wird: die Verk\u00fcndung der Botschaft vom herangenahten Gottesreich zu \u00fcbernehmen und das Evangelium in die Welt zu bringen, nachdem Jesus selbst es nicht mehr kann.<\/p>\n<p>Das Diktum Martin K\u00e4hlers, dass die Evangelien im Grunde Passionsgeschichten mit sehr langer Einleitung sind, scheint sich zu bewahrheiten. Bei allem Erfolg Jesu in Galil\u00e4a und trotz einer unfassbar frohen Botschaft lauert die Katastrophe unmittelbar hinter dem Horizont.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Verschriftlichung als Krisenph\u00e4nomen<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An dieser Stelle kann man freilich auch fragen, warum ein Text wie das Markusevangelium \u00fcberhaupt aufgeschrieben wurde. Reicht in \u00fcberschaubaren Gruppen wie den fr\u00fchen Jesusnachfolgern nicht die m\u00fcndliche Erz\u00e4hlung oder das Gespr\u00e4ch? Wir schreiben unsere Familiengeschichten in der Regel doch auch nicht auf, sondern erz\u00e4hlen sie einfach nur weiter.<\/p>\n<p>Der Umgang mit den entscheidenden, fundierenden oder identit\u00e4tsbegr\u00fcndenden Erfahrungen ver\u00e4ndert sich nicht nur beim Einzelnen, sondern gerade auch in Gruppen im Laufe der Zeit. Man sieht das gut in der eigenen Familie: Im Wechsel der Generationen und im Laufe der Zeit kommen neue Familienmitglieder dazu und andere verlassen die Gruppe durch Trennung oder Tod. Gesellschaftliche und politische Ereignisse k\u00f6nnen die Situation einer Familie grundlegend ver\u00e4ndern, ebenso wie naturwissenschaftliche Erkenntnisse und technische Innovationen. Manchmal reicht die Reise eines einzigen Familienmitglieds aus, um eine ganze Familie \u201eumzukrempeln\u201c. Mit der Zeit und unter ver\u00e4nderten Bedingungen ver\u00e4ndern sich auch Erinnerungen und die Frage\u00a0Was ist uns wichtig? Was macht \u00aduns aus?\u00a0wird anders beantwortet.<\/p>\n<p>Entscheidende Punkte auf diesem gemeinsamen Erinnerungsweg sind Krisen \u2013 abrupte, ungeplante, schmerzhafte Ver\u00e4nderungen, die von au\u00dfen auf eine Gemeinschaft einwirken. Aus der kulturwissenschaftlichen Ged\u00e4chtnistheorie wissen wir, dass Krisen zu Traditionsbr\u00fcchen und Verschriftlichung von Tradition f\u00fchren k\u00f6nnen. Zum Wunsch, das Verlorene oder Bedrohte festzuhalten. Zum Wunsch, das, was wichtig und nun bedroht ist, zu bewahren und weiterzugeben.<\/p>\n<p>In Familien k\u00f6nnen es auch Gegenst\u00e4nde oder Rituale sein, die Familiengeschichte und Familienidentit\u00e4t symbolisieren und weitertragen. Was aber, wenn diese Gegenst\u00e4nde verschwinden oder diejenigen, die Geschichten zu ihnen erz\u00e4hlen oder die Rituale initiieren, durchf\u00fchren und ausdeuten k\u00f6nnen, durch ihren Tod aus der Familie ausscheiden? In solchen F\u00e4llen folgt auf die Krise entweder der Verlust der Tradition oder die \u00dcberf\u00fchrung in ein stabileres Medium, das die Erinnerung und die mit ihr verbundene Identit\u00e4t sichern kann. Typische Krisen dieser Art sind Generationenwechsel und traumatische Erfahrungen von Gewalt, Krieg, Flucht und Vertreibung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Das Markusevangelium als Erz\u00e4hlung zur Bew\u00e4ltigung einer existentiellen Krise<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Generation des Markusevangeliums hat eine Reihe solcher Erfahrungen zu verarbeiten und es ist aus kulturwissenschaftlicher Perspektive kaum verwunderlich, dass das Markusevangelium genau zu dieser Zeit entsteht. Zum einen verschwinden in dieser Zeit die Generation der Zeit- und Augenzeugen, zum anderen sind der J\u00fcdisch-R\u00f6mische Krieg (66\u201370 n. Chr.) und die (drohende) Tempelzerst\u00f6rung ein tiefer kultureller und religi\u00f6ser Einschnitt f\u00fcr die Jesusnachfolger. Egal, wo die Menschen, die sich mit diesem Evangelium identifizieren, vorher gelebt haben \u2013 der J\u00fcdisch-R\u00f6mische Krieg hat ihr Leben v\u00f6llig ver\u00e4ndert, ob sie eher in Jerusalem, Galil\u00e4a, Syrien oder der Dekapolis ans\u00e4ssig waren.<\/p>\n<p>Der Krieg ist noch nicht lange vorbei, wom\u00f6glich dauert er sogar noch an, und die Wunden der Jesusnachfolger sind noch nicht verheilt. In dieser Zeit verlieren die aram\u00e4isch-sprachig j\u00fcdischen (\u201eHebr\u00e4er\u201c, vgl. Apg 6,1) und griechisch-sprachig j\u00fcdischen (\u201eHellenisten\u201c) Jesusnachfolger ebenso wie ihre j\u00fcdischen Glaubensgeschwister mit Jerusalem und dem Tempel das Zentrum ihrer religi\u00f6sen und ethnischen Identit\u00e4t, und sind schutzlos dem Terror und den Gr\u00e4ueln des Krieges und der Brutalit\u00e4t des r\u00f6mischen Milit\u00e4rs ausgeliefert. Dass ihr\u00a0Herr\u00a0Jesus Christus kein politischer Messias ist, nutzt den Jesusnachfolgern im J\u00fcdisch-R\u00f6mischen Krieg genauso wenig wie es Jesus im Prozess vor dem Hohen Rat und vor Pilatus genutzt hat. Derartig feine Unterscheidungen werden in Kriegszeiten nicht gemacht.<\/p>\n<p>Das Grauen des Krieges, aber auch die Ohnmacht, unschuldig und aufgrund von groben Missverst\u00e4ndnissen zu leiden, Willk\u00fcr ausgeliefert zu sein, diese Aspekte durchziehen das Markusevangelium. Die Schrecken der eigenen Situation und der Erfahrung von Ohnmacht sind in den Text hineingewoben und spiegeln sich in der Ohnmacht und Verlassenheit Jesu am Ende seines Lebens.<\/p>\n<p>Das Markusevangelium stellt Jesus als Gesalbten und Freudenboten der herangenahten Gottesherrschaft vor (Mk 1,1\u20133.14\u201315). Bei der Taufe im Jordan erf\u00e4hrt er vision\u00e4r die N\u00e4he Gottes und seine Stimme, die ihm die unverbr\u00fcchliche Treue der Gotteskindschaft zusichert (Mk 1,10\u201311). Der Himmel spaltet sich und Gottes N\u00e4he wird sichtbar. Und nicht nur f\u00fcr ihn: Jesus ist \u00fcberzeugt, dass das auch f\u00fcr jeden anderen Menschen gilt. Die Botschaft des markinischen Jesus ist, dass die Gottesherrschaft herangenaht und einem jeden Mensch eine direkte Beziehung zu Gott m\u00f6glich ist. Diese Erkenntnis verk\u00fcndet er als Reich Gottes. Jesu Wirken zeigt, wie sich das Vertrauen auf und in diese Beziehung in der Welt heilsam und n\u00e4hrend auswirkt.<\/p>\n<p>Doch die Umst\u00e4nde sind heillos und der Gottesbote kommt als vermeintlich politischer Messias \u2013 und damit als Hochverr\u00e4ter \u2013 unter die R\u00e4der. Am Ende fliehen seine Freunde und Begleiter, selbst Gott scheint ihn verlassen zu haben. Die Finsternis, die \u00fcber das Land kommt, w\u00e4hrend Jesus am Kreuz h\u00e4ngt (Mk\u00a015,33), hat weniger von einer apokalyptischen Finsternis als von einer umgekehrten Sch\u00f6pfung: Gott scheint das Licht ausgemacht und sich von der Welt abgewandt zu haben. Drei Stunden h\u00e4lt Jesus das aus, bis er verzweifelt und ruft: \u201eMein Gott, mein Gott, worauf hin hast du mich verlassen?\u201c (Mk 15,34). Gott bleibt \u2013 anders als in der Taufszene \u2013 stumm. Es gibt keine Antwort Gottes, nur menschlichen Spott, den Jesus genauso wie die Umstehenden und auch der Leser aushalten muss. Es gibt keine Antwort, keine Rettung und keinen vorschnellen Trost.<\/p>\n<p>Als Jesus stirbt, haucht er den Geist aus (Mk 15,37). Und im selben Moment, so erz\u00e4hlt es das Markusevangelium, rei\u00dft im Tempel der Vorhang von oben bis unten in zwei Teile. Von Flavius Josephus wissen wir, dass auf diesem Vorhang die Sch\u00f6pfung abgebildet war (Bell 5.214). Wie im Augenblick der Taufe Jesu der Himmel aufrei\u00dft, so rei\u00dft er auch im Augenblick des Todes Jesu symbolisch-bildlich auf und gibt den Blick auf Gott frei: im Tempel als Blick auf das Allerheiligste (das ebenfalls leer ist, ein anderes j\u00fcdisches Trauma).<\/p>\n<p>Doch auch jetzt ist es nicht Gott, der spricht, sondern ein r\u00f6mischer Centurio, einer von denen, die die Markusleute als Aggressor und Verfolger kennen. Er stellt fest, dass dieser Mensch ein Gottessohn war (Mk 15,39). Ob damit ein Bekenntnis zu Jesus als Gottessohn im Sinne von Mk 1,1 ausgesprochen ist oder das r\u00f6mische Spotten weitergeht, ist Leser- und Ansichtssache. Im Augenblick des Todes Jesu scheint alles vorbei zu sein. Die Obrigkeit kann zufrieden sein: Mit dem Boten wurde auch die Botschaft erledigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Narrative Trauerarbeit und Traumabew\u00e4ltigung<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder doch nicht? Mit Joseph von Arimath\u00e4a, der sich zu Pilatus wagt, um den Leib Jesu zu erbitten, kommt ein Hoffnungsschimmer in die d\u00fcstere Szenerie. Joseph ist ein neuer Akteur, der die Szene betritt, und mit seinem Auftreten werden zwei entscheidende Dinge ausgesagt. Der Erz\u00e4hlerkommentar, der Joseph als einen Menschen einf\u00fchrt, der ebenfalls auf das Reich Gottes wartet (Mk 15,43), bringt die Botschaft vom Gottesreich auf die Ebene der Erz\u00e4hlfiguren. Bis zu seinem Tod war Jesus der Einzige, der vom Reich Gottes sprach \u2013 und obwohl er nun tot ist, geht die Verk\u00fcndigung weiter.<\/p>\n<p>Mit dem Tod des Boten ist die Botschaft gerade nicht erledigt. Joseph ist eine genauso \u00fcberraschende und unerwartete Fortsetzung der Botschaft Jesu wie Jesus selbst eine unerwartete Fortsetzung der Botschaft Johannes des T\u00e4ufers war (Mk 1,14). Die Botschaft lautet: Es geht weiter, an unerwarteter Stelle vielleicht, aber es geht weiter.<\/p>\n<p>Und noch etwas kommt mit Joseph von Arimath\u00e4a in die Geschichte. Mit seiner Bitte um den Leib Jesu \u2013 den Leichnam eines Hochverr\u00e4ters von den r\u00f6mischen Beh\u00f6rden zu erfragen, kostet Mut und kann zu Verfolgung f\u00fchren \u2013 zeigt er, dass die Jesusnachfolger auch in einer v\u00f6llig desparaten und verzweifelten Situation an Jesus festhalten, selbst wenn es f\u00fcr sie gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dass in Mk 14,43 ebenso wie in Mk\u00a014,22, den Einsetzungsworten beim letzten Abendmahl vom\u00a0Leib\u00a0Jesu, von seinem\u00a0s\u014dma, die Rede ist, ist kein Zufall. Auch nicht, dass Pilatus in Mk 15,45 Joseph nur das\u00a0pt\u014dma, den Leichnam Jesu, \u00fcberl\u00e4sst. Die meisten deutschen \u00dcbersetzungen bilden diesen Unterschied nicht ab, doch f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Markusevangeliums \u2013 auch als narrative Traumabew\u00e4ltigung \u2013 ist er wichtig.<\/p>\n<p>Ein entscheidender Schritt der Trauerarbeit ist es, eine ver\u00e4nderte Beziehung zu Betrauerten \u2013 sei es ein Mensch, ein Gegenstand, ein Verlust \u2013 herzustellen und von der externen k\u00f6rperlich-somatischen zu einer internen geistig-emotionalen Verbindung zu kommen (Nigel, Gao &amp; Paderna). Die Frage, wie k\u00fcnftig Gemeinschaft mit Jesus aussehen k\u00f6nnte, welche Verbindungs- und Begegnungsm\u00f6glichkeiten es (noch) gibt, ist f\u00fcr das Markusevangelium zentral und Teil seiner narrativen Traumabew\u00e4ltigung. Daf\u00fcr gibt der Text selbst drei Hinweise oder M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Bevor es so weit ist, verschlie\u00dft Joseph von Arimath\u00e4a mit einem sehr gro\u00dfen Stein den Weg zum Grab. Dieser Weg zu Jesus ist damit abgeschnitten, was auch die Frauen wissen, die sich wider alle Vernunft \u2013 und v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssigerweise, denn der Leichnam Jesu ist bereits seit 14,3\u20139 f\u00fcr das Begr\u00e4bnis gesalbt \u2013 auf den Weg dorthin machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Kein schneller Trost: Auferstehungsglaube als Transformationsauftrag<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An dieser Stelle kann man die Lekt\u00fcre des Markusevangeliums unterbrechen und fragen: Wie k\u00f6nnte es weitergehen? Welches Ende w\u00fcrde zu diesem Text passen, wenn es sich um Traumaliteratur handelt, bei der es eben nicht um Triumphalismus und schnellen Trost geht? Wie kann es weitergehen, wenn der vermeintlich gescheiterte Jesus von traumatisierten und retraumatisierten Menschen als Gesandter der Gottesherrschaft verstanden werden soll? Sind f\u00fcr einen solchen Text wirklich Begegnungen mit dem Auferstandenen, sprich: Erscheinungsgeschichten, notwendig, und ein\u00a0Happy End\u00a0zu erwarten?<\/p>\n<p>Der Anbruch des neuen Tages, des ersten der Woche, verweist auf einen Neuanfang \u2013 und im Sinne der Symbolik des Evangeliums auch auf eine neue Sch\u00f6pfung. Doch zuvor m\u00fcssen die Frauen noch im Grab, das sie wundersamerweise doch betreten k\u00f6nnen, die Erfahrung machen, dass es keine Fortsetzung in den gewohnten Bahnen geben kann. Der junge Mann im Grab ermahnt die Frauen, nicht zu erschrecken, sagt ihnen aber gleichzeitig auch in aller Deutlichkeit, dass Jesus von Nazaret, der Gekreuzigte, nicht im Grab zu finden ist. Die Frauen werden sogar eingeladen, die Stelle anzuschauen,<br \/>\nwo \u2013 wie sie vorher selbst beobachtet hatten \u2013 Jesus hingelegt worden war. Die Botschaft ist dennoch eindeutig:\u00a0Er ist nicht hier. Jesus ist auferstanden. Die Beziehung zu ihm und seiner Botschaft muss transformiert und auf eine neue Basis gestellt werden. Der junge Mann schickt die Frauen weg vom Grab, weg von Jerusalem, dem Ort des Schreckens und des Traumas, zur\u00fcck nach Galil\u00e4a, nach Hause. Die Fortsetzung der Geschichte wird sich dort ereignen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Leser endet das Evangelium mit der Flucht der Frauen vom Grab. Das Markusevangelium bleibt sich treu: Es gibt auch f\u00fcr sie keinen schnellen Trost, keinen\u00a0Deus-ex-Machina-Moment und keinen christlichen Triumphalismus. Wohl aber einen Ausblick darauf, wie es weitergehen k\u00f6nnte. Das Schweigen der Frauen ist vorl\u00e4ufig, nicht endg\u00fcltig. Die Geschichte wird weitergehen und sie wird auch mit den J\u00fcngern und Petrus weitergehen.<\/p>\n<p>Wenn man im Evangelium zur\u00fcckbl\u00e4ttert und mit der Lekt\u00fcre nach der Taufe Jesu in 1,13 neu einsetzt, geht es zuerst in die W\u00fcste, in den R\u00fcckzug, und danach mit einer gefestigten Beziehung an einem anderen Ort weiter. Die Beziehung zu Jesus und seiner Botschaft muss sich notwendigerweise ebenfalls transformieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Traumabew\u00e4ltigung und Resilienz<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Markusevangelium bleibt offen, wie die Taufe mit dem Heiligen Geist genau aussieht, die Johannes der T\u00e4ufer verk\u00fcndet. Anders als im Johannesevangelium hei\u00dft es auch nicht, dass Jesus im Augenblick seines Todes den Geist \u00fcbergab, sondern nur, dass er ihn aushauchte. Dennoch l\u00e4sst sich seine vorsichtige Linie von der Erfahrung Jesu bei seiner eigenen Taufe zur Erfahrung der Leser ziehen. Sie sehen mit ihm den Geist Gottes in ihn eingehen und d\u00fcrfen Jesu Weg im Geist mitgehen. Ihr eigener Weg f\u00fchrt ebenfalls durch die W\u00fcste von Trauma und Gottesferne zu einer ver\u00e4nderten Beziehung zu Jesus und seiner Botschaft, in der sie sich im Geist als Kinder Gottes und Jesus als den Christus erkennen. Das Markusevangelium bietet drei M\u00f6glichkeiten, wie man Jesus begegnen, kann: im Text des Evangeliums, im Leib Jesu im eucharistischen Mahl und dem Auferstandenen im R\u00fcckzug im Gebet und in der Nachfolgegemeinschaft.<\/p>\n<p>Das Programm, das Jesus vorlebt: R\u00fcckzug\u2013Sammlung im Gebet und Latenzphase\u2013Fortsetzung an einem anderen Ort ist zugleich auch eine Anleitung zum Umgang mit Krisen und Traumata, die das Markusevangelium seiner Community anbietet. Auch in Zeiten der Dunkelheit und Ohnmacht, wenn Gott vermeintlich schweigt und alles verloren scheint, geht es in unerwarteter Weise weiter \u2013 \u00fcber Trauma und Tod hinaus.<\/p>\n<p>Diese Frohbotschaft l\u00e4sst sich das Markusevangelium nicht sofort abringen. Der Text ist auf wiederholte Lekt\u00fcre angelegt, auf Nachdenken und Sacken-Lassen und auf den Austausch und die Diskussion in der Gemeinschaft.\u00a0Man kann sich nicht allein erinnern, so formuliert es die Ausstellung\u00a0Der Holocaust im famili\u00e4ren Ged\u00e4chtnis. Die Dritte Generation\u00a0der J\u00fcdischen Museen Wien und M\u00fcnchen. Genauso kann man Traumata nicht allein bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>Auch daf\u00fcr bietet sich das Markusevangelium als Gespr\u00e4chspartner anDurch die bitteren Erfahrungen hindurch k\u00f6nnen die gemeinsame Geschichte mit Jesus und der Auferstehungsglaube nicht nur zur Trauma\u00fcberwindung, sondern zur Resilienz werden. Diesen Weg k\u00f6nnen auch sp\u00e4tere Leser nachvollziehen und diese Erfahrung zu ihrer eigenen werden lassen. Das macht sie \u2013 trotz der Einzigartigkeit des historischen Ereignisses \u2013 \u00fcberzeitlich nachvollziehbar.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neutestamentliche Bibelwissenschaft ist nicht nur eine theologische, sondern auch und vor allem eine historische Wissenschaft. 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