{"id":127354,"date":"2026-07-08T16:39:00","date_gmt":"2026-07-08T14:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=127354"},"modified":"2026-07-08T16:39:04","modified_gmt":"2026-07-08T14:39:04","slug":"abschied-als-aufbruch-der-schluss-des-markusevangeliums","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/abschied-als-aufbruch-der-schluss-des-markusevangeliums\/","title":{"rendered":"Abschied als Aufbruch"},"content":{"rendered":"<p>Der Schluss des Markusevangeliums hat hitzige Diskussionen ausgel\u00f6st. Unzufriedenheit macht sich breit: Erstaunt und ern\u00fcchtert stehen Leserinnen und Leser, Forscherinnen und Forscher vor den vermutlich letzten Worten des \u00e4ltesten Evangeliums.<\/p>\n<p>Schnell wurde die kritische Frage laut, ob Mk 16,8 \u00fcberhaupt den urspr\u00fcnglichen, vom Verfasser vorgesehenen Schluss darstellt. Frauen fliehen, nachdem sie die Osterbotschaft vernommen haben, in Furcht und blankem Entsetzen weg vom Grab. Entgegen dem Auftrag des Engels sagen sie nichts zu niemandem. Kann ein Evangelium \u2013 per definitionem: eine gute Nachricht \u2013 in Angst und tiefem Schweigen enden? Wie geht es weiter? Reden die Frauen schlie\u00dflich wieder? Werden sie den J\u00fcngern die Osterbotschaft \u2013 wie aufgetragen \u2013 \u00fcbermitteln? Findet die angek\u00fcndigte Erscheinung Jesu in Galil\u00e4a statt?<\/p>\n<p>Der Schluss l\u00e4sst die Leserinnen und Leser mit vielen offenen Fragen zur\u00fcck. Am Ende unserer Biblischen Tage soll es um eine kritische Auseinandersetzung mit den letzten Worten des Markusevangeliums gehen. Wenn dies \u2013 was erst noch zu begr\u00fcnden ist \u2013 der beabsichtige Schluss des Markusevangeliums ist, wie f\u00fcgt er sich in die theologische Konzeption des Evangeliums ein? Welche Bedeutung und Funktion hat dieses abrupte Ende?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Der Text Mk 16,1\u20138<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1\u00a0Und als vor\u00fcber war der Sabbat, Maria, die Magdalenerin, und Maria, die des Jakobus, und Salome kauften Essenzen, damit kommend sie ihn salbten.\u00a02\u00a0Und sehr fr\u00fch am Ersten der Woche gehen sie zum Grab, als aufgegangen war die Sonne.\u00a03\u00a0Und sie sagten zu sich: Wer wird uns den Stein aus der T\u00fcr des Grabes wegw\u00e4lzen?\u00a04\u00a0Und aufschauend erblicken sie, dass der Stein weggew\u00e4lzt war; denn er war sehr gro\u00df.\u00a05\u00a0Und hineingehend ins Grab, sahen sie einen jungen Mann zur Rechten sitzen, umworfen mit wei\u00dfem Gewand, und sie erschraken.\u00a06\u00a0Der aber sagt ihnen: Erschreckt nicht! Jesus sucht ihr, den Nazarener, den Gekreuzigten; erweckt wurde er, er ist nicht hier; sieh, der Ort, wohin sie ihn legten!\u00a07\u00a0Doch geht fort, sprecht zu seinen J\u00fcngern und zu Petrus: Vorangeht er euch nach Galil\u00e4a; dort werdet ihr ihn sehen, wie er zu euch gesprochen hat.\u00a08\u00a0Und herausgehend flohen sie vom Grab, denn es hielt sie Zittern und Entsetzen; und sie sagten keinem etwas; denn sie f\u00fcrchteten sich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Die Argumente: Das ist der \u201eechte\u201c Markusschluss<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bevor wir uns der Interpretation des Schlusses zuwenden, gilt es zun\u00e4chst, die Frage zu kl\u00e4ren, ob dies \u00fcberhaupt der \u201erichtige\u201c und beabsichtigte Schluss des Markusevangeliums ist. Immer wieder wurden auch andere \u2013 diesen Schluss in Zweifel ziehende \u2013 Thesen vorgebracht, wie etwa: Das letzte Blatt des Markusevangeliums ging verloren. Oder: Der Evangelist starb, bevor er sein Evangelium ordentlich beenden konnte. Oder: Markus verf\u00fcgte \u00fcber keine weiteren Quellen und Notizen und beendete sein Evangelium schlicht und ergreifend dort, wo seine Traditionen aufh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Die genannten Thesen k\u00f6nnen freilich kaum \u00fcberzeugen. Sie werden \u00fcbrigens immer dann \u2013 auch im Fall anderer Schriften des Neuen Testaments \u2013 ins Feld gef\u00fchrt, wenn das Ende eines Werks \u2013 etwa der Apostelgeschichte \u2013 unbefriedigend erscheint und nicht den W\u00fcnschen der Leserinnen und Leser entspricht.<\/p>\n<p>Dem Wunsch, den Markusschluss etwas weicher zu gestalten, verdanken sich auch die beiden anderen Schl\u00fcsse, die \u2013 in den Bibelausgaben oft in Klammern angef\u00fcgt \u2013 existieren: ein Mk 16,8 erg\u00e4nzender k\u00fcrzerer und ein l\u00e4ngerer Schluss.<\/p>\n<p>Der k\u00fcrzere Schluss lautet: \u201eAlles, was ihnen befohlen war, meldeten sie denen um Petrus. Danach aber sandte auch Jesus selbst durch sie vom Aufgang bis zum Niedergang die heilige und unverg\u00e4ngliche Verk\u00fcndigung der ewigen Rettung. Amen.\u201c<\/p>\n<p>Offensichtlich reagiert dieser \u201ek\u00fcrzere\u201c Schluss auf die \u2013 nach der Lekt\u00fcre von Mk 16,1\u20138 \u2013 offene Frage, ob die Frauen den Auftrag des Engels ausf\u00fchrten. Diesen Schluss pr\u00e4gt ein anderer Wortschatz, der so im Markusevangelium kaum zu finden ist. Man denke nur an die Wendungen \u201evom Aufgang bis zum Niedergang\u201c und \u201edie heilige und unverg\u00e4ngliche Verk\u00fcndigung der ewigen Rettung\u201c. Textkritisch wird dieser Schluss von einer altlateinischen Handschrift des 4. oder 5.\u00a0Jahrhunderts bezeugt, die auf eine Vorlage aus dem 3. Jahrhundert zur\u00fcckgehen mag. In der griechischen Text\u00fcberlieferung h\u00e4lt sich dieser Schluss bis ins 13. Jahrhundert hinein.<\/p>\n<p>Neben diesem \u201ek\u00fcrzeren\u201c Schluss existiert auch noch eine \u201el\u00e4ngere\u201c Fassung, die ebenso Mk 16,8 erg\u00e4nzt und inhaltlich erweitert. Dieser \u201el\u00e4ngere\u201c Schluss lautet: \u201e9\u00a0Als er aber fr\u00fchmorgens am ersten Tag der Woche auferstanden war, erschien er zuerst Maria aus Magdala, aus der er sieben D\u00e4monen ausgetrieben hatte.\u00a010\u00a0Die ging und berichtete es denen, die mit ihm gewesen waren und jetzt nur noch weinten und klagten.\u00a011\u00a0Und als sie h\u00f6rten, dass er lebe und von ihr gesehen worden sei, glaubten sie es nicht.\u00a012\u00a0Danach aber zeigte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen, die unterwegs waren aufs Feld hinaus.\u00a013\u00a0Und die gingen und berichteten es den \u00dcbrigen, und auch denen glaubten sie nicht.\u00a014\u00a0Zuletzt zeigte er sich den Elfen, als sie bei Tisch sa\u00dfen, und tadelte ihren Unglauben und ihre Hartherzigkeit, weil sie denen, die ihn als Auferweckten gesehen hatten, nicht geglaubt hatten.\u00a015\u00a0Und er sagte zu ihnen: Geht hin in alle Welt und verk\u00fcndigt das Evangelium aller Kreatur.\u00a016\u00a0Wer zum Glauben kommt und getauft wird, wird gerettet werden, wer aber nicht zum Glauben kommt, wird verurteilt werden.\u00a017\u00a0Denen aber, die zum Glauben kommen, werden diese Zeichen folgen: In meinem Namen werden sie D\u00e4monen austreiben, in neuen Sprachen werden sie reden,\u00a018\u00a0Schlangen werden sie mit blo\u00dfen H\u00e4nden aufheben, und t\u00f6dliches Gift, das sie trinken, wird ihnen nicht schaden, Kranke, denen sie die H\u00e4nde auflegen, werden gesund werden.\u00a019\u00a0Nachdem nun der Herr, Jesus, zu ihnen geredet hatte, wurde er in den Himmel emporgehoben und setzte sich zur Rechten Gottes.\u00a020\u00a0Sie aber zogen aus und verk\u00fcndigten \u00fcberall. Und der Herr wirkte mit und bekr\u00e4ftigte das Wort durch die Zeichen, die dabei geschahen.\u201c<\/p>\n<p>Dieser Schluss wird von Iren\u00e4us bezeugt und breitet sich ab dem Ende des 2. Jahrhunderts aus. Letztlich stellt dieses Ende eine freie Synthese aus den Schl\u00fcssen der anderen Evangelien dar. Die Ankl\u00e4nge sind kaum zu \u00fcberh\u00f6ren: Mk 16,9 spielt auf Joh 20,11\u201318 und die Begegnung zwischen dem Auferstandenen und Maria Magdalena an; Mk 16,12\u201313 fasst die Emmaus-Erz\u00e4hlung in Lk 24,13\u201335 zusammen; Mk 16,17\u201318 res\u00fcmiert die Wundererz\u00e4hlungen in der Apostelgeschichte, w\u00e4hrend Mk 16,19 von der Aufnahme Jesu in den Himmel spricht und fast w\u00f6rtlich Lk 24,51 zitiert.<\/p>\n<p>Im Hintergrund des \u201el\u00e4ngeren\u201c Schluss d\u00fcrfte abermals eine starke Unzufriedenheit gegen\u00fcber Mk 16,8 stehen: Das abrupte Ende wird um bekannte Traditionen aus den anderen Ostererz\u00e4hlungen erg\u00e4nzt, die offene Fragen des Markusschlusses kl\u00e4ren und dem \u00e4ltesten Evangelium eine thematisch abgeschlossene Rundung verleihen sollen.<\/p>\n<p>Das Ende des Markusevangeliums mit Mk 16,8 dagegen wird von den \u00e4ltesten und in der textkritischen Forschung als qualitativ hochwertig eingesch\u00e4tzten Handschriften bezeugt: dem Codex Vaticanus und dem Codex Sinaiticus, die aus dem 4. Jahrhundert stammen. Entscheidend ist auch der Hinweis, dass die Seitenreferenten \u2013 das Matth\u00e4us- und das Lukasevangelium \u2013 der Markus-Vorlage nur bis Mk 16,8 folgen und danach eigene Wege gehen. Dem Matth\u00e4us- und dem Lukasevangelium d\u00fcrfte also das Markusevangelium nur bis Mk 16,8 vorgelegen haben und bekannt gewesen sein. Auch in den sonstigen Handschriften enden die Kanonzahlen bei Mk 16,8, \u00fcbrigens sogar dann, wenn der k\u00fcrzere und der l\u00e4ngere Schluss hinzugef\u00fcgt werden. Zudem setzen Clemens von Alexandrien, Origenes, Euseb und Hieronymus in ihren Kommentaren zum Markusevangelium Mk 16,8 als Schluss des Evangeliums voraus.<\/p>\n<p>Die Benutzung des Markusevangeliums durch die Seitenreferenten nur bis Mk 16,8, die Kirchenv\u00e4tertradition und die handschriftliche Bezeugung, aber auch der sich sonst vom Markusevangelium unterscheidende Stil und Wortschatz des k\u00fcrzeren und l\u00e4ngeren Markus-Schlusses belegen: Mit Mk 16,8 stehen wir vor dem urspr\u00fcnglichen und wohl auch vom Evangelisten beabsichtigten Ende des Markusevangeliums. Diesen Schluss gilt es zu interpretieren, auch wenn er Leserinnen und Lesern sperrig und schwer verst\u00e4ndlich erscheinen mag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Der Kontext und die Gliederung: Erste Verst\u00e4ndnisschl\u00fcssel<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der Grablegung Jesu beginnt mit Mk 16,1 eine neue Erz\u00e4hleinheit, die aber gut mit den vorab erz\u00e4hlten Ereignissen verbunden und in den Kontext eingebettet ist. So werden in Mk 15,40.41.47 die Frauen eigens als Zeuginnen der Grablegung Jesu erw\u00e4hnt. Sie begeben sich nun, am ersten Tag der Woche, zum Grab Jesu, um den Leichnam Jesu zu salben. Das erinnert an die vor der Passion erz\u00e4hlte Salbung Jesu in Betanien (Mk 14,3\u20139): Die Salbung wird also \u2013 nachdem sie angesichts der Auferweckung Jesu nicht mehr n\u00f6tig ist \u2013 vorweggenommen. Die Salbung in Betanien weist auf Jesu Tod voraus, w\u00e4hrend die buchst\u00e4blich ins Leere laufende Salbungsabsicht der Frauen am Ostermorgen die Auferweckung Jesu illustriert.<\/p>\n<p>Bereits vor Beginn der Passion Jesu wurde eine Erscheinung Jesu nach seiner Auferweckung in Galil\u00e4a angek\u00fcndigt (Mk 14,28). Diese Begegnung in Galil\u00e4a wird nun in Mk 16,7 aufgegriffen und erneut best\u00e4tigt. Auch die Hervorhebung von Petrus in Mk 16,7 weist auf dessen Verleugnung in Mk 14,66\u201372 zur\u00fcck, die von Jesus in Mk 14,30 vorhergesehen wurde.<\/p>\n<p>Dabei schildert Mk 16,1\u20133 in einem ersten Teil die Situation: Die Frauen machen sich zum Grab Jesu auf, um den Leichnam Jesu zu salben. W\u00e4hrend ihres Gangs zum Grab besch\u00e4ftigt sie die Frage, wer ihnen den Stein vor dem Grab wegw\u00e4lzen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>In Mk 16,4 finden die Frauen das leere Grab Jesu. Der Stein wurde bereits weggew\u00e4lzt. Die Botschaft des jungen Mannes in Mk 16,5\u20137 bietet die Deutung des leeren Grabes: Jesus wurde erweckt. Daran schlie\u00dft sich unmittelbar der Auftrag an, den J\u00fcngern und insbesondere dem Petrus diese Botschaft zu \u00fcbermitteln und nach Galil\u00e4a zu gehen. Dort l\u00e4sst sich Jesus \u2013 wie er selbst angek\u00fcndigt hat \u2013 sehen.<\/p>\n<p>Mk 16,8 schildert die Reaktion der Frauen: Sie fliehen in Angst und Schweigen vom Grab. Fast lapidar wird \u2013 am Ende des Evangeliums \u2013 nochmals der Grund f\u00fcr die Reaktion der Frauen angegeben: \u201edenn sie f\u00fcrchteten sich\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Zur Einzelauslegung: Girlanden um die gro\u00dfen Worte<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vers 1 setzt eine deutliche Z\u00e4sur. Der Sabbat ist vor\u00fcber. Der Gang zum Grab leitet eine neue Phase der Trauer und des Abschiednehmens ein. Den Bezug zur Kreuzigung und Grablegung Jesu stellen die Frauen her, die hier wie dort namentlich erw\u00e4hnt werden. Sie fungieren als Kontinuit\u00e4tsgaranten und zuverl\u00e4ssige Zeuginnen: Sie haben den Tod und die Bestattung Jesu miterlebt. Nachdem die J\u00fcnger geflohen sind, sind sie die ersten Zeuginnen der Auferweckung Jesu. Mit der Nennung der Frauen mag das Markusevangelium auch ein apologetisches Ziel verfolgen: Eine T\u00e4uschung ist unm\u00f6glich. Das Zeugnis der Frauen ist zuverl\u00e4ssig, da sie doch das Sterben Jesu mitverfolgt haben und den Ort seiner Bestattung kennen.<\/p>\n<p>Eine Doppelung stellen die Bemerkungen \u201esehr fr\u00fch am Ersten der Woche\u201c und \u201eals aufgegangen war die Sonne\u201c dar. Sollte es sich bei dieser tautologischen Beschreibung um einen metaphorischen Hinweis auf die Auferweckung Jesu handeln? Auf die Dunkelheit des Karfreitags (Mk 15,33) folgt der helle Ostermorgen. Zudem ist \u2013 biblisch gesprochen \u2013 der fr\u00fche Morgen der Zeitpunkt des g\u00f6ttlichen Eingreifens: \u201eGott hilft, wenn der Morgen anbricht.\u201c (Ps 46,6, vgl. auch Ps 30,6; 143,8)<\/p>\n<p>Die Frauen sind aufgew\u00fchlt, was auch die Zeitform \u2013 das Verb im Imperfekt \u2013 deutlich zum Ausdruck bringt: Die ganze Zeit \u00fcber besch\u00e4ftigt sie die Frage, wer ihnen den Stein vom Eingang des Grabes wegw\u00e4lzen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Der Stein vor der Grabkammer wurde bereits in Mk\u00a015,46 erw\u00e4hnt. Hier wird die Gr\u00f6\u00dfe des Steins eindrucksvoll herausgestellt. Die Gr\u00f6\u00dfe des Steins demons-<br \/>\ntriert schlie\u00dflich die Gr\u00f6\u00dfe des Wunders und des g\u00f6ttlichen Eingriffs, da die Frauen von sich aus nicht f\u00e4hig waren, den Stein wegzuw\u00e4lzen. Die Passivform darf als\u00a0passivum divinum\u00a0verstanden werden: Hinter der Wendung steht Gott, der gehandelt und Jesus auferweckt hat.<\/p>\n<p>Wie in Echtzeit \u2013 im Pr\u00e4\u00adsens beschrieben \u2013 schildert Vers 4 das Aufblicken der Frauen. Auch dies darf als eine metaphorische Anspielung gelten: An die Stelle der niedergedr\u00fcckten Depression des Karfreitags tritt nun die aufrichtende Botschaft des Ostermorgens. Die Frauen richten sich regelrecht auf.<\/p>\n<p>Vers 5 beschreibt mit wenigen, aber aussagekr\u00e4ftigen Wendungen den jungen Mann, dem die Frauen in der Grabkammer begegnen. Letztlich repr\u00e4sentiert der Mann fig\u00fcrlich die Osterbotschaft. Er wird auf der rechten Seite \u2013 der Seite der Macht \u2013 verortet. Er ist mit einem wei\u00dfen Gewand umh\u00fcllt, das ihn der Sph\u00e4re Gottes zuordnet. Das wei\u00dfe Gewand ist Zeichen der Reinheit und der W\u00fcrde. Auch sein junges Alter d\u00fcrfte den Inhalt seiner Worte unterstreichen: Wie die Botschaft, die er verk\u00fcndigt, strotzt er selbst vor Leben. Zudem verf\u00fcgt er \u00fcber ein transzendentes Wissen: Er blickt den Frauen ins Herz, wei\u00df um ihre Angst und ihr Vorhaben, Jesus salben zu wollen. Der junge Mann bringt die Auferweckungsbotschaft im Wort und in seiner Person zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Festzuhalten bleibt, dass das leere Grab allein kein zureichendes Argument f\u00fcr die Auferweckung Jesu ist. Das Grab ist allenfalls ein Zeichen. Es muss mit einer guten Botschaft erf\u00fcllt, es muss gedeutet werden. So wird es zum sprechenden Zeichen.<\/p>\n<p>Zur Kreuzestheologie des Markusevangeliums passt die genaue Identifikation Jesu: Der junge Mann nennt Jesus den Nazarener, den Gekreuzigten. Bevor die Osterbotschaft erklingt, wird nochmals an den irdischen, leidenden und gekreuzigten Jesus erinnert. Leben, Wirken und Tod Jesu geh\u00f6ren zusammen. Die Bedeutung von Ostern l\u00e4sst sich nur auf dem Hintergrund der vorangegangenen Kreuzigung Jesu vollends verstehen.<\/p>\n<p>Die Auferweckung Jesu wird in einer Formulierung, die Gott als Handelnden erkennen l\u00e4sst, ausgedr\u00fcckt: Jesus wurde erweckt. Die Passivform ist auch f\u00fcr das urchristliche Bekenntnis entscheidend. Gott hat am toten Jesus gehandelt und ihn erweckt (1 Kor 15,4). So hoffen auch die fr\u00fchen Christen, wie Jesus von Gott auferweckt zu werden (1 Kor 6,14; 2 Kor 4,14).<\/p>\n<p>In pr\u00e4gnanter K\u00fcrze wird die Osterbotschaft \u2013 in nur einem Halbsatz \u2013 verk\u00fcndet. Daran schlie\u00dft sich mit Vers 7 ein Auftrag an. Fast scheint es, als wolle der junge Mann die Frauen regelrecht vom Grab Jesu fortscheuchen: Was sucht ihr noch hier? Kaum ist die Osterkerze angez\u00fcndet, wird sie nach Galil\u00e4a getragen: hinein in den Alltag, hinein ins Leben.<\/p>\n<p>Neben den J\u00fcngern wird Petrus eigens erw\u00e4hnt und \u2013 angesichts seiner Verleugnung \u2013 rehabilitiert. Die Nennung von Petrus d\u00fcrfte auch durch seine Rolle im J\u00fcngerkreis und seine Sprecherfunktion veranlasst sein: Mit allen J\u00fcngern gilt vor allen Dingen ihm die Botschaft des Ostermorgens.<\/p>\n<p>Wie schon zu Lebzeiten geht nun auch der auferweckte Jesus den J\u00fcngern voran. Konkret hei\u00dft dies: Ostern macht die Nachfolge wieder m\u00f6glich. Die ver\u00e4ngstigten und geflohenen J\u00fcnger sollen wieder in die Nachfolge eintreten: Jesus geht ihnen voraus nach Galil\u00e4a.<\/p>\n<p>Galil\u00e4a fungiert im Markusevangelium als theologische Chiffre: Dort wurde das Evangelium zuerst verk\u00fcndet. Galil\u00e4a ist die Heimat der J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger, der Ort ihrer Familien und Berufe, ein Ort des Alltags. Ostern also wirkt sich \u2013 zun\u00e4chst und vor allen Dingen \u2013 im Alltag aus. Ostern ist f\u00fcr das Leben da.<\/p>\n<p>Das Sehen des Auferweckten d\u00fcrfte ganz grundlegend und bedeutungsbreit zu verstehen sein. Der Auferweckte l\u00e4sst sich im Leben und im Alltag der J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger erfahren. Im Alltag ist er an ihrer Seite. Dort in Galil\u00e4a wirkt sich Ostern aus.<\/p>\n<p>Vers 8 bietet die Reaktion der Frauen: Flucht und blankes Entsetzen. Besonders intensiv wurde in der Forschung das Schweigen der Frauen diskutiert, das deutlich herausgestellt wird: Die Frauen sagen nichts zu niemandem. Handelt es sich dabei um ein befristetes oder ein unbefristetes und dauerhaftes Schweigen? Die Tatsache, dass es das Evangelium gibt, macht sicher deutlich, dass die Frauen wieder Worte fanden und dem Auftrag nachkamen, den J\u00fcngern die Osterbotschaft zu \u00fcbermitteln.<\/p>\n<p>Vers 8 stellt eine Best\u00e4tigung der Verse 6 und 7 dar und sollte nicht als der eigentliche Abschluss der Erz\u00e4hl\u00adeinheit verstanden werden. Die Reaktion der Frauen f\u00fcgt sich gut in die Darstellungsweise des Markusevangeliums ein. Furcht und Schweigen sind die passende Reaktion der Frauen auf das Geh\u00f6rte. Oder anders: Auch an der Wirkung l\u00e4sst sich die Auferweckungsbotschaft erkennen und ermessen. Die Reaktion der Frauen ist Teil der theologischen Geb\u00e4rdensprache des Markusevangeliums: Angst, Furcht und Erstaunen demonstrieren den g\u00f6ttlichen Eingriff.<\/p>\n<p>Julius Wellhausen best\u00e4tigt die Funktion von Mk 16,8, wenn er schreibt: \u201eMit 16,8 endet das Evangelium Marci. Die meisten Ausleger sind damit nicht zufrieden und nehmen an, da\u00df der Verfasser an der Vollendung seiner Schrift verhindert oder da\u00df urspr\u00fcnglich noch mehr gefolgt sei, was sp\u00e4ter aus irgend welchen Gr\u00fcnden der Zensur zum Opfer fiel. Sie haben 16,4 nicht verstanden. Es fehlt nichts; es w\u00e4re schade, wenn noch etwas hinterher k\u00e4me.\u201c (Das Evangelium Marci, Berlin 21909, 137) Insofern l\u00e4sst sich sagen: Eigentlich endet das Markusevangelium mit der \u2013 zugegebenerma\u00dfen kurzen \u2013 Verk\u00fcndigung der Auferweckung Jesu. Den Schluss stellen Mk 16,4 bzw. Mk 16,6\u20137 dar. Die Reaktion der Frauen best\u00e4tigt dies. Mk 16,8 ist der sinnenf\u00e4llige Beweis: der stilgem\u00e4\u00dfe Reflex auf die vernommene Osterbotschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Zum Weitergehen: Ein \u201emarkinisches\u201c Ostern<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Offensichtlich hatten die Adressaten des Markusevangeliums mit der Osterbotschaft wenig Probleme. Sie geh\u00f6rt zum Markusevangelium hinzu \u2013 zweifellos. Doch sie bleibt auf ein notwendiges Minimum beschr\u00e4nkt. Dagegen wird im Markusevangelium die Kreuzigung Jesu umso ausf\u00fchrlicher beschrieben und behandelt. Nicht von ungef\u00e4hr wurde das Markusevangelium von Martin K\u00e4hler eine \u201ePassionserz\u00e4hlung mit ausf\u00fchrlicher Einleitung\u201c genannt. Selbst in der Ostererz\u00e4hlung erinnert das Markusevangelium noch an Jesus, den Nazarener und Gekreuzigten. Damit unterstreicht Markus, was Ostern bedeutet: Ostern setzt das Kreuz, die Kreuzwege und Leidenserfahrungen in ein neues Licht. Dieser Jesus kennt das Kreuz und wird im Markusevangelium als der Gekreuzigte und Auferweckte dargestellt: nicht als ein strahlender Held, der die Niederungen des Lebens nicht kennt oder gar meidet. Als Leidender und Gekreuzigter zehrt er \u2013 wie die Adressaten des Evangeliums \u2013 von der rettenden Macht Gottes.<\/p>\n<p>Dies passt denn auch zu der im Markusevangelium eigens hervorgehobenen Sto\u00dfrichtung der Osterbotschaft: Geht zur\u00fcck nach Galil\u00e4a! Dort, mitten im Alltag, soll sich Ostern bewahrheiten und auswirken. Nicht im alltagsfernen Vorraum des Grabes hat sich der Osterglaube zu erweisen, sondern in der Nachfolge Jesu: zur\u00fcck im grauen und gew\u00f6hnlichen Alltag und Leben.<\/p>\n<p>Das Markusevangelium endet offen. Es wird keineswegs alles erz\u00e4hlt. Eine Begegnung mit Jesus wird zwar angek\u00fcndigt, aber nicht geschildert. Den Auftrag des jungen Mannes f\u00fchren die Frauen in der erz\u00e4hlten Welt des Markusevangeliums nicht aus. Es bleibt noch viel zu tun, zu erleben und zu erfahren.<\/p>\n<p>Der offene Schluss des Markusevangeliums aktiviert die Leserinnen und Leser. Anstelle der Frauen sollen sie Worte finden und zu Verk\u00fcndigern der Osterbotschaft werden. Wie die J\u00fcnger k\u00f6nnen auch sie dem Auferweckten begegnen im Galil\u00e4a ihres Lebens.<\/p>\n<p>Das Markusevangelium endet offen, weil es auf Fortsetzung angelegt ist und auf die aktive Mitwirkung der Adressaten baut. Der Schluss des Markusevangeliums will zu einem neuen Anfang im Leben der Leserinnen und Leser werden. Am Ende ist alles gesagt, aber doch auch alles erst noch zu tun:<br \/>\nDas Evangelium will hinein in das Leben der Adressaten.<\/p>\n<p>Hier \u00fcbersteigt die Gattung Evangelium auch alle sie pr\u00e4genden literarischen Vorbilder und Vergleichstexte: alle Kaiserviten und Heldenepen. Die Evangelien \u2013 und allen voran das Markusevangelium \u2013 bleiben eben nicht nur anamnetisch, erinnernd: Sie zielen ins Pr\u00e4sens. Kein Evangelium \u2013 auch nicht das Matth\u00e4us-, Lukas- oder Johannesevangelium \u2013 schlie\u00dft vollends ab. Jedes Evangelium \u00f6ffnet sich auf einen neuen Anfang hin. Der Schluss ist der Ansatzpunkt der Leserinnen und Leser. Insofern gilt f\u00fcr das Ende des Markusevangeliums, was Thomas Stearns Eliot in seinem Gedicht\u00a0Little Gidding\u00a0zum Ausdruck bringt: \u201eWhat we call the beginning is often the end \/ And to make an end is to make a beginning. \/ The end is where we start from.\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schluss des Markusevangeliums hat hitzige Diskussionen ausgel\u00f6st. Unzufriedenheit macht sich breit: Erstaunt und ern\u00fcchtert stehen Leserinnen und Leser, Forscherinnen und Forscher vor den vermutlich letzten Worten des \u00e4ltesten Evangeliums. Schnell wurde die kritische Frage laut, ob Mk 16,8 \u00fcberhaupt den urspr\u00fcnglichen, vom Verfasser vorgesehenen Schluss darstellt. 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