{"id":127456,"date":"2026-07-09T11:24:00","date_gmt":"2026-07-09T09:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=127456"},"modified":"2026-07-09T11:24:04","modified_gmt":"2026-07-09T09:24:04","slug":"der-briefwechsel-der-polnischen-und-deutschen-bischoefe-von-1965-ein-meilenstein-der-deutsch-polnischen-nachbarschaft","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/der-briefwechsel-der-polnischen-und-deutschen-bischoefe-von-1965-ein-meilenstein-der-deutsch-polnischen-nachbarschaft\/","title":{"rendered":"Der Briefwechsel der polnischen und deutschen Bisch\u00f6fe von 1965"},"content":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Frau Prof. Schwan, sehr geehrter Herr Dr. \u017burek, sehr geehrte Damen und Herren, wir begehen in diesem Jahr den 60. Jahrestag eines Briefwechsels, der Geschichte gemacht hat. Herr Dr. \u017burek hat schon Wesentliches dazu erl\u00e4utert. Einleitend werde ich die historischen Hintergr\u00fcnde in Erinnerung rufen und dann vor allem die Bedeutung der Briefe f\u00fcr uns heute in den Blick nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Wie kam es zu diesem Briefwechsel?<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mitten im Kalten Krieg, aber gepr\u00e4gt von pers\u00f6nlichen Begegnungen beim Zweiten Vatikanischen Konzil, sprachen die polnischen Bisch\u00f6fe drei Wochen vor dessen feierlichem Abschluss am 18. November 1965 eine schriftliche Einladung zur Tausend-Jahr-Feier der Christianisierung Polens an die Bisch\u00f6fe in beiden deutschen Staaten aus. \u00c4hnliche Schreiben gingen auch an andere Bischofskonferenzen, denen man sich durch geschichtliche Ereignisse verbunden f\u00fchlte. Ebenso wurde Papst Paul VI. zum Jubil\u00e4um eingeladen. In der br\u00fcderlichen Atmosph\u00e4re des \u00f6kumenischen Konzils war wohl die Gewissheit gereift, dass man ein solches Fest nicht nur in nationaler Selbstgen\u00fcgsamkeit begehen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Doch der Brief an die Bisch\u00f6fe in beiden deutschen Staaten stellt in mehrfacher Hinsicht einen bemerkenswerten Vorgang dar:<\/p>\n<ul>\n<li>Er wurde in der Sprache des Adressaten, also auf Deutsch, verfasst.<\/li>\n<li>Er wurde in Rom geschrieben und abgeschickt, also der Kontrolle des kommunistischen Staatsapparates entzogen, aber damit zugleich auch der polnischen \u00d6ffentlichkeit!<\/li>\n<li>Vor allem aber war dieser Brief deutlich umfangreicher als die anderen Einladungsschreiben: Er beginnt mit einem historischen Abriss \u00fcber die gemeinsame christliche Geschichte in Polen und Deutschland. Neben Herrscherpers\u00f6nlichkeiten und herausragenden K\u00fcnstlern, die wie z. B. Veit Sto\u00df in beiden L\u00e4ndern t\u00e4tig waren, werden zahlreiche v\u00f6lkerverbindende Heilige namentlich genannt. Unter ihnen nimmt die heilige Hedwig von Andechs, die durch Heirat Herzogin von Schlesien wurde, eine besonders wichtige Stellung ein, ja es hei\u00dft sogar: \u201eNiemand macht unserer gro\u00dfen Landesheiligen den Vorwurf, dass sie deutschen Gebl\u00fctes war; im Gegenteil, man sieht sie allgemein (\u2026) als den besten Ausdruck eines christlichen Br\u00fcckenbaues zwischen Polen und Deutschland an, wobei wir uns freuen, auch auf deutscher Seite recht oft dieselbe Meinung zu h\u00f6ren.\u201c Dar\u00fcber hinaus wird die Krakauer Jagiellonenuniversit\u00e4t als Hochschule von europ\u00e4ischer Strahlkraft beschworen, nicht ohne dann die \u201efurchtbare Nacht\u201c der Teilung Polens bis hin zu Vernichtung von sechs Millionen polnischer Staatsb\u00fcrger w\u00e4hrend der \u201edeutschen Okkupationszeit\u201c freim\u00fctig zu benennen und um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das anhaltende Misstrauen in der eigenen Bev\u00f6lkerung zu werben. Nach dem Hinweis, dass die Milleniumsfeier der Christianisierung mit einer neunj\u00e4hrigen Vorbereitung auch der religi\u00f6sen Erneuerung diente und in einer Marienweihe ihren Abschluss fand, werden die deutschen Bisch\u00f6fe darum gebeten, \u201emitzufeiern\u201c und \u201eden evangelischen Br\u00fcdern\u201c Gru\u00df und Dank zu \u00fcbermitteln.<\/li>\n<li>Der Brief gipfelt schlie\u00dflich in der Aussage: \u201eIn diesem allerchristlichsten und zugleich sehr menschlichen Geist strecken wir unsere H\u00e4nde zu Ihnen hin in den B\u00e4nken des zu Ende gehenden Konzils, gew\u00e4hren Vergebung und bitten um Vergebung.\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese mutige Geste der Vers\u00f6hnung, zu einem Zeitpunkt, als die Menschen diesseits und jenseits der Oder-Nei\u00dfe-Grenze bzw. der Mauer zwischen beiden deutschen Staaten kaum zu einem vergleichbaren Zeichen bereit waren, sowie die entsprechende Antwort der deutschen Bisch\u00f6fe vom 5. Dezember 1965 stellen eine zentrale Wegmarke dar in dem immer noch andauernden Auss\u00f6hnungsprozess zwischen Deutschen und Polen!<\/p>\n<p>Im Mai diesen Jahres durfte ich in K\u00f6ln zusammen mit polnischen Mitbr\u00fcdern den Originalbrief der Nachbarn in Augenschein nehmen. Dabei wurden unter uns viele Erinnerungen an manche der damaligen Unterzeichner wach \u2013 vom seligen Kardinal Stefan Wyszy\u0144ski bis zum jungen Krakauer Erzbischof Karol Wojty\u0142a, dem sp\u00e4teren Papst Johannes Paul II.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Boles\u0142aw Kominek: Initiator und zentraler Autor<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einer der Initiatoren und wohl auch der zentrale Autor des Briefes war Boles\u0142aw Kominek, der sp\u00e4tere Erzbischof von Breslau. Bereits seine Lebensgeschichte bietet wichtige Hinweise auf Motivation und Kontext des Briefes vom 18. November:<\/p>\n<p>1.\u00a0Geboren am 23. Dezember 1903 in Oberschlesien nahe der tschechischen Grenze wuchs Kominek zweisprachig auf. Seine Heimat zeichnete sich durch das kulturelle Miteinander von deutsch- und polnischsprachigen Mitb\u00fcrgern aus, einem in langen Phasen der Geschichte fruchtbaren Austausch von Einfl\u00fcssen und Ideen. Zweifellos lassen sich in Komineks Pr\u00e4gung \u00dcbereinstimmungen mit zeitgen\u00f6ssischen Pers\u00f6nlichkeiten anderer Nationalit\u00e4t feststellen, die sich nach den beiden Weltkriegen ebenso f\u00fcr Frieden und Vers\u00f6hnung einsetzten: Auch Charles de Gaulle, Alcide de Gasperi und Robert Schuman waren in mehr als einer Kultur zuhause.<\/p>\n<p>Obwohl bereits im August 1945 vom polnischen Primas August Kardinal Hlond zum Apostolischen Administrator von Oppeln und 1951 von Papst Pius XII. zum de facto-Weihbischof von Breslau ernannt, durfte Kominek die drei Jahre sp\u00e4ter heimlich erfolgte Bischofsweihe bis 1956 nicht \u00f6ffentlich machen. Als Weihbischof nahm er danach zwar seinen Wohnsitz in Breslau, das Erzbistum jedoch wurde vom Heiligen Stuhl noch lange offiziell als deutsches gef\u00fchrt. Erst nachdem er 1962 von Johannes XXIII. zum Titularerzbischof von Euchaitae ernannt worden war, konnte Kominek am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnehmen.<\/p>\n<p>2. Die politische Situation im kommunistischen Nachkriegspolen, vor allem in den ehemals deutschen Gebieten, war \u00e4u\u00dferst schwierig: Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der gr\u00f6\u00dfte Teil des urspr\u00fcnglichen Territoriums des Erzbistums Breslau in der Volksrepublik Polen. Nur ein kleiner Teil westlich der Oder-Nei\u00dfe-Grenze geh\u00f6rte zum Staatsgebiet der DDR und wurde 1994 zum selbst\u00e4ndigen Bistum G\u00f6rlitz erhoben. Einige angestammte Gebiete wurden nach 1945 dem Erzbistum Olm\u00fctz in der CSSR zugeschlagen.<\/p>\n<p>Nach dem Tod Kardinal Bertrams im Juli 1945 durfte kein neuer Breslauer Erzbischof gew\u00e4hlt werden. Auch die Amtsaus\u00fcbung der vier von Kardinal Hlond eingesetzten Administratoren f\u00fcr die ehemals ostdeutschen Kirchenprovinzen wurde behindert, wo immer es ging. Erst 1972 kam es zu einer Neuordnung der Di\u00f6zesen durch den Heiligen Stuhl: Kominek wurde von Paul VI. zum Erzbischof von Breslau ernannt und ein Jahr sp\u00e4ter zum Kardinal erhoben. Doch er starb bereits am 10.\u00a0M\u00e4rz 1974. \u2013 Seine Zeit an der Spitze des Erzbistums Breslau war also g\u00e4nzlich von der Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Regime gepr\u00e4gt. Er musste seine Worte gut abw\u00e4gen, um weder sich noch andere in Gefahr zu bringen. Diese diplomatische F\u00e4higkeit l\u00e4sst sich auch in dem Brief an die deutschen Bisch\u00f6fe erkennen.<\/p>\n<p>3.\u00a0Nicht zuletzt machte Erzbischof Kominek auch w\u00e4hrend seiner priesterlichen Seelsorget\u00e4tigkeit \u00e4u\u00dferst belastende Erfahrungen: Beschenkt mit einer tiefen, von regionalen Traditionen gepr\u00e4gten Fr\u00f6mmigkeit, bekam er fr\u00fch Gelegenheit, \u00fcber den Kirchturm hinaus zu blicken. Zu Beginn seines beruflichen Einsatzes wechselten Stationen als einfacher Seelsorger und Phasen akademischer Ausbildung einander ab. Als junger Priester lebte er f\u00fcr kurze Zeit in Paris und lernte die N\u00f6te der polnischen Exilanten und Arbeitsmigranten kennen. W\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges betreute er in Schlesien auch Kriegsgefangene und H\u00e4ftlinge in Konzentrationslagern. Um angesichts solch grausamer Erlebnisse nicht zu verzweifeln, bedurfte es eines starken Glaubens an das Gute im Menschen. Als Seelsorger war Kominek zutiefst \u00fcberzeugt, dass die Spirale von Hass und Rache nur durch die Bereitschaft zu verzeihen durchbrochen werden konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Reaktionen in Ost- und Westdeutschland<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Brief aus Polen war an alle deutschen Bisch\u00f6fe in Ost und West gerichtet und traf Mitte der 60er Jahre auf eine sehr ungleiche ideologische und wirtschaftliche Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>In der DDR hatte man den Terminus \u201eVertreibung\u201c tabuisiert; statt von Heimatvertriebenen sprach man von \u201eUmsiedlern\u201c. Zwang und Gewalt wurden folglich unter dem Deckmantel vorgeblicher Freiwilligkeit verborgen.<br \/>\nNach sozialistischer Sprachregelung war 1965 diese Bev\u00f6lkerungsgruppe l\u00e4ngst zu Neub\u00fcrgern geworden. Daher wurde jede Form von Reparationsforderungen an die \u201eBruderstaaten\u201c rigoros unterbunden. Die ostdeutschen Bisch\u00f6fe, namentlich ist besonders der G\u00f6rlitzer Weihbischof Gerhard Schaffran zu erw\u00e4hnen, hatten also eine ungleich schwierigere Ausgangsposition als die Bisch\u00f6fe in Westdeutschland.<\/p>\n<p>Hierzulande spielten die Vertriebenenverb\u00e4nde bereits seit knapp zwei Jahrzehnten eine wichtige innenpolitische Rolle. Deren Widerstand hatte bereits die im Oktober 1965 ver\u00f6ffentlichte sogenannte \u201eOstdenkschrift\u201c des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland herausgefordert, in der nahegelegt wurde, den Rechtsanspruch auf die Gebiete jenseits der Oder-Nei\u00dfe-Grenze aufzugeben und damit einen zentralen Schritt hin zu einer europ\u00e4ischen Friedensordnung zu tun. Die Reaktionen auf diesen Vorschlag waren auch in der Bev\u00f6lkerung \u00fcberwiegend ablehnend. Daher gingen die westdeutschen Bisch\u00f6fe davon aus, dass alle Vers\u00f6hnungsschritte, die eine Anerkennung der Realit\u00e4t bedeuteten, von einem ma\u00dfgeblichen Teil der Gesellschaft nicht akzeptiert w\u00fcrden. Die gemeinsame Antwort der deutschen Bisch\u00f6fe fiel dementsprechend vorsichtig aus und musste die Katholiken, ja die gesamte Bev\u00f6lkerung Polens zwangsl\u00e4ufig entt\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich l\u00f6ste die mutige Brief-Initiative auch im polnischen Nachbarland vorerst nur Repressalien aus: Was als Einladung zu einer supranationalen religi\u00f6sen Jubil\u00e4umsfeier gedacht war, wurde von der kommunistischen Regierung als unrechtm\u00e4\u00dfige kirchliche Einmischung in die Au\u00dfenpolitik interpretiert und f\u00fchrte zu massiven Beschr\u00e4nkungen. G\u00e4ste aus dem Ausland wurden nicht zugelassen und allen geladenen Bischofskonferenzen blieb nichts anderes \u00fcbrig, als zu solidarischem Gebet f\u00fcr die Katholiken Polens aufzurufen. Die polnischen Bisch\u00f6fe mussten sich f\u00fcr ihren unabgesprochenen Schritt zur Vers\u00f6hnung selbst vor den<br \/>\nGl\u00e4ubigen rechtfertigen.<\/p>\n<p>Mittelfristig bereitete dieser Briefwechsel jedoch den Weg zu den Ostvertr\u00e4gen des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt sowie zu einer offeneren Diskussion \u00fcber die Faktizit\u00e4t der Grenzen und die Notwendigkeit eines Vers\u00f6hnungsprozesses auch mit den Staaten jenseits des Eisernen Vorhangs. Au\u00dferdem gab diese Entwicklung sowohl in der Bundesrepublik wie in der DDR Vereinen und Stiftungen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, Vers\u00f6hnung und Begegnung zu f\u00f6rdern, gro\u00dfen Auftrieb. Exemplarisch genannt seien Pax Christi (gegr. 1944 in Frankreich als \u201eGebetskreuzzug f\u00fcr die Bekehrung Deutschlands\u201c), Aktion S\u00fchnezeichen e. V. (gegr. 1958) sowie das Maximilian-Kolbe-Werk, das 1973 vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken und dreizehn katholischen Verb\u00e4nden gegr\u00fcndet wurde, mit dem Ziel, \u201ezur Verst\u00e4ndigung und Vers\u00f6hnung zwischen dem polnischen und deutschen Volk, aber auch mit anderen L\u00e4ndern Mittel- und Osteuropas, beizutragen\u201c. 2007 entstand daraus die Maximilian-Kolbe-Stiftung als gemeinsames Projekt der deutschen und polnischen Bischofskonferenzen, als deren Vorsitzender im Stiftungsrat ich mit meinem polnischen Mitbruder die segensreiche Arbeit begleiten darf.<\/p>\n<p>Derartige Initiativen versorgten in den Jahrzehnten bis zum Fall des Eisernen Vorhangs nicht nur die Christen mit Informationen und materiellen G\u00fctern, sondern kn\u00fcpften zuverl\u00e4ssige Beziehungen. Nebenbei bemerkt war es in den 1970er Jahren f\u00fcr Christen aus beiden deutschen Staaten leichter, sich in Polen zu treffen als in einem ihrer jeweiligen Herkunftsl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Langfristig erwuchsen aus solchem, in der Hauptsache ehrenamtlichen Engagement etablierte Begegnungstraditionen wie z. B. j\u00e4hrliche Gedenkgottesdienste auf dem KZ-Gel\u00e4nde Dachau zu Ehren der dort inhaftierten 40.000 Polen, davon 1.800 Priester als der gr\u00f6\u00dften \u00adnationalen \u00adH\u00e4ftlingsgruppe. Nicht zuletzt kommen auf dem ehemaligen Gut des Widerstandsk\u00e4mpfers Helmuth James von Moltke (1907\u20131945) in Kreisau mehrheitlich junge Menschen aus ganz Europa zusammen. Als internationale Jugendbegegnungsst\u00e4tte \u2013 Herr Dr. \u017burek hat es bereits erw\u00e4hnt \u2013 ist der gemeinsam genutzte Tagungsort des \u201eKreisauer Kreises\u201c eine der wichtigsten Errungenschaften deutsch-polnischer Freundschaft. Vieles davon nahm seinen Anfang bei Menschen, die sich ab 1965 vom Mut ihrer Hirten anstecken lie\u00dfen und ihrerseits das Vers\u00f6hnungswerk fortsetzten.<\/p>\n<p>Auch wir deutschen Bisch\u00f6fe haben das Thema seither immer wieder aufgegriffen und mit unterschiedlichen Akzenten zu den gr\u00f6\u00dferen Jahrestagen an den Briefwechsel erinnert. Die Schwerpunkte, die dabei im jeweiligen Kontext gesetzt wurden, w\u00e4ren ein eigenes Referatsthema: 1985 sah das Erinnern ganz anders aus als 1995 und wieder anders kurz nach dem EU-Beitritt Polens im Jahr 2005.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ist die Polnische Bischofskonferenz die einzige, mit der die Deutsche Bischofskonferenz eine st\u00e4ndige Kontaktgruppe unterh\u00e4lt. Einmal im Jahr treffen sich delegierte Bisch\u00f6fe aus beiden Gremien zu einem fruchtbaren Austausch. Als einer, der diese wertvollen Begegnungen bereits mehrere Male miterleben durfte, kann ich nur w\u00fcnschen, dass der Kontakt sich zu pers\u00f6nlichen Freundschaften vertieft und damit zu einer tragf\u00e4higen Br\u00fccke wird zwischen uns Bisch\u00f6fen und den Katholiken in unseren L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Gestatten Sie mir, dass ich an dieser Stelle einen Veranstaltungshinweis auf ein Projekt gebe, das mir sehr am Herzen liegt: Im n\u00e4chsten Herbst, rund um den Festtag der heiligen Hedwig von Schlesien, wird in der Katholischen Akademie in Berlin ein Hedwigsymposium stattfinden. Vom 15. bis 17. Oktober 2026 treffen sich deutsche und polnische Bisch\u00f6fe, Priester, Zisterzienserinnen aus Bayern und Sachsen, zahlreiche Historikerinnen und Historiker sowie in der aktiven Caritas T\u00e4tige, um im Blick auf unsere gemeinsame Heilige der N\u00e4chstenliebe zu erkunden, welche Botschaft ihr vorbildliches Leben f\u00fcr uns Menschen des 21.\u00a0Jahrhunderts birgt. Dazu m\u00f6chte ich Sie alle schon heute herzlich einladen. Die Tagungssprache ist \u00fcbrigens Deutsch: Das macht mich immer dem\u00fctig angesichts der Tatsache, dass polnische Muttersprachler eher Deutsch lernen als umgekehrt. Letztes Jahr zum 850. Geburtstag der Heiligen kam \u00fcbrigens auch ein Kinderbuch mit dem Titel\u00a0Hedwigs Spuren im Schnee\u00a0bei Butzon&amp;Bercker heraus. Die Autorin wird ebenfalls einen<br \/>\nTagungsbeitrag leisten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Gegenwart und Zukunft<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Abschluss m\u00f6chte ich einen Blick auf die Gegenwart und Zukunft werfen: Worin besteht der bleibende Auftrag des historischen Briefwechsels von 1965?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst: Es braucht in jedem Friedensprozess einen, der die Hand ausstreckt und \u201eVergebung gew\u00e4hrt und um Vergebung bittet\u201c. Dieser Schritt setzt Mut und Vertrauen in das menschliche Gegen\u00fcber und in Gott voraus. Gleichzeitig haben wir aus \u00e4hnlichen ethnischen und kulturellen Konflikten etwa im fr\u00fcheren Jugoslawien gelernt, dass Vers\u00f6hnung und Heilung sehr viel Zeit und Ausdauer n\u00f6tig haben. Zerst\u00f6rtes Vertrauen w\u00e4chst oft erst wieder in Generationen. Traumatische Erinnerungen m\u00fcssen verarbeitet und Trennendes angesprochen werden. Dabei ist immer auch mit R\u00fcckschl\u00e4gen zu rechnen. In den deutsch-polnischen Beziehungen waren wir beim EU-Beitritt Polens 2004 geradezu euphorisch und dachten, es ginge immer nur vorw\u00e4rts in eine gemeinsame Zukunft. Dann mussten wir erkennen, dass die notwendigen Transformationsprozesse in unseren beiden Staaten noch lange nicht beendet waren. Nicht zuletzt haben wir im Westen wohl auch untersch\u00e4tzt, was dies f\u00fcr Gesellschaften bedeutet, die gerade erst ihre Souver\u00e4nit\u00e4t vom sowjetischen Hegemon zur\u00fcckgewonnen haben.<\/p>\n<p>Zugleich stehen wir zum 60. Jahrestag des Briefwechsels vor ganz neuen Herausforderungen:<\/p>\n<ul>\n<li>Der vom russischen Pr\u00e4sidenten Putin ausgel\u00f6ste Krieg in der Ukraine, in unmittelbarer Nachbarschaft Polens, f\u00fchrte uns enger zusammen, weil wir uns nur gemeinsam verteidigen k\u00f6nnen. Aber die teilweise ambivalente Haltung Deutschlands zu Russland, die anfangs recht z\u00f6gerliche Unterst\u00fctzung der Ukraine offenbarten Unterschiede in der Einsch\u00e4tzung der Lage und weckten Misstrauen in Polen. Zu gro\u00df ist dessen Angst, wieder einmal zwischen den Inte-<br \/>\nressen der beiden Nachbarn aufgerieben zu werden!<\/li>\n<li>Dabei greift der neuerstarkte Nationalismus fast \u00fcberall in Europa auf alte Vorurteile zur\u00fcck. In Polen und in Deutschland mobilisieren Populisten weite Kreise der Bev\u00f6lkerung, sich gegen den Fortbestand der Europ\u00e4ischen Union zu stellen.<\/li>\n<li>Nicht zuletzt herrscht in der katholischen Kirche eine gewisse Sprachlosigkeit angesichts der rasanten S\u00e4kularisierung in Europa. Wir sind aufgefordert, gegenzusteuern, das Gespr\u00e4ch zu suchen, die Begegnung zu f\u00f6rdern. Das Hedwigsymposium in Berlin, an dem durch das Engagement der Stiftung\u00a0Verbundenheit\u00a0auch junge Studierende der Universit\u00e4t Opole teilnehmen k\u00f6nnen, will dazu einen Beitrag leisten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Prozess der Vers\u00f6hnung zwischen Polen und Deutschen ist noch nicht abgeschlossen. Doch dies ist kein Grund zur Resignation: Wir sind aufgerufen, immer neu aufeinander zuzugehen, um voneinander zu lernen. Daher bin ich dankbar f\u00fcr die Orte in Polen und Deutschland, an denen die Geschichte und Gegenwart unserer nachbarschaftlichen Beziehungen wachgehalten und erforscht wird; f\u00fcr Menschen wie Sie, denen es ein Herzensanliegen ist, dass Offenheit und Interesse unsere Begegnungen pr\u00e4gen \u2013 hier und jenseits der Staatsgrenze.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Frau Prof. Schwan, sehr geehrter Herr Dr. \u017burek, sehr geehrte Damen und Herren, wir begehen in diesem Jahr den 60. Jahrestag eines Briefwechsels, der Geschichte gemacht hat. Herr Dr. \u017burek hat schon Wesentliches dazu erl\u00e4utert. 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