{"id":130036,"date":"2026-10-07T08:54:07","date_gmt":"2026-10-07T06:54:07","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=130036"},"modified":"2026-10-07T08:54:14","modified_gmt":"2026-10-07T06:54:14","slug":"auferweckt-aus-toten-zum-inhalt-und-zur-bedeutung-der-ostererfahrung","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/auferweckt-aus-toten-zum-inhalt-und-zur-bedeutung-der-ostererfahrung\/","title":{"rendered":"\u201eAuferweckt aus Toten\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"fliess-ERSTER::first-letter\">I<\/span>m Neuen Testament gibt es nicht nur eine Christologie. Die Christologie des Markusevangeliums unterscheidet sich von der Christologie des lukanischen Doppelwerks, vom Christusbekenntnis des Hebr\u00e4erbriefs und von der Christologie der Johannesapokalypse. Jede Schrift ist eigen. Jede Christologie ist anders: veranlasst und gepr\u00e4gt durch die jeweils verf\u00fcgbaren Quellen, den zeitgeschichtlichen Kontext, die Lebenswelt der Adressaten und durch die jeweils vorausgesetzten religi\u00f6sen und philosophischen Hintergr\u00fcnde und Ansichten.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Doch so unterschiedlich die neutestamentlichen Christologien sind, so sehr sind sie von einer gemeinsamen Erfahrung oder Glaubens\u00fcberzeugung gepr\u00e4gt: Ohne den Glauben, dass Jesus lebt, lassen sich weder die grundlegende christologische Entwicklung noch die einzelnen Christologien des Neuen Testaments erkl\u00e4ren. Augustinus unterstreicht dies: \u201eNimm die Auferstehung weg, und du zerst\u00f6rst das Christentum\u201c (<span class=\"CharOverride-7\">Enarrationes in Psalmos<\/span> 101,2.7). Jacob Kremer formuliert dieselbe Einsicht, wenn er schreibt: \u201eDie \u00dcberzeugung, da\u00df Jesus von den Toten auferstanden ist, durchzieht das ganze NT.\u201c Ohne Ostern lie\u00dfe sich keine einzige christologische Entwicklung und Stimme begr\u00fcnden und erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Um die Christologien des Neuen Testaments zu verstehen, ihre Entwicklung und ihren Inhalt, gilt es also, sich diesem Glaubensbekenntnis zuzuwenden, das vor und hinter aller christologischen Entfaltung steht: dem Glauben, dass Jesus lebt, dass er von den Toten auferweckt wurde.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Die eingliedrige Auferweckungsformel<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Das urchristliche Osterbekenntnis l\u00e4sst sich \u2013 mit Blick auf die verschiedenen Gattungen und \u00dcberlieferungsformen \u2013 in zwei Traditionsstr\u00e4nge unterteilen: die Bekenntnis- und die Erz\u00e4hltradition. Im einen Fall wird der Glaube an die Auferweckung Jesu in griffigen und kurzen Bekenntniss\u00e4tzen ausgedr\u00fcckt. Im anderen Fall wird von der Auferweckung Jesu erz\u00e4hlt: in Form von anschaulichen Geschichten und Darstellungen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Am Anfang der Entwicklung steht die sogenannte eingliedrige Auferweckungsformel. Die Tatsache, dass sich diese Formel in geringer Variabilit\u00e4t und breitfl\u00e4chig in unterschiedlichen Schriften des Neuen Testaments verbreitet findet, l\u00e4sst auf ihr hohes Alter schlie\u00dfen. Die Formel d\u00fcrfte schon vor der Abfassung der Paulusbriefe entstanden und zun\u00e4chst m\u00fcndlich im Umlauf gewesen sein.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die eingliedrige Auferweckungsformel kommt als partizipiale Gottespr\u00e4dikation (\u201eGott, der Jesus aus Toten auferweckt hat\u201c) oder als Aussagesatz (\u201eGott hat Jesus aus Toten auferweckt\u201c) vor (vgl. 1 Thess 1,10; Gal 1,1;<br \/>\n1 Kor 6,14; 15,12.15.20).<\/p>\n<p class=\"fliess\">So kurz die Formel ist, so entscheidend ist ihr Inhalt. In der Regel steht die Formel im Aorist: in einer Zeitform, die ein pr\u00e4zises Handeln Gottes in der Vergangenheit ausdr\u00fcckt. Gott hat Jesus aus Toten erweckt: Die Zeitform betont die Massivit\u00e4t und die Abgeschlossenheit des Ereignisses. Das Subjekt der Handlung ist Gott. Das Objekt ist der gekreuzigte Jesus. In den \u00e4ltesten Osterbekenntnissen ist also nicht von der Auferstehung Jesu die Rede, sondern von der Auferweckung Jesu durch Gott.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Erstaunlich ist, dass es lediglich hei\u00dft \u201eaus Toten\u201c. Es wird kein Artikel verwendet. Die pr\u00e4positionale Bestimmung verdeutlicht nicht eine Gruppe (\u201eaus den Toten\u201c), sondern einen Bereich (\u201eaus Toten\u201c). Im Hintergrund l\u00e4sst sich die j\u00fcdische Vorstellung von der Scheol, vom Totenreich vermuten: Der Bereich also, in den die Toten hinabsinken, der als Schattenreich verstanden wurde (vgl. Ps 115,17), wird in der Auferweckung Jesu zum Ort g\u00f6ttlichen Handelns.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Mit der eingliedrigen Auferweckungsformel haben wir das \u00f6sterliche Urgestein des urchristlichen Bekenntnisses vor uns: So kurz wie nachdr\u00fccklich wird das Handeln Gottes am toten Jesus betont. Der Gott Israels hat<br \/>\nJesus aus Toten erweckt.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Das Osterbekenntnis des Korintherbriefs<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Im Lauf der \u00dcberlieferung wird das Osterbekenntnis weiter entfaltet: Im 1. Korintherbrief liegt uns eine l\u00e4ngere Tradition vor, die \u2013 was entscheidend ist \u2013 nicht von Paulus erfunden wurde, sondern zeitlich noch vor dem Wirken des Paulus liegt. Die l\u00e4ngere Fassung des Osterbekenntnisses lautet:<\/p>\n<p class=\"fliess\">\u201eDenn ich \u00fcberlieferte euch an erster Stelle, was auch ich \u00fcbernahm, dass Christus starb f\u00fcr unsere S\u00fcnden nach den Schriften und dass er begraben wurde und dass er erweckt worden ist am dritten Tag nach den Schriften und dass er erschien Kephas, dann den Zw\u00f6lf.\u201c (1 Kor 15,3\u20135)<\/p>\n<p class=\"fliess\">Paulus zitiert die \u2013 im Vergleich zur eingliedrigen Auferweckungsformel nun \u2013 mehrgliedrige Osterformel: Er selbst habe \u00fcbernommen, was er den korinthischen Christen \u00fcberliefert habe (1 Kor 15,3). Das von Paulus zitierte Bekenntnis ist noch von der m\u00fcndlichen \u00dcberlieferung impr\u00e4gniert und wie zum Auswendiglernen gemacht. Vier Verben strukturieren den Satz:<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">1. <\/span>starb,<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">2. <\/span>wurde begraben,<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">3. <\/span>wurde erweckt,<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">4. <\/span>erschien.<\/p>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">An das erste und dritte Glied ist jeweils ein Zusatz angeschlossen: ein Hinweis, der die soteriologische Dimension des Sterbens Jesu herausstellt (\u201ef\u00fcr unsere S\u00fcnden\u201c) bzw. eine theologische Einordnung vornimmt (\u201eam dritten Tag\u201c). Wiederholt wird jeweils \u2013 angeschlossen an das erste und dritte Glied \u2013 der Hinweis auf die \u201eSchriften\u201c. Die vierte und letzte Aussage \u2013 die Erscheinung des Auferweckten \u2013 nennt Zeugen des Geschehens: Petrus und die Zw\u00f6lf. Im weiteren Verlauf f\u00fchrt Paulus weitere Zeugen an (1 Kor 15,6\u20138): die f\u00fcnfhundert Br\u00fcder, Jakobus, alle Apostel und Paulus selbst.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In der Forschung wird diskutiert, wie weit der urspr\u00fcngliche \u2013 von Paulus \u00fcbernommene \u2013 Bestand dieser Ostertradition reicht. Bis Vers 5 oder bis Vers 8? Viel spricht daf\u00fcr, dass Paulus \u2013 beginnend mit 1 Kor 15,6 \u2013 die \u00fcberlieferte Liste der Osterzeugen erg\u00e4nzt und sich auch selbst als letzten Empf\u00e4nger der Ostererfahrung in die Bekenntnisformel hineinschreibt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Schon Ulrich Wilkens nannte 1 Kor 15,3\u20135 einen \u201ekleinen Katechismus\u201c: ein kurzes und wendiges Credo, mit dem \u2013 m\u00fcndlich wie schriftlich \u2013 der Glaube an die Auferweckung Jesu ausgedr\u00fcckt wird. F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Bekenntnisses sind die Zeitformen entscheidend: Tod und Begr\u00e4bnis Jesu werden im Aorist beschrieben und als abgeschlossene Ereignisse der Vergangenheit dargestellt. Die Auferweckung dagegen steht im Perfekt: Die Wirkung des Ereignisses dauert an und pr\u00e4gt noch die Gegenwart \u2013 so lie\u00dfe sich die Grammatik entschl\u00fcsseln. Die Erscheinungen dagegen werden wieder im Aorist als Ereignisse der Vergangenheit gefasst: nun allerdings in intransitiver bzw. medialer Form.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das zweite und vierte Glied best\u00e4tigt die jeweils vorausgehende Aussage: Das Begr\u00e4bnis best\u00e4tigt den Tod Jesu, w\u00e4hrend die Erscheinungen seine Erweckung best\u00e4tigen. Der soteriologische Zusatz \u201ef\u00fcr unsere S\u00fcnden\u201c l\u00e4sst sich biblisch \u2013 in einem grundlegenden Sinn \u2013 als \u00dcberwindung einer Trennung verstehen: S\u00fcnde bedeutet Trennung, Abl\u00f6sung oder fehlende Gemeinschaft. Der Tod Jesu \u00fcberwindet die Trennung und stellt Gemeinschaft her \u2013 zwischen Gott und Mensch, \u00fcber die radikalste aller Trennungen, \u00fcber den Tod hinaus.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der Hinweis auf die Erweckung Jesu \u201eam dritten Tag\u201c sollte nicht als chronologisches Datum verstanden werden. In der biblischen Tradition bezeichnet der dritte Tag den Tag der Rettung, den Tag, an dem Gott eingreift. Eine Vorstellung davon vermittelt Hos 6,2: \u201eNach zwei Tagen gibt er uns das Leben zur\u00fcck, am dritten Tag richtet er uns wieder auf, und wir leben vor seinem Angesicht.\u201c Auch Jona bleibt \u201edrei Tage und drei N\u00e4chte im Bauch des Fisches\u201c (Jona 2,1). Der dritte Tag ist \u2013 biblisch gedacht und gesprochen \u2013 der Rettungstag Gottes. Im Grunde beschreibt der dritte Tag, was die Passivformulierung (\u201eer wurde erweckt\u201c) zum Ausdruck bringt: Immer ist Gott das handelnde Subjekt. Die Auferweckung Jesu am dritten Tag jedenfalls trifft keine chronologische Aussage, wie wenn Jesus exakt nach 72 Stunden auferstanden w\u00e4re. Der dritte Tag bedeutet: Gott hat Jesus erweckt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der zweifache Hinweis auf \u201edie Schriften\u201c ist summarisch formuliert und entsprechend generell zu verstehen: Es d\u00fcrfte sich also nicht um eine Anspielung auf eine einzelne Schriftstelle handeln. Vielmehr dr\u00fcckt sich in diesem zweifachen Zusatz (\u201enach den Schriften\u201c) der Glaube aus, dass das Sterben und die Auferweckung Jesu mit dem Zeugnis der hebr\u00e4ischen Bibel \u00fcbereinstimmen und zum Heilshandeln Gottes im Alten Testament passen. Dahinter verbirgt sich eine besondere Leseweise der hebr\u00e4ischen Bibel: Tod und Auferweckung Jesu werden als Teil der Heilsgeschichte Gottes gesehen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das f\u00fcr die Erscheinungen des Auferweckten verwendete griechische Wort l\u00e4sst sich \u2013 zumal die deutsche Rede von \u201eErscheinungen\u201c eine allzu dinglich oder brachialhistorische Vorstellung evoziert \u2013 treffender \u00fcbersetzen: Er lie\u00df sich sehen, er machte sich erfahrbar, er erwies sich als lebendig. Das verwendete Wort wird in der griechischen \u00dcbersetzung des Alten Testaments auch f\u00fcr das Erscheinen Gottes oder f\u00fcr Gotteserfahrungen verwendet. Darum geht es auch hier: um eine \u2013 die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger \u2013 unvermittelt treffende Erfahrung, die den Glauben begr\u00fcndet, dass Jesus lebt, dass Jesus von Gott erweckt wurde. Dass es sich bei den \u201eErscheinungen\u201c nicht um ein rein physisches, sinnliches \u201eSehen\u201c handelt, macht Philo von Alexandrien deutlich, wenn er eben das auch hier verwendete griechische Wort einem blo\u00dfen physischen Sehen gegen\u00fcberstellt: \u201eGott erschien dem Abraham. (\u2026) Deshalb hei\u00dft es nicht: Der Weise sah Gott, sondern: Gott erschien dem Weisen.\u201c (<span class=\"CharOverride-7\">De Abrahamo<\/span> 77,80)<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Die Erz\u00e4hltradition<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Neben den Bekenntnisformeln gewinnt der Glaube an die Auferweckung Jesu auch in der Erz\u00e4hltradition eine konkrete Gestalt. Wichtig ist, dass es sich dabei nicht um ein zeitliches Nacheinander handelt: wie wenn die Erz\u00e4hltradition erst sp\u00e4ter oder weit nach der Bekenntnistradition entstanden w\u00e4re. Beide Traditionen laufen parallel. Oder anders: Was die Bekenntniss\u00e4tze zum Ausdruck bringen, wurde anschaulich, anhand konkreter Orte, mit Blick auf die betroffenen Personen auch<br \/>\nnarrativ entfaltet und erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Bei den Erz\u00e4hlungen, die sich am Ende der Evangelien finden und Grabesgeschichten, Erscheinungserz\u00e4hlungen und (mit dem Ende des Lukasevangeliums und dem Beginn der Apostelgeschichte) Himmelfahrtserz\u00e4hlungen umfassen, handelt es sich nicht um einfache Protokolle. Die Unterschiede zwischen den Erz\u00e4hlungen machen deutlich, dass es nicht um die Wiedergabe eines vermeintlich objektiven Geschehens geht. Es sind \u2013 wie Jacob Kremer formuliert \u2013 \u201eGeschichten um Geschichte\u201c: narrative Entfaltungen, theologische Durchdringungen und adressatenorientierte Anwendungen des Osterglaubens. Die Auferweckung Jesu wird mit narrativen Mitteln im Medium einer Erz\u00e4hlung weitergegeben und f\u00fcr die jeweils adressierten Leserinnen und Leser \u00fcbersetzt und fassbar.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das Markusevangelium akzentuiert das Sterben und den Tod Jesu. Ostern beschr\u00e4nkt sich \u2013 auch erz\u00e4hlerisch \u2013 auf ein denkbares Minimum: Mit nur einem Satz wird der Glaube an die Auferweckung Jesu zum Ausdruck gebracht: \u201eEr wurde erweckt, er ist nicht hier.\u201c (Mk 16,6) Es scheint, als wollte der Engel die Frauen regelrecht vom offenen Grab Jesu vertreiben: \u201eGeht und sagt seinen J\u00fcngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galil\u00e4a; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.\u201c (Mk 16,7) Ostern wird im Alltag gefeiert. Der Auferweckte l\u00e4sst sich in Galil\u00e4a sehen: zur\u00fcck am Ort der Herkunft und der Berufe der J\u00fcnger, in ihrem Leben und ihren Beziehungen. Das Markusevangelium schlie\u00dft mit der christologisch begr\u00fcndeten Einladung zur Nachfolge im \u201egalil\u00e4ischen\u201c Alltag. Das bedeutet f\u00fcr das Markusevangelium Ostern!<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das Matth\u00e4usevangelium nutzt \u2013 f\u00fcr die judenchristliche Leserschaft des Werks \u2013 verst\u00e4ndliche Bilder und Motive: Der Tod und die Auferweckung Jesu sind von Elementen begleitet, die im Alten Testament an die Erscheinung Gottes erinnern (Mt 27,51\u201353; 28,2\u20134). Die Leserinnen und Leser des Matth\u00e4usevangeliums konnten dies verstehen und richtig \u00fcbersetzen: In der Auferweckung Jesu greift Gott ein, macht sich Gott erfahrbar. Entscheidend ist, dass das Matth\u00e4usevangelium aus der Auferweckung Jesu die universale V\u00f6lkermission ableitet. Der Auferweckte sendet die J\u00fcnger zu allen V\u00f6lkern, um das Evangelium zu verk\u00fcnden (Mt\u00a028,19). Die Einsetzung Jesu zum Weltenherrn (Mt\u00a028,18) begr\u00fcndet diesen Schritt. F\u00fcr die judenchristlichen Adressaten des Matth\u00e4usevangeliums ist gerade dies eine zentrale Folge des Osterglaubens.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte nutzen eine den Adressaten gel\u00e4ufige Vorstellung: Wie manch r\u00f6mischer Kaiser zu den G\u00f6ttern entr\u00fcckt wurde, so wird auch Jesus \u2013 in seiner Himmelfahrt \u2013 zu Gott entr\u00fcckt. Lukas nutzt diese Apotheose, die Himmelfahrt Jesu, als parallel-antithetische Aussage: Jesus steht irdischen Machthabern und Potentaten gegen\u00fcber. Jesus ist bei Gott. Er steht \u2013 wie im Fall der Steinigung des Stephanus (Apg 7,56) \u2013 wirkm\u00e4chtig zur Rechten Gottes und h\u00e4lt den Himmel offen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Zugleich ist Lukas bem\u00fcht, die auch gegenw\u00e4rtige Bedeutung von Ostern herauszustellen. Ostern beschr\u00e4nkt sich nicht auf eine begrenzte Vergangenheit. Der Auferstandene ist \u2013 wie im Fall der Emmaus-J\u00fcnger und oft unerkannt \u2013 mit der Gemeinschaft der Christen unterwegs. Er l\u00e4sst sich erkennen beim Lesen und Deuten der Schrift und im Brechen des Brotes (Lk 24,27.30\u201331): nicht nur einst, sondern auch jetzt in den v\u00f6lkerchristlichen Gemeinden am Ende des 1. Jahrhunderts im R\u00f6mischen Reich.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Von einer ganz eigenen christologischen Dichte und Aussageabsicht ist das Johannesevangelium gepr\u00e4gt. Historische Traditionen verschmelzen mit dem Glauben, dass Jesus \u201eder Weg und die Wahrheit und das Leben\u201c (Joh 14,6) ist. Bereits im Prolog wird Jesus als Logos pr\u00e4sentiert, der Fleisch wurde (Joh 1,14). Die langen Reden Jesu (Joh 14\u201317) sind als christologische Kunstreden und Kondensate zu verstehen: verdichtete christologische Bekenntnisbilder, die den Glauben an Jesus Christus ausdr\u00fccken und zum Glauben an Jesus als Weinstock, Licht, Brot und Hirt aufrufen.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Die Ostererfahrung: Impulsgeber und christologisches Prisma<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Ohne die Ostererfahrung l\u00e4sst sich die christologische Entwicklung des fr\u00fchen Christentums nicht erkl\u00e4ren. Sie ist der entscheidende Impulsgeber und das Prisma aller christologischen Entfaltung.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Erstaunlich ist das \u2013 sowohl in der Bekenntnis- wie in der Erz\u00e4hltradition \u2013 fehlende Interesse an dem konkreten \u201eWie\u201c der Osterereignisse. Die Traditionen interessieren sich mehr f\u00fcr das \u201eDass\u201c und das \u201eWas\u201c und weniger f\u00fcr das konkrete \u201eWie\u201c des Geschehens oder Ergehens. Festzustellen ist lediglich, dass Ostern etwas ist, das von au\u00dfen auf die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger zukommt: Die Erweckung Jesu \u00fcberrascht sie. Sie wollen es nicht glauben, halten es f\u00fcr Geschw\u00e4tz, scheinen verwirrt zu sein. Dass es sich bei den Erscheinungen und bei der Ostererfahrung nicht um einen brachialhistorischen Beweis und nicht um ein physisches Sehen handelt, machen bereits die verwendeten Begrifflichkeiten deutlich: Die Urchristen dr\u00fccken ihre Erfahrung mit den sprachlichen Mitteln aus, die sie aus der j\u00fcdischen Tradition kennen. Die Auferweckung Jesu wird als Eingreifen Gottes, als transzendente Erfahrung beschrieben. Sie l\u00e4sst die Gewissheit in den Herzen der J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger wachsen, dass Jesus lebt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In dieser Ostererfahrung sind verschiedene christologische Potenziale angelegt. Je nach Adressatengruppe und Autor, je nach zeitgeschichtlichem Hintergrund und philosophisch-religi\u00f6ser Beheimatung gewinnt die im Osterbekenntnis verwurzelte Christologie eine je eigene F\u00e4rbung und Aussage. Doch immer geht es um die Best\u00e4tigung Jesu und um die r\u00fcckwirkende Inkraftsetzung<br \/>\nseines Wirkens und seiner Botschaft.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Man \u00fcbersieht dies leicht: Ohne Ostern steht auch das Leben und Wirken Jesu auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen. Ohne Ostern ist Jesus eben nur ein gescheiterter, von den R\u00f6mern hingerichteter j\u00fcdischer Wanderprediger. Erst Ostern macht den Weg und die Botschaft Jesu verl\u00e4sslich. Die nach\u00f6sterliche Wiederbelebung der Jesusbewegung best\u00e4tigt dies. In seiner Monografie \u00fcber \u201eJesus Christus im Neuen Testament\u201c bringt dies Martin Karrer auf den Punkt: \u201eDer Gott Israels wendet Jesu erschreckendes Ende. Er beendet die Krise der Passion, in der Jesu Berechtigung g\u00e4nzlich auf dem Spiel stand, und er\u00f6ffnet neue Zeugenschaft. Er best\u00e4tigt im Ostergeschehen die Geltung von Jesu Wirken<br \/>\nund setzt es so eigentlich in Kraft.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ostern ist der Beginn: die entscheidende Erfahrung, die jedwede weitere christologische Reflexion erst erm\u00f6glicht. Die mit Ostern einsetzende christologische Entfaltung l\u00e4sst sich anhand dreier Hauptkategorien systematisieren.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ostern leuchtet zur\u00fcck. Die christologische Bedeutung Jesu wird mit dem grundlegenden Heilsplan Gottes, mit dem Sinn und Ziel der gesamten Sch\u00f6pfung verbunden. Ganz am Anfang \u2013 schon vor aller Zeit \u2013 war der Logos bei Gott, der schlie\u00dflich Fleisch wurde und den Menschen die Herrlichkeit Gottes sehen lie\u00df (Joh 1,1.14).<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ostern blickt voraus. Mit dem Bekenntnis zur Erweckung Jesu ist die Frage nach dem Schicksal aller Verstorbenen verbunden. Paulus sieht in Jesus den \u201eErstling der Entschlafenen\u201c (1 Kor 15,20): An ihm wird erkennbar, was alle erwartet, die \u201emit Christus gestorben sind\u201c (R\u00f6m 6,8). In Christus leuchtet eine neue Sch\u00f6pfung auf, die nicht mehr dem Tod unterworfen sein wird. Ostern evoziert das Interesse an der Eschatologie: Was von Christus bekannt wird, betrifft nicht nur ihn, sondern \u2013 in und mit ihm \u2013 auch die Zukunft der Gl\u00e4ubigen<br \/>\nund der gesamten Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ostern betrifft die Gegenwart. Vor allen Dingen ist Ostern etwas f\u00fcr das Leben: kein abstraktes theologisches Glaubensgut, sondern Lebenshilfe und Lebenskraft. Die Erweckung Jesu setzt das Leben der J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger in ein anderes Licht. Jesus geht mit. Er ist dabei. Matth\u00e4us dr\u00fcckt dies zeitlich aus, wenn der Auferweckte am Ende des Evangeliums sagt: \u201eSeid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.\u201c (Mt 28,20) Das lukanische Doppelwerk formuliert die gleiche Glaubens\u00fcberzeugung mit r\u00e4umlichen Parametern. Der Auferweckte geht mit, ob in \u201eJerusalem und in ganz Jud\u00e4a und Samarien und bis an die Grenzen der Erde\u201c (Apg 1,8). Der Glaube an die Auferweckung l\u00e4sst die Christen nicht trauern \u201ewie die anderen, die keine Hoffnung haben\u201c (1 Thess\u00a04,13). Weil Christus die Schl\u00fcssel des Todes in H\u00e4nden h\u00e4lt, k\u00f6nnen die Christen standhaft in der Bedr\u00e4ngnis sein (Offb 1,18). Von den Toten erweckt, stirbt Christus nicht mehr. \u201eDer Tod hat keine Macht mehr \u00fcber ihn.\u201c (R\u00f6m 6,9) Nichts kann die Christen \u201escheiden von der Liebe Gottes, die<br \/>\nin Christus Jesus ist, unserem Herrn\u201c (R\u00f6m 8,39).<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Blickwinkel auf die Ostererfahrung sind vielf\u00e4ltig. Jede Schrift des Neuen Testaments buchstabiert das Osterbekenntnis auf je eigene Art und Weise aus: f\u00fcr juden- und v\u00f6lkerchristliche Gemeinden, eher philosophisch oder mehr theologisch, bekenntnishaft und narrativ, vor dem Hintergrund des Kaiserkults oder mit Blick auf die j\u00fcdische Opferpraxis. Es geht um Verst\u00e4ndlichkeit und Relevanz: Ostern ist nichts f\u00fcrs Lexikon, sondern f\u00fcrs Leben. Darum muss Ostern \u00fcbersetzt und christologisch entfaltet werden, damit fassbar und praktikabel<br \/>\nwird, was Ostern meint und Jesus bedeutet.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Neuen Testament gibt es nicht nur eine Christologie. Die Christologie des Markusevangeliums unterscheidet sich von der Christologie des lukanischen Doppelwerks, vom Christusbekenntnis des Hebr\u00e4erbriefs und von der Christologie der Johannesapokalypse. Jede Schrift ist eigen. 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