{"id":130075,"date":"2026-10-07T09:12:54","date_gmt":"2026-10-07T07:12:54","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=130075"},"modified":"2026-10-07T09:12:54","modified_gmt":"2026-10-07T07:12:54","slug":"messiaserwartungen-in-fruehjuedischer-zeit","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/messiaserwartungen-in-fruehjuedischer-zeit\/","title":{"rendered":"Messiaserwartungen in fr\u00fchj\u00fcdischer Zeit"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"Initiale\">D<\/span>ie historische Jesusforschung zeigt: Jesus hat sich nicht selbst als Messias bezeichnet. Allerdings ist es gut vorstellbar, dass schon zu seinen Lebzeiten von verschiedenen Seiten und mit unterschiedlichen Absichten Messiaserwartungen an ihn herangetragen wurden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Interessant ist in diesem Zusammenhang die \u2013 historisch gut belegte \u2013 Hinrichtung Jesu am Kreuz durch r\u00f6mische Soldaten, und zwar als \u201eK\u00f6nig der Juden\u201c. Alle vier Evangelien erw\u00e4hnen eine solche Aufschrift am Kreuz, die als Grund f\u00fcr seine Hinrichtung diesen K\u00f6nigsanspruch angibt. Die Sterbeszene der drei synoptischen Evangelien zeigt allerdings auch, dass Jesus den \u2013 ihm h\u00f6hnisch entgegengeschleuderten \u2013 Erwartungen an einen Messias nicht entspricht: Er rettet sich <span class=\"Minion-Italic\">not<\/span> selbst, steigt <span class=\"Minion-Italic\">not<\/span> vom Kreuz herab, sondern stirbt diesen furchtbaren Tod (vgl. Mk\u00a015,29\u201332 par).<\/p>\n<p class=\"fliess\">Es lohnt sich also, Messiasvorstellungen der Zeit Jesu genauer zu betrachten und zu fragen, ob und wie Jesus diesen entspricht, und wie es kam, dass er in einer Weise damit identifiziert wurde, dass er den Titel <span class=\"CharOverride-7\">Messias <\/span>erhalten konnte.<\/p>\n<h3><\/h3>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Wurzeln von Messiasvorstellungen im Ersten\/Alten Testament<\/h3>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Zur Wortbedeutung<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Das deutsche Wort \u201eMessias\u201c leitet sich ab vom hebr\u00e4ischen Wort \u201e<span class=\"Minion-Italic\">m\u0101\u0161\u012ba<\/span><span class=\"CharOverride-7\">h<\/span><span class=\"CharOverride-31\">.<\/span>\u201c (Gesalbter) und dem zugeh\u00f6rigen Verb \u201e<span class=\"Minion-Italic\">m-\u0161-<\/span><span class=\"CharOverride-7\">h<\/span><span class=\"CharOverride-31\">.<\/span>\u201c (salben). Das Wort <span class=\"Minion-Italic\">m\u0101\u0161\u012ba<\/span><span class=\"CharOverride-7\">h<\/span><span class=\"CharOverride-31\">.<\/span> ist das Partizip passiv dieses Verbs.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die antike griechische \u00dcbersetzung der Hebr\u00e4ischen Bibel, die Septuaginta (LXX), hat dieses Wort entweder transkribiert und dabei f\u00fcr griechische Zungen leichter aussprechbar gemacht: \u03bc\u03b5\u03c3\u03c3\u03af\u03b1\u03c2<span class=\"Minion-Italic\"> (Messias)<\/span>, oder es wurde \u00fcbersetzt als \u03c7\u03c1\u03b9\u03c3\u03c4\u03cc\u03c2 (<span class=\"Minion-Italic\">Christos<\/span>, lateinisch <span class=\"Minion-Italic\">Christus<\/span>), was ebenfalls \u201eGesalbter\u201c bedeutet.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Im griechischen Ersten\/Alten Testament sind beide Formen zu finden. Die Schriften des Neuen Testaments hingegen verwenden fast ausschlie\u00dflich die \u00dcbersetzung <span class=\"Minion-Italic\">Christos<\/span>. Nur das Johannesevangelium bietet an zwei Stellen die gr\u00e4zisierte Form des hebr\u00e4ischen <span class=\"Minion-Italic\">m\u0101\u0161\u012ba<\/span><span class=\"CharOverride-7\">h<\/span><span class=\"CharOverride-31\">.<\/span>: <span class=\"Minion-Italic\">Messias<\/span> (Joh 1,41; 4,25).<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Der Jerusalemer K\u00f6nig als \u201eGesalbter Gottes\u201c<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Als \u201eGesalbte\u201c werden im Ersten\/Alten Testament <span class=\"Minion-Italic\">Priest<\/span>, speziell der <span class=\"Minion-Italic\">Hohepriester<\/span>, sodann <span class=\"Minion-Italic\">Propheten <\/span>(selten), vor allem aber die <span class=\"Minion-Italic\">K\u00f6nige<\/span> bezeichnet. Alle K\u00f6nige Jerusalems wurden zur Thronbesteigung gesalbt (z.\u00a0B. 1\u00a0Sam 10,1; 16,12f.; 1\u00a0K\u00f6n 1,39), wenn-<br \/>\ngleich dies nicht von allen explizit erz\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Durch diesen Akt der Salbung werden die K\u00f6nige rechtsg\u00fcltig in ihr Amt eingesetzt, legitimiert und bevollm\u00e4chtigt. Die Salbung signalisiert die Erw\u00e4hlung durch Gott, und daraus resultiert, zumindest literarisch zum Ausdruck gebracht (1\u00a0Sam 24,7.11; 26,9\u201311.23; 2\u00a0Sam 1,14.16), eine gewisse Unantastbarkeit und Unverletzlichkeit, ja sogar eine Geistbegabung (1\u00a0Sam 10,6.9\u201313; 16,13). Damit verbunden ist einerseits die Verpflichtung des K\u00f6nigs auf ein exklusives Verh\u00e4ltnis zum Gott Israels bzw. Judas, andererseits die g\u00f6ttliche Zusicherung von Macht und W\u00fcrde. Der K\u00f6nig ist so sehr <span class=\"Minion-Italic\">Gottes <\/span>Gesalbter, dass der Jerusalemer K\u00f6nig \u2013 \u00e4hnlich wie in \u00c4gypten und Mesopotamien \u2013 als \u201eSohn Gottes\u201c bezeichnet werden konnte. Das bedeutet, dass der K\u00f6nig im Auftrag und als Repr\u00e4sentant Gottes f\u00fcr Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit sorgen sollte (vgl. Ps 2; 72).<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG\"><span class=\"CORP-S-BOLD\">Das Ende des davidischen K\u00f6nigtums und Hoffnungen auf einen Neubeginn<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Das Jerusalemer K\u00f6nigtum fand allerdings ein gewaltsames Ende, als im Jahr 587 v. Chr. die babylonischen Truppen unter ihrem K\u00f6nig Nebukadnezzar II Jerusalem eroberten, die Stadt und den Tempel zerst\u00f6rten, die Oberschicht samt dem amtierenden K\u00f6nig Zidkija nach Babylonien deportierten und alle S\u00f6hne Zidkijas ermordeten (2 K\u00f6n 24,18\u201325,7.8\u201321).<\/p>\n<p class=\"fliess\">Doch schon bald begann man \u00fcber dieses Ende hinauszudenken. Hoffnungen auf einen Neubeginn kristallisieren sich in einer Zusage Gottes an David, \u00fcberbracht vom Hofpropheten Natan, formuliert aus der R\u00fcckschau auf die \u201evielversprechenden Anf\u00e4nge\u201c: \u201eDein Haus und dein K\u00f6nigtum werden vor dir auf ewig bestehen bleiben; dein Thron wird auf ewig Bestand haben.\u201c (2 Sam 7,16; vgl. auch Ps 132,11f.; 89). Auf der Basis solcher literarischen Zusagen konnte man den Blick in die Zukunft richten: So entstand in der k\u00f6nigs<span class=\"Minion-Italic\">losen<\/span> Zeit die Hoffnung auf einen <span class=\"Minion-Italic\">neuen<\/span> Herrscher, der nach Mi 5,1 aus Betlehem stammen sollte wie einst David, der Begr\u00fcnder der Jerusalemer K\u00f6nigsdynastie.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Allerdings ist der literarische Befund im Ersten\/Alten Testament nicht einlinig. Die Hoffnungen sind vielf\u00e4ltig, sowohl inhaltlich wie sprachlich, nicht immer wird der Titel <span class=\"Minion-Italic\">Messias <\/span>verwendet, und auch die zeitlichen Vorstellungen unterscheiden sich. Auf die eigene Gegenwart blickt ein Text eines anonymen Propheten, dessen Texte in Jes 40\u201355 \u00fcberliefert sind und der in der Exegese den Namen Deuterojesaja tr\u00e4gt. Er sah das Ende des babylonischen Gro\u00dfreichs kommen, herbeigef\u00fchrt durch den persischen K\u00f6nig Kyros II, der 539 v.\u00a0Chr. tats\u00e4chlich kampflos in Babylon einzog. Diesen Perserk\u00f6nig betrachtet Deuterojesaja als ein Werkzeug in Gottes Hand \u2013 um den verschleppten Jud\u00e4erinnen und Jud\u00e4ern die Freiheit wiederzugeben. Dazu bezeichnet er ihn, den nichtjud\u00e4ischen K\u00f6nig, \u00fcberraschend und irritierend als \u201eGesalbten YHWHs\u201c, den <span class=\"Minion-Italic\">Messias <\/span>or <span class=\"Minion-Italic\">Christos <\/span>YHWHs (Jes 45,1).<\/p>\n<p class=\"fliess\">Andere Texte im Ersten\/Alten Testament, die nach dem Ende des babylonischen Exils entstanden sind, richten den Blick auf die Zukunft. Einige Texte erwarten einen k\u00fcnftigen Friedensf\u00fcrsten, zum Teil mit Bezug zur davidischen Dynastie, zum Teil sind die Hoffnungen offener. Der Titel <span class=\"Minion-Italic\">Messias<\/span> wird allerdings in den Texten kaum verwendet. Deshalb hat Stefan Schreiber zu Recht angemahnt, innerhalb des Ersten\/Alten Testaments nicht von <span class=\"Minion-Italic\">messianischen<\/span> Texten zu sprechen, sondern offener von den Wurzeln messianischer Erwartungen oder von der Hoffnung auf einen zuk\u00fcnftigen Heilsk\u00f6nig YHWHs.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Besonders bekannt sind Motive aus dem Triptychon Jes 7 \u2013 Jes 9 \u2013 Jes 11. Beginnend mit einem Heilszeichen f\u00fcr den Jerusalemer K\u00f6nig Ahas in schwieriger Zeit, das mit der Geburt eines Kindes verbunden ist (Jes 7), besingt sodann Jes 9 die Wende von der Not zum Guten. Der Neuanfang wird <span class=\"Minion-Italic\">innerhalb<\/span> der K\u00f6nigsdynastie Davids verhei\u00dfen \u2013 in Gestalt eines k\u00f6niglichen Kindes, das als Friedensf\u00fcrst betitelt wird und eine umfassende Heilszeit in Frieden und Gerechtigkeit bringt. Jes 11 besingt im Anschluss die heilvolle Herrschaft dieses K\u00f6nigs. Dabei wird der verhei\u00dfene Heilsherrscher \u2013 ein Spross aus dem Baumstumpf Isais \u2013 an den Ursprung der davidischen Dynastie gebunden. <span class=\"Minion-Italic\">Gott selbst<\/span> macht einen neuen Anfang, indem aus dem Baumstumpf Isais, des Vaters Davids, ein <span class=\"Minion-Italic\">neuer<\/span> David sprossen soll. Es geht um mehr und anderes als um eine R\u00fcckkehr zu den alten Verh\u00e4ltnissen. Alles muss sich grunds\u00e4tzlich \u00e4ndern. Es soll ein v\u00f6lliger Neuanfang wie am Anfang der Sch\u00f6pfung sein. Entsprechend \u201eu-topisch\u201c sind die Bilder, wenn Raubtier und Beutetier in Frieden und Freundschaft miteinander leben und sogar das wehrloseste Menschengesch\u00f6pf, ein S\u00e4ugling, ungef\u00e4hrdet an der H\u00f6hle der Giftschlange spielen kann. So haben diese Bilder als \u201eAndersbilder\u201c gegen\u00fcber der erfahrenen Wirklichkeit in vielen Zeiten bis heute ihre Kraft entfaltet und Menschen gest\u00e4rkt und ermutigt. Gleichzeitig bietet dieser Text mit dem Bild des Sch\u00f6sslings aus dem Baumstumpf Isais das f\u00fcr die Rezeptionsgeschichte wesentliche Motiv und den Kern messianischer Erwartungen sp\u00e4terer Zeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Messiaserwartungen vom ersten Jahrhundert vor Christus bis ins erste Jahrhundert nach Christus<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Einen regelrechten Schub an messianischen Erwartungen gab es seit dem ersten Jahrhundert v.\u00a0Chr., als die R\u00f6mer 63 v.\u00a0Chr. die Levante unter ihre Herrschaft brachten und sich die politischen Verh\u00e4ltnisse dort noch einmal grundlegend ver\u00e4nderten. Zwar hatten zun\u00e4chst die Hasmon\u00e4er-Nachfahren Hyrkanos II und Aristobul II als Hohepriester und Ethnarch unter r\u00f6mischer Oberherrschaft weiterregiert, doch wurde nach gewaltsamen Konflikten zwischen den beiden im Jahr 40 v.\u00a0Chr. der Idum\u00e4er Herodes als Klientelk\u00f6nig der R\u00f6mer eingesetzt. Dieser musste sich in den Folgejahren die Durchsetzung seiner Herrschaft allerdings erst erk\u00e4mpfen, was zu erheblichen innenpolitischen Spannungen und Verwerfungen f\u00fchrte. Nach seinem Tod im Jahr 4 v.\u00a0Chr. wurde sein Reich unter drei seiner S\u00f6hne aufgeteilt: Archelaos, Antipas und Philippos, das Herrschaftsgebiet des Archelaos (Idum\u00e4a, Jud\u00e4a und Samaria) schlie\u00dflich unter direkte r\u00f6mische Verwaltung gestellt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Im Kontext dieser politischen Entwicklungen entstanden verschiedene Konzeptionen eines meist k\u00f6niglich verstandenen Messias, die sich in verschiedenen fr\u00fchj\u00fcdischen Schriften niederschlugen. Dabei entwickelte sich keine zusammenh\u00e4ngende \u201eMessianologie\u201c. Vielmehr sind unterschiedliche Reaktionen auf die verschiedenen historischen und gesellschaftlichen Konstellationen zu beobachten, von denen die Messiaserwartung nur <span class=\"Minion-Italic\">eine <\/span>darstellt und in sich wiederum vielf\u00e4ltig ist.<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Psalmen Salomos 17 und 18<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Die Psalmen Salomos sind eine Sammlung von 18 Gedichten, die um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts wohl in Jerusalem entstanden sind. Sie setzen sich mit der Eroberung Jerusalems und des Tempels durch Pompeius im Jahr 63 v.\u00a0Chr. auseinander. Angesichts dieser Ereignisse erflehen sie von Gott als K\u00f6nig den \u201eSohn Davids\u201c (PsSal 17,21). Er tr\u00e4gt den Titel \u201eGesalbter\u201c bzw. \u201eGesalbter des Herrn\u201c (PsSal 17,32) und soll zugleich die S\u00fcnder im eigenen Volk z\u00fcchtigen und Jerusalem von den Heidenv\u00f6lkern reinigen. Der Gesalbte\/Messias wird als idealer K\u00f6nig beschrieben, der die desolaten politischen Verh\u00e4ltnisse neu gestaltet und eine gute und gerechte Herrschaft f\u00fcr Israel \u00fcbernimmt. Dazu wird er von Gott mit \u00fcbernat\u00fcrlichen Machtmitteln ausgestattet. So kann er die \u201eFeinde\u201c (d.\u00a0h. die R\u00f6mer) ebenso wie die \u201eS\u00fcnder\u201c (d.\u00a0h. die Kollaborateure im eigenen Volk) entmachten. Dies wiederum ist die Voraussetzung f\u00fcr die neue Heilsherrschaft des Gesalbten\/Messias, die von Weisheit und Gerechtigkeit gepr\u00e4gt ist. Wie ein Hirte (d.\u00a0h. wie ein guter K\u00f6nig, der wie ein Hirte handelt) weidet er das Volk in \u201eTreue und Gerechtigkeit\u201c und achtet dabei besonders auf die Schwachen (PsSal 17,40).<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dieser Gesalbte ist also eine f\u00fcr die Zukunft erwartete, aber geschichtliche K\u00f6nigsgestalt, die aus der Dynastie Davids stammt und daher in nationaler Perspektive als K\u00f6nig f\u00fcr Israel legitimiert ist. Vielleicht ist darin eine implizite Kritik an der K\u00f6nigsherrschaft der Hasmon\u00e4er, die nicht aus der davidischen Linie stammen, oder auch an der Herrschaft der R\u00f6mer mitzulesen.<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Schriften aus Qumran<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">In eine eigene Welt f\u00fchren uns die Schriften, die in den H\u00f6hlen am Toten Meer bei Qumran gefunden wurden. Einige von ihnen enthalten Messias-Erwartungen. Aber auch diese sind in sich nicht einheitlich. Sie sind \u00fcber einen Zeitraum von \u00fcber 200 Jahren entstanden, jedoch im Einzelnen zeitlich kaum pr\u00e4zise einzuordnen, und sie setzen sich mit unterschiedlichen politischen Ereignissen und Entwicklungen auseinander, angefangen bei den Hellenisierungsbestrebungen in seleukidischer Zeit, \u00fcber die Makkab\u00e4erk\u00e4mpfe und die Errichtung eines K\u00f6nigtums durch die Hasmon\u00e4er, die zudem das Hohepriesteramt beanspruchten, bis hin zur r\u00f6mischen Eroberung Jerusalems durch Pompeius und die Folgen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">So ist es nicht verwunderlich, dass die messianischen Vorstellungen entsprechend plural sind. Einige Texte erwarten zwei Gesalbte, die \u201eGesalbten Aarons und Israels\u201c (1QS 9,11; CD 12,23\u201313,1; 14.19; 19,10f.; 20,1), womit vermutlich eine priesterliche (Aaron) und eine k\u00f6nigliche (Israel) Messiasgestalt gemeint sind (vgl. Sach 4,1\u201314; 6,9\u201314). Sie sind dazu erw\u00e4hlt, die Verh\u00e4ltnisse in der Zukunft neu zu ordnen. Bis es soweit ist, lebt die Gemeinschaft in einer Zeit der Vorbereitung und Erwartung, es ist eine Zeit des \u00dcbergangs vor der neuen Zeit \u201eam Ende der Tage\u201c (CD 4,4).<\/p>\n<p class=\"fliess\">Andere Texte sprechen von einem k\u00f6niglich-davidischen Gesalbten. Mit den Titeln \u201eGesalbter der Gerechtigkeit\u201c oder \u201eSpross Davids\u201c (4Q252 5,1\u20137)<br \/>\nwird ein Bezug zur dynastischen Davidverhei\u00dfung hergestellt. Ein weiterer Titel ist \u201eF\u00fcrst der Gemeinde\u201c. Er zeichnet den Gesalbten als Herrscher \u00fcber Israel bzw. \u00fcber die Gemeinschaft, die hinter den Texten steht, der sich machtvoll gegen\u00fcber Feinden und Gottlosen durchsetzt. Ein weiterer Titel ist \u201eSohn Gottes\u201c (4Q174 3,10\u201313), wobei die Interpretation dieses Titels kontrovers beurteilt wird. Deutlich wird aber, dass die verschiedenen Titel verschiedene Aspekte des Messias akzentuieren.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In einer anderen Gruppe von Texten stehen die Bed\u00fcrfnisse der Gemeinde im Zentrum. Der Messias wird gelegentlich erg\u00e4nzt durch einen \u201ePriester\u201c oder den \u201eAusleger des Gesetzes\u201c, der vermutlich daf\u00fcr sorgen soll, dass sich der Messias an die f\u00fcr die Gemeinschaft spezifische Auslegung der Tora und die charakteristische Lebensweise h\u00e4lt. Sogar drei endzeitliche Gestalten sind belegt (1QS 9,11; 4Q175 5\u201320): eine prophetische (Dtn 18,18f.), ein k\u00f6niglicher Gesalbter (Num 24,15\u201317) und eine priesterliche Figur in der Tradition Levis (Dtn 33,8\u201311). Tragender Grund der messianischen K\u00f6nigsherrschaft ist die Gerechtigkeit, die aus der Tora bzw. der spezifischen Interpretation der Tora durch die Gemeinschaft resultiert.<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Apokalyptische Literatur<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Ein wiederum anderes Geschichtsbild kommt in der apokalyptischen Literatur zum Tragen. Die Apokalyptik rechnet mit dem v\u00f6lligen Abbruch der Geschichte und sehnt diesen herbei. Dann werde Gott selbst in der Zukunft ein v\u00f6llig neues Zeitalter, einen neuen \u00c4on, aufrichten.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Im Ersten\/Alten Testaments haben sich apokalyptische Erwartungen in sp\u00e4ten Erg\u00e4nzungen verschiedener prophetischer B\u00fccher niedergeschlagen. Die einzige insgesamt apokalyptische Schrift ist das Buch Daniel, in dessen Geschichtskonzeption der \u201eMenschensohn\u201c eine entscheidende Rolle spielt. Ihm wird nach dem Ende der Herrschaft der vier \u201ebestialischen\u201c Reiche die Herrschaft \u2013 eine wahrhaft menschliche Herrschaft \u2013 \u00fcbertragen (Dan 7,13f.).<\/p>\n<p class=\"fliess\">In anderen fr\u00fchj\u00fcdischen Schriften, die nicht in den Kanon aufgenommen wurden, werden solche Vorstellungen weiterentwickelt und dabei \u2013 unter anderem \u2013 mit Motiven eines \u201eGesalbten\u201c angereichert.<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG ParaOverride-2\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Das \u00e4thiopische Henochbuch<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Bemerkenswert sind dabei die Bilderreden des \u00e4thiopischen Henochbuches (\u00e4thHen 37\u201371). Das Henochbuch ist eine fr\u00fchj\u00fcdische Schrift, in deren Zentrum die biblische Figur des Henoch steht, der nach Gen 5,24 nicht eines nat\u00fcrlichen Todes stirbt, sondern \u201eentr\u00fcckt\u201c wird. Weil Henoch dadurch, so die Vorstellung, Einblick in jenseitige Welten erh\u00e4lt, war dies der Ausgangspunkt weitreichender Spekulationen, die in einer vielf\u00e4ltigen Offenbarungsliteratur einen Ausdruck fanden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das Henochbuch hat eine komplexe Entstehungsgeschichte etwa vom 3. vorchristlichen bis ins erste nachchristliche Jahrhundert. Am besten ist es in \u00e4thiopischen Handschriften \u00fcberliefert, es sind aber auch Textfragmente in griechischer, syrischer, aram\u00e4ischer und lateinischer Sprache erhalten. Die \u201eBilderreden\u201c (\u00e4thHen 37\u201371) bilden in der heutigen Gestalt des umfangreichen Henochbuches den zweiten Teil und sind mit einiger Wahrscheinlichkeit um die Zeitenwende zu datieren.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In diesen Bilderreden erscheint eine richterliche Endzeitgestalt, die meist die Titel \u201eMenschensohn\u201c und \u201eErw\u00e4hlter\u201c tr\u00e4gt, an zwei Stellen aber auch als \u201eGesalbter\u201c bezeichnet wird (\u00e4thHen 48,10; 52,4). Durch diese Vermischung urspr\u00fcnglich unterschiedlicher Vorstellungen wird der Gesalbte zu einer himmlischen Figur, die analog zu Gott selbst Verehrung genie\u00dft. In der Endzeit tritt er als Richter \u00fcber S\u00fcnder und Gottlose auf, besonders \u00fcber K\u00f6nige und Machthaber. Auf ihm ruht die Hoffnung der Gerechten, denn f\u00fcr sie wird er eine Heilszeit aufrichten, Erh\u00f6hung und Rettung bringen und Gottes Gerechtigkeit machtvoll durchsetzen (\u00e4thHen 62,1\u20139). Bemerkenswert in unserem Zusammenhang ist seine Pr\u00e4existenz: Er wurde von Gott vor aller Zeit erw\u00e4hlt und war bereits vor der \u00fcbrigen Sch\u00f6pfung da (48,1\u201310).<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Das 4. Buch Esra<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Eine deutlich j\u00fcngere apokalyptische Schrift ist das 4. Buch Esra. Es ist wahrscheinlich gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. entstanden und setzt sich mit der Katastrophe des Jahres 70 auseinander. Angesichts dieser Katastrophe des Untergangs Jerusalems und der Zerst\u00f6rung des Tempels stellt der Verfasser die Frage, die damals vermutlich viele Menschen umgetrieben hat: Wie kann Gott das zulassen?<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der Text l\u00e4sst Esra aus der Ich-Perspektive sprechen. Sein Dialogpartner ist der Engel Uriel, der als himmlischer Offenbarer fungiert. Immer wieder wird Esra mit seinen Fragen auf die zuk\u00fcnftige Welt Gottes, den neuen \u00c4on der Gottesherrschaft verwiesen. Trotz aller bedr\u00fcckenden Erfahrungen sollen die Menschen sich an Gottes Weisungen halten, damit sie im Gericht bestehen und zum Heil gelangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Bevor aber das Heil in seiner F\u00fclle erscheinen wird, gibt es manche Schwierigkeiten und Bedr\u00e4ngnisse, die bestanden werden m\u00fcssen. Zu diesen Ereignissen der Endzeit geh\u00f6rt auch eine 400j\u00e4hrige Herrschaft des Messias\/Gesalbten. Diese ist als eine innergeschichtliche \u00dcbergangszeit gedacht, an deren Ende der Messias mit allen Menschen stirbt, bevor Gottes Gericht und Neusch\u00f6pfung einsetzen (4\u00a0Esr VII,28\u201333). Der Tod des Messias hat jedoch im Unterschied zur Bedeutung, die in der christlichen Literatur dem Tod Jesu zugeschrieben wird, keinerlei rettende oder Heil schaffende Funktion f\u00fcr die Gerechten. Bemerkenswert ist auch die Bezeichnung des Messias als \u201emein Sohn\u201c. Ob dies tats\u00e4chlich die Vorstellung eines Messias als \u201eGottes Sohn\u201c beinhaltet, wird allerdings kontrovers diskutiert.<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Syrische Baruch-Apokalypse<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Nur wenig j\u00fcnger ist die syrische Baruch-Apokalypse, die um 100 oder zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. entstanden ist. Auch hier tritt nach einer Zeit der Drangsal der Gesalbte auf (syrBar 29,3), mit dem eine Zeit des Heils und des \u00dcberflusses beginnt (29,4\u20138). Danach kehrt er in die himmlische Herrlichkeit zur\u00fcck (30,1). Damit erscheint die messianische Zeit als Zwischenzeit, die die Geschichte beschlie\u00dft \u2013 vor dem Anbruch des neuen \u00c4on (30,1\u20135). Der Gesalbte tr\u00e4gt herrscherliche Z\u00fcge, bewirkt die Vernichtung der Feinde und richtet eine Zeit des Schutzes und des Heils f\u00fcr Israel auf (39,7\u201340,3; 53,8\u201311; 70,9; 72,2\u201374,2).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Messianische Widerstandsbewegungen gegen die r\u00f6mische Herrschaft<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Konkret wurden messianische Erwartungen nicht nur in Schriften, sondern auch in verschiedenen Widerstands- und Aufstandswellen gegen die r\u00f6mische Herrschaft, in denen messianische Figuren zentrale Rollen spielten. Solche Widerstandswellen sind vor allem nach dem Tod Herodes des Gro\u00dfen 4 v.\u00a0Chr., sodann anl\u00e4sslich der Unterstellung von Jud\u00e4a und Samaria unter direkte r\u00f6mische Verwaltung 6 n.\u00a0Chr. oder auch seit den 20er Jahren des 1. Jahrhunderts in Form prophetischer Bewegungen zu beobachten. Ihren H\u00f6hepunkt fanden sie in zwei bewaffneten Aufst\u00e4nden (66\u201370\/73 und 132\u2013135 n.\u00a0Chr.), die beide von den r\u00f6mischen Truppen blutig niedergeschlagen wurden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Es ist gut denkbar, dass manche der oben skizzierten apokalyptischen Vorstellungen als Gegenbilder zu negativen Erfahrungen der Tr\u00e4gergruppen mit politischen K\u00f6nigen, aber auch mit solchen menschlichen Messiaspr\u00e4tendenten entworfen wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Wie konnte Jesus als Messias interpretiert werden?<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Schon dieser schnelle Durchgang durch die fr\u00fchj\u00fcdische Literatur hat ein vielf\u00e4ltiges Motivrepertoire zum Thema von Messiashoffnungen und -erwartungen vor Augen gef\u00fchrt. Und es lie\u00dfen sich leicht weitere Texte und Motive erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Jesus selbst hat, wie die historische Jesusforschung gezeigt hat, von sich selbst nicht als Messias gesprochen. Vielmehr verk\u00fcndete er die jetzt anbrechende neue Zeit der K\u00f6nigsherrschaft Gottes. Um diese Sache seiner Botschaft mit all ihren Implikationen ging es ihm \u2013 nicht um die Deutung und Bedeutung seiner Person. Allerdings erhob er den Anspruch, durch seine Verk\u00fcndigung und Praxis die Gottesherrschaft und das Heil, das von ihr erhofft wurde, pr\u00e4sent und erfahrbar zu machen. Er beanspruchte die Autorit\u00e4t, den Willen Gottes f\u00fcr Israel authentisch auszulegen, und er machte Heil und Unheil davon abh\u00e4ngig, ob man auf seine Botschaft h\u00f6rte \u2013 oder nicht.<\/p>\n<p class=\"fliess\">F\u00fcr einige Zeitgenoss:innen war das, was sie mit Jesus erlebt und wie sie ihn mit seinem Anspruch wahrgenommen hatten, so \u00fcberzeugend, dass sie dies mit vielen Aspekten von Messiaserwartungen der Zeit in Verbindung bringen konnten und auf dieser Basis ihn selbst als den erwarteten Messias interpretierten. In den neutestamentlichen Schriften ist zu beobachten, wie Jesu Leben, sein Wirken und sein Tod in vielerlei Hinsicht mit Hilfe des vorhandenen Motivrepertoires gedeutet und sein Sinn erschlossen wurde. Dabei waren auch Um- und Neuinterpretation n\u00f6tig, vor allem, was das gewaltsame Schicksal Jesu \u2013 sein Leiden und seinen Tod am Kreuz \u2013 betrifft. Doch waren Weiterschreibungen und Neuinterpretationen, wie wir gesehen haben, schon immer charakteristisch f\u00fcr die fr\u00fchj\u00fcdische Literatur.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die historische Jesusforschung zeigt: Jesus hat sich nicht selbst als Messias bezeichnet. Allerdings ist es gut vorstellbar, dass schon zu seinen Lebzeiten von verschiedenen Seiten und mit unterschiedlichen Absichten Messiaserwartungen an ihn herangetragen wurden. 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