{"id":130079,"date":"2026-10-07T09:30:03","date_gmt":"2026-10-07T07:30:03","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=130079"},"modified":"2026-10-07T09:30:03","modified_gmt":"2026-10-07T07:30:03","slug":"die-geschichte-der-historischen-jesusforschung-bis-zur-third-quest","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-geschichte-der-historischen-jesusforschung-bis-zur-third-quest\/","title":{"rendered":"Die Geschichte der historischen Jesusforschung bis zur Third Quest"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"ZWISCHEN\">Einleitung<\/h3>\n<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"Initiale\">D<\/span>ie moderne historische Jesusforschung ist wie die historisch-kritische Bibelauslegung insgesamt ein Kind der Aufkl\u00e4rung (ca. 1650\u20131780). Jahrhundertelang wurden in der christlichen Welt die Jesuserz\u00e4hlungen des NT, die kanonischen Evangelien, als Jesus-Biografien gelesen. Damit wurde selbstverst\u00e4ndlich angenommen, dass die biblischen Jesuserz\u00e4hlungen historisch wahr seien und Erz\u00e4hlungen und \u201ehistorische\u201c Wirklichkeit \u00fcbereinstimmten.<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG ParaOverride-2\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Antike: Pagane Kritik an der Jesusdarstellung der Evangelien<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Kritik an der Jesusdarstellung der Evangelien gab es schon in der Antike. Im Unterschied zur Moderne kam sie aber von au\u00dfen, d. h. von nichtchristlicher Seite, und reichte vom Philosophen Kelsos (Ende 2. Jh.) bis zum letzten heidnischen Kaiser Julian (360\u2013363). Sie bezog sich auf die Evangelien selbst mit ihren zahlreichen Spannungen und Widerspr\u00fcchen, nicht auf das dahinter liegende supranaturalistische Weltbild. Dass \u00fcbernat\u00fcrliche Wesen \u2013 insbesondere g\u00f6ttliche Wesen, aber auch D\u00e4monen \u2013 direkten Einfluss auf die menschliche Welt bzw. die menschliche Wirklichkeit nehmen k\u00f6nnen, geh\u00f6rte zum antiken Weltbild und wurde \u2013 anders als in der Moderne \u2013 nicht grunds\u00e4tzlich hinterfragt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Kritisiert wurde besonders die Zahl der Evangelien mit ihrem unterschiedlichen Aufriss und den auff\u00e4lligen Widerspr\u00fcchen bei inhaltlich \u00e4hnlichen Texten wie zwischen den beiden Kindheitserz\u00e4hlungen oder zwischen den Passionserz\u00e4hlungen. Die F\u00fclle an weiteren Evangelien, die ab dem 2. Jh. die kanonischen Evangelien \u201eerg\u00e4nzten\u201c, trug ebenfalls nicht zum Verstummen der Kritik bei. So vergleicht der Philosoph Kelsos die Christen mit Betrunkenen, die \u201edas Evangelium [\u2026] dreifach und vierfach und vielfach umpr\u00e4gen und umformen\u201c, wie es ihnen gerade passt (zit. bei Origenes, <span class=\"CharOverride-7\">Contra Celsum II<\/span>, 27).<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Kritik f\u00fchrte zur Anfrage an die Glaubw\u00fcrdigkeit der Evangelien und damit des christlichen Glaubens insgesamt. Entsprechend gro\u00df war die Verunsicherung in den Gemeinden. Christliche Theologen versuchten mit unterschiedlichen Methoden diese Kritik an den Evangelien zu widerlegen. So erkl\u00e4rte Origenes (ca. 185\u2013254) die Unterschiede z. T. historisch und z. T. durchaus modern mit der Annahme voneinander abweichender Intentionen der Evangelisten. Eine weitere, von ihm in die christliche Exegese eingebrachte Methode war die allegorische d. h. bildlich-\u00fcbertragene Auslegung der Evangelien, um so die geistliche Sinnebene ins Zentrum zu r\u00fccken (Allegorese). Ein eher konservativer Versuch die Kritik auszur\u00e4umen, war die Erstellung von Evangelienharmonien, in denen die vier Evangelien zu einem Evangelium verbunden wurden, um eine einheitliche Lebens- und Wirkungsgeschichte Jesu zu erz\u00e4hlen. Die bekannteste und einflussreichste Evangelienharmonie der Antike war das syrische Diatesseron, das ca. 170 von Tatian zusammengestellt wurde. Seine lateinische \u00dcbersetzung war wiederum Grundlage f\u00fcr Evangelienharmonien in mehreren Volkssprachen, u. a. f\u00fcr den alts\u00e4chsischen <span class=\"CharOverride-7\">Heliand<\/span> (9. Jh.).<\/p>\n<p class=\"fliess\">Mit der Durchsetzung des Christentums als Staatsreligion verschwanden auch die grunds\u00e4tzlichen Anfragen an die christlichen Quellen und ihren historischen Quellenwert. Andere Fragen traten in den Vordergrund wie die Christologie und die Trinit\u00e4tslehre. Mit wenigen Ausnahmen blieb das so bis ins MA und in die fr\u00fche Neuzeit.<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG ParaOverride-2\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Aufkl\u00e4rung: Innerchristliche Kritik an der Jesusdarstellung der Evangelien<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Erst mit der Aufkl\u00e4rung \u00e4nderte sich das. Sie beginnt in Deutschland mit dem Ende des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges (1648), in Frankreich und England etwas fr\u00fcher. In ihr wird die kritische Vernunft zum Ma\u00dfstab wissenschaftlicher Erkenntnis: Wahr ist, was in sich nicht widerspr\u00fcchlich ist und der Vernunft entspricht. Zu dieser Entwicklung trugen eine Reihe von Faktoren bei: die wachsende Bedeutung von Naturwissenschaft und Technik, \u00fcber das Aufkommen der Geschichtswissenschaften, die Kritik am Rechtspositivismus, die theologische Kritik am Dogma der christlichen Kirchen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Mit der Kritik am Dogma einher ging die zunehmende Emanzipation der Exegese von der Dogmatik, u. a. mit ihren aus Literatur- und Geschichtswissenschaft entlehnten Methoden der historischen Bibelkritik. F\u00fcr die Jesusdarstellung in den Evangelien bedeutete das, dass nicht mehr Jesu Verh\u00e4ltnis zu Gott bzw. seine G\u00f6ttlichkeit im Zentrum stand, sondern dass mehr und mehr die Frage nach der historischen Zuverl\u00e4ssigkeit von Jesu Worten und Taten in den Vordergrund r\u00fcckte. Als unhistorisch wurde in den Evangelien das angesehen, was sich beim Vergleich der Evangelien widersprach, mit der antiken Geschichte nicht zusammenzupassen schien, und vor allem, was mit den Naturgesetzen unvereinbar war, wie z. B. die Wunder Jesu, seine jungfr\u00e4uliche Empf\u00e4ngnis und nicht zuletzt seine Auferweckung von den Toten.<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Die Phasen der historischen Jesusforschung<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Die Geschichte der historischen Jesusforschung wird in der Regel in Phasen eingeteilt. Am verbreitetsten ist die Einteilung von Tom Wright (1987), der auch den Begriff Third Quest einf\u00fchrte.  Grundlage ist die im angels\u00e4chsischen Sprachraum schon vorher g\u00e4ngige Einteilung der Jesusforschung in Old Quest (ca. 1778\u2013ca. 1900) und New Quest (ab 1953). Ein Problem dieser Phaseneinteilung ist das Fehlen der ersten H\u00e4lfte des 20. Jhs., eines doch ziemlich gro\u00dfen Zeitraumes. Die Unsicherheit, wie die Phase dieses Zeitraums zu bezeichnen ist, ist bis heute gro\u00df. Anfangs wurde sie No Quest genannt, im Jesusbuch von Thei\u00dfen\/Merz hei\u00dft sie \u201eZusammenbruch der Leben-Jesu-Forschung\u201c, in der Neuauflage des Buches 2023 \u201eKrise der Jesus-Forschung\u201c. Alle drei Bezeichnungen f\u00fcr die Jesusforschung in diesem Zeitraum suggerieren, dass es einzig um Kritik der bisherigen Leben-Jesu-Forschung ging, (konstruktive) Neuans\u00e4tze dagegen fehlten. Dass das nicht stimmt, versuche ich noch zu zeigen. Der von mir verwendete neutralere Begriff \u201eZwischenphase\u201c ist allerdings auch noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Die genannten Schwierigkeiten f\u00fchrten dazu, dass einige Forscher:innen die Phaseneinteilung grunds\u00e4tzlich ablehnen, weil sie der Kontinuit\u00e4t der Entwicklung nicht gerecht w\u00fcrde. Andere lehnen nur die Third Quest als eigene Phase ab wegen der Uneinheitlichkeit ihrer Jesusbilder. Ich selbst halte die Phaseneinteilung allein deshalb f\u00fcr hilfreich, weil sie in die Menge der Ver\u00f6ffentlichungen zum historischen Jesus eine gewisse Struktur bringt. Sie bleibt aber letztlich ein Hilfskonstrukt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Die Geschichte der historischen Jesusforschung<\/h3>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG ParaOverride-2\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Old Quest: Von Reimarus bis zur liberalen Leben-Jesu-Forschung (ca. 177<\/span><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">8<\/span><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">\u20131900)<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG ParaOverride-2\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\"><strong>Hermann Samuel Reimarus (1694\u20131768)<\/strong><\/span> \u2013 Die Geschichte der historischen Leben-Jesu-Forschung beginnt mit Hermann Samuel Reimarus, einem Hamburger Gymnasialprofessor f\u00fcr orientalische Sprachen. Als ein Vertreter des sogenannten Deismus lehnte er die Vorstellung eines Gottes ab, der regelm\u00e4\u00dfig in die Welt eingreift. Der christliche Offenbarungsglaube war aber nicht per se obsolet f\u00fcr ihn, sondern nur ein von der Vernunft losgel\u00f6ster Glaube.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Bis zu seinem Tod arbeitete Reimarus an seinem umfangreichen Werk <span class=\"CharOverride-7\">Apologie oder Schutzschrift f\u00fcr die vern\u00fcnftigen Verehrer Gottes<\/span>, das zu Lebzeiten nur anonym im Bekanntenkreis kursierte. Gotthold Ephraim Lessing ver\u00f6ffentlichte 1774\u201378 sieben Fragmente daraus, einschlie\u00dflich einer Vorform der Abhandlung <span class=\"CharOverride-7\">Von dem Zwecke Jesu und seiner J\u00fcnger<\/span>, die f\u00fcr die historische Jesusforschung besonders interessant ist. Aus R\u00fccksicht auf die Familie des Reimarus erschienen die Fragmente anonym als Fragmente des Wolfenb\u00fcttelschen Ungenannten. Der Sturm der Entr\u00fcstung, der nach der Ver\u00f6ffentlichung losbrach, rechtfertigte nachtr\u00e4glich die geheim gehaltene Identit\u00e4t des Verfassers.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Neu war in ihrer Radikalit\u00e4t die nur der Vernunft verpflichtete, historische Kritik an der Bibel. Einige zentrale und bis heute akzeptierte Beobachtungen der Evangelienexegese und der Jesusforschung finden sich zuerst bei ihm. Zentral ist sein methodischer Ausgangspunkt, der zwischen der Verk\u00fcndigung Jesu und dem Christusglauben der Apostel unterscheidet: \u201eich finde gro\u00dfe Ursache, dasjenige, was die Apostel in ihren eigenen Schriften vorbringen, von dem, was Jesus in seinem Leben w\u00fcrklich selbst ausgesprochen und gelehret hat, g\u00e4nzlich abzusondern.\u201c (Fragment 7, Teil I \u00a73) Zentral ist auch die Akkomodationtheorie, wonach die Verk\u00fcndigung Jesu nur aus dem Kontext der j\u00fcdischen Religion seiner Zeit heraus zu erkl\u00e4ren ist. Als Kind seiner Zeit kann Jesus sich nach Reimarus seinen H\u00f6rer:innen nur im Rahmen j\u00fcdischer Vorstellungen verst\u00e4ndlich machen. Entsprechend hatte er auch keine Absicht, die j\u00fcdische Religion abzuschaffen, sondern weckte messianische Erwartungen bei den Menschen und wollte ein weltliches Reich aufrichten. Bemerkenswert ist auch seine genaue Quellenbeobachtung, bei der Widerspr\u00fcche und Spannungen nicht weginterpretiert oder einfach als irrelevant \u00fcbergangen werden. Sie entspricht im Kern dem in der New Quest formulierten Kriterium der Verlegenheit: \u201eWenn die erz\u00e4hlte Sache dem Zeugen selbst, oder denen, welchen er wohl will, zu Unehre, Schaden und Unlust gereichen, oder denen, welchen er abgeneigt ist, Ehre, Vortheil oder Lust bringen kann: so ist es ein Zeichen seiner Aufrichtigkeit.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">\u00dcberholt ist dagegen Reimarus\u2019 Deutung der Auferstehung Jesu als J\u00fcngerbetrug. Da die Apostel mit seinem gewaltsamen Tod nicht zurechtgekommen w\u00e4ren, h\u00e4tten sie die Leiche Jesu heimlich fortgeschafft, so dass sie ihn nach 50 Tagen \u2013 als die verweste Leiche nicht mehr zu identifizieren war \u2013 als auferstanden und wiederkommenden, durch sein Leiden erl\u00f6senden Christus verk\u00fcndigten. Nach Albert Schweitzer war die Betrugshypothese eine Nothypothese, die \u201edie vielleicht gro\u00dfartigste Leistung in der Leben-Jesu-Forschung \u00fcberhaupt\u201c in keiner Hinsicht schm\u00e4lerte, da die damalige historische Wissenschaft eine andere, von der Vernunft gepr\u00e4gte Deutung noch nicht zulie\u00df.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><strong><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Die Rationalisten<\/span><\/strong>\u00a0\u2013 Da Reimarus aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden keine Sch\u00fcler hatte und seine Deutung des christlichen Glaubens auch noch lange nach Lessings Ver\u00f6ffentlichung einzelner seiner Schriften hoch umstritten blieb, wurden seine Analysen und Interpretationen zum Leben Jesu nicht aufgenommen und konstruktiv weitergef\u00fchrt. Stattdessen beherrschte bis Mitte des 19. Jhs. der Rationalismus das Feld. Er versuchte die Evangelien auf \u201evern\u00fcnftige\u201c Weise zu interpretieren, im Einklang mit dem, was die Zeitgenoss:innen sich als vern\u00fcnftig vorstellten. Seine Vertreter versuchten die neutestamentlichen Texte und darin besonders die Wunder Jesu und seine Auferstehung an das naturwissenschaftliche Weltbild anzupassen, ohne den tradierten Glauben an die \u201ehistorische\u201c Wahrheit der Evangelien aufzugeben. Gleichzeitig entwerfen sie ein romanhaftes Gesamtbild des Lebens Jesu, in dem Jesus und seine J\u00fcnger in moderner Sprache und damit f\u00fcr ihre Leser:innen verst\u00e4ndlich kommunizierten. Ihre konsequent nat\u00fcrliche Deutung der Wunder und der Auferstehung Jesu hat bis heute \u00fcberlebt, und das nicht nur in esoterischer Jesusliteratur.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wichtige Vertreter des Rationalismus in Deutschland waren Carl Friedrich Bahrdt (1740\/41\u20131792), Karl Heinrich Georg Venturini (1768\u20131849) und Heinrich Eberhard Gottlob Paulus (1761\u20131851). Dabei wurden die Wunder Jesu durchaus unterschiedlich erkl\u00e4rt. So gelangen Jesu Heilungen und Exorzismen nach Venturini durch Heilmittel und chirurgische Eingriffe, w\u00e4hrend sie nach Paulus, der einen wissenschaftlichen Rationalismus vertrat, psychologisch zu erkl\u00e4ren sind. Auch die Naturwunder wurden unterschiedlich ausgelegt, basieren aber immer auf Irrt\u00fcmern und \u00adMissverst\u00e4ndnissen. So nehmen Bahrdt und Venturini in Bezug auf die Brotvermehrung an, dass die J\u00fcnger im Wissen um die gro\u00dfe Menschenmenge, die zu Jesus hinaus in die Ein\u00f6de kam, vorsorglich Brot und Fisch in einer nahegelegenen H\u00f6hle deponierten, w\u00e4hrend Paulus davon ausgeht, dass Jesus die Reichen dazu brachte ihren reichlichen Vorrat an die Armen abzugeben. Allen gemeinsam ist die Erkl\u00e4rung der Auferweckung Jesu mit Hilfe der Scheintodhypothese. Nach Bahrdt haben die Essener, denen Jesus angeh\u00f6rte, die Auferstehung bewusst inszeniert, w\u00e4hrend nach Venturini Josef von Arimath\u00e4a den Gekreuzigten von Pilatus erbat, um ihn mit seinen medizinischen Kenntnissen f\u00fcr 40 Tage ins Leben zur\u00fcckzuholen. Nach Paulus ist Jesus im Grab wieder zu sich gekommen, hat sich aber heimlich aus dem Grab entfernt und lebte dann noch bis zur Himmelfahrt.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><strong><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">David Friedrich Strau\u00df (1808\u20131874)<\/span><\/strong> \u2013 Dass auch die rationalistische Bibelinterpretation in eine Sackgasse f\u00fchrt, erkannte als einer der ersten der Theologe und Philosoph David Friedrich Strau\u00df. In seinem 1835\/36 erschienenen zweib\u00e4ndigen Werk <span class=\"CharOverride-7\">Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet<\/span> schl\u00e4gt er als Hegelsch\u00fcler einen Weg jenseits von Supranaturalismus und Rationalismus ein, und damit jenseits eines Festhaltens an der Historizit\u00e4t der Evangelien:<\/p>\n<p class=\"fliess\">\u201eWenn die altkirchliche Exegese von der doppelten Voraussetzung ausgieng, dass in den Evangelien erstlich Geschichte, und zwar zweitens eine \u00fcbernat\u00fcrliche, enthalten sei, wenn hierauf der Rationalismus die zweite dieser Voraussetzungen wegwarf, doch nur um desto fester an der ersten zu halten, dass in jenen B\u00fcchern lautere, wenngleich nat\u00fcrliche, Geschichte sich finde: so kann auf diesem halben Wege die Wissenschaft nicht stehen bleiben, sondern es muss auch die andere Voraussetzung fallen gelassen, und erst untersucht werden, ob und wie weit wir \u00fcberhaupt in den Evangelien auf historischem Grund und Boden stehen.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Strau\u00df versteht nicht nur einzelne Erz\u00e4hlungen wie die Kindheitsgeschichten oder die Wundererz\u00e4hlungen, die Reimarus f\u00fcr unhistorisch hielt und die Rationalisten vernunftgem\u00e4\u00df zu erkl\u00e4ren suchten, als Prozess mythischer, absichtsloser Imagination, sondern die Struktur der Evangelien insgesamt. Auch die Messianit\u00e4t Jesu in den Evangelien wird mit Hilfe alttestamentlicher Motive, Bilder und Figuren wie z. B. die eines Mose oder eines Elija mythisch gedeutet.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dadurch entsteht der Eindruck, dass Strau\u00df gar kein Interesse an einer Darstellung des Lebens Jesu hat, sondern nur beabsichtigt, \u201edie historische Glaubw\u00fcrdigkeit der meisten Erz\u00e4hlungen in den Evangelien zu zerst\u00f6ren\u201c. Dazu passt, dass f\u00fcr ihn nicht der historische Jesus von Bedeutung ist, sondern die Idee des Gottmenschen in der mythischen Einkleidung der Person Jesu. Trotzdem geht Jesus von Nazaret f\u00fcr Strau\u00df nicht im Mythos auf, wie dann wenige Jahre sp\u00e4ter etwa bei Bruno Bauer.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Auch wenn Strau\u00df in seinem Jesus-Buch weder die literarischen Strukturen der Evangelien untersucht noch Quellenkritik betreibt, erkannte er als einer der ersten, dass das Johannesevangelium nicht nur st\u00e4rker als die drei anderen Evangelien von theologischen Interessen gepr\u00e4gt ist, sondern auch historisch viel weniger verl\u00e4sslich ist.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><strong><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Die liberale Leben-Jesu-Forschung<\/span><\/strong> \u2013 Die Vertreter dieser Phase greifen die Erkenntnisse von Strau\u00df auf, kn\u00fcpfen aber auch an die romanhaften Leben-Jesu-Darstellungen der Rationalisten an. Methodisch ist die Phase bestimmt von der allm\u00e4hlichen Durchsetzung der Zweiquellentheorie, der Theorie zur Entstehung der kanonischen Evangelien, die bis heute von Bedeutung ist. Als ihr eigentlicher Begr\u00fcnder gilt Christian Hermann Weisse (1801\u20131866), der 1838 nicht nur das Markusevangelium als Quelle f\u00fcr die beiden anderen Synoptiker (Markuspriorit\u00e4t) erkannte, sondern aus dem \u00fcber das Markusevangelium hinausgehenden gemeinsamen Stoff des Matth\u00e4us- und Lukasevangeliums auch auf eine verloren gegangene Spruchsammlung als ihre zweite Quelle schloss, die beide Evangelien unabh\u00e4ngig voneinander benutzt h\u00e4tten. Der wissenschaftliche Nachweis der Zweiquellentheorie gelang aber erst 1863 Heinrich Julius Holtzmann (1832\u20131910), wobei f\u00fcr ihn nicht das Markusevangelium, sondern ein hypothetischer Urmarkus A von Mt und Lk als Quelle benutzt worden sei. Dieser Urmarkus h\u00e4tte neben dem Textbestand des Markusevangeliums auch einige zentrale Texte aus Q wie z. B. die lukanische Feldrede enthalten. Im Hintergrund der quellenkritischen Arbeit stand bei Holtzmann wie bei vielen anderen protestantischen Theologen seiner Zeit nicht das Interesse an den Quellen an sich, sondern an einer historisch genauen Rekonstruktion des Lebens Jesu. F\u00fcr Holtzmann spiegelt der Urmarkus die innere Entwicklung Jesu wider, hin zu einem messianischen Bewusstsein.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Mit den Entdeckungen der liberalen Leben-Jesu-Forschung einher ging die Publikation einer F\u00fclle von romanhaften Jesusbiografien. Einer der popul\u00e4rsten Jesusromane der Zeit mit einem romantisierenden Jesusbild stammt vom franz\u00f6sischen Religionshistoriker und Schriftsteller Ernest Renan (1823\u20131892), dessen Buch <span class=\"CharOverride-7\">Vie de J\u00e9sus <\/span>auch in Deutschland weite Verbreitung fand. Der von Renan sanft, mild und liebensw\u00fcrdig charakterisierte Jesus zog mit seiner \u201ek\u00f6stlichen Theologie der Liebe\u201c (la d\u00e9licieuse th\u00e9ologie de l\u2019amour) alle Herzen in den Bann.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Auch wenn sich auf den ersten Blick die romanhafte Darstellung des Lebens Jesu von der wissenschaftlichen Besch\u00e4ftigung mit dem historischen Jesus eines Heinrich Julius Holtzmann deutlich unterschied, gab es auf den zweiten Blick doch einige Gemeinsamkeiten. Dazu geh\u00f6rte nicht zuletzt das Interesse daran, den durch die Naturwissenschaften und Geschichtswissenschaften verunsicherten christlichen Zeitgenoss:innen einen neuen Zugang zu Jesus von Nazaret zu erm\u00f6glichen, indem er ihnen weniger als Sohn Gottes, sondern mehr als sittliches Vorbild vorgestellt wurde. Beide, Theologie und Literatur, spiritualisierten das von Jesus verk\u00fcndete Gottesreich, indem sie es nicht als eine \u00e4u\u00dfere Gr\u00f6\u00dfe auffassten, sondern als eine innerliche, die im Gewissen des Menschen angesiedelt ist. Ein eschatologisches Verst\u00e4ndnis des Gottesreiches wurde Jesus entweder abgesprochen oder entwicklungspsychologisch (in Bezug auf Jesus) bzw. p\u00e4dagogisch (in Bezug auf die J\u00fcnger) erkl\u00e4rt. Beide betonen den \u201esittlichen Gehalt der Gottesidee\u201c, die Jesus verk\u00fcndet habe und die gepr\u00e4gt gewesen sei von der Liebe.<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG ParaOverride-2\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Die sogenannte Zwischenphase: Von Albert Schweitzer bis Rudolf Bultmann (ca. 1900\u20131953)<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Die Jesusforschung in der sogenannten Zwischenphase ist zum einen von einer durch die Formkritik ausgel\u00f6sten grunds\u00e4tzlichen Kritik an der liberalen Leben-Jesu-Forschung gepr\u00e4gt, zum anderen von Auseinandersetzungen um Jesu Judesein. Gegen\u00fcber zun\u00e4chst zaghaften, dann selbstbewussten Versuchen j\u00fcdischer Gelehrter Jesus \u201eheimzuholen\u201c (Quest for the Jewish Jesus) steht die Suche nach dem nicht-j\u00fcdischen Jesus (Quest for the Non-Jewish Jesus), die mit dem aufkommenden und sich schlie\u00dflich etablierenden Nationalsozialismus ihren H\u00f6hepunkt erreichte. Dass es die Phase in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jhs. nur zu einer \u201eZwischenphase\u201c geschafft hat, k\u00f6nnte auch damit zusammenh\u00e4ngen, dass die Suche nach dem nicht-j\u00fcdischen Jesus und ihrer Verbindung mit dem Nationalsozialismus so sehr mit Scham behaftet war, dass die entsprechenden Arbeiten als unwissenschaftliche, ideologische Jesusforschung abgehakt und mit dem Bann des Schweigens belegt wurden.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><strong><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Kritik an der liberalen Jesus-Forschung <\/span><\/strong>\u2013 Die Zwischenphase beginnt um die Jahrhundertwende mit der grunds\u00e4tzlichen Kritik an zwei Axiomen der liberalen Leben-Jesu-Forschung: an der Ablehnung der eschatologischen Deutung des Gottesreiches (1) und an der Hypothese vom Markusevangelium als historischer Biografie Jesu (2).<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">zu 1)<\/span> 1892 stellte Johannes Wei\u00df (1863\u20131914) die Vorstellung vom Reich Gottes als geistiges und innerliches Reich grunds\u00e4tzlich in Frage. Er wies nach, dass die jesuanische Reich-Gottes-Verk\u00fcndigung durch und durch eschatologische Z\u00fcge tr\u00e4gt und von der fr\u00fchj\u00fcdischen Apokalyptik her zu verstehen ist. Albert Schweitzer (1875\u20131965) stimmt in seinem epochalen Werk <span class=\"CharOverride-7\">Geschichte der Leben-Jesu-Forschung <\/span>von 1906 im Wesentlichen mit Wei\u00df \u00fcberein, setzt sich aber offensiver und hermeneutisch reflektierter mit den Jesusdarstellungen der liberalen Leben-Jesu-Forschung auseinander. F\u00fcr ihn sind sie Projektionen der eigenen zeitbedingten Jesuswunschbilder, um sich mit der Fremdheit Jesu und seiner eschatologisch-apokalyptischen Verk\u00fcndigung nicht auseinandersetzen zu m\u00fcssen: \u201eMan lese die Leben-Jesu seit den sechziger Jahren durch und schaue, was sie aus den Imperatorenworten unseres Herrn gemacht haben, wie sie seine gebieterischen, weltverneinenden Forderungen an den einzelnen heruntergeschraubt haben, damit er nicht wider unsere Kulturideale stritte und mit seiner Weltverneinung in unsere Weltbejahung einginge [&#8230;] Wir lie\u00dfen Jesus eine andere Sprache mit unserer Zeit reden, als ihm \u00fcber die Lippen kam.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Schweitzers Buch ist bis heute von bleibender Aktualit\u00e4t, da es als eines der ersten das Bewusstsein daf\u00fcr sch\u00e4rfte, wie zeitbedingt die jeweiligen Jesus-Rekon\u00adstruktionen sind, und dass sie daher immer wieder kritisch \u00fcberpr\u00fcft werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">zu 2)<\/span> Ebenfalls um die Jahrhundertwende hebeln William Wrede (1859\u20131906) und etwas sp\u00e4ter Karl Ludwig Schmidt (1891\u20131956) das zweite Axiom der liberalen Leben-Jesu-Forschung aus. Danach bildet das Mk weder chronologisch das Wirken Jesu ab, noch l\u00e4sst sich eine Entwicklung der Pers\u00f6nlichkeit Jesu aus der Reihenfolge der Perikopen ablesen. W\u00e4hrend Wrede 1901 mit Hilfe der Messiasgeheimnistheorie nachweist, dass auch schon das \u00e4lteste Evangelium Ausdruck von Gemeindetheologie ist, kann Schmidt 1919, aufbauend auf Wredes Erkenntnissen, zeigen, dass die Jesus\u00fcberlieferungen des Mk aus kleinen Einheiten bestehen, die selbst schon von Gemeindebed\u00fcrfnissen gepr\u00e4gt sind. Diese wurden vom Evangelisten erst nachtr\u00e4glich in einen chronologischen und geographischen Rahmen gesetzt, so dass damit auch das \u00e4lteste Evangelium als unhinterfragte Quelle f\u00fcr eine historische Rekonstruktion des Wirkens<br \/>\nJesu ausgeschieden werden muss.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">(3)<\/span> Martin Dibelius (1883\u20131947) und Rudolf Bultmann (1884\u20131976) versetzten schlie\u00dflich durch ihre Arbeiten zur Formgeschichte der Evangelien zentralen Axiomen der liberalen Leben-Jesu-Forschung den letzten Sto\u00df (1919 Dibelius, 1921 Bultmann). Radikaler als Dibelius schlie\u00dft Bultmann (1884\u20131976) aus seinen Erkenntnissen, dass der Christus, der verk\u00fcndigt wird, nicht der historische Jesus ist, sondern der Christus des Glaubens, so dass es unm\u00f6glich ist, aus den Texten der Evangelien auf eine Pers\u00f6nlichkeit oder ein Bewusstsein Jesu zu schlie\u00dfen und Jesus damit als moralisches Vorbild f\u00fcr Christen hinzustellen. Daraus folgt, dass der historische Jesus nur zu den Voraussetzungen des christlichen Glaubens geh\u00f6re, sein zentraler Inhalt dagegen der kerygmatische Christus sei. Wichtig ist daher nicht, was Jesus gesagt und getan habe, sondern dass er gekommen ist, gelitten hat und gestorben ist und von Gott auferweckt wurde. F\u00fcr Christen gehe es allein darum, auf den in Jesus an sie ergehenden Anruf Gottes zu antworten.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\"><strong>Verschiedene Neuans\u00e4tze<\/strong> <\/span><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">\u2013 (1) <\/span>Anders als oft angenommen f\u00fchrte die Kritik an der liberalen Jesusforschung aber nicht zu einer grunds\u00e4tzlichen Ablehnung der historischen R\u00fcckfrage nach Jesus. Das trifft auch f\u00fcr Albert Schweitzer und noch mehr f\u00fcr Rudolf Bultmann zu. Beide interessieren sich sowohl f\u00fcr hermeneutische als auch f\u00fcr existentiell-theologische Fragen. W\u00e4hrend beide Fragekomplexe bei Schweitzer aufgrund seiner Entscheidung gegen eine theologische Karriere nur in Ans\u00e4tzen vorliegen, werden sie bei Bultmann mehrfach durchgearbeitet. Schon in seinem Jesusbuch von 1926 verbindet er hermeneutische, historische und existentiale Reflexionen. Er will mit ihm keine Jesusbiografie schreiben, jedenfalls keine im Sinne der Jesusbiografien der liberalen Leben-Jesu-Forschung. Bultmann interessiert weder die Pers\u00f6nlichkeit noch das Bewusstsein noch die psychische Entwicklung Jesu, da auch die neutestamentlichen Texte sich daf\u00fcr nicht interessieren und entsprechend wenig ergiebig sind. Nichtsdestotrotz ist er aber in Bezug auf die Lehre Jesu davon \u00fcberzeugt, \u201eda\u00df wir uns ein zusammenh\u00e4ngendes Bild machen k\u00f6nnen\u201c, auch wenn wir in Bezug auf die Quellen sehr vorsichtig sein m\u00fcssen. Sein B\u00fcchlein besch\u00e4ftigt sich denn auch nur mit der Verk\u00fcndigung Jesu, so wie sie uns in der \u00e4ltesten \u00dcberlieferung erhalten ist, und bindet sie durch die drei ersten Kapitel auch in den j\u00fcdischen Kontext des 1.\u00a0Jhs. ein. Bultmanns Interpretation der Verk\u00fcndigung Jesu zielt jedoch auch in seinem Jesusbuch darauf, dass sie die Begegnung mit dem lebendigen Christus erm\u00f6glicht, der den Menschen zur Entscheidung ruft.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">(2)<\/span> Wie erw\u00e4hnt tut sich die internationale Jesusforschung schwer damit, die antisemitischen Jesusb\u00fccher etablierter und anerkannter deutscher Neutestamentler aus der Zwischenkriegszeit (Weimarer Republik und Nationalsozialismus) unter das Label historische Leben-Jesu-Forschung einzuordnen oder sie gar als Neuansatz anzusehen. Doch eine ideologisch verblendete, antisemitische historische Leben-Jesu-Forschung bleibt Leben-Jesu-Forschung, genauso wie die romantisierende und liberale Leben-Jesu-Forschung des 19. Jhs. Leben-Jesu-Forschung bleibt. Gegen\u00fcber dem Antijudaismus in der Jesusforschung des 19. und beginnenden 20. Jhs. besteht das Neue der antisemitischen Leben-Jesu-Forschung darin, dass sie versuchten, Jesus ganz aus dem Judentum zu l\u00f6sen, bis dahin, dass sie ihn als urspr\u00fcnglich arisch deklarierten und damit die Menschenverachtung des Nationalsozialismus christlich untermauerten. Zu den Vertretern dieser Jesusforschung geh\u00f6rten u. a. Johannes Leipoldt, Walter Grundmann, Emanuel Hirsch und in etwas abgeschw\u00e4chter Weise auch Gerhard Kittel, der Herausgeber des <span class=\"CharOverride-7\">Theologischen W\u00f6rterbuchs zum Neuen Testament <\/span>(ThWNT).<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">(3)<\/span> W\u00e4hrend von christlicher Seite kaum Kritik an antij\u00fcdischen Positionen in den Bibelwissenschaften und speziell in der historischen Jesusforschung ge\u00fcbt wurde, entwickelte sich von j\u00fcdischer Seite seit Mitte des 19. Jhs. ein neues Interesse am Juden Jesus. Mit Adolf von Harnacks in Teilen antij\u00fcdischen Vorlesungen \u00fcber <span class=\"CharOverride-7\">Das Wesen des Christentums <\/span>(1900) und die zahlreichen j\u00fcdischen Antworten darauf gewann die Debatte \u00fcber Jesu J\u00fcdischsein noch einmal an Fahrt. Der j\u00fcdischen Seite ging es darum zu zeigen, dass das Judentum zur Zeit Jesu keine \u00fcberholte, \u00fcberfl\u00fcssige Vorstufe des Christentums ist, sondern dass die Verk\u00fcndigung Jesu nur vom Judentum her zu verstehen ist und das Judentum damit f\u00fcr das Christentum eine grundlegende Relevanz hat. Besonders hervorzuheben ist die Studie von Leo Baeck (1905), die sich schon durch ihren Titel <span class=\"CharOverride-7\">Das Wesen des Judentums <\/span>als Gegenposition zu Harnacks Vorlesungen zu erkennen gibt. Baeck hat \u00fcbrigens 1938, in dunkelster Zeit, eine eigene Studie zu Jesus und den Evangelien vorgelegt: <span class=\"CharOverride-7\">Die Evangelien als Zeugnisse der j\u00fcdischen Glaubensgeschichte<\/span>. Die im Schocken-Verlag gedruckten Exemplare wurden aber fast sofort nach Erscheinen von der Gestapo beschlagnahmt und vernichtet.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Unabh\u00e4ngig von der j\u00fcdischen Auseinandersetzung mit Harnacks Position gab es um die Jahrhundertwende eine Reihe kleiner Beitr\u00e4ge zum Juden Jesus von j\u00fcdischen Autoren. Es fehlte jedoch eine gr\u00f6\u00dfere wissenschaftliche Untersuchung zum historischen Jesus aus j\u00fcdischer Sicht. Diese L\u00fccke schloss Joseph Klausner (1874\u20131958), ein aus Odessa stammender Zionist und ausgewiesener Kenner der semitischen Philologie, der die erste gro\u00dfe j\u00fcdische Jesusmonografie schrieb. Sie erschien 1922 in Jerusalem auf Hebr\u00e4isch, 1930 auch in deutscher \u00dcbersetzung. Ungew\u00f6hnlich war, dass sie sich \u201ezun\u00e4chst an einen hebr\u00e4isch sprechenden, j\u00fcdischen Adressatenkreis im damaligen britischen Mandatsgebiet Pal\u00e4stina [richtete], dessen zur\u00fcckhaltende bis ablehnende Haltung gegen\u00fcber Jesus bzw. dem Christentum auf eine lange Tradition zur\u00fcckging\u201c. F\u00fcr Klausner war Jesus selbstredend weder Messias und noch weniger Gottes Sohn, sondern \u201eeiner von uns, einer unserer bedeutendsten Moralisten, einer unserer gr\u00f6\u00dften Vision\u00e4re\u201c. Sein Buch wurde breit rezipiert, aber von christlicher wie auch von j\u00fcdischer Seite sehr kontrovers diskutiert. Christliche Theologen f\u00fchlten sich \u00fcberlegen, z. T. auch angegriffen und werteten die j\u00fcdische Perspektive auf Jesus ab. J\u00fcdische Gelehrte hatten u. a. Probleme mit der unpolemischen Darstellung Jesu als j\u00fcdischer Rabbi, der das Judentum seiner Zeit reformieren wollte.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Festzuhalten ist, dass der Versuch j\u00fcdischer Gelehrter in der sogenannten Zwischenphase, die Gestalt Jesus von Nazaret f\u00fcr das Judentum zur\u00fcckzugewinnen, von der christlichen Leben-Jesu-Forschung bis heute nicht angemessen gew\u00fcrdigt wird. Ihre Forschungsleistung wird nur selten erkannt wie z. B. die Ablehnung des Differenzkriteriums schon durch Klausner, und ebenso selten wird ihre schwierige Situation in vom Antisemitismus gepr\u00e4gten Gesellschaften ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG ParaOverride-2\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">New Quest: Von Ernst K\u00e4semann bis in die 1970er Jahre (1953<\/span> <span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">\u2013<\/span> <span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">ca.<\/span> <span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">1<\/span><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">980)<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Der Beginn der New Quest wird mit einem Vortrag von Ernst K\u00e4semann (1906\u20131998) aus dem Jahr 1953 verbunden. Als Vertreter<br \/>\nder Formgeschichte sind auch f\u00fcr ihn die kanonischen Evangelien kerygmatische Erz\u00e4hlungen \u00fcber Jesus. D. h. schon in ihren fr\u00fchen \u00dcberlieferungsstufen \u00fcberlagert die jeweils gegenw\u00e4rtige Bedeutung Jesu als des erh\u00f6hten Herrn das Bild des historischen Jesus. Im Unterschied zu seinem Lehrer Rudolf Bultmann betont K\u00e4semann jedoch, dass es nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig ist, nach der geschichtlichen Gestalt Jesu zu fragen. Den Hauptgrund sieht er darin, dass das fr\u00fche Christentum selbst an der Identit\u00e4t zwischen dem irdischen Jesus und dem Erh\u00f6hten festhielt, da sonst nicht zu erkl\u00e4ren sei, warum es \u00fcberhaupt notwendig erschien, vier Erz\u00e4hlungen \u00fcber Jesus zu tradieren. Der christliche Glaube richtete sich von Beginn an auf eine historische Person der Geschichte und weigert sich diese geschichtliche Person in einen Mythos oder ein Himmelswesen aufzul\u00f6sen. Zwar ist es nicht m\u00f6glich, eine Biografie Jesu zu schreiben, wie es die liberale Leben-Jesu-Forschung versuchte, aber es ist m\u00f6glich, aus dem kerygmatischen Rahmen der Evangelien und der \u00e4ltesten erreichbaren \u00dcberlieferung darin einzelnes authentisches Jesusgut herauszufiltern.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Um das zu erreichen, ist nach K\u00e4semann die Entwicklung einer Kriteriologie unumg\u00e4nglich. Das entscheidende methodische Hauptinstrument ist f\u00fcr ihn das Un\u00e4hnlichkeits- bzw. Differenzkriterium, das zwar nicht grunds\u00e4tzlich neu ist, aber seine Wirkung erst in der New Quest entfaltet. Hinzu kommt das Kriterium der Verlegenheit, wonach das als echt vermutet werden kann, was dem Urchristentum Schwierigkeiten bereitete, so dass es entsprechend ver\u00e4ndert wurde, wie z. B. die Taufe Jesu durch Johannes.<\/p>\n<p class=\"fliess\">\u201eEinigerma\u00dfen sicheren Boden haben wir nur in einem einzigen Fall unter den F\u00fc\u00dfen, wenn n\u00e4mlich Tradition aus irgendwelchen Gr\u00fcnden weder aus dem Judentum abgeleitet noch der Urchristenheit zugeschrieben werden kann, speziell dann, wenn die Judenchristenheit ihr \u00fcberkommenes Gut als zu k\u00fchn gemildert oder umgebogen hat.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">K\u00e4semann selbst schrieb kein Buch zum historischen Jesus. Das tat drei Jahre sp\u00e4ter G\u00fcnther Bornkamm, ebenfalls ein Bultmannsch\u00fcler, mit seinem bahnbrechenden Werk <span class=\"CharOverride-7\">Jesus<\/span> <span class=\"CharOverride-7\">von<\/span> <span class=\"CharOverride-7\">Nazareth<\/span>. Die hermeneutischen Grundlagen sind dieselben wie bei K\u00e4semann, ebenso die Verwendung des Differenz- und des Verlegenheitskriteriums. Da Bornkamm aber im Unterschied zu K\u00e4semann nicht nur exemplarisch arbeitete, sondern den Anspruch hatte, die gesamte Jesus\u00fcberlieferung auf authentisches Jesusgut hin zu untersuchen, entwickelte er weitere Kriterien f\u00fcr diese Analyse. Neben dem Kriterium des semitischen Einflusses, wonach die Texte vermutlich authentisch sind, die einen aram\u00e4ischen Kontext erkennen lassen, geh\u00f6ren dazu auch das Kriterium der Mehrfachbezeugung und das Kriterium der Tendenzwidrigkeit. Werden Worte Jesu in verschiedenen Gattungen und unterschiedlichen Quellen \u00fcbereinstimmend bezeugt, k\u00f6nnen sie als echt angesehen werden. Das Gleiche gilt f\u00fcr \u00dcberlieferungen, die in Erz\u00e4hlzusammenh\u00e4ngen der Tendenz des kerygmatischen Rahmens entgegenstehen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wie das Jesusbuch von Bornkamm zeigt, fiel der von K\u00e4semann initiierte Neuansatz relativ bald auf fruchtbaren Boden und f\u00fchrte weit \u00fcber die deutschsprachige Exegese hinaus zu einer neuen Bl\u00fcte der historischen Jesusforschung. F\u00fcr zwei Jahrzehnte dominierte er die Suche nach dem historischen Jesus.<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Third Quest<\/span><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\"> (ca. 1980<\/span> <span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">\u2013<\/span> <span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">heute)<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Ab den 70er Jahren machte sich ein gewisses Unbehagen an den Axiomen der New Quest breit, insbesondere am Differenzkriterium mit seiner starken Abgrenzung Jesu vom Judentum (und Fr\u00fchchristentum). Der belgische, r\u00f6misch-katholische Dogmatiker Edward Schillebeeckx schrieb 1974 \u00fcber den Jesus der New Quest: \u201eein einzigartiger Jesus in einem Vakuum, ohne inneren Zusammenhang mit dem Judentum und dem Urchristentum.\u201c In der BRD traf dieses Unbehagen mit der Aufarbeitung der Schoa zusammen, in der r\u00f6misch-katholischen Kirche mit dem Zweiten Vatikanum und der Erkl\u00e4rung <span class=\"CharOverride-7\">Nostra Aetate <\/span>1965 mit ihrem zentralen Abschnitt zu einem erneuerten Verh\u00e4ltnis der katholischen Kirche zum Judentum. Das Interesse am j\u00fcdischen Jesus zeigte sich in der BRD auch im Erfolg z. T. mehrfach aufgelegter und an ein breites Publikum gerichtete Jesusb\u00fccher aus der Feder j\u00fcdischer Gelehrter wie Schalom Ben-Chorin (<span class=\"CharOverride-7\">Bruder Jesus <\/span>1967), David Flusser (<span class=\"CharOverride-7\">Jesus<\/span> 1968), Pinchas Lapide (<span class=\"CharOverride-7\">Der Rabbi von Nazareth<\/span> 1974).<\/p>\n<p class=\"fliess\">Als Initialz\u00fcndung gilt das 1973 erschienene Jesusbuch <span class=\"CharOverride-7\">Jesus der Jude <\/span>von G\u00e9za Vermes, eines ungarisch-j\u00fcdischen Historikers. Auf Grund seiner profunden Kenntnisse der antiken j\u00fcdischen Zeit- und Religionsgeschichte, seines hermeneutischen Bewusstseins und seines methodischen Ansatzes forderte Vermes die christliche Leben-Jesu-Forschung des New Quest heraus. Bei ihm sind schon mehrere Charakteristika der Third Quest zu erkennen, u. a. der f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Wirken und Lehre Jesu konstitutive j\u00fcdisch-galil\u00e4ische Kontext des 1. Jhs. oder die Aufwertung der in der New Quest vernachl\u00e4ssigten Wunder\u00fcberlieferung. Es dauerte aber noch einmal zehn Jahre, bis sich auch im christlichen Raum die Jesusforschung deutlich von einzelnen Axiomen der New Quest absetzte. Der eigentliche Beginn wird ab Mitte der 80er Jahre angesetzt, mit Marcus J. Borgs <span class=\"CharOverride-7\">Conflict, Holiness and Politics in the Teaching of Jesus <\/span>(1983) und Ed P. Sanders\u2019 Jesusbuch <span class=\"CharOverride-7\">Jesus and Judaism <\/span>(1985), auf die dann im englischsprachigen Raum in schneller Folge eine Reihe weiterer Jesusb\u00fccher mit \u00e4hnlichem Ansatz erschienen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Die Third Quest als gegenw\u00e4rtiger Forschungskontext<\/h3>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG ParaOverride-2\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Das Kontextprinzip als Leitprinzip der Third Quest<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Neu gegen\u00fcber den vorherigen Phasen ist die absolute Priorit\u00e4t des Kontextprinzips. Das gilt in zweierlei Hinsicht: in Bezug auf das Forschungsobjekt, also in Bezug auf die Frage nach dem historischen bzw. irdischen Jesus von Nazaret, und in Bezug auf das Forschungssubjekt, d. h. auf die jeweiligen Forscher:innen.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Das Kontextprinzip in Bezug auf das Forschungsobjekt Jesus von Nazaret <\/span>\u2013 Konsequenter als in fr\u00fcheren Phasen wird Jesus nun in den zeitgeschichtlichen, sozio-\u00f6konomischen, kulturellen und religi\u00f6sen Kontext des 1. Jhs. n. Chr. eingeordnet. Nicht mehr die Differenz zu seinem Kontext wird betont, sondern die Zugeh\u00f6rigkeit. Die Third Quest kn\u00fcpft damit an den Paradigmenwechsel in den Geschichtswissenschaften an, die die Geschichtskonzeption des genialen Menschen hinter sich lie\u00dfen. Diese Geschichtskonzeption des 19. Jhs., nach der einzelne M\u00e4nner (!) nicht nur aus der Masse herausragten, sondern sich unabh\u00e4ngig von der Umgebung entwickelten und dadurch Geschichte wie Kultur bestimmten, pr\u00e4gte auch noch die Jesusforscher des New Quest.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wie schon erw\u00e4hnt findet die Kontextbezogenheit der Jesusforschung ihren deutlichsten Ausdruck in der Ablehnung des Differenzkriteriums als Hauptkriterium. W\u00e4hrend in der englischsprachigen Jesusforschung generell eine gewisse Skepsis gegen\u00fcber einer ausgefeilten Kriteriologie herrscht, hat sich in der deutschsprachigen Jesusforschung das historische Plausibilit\u00e4tskriterium von Gerd Thei\u00dfen und Dagmar Winter durchgesetzt, wonach historisch sein d\u00fcrfte, was \u201eim j\u00fcdischen Kontext plausibel ist und die Entstehung des Urchristentums verst\u00e4ndlich macht\u201c. Das Differenzkriterium wird dadurch nicht f\u00fcr obsolet erkl\u00e4rt, es verliert aber seinen bisherigen absoluten Stellenwert. Die individuelle Besonderheit von Wirken und Lehre Jesu wird nicht mehr von seinem j\u00fcdischen Kontext abgegrenzt, sondern innerhalb dieses Kontextes zu verstehen versucht.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Entsprechend ist die wohl gr\u00f6\u00dfte Leistung der Third Quest die konsequente Einordnung Jesu in das antike Judentum des 1. Jhs. in Jud\u00e4a und Galil\u00e4a. Selbstverst\u00e4ndlich wurde Jesu Judesein auch in fr\u00fcheren Forschungsphasen vorausgesetzt, doch diente das Judentum vor allem als negative Folie, vor der sich der geniale Mensch Jesus von Nazaret umso strahlender absetzen konnte. Die Forscher:innen der Third Quest verstehen Jesus dagegen als Teil des pal\u00e4stinischen Judentums, dessen Leben, Lehre und Wirkung nur von seiner j\u00fcdischen Herkunft und Pr\u00e4gung her verst\u00e4ndlich ist. Eine wesentliche Voraussetzung daf\u00fcr ist, dass das antike Judentum nicht mehr stereotypisiert (z. B. als Gesetzesreligion), sondern in seiner Vielfalt und Komplexit\u00e4t wahrgenommen wird. Das Interesse am j\u00fcdischen Jesus schl\u00e4gt sich in der englischsprachigen Forschung auch in den Buchtiteln nieder: <span class=\"CharOverride-7\">Jesus the Jew <\/span>(mehrfach); <span class=\"CharOverride-7\">A Marginal Jew<\/span>; <span class=\"CharOverride-7\">Jesus, a Jewish Galilean<\/span>; <span class=\"CharOverride-7\">Jesus of Nazareth. King of the Jews<\/span>; <span class=\"CharOverride-7\">Rabbi Jesus<\/span>; <span class=\"CharOverride-7\">Jesus the Pharisee<\/span>.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Eine Reihe von Forscher:innen ber\u00fccksichtigen noch einen weiteren Kontext, in den Jesus und das antike Judentum eingebunden waren. Das sind zum einen die Gemeinsamkeiten, die sie mit den mediterranen Kulturen der Antike teilten, wie der Wertekodex von Ehre und Schande, die gro\u00dfe Bedeutung von famili\u00e4ren und verwandtschaftlichen Beziehungen oder das supranaturalistische Weltbild. Zum anderen war der geographische Raum Pal\u00e4stina im 1. Jh. schon seit ca. 250 Jahren durch die hellenistische Kultur gepr\u00e4gt und seit knapp 50 Jahren auch durch die r\u00f6mische Besatzungsmacht.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Unterst\u00fctzt wird die Kontextbezogenheit der Jesusforschung durch die Einbeziehung von Methoden aus der Soziologie und der Ethnologie. Hilfswissenschaften wie die Arch\u00e4ologie gewinnen an Bedeutung. So haben u. a. Ausgrabungen in Galil\u00e4a nachgewiesen, dass die dort lebende Bev\u00f6lkerung nicht weniger j\u00fcdisch observant war als die in Jud\u00e4a. Eine weitere Konsequenz aus dem Kontextprinzip ist die Ber\u00fccksichtigung eines gr\u00f6\u00dferen Pools zeitgen\u00f6ssischer Quellen. Nicht nur das ab Mitte des 20. Jhs. stark angewachsene Quellenmaterial zum Jud\u00e4a und Galil\u00e4a des 1. Jhs. (z. B. die Handschriftenfunde in den H\u00f6hlen von Qumran; das Babatha-Archiv mit verschiedenen Vertr\u00e4gen und Urkunden zur Rechtsstellung von Frauen) bereichert die Forschung, sondern auch schon lange bekannte Quellen wie z. B. das Thomasevangelium werden neu gew\u00fcrdigt. Hinzu kommt, dass die meisten Vertreter:innen der Third Quest die einseitige Bevorzugung der Wort\u00fcberlieferung und die Abwertung der Wunder\u00ad\u00fcberlieferung durch die New Quest ablehnen, so dass Jesu Heilungen und D\u00e4monenaustreibungen als integraler Bestandteil seines<br \/>\nWirkens verstanden werden.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><strong><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Das Kontextprinzip in Bezug auf das Forschungssubjekt: Die Forscher:innen <\/span><\/strong>\u2013 In der Third Quest wuchs \u2013 angesto\u00dfen durch gesamtgesellschaftliche Ver\u00e4nderungen \u2013 auch das Bewusstsein in Bezug auf die Rolle des forschenden Subjekts, d. h., dass der jeweilige Kontext der Forschenden die Perspektive auf den historischen Jesus wesentlich mitbestimmt. In der Vergangenheit zeigte sich das besonders deutlich am Ausschluss j\u00fcdischer Gelehrter aus der christlichen Leben-Jesu-Forschung und damit auch der Ausschluss einer j\u00fcdischen Perspektive auf den historischen Jesus.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Noch in der New Quest dominierte der wei\u00dfe, westeurop\u00e4ische (vor allem deutsche), christlich-protestantische und theologisch gebildete Mann die historische Jesusforschung und damit auch das mit dieser Spezies verbundene Milieu die Forschungsfragen. In der Third Quest begann vor allem die protestantische Dominanz aufzubrechen. Christ:innen verschiedener Konfessionen, Juden und J\u00fcdinnen, sogar Agnostiker geh\u00f6ren seitdem zur Forschungscommunity. Entsprechend ver\u00e4nderten sich auch die Forschungsorte und die akademischen Voraussetzungen f\u00fcr die Forschungssubjekte. Nicht nur Theolog:innen, sondern auch Historiker:innen und Religionswissenschaftler:innen arbeiten zum historischen Jesus, und das tun sie nicht nur wie bisher an Theologischen Fakult\u00e4ten und Seminaren, sondern auch an anderen Universit\u00e4tsinstituten. Weniger gro\u00df waren die Ver\u00e4nderungen jedoch in Bezug auf das Ethnos und das Geschlecht der Forschungssubjekte. Es beteiligen sich immer noch erschreckend wenige Frauen an der Leben-Jesu-Forschung. Das Gleiche gilt von Menschen aus nichtwestlichen Kulturen, d. h. von Menschen au\u00dferhalb Westeuropas und der angels\u00e4chsischen Welt.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><strong><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Divergenzen im Jesusbild <\/span><\/strong>\u2013 Angesichts der kaum noch \u00fcberschaubaren Zahl von Ver\u00f6ffentlichungen zum historischen Jesus ab den 1980er Jahren wundert es nicht, dass trotz des Kontextprinzips als gemeinsamem Rahmen die Jesusbilder einzelner Forscher:innen in erheblicher Weise divergieren. Die gr\u00f6\u00dften Unterschiede bestehen in der Frage, ob Jesu Verk\u00fcndigung endzeitlich-eschatologisch oder nicht-eschatologisch zu verstehen ist. Damit h\u00e4ngt u. a. die Frage zusammen, ob er eher als (Endzeit)Prophet oder eher als Weisheitslehrer gewirkt hat, und inwieweit sein Wirken als politisch bzw. \u201e(pr\u00e4)politisch\u201c (W. Stegemann) bezeichnet werden kann. Im Hintergrund steht die Debatte um die \u00e4ltesten Jesus\u00fcberlieferungen. W\u00e4hrend die einen nur weisheitliche Texte dazu rechnen und in der Regel eschatologisch interpretierte Gr\u00f6\u00dfen wie das K\u00f6nigreich Gottes als nicht-eschatologisch verstehen, geh\u00f6ren f\u00fcr die anderen weisheitliche und eschatologisch gepr\u00e4gte Texte zum \u00e4ltesten \u00dcberlieferungsbestand. Trotz dieser nicht unbedeutenden Divergenzen bleibt die Kontextbezogenheit der jeweiligen Jesus(re)konstruktion auf allen Seiten zentral.<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG ParaOverride-2\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Der \u201eerinnerte\u201c Jesus oder der \u201eJesus Memory Approach\u201c<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Seit den 2000er Jahren wird von Forschenden im skandinavischen, angels\u00e4chsischen und deutschsprachigen Raum die Kategorie \u201eErinnerung\u201c in die historische Jesusforschung eingebracht. Sie nehmen Ergebnisse aus dem Erinnerungs- und Ged\u00e4chtnisdiskurs der Kultur- und Sozialwissenschaften auf und \u00fcbertragen sie auf die neutestamentlichen Quellenschriften zu Jesus von Nazaret. Aus dem \u201ehistorischen\u201c Jesus wird der \u201eerinnerte\u201c Jesus.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Zwei Ans\u00e4tze des Jesus Memory Approach werden zurzeit diskutiert. Nach James D.G. Dunn (1939\u20132020), einem britischen Neutestamentler, basiert die Jesus\u00fcberlieferung des NT auf den Erinnerungen der Sch\u00fcler:innen Jesu. Diese gehen auf den Eindruck (engl. impact) zur\u00fcck, den Jesu Wirken und Lehre zu Lebzeiten auf sie ausge\u00fcbt hat. Hinter diesen, vom Glauben der Sch\u00fcler:innen Jesu gepr\u00e4gten Erinnerungen, die zun\u00e4chst m\u00fcndlich \u00fcberliefert wurden, kommt die Jesusforschung nicht zur\u00fcck. Dunn ist von der hohen Zuverl\u00e4ssigkeit dieser Erinnerungen \u00fcberzeugt und erkl\u00e4rt die Vielfalt der \u00dcberlieferungen durch die Variabilit\u00e4t m\u00fcndlicher Traditionsprozesse.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Einen etwas anderen Schwerpunkt legt der deutsche evangelische Neutestamentler Jens Schr\u00f6ter, der sich an Jan Assmanns Arbeiten zum kulturellen Ged\u00e4chtnis anlehnt. Er versteht die Evangelien als unterschiedliche Jesuserinnerungen christlicher Gemeinden, die die Vergangenheit aus der Perspektive der jeweiligen Gegenwart deuten und sich dadurch der eigenen Identit\u00e4t vergewissern. Das Gleiche gilt f\u00fcr jede weitere historische R\u00fcckfrage nach Jesus bis heute. Daher sind auch die historisch-kritischen Konstruktionen Jesu Formen von Jesuserinnerungen, in die das Wirklichkeitsverst\u00e4ndnis der Forschenden einflie\u00dft.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Einzelne Forscher:innen verbinden nun mit der Kategorie \u201eErinnerung\u201c einen Paradigmenwechsel, der die Third Quest hinter sich lassen und eine neue Phase der historischen Jesusforschung einleiten w\u00fcrde. Doch liest man die Jesusb\u00fccher von James Dunn und Jens Schr\u00f6ter, unterscheiden sie sich grunds\u00e4tzlich nicht von anderen historisch-kritischen Jesus(re)konstruktionen der Third Quest, zumal beide Forscher sich selbst innerhalb der Quest verorten. Auch das mit dem Erinnerungskonzept behauptete neue hermeneutische Bewusstsein ist keinesfalls so exklusiv wie behauptet. Die meisten Vertreter:innen der Third Quest, ja selbst viele Vertreter der Zwischenphase und der New Quest, gingen bzw. gehen davon aus, dass alle R\u00fcckfragen nach dem historischen Jesus nie zum galil\u00e4ischen Juden Jesus von Nazaret in Fleisch und Blut f\u00fchren, sondern immer nur zu mehr oder weniger konsistenten Bildern von ihm auf der Basis der Quellen. Ebenso gehen sie davon aus, dass jede historische R\u00fcckfrage gepr\u00e4gt ist durch die jeweils eigene Gegenwart des forschenden Subjekts, dessen eigene soziale und kulturelle Herkunft, dessen Geschlecht etc. Der bisherigen Jesusforschung kann zwar vorgeworfen werden, dass sie dieses hermeneutische Konzept zu wenig offensiv vertritt, so dass der Eindruck entstehen kann, es handle sich beim historischen Jesus um einen \u201e\u201aobjektiven\u2018 Gegenstand der Erkenntnis\u201c. Eine neue Phase der Jesusforschung ist aus gegenw\u00e4rtiger Perspektive aber noch nicht zu erkennen.<\/p>\n<h4 class=\"fliess-ohne-EZG\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">Der Sinn der historischen Jesusforschung<\/span><\/h4>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Seit ihren Anf\u00e4ngen hat es von unterschiedlichen Seiten immer wieder grunds\u00e4tzliche Kritik an der historischen Jesusforschung gegeben. Neben konservativen bis evangelikalen christlichen Theologen wurde die Suche nach dem historischen Jesus auch von historisch-kritisch denkenden Theologen in Frage gestellt. Im Anschluss an Martin K\u00e4hler (1835\u20131912) hat sich zuletzt der evangelische Neutestamentler Klaus Wengst entsprechend ge\u00e4u\u00dfert. F\u00fcr ihn ist die R\u00fcckfrage nach dem historischen Jesus nicht nur historisch unm\u00f6glich und daher sinnlos, sondern sie ist auch \u201etheologisch verantwortungslos\u201c, da sie von dem in den Evangelien bezeugten Glauben an den von Gott auferweckten und damit lebendigen Jesus absehen muss. Der Glaube werde<br \/>\n\u201eso abh\u00e4ngig von historischer Wissenschaft [\u2026]\u201c.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Gegen die hier aufgestellte falsche Alternative von Geschichte oder Glauben k\u00f6nnen eine Reihe von Argumenten aufgef\u00fchrt werden. An dieser Stelle werde ich mich auf vier beschr\u00e4nken:<\/p>\n<ul>\n<li class=\"AUFZ-HLUNG-ROT ParaOverride-31\">Nicht nur Theolog:innen, sondern alle Christ:innen partizipieren an der jeweils herrschenden Wissensordnung ihrer Zeit und Gesellschaft. F\u00fcr die westlichen Theologien ist das die in der Aufkl\u00e4rung \u00adentstandene \u00adWissensordnung, der ein empirisch und naturwissenschaftlich fundiertes Rationalit\u00e4tsmodell zugrunde liegt. Dieses Modell pr\u00e4gt nicht nur diejenigen, die zwischen dem Jesus der Evangelien, d. i. der Jesus des Christuskerygmas, und dem irdischen Jesus unterscheiden, sondern auch fundamentalistische Verfechter einer historischen (!) \u00dcbereinstimmung<br \/>\nzwischen beiden.<\/li>\n<li class=\"AUFZ-HLUNG-ROT\">Alle neutestamentlichen Schriften \u2013 auch die paulinischen \u2013 halten an der Kontinuit\u00e4t zwischen dem historischen Jesus und dem verk\u00fcndigten Christus fest. Das gilt noch einmal besonders f\u00fcr die kanonischen Evangelien, wie Ernst K\u00e4semann gegen Rudolf Bultmann betont hat. Gerade die Existenz von vier \u00e4hnlichen, aber doch unterschiedlichen, in Teilen widerspr\u00fcchlichen \u201eBiographien\u201c \u00fcber Jesus weist auf eine historische Referenzgestalt hinter ihnen zur\u00fcck und f\u00fchrt zu der Frage, wodurch diese Referenzgestalt so beeindruckt hat, dass ihre Anh\u00e4nger:innen sie nach Ostern als Christus und Gottes Sohn bekannten. Diese Fragen zu verbieten oder als nicht legitim abzuwerten, f\u00fchrt angesichts unserer Einbindung in die westliche Wissensordnung nicht zu gr\u00f6\u00dferem Glauben, sondern zu Unglauben.<\/li>\n<li class=\"AUFZ-HLUNG-ROT\">Wengst nimmt die hermeneutischen und methodischen Analogien zwischen der historischen Jesusforschung und den Geschichtswissenschaften nicht wahr. Der Verdacht, dass die historische Jesusforschung den wirklichen, irdischen Jesus hinter den Quellen zum Leben erwecken und dadurch den geglaubten lebendigen Christus ersetzen wolle, ist \u00fcberholt, sp\u00e4testens durch die Einbeziehung des Erinnerungskonzepts. \u00dcberholt ist ebenso das mit diesem Verdacht einhergehende objektivierende Geschichtsverst\u00e4ndnis, das die Geschichtswissenschaften ab Ende des 19. Jhs. abzulegen begannen. Stattdessen wuchs die Erkenntnis, dass alle Quellen nur zu einer interpretierenden (Re)Konstruktion der in ihnen dargestellten Ereignisse oder Personen f\u00fchren, nie zu den Ereignissen oder Personen selbst. Was f\u00fcr die Evangelien als Jesusbiografien gilt, gilt ebenso f\u00fcr andere antike literarische Quellen wie z. B. die Selbstverst\u00e4ndlichkeit fiktionaler Elemente in Geschichtsschreibung und Biografien und damit zusammenh\u00e4ngend die Frage ihrer \u201ehistorischen\u201c Glaubw\u00fcrdigkeit.<\/li>\n<li class=\"AUFZ-HLUNG-ROT\">Und schlie\u00dflich hat nach Wolfgang Stegemann die historische Jesusforschung eine unentbehrliche theologie- und kirchenkritische Aufgabe: Sie ist \u201eStachel im Fleisch\u201c einer Theologie und einer Kirche, die immer wieder in der Gefahr stehen, den Nazarener zu einem mythischen, himmlischen Wesen zu machen und ihn von dem unbequemen radikalen j\u00fcdischen Lehrer und Propheten aus Galil\u00e4a zu trennen, der eines brutalen gewaltsamen Todes starb. Hierher geh\u00f6rt auch die zentrale Erkenntnis der Third Quest, dass der jahrhundertelang als Stifter- bzw. Gr\u00fcndergestalt des Christentums angesehene Mann aus Nazaret nicht nur zeitlebens ein Jude war, sondern dass sein Wirken und seine Verk\u00fcndigung ganz und gar in seiner j\u00fcdischen Identit\u00e4t wurzelten.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Die moderne historische Jesusforschung ist wie die historisch-kritische Bibelauslegung insgesamt ein Kind der Aufkl\u00e4rung (ca. 1650\u20131780). Jahrhundertelang wurden in der christlichen Welt die Jesuserz\u00e4hlungen des NT, die kanonischen Evangelien, als Jesus-Biografien gelesen. Damit wurde selbstverst\u00e4ndlich angenommen, dass die biblischen Jesuserz\u00e4hlungen historisch wahr seien und Erz\u00e4hlungen und \u201ehistorische\u201c Wirklichkeit \u00fcbereinstimmten. 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