{"id":130083,"date":"2026-10-07T09:40:36","date_gmt":"2026-10-07T07:40:36","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=130083"},"modified":"2026-10-07T09:40:40","modified_gmt":"2026-10-07T07:40:40","slug":"kluft-oder-bruecke-jesus-christus-in-den-juedisch-christlichen-beziehungen","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/kluft-oder-bruecke-jesus-christus-in-den-juedisch-christlichen-beziehungen\/","title":{"rendered":"Kluft oder Br\u00fccke"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"Initiale\">L<\/span>ange Zeit haben Kirche und Theologie so von Jesus geredet, dass sie ihn im m\u00f6glichst gro\u00dfen Kontrast zum Judentum dargestellt haben. Erst im 20. Jahrhundert ist deutlich geworden, dass solche christlichen Jesusdeutungen ein Zerrbild und nicht selten auch Feindbild vom Judentum bef\u00f6rdert haben. Inzwischen ist allen klar, dass Jesus nicht nur Jude war, sondern auch j\u00fcdisch geglaubt, gelehrt und gelebt hat. Welche Konsequenzen haben diese Einsichten f\u00fcr den christlichen Glauben an den Juden Jesu? Von welchen Vorstellungen m\u00fcssen wir Abstand nehmen? Was k\u00f6nnen wir auf diesem Weg der Erneuerung f\u00fcr christlich-j\u00fcdische Beziehungen lernen?<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Heimholung Jesu ins Judentum fordert das christliche Selbstverst\u00e4ndnis grundlegend heraus. Aus christlicher Sicht kann Jesus nicht allein als historische Gestalt betrachtet werden; entscheidend ist zugleich das Bekenntnis zu ihm als Christus. Das wurde im Laufe der Jahrhunderte zum ma\u00dfgeblichen Differenzpunkt zwischen den beiden geschichtlich entstandenen Traditionen, dem rabbinischen Judentum und dem Christentum. Da Juden die \u00dcberzeugung, Jesus von Nazareth sei der in den Schriften verhei\u00dfene Messias, mehrheitlich ablehnten, wurde ihnen von christlicher Seite (vom 2. Jh. an) mit immer gr\u00f6\u00dferer Entschiedenheit abgesprochen, Gottes Volk zu sein. Die Zerst\u00f6rung Jerusalems und des Tempels nach den Aufst\u00e4nden gegen Rom wurde als eindeutiges Zeichen der Abkehr Gottes von seinem Volk gesehen. Dieses Verwerfungsurteil fand seinen literarischen Ausdruck vorzugsweise in den Adversos-Judaeos-Schriften der fr\u00fchen Kirchenv\u00e4ter, die die Christen als neues Gottesvolk, ja als neues Israel verstanden. Damit verband sich zugleich auch die Frage nach der Schuld am Tod Jesu. \u201eDen Juden\u201c wurde pauschal vorgeworfen, Gott ermordet zu haben. Die negative, auf Abwertung und Substitution bedachte Haltung gegen\u00fcber dem Judentum wurde fortan zum festen Bestandteil christlicher Identit\u00e4t \u2013 basierend auf dem Verst\u00e4ndnis des Juden Jesus als \u201eChristus\u201c\/\u201eMessias\u201c.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese Tradition des christlichen Antijudaismus\/Antisemitismus wurde christlicherseits erst nach der Shoah grundlegend in Frage gestellt. Die neutestamentliche Forschung erkennt heute sehr viel st\u00e4rker an, dass Jesus Jude und in der j\u00fcdischen Tradition seiner Zeit verwurzelt war. Ich kann hier keinen \u00dcberblick \u00fcber die historische Jesusforschung seit 1945 geben. Festhalten l\u00e4sst sich jedoch: Die Erkenntnis, dass Jesus und die fr\u00fche Christusbewegung fest in der j\u00fcdischen Tradition ihrer Zeit verwurzelt waren, hat sich in der Forschung inzwischen weitgehend durchgesetzt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Es ist jedoch bedeutsam und wird kaum oder nicht gen\u00fcgend beachtet, dass j\u00fcdische Forscher bereits im 19. Jahrhundert positiv auf die j\u00fcdische Identit\u00e4t Jesu hingewiesen hatten. Bereits 1838 sah Joseph Salvador nichts, was Jesus und seine Lehren von der j\u00fcdischen Tradition des ersten Jahrhunderts unterschieden h\u00e4tte. Jesus wurde als jemand verstanden, der g\u00e4nzlich in seinem j\u00fcdischen Kontext verwurzelt war. In seinem Werk <span class=\"Minion-Italic\">Das Judentum und seine Geschichte<\/span> von 1863 zeichnet Abraham Geiger ein Bild von Jesus als einem der einflussreichsten Pharis\u00e4er seiner Zeit. Geiger sah in Jesu Reden und Handeln nichts Einzigartiges. Vielmehr lie\u00df sich die Gesamtheit seiner Lehren im pharis\u00e4ischen Schrifttum wiederfinden. Im Jahr 1938, auf dem H\u00f6hepunkt des Nationalsozialismus, ver\u00f6ffentlichte Leo Baeck sein Buch <span class=\"Minion-Italic\">Das Evangelium als Urkunde der j<\/span><span class=\"CharOverride-7\">\u00fcd<\/span><span class=\"Minion-Italic\">ischen Glaubensgeschichte<\/span>, in dem er nachzuweisen versuchte, dass Jesus sein ganzes Leben lang ein strenggl\u00e4ubiger Jude geblieben war, dem es niemals in den Sinn gekommen w\u00e4re, eine neue Religion zu begr\u00fcnden, geschweige denn sich als Gott verehren zu lassen. Er habe als Jude gelebt und sei als Jude hingerichtet worden. Yehezkel Kaufmann (1889\u20131963) sah die Haltung Jesu zur Torah derjenigen der Meister der Halacha und Haggada, die der pharis\u00e4ischen Tradition folgten, gleich. Jesus glaubte, dass seine Lehren nur eine Vervollst\u00e4ndigung oder eine Verdeutlichung der Lehren der Torah waren. Es folgten weitere fr\u00fche j\u00fcdische Zug\u00e4nge zu Jesus als Jude, so von Martin Buber und Shalom Ben Chorin, die in ihm einen Bruder sahen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Demgegen\u00fcber kamen Samuel Sandmel und mein Freund Ernst Ludwig Ehrlich in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts zu dem Schluss, dass sich aus geschichtshermeneutischer Sicht keine gesicherten historischen Erkenntnisse \u00fcber Jesus gewinnen lassen. Denn alle Zeugnisse \u00fcber ihn wurden aus der \u00dcberzeugung heraus verfasst, er sei der Messias gewesen. Trotz der Anerkennung Jesu als Jude bleibt aus j\u00fcdischer Sicht ein Vorbehalt: Jesus ist f\u00fcr die j\u00fcdische Geschichte und Tradition durchaus von Bedeutung. Er war eine bedeutende Pers\u00f6nlichkeit seiner Zeit, aber kein vollkommener Mensch und nimmt auch unter den bedeutenden Pers\u00f6nlichkeiten keine Sonderstellung ein. Denn das Judentum hat viele gro\u00dfe M\u00e4nner hervorgebracht. Eine \u00fcbernat\u00fcrliche W\u00fcrde oder religi\u00f6se Bedeutung kommt Jesus im Judentum nicht zu, als Ph\u00e4nomen und fester Bestandteil der abendl\u00e4ndischen Kultur sei er aber un\u00fcbersehbar auch f\u00fcr Juden. Ernst Ludwig Ehrlich formuliert es so: \u201eDas Judentum hat niemals den einen Lehrer gekannt, nur die Kette der Lehrer, den Strom der Tradition. Es hat sich stets dagegen gestr\u00e4ubt, einen einzigen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Allen diesen j\u00fcdischen Gelehrten gilt jedoch als unstrittig, dass Jesus Jude war. Das j\u00fcdische Interesse an Jesus hat unterschiedliche Gr\u00fcnde. So hat neulich Walter Homolka argumentiert, dass das Interesse j\u00fcdischer Gelehrter an Jesus nicht auf einem Interesse an ihm als Messias beruhe, sondern im Kontext der j\u00fcdischen Haskalah\/Aufkl\u00e4rung verstanden werden muss. Jesus als Teil der j\u00fcdischen Traditionen seines zeitgen\u00f6ssischen Judentums \u2013 insbesondere im 19. Jahrhundert \u2013 zu verstehen, war mit der Infragestellung des Absolutheitsanspruchs des Christentums verbunden. Der Fokus auf den j\u00fcdischen Jesus war Teil der Bem\u00fchungen j\u00fcdischer Gelehrter, Raum f\u00fcr J\u00fcdinnen und Juden als gleichberechtigte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger innerhalb der christlich gepr\u00e4gten Mehrheitsgesellschaft im deutschsprachigen Gebiet zu finden und ihnen Geh\u00f6r zu verschaffen. Mit anderen Worten: Die j\u00fcdische Jesusforschung wurde von anderen Interessen geleitet als die christliche Forschung zum historischen Jesus, auch wenn sie mit denselben akademischen Methoden arbeitete.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gab es auch christliche Ans\u00e4tze, die Jesus und die Jesusbewegung positiv in den j\u00fcdischen Traditionen verorteten. Ein prominenter Vertreter war Albert Schweitzer, der die Mutter der christlichen Theologie in der j\u00fcdischen Apokalyptik sah. Dieser Ansatz blieb jedoch eher ein Randph\u00e4nomen, und erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts begann sich die Situation zu \u00e4ndern. So waren es insbesondere die Ver\u00f6ffentlichungen von E. P. Sanders, die einen Paradigmenwechsel einleiteten. Sanders zeigte auf, dass das Bild des Judentums in der neutestamentlichen Forschung eine konstruierte Karikatur war, die christlich-theologischen Interessen diente. Dies hatte zur Folge, dass sich sowohl in der Paulusforschung als auch in der historischen Jesusforschung Grundlegendes zu ver\u00e4ndern begann.<\/p>\n<p class=\"fliess\">So wird die Tatsache, dass Jesus Jude war, in der neutestamentlichen Forschung heute nicht mehr angezweifelt; an diesem Punkt war die Jesusforschung bereits Mitte des 19. Jahrhunderts angelangt. Der Unterschied zu dieser fr\u00fcheren Forschung, die von christlichen Gelehrten weitgehend ignoriert worden war, besteht in der Wahrnehmung der Vielfalt j\u00fcdischer Traditionen in der Zeit des Zweiten Tempels. Diese Erkenntnis ist entscheidend f\u00fcr die aktuelle Forschung zur fr\u00fchen Christusbewegung, nicht zuletzt ausgel\u00f6st durch die wichtigen Funde in den H\u00f6hlen von Qumran. Dar\u00fcber hinaus hat sich das Forschungsinte-<br \/>\nresse \u00fcber Jesus hinaus auf Paulus<span class=\"Hochgestellt CharOverride-87\"><a id=\"footnote-022-backlink\" class=\"_idFootnoteLink\" href=\"\/en\/debatte_3_2026_20_LINKS.html\/#footnote-022\">9<\/a><\/span> und die Christusbewegung des ersten Jahrhunderts insgesamt ausgeweitet.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wenn Jesus aber Jude war und blieb, dann muss grunds\u00e4tzlich neu bedacht werden, was das f\u00fcr das Bekenntnis zu ihm als dem Messias\/Christus und damit f\u00fcr christliche Identit\u00e4t bedeutet. Wenn Jesus ein Jude seiner Zeit war, d. h. Teil j\u00fcdischen Lebens und j\u00fcdischer Traditionen des ersten Jahrhunderts, wie kann Jesus dann als Gegensatz zum damaligen und heutigen Judentum verstanden werden? Jesus kann dann nicht die Abkehr vom Judentum bedeuten, sondern er repr\u00e4sentiert gerade die bleibende Bindung des Christentums an das Judentum. F\u00fcr Christen kann der sogenannte irdische oder historische j\u00fcdische Jesus nicht vom Bekenntnis zu ihm als dem Christus getrennt werden. Die Texte des Neuen Testaments sprechen und erz\u00e4hlen immer schon von Ostern her, also aus einer messianischen oder christologischen Perspektive. Wenn Jesus Jude war, dann kann auch dieses Bekenntnis zu ihm als der Christus nicht im Gegensatz oder also \u00dcberbietung des Judentums verstanden werden. Dass christliches Selbstverst\u00e4ndnis grundlegend auf das Judentum bezogen ist, liegt im Juden Jesus selbst begr\u00fcndet. Dieser Bezug wurde aber \u00fcber Jahrhunderte negativ gesehen \u2013 indem man christlicherseits dem Judentum alles zuschrieb, was man vorgab, nicht zu sein. Der Bezug zum Judentum war in der christlichen Identit\u00e4t also stets pr\u00e4sent \u2013 allerdings h\u00e4ufig in Form von Abgrenzung und Abwertung. Dass mit der Einsicht, dass Jesus Jude war, eine dem Christentum inh\u00e4rente Beziehung zum Judentum gegeben ist, ist so verstanden keine neue Erkenntnis. Ob diese Erkenntnis auf christlicher Seite zu einer \u00dcberwindung antij\u00fcdischer Interpretationen neutestamentlicher Texte und in der christlichen Theologie f\u00fchrt, ist eine offene Frage. Die j\u00fcdische Jesusforschung hatte im 19. Jahrhundert eine vorwiegend inner-j\u00fcdische Funktion. Heute findet ein weltweit intensiver Austausch zwischen j\u00fcdischen, christlichen und agnostischen Forscherinnen und Forschern zu den Texten des Neuen Testaments und deren Kontext statt. J\u00fcdische Forscherinnen und Forscher sind f\u00fchrende kritische Gespr\u00e4chspartnerinnen und -partner in diesen Forschungsgebieten, so zum Beispiel Amy-Jill Levine, die u. a. das Neue Testament j\u00fcdisch kommentiert herausgibt, die Monografie <span class=\"Minion-Italic\">The Misunderstood Jew<\/span> geschrieben hat und zu den Gleichnissen Jesu und vielem anderen publiziert hat. Ad\u00e8le Reinhartz wird Pr\u00e4sidentin der Society of Biblical Literature, der wichtigsten internationalen neutestamentlichen wissenschaftlichen Vereinigung, sie ist Spezialistin zum Johannesevangelium und Jesus im Film. Mark Nanos und Paula Fredriksen sind f\u00fchrend in der Paulus- Forschung und Shayna Sheinfeld, Isaak Oliver, Yael Fisch und Sarah Emanuel sind j\u00fcngere j\u00fcdische Forscherinnen und Forscher, die ma\u00dfgeblich die Forschung weiter vertiefen. Was fehlt, ist die \u00dcbersetzung ihrer Arbeiten auf Deutsch!<\/p>\n<p class=\"fliess\">Eine grundlegende Frage, die sich aus der Anerkennung des Judeseins Jesu ergibt, betrifft die Auswirkungen auf die Christologie und damit das christlich-j\u00fcdische Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Die Deutungen Jesu als Christus \u2013 historische Fragen<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Damit komme ich zur Frage zur\u00fcck, ob die Deutungen Jesu als der Christus\/Messias tats\u00e4chlich die entscheidende Trennlinie zwischen Judentum und Christusnachfolgenden markierten, und zwischen rabbinischem Judentum und Christentum bis heute markieren. Das sind zwei unterschiedliche Fragen, die aber nicht unabh\u00e4ngig voneinander sind.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Zun\u00e4chst ist das eine historische Frage: Sind solche messianischen Deutungen von Geschehnissen der Zeit in j\u00fcdischen Traditionen der Antike \u00fcberhaupt vorstellbar, oder stellen sie etwas absolut Neues, noch nie Dagewesenes dar? Wo genau ist der Bruch zwischen den Traditionen in den ersten Jahrhunderten festzumachen? Beginnt das Auseinandergehen der Wege wirklich mit dem Bekenntnis der ersten Nachfolgerinnen und Nachfolger zu Jesus als dem Messias? Dar\u00fcber wird nach wie vor kontrovers debattiert. Die grundlegende Revision des Bildes vom fr\u00fchen Judentum in der neutestamentlichen Forschung seit Ende der 1970er Jahre hat dazu gef\u00fchrt, das Ph\u00e4nomen von Trennungsprozessen neu zu denken und damit auch die Christologien des Neuen Testaments einer kritischen \u00dcberpr\u00fcfung zu unterziehen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Eine der gro\u00dfen Herausforderungen besteht darin, die neutestamentlichen Texte m\u00f6glichst aus ihrer historischen Entstehungszeit heraus zu verstehen \u2013 und dabei sp\u00e4tere kirchliche Deutungen, wie sie etwa auf den Konzilien festgelegt wurden, zun\u00e4chst au\u00dfer Acht zu lassen. Auch wenn das immer nur begrenzt gelingen wird, ist diese andere Perspektive unerl\u00e4sslich.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Bezeichnung Jesu mit dem W\u00fcrdetitel Christus, also Gesalbter\/ Messias, bringt schon in den neutestamentlichen Texten zum Ausdruck, dass er im Horizont j\u00fcdischer Hoffnungen und Erwartungen verstanden wurde. Die Erwartung einer oder mehrerer messianischer Gestalten war um die Zeitenwende Teil unterschiedlicher j\u00fcdischer endzeitlicher Hoffnungen. Sie stellen den Kontext (Pool) dar, in dem Jesus, seine Botschaft und die Deutung seines Lebens beheimatet sind. Das messianische Verst\u00e4ndnis Jesu als der Christus\/Messias geh\u00f6rt in den Zusammenhang j\u00fcdischer Vorstellungen, wie sie sich unter seinen Nachfolgern und Nachfolgerinnen in spezifischer Form verdichteten.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Konsens besteht darin, dass sich die messianische Deutung von Leben, Tod und Auferweckung Jesu nicht aus seiner historischen Erscheinung ableiten l\u00e4sst. Die Einordnung des irdischen Jesus in das Judentum zur Zeit des Zweiten Tempels bietet f\u00fcr eine solche Deutung keine Anhaltspunkte. Vielmehr ist die Jesus-Christus-\u00dcberlieferung vorab aus den Ostererfahrungen seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger entstanden (z. B. die Emmaus-Erz\u00e4hlung). Diese Perspektive pr\u00e4gt im R\u00fcckblick die Darstellungen, Erz\u00e4hlungen und Worte Jesu vor seiner Kreuzigung. Hinter diese Perspektive k\u00f6nnen wir nicht zur\u00fcckgehen. Deshalb halte ich auch die Unterscheidung zwischen einem im Judentum verwurzelten irdischen Jesus und einer vom Judentum grundlegend zu unterscheidenden messianisch-eschatologischen Deutung seines Weges, Handelns, Sprechens, Todes und seiner Auferweckung f\u00fcr problematisch. Eine solche Unterscheidung macht schon aus methodischen Gr\u00fcnden wenig Sinn, da das, was als irdisches Leben Jesu bezeichnet wird, von seinen Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4ngern nur aus der Perspektive der Auferweckung und des darin wahrgenommenen Handelns Gottes \u00fcberliefert wurde. In die Darstellung des irdischen Weges Jesu ist die \u00dcberzeugung von seiner Messianit\u00e4t bereits eingezeichnet. Wenn also dieses Leben Jesu ein j\u00fcdisches Leben war, dann muss man auch die Frage der Messianit\u00e4t im Judentum verorten. Dann aber muss dieses Gesamtnarrativ mit seinen vielf\u00e4ltigen Deutungen der Messianit\u00e4t Jesu auch als integraler Bestandteil der j\u00fcdischen Traditionen des 1. Jahrhunderts selbst verstanden werden. Das schlie\u00dft nicht aus, dass sich die neutestamentliche Forschung auch auf den vor\u00f6sterlichen Jesus fokussieren k\u00f6nnte, wie das vor allem die j\u00fcdische Jesus-Forschung tut. Aber eine Trennung zwischen einem j\u00fcdischen Jesus und einem nicht-j\u00fcdischen Christus ist neutestamentlich gesehen nicht m\u00f6glich. Diese Frage ist unabh\u00e4ngig davon zu verstehen, ob man nun die \u00dcberzeugung, Jesus sei der Messias teilt oder nicht. Aber die Verwobenheit der von und \u00fcber Jesus \u00fcberlieferten Traditionen, die immer von Ostern her erz\u00e4hlen und deuten, l\u00e4sst eine entsprechende Trennung nicht zu. Damit ist auch die Suche nach etwas Speziellem im Leben dieses Mannes aus Nazareth, das die \u00dcberzeugung seiner Messianit\u00e4t veranlasst haben k\u00f6nnte, obsolet. Als Messias tritt er nicht durch die au\u00dfergew\u00f6hnlichen Umst\u00e4nde seines Lebens in Erscheinung; vielmehr wird sein Leben im Lichte der Ostererfahrungen in einem eschatologischen Horizont messianisch gedeutet. Damit sage ich nicht, dass Jesus nicht schon zu seinen Lebzeiten als Messias verstanden wurde oder sich selbst so verstanden hat. Immerhin ist seine Hinrichtung durch die R\u00f6mer ein deutlicher Hinweis darauf, dass er mit messianisch-eschatologischen Hoffnungen in Verbindung gebracht wurde. Auf alle F\u00e4lle haben das die r\u00f6mischen Machthaber vor Ort so gesehen, und solche Hoffnungen auch gleich mit Aufstand in Verbindung gebracht. Die Erwartung eines K\u00f6nigs und eines Reiches, das nicht von Rom sanktioniert und tributpflichtig war, war ein Akt des Aufruhrs gem\u00e4\u00df r\u00f6mischem Herrschaftsverst\u00e4ndnis. Insofern war die Hinrichtung kein Justizirrtum, sondern erfolgte konsequent nach r\u00f6mischem Herrschaftsverst\u00e4ndnis. Die Verdichtung und Best\u00e4tigung messianischer Hoffnungen in Bezug auf diesen Jesus aus Nazareth erfolgte vor allem in den Auferweckungserfahrungen seiner Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger. Das spiegeln die neutestamentlichen Texte insgesamt wider.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wenn nun die Frage der j\u00fcdischen Identit\u00e4t Jesu als des Christus\/Messias positiv beantwortet wird, muss auch gekl\u00e4rt werden, wo die entsprechenden Texttraditionen zu verorten sind. Wie die Frage der Messianit\u00e4t nicht von der Frage der Identit\u00e4t des so genannten irdischen Jesus getrennt werden kann, kann auch die Frage der Verortung der Texte, die entsprechende Traditionen \u00fcberliefern, nicht davon getrennt werden. Das aber bedeutet, dass die neutestamentlichen Texte als Teil j\u00fcdischer Geschichte und Tradition des 1. Jahrhunderts zu betrachten sind \u2013 in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit. Sie geh\u00f6ren wie ihre Protagonisten in die Welt des Judentums um die Zeitenwende. Dass heute j\u00fcdische NT Forscherinnen und Forscher das Neue Testament aus j\u00fcdischer Perspektive erkl\u00e4ren, ist eine Konsequenz dieser Einsicht. Und sie sind bei weitem nicht die einzigen messianisch gepr\u00e4gten Texte und Traditionen, sondern Teil einer gro\u00dfen Vielfalt in diesem Bereich.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Neutestamentliche messianische Deutungen Jesu als j\u00fcdische Deutungen<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Nun werden Sie vielleicht einwenden, dass diese Texte des NT aber doch einmalig sind \u2013 es gibt nichts Vergleichbares im Judentum der Zeit des Zweiten Tempels. Ja und Nein. Ihr kreatives Format macht sie einmalig nur in der Weise, wie auch viele andere entsprechende Vorstellungen einmalig sind. Einmaligkeit von Texten und Vorstellungen f\u00fchrt diese aber nicht aus dem Judentum der Zeit hinaus.<\/p>\n<p class=\"fliess\">So meine ich entschieden, dass die christologischen Reflexionen des Paulus nicht etwa im Kontrast zu messianisch-eschatologischen Vorstellungen im antiken Judentum zu verstehen sind, sondern als Beispiele j\u00fcdischer Theologie. Wie schon die Psalmen Solomos versteht auch Paulus den Messias als Davididen, dessen Aufgabe es ist, die V\u00f6lker zu leiten; so wie Josephus \u00fcbersetzt auch Paulus die messianischen Deutungen der Schrift in die kulturellen Vorstellungen und Sprache seiner nicht-j\u00fcdischen Adressaten; so wie die sp\u00e4teren rabbinischen Erz\u00e4hlungen \u00fcber Bar Kochba verbindet auch Paulus schon messianische Traditionen und Deutungen der Schrift mit historischen Ereignissen. Mit der Identifizierung solcher Traditionen aber ist die Frage nach deren Bedeutung noch nicht beantwortet. Sie beginnt hier eigentlich erst. Dabei ist eine Unterscheidung zwischen j\u00fcdischen und christlichen Vorstellungen und Texten f\u00fcr die in Frage stehende Zeit wenig hilfreich. Es gibt noch keine zwei voneinander unterschiedenen Traditionen. Das bedeutet, dass diese sp\u00e4tere Trennung f\u00fcr die Zeit des ersten Jahrhunderts nicht hilfreich ist, eher den Blick verstellt als erhellt. \u201eMessias\u201c ist nicht mit \u201eJesus\u201c gleichzusetzen. Messias ist eine offene Kategorie, die verschiedenste T\u00f6ne zum Klingen bringen kann. Messias und messianische Hoffnungen sind mit Blick auf Jesus untrennbar miteinander verbunden. Doch das gilt nicht nur f\u00fcr Jesus: Wo in j\u00fcdischen Vorstellungen vom Messias die Rede ist, geht es stets um mehr als eine bestimmte Person \u2013 es geht zugleich um messianische Hoffnungen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">So sollte das antike Judentum nicht als Vorl\u00e4ufer des fr\u00fchen Christentums betrachtet werden, sondern die fr\u00fche Messias\/Christus-Bewegung sollte als ein Kapitel in der Geschichte der antiken j\u00fcdischen Traditionen gesehen werden. Damit sage ich nicht, dass sich das Verst\u00e4ndnis Jesu als designiertem Messias nicht von anderen messianisch-eschatologischen Vorstellungen j\u00fcdischer Traditionen zur Zeit des Zweiten Tempels unterscheide. Aber die neutestamentlichen Texte pr\u00e4sentieren eine spezifische Interpretation messianisch-eschatologischer Vorstellungen und Vorstellungen der Zeit. Sie sind, was f\u00fcr alle entsprechenden j\u00fcdischen Texte der Zeit gilt: Inspiriert von biblischen Traditionen und deren lebendiger Auslegung dr\u00fccken sie ihre Hoffnung auf eine Heilung der Welt durch das Eingreifen des Gottes Israels aus.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Die Debatte um die kultische Verehrung des Christus<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">In diesem Zusammenhang r\u00fcckt selbstverst\u00e4ndlich auch die Debatte \u00fcber die kultische Verehrung Christi, d. h. die G\u00f6ttlichkeit\/Divinit\u00e4t Jesu Christi, ins Blickfeld, die sogenannte \u201ehohe Christologie\u201c. Inwiefern war die G\u00f6ttlichkeit, die Jesus als dem Christus im Zuge seiner kultischen Verehrung zugeschrieben wurde, mit dem j\u00fcdischen Monotheismus vereinbar? Und wie sind dabei die Titel \u201eSohn Gottes\u201c und \u201eKyrios\u201c zu verstehen?<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese Frage wird kontrovers debattiert. Details w\u00fcrden an dieser Stelle zu weit f\u00fchren. Die Debatte ist von zwei Aspekten bestimmt. Zum einen geht es dabei um die Frage, wie genau die Verehrungspraxis (\u201edevotion\u201c) in der gottesdienstlichen Versammlung zu verstehen ist. Was bedeutet es, wenn jemand angerufen und verehrt wird in einer Versammlung? Zum anderen geht es darum, was eigentlich Monotheismus in der Antike bedeutet.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wesentlich ist hier festzuhalten, dass es Monotheismus im modernen Sinn in der Antike nicht gab. Divinit\u00e4t war eine Frage von Hierarchien und Abstufungen \u2013 mit einer h\u00f6chsten Gottheit, wie z. B. Jupiter an der Spitze und weiteren g\u00f6ttlichen Wesen und Geistern in absteigenden Abstufungen, die als dieser Gottheit untergeordnet betrachtet werden. So ist auch die j\u00fcdische Tradition nicht als monotheistisch in unserem modernen Sinn zu verstehen, sondern als monolatrisch. Im Unterschied zur paganen Umwelt wurde aber exklusiv nur eine einzige Gottheit, n\u00e4mlich der eigene Gott, der Gott, der ihnen zugesagt hatte, ihr Gott zu sein, d. h. der Gott Israels, kultisch verehrt. Da sich aber in diesem kulturellen Milieu die Grenze zwischen menschlichen und g\u00f6ttlichen Gr\u00f6\u00dfen als por\u00f6s erwies, war es durchaus vorstellbar, dass Jesus in die N\u00e4he Gottes erh\u00f6ht wurde, ohne mit Gott selbst identisch zu werden. Eine solche Erh\u00f6hung bedeutete zun\u00e4chst lediglich eine Ver\u00e4nderung des Status und wurde noch nicht im ontologischen Sinne verstanden. Die entscheidende Frage der Antike war demnach, welche Gottheit man kultisch verehrte.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Was genau aber bedeutete in der Zeit des Zweiten Tempels kultische Gottesverehrung? Diese Frage kann meines Erachtens eindeutig beantwortet werden f\u00fcr eine Situation, in der es den Tempel in Jerusalem noch gab. Kultische Verehrung einer Gottheit geschieht in der Antike ausschlie\u00dflich durch die Darbringung von Opfern. Exklusive Gottesverehrung hei\u00dft demnach in der j\u00fcdischen Tradition, dass Opferrituale \u2013 seien es Dank- oder S\u00fchneopfer \u2013 nur im Jerusalemer Tempel stattfinden. Nur dort wird der Gott Israels kultisch durch Opfergaben und damit in strengem Sinne gottesdienstlich verehrt. Dennoch konnten auch andernorts wie z. B. in der Synagoge oder im Haus Gebete an Gott gerichtet oder Hymnen gesungen werden. Im Unterschied zu ihren paganen Nachbarn vollzogen J\u00fcdinnen und Juden dabei jedoch keine kultischen, d. h. Opferhandlungen in ihren H\u00e4usern und Synagogen. Zugleich riefen J\u00fcdinnen oder Juden auch andere Wesen zwischen Himmel und Erde an, wie z. B. Elia als Besch\u00fctzer w\u00e4hrend der Schwangerschaft und bei der Geburt, oder verschiedene Engel, z. B. Raphael auf der Reise, aber sie erwiesen ihnen dabei keine kultische Verehrung. Anrufungen und Gebete, die Jesus Christus einbeziehen in neutestamentlichen Texten, k\u00f6nnen in der gleichen Weise verstanden werden. Sie sind gerade nicht als Erweis seiner Identit\u00e4t mit Gott, sondern als Ehrerbietung gegen\u00fcber dem erh\u00f6hten Status des Messias zu verstehen \u2013 eines Messias, der wiederkommen wird, der mit Ehrentiteln versehen ist, der einen Platz im Himmel hat, damit g\u00f6ttlich ist, der aber von Gott selbst unterschieden bleibt. Nach dieser Interpretation stellt die Erh\u00f6hung Jesu Christi wie auch seine Pr\u00e4existenz die j\u00fcdische exklusive Gottesverehrung nicht in Frage, sondern tritt als eine Variante derselben in Erscheinung.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Kyrios und Sohn Gottes im politischen Kontext des Imperium Romanum<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Auch Ehrentitel wie \u201eHerr\u201c und \u201eSohn Gottes\u201c stehen nicht au\u00dferhalb der j\u00fcdischen Traditionen ihrer Zeit. Die Bezeichnung \u201eSohn Gottes\u201c ist im j\u00fcdischen Verst\u00e4ndnis ein Beziehungs- und Zugeh\u00f6rigkeitsbegriff. So kann der K\u00f6nig Sohn Gottes (Ps 2.7) sein, oder ein Prophet, oder das ganze Volk Israel. Dass eine solche Zuordnung auch blasphemisch klingen kann, wird in der Passionsgeschichte sichtbar. Diese spielt sich in einem r\u00f6misch gepr\u00e4gten Kontext ab. Nach r\u00f6mischer Vorstellung ist jeweils nur eine lebende Person, der C\u00e4sar, \u201eSohn Gottes\u201c (<span class=\"Minion-Italic\">divi filius<\/span>). Die Pr\u00e4senz r\u00f6mischer C\u00e4saren und deren Bezeichnung als <span class=\"Minion-Italic\">divi filius<\/span> wurde lange Zeit f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des neutestamentlichen Befundes als unwesentlich abgetan, doch die Tatsache, dass dieser Titel im r\u00f6mischen Kontext nur f\u00fcr die C\u00e4saren verwendet wurde, liefert einen Hinweis, der nicht \u00fcbergangen werden sollte. Wird dieser Zusammenhang als relevant erachtet, dann muss der Titel \u201eSohn Gottes\u201c nicht zwingend einmalig sein oder \u00fcber j\u00fcdische Vorstellungen der Zeit hinausgehen. Es kann sehr wohl angenommen werden, dass hier auch r\u00f6mische Vorstellungen mitschwingen, wenngleich weniger im Sinne einer Genealogie als vielmehr im Sinne einer Analogie.<\/p>\n<p class=\"fliess\">\u00c4hnliches gilt auch f\u00fcr den Titel \u201eKyrios\u201c. Er wird in der Regel auf die Septuaginta-\u00dcbersetzung f\u00fcr <span class=\"CharOverride-7\">adonai<\/span> (das Tetragramm) zur\u00fcckgef\u00fchrt. Das ist der Grund weshalb christlicherseits oft unhinterfragt angenommen wird, dass damit die G\u00f6ttlichkeit des Christus ausgesagt wird. Nun wird dieser Titel um die Zeitenwende herum aber generell verwendet f\u00fcr eine m\u00e4nnliche Person, die Autorit\u00e4t \u00fcber andere hat. In der hierarchischen Struktur der r\u00f6mischen Gesellschaft wurde \u201eKyrios\u201c, d. h. Herr, alltagssprachlich als Anrede von Sklaven gegen\u00fcber ihren Besitzern verwendet; ebenso von gew\u00f6hnlichen B\u00fcrgern gegen\u00fcber Aristokraten, oder von Soldaten gegen\u00fcber ihren Kommandanten. Mit der Zuschreibung dieses Titels kann deshalb auch ganz einfach ausgedr\u00fcckt sein, dass die Christusnachfolgenden den Messias Jesus als ihre leitende Autorit\u00e4tsfigur anerkennen und niemanden sonst. Beide Bezeichnungen, Sohn Gottes und Herr, weisen nicht zwingend die G\u00f6ttlichkeit Christi aus. \u00adVerschiedene kulturelle Enzyklop\u00e4dien (j\u00fcdische, griechische und r\u00f6mische) werden auch f\u00fcr die fr\u00fchesten Christusnachfolgenden beim H\u00f6ren der entsprechenden Begriffe mitgeklungen haben. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass sich unter ver\u00e4nderten Umst\u00e4nden und mit der \u00dcbertragung der messianisch-eschatologischen Botschaft in nicht-j\u00fcdische Kontexte auch das Verst\u00e4ndnis dieser Begriffe und Vorstellungen zu ver\u00e4ndern begann.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Aber mit Blick auf das Neue Testament k\u00f6nnen die messianischen Deutungen Jesu einschlie\u00dflich derer, die ihn in die N\u00e4he Gottes r\u00fccken, zun\u00e4chst durchaus innerhalb der j\u00fcdischen (wie auch in der griechischen und r\u00f6mischen) Tradition verortet werden. Dass solche Vorstellungen und Titel auch griechischen und r\u00f6mischen Ohren vertraut waren, \u00fcberrascht nicht. Hier gab es ohnehin schon seit Jahrhunderten einen lebendigen Austausch von Vorstellungen, bei dem es zur \u00dcbernahme und Adaption religi\u00f6ser Ideen kam. Deshalb sind auch alle jene Deutungen des Christus, die gemeinhin unter der Rubrik einer \u201ehohen Christologie\u201c verhandelt werden, nicht als Bruch mit j\u00fcdischen Traditionen zu verstehen. Grenzlinien werden erst in der sp\u00e4teren rabbinischen und explizit christlichen Theologie unter dem Vorzeichen neuer Selbstdefinitionen gezogen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Vielen dieser Texte und Vorstellungen sind politische Dimensionen inh\u00e4rent \u2013 teils implizit, teils aber auch explizit. Da es in der Antike die moderne Unterscheidung von religi\u00f6sen, politischen oder \u00f6konomischen Dimensionen so noch nicht gegeben hat, l\u00e4sst sich dieser Sachverhalt eigentlich auch erwarten. Denn wenn in messianisch-eschatologischen Texten der Hoffnung Ausdruck gegeben wird, dass Gott (trotz allem, was in der gegenw\u00e4rtigen Situation dagegenspricht) die Verantwortung f\u00fcr das gesamte Weltgeschehen tr\u00e4gt, dann hat das durchaus auch politische Implikationen. Messianische Zuschreibungen und Titel, wie sie im Neuen Testament gebraucht werden, fanden deshalb in der antiken Welt einen vielf\u00e4ltigen Nachhall in den kulturellen Codes und Enzyklop\u00e4dien r\u00f6mischer und griechischer Provenienz. Bezeichnungen wie \u201eSohn Gottes\u201c, \u201eRetter\u201c oder \u201eErl\u00f6ser\u201c sind in einer r\u00f6misch gepr\u00e4gten Kultur durchaus als implizite Anfragen an die politischen Anspr\u00fcche r\u00f6mischer Machthaber zu verstehen. Das muss nicht als direkte Provokation gegen deren kultische Verehrung gerichtet sein, aber die Zuschreibung solcher Titel und Attribute beinhaltet immerhin eine Infragestellung absoluter menschlicher Machtanspr\u00fcche.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Das Christus-Ereignis als Zeitansage<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">In christlichen Traditionen wird die Messianit\u00e4t Jesu oft individualistisch verstanden. Der Christus ist der Erl\u00f6ser, Heilsvermittler, zu dem ich eine pers\u00f6nliche Beziehung habe. Ich will das nicht grundlegend in Frage stellen, aber aus neutestamentlicher Sicht erlaube ich mir diesbez\u00fcglich eine Anfrage zu stellen: Die neutestamentlichen Vorstellungen von der Messianit\u00e4t Jesu deuten gegenw\u00e4rtiges Geschehen in Bezugnahme auf die vielf\u00e4ltigen j\u00fcdischen Traditionen der Zeit. Der Gerechte wurde hingerichtet durch die r\u00f6mische Macht, starb einen ungerechten Tod. Doch Gott hat ihn auferweckt und damit gerechtfertigt, als Gerechten best\u00e4tigt. Das ist kein individuelles Ereignis. Es wird als der Anfang messianisch-eschatologischer Ereignisse verstanden. Auf diesen Anfang folgen weitere, wie der Zugang von Menschen aus den nicht-j\u00fcdischen V\u00f6lkern zur exklusiven Verehrung des Gottes Israels, wie z. B. bei Micha erhofft: \u201eUnd am Ende der Tage wird es geschehen, da wird der Berg des Hauses des HERRN feststehen als Haupt der Berge, und erhaben wird er sein \u00fcber die H\u00fcgel. Und V\u00f6lker werden zu ihm str\u00f6men, und viele Nationen werden hingehen und sagen: Kommt, la\u00dft uns hinaufziehen zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs, da\u00df er uns aufgrund seiner Wege belehre! Und wir wollen auf seinen Pfaden gehen. Denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des HERRN von Jerusalem.\u201c Es wird einmal so sein, dass Recht und Gerechtigkeit, Gottes Zusage von Lebensraum und Frieden, zusammengefasst in der Erwartung des \u201eReiches Gottes\u201c anbrechen werden. Das alles sind j\u00fcdische Erwartungen. Es sind unterschiedliche Vorstellungen, Hoffnungen und Erwartungen, aber sie sind allesamt j\u00fcdisch.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der Unterschied zwischen denjenigen, die in Jesus den Messias gesehen haben und jenen, die das nicht so sahen, liegt in der Perspektive auf die Zeit \u2013 und was daraus folgt. Das hei\u00dft, das entscheidende Moment ist nicht eine so genannte \u201ehohe\u201c oder \u201eniedrige\u201c messianische Deutung oder die \u00dcberzeugung, dass in einem Menschen Gottes Gesalbter pr\u00e4sent sei. Der Unterschied liegt in der daraus abgeleiteten Einsch\u00e4tzung der eigenen Zeit aufgrund dieser eschatologisch gedeuteten Ereignisse. Die Christusnachfolgenden waren davon \u00fcberzeugt, dass jetzt, in ihrer Gegenwart mit der Auferweckung des Einen der Anfang weiterer eschatologischer Ereignisse eingel\u00e4utet sei. F\u00fcr sie war die Auferweckung nicht als ein individuelles Ereignis bedeutsam, sondern als Indiz ihrer Hoffnung auf die noch folgende Auferweckung aller, die mit dem Eingreifen Gottes zur Errichtung seines Reiches einhergehen w\u00fcrde. Sie best\u00e4tigte in ihren Augen Gottes unverbr\u00fcchliche Zusage an sein Volk Israel trotz allem, was an geschichtlichen Ereignissen dagegensprechen mochte, und er\u00f6ffnete damit auch den Zugang der V\u00f6lker zu einer gemeinsamen Gottesverehrung. Hier klingen in den neutestamentlichen Texten Vorstellungen an, wie sie z. B. auch in der Tiersymbol-Apokalypse des 1. Henochbuches zu finden sind. Die Auferweckung Jesu Christi wurde in diesem Sinne nicht als einzigartiges Geschehen verstanden, sondern als das erste in einer Reihe eschatologischer Ereignisse, die auf die Ankunft des Reiches Gottes ausgerichtet waren. Die Christus-Bezogenheit dieser Bewegung war damit grundlegend kollektiv und theozentrisch angelegt und stand nicht im Gegensatz zu dem bleibenden Handeln Gottes an Israel. Dass Gott der Gott Israels ist und bleibt und unwiderruflich sich seiner annimmt, wird weiterhin vorausgesetzt. Wie Paulus es im R\u00f6merbrief (11.29) ausgedr\u00fcckt hat: \u201eDenn unwiderrufbar sind die Gaben Gottes und die Berufung.\u201c Die \u00dcberzeugung der Christus-Nachfolgenden, dass sich in Jesus eschatologisches Geschehen manifestiert hatte und auch weiterhin ereignen w\u00fcrde, ist wesentlich in seiner kollektiven Dimension f\u00fcr Israel und die V\u00f6lker zu verstehen.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Ausblick \u2013 und heute ?<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Die \u201eHeimholung Jesu\u201c in das Judentum des 1. Jahrhunderts kann nicht auf den so genannten irdischen Jesus beschr\u00e4nkt werden. Sie umfasst vielmehr das Ganze \u2013 und schlie\u00dft auch die Deutung dieses Jesus als der Christus\/Messias ein. Ob das mit seinem eigenen Selbstverst\u00e4ndnis \u00fcbereinstimmt oder nicht, ist von nachgeordneter Bedeutung; historisch feststellen l\u00e4sst es sich ohnehin nicht. Dass aber Nachfolgerinnen und Nachfolger von seiner Messianit\u00e4t \u00fcberzeugt waren und damit eine Vergeschichtlichung eschatologischer Vorstellungen und Hoffnungen in Gang setzten, ist auch historisch offensichtlich. Die messianisch-eschatologischen Deutungen der neutestamentlichen Texte f\u00fcgen sich in die j\u00fcdische Tradition der Zeit des Zweiten Tempels ein. Sie sind Teil der Interpretation biblischer \u00dcberlieferungen in narrativer oder akklamatorischer Form. So gesehen stellt der Christusdiskurs der neutestamentlichen Schriften eine Variante der messianisch-eschatologischen Diskurse des antiken Judentums dar und ist gerade nicht als Gegenentwurf zu verstehen. Er pr\u00e4sentiert sich nicht uniform, sondern vielf\u00e4ltig. Demzufolge m\u00fcsste von Christusdeutungen im Plural gesprochen werden, denn das eine neutestamentliche Christusverst\u00e4ndnis gibt es nicht.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Auch in der neutestamentlichen Vielfalt der Deutungen wird Eindeutigkeit vermieden \u2013 und dadurch auch eine systematische Zuordnung offen gehalten. Diese Offenheit verweist auch heute theologisch auf die Nicht-Fassbarkeit des gedeuteten Geschehens, das der je neuen Interpretation bedarf. Alle Deutungen aber sind letztlich theo-zentrisch ausgerichtet, da sie nach christlicher \u00dcberzeugung Gottes Handeln in Christus voraussetzen. Dieses Handeln Gottes wird als unabgeschlossen verstanden. Mit dem Christus\u00adereignis ist die Vollendung der Zeiten noch nicht gekommen, doch es hat im Verst\u00e4ndnis derer, die Jesus als den Messias bekennen, und das sind aus geschichtlichen Gr\u00fcnden Menschen aus den nicht-j\u00fcdischen V\u00f6lkern, bereits jetzt etwas Neues begonnen. Noch steht aus, was sein wird, auch wenn in dieser \u00dcberzeugung die Gewissheit ausgedr\u00fcckt ist \u2013 wie in anderen j\u00fcdischen eschatologischen Interpretationen auch \u2013, dass letztlich alles Geschehen in Gottes Hand liegt. Die nach innen gerichteten Vergewisserungen und Christusbekenntnisse in den neutestamentlichen Texten sind als Varianten j\u00fcdischer Tradition nicht im Gegensatz zu oder als Herabw\u00fcrdigung der anderen j\u00fcdischen Traditionen zu lesen. F\u00fcr die fr\u00fchen Christusnachfolgenden waren sie eine Form j\u00fcdischer Theologie, in der sich Gottes Handeln bekundete.<\/p>\n<p class=\"fliess\">F\u00fcr heutiges christliches Selbstverst\u00e4ndnis ist diese Verwiesenheit wichtig. Aber heute, da wir es mit zwei unterschiedlichen Traditionen, Christentum und rabbinischem Judentum, zu tun haben, kann das so nicht mehr gesagt werden. Der Bezug auf Christus, das Nachdenken und Bekennen von Gottes Handeln in Christus ist christliches Proprium, das ist christliche Theologie. Rabbinisches Judentum bezieht sich weiterhin auf die Schriften seiner Tradition, den Tanakh und dessen Auslegung in der Mischna, dem Talmud, Midrashim. Das ist heutiges j\u00fcdisches Nachdenken und darauf basiert j\u00fcdisches Vertrauen in die Gegenwart Gottes hier und jetzt. Das sind heute verschiedene Wege. Verschiedenheit bedeutet genau das. Nicht Gegens\u00e4tze.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Da sich Gottes Handeln aber vor allem durch seine Unabgeschlossenheit auszeichnet, ist genau diese Offenheit und Vieldeutigkeit Teil auch des christlichen Gottesverst\u00e4ndnisses und des Christus-Verst\u00e4ndnisses. Mit dieser Binnen-Orientierung entf\u00e4llt somit die Notwendigkeit, Differenzen zwingend negativ zu besetzen. Eine herabw\u00fcrdigende Distanzierung anderer um der eigenen Selbstvergewisserung willen er\u00fcbrigt sich.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ein Verst\u00e4ndnis der Texte des Neuen Testamentes \u00fcber Jesus als den Messias, als Varianten j\u00fcdischer Tradition zur Zeit des Zweiten Tempels, kann dazu beitragen, heutiges christliches Selbstverst\u00e4ndnis neu und hoffentlich frei von Anti-Judaismus zu formulieren. Die Offenheit und Vieldeutigkeit der auf Jesus den Christus bezogenen Aussagen sollte als Memento dienen, keine dieser Aussagen zu verabsolutieren, weder nach innen und schon gar nicht nach au\u00dfen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Aber es geht bei der \u201eHeimholung\u201c von messianischen Deutungen Jesu von Nazareth ins Judentum des 1. Jahrhunderts nicht um die Nivellierung heute bestehender Unterschiede. Die Unterschiede und Trennungen sind die Folge einer Geschichte, die sich \u00fcber beinahe 2000 Jahre erstreckt. Doch \u00fcber die im 1. Jahrhundert von J\u00fcdinnen und Juden formulierten Christusdeutungen sind Christinnen und Christen bis heute mit J\u00fcdinnen und Juden verbunden. Ein christliches Selbstverst\u00e4ndnis ist ohne diesen positiven Bezug, der den Juden Jesus als den Christus betrifft, letztendlich nicht vorstellbar. Entscheidend ist dabei der wechselseitige Respekt vor dem bleibend Anderen. Der Weg rabbinisch j\u00fcdischer Traditionen ist ein anderer als der christlicher Traditionen. Die Anerkennung der Partikularit\u00e4t, und damit das Aufgeben triumphalistischer Absolutheitsanspr\u00fcche christlicherseits kann dazu beitragen, die negative Stereotypisierung j\u00fcdischer Traditionen im christlichen Selbstverst\u00e4ndnis endg\u00fcltig zu \u00fcberwinden. Damit ist nicht einfach Gemeinsamkeit zwischen dem heute bestehenden Judentum und Christentum hergestellt. Die Differenz bleibt bestehen. Aber es k\u00f6nnen Spuren von Gemeinsamkeiten ebenso wie von Unterschieden gesucht und gefunden werden, ohne zu vereinnahmen oder zu werten. Damit kann im offenen Gespr\u00e4ch Vertrauen aufgebaut und im gemeinsamen Lernen auch die eigene Tradition vertieft werden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das Wahrnehmen der Vielfalt ist bereichernd, Eindeutigkeit ist nicht das Ziel. Aber aus dem Zusammenspiel von Gemeinsamkeiten und Unterschieden kann ein Raum entstehen, in dem das j\u00fcdisch-christliche Gespr\u00e4ch auf Augenh\u00f6he, von Angesicht zu Angesicht, Seite an Seite gef\u00fchrt werden kann. <img decoding=\"async\" class=\"_idGenObjectAttribute-2\" src=\"debatte_3_2026_20_LINKS-web-resources\/image\/1.png\" alt=\"\" \/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange Zeit haben Kirche und Theologie so von Jesus geredet, dass sie ihn im m\u00f6glichst gro\u00dfen Kontrast zum Judentum dargestellt haben. Erst im 20. Jahrhundert ist deutlich geworden, dass solche christlichen Jesusdeutungen ein Zerrbild und nicht selten auch Feindbild vom Judentum bef\u00f6rdert haben. 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