{"id":130089,"date":"2026-10-07T09:57:58","date_gmt":"2026-10-07T07:57:58","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=130089"},"modified":"2026-10-07T09:58:04","modified_gmt":"2026-10-07T07:58:04","slug":"transformation-als-kenotisches-dasein-kenosis-netzwerk-und-gastlichkeit-als-perspektiven-kirchlicher-erneuerung","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/transformation-als-kenotisches-dasein-kenosis-netzwerk-und-gastlichkeit-als-perspektiven-kirchlicher-erneuerung\/","title":{"rendered":"Transformation als kenotisches Dasein"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"Initiale\">R<\/span>ettest Du noch Kirche oder gestaltest Du sie schon?\u201c Diese abgewandelte Ikea-Werbung verdeutlicht, dass viele Ans\u00e4tze von Kirchenentwicklung nach wie vor Versuche sind, die institutionalisierte Kirche zu retten. Rettungsversuche sind jedoch Ver\u00e4nderungsma\u00dfnahmen, die etwas Verlorengehendes retten oder wiederherstellen m\u00f6chten. Es sind Change-, jedoch keine Transformationsprozesse. Transformation passt \u00e4u\u00dfere Ver\u00e4nderungen nicht nur an das bestehenbleibende Innere an oder versucht sie in ein neues Korrelationsverh\u00e4ltnis zu bringen, sondern denkt sowohl das Innere als auch das \u00c4u\u00dfere in seiner jeweiligen Ver\u00e4nderbarkeit auf ein neues Drittes, die Transformation.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Transformation ist gleichsam eine Existenzform, die tief in der christlichen Logik verankert ist. Meine Hypothese lautet, dass Transformation in der theologischen Reflexion kenotisches Dasein bedeutet. Was hinter diesem Dasein steckt und welche Konsequenzen sich daraus f\u00fcr eine transformative Kirche ergeben, m\u00f6chte ich in f\u00fcnf Schritten entfalten.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Zun\u00e4chst beginne ich mit einer soziologischen Einordnung. Sie beschreibt die postmoderne Gegenwart \u00fcber die Begriffe der Verfl\u00fcssigung und der daraus resultierenden Erfahrung von Verlust. Auf diese ersten beiden soziologischen Bestimmungen folgt eine theologische, die Transformation als kenotisches Dasein umfasst. Daraus ergeben sich zwei Konkretionen, die sich zum einen lokal im Netzwerk als kirchlicher Sozialform zeigt und sich zum anderen methodisch als Ansatz der Sozialraumorientierung im Modus der Gastlichkeit findet.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Liquid modernity: Verfl\u00fcssigung<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Viele soziologische Analysen und Beobachtungen der Gegenwart sprechen von einer Transformation des Aggregatszustandes, die als Verfl\u00fcssigung beschrieben wird. Ein Autor ragt in deren Beschreibung besonders heraus: Zygmunt Bauman. 2003 ver\u00f6ffentlichte er das einschl\u00e4gige Werk <span class=\"Minion-Italic\">Liquid Modernity<\/span> (<span class=\"Minion-Italic\">Fl\u00fcchtige Moderne<\/span>). Fl\u00fcchtig und fl\u00fcssig \u2013 beides trifft Baumans Diagnose. Seiner Einsch\u00e4tzung nach bieten sich die Begriffe \u201e\u201aFl\u00fcchtigkeit\u2018 und \u201aFl\u00fcssigkeit\u2018 als passende Metaphern an, wenn man das Spezifische unserer Gegenwart, jener in vieler Hinsicht neuartigen Phase in der Geschichte der Moderne, erfassen will\u201c.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wie l\u00e4sst sich an dieser Stelle das Verfl\u00fcssigungsph\u00e4nomen nochmals genauer beschreiben, um es nicht nur als Bedrohung zu sehen, sondern um auch Potenziale und M\u00f6glichkeiten des Umgangs mit ihm zu entdecken? Je nach inhaltlichem Kontext verbinden sich nach Michael Sch\u00fc\u00dfler mit dem \u201eLiquiden\u201c mindestens drei unterschiedliche Bedeutungen. Erstens beschreibt \u201eliquid\u201c den fl\u00fcssigen Zustand eines Elements im Gegensatz zu seiner festen Verbindung. Liquid meint hier flexibel, auf keine eindeutige Form festgelegt. Zweitens hei\u00dft \u201eliquidieren\u201c so viel wie t\u00f6ten und zerst\u00f6ren. Es geht also etwas zu Ende, es stirbt gar etwas. Und es gibt noch eine dritte Bedeutung: Im Finanzwesen meint \u201eliquide sein\u201c, dass man zahlungsf\u00e4hig ist, dass man heraus- und zur\u00fcckgeben kann. Dann geht es um das \u201eFreigeben\u201c \u2013 nicht nur von Festgeld, also \u00f6konomischem Kapital, sondern vielleicht auch um das \u201eFreigeben\u201c \u00f6ffentlichen Kapitals, von kommunalen Ressourcen in Quartieren beispielsweise.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der Vorteil eines Aggregatszustandes ist, dass zun\u00e4chst nichts verloren geht. Deutlich wird jedoch, dass etwas zu Ende geht. Schlie\u00dflich deutet die Dimension des \u201eLiquide-Seins\u201c an, dass es noch ein Kapital gibt und dass vorhandene Ressourcen zu nutzen w\u00e4ren. Diese Perspektiven einer gegenw\u00e4rtigen Verfl\u00fcssigung m\u00fcnden in die daraus resultierende Folge, dass wir am Ende der Eindeutigkeit angelangt sind, wie es Zygmunt Bauman in seinem Buch <span class=\"Minion-Italic\">Moderne und<br \/>\nAmbivalenz <\/span>(<sup>5<\/sup>2022) beschreibt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Uneindeutigkeit l\u00f6st jedoch Unsicherheit aus. Es gibt eine gro\u00dfe Sehnsucht nach Eindeutigkeit und Wiederholung. Viele versuchen daher das Auseinanderstrebende auf einen Nenner zu bringen. Dieses Bem\u00fchen f\u00fchrt leicht zu populistischen oder unterkomplexen Erkl\u00e4rungsmustern, die vorgeben, eindeutig und klar zu sein. Das Ende der Eindeutigkeit \u00fcberfordert offensichtlich eine Gesellschaft. Allerdings zeigt Bauman auf, dass Eindeutigkeit und Sicherheit eine innere Ambivalenz beinhalten, die gef\u00e4hrlich ist, weil sie sich stets in der Versuchung befindet, totalit\u00e4r zu werden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das Ende der Eindeutigkeit ist so herausfordernd und so verunsichernd, weil es Verlust und sogar eine Eskalation von Verlusterfahrungen mit sich bringt.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Verlusterfahrungen und Stabilisierungsversuche<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Der Soziologe Andreas Reckwitz brachte 2024 ein Buch mit dem Titel <span class=\"Minion-Italic\">Verlust<\/span> heraus und erhebt darin die Hypothese, dass \u201eVerlust\u201c das Grundproblem der Moderne sei. Diese habe \u201eein fundamentales Problem mit Verlusterfahrungen [\u2026] und zwar deswegen, weil diese dem f\u00fcr die Moderne konstitutiven Fortschrittsglauben widersprechen.\u201c Wom\u00f6glich erleben Menschen anderswo in der globalen Welt viel existentiellere Verlusterfahrungen als in Europa, Verlust bei Reckwitz meint aber, dass ein radikaler Fortschrittsglaube nicht mehr funktioniert. Die Fortschrittsimperative wie \u201edie Zukunft wird besser als die Gegenwart sein\u201c oder \u201edurch Fortschritt und Technik lassen sich alle Probleme der Gegenwart l\u00f6sen\u201c lassen sich nicht mehr einl\u00f6sen und f\u00fchren zur gef\u00fchlten Erfahrung des Verlustes, so Reckwitz. Das Fortschrittsversprechen erf\u00e4hrt einen Vertrauensverlust. Diese Verlusterfahrungen fordern dazu heraus, mit Verlust umzugehen und einen Weg des \u201edoing loss\u201c zu finden. Dass Ewigkeits- bzw. Erneuerungsversprechen nicht mehr einzul\u00f6sen sind, betrifft auch die Kirche. In den letzten zwanzig Jahren gibt es in ihr radikale \u00e4u\u00dfere und innere Verlusterfahrungen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Zun\u00e4chst lassen sich vor allem vier \u00e4u\u00dfere Verlusterfahrungen feststellen. Lange hatte die katholische Kirche weltliche Macht und weltlichen Einfluss vor allem in moralischen Fragen inne. Ethikkommissionen ohne Vertreter von Kirche waren undenkbar. Diese vorrangige Stellung, \u00adverbunden mit Relevanz und Vertrauen, verlor sie in den letzten Jahren, nicht zuletzt durch den Missbrauchsskandal innerhalb von Kirche. Ein weiterer Verlust bezieht sich auf ihre geistliche Autorit\u00e4t. Spiritualit\u00e4t ist eine \u201eopen source\u201c geworden. Auch darin kommt Kirche kein Monopol mehr zu, sondern es gibt beispielsweise freie Spiritualit\u00e4ts- und Ritualanbieter:innen, die inzwischen gro\u00dfes Vertrauen genie\u00dfen. Ein weiterer Verlust bezieht sich auf die Steuerbarkeit der Institution Kirche. Kirchenprozesse sind nur noch strukturell steuerbar. In ihrer inneren Dynamik hingegen entziehen sich Handlungs- und Beziehungslogiken einer organisationalen Kontrolle. Schlie\u00dflich erfahren vor allem pastorale Mitarbeiter:innen einen lokalen Resonanzverlust. Trotz gro\u00dfer und professioneller Bem\u00fchungen bleiben Kirchenb\u00e4nke leer und manche Veranstaltungen schlecht besucht.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In \u00e4hnlicher Weise machen diese Mitarbeiter:innen innere Verlusterfahrungen. Das Profil des eigenen Berufs und der eigenen T\u00e4tigkeit verliert ihr Ausgangsformat. Auch die gesellschaftliche Anerkennung f\u00fcr kirchliche Berufe ist deutlich r\u00fcckl\u00e4ufig. Es fehlen den Mitarbeitenden wom\u00f6glich die Erfolgsgeschichten und das Gef\u00fchl einer sich daraus ergebenden Relevanz.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Verlusterfahrungen l\u00f6sen Trauer aus und die Suche nach wirksamen Verarbeitungsmodi. Zun\u00e4chst erh\u00f6ht schon allein die Wahrnehmung von Verlust und Trauer die Bereitschaft, sich auf Wandel und Transformation einzulassen. Was macht jedoch Mut oder Hoffnung in der Trauer? Gibt es eine theologische Inspiration, die einen neuen Blick er\u00f6ffnen k\u00f6nnte? Im n\u00e4chsten Kapitel soll mit dem Ansatz einer Theologie der Menschwerdung eine vielleicht vergessene Perspektive im Kontext von Verlust und Transformation angeboten werden.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Transformation als kenotisches Dasein einer Theologie der Menschwerdung<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Hinter dem zun\u00e4chst komplexen Begriff des \u201ekenotischen Daseins\u201c, der im Folgenden erschlossen wird, stecken die Hypothesen, dass Transformation ein anthropologisches Existential darstellt und dass Menschsein gerade durch Transformation gl\u00fcckt. Im Transformationsprozess jedoch gl\u00fcckt Menschsein erst durch Freigeben und im Risiko des Verlustes. Ausgehend von der Menschwerdung Jesu werden nun diese Hypothesen entfaltet.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Menschsein ist im Allgemeinen bereits ein Risiko. Stets ist es sowohl von au\u00dfen als auch von innen in unterschiedlichen Intensit\u00e4ten gef\u00e4hrdet oder gef\u00e4hrdet selbst. Jede menschliche Geburt stellt bereits f\u00fcr die Mutter bzw. f\u00fcr das Kind selbst ein gesundheitliches Risiko dar. Die Freiheit des Menschen erm\u00f6glicht Kreativit\u00e4t und Entgrenzung und gleichzeitig ist sie die Bedingung f\u00fcr Schuld. Eine wichtige Grundlage f\u00fcr das Menschsein zeigt sich in gelingenden Beziehungen. Sie begl\u00fccken und gleichzeitig machen sie den Menschen in der Beziehung \u00e4u\u00dferst verletzlich. Und schlie\u00dflich ist der Mensch Ausgangspunkt globaler Zerst\u00f6rung. All diese Beispiele zeigen, wie das Menschsein ein Risiko darstellt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Eben in dieses Risiko des Menschseins begibt sich Gott selbst in der Menschwerdung Jesu. Gott ent\u00e4u\u00dfert sich, er riskiert sich in die Bedingungen der Welt, wie es in kompakter Form im Philipperhymnus formuliert wird (Phil 2,6). Kenose, also Ent\u00e4u\u00dferung, bedeutet, dass sich Gott entm\u00e4chtigt unter die Bedingungen menschlicher und globaler Zusammenh\u00e4nge, um andere zu erm\u00e4chtigen. Im Annehmen der menschlichen Natur wagt Gott das eigene Schwachsein und setzt sich ihm aus. Diese Vorstellungen stehen immer im Kontext eines trinitarischen Handelns, in dem Jesus im Vertrauen auf den Vater und durch den Heiligen Geist wirkt. Es ist eine relationale Verbundenheit, die Jesus in die Lage versetzt, in dieses Risiko zu gehen. An dieser trinitarischen Verbundenheit setzt der franz\u00f6sische Philosoph und Theologe Jean-Luc Marion an, wenn er nach einer Begr\u00fcndung f\u00fcr dieses Handeln Gottes und nach einer Qualifizierung des Schwachen sucht, die er aus seinem Gabe-Hingabe-Verst\u00e4ndnis heraus beschreibt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Marion betont die selbstlose Liebe in der Kenose, als deren Konsequenz die Selbstschw\u00e4chung aus der Selbst-Freigabe heraus folgt. Die Ent\u00e4u\u00dferung beschreibt er als Hingabe, als Nicht-Festhalten und als Aufgeben. Dahinter steckt ein gnadentheologisches Vertrauen und \u00dcbergeben der eigenen Sorge als Verzicht auf Selbsterl\u00f6sung. In der Kenose findet also ein bewusster Verzicht statt, \u00fcber den Empfang einer Gabe zu verf\u00fcgen. Die Gabe des\/der Anderen erhalte ich dann nur im Raum einer M\u00f6glichkeit, dass ich sie m\u00f6glicherweise erhalte. \u201eSie kann aber auch zur Entt\u00e4uschung werden. Sie setzt voraus, dass ich mich auf die M\u00f6glichkeit einlasse, mich ihr aussetze, sie nicht zunichtemache durch Besitznahme oder Besitzanspruch. Die Gabe gibt und verlangt nicht \u2013 sie setzt nur voraus, dass ich mich ihr hingebe.\u201c Das Geben der Gabe ist also ein Freigeben, eine freigebende Hingabe, \u00fcber das der\/die Andere selbst bestimmt und das seine\/ihre Freiheit voraussetzt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ohne dies an dieser Stelle im Horizont des dreifaltigen Gottes weiter ausf\u00fchren zu k\u00f6nnen, zeigt sich in dem Verst\u00e4ndnis der Kenose von Marion zum einen eine bedingungslose Anerkennung des\/der Anderen im Kontext von Gabe und Hingabe. Zum anderen deutet sich bereits eine Paradoxie in diesem Verst\u00e4ndnis eines kenotischen Daseins an, dass die Gabe nur durch Hingabe m\u00f6glicherweise \u00fcberlebt, worin also eine St\u00e4rke liegt, aber dass die Hingabe den Empfang der Gabe nicht garantiert, gleichsam unverf\u00fcgbar ist.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ein so verstandenes freigebendes Dasein steht jedoch immer in der Gefahr, das eigene Risiko nicht offen zu halten und die Nutzlosigkeit des freigebenden Daseins f\u00fcr sich zu funktionalisieren. Im Ansatz der Paradoxie einer kenotischen Pr\u00e4senz liegt also eine zirkul\u00e4re Problematik. Sie darf weder von einer kalkulierten Schw\u00e4che noch von einer altruistischen Unterwerfung motiviert sein. Ansonsten w\u00fcrde es zum Machtinstrument \u00fcber andere degenerieren. Um nicht in eine Ideologisierung des starken Schwachen oder des schwachen Starken zu verfallen, bedarf es einer Schwebe zwischen Selbstf\u00fcrsorge und Selbst\u00adentm\u00e4chtigung, was keine Balance, sondern das Risiko des einen wie des anderen meint. Grundlage f\u00fcr diese Schwebe als kenotisches Dasein sind ein relationales Vertrauen und eine gewachsene Verbundenheit.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dieser Transformationsbegriff als anthropologisches Existential in der Logik eines riskierten Freigebens hat f\u00fcr pastorales Handeln Konsequenzen. Die Paradoxie des freigebenden Daseins im Risiko des Gebens braucht Begegnungs- und Beziehungsr\u00e4ume, in denen das Risiko bedingungsloser Liebe erfahrbar wird und in denen sie zur St\u00e4rkung werden kann. Aus diesen R\u00e4umen freien Gebens, das die Schwebe nicht aufgibt, k\u00f6nnen Netzwerke von sozialer Verbundenheit und von Solidarit\u00e4t entstehen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese theologische Tiefenbohrung stellt die Frage sowohl nach Orten und R\u00e4umen als auch nach einem Modus konkreter Umsetzung eines kenotischen Daseins. Bei der Suche nach Orten und R\u00e4umen f\u00fcr ein freigebendes Dasein liegt die Sozialform des Netzwerks nahe, da sich die gegenw\u00e4rtige Gesellschaft selbst als Netzwerk konstituiert.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Netzwerk als kirchliche Sozialform eines kenotischen Daseins<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Die Verfl\u00fcssigung von Ordnungen und Gewissheiten, wie sie im ersten Kapitel beschrieben wurde, l\u00e4sst sich am besten als Netzwerk abbilden, da Knotenpunkte sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndern, sich Menschen irgendwo treffen, sich vergemeinschaften und beim n\u00e4chsten Mal vielleicht wieder an einem anderen Ort zusammenkommen. Der Soziologe Bruno Latour bringt das Netz \u201eals Gewebe unserer Welt\u201c ins Bild, das strukturlogisch auf dem Prinzip der Beziehung aufbaut. \u201eGeschmeidiger als der Begriff des Systems, historischer als die Struktur und empirischer als die Komplexit\u00e4t,\u201c beschreibt er die Attraktivit\u00e4t des Netzbegriffs f\u00fcr die Soziologie einer neuen Gesellschaft.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Grundannahme der Netzwerktheorie lautet, dass soziale Beziehungen in Wechselwirkung mit individuellem und kollektivem Handeln sowie mit personalen, gruppenspezifischen und\/oder gesellschaftlichen Outputs stehen. Akteur:innen werden dabei im Netzwerk als Knoten dargestellt. Diese wiederum sind \u00fcber soziale Beziehungen miteinander verbunden, die als Kanten abgebildet werden, wobei die unterschiedlichen Arten von Beziehung (Mailverkehr, Treffen, Hilfeleistungen usw.) und unterschiedliche St\u00e4rken (H\u00e4ufigkeit, Dauer\u2026) von Beziehungen darstellt werden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Auf diesem Hintergrund gibt Bruno Latour Hinweise, wie Netzwerke von Gemeinschaften auf der Ebene der Akteur:innen funktionieren, besser gesagt, wie sie sich verkn\u00fcpfen. Er beschreibt, wie sich Gemeinschaften an Knotenpunkten bilden und sich sogar zum Teil im Moment des Bildens bereits wieder aufl\u00f6sen. Der Normalfall von Gruppenverdichtungen sind situative Momente, die sich im n\u00e4chsten Augenblick schon wieder neu bilden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese neue Wahrnehmung, wie sich eine Gruppe im Netzwerk konstituiert und nicht mehr dauerhaft besteht, hat einen wesentlichen Einfluss sowohl darauf, wie sich Menschen etwa in einem Quartier treffen, als auch wie Gruppen ticken, in denen sich Menschen engagieren. Verantwortliche im Quartier werden jedenfalls zu Gemeinschafts- und Gruppenbildner:innen. Gemeinschafts- und gruppenbildend sind sogenannte \u201e<span class=\"Minion-Italic\">stories<\/span>\u201c, also Geschichten und Erfahrungen, die Ausgangspunkte f\u00fcr Verdichtungen im Netzwerk sind. Einladungen zu Treffen im Quartier beispielsweise m\u00fcssen eine Geschichte erz\u00e4hlen, die zu Vernetzung und Verdichtung f\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ein Dasein und Handeln in Netzwerken hat dann Konsequenzen f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis pastoralen Handelns. Sich in ihnen zu bewegen und sich als solche zu verstehen bedeutet, dass man noch nicht alles selbst wei\u00df, sondern auch von anderen lernen kann. Zusammenarbeit bedeutet dann, nicht neben- oder gegeneinander, sondern miteinander, verbindlich und abgestimmt zu handeln.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese Logik des Netzwerks hat Kehrtwenden f\u00fcr eine freigebende Kirche zur Folge, die dann nicht nur Change, sondern Transformation bedeuten. Eine zentrale Kehrtwende ist der Wechsel von einer Institutions- zu einer Existenzorientierung. Begegnungsr\u00e4ume zu erm\u00f6glichen, wird dann wichtiger, als prim\u00e4r fl\u00e4chendeckend Liturgie zu organisieren. Angebote ergeben sich im Netzwerk durch Begegnungen und definieren sich aus dem Auftrag von Kirche. Und schlie\u00dflich stellt diese Kehrtwende das Dasein vor den Nutzen pastoralen Handelns.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Aus der Beschreibung der Netzwerklogik stellt sich nun die Frage, wie sie umgesetzt werden kann, welche methodischen Ans\u00e4tze und Haltungen daf\u00fcr hilfreich sind. Darum geht es im letzten Kapitel.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Sozialraumorientierung im Modus der Gastlichkeit<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Netze funktionieren aufgrund von Beziehungen, die Ausgangspunkt f\u00fcr neue Verbindungslinien sind. So entstehen Neues und Innovation. Ausgehend von einer Theologie der Menschwerdung braucht es daf\u00fcr R\u00e4ume, die in das Risiko des Gebens gehen. Es geht also in einem freigebenden Netz darum, dass Begegnungen und Kooperationen entstehen k\u00f6nnen. Diese Netze, die aus freigebenden Beziehungen gekn\u00fcpft werden, sind Orte und R\u00e4ume, wo Transformation geschehen kann.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das Fachkonzept der Sozialraum\u00adorientierung, das von Wolfgang Hinte begr\u00fcndet wurde, setzt an der Erm\u00f6glichung von solchen Kooperationsr\u00e4umen an, in denen gemeinsam ausgehend vom Willen der Menschen im Sozialraum L\u00f6sungen f\u00fcr ein \u201egutes Lebens\u201c gesucht werden. Relationales Verwobensein bedeutet dann konkret, dass sich im Sozialraum Caritas, Diakonie, Kommunen, Vereine, Initiativen, Banken, Kirchen u. a. vernetzen, wom\u00f6glich ein Sozialraumteam bilden und gemeinsam Verantwortung f\u00fcr ein gutes Zusammenleben im Quartier, Dorf oder eben Sozialraum \u00fcbernehmen. Dazu braucht es die Bildung von Teams, die wiederum Begegnungs- und Beziehungsr\u00e4ume er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Haltung eines kenotischen Daseins, die in Kapitel zwei beschrieben wurde, qualifiziert die angesprochenen Begegnungen und Kooperationen als freigebende Netzwerke. Diese Haltung findet sich im Modus der Gastlichkeit. Eine freigebende oder bedingungsarme Gastlichkeit geht sogar in das Risiko, dass sich die Rollen zwischen Gastgeber und Gast vertauschen. In diesem freigebenden Dasein der Gastlichkeit liegt die Chance, dass man beim Essen gut reden, dass man dabei gute Pl\u00e4ne schmieden und sich angenommen f\u00fchlen kann. Gastlichkeit macht in der Transformation Mut und l\u00e4sst hoffen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In einem Transformationsansatz, der menschliche Existenz als kenotisches Dasein entdeckt, das sich in der Verwobenheit eines Netzes realisiert, liegen einige Chancen und aktuelle Potenziale. Ein freigebendes Dasein entgrenzt eine verengte kapitalistische und neoliberale Logik, da es zun\u00e4chst in Vorleistung geht, als absichtsarmes Geben, und nicht nutzenorientiert ausgerichtet ist. Es \u00f6ffnet dar\u00fcber hinaus f\u00fcr Begegnungs- und Beziehungsr\u00e4ume der Menschlichkeit und \u00fcbernimmt f\u00fcr das gef\u00e4hrdete Gemeinwohl Verantwortung unter bedingungsarmen Voraussetzungen. Nutzenarmes und absichtsarmes Dasein, das in eine relationale Vernetzung mit Menschen und Welt tritt, erm\u00f6glicht somit nicht nur Transformation, sondern ist selbst Transformation<span style=\"background-color: #d5d5d5;\">.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rettest Du noch Kirche oder gestaltest Du sie schon?\u201c Diese abgewandelte Ikea-Werbung verdeutlicht, dass viele Ans\u00e4tze von Kirchenentwicklung nach wie vor Versuche sind, die institutionalisierte Kirche zu retten. Rettungsversuche sind jedoch Ver\u00e4nderungsma\u00dfnahmen, die etwas Verlorengehendes retten oder wiederherstellen m\u00f6chten. Es sind Change-, jedoch keine Transformationsprozesse. 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