{"id":130091,"date":"2026-10-07T10:01:09","date_gmt":"2026-10-07T08:01:09","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=130091"},"modified":"2026-10-07T10:01:15","modified_gmt":"2026-10-07T08:01:15","slug":"produktive-krisen-transformationen-des-gottesdenkens-in-der-alttestamentlichen-literatur","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/produktive-krisen-transformationen-des-gottesdenkens-in-der-alttestamentlichen-literatur\/","title":{"rendered":"Produktive Krisen"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"Initiale\">R<\/span>eligionen pflegen, sich mit dem Nimbus des Ewigg\u00fcltigen zu umgeben. Wenn wir die biblischen Texte aber in der Reihenfolge ihrer Entstehung lesen, erkennen wir, dass sich ihr Gottesdenken im Laufe von Jahrhunderten deutlich ver\u00e4ndert hat. Dabei zeigt sich im R\u00fcckblick, dass vor allem Krisenzeiten besonders kreativ waren, denn sie f\u00fchrten immer wieder zu weichenstellenden Transformationen der Theologie.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Israel, sein Gott und seine G\u00f6ttin<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">W\u00e4hrend der Sp\u00e4ten Bronzezeit (um 1550\u20131130 v. Chr.) wurde die n\u00f6rdliche Levante von den Hethitern und die s\u00fcdliche Levante von \u00c4gypten beherrscht. In der n\u00f6rdlichen Levante bl\u00fchte die Hafenstadt Ugarit. Keilschrifttexte, die dort seit 1927 entdeckt wurden, erlauben uns die Rekonstruktion ihres Pantheons, in dem an oberster Stelle das G\u00f6tterpaar El und Aschera stand, gefolgt vom G\u00f6tterpaar Baal und Anat sowie von weiteren G\u00f6ttinnen und G\u00f6ttern bis hinunter zu den Toteng\u00f6ttern Mot und Malik, der in der Bibel als Moloch wiederkehrt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dagegen hatten die vormals bl\u00fchenden St\u00e4dte der s\u00fcdlichen Levante, von Hazor abgesehen, keine Stadtmauern mehr und wurden von Stadtf\u00fcrsten regiert, die \u00c4gypten tributpflichtig waren und das Land ausbeuteten. Zwar haben wir aus dem S\u00fcden keine l\u00e4ngeren religi\u00f6sen Texte, aber Ortsnamen und Personennamen zeigen, dass dort offenbar dieselben G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter verehrt wurden wie im Norden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Damals war das Bergland fast menschenleer. Doch im 13. Jh. v. Chr. verlie\u00dfen immer mehr Menschen die St\u00e4dte in den Ebenen, um der Abgabenlast zu entkommen, und zogen mit ihren Schafen und Ziegen ins Bergland, wo im Laufe der Zeit eine neue und weitgehend egalit\u00e4re Gesellschaft von Kleinbauern und Kleinviehnomaden entstand. Diese trug den Namen \u201eyisra El\u201c, der bedeutet \u201ees streitet El (f\u00fcr uns)\u201c und bezeugt, dass sie El als ihren Schutzgott betrachtete.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wie aber kam dann YHWH nach Israel? Oder wie kam Israel zu YHWH? YHWH stammte aus Midian auf der Arabischen Halbinsel, der S\u00fcdspitze der Sinaihalbinsel \u00f6stlich gegen\u00fcber. Die Schnittstelle zwischen YHWH-Verehrern aus Midian und El-Verehrern aus Israel k\u00f6nnte Timna gewesen sein, ein Bergbaurevier nordwestlich von Eilat, wo Kupfer und T\u00fcrkis abgebaut und mit Eselkarawanen weitr\u00e4umig vertrieben wurde. Vermutlich sind sich dort YHWH-verehrende Midianiter und El-verehrende Israeliten begegnet und haben ihre Hauptgottheit gleichgesetzt: Unser El ist euer YHWH, und euer YHWH ist unser El. Bei dieser Gleichsetzung d\u00fcrfte YHWH auch Els Partnerin Aschera \u00fcbernommen haben, und die beiden bildeten nun ein Paar, denn 1976\/77 wurde an der antiken Karawanenstra\u00dfe von Israel und Juda nach Midian in Kuntillet Ag<span class=\"CharOverride-48\">\u02c7<\/span>r\u016bd im s\u00fcd\u00f6stlichen Negev eine Karawanenstation aus dem fr\u00fchen 8.\u00a0Jh.\u00a0v.\u00a0Chr. freigelegt, in der sich mehrere Graffiti fanden, in denen w\u00f6rtlich \u201eYHWH und (seine) Aschera\u201c um ihren Segen angerufen wurden. 1967 war in H\u02d8irbet el-Q\u014dm in der s\u00fcdlichen Schefela, westlich von Hbron, ein Felskammergrab aus dem sp\u00e4ten 8. Jh. v. Chr. mit einer Felsinschrift entdeckt worden, in der ein Beter YHWH dankt, ihn \u201edurch (seine) Aschera gerettet\u201c zu haben. Und in etlichen Grabungen in Juda kamen in gro\u00dfer Zahl Figurinen mit f\u00fclligen Br\u00fcsten zutage, die aus dem sp\u00e4ten 8. bis fr\u00fchen 6. Jh. v. Chr. stammen und vermutlich niemand anderen repr\u00e4sentieren als YHWHs Partnerin Aschera. \u2013 Polytheismus pur, von Monolatrie noch keine Spur, von Monotheismus ganz zu schweigen.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Du sollst nur einem dienen<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Um 750 v. Chr. stieg Assur zur dominierenden Gro\u00dfmacht im Vorderen Orient auf. 720 v. Chr. nahm K\u00f6nig Sargon II. das Nordreich Israel ein, und das S\u00fcdreich Juda geriet unter Druck.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Zuhause hatte Sargon II. allerdings mit einem Legitimationsproblem zu k\u00e4mpfen, denn er war illegal auf den Thron gekommen, und antwortete auf dieses Problem mit der Legende, sein sagenhafter Vorfahre Sargon I., der um 2340 v. Chr. das erste Gro\u00dfreich Mesopotamiens gegr\u00fcndet hatte, sei von illegitimer Geburt gewesen, darum von seiner Mutter in einem Binsenk\u00f6rbchen im Eufrat ausgesetzt und zu seinem Gl\u00fcck von der G\u00f6ttin Ischtar gefunden worden. So erkl\u00e4rte sich sein Aufstieg vom Findelkind zum ersten Gro\u00dfk\u00f6nig, und er segnete seinen Nachfolger, der eines fernen Tages nach ihm kommen und ebenfalls den ganzen Orient unterwerfen sollte \u2013 eine wunderbare Propagandaerz\u00e4hlung aus der Zeit jenes K\u00f6nigs, der sich selber in propagandistischer Absicht \u201eSargon II.\u201c nannte.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Milit\u00e4r und Propaganda waren indes nicht die einzigen Mittel der assyrischen Macht. Hinzu kam ein Drittes, denn die Assyrer zwangen die unterworfenen V\u00f6lker zu sogenannten \u201eBundesvertr\u00e4gen\u201c, die stets denselben Aufbau in sieben Abschnitten aufwiesen: (1) Sie begannen mit der Selbstvorstellung des Gro\u00dfk\u00f6nigs von Assur, (2) erinnerten an seine bisherigen Beziehungen und vermeintlichen Wohltaten an seinen Vasallen und (3) verpflichteten diese, nur ihn zu \u201elieben\u201c und ihm allein zu dienen. Dann folgten (4) umfangreiche Bestimmungen, was zu tun und zu lassen sei, und schlossen (5) mit der Ausrufung von Segen und Fluch f\u00fcr die Achtung oder Missachtung des Vertrages und (6) der Anrufung g\u00f6ttlicher Zeugen sowie (7) mit einer Verordnung zur Aufbewahrung der Urkunden in den Tempeln der Vasallen und ihrer regelm\u00e4\u00dfigen \u00f6ffentlichen Verlesung.<\/p>\n<p class=\"fliess\">1955 wurde in Kalchu im heutigen Irak ein solcher Vasallenvertrag von K\u00f6nig Asarhaddon entdeckt, den die F\u00fcrsten Mediens 672 v. Chr. unterzeichnen mussten. Zwei Jahre zuvor hatte Asarhaddon K\u00f6nig Manasse von Juda gezwungen, ihm einen Teil seiner Bev\u00f6lkerung als Bausklaven auszuliefern, damit sie ihm Lehmziegel zum Bau seiner Vorratsh\u00e4user f\u00fcr seine Waffen und seine Beute streichen, und wir m\u00fcssen davon ausgehen, dass Manasse 672 v. Chr. ebenfalls gen\u00f6tigt wurde, einen Vasallenvertrag zu unterzeichnen, in dem er sich verpflichten musste, den K\u00f6nig von Assur allein zu \u201elieben\u201c und ihm allein zu dienen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese Texte blieben in Jerusalem nicht ohne Antwort. Einen Aufstand zu unternehmen wie das Nordreich w\u00e4re sinnlos gewesen und h\u00e4tte den Untergang auch des S\u00fcdreiches bedeutet. Aber man lie\u00df sich das Denken nicht nehmen. Wenigstens denken konnte man noch \u2013 und schreiben: Widerstandsliteratur.<\/p>\n<p class=\"fliess\">So entstand nach dem Vorbild der Sargonlegende die in Ex\u00a02 \u00fcberlieferte Legende, Mose sei ebenfalls von seiner Mutter in einem Binsenk\u00f6rbchen ausgesetzt und zwar von keiner G\u00f6ttin, aber von der Tochter des Pharao gefunden worden und zum F\u00fchrer seines Volkes aufgestiegen, der jenen Sklaventreiber, der sein Volk als Bausklaven gen\u00f6tigt hatte, Lehmziegel zum Bau von Vorratsh\u00e4usern zu streichen, erschlug.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ebenso erfuhr der Bundesvertrag Asarhaddons eine brillante Antwort, und zwar im Buch Deuteronomium, das sowohl im Ganzen als auch in einzelnen Kapiteln die Gliederung der Bundesvertr\u00e4ge aufgreift und in der abschlie\u00dfenden Ausrufung von Segen und Fluch in Kapitel 28 sogar w\u00f6rtlich auf den Vasallenvertrag von 672 v. Chr. rekurriert, um diesem einen Gegenentwurf entgegenzustellen und zu sagen: Wir haben schon einen Bundesvertrag, und zwar mit jenem HERRN, der uns vor Zeiten aus der Sklaverei in die Freiheit gef\u00fchrt hat; ihn allein werden wir \u201elieben\u201c und ihm allein werden wir dienen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Folglich m\u00fcssen wir auch das Buch Deuteronomium als Widerstandsliteratur gebildeter Kreise in Jerusalem interpretieren, in dem einmal durchdacht und ausformuliert werden sollte, was es hei\u00dfen m\u00fcsste, nicht nach den Befehlen des K\u00f6nigs von Assur zu handeln, sondern das zu tun, was dem Willen jenes Gottes entspricht, der Israel in die Freiheit gef\u00fchrt hatte.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dann ist die Moseerz\u00e4hlung keine Legende aus grauer Vorzeit und das Buch Deuteronomium keine Erinnerung an einen Bund, den YHWH vor Jahrhunderten mit seinem Volk am Sinai geschlossen h\u00e4tte, sondern beide sind fiktionale Literatur, und die Rede vom \u201eBund\u201c Gottes mit seinem Volk erscheint in einem neuen Licht: als eine \u00e4u\u00dferst kreative theologische Antwort auf eine existentielle politische Krise, so dass wir zuspitzend formulieren k\u00f6nnen: Ohne die neuassyrische Krise g\u00e4be es keine Monolatrie, keinen Mose im Binsenk\u00f6rbchen, keinen \u201eBund\u201c zwischen YHWH und seinem Volk und keine \u201eLiebe\u201c zwischen YHWH und jenen, die ihm folgen.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Es gibt nur einen<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Um 640 v. Chr. begann das assyrische Reich, langsam zu kollabieren. 612 v. Chr. eroberten und zerst\u00f6rten babylonische und medische Truppen gemeinsam Ninive, seine letzte Hauptstadt. Jerusalem atmete auf, und die Freude war gro\u00df \u2013 aber sie kam zu fr\u00fch, denn die Babylonier blieben nicht in Ninive stehen. Vielmehr stie\u00df der junge K\u00f6nig Nebukadnezzar II. 605 v. Chr. in die n\u00f6rdliche Levante und 604 v. Chr. die s\u00fcdliche Levante vor.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Jeremia warnte in Jerusalem vor einem Aufstand gegen die neue Gro\u00dfmacht, doch seine Appelle verhallten. Jerusalem wagte den Aufstand und wurde 597 v. Chr. erobert. Zwar wurde die Stadt noch nicht zerst\u00f6rt, aber ihre Oberschicht nach Babylonien deportiert.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Von dort aus warnte einer der Deportierten, Ezechiel, Jerusalem vor einem zweiten Aufstand. Er erz\u00e4hlt in Ez\u00a08\u201311 von seiner ersten Tempelvision, er sei in Babylon eines Nachts am Schopf gepackt und nach Jerusalem getragen und dort gen\u00f6tigt worden, die Frevel seines Volkes zu sehen und zu schauen, wie YHWH seinen Tempel verl\u00e4sst und auf dem \u00d6lberg im Osten Aufstellung nimmt, um seine Stadt dem Untergang preiszugeben.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das von Ezechiel angesagte Unheil traf ein: Jerusalem unternahm einen zweiten Aufstand, und Nebukadnezzar nahm die Stadt 587 v. Chr. zum zweiten Mal ein, kannte nun aber keine Verschonung mehr, sondern zerst\u00f6rte sie und deportierte zum zweiten Mal die f\u00fchrende Schicht nach Babylon.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Und Ezechiel? Er h\u00e4tte mit seinen Unheilsworten fortfahren k\u00f6nnen, wiederholte sie aber nicht und \u00e4u\u00dferte auch keine H\u00e4me. Stattdessen zog er aus der Katastrophe die Konsequenzen, vollzog am tiefsten Punkt der Geschichte die Wende, mutierte vom Unheilsprophet zum Heilspropheten und erz\u00e4hlte in Ez 40\u201347 von einer zweiten Tempelvision: Er sei 574 v. Chr. erneut nach Jerusalem gebracht worden, das damals nur noch ein Schutthaufen war, und habe dort eine neue, ideale quadratische Stadt geschaut und gesehen, wie die Herrlichkeit YHWHs von Osten nach Westen in einen neuen Tempel zur\u00fcckkehrte, um in ihm Wohnung zu nehmen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Kein Reich w\u00e4hrt ewig, und so waren auch Babylons Tage gez\u00e4hlt, denn am s\u00fcd\u00f6stlichen Horizont stieg im persischen Reich K\u00f6nig Kyros II. auf und eroberte im Sturm nicht nur das medische Reich, sondern auch das lydische Reich bis zur \u00c4g\u00e4is. K\u00f6nig Nabonid von Babylon verschlief die Situation, w\u00e4hrend sein Volk schon auf Kyros setzte und hoffte, dass er in Babylon einziehen und Nabonid vom Thron sto\u00dfen werde. Schlie\u00dflich lief ein Teil der babylonischen Truppen zu Kyros \u00fcber, die Bev\u00f6lkerung der Stadt \u00f6ffnete ihm im Herbst 539 v. Chr. die Tore und hie\u00df ihn als Befreier willkommen. Kyros f\u00fchrte seinen fulminanten Sieg auf einem Keilschriftzylinder, der 1879 in Babylon gefunden wurde, auf seine g\u00f6ttliche Berufung durch Marduk, den Stadtgott von Babylon, zur\u00fcck. Dieser habe das Elend seines Volkes in Babylon gesehen, nach einem Erl\u00f6ser gesucht, ihn in Persien gefunden und nach Babylon gef\u00fchrt, um ihm die Herrschaft zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wer war dieser Gott Marduk? Im mesopotamischen Pantheon hatte er lange nur eine untergeordnete Rolle gespielt, doch als Babylon zur Weltmacht aufstieg, gelang auch ihm ein erstaunlicher Aufstieg. Das babylonische Sch\u00f6pfungsepos <span class=\"CharOverride-7\">Enuma elisch<\/span> erz\u00e4hlt, die Welt sei vor Zeiten fast im Chaos versunken, doch Marduk habe sie gerettet. Darum k\u00fcrten ihn die G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter schlie\u00dflich zu ihrem K\u00f6nig und sprachen: \u201eAuch wenn die Menschen uneins sind, was (die Benennung der) G\u00f6tter angeht, bei welchem Namen auch immer wir (= die G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter) ihn (= Marduk) nennen, f\u00fcr uns sei nur er unser Gott!\u201c Anschlie\u00dfend \u00fcbertrugen sie auf ihn in einer langen Litanei die Namen der 50 wichtigsten G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter, womit diese nur noch als unterschiedliche Erscheinungsformen Marduks betrachtet wurden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Und eine weitere Litanei, die zum Abschluss des babylonischen Neujahrsfestes gebetet wurde, rief ebenfalls alle G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter Babyloniens an, betrachtete sie ebenfalls nur noch als unterschiedliche Gesichter Marduks und m\u00fcndete in die rhetorische Frage: \u201eGibt es \u00fcberhaupt einen Herrn au\u00dfer ihm?\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Damit n\u00e4herte sich die Gottesverehrung in Babylon dem Monotheismus \u2013 eine theologische Herausforderung f\u00fcr die jud\u00e4ischen Deportierten, die ihren Gott YHWH verehrten: Sollte YHWH ebenfalls nur eine der vielen Masken des babylonischen Gottes Marduk sein?<\/p>\n<p class=\"fliess\">Einer der bedeutendsten theologischen K\u00f6pfe unter den jud\u00e4ischen Deportierten war ein anonymer Prophet, dessen Spr\u00fcche in Jes 40\u201355 \u00fcberliefert sind, weshalb er in der exegetischen Forschung seit 1892 als \u201eDeuterojesaja\u201c bezeichnet wird.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Er leistete in dieser Krise eine der wichtigsten theologischen Transformationen, denn er lie\u00df in Jes 44,24\u201345,7 verk\u00fcnden, dass (nicht Marduk, sondern) YHWH den persischen K\u00f6nig Kyros zum Messias berufen habe, eine Antwort auf die Herrschaftspropaganda des Kyros-Zylinders, dessen Formulierungen teilweise w\u00f6rtlich aufgenommen und umgedreht wurden, und vollzog in diesem Kontext erstmals den Schritt, YHWH zum einzigen Gott schlechthin zu erkl\u00e4ren, den revolution\u00e4ren \u00dcbergang vom \u00adPolytheismus zum Monotheismus, dessen Geburt sich somit \u00fcberraschend pr\u00e4zis auf den Herbst 539 v. Chr. datieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"fliess\">So erweist sich die Krise dieses Jahres als Sprungbrett f\u00fcr einen der gr\u00f6\u00dften religionsgeschichtlichen Schritte der Menschheit, doch war die Geschichte damit noch nicht zu Ende, denn Deuterojesaja war zwar theologisch innovativ, hatte seine theologischen Innovationen aber nicht immer in allen Konsequenzen durchgedacht.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Daf\u00fcr haben andere Autorinnen und Autoren mit Deuterojesaja \u00fcber Deuterojesaja hinaus weitergedacht, zum Beispiel die Autorinnen und Autoren der sogenannten \u201ePriesterschrift\u201c, die unmittelbar nach Deuterojesaja, aber noch vor 520\u00a0v.\u00a0Chr. geschrieben wurde und bei ihrer Wiederentdeckung im 19. Jh. v\u00f6llig zu Unrecht Priestern zugeschrieben wurde.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese bezeichnet Gott in der Urgeschichte, die sich auf die Ahnen der ganzen Menschheit bezieht, als \u201eElohim\u201c \u2013 als \u201eGott\u201c ohne Namen, in den Erzelternerz\u00e4hlungen hingegen, die sich nicht nur auf die Ahnen Israels, sondern auch auf die arabischen V\u00f6lker beziehen, als \u201eEl Schadday\u201c, was die Einheits\u00fcbersetzung provisorisch als \u201eGott der Allm\u00e4chtige\u201c wiedergibt, und nur in der Moseerz\u00e4hlung, die sich allein auf Israels Ahnen bezieht, offenbart er am brennenden Dornbusch seinen Namen \u201eYHWH\u201c, was erkl\u00e4rt, warum nur Israel die eine einzige Gottheit, die die Welt erschaffen hat, als \u201eYHWH\u201c anzurufen pflegt und zugleich offen l\u00e4sst, unter welchen Namen sie sich anderen V\u00f6lkern \u2013 vielleicht als Marduk oder als Ischtar, als Zeus oder als Venus \u2013 offenbart haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Eine Gottheit f\u00fcr alle<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Seit 333 v. Chr. eroberte Alexander der Gro\u00dfe den Vorderen Orient, und sein Kriegszug sowie die Diadochenk\u00e4mpfe nach seinem Tod vermittelten den betroffenen V\u00f6lkern den Eindruck, das Ende der Welt sei gekommen \u2013 oder zumindest das Ende jener Welt, wie sie sie kannten.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Woran sollten sie sich in dieser Krise halten? Woran sich orientieren? An den Unheilsansagen der fr\u00fchen Propheten wie Amos, Hosea, Micha, Jesaja, Jeremia und den fr\u00fchen Worten Ezechiels? Oder an den Heilsansagen der sp\u00e4ten Verk\u00fcndigung Ezechiels, Deuterojesajas, Haggais oder Sacharjas?<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dabei musste man sich \u2013 zumindest nach Meinung gewisser Redaktoren \u2013 nicht zwischen beiden Optionen entscheiden. Vielmehr hielten sie an beiden fest. Schlie\u00dflich war das gegenw\u00e4rtige Unheil nicht zu bestreiten. Andererseits gaben sie ihre Hoffnung auf Heil nicht auf, sondern verbanden die Unheilsansagen des historischen Jesaja mit den Heilsansagen Deuterojesajas zu einem Doppelwerk, um in ihm den Weg vom gegenw\u00e4rtigen Unheil zum ausstehenden Heil in Worte zu fassen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Allerdings stellte sich dabei die Frage, wem das erwartete Heil zukommen werde. W\u00e4hrend die erste Redaktion dieses Doppelwerkes die Grenze zwischen Heil und Unheil zwischen Israel und den anderen V\u00f6lkern ansetzte, kalkulierte die zweite Redaktion ein, dass es auch in Israel Gerechte und Frevler gebe und das Gericht auch innerhalb Israels zwischen Gerechten und Frevlern zu scheiden habe, was die dritte und letzte Redaktion schlie\u00dfen lie\u00df, dass dasselbe auch f\u00fcr die V\u00f6lker gelte, weshalb die Zugeh\u00f6rigkeit zu Israel nicht mehr als heilsrelevant gelten k\u00f6nne, sondern allein das Verhalten der Einzelnen z\u00e4hle.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ein sehr sp\u00e4ter Zusatz zum Buch Jesaja bringt diese Transformation des Gottesdenkens auf den Punkt und l\u00e4sst Gott in Kapitel 19,25 sagen: \u201eGesegnet ist mein Volk, \u00c4gypten, und das Werk meiner H\u00e4nde, Assur, und mein Erbbesitz, Israel!\u201c Und der \u00e4hnlich sp\u00e4te redaktionelle Abschluss des Buches Amos formuliert in Kapitel 9,7: \u201eSeid ihr f\u00fcr mich denn mehr als die Kuschiter (= Sudan), ihr Israeliten? \u2013 Spruch des HERRN \u2013 Wohl habe ich Israel aus \u00c4gypten heraufgef\u00fchrt, aber ebenso die Philister aus Kaftor (= Kreta) \/ und die Aram\u00e4er aus Kir (= am mittleren Euphrat)\u201c, womit auch das letzte Alleinstellungsmerkmal Israels aufgegeben ist.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Darum l\u00e4sst sich wiederum etwas zuspitzend formulieren: Ohne die fr\u00fchhellenistische Krise g\u00e4be es kein J\u00fcngstes Gericht, nur ein einziges Gottesvolk und keine Chance f\u00fcr alle Menschen zum Heil.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Was bleibt<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Offenkundig ist das biblische Gottesdenken nicht zeitlos, sondern in Auseinandersetzung mit Krisen entstanden. Zwar pflegen sich Religionen mit dem Nimbus des Ewigg\u00fcltigen zu umgeben, doch h\u00e4lt dieses Selbstbild der historischen Analyse nicht stand. Aber es basiert nicht auf Betrug, sondern erkl\u00e4rt sich aus der Funktion mythisch-religi\u00f6ser Symbolsysteme, das festzuhalten, was einer Symbolgemeinschaft als unbedingt g\u00fcltig gelten soll.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Zwar kann das Erkennen der ausgeblendeten Metamorphosen zur historischen Relativierung des Unbedingten f\u00fchren, doch unterscheidet sich reifes religi\u00f6ses Denken nach Ernst Cassirer vom rein mythischen Denken dadurch, dass es sich selbst durchschaut und \u00fcber sich selbst zu reflektieren versteht. Dann kann es auch realisieren, dass Krisen das Potential zu fruchtbaren weichenstellenden Transformationen religi\u00f6ser Symbolsysteme in sich tragen, auf die wir uns gelassen einlassen k\u00f6nnen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Religionen pflegen, sich mit dem Nimbus des Ewigg\u00fcltigen zu umgeben. Wenn wir die biblischen Texte aber in der Reihenfolge ihrer Entstehung lesen, erkennen wir, dass sich ihr Gottesdenken im Laufe von Jahrhunderten deutlich ver\u00e4ndert hat. 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