{"id":130093,"date":"2026-10-07T10:05:01","date_gmt":"2026-10-07T08:05:01","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=130093"},"modified":"2026-10-07T10:05:06","modified_gmt":"2026-10-07T08:05:06","slug":"handlungsfaehig-werden-transformationspotentiale-neutestamentlicher-literatur","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/handlungsfaehig-werden-transformationspotentiale-neutestamentlicher-literatur\/","title":{"rendered":"Handlungsf\u00e4hig werden"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"Initiale\">D<\/span>er Beitrag von Klaus Bieberstein zeigt, wie viele ersttestamentliche Texte in Krisenzeiten oder in Auseinandersetzung mit Katastrophen entstanden sind und welch unterschiedliche Wege gefunden wurden, um mit den Herausforderungen umzugehen und Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Auch wenn es neben den Krisenzeiten \u2013 das soll keinesfalls verschwiegen werden \u2013 auch viele Zeiten der Bl\u00fcte gab: Im R\u00fcckblick zeigt sich, wie gerade die schwierigen Zeiten theologisch produktiv wurden. Angesichts erlittener oder bef\u00fcrchteter Katastrophen, Krisen und Zumutungen erz\u00e4hlten die biblischen Autor:innen die eigenen Traditionen neu in die ver\u00e4nderten Kontexte hinein. Sie versuchten angesichts der Krise nicht, alte Gewissheiten unver\u00e4ndert wiederherzustellen, sondern wurden theologisch innovativ und entwickelten neue, tragf\u00e4hige Konzepte, erz\u00e4hlten Gegengeschichten gegen Bedrohungen, \u00fcberm\u00e4chtige Propaganda und herrschende Diskurse, ver\u00e4nderten das eigene Selbstverst\u00e4ndnis und entwarfen inmitten von Tr\u00fcmmern Zuk\u00fcnfte. \u00c4hnliches l\u00e4sst sich auch im Neuen Testament beobachten. Zun\u00e4chst soll aber noch ein anderer Aspekt bedacht werden.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Schmerz \u2013 Trauer \u2013 Klage<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Krieg, Gewalt, Zerst\u00f6rung bis hin zum drohenden Abbruch der eigenen Geschichte finden in biblischen Texten ein Echo in Form von Verzweiflung, Trauer und Klagen. Eindr\u00fccklich bringen die individuellen und kollektiven Klagepsalmen solche schmerzvollen Aspekte menschlichen Lebens und der Geschichte ins Wort, und angesichts der Zerst\u00f6rung Jerusalems durch die babylonischen Truppen 587\u00a0v. Chr. betrauert das Buch der Klagelieder das Schicksal der Stadt und ihrer Bewohner:innen. Neben Trauer und Klage finden sich in diesem Buch auch Anklagen gegen\u00fcber dem eigenen, kollektiven Versagen (z.\u00a0B. Klgl\u00a01,8) und sogar gegen\u00fcber Gott (Klgl 1,12.14; 2,20). Noch deutlicher wird die Anklage Gottes im Buch Ijob, dessen Protagonist angesichts des Zerbrechens seines Lebens und des Verlustes aller Verl\u00e4sslichkeiten formuliert, die Erde sei in die Hand eines Frevlers gegeben (Ijob 9,24). Wenn es so ist, gibt es keinen Orientierungsrahmen mehr, der Tun-Ergehen-Zusammenhang geht nicht auf, die Welt ist nicht lesbar. Dann kann man nicht sinnvoll handeln und nicht sinnvoll leben.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Trauer, Klage, Anklage oder auch das Gef\u00fchl ohnm\u00e4chtigen Ausgeliefertseins finden ein ersch\u00fctterndes Echo in den Texten. Das gilt es wahrzunehmen, auszuhalten und zu w\u00fcrdigen. Die Notwendigkeit von Trauer und Klage und die Kraft, die daraus erwachsen kann, soll im Folgenden anhand neutestamentlicher Spuren weiterverfolgt werden.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Die Krise des Karfreitags<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Dramatischer als der Tod Jesu am Karfreitag ist Disruption kaum vorstellbar. Die Evangelien, als erstes das Markusevangelium, zeigen in dieser Situation Frauen, die dableiben und standhalten, die nicht ausweichen oder fliehen, sondern sich dem Tod, der Zerst\u00f6rung und dem Schmerz aussetzen (Mk 15,40f.). Die Erz\u00e4hlung zeigt im Folgenden die Frauen, wie sie Schritt f\u00fcr Schritt mitgehen: vom Kreuz zum Ort des Begr\u00e4bnisses (Mk 15,47) und nach einer Ruhepause erneut zum Grab (Mk 16,1\u20138).<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese Frauen lassen sich als Traumatisierte wahrnehmen. Zwar thematisiert die Erz\u00e4hlung weder ihren Schock noch ihren Schmerz noch ihre Trauer noch irgendwelche anderen Gef\u00fchle; doch zeigt sie die Frauen, die das Furchtbare mitansehen, verletzlich in ihrer Treue zu ihrem Freund und Lehrer \u2013 und verletzt angesichts der Brutalit\u00e4t des Geschehens.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Posttraumata- und Resilienzforschung zeigt, wie wichtig es ist, dass Menschen die Realit\u00e4t nicht verdr\u00e4ngen und sich etwas vormachen, sondern sie ehrlich wahrnehmen, anerkennen und annehmen. Aus der aktiven Auseinandersetzung mit Verletzungen und Traumata k\u00f6nnen Heilungs-, Reifungs- und St\u00e4rkungsprozesse entstehen. Gegen\u00fcber dem immer noch verbreiteten Ideal der Unverletzlichkeit und dem Verdr\u00e4ngen von Leid und Tod ist dies ein deutlicher Gegenakzent.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Auch die Frauen in der Erz\u00e4hlung des Markusevangeliums bleiben angesichts des furchtbaren Geschehens anwesend. Indem sie den grausamen Tod ihres Freundes und die Bestattung beobachten, nehmen sie die brutale Realit\u00e4t dieses Todes ernst. Sie tun das, was ihnen angesichts dieses Todes m\u00f6glich ist, auch und gerade dann, wenn sie sich fr\u00fch am Morgen aufmachen, um ihrem Freund eine letzte Ehre zu erweisen und ihn zu salben. Mit diesen ber\u00fchrenden Zeichen der Treue und Zuneigung inmitten der Gewalt gewinnen sie ihre Handlungsf\u00e4higkeit zur\u00fcck \u2013 auch dies eine wichtige Ressource f\u00fcr Resilienz.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Erz\u00e4hlung nimmt eine \u00fcberraschende Wendung, wenn die Frauen vom Gottesboten im Grab h\u00f6ren, dass Jesus auferweckt worden sei. Sie w\u00fcrden ihn in Galil\u00e4a sehen, das sollten sie den anderen sagen (Mk\u00a016,6f.). Hierin leuchtet eine weitere Ressource f\u00fcr Resilienz auf: Hoffnung. Allerdings scheint dies vor allem eine Botschaft an die Lesenden zu sein; denn die Frauen, \u201eau\u00dfer sich\u201c von der Begegnung mit dem G\u00f6ttlichen \u2013 der Text nennt es <span class=\"Minion-Italic\">ekstasis <\/span>\u2013, verk\u00fcnden die Hoffnungsbotschaft nicht, sondern schweigen. Offenbar gibt es noch keine Worte f\u00fcr das Unsagbare. Der Wandel von der Trauer hin zum Neuen, zur Hoffnung, zur Zukunft, braucht Zeit. Und auch bis Worte f\u00fcr das Neue gefunden werden, braucht es Zeit.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Durch diesen offenen Schluss kommen die Lesenden und H\u00f6renden ins Spiel: Wenn die Frauen nichts sagen, ist es an ihnen, den Lesenden und H\u00f6renden, die Botschaft weiterzutragen. Die Hoffnung, die f\u00fcr die Frauen noch zu gro\u00df ist, kann ihnen den Weg weisen. Wer hofft, f\u00fchlt sich Herausforderungen und Umbr\u00fcchen nicht ohnm\u00e4chtig ausgeliefert, sondern kann Handlungsperspektiven erkennen und den Weg weitergehen.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Die Zwischenzeit des Karsamstags<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Mit Transformationsprozessen ist also grundlegend auch Trauer \u00fcber das, was nicht mehr ist, verbunden. Denn zur Trauer geh\u00f6rt es, die schmerzhafte, schwierige, herausfordernde Realit\u00e4t anzuerkennen, anzunehmen und auch das Scheitern ernst zu nehmen. So kann mit dem Sozialethiker Martin Schneider vom Trauern sogar als \u201etransformativer Krisenbew\u00e4ltigung\u201c gesprochen werden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Evangelientexte lassen zwischen der Katastrophe des Karfreitags und der Auferweckungsbotschaft am Ostermorgen einen Zwischenraum: den Karsamstag. Er ist gewisserma\u00dfen eine Leerstelle nach dem Scheitern der Hoffnungen, Vorstellungen und Erwartungen, nach Martin Kirschner \u201eeine Erfahrung der Leere, des Entzugs, des Vermissens\u201c (Kirschner: <span class=\"CharOverride-7\">Lebendige Seelsorge<\/span> 73, 2022, 389), die es auszuhalten gilt. Genau hier aber liegt nach Kirschner der Ursprung des christlichen Glaubens, zutiefst verbunden mit einer Hoffnung, die, mit Paulus gesprochen, noch nicht zu sehen ist (R\u00f6m 8,24\u201326). So kann aus dieser Erfahrung des Nullpunkts heraus der Wandel entstehen, f\u00fcr den sodann die anschlie\u00dfenden Ostererz\u00e4hlungen tastend eine Spur suchen: \u201eIm Umgang mit dieser Leerstelle, in den Wendungen der Maria von Magdala auf der Suche nach dem Geliebten, im Wettlauf des Lieblingsj\u00fcngers und des Petrus zum Grab, im Zweifeln des Thomas, der an Auferstehung nur glauben kann, wenn er die Wunden des Auferstandenen sp\u00fcrt, die ihn als den Gekreuzigten ausweisen, vollzieht sich in den Narrativen der Schrift eine Auseinandersetzung mit dem Nullpunkt, die ihn zu einem neuen Anfang werden lassen.\u201c (Kirschner: <span class=\"CharOverride-7\">Lebendige Seelsorge 73<\/span>, 2022, 390f.)<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der Schluss des Markusevangeliums zeigt die Frauen, wie sie nach dem Schock wieder handlungsf\u00e4hig werden und erste Schritte gehen. Doch die Erz\u00e4hlung endet offen. Wie daraus ein Neuanfang und eine tragf\u00e4hige Perspektive f\u00fcr das Leben entstehen k\u00f6nnen, bleibt der Verantwortung der Lesenden \u00fcberlassen, die ihren Weg in ihr eigenes Galil\u00e4a selbst gehen m\u00fcssen.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Menschen \u00fcbernehmen Verantwortung<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Nicht allein literarisch betrachtet, sondern auch historisch gesehen bildete der Karfreitag nicht den Endpunkt. Denn es gab Menschen, die die Botschaft weitertrugen: in neuer, ver\u00e4nderter Form, in einer Weise, dass der Tod Jesu nicht als Falsifikation der Botschaft verstanden wurde, sondern eine zentrale Bedeutung erhielt. Das bedeutet eine grundlegende Transformation der Botschaft selbst: Aus Jesu Botschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft, der <span class=\"Minion-Italic\">basileia tou theou<\/span>, wurde die Botschaft vom Gekreuzigten und von Gott Auferweckten. Die Gottesherrschaft blieb zwar weiterhin Teil der Botschaft; doch ist es gelungen, sie mit dem Tod Jesu zusammenzudenken. Die Ostererscheinungen konnten als Beginn der von Jesus verhei\u00dfenen endzeitlichen Wende interpretiert werden \u2013 eine theologisch innovative und weichenstellende Leistung!<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese Botschaft verbreitete sich mit ungeheurer Geschwindigkeit um den gesamten Mittelmeerraum und bald auch dar\u00fcber hinaus. Entscheidend daf\u00fcr waren Menschen, die Verantwortung \u00fcbernahmen. Dies scheint mir ein Charakteristikum der Jesusbewegung zu sein: Die Menschen, die Jesus gefolgt waren und sein Leben geteilt hatten, wussten sich von Jesus selbst mit Vollmacht ausgestattet und zur Verantwortungs\u00fcbernahme bef\u00e4higt. Denn Jesus verstand seine Sendung und seinen Auftrag nicht exklusiv, sondern teilte sie mit den Nachfolger:innen und lie\u00df sie an seiner Vollmacht und seinem Charisma partizipieren. Diese \u201eCharismateilhabe\u201c (Gerd Thei\u00dfen) ist besonders deutlich in den Aussendungsreden zu greifen (vgl. Mk 3,13\u201319; Mt 10,1\u201315; Lk 9,1\u20136; 10,1\u201312; Lk 10,1\u201312). Auch band Jesus die von ihm verk\u00fcndete Gottesherrschaft nicht exklusiv an seine Person, sondern verankerte sie in verschiedenen Kollektiven, die als Tr\u00e4ger und Repr\u00e4sentantinnen der K\u00f6nigsherrschaft Gottes angesprochen werden: die Armen (Mt 5,3), Kinder (Mk 10,14), J\u00fcnger:innen (Lk 12,32; Mk 4,12; Lk 17,20f) oder auch das Volk (Mt 8,11). Jesus ging so weit, dass er sogar Messiaserwartungen, die an ihn herangetragen wurden, auf die gesamte Gruppe der J\u00fcnger:innen \u00fcbertrug \u2013 ein Ph\u00e4nomen, das von Gerd Thei\u00dfen als Gruppenmessianismus bezeichnet wurde (vgl. Mt 19,28\/\/Lk 22,28, vgl. PsSal 17,26).<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese Bef\u00e4higung Vieler ist m.\u00a0E. ein wesentlicher Grund daf\u00fcr, dass die Jesusgruppe in der Lage war, den Tod Jesu zu \u00fcberstehen und tragf\u00e4hige Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Die messianische Aufgabe, die von Jesus in die H\u00e4nde der Gruppe gelegt worden war, konnte von dieser Gruppe weitergetragen werden: eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr das Entstehen von \u201eKirche\u201c.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Ja, auch und gerade Frauen!<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Dass zu diesen eigenverantwortlich handelnden Menschen auch Frauen geh\u00f6rten, wurde bereits deutlich. Gerade in der br\u00fcchigen \u00dcbergangszeit zwischen Karfreitag und Ostern zeigen alle Evangelien Frauen, die in der genannten Weise Verantwortung \u00fcbernehmen. Es sind die J\u00fcngerinnen und allen voran Maria aus Magdala, die gegen den Abbruch der Geschichte nicht nur den Faden der Kontinuit\u00e4t weiterspinnen, sondern dar\u00fcber hinaus das Unerwartete und Unvorstellbare erfahren und verk\u00fcnden: Dass der Gekreuzigte nicht im Tod geblieben ist, sondern von Gott auferweckt wurde. Ein grundlegenderer Wandel ist kaum vorstellbar.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Gegengeschichten gegen die Gewalt des Imperiums<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Diese umwerfende Botschaft von der Auferweckung des Gekreuzigten galt es in einem Kontext zu erz\u00e4hlen, in dem diejenigen, die den Auferweckten ans Kreuz gebracht hatten \u2013 die r\u00f6mische Besatzungsmacht unter Pontius Pilatus \u2013 nicht nur nach wie vor an der Macht waren, sondern in den Jahren 66\u201370 (73) einen bewaffneten j\u00fcdischen Aufstand in Galil\u00e4a, Samaria und Jud\u00e4a blutig niedergeschlagen, Jerusalem und den Tempel zerst\u00f6rt und ein Massaker an der Bev\u00f6lkerung ver\u00fcbt hatte. Was konnte nach einer solchen Katastrophe ein Evangelium sein? Und wer der Sohn Gottes?<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das Markusevangelium erz\u00e4hlt seine Jesusgeschichte wahrscheinlich kurz nach dem Jahr 70 in \u00adRom, der Hauptstadt des Imperium Romanum. Dem Werk ist zu entnehmen, dass die Gemeinde vom Sieg der r\u00f6mischen Truppen unter dem Feldherrn und sp\u00e4teren Kaiser Vespasian und seinem Sohn Titus \u00fcber den j\u00fcdischen Aufstand geh\u00f6rt haben musste. Auch der Triumphzug des Titus durch Rom mit zahllosen j\u00fcdischen Gefangenen und Beutest\u00fccken aus dem Jerusalemer Tempel musste den Angeh\u00f6rigen der markinischen Gemeinde noch schmerzvoll vor Augen stehen. Aber anders als es in r\u00f6mischer Propaganda zu h\u00f6ren war, wird im Markusevangelium nicht dieser milit\u00e4rische Sieg r\u00f6mischer Truppen \u201eEvangelium\u201c genannt, sondern die Botschaft von jenem Jesus aus Nazaret, der von r\u00f6mischen Soldaten unter Pontius Pilatus als Aufst\u00e4ndischer am Kreuz hingerichtet worden war: \u201eAnfang des Evangeliums von Jesus, dem Christus, Sohn Gottes \u2026\u201c (Mk\u00a01,1). Und \u201eSohn (eines) Gottes\u201c ist nicht der r\u00f6mische Kaiser, wie dies seit Augustus mit dem Titel <span class=\"Minion-Italic\">Divi Filius <\/span>von den Kaisern beansprucht worden war, sondern (ausgerechnet) der (von der r\u00f6mischen Besatzungsmacht) Gekreuzigte und von Gott Auferweckte. Und sicher nicht zuf\u00e4llig ruft nach Darstellung des Markusevangeliums ausgerechnet ein r\u00f6mischer Hauptmann angesichts des Todes Jesu aus: \u201eWahrlich, dieser war Gottes Sohn!\u201c (Mk 15,39)<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das Markusevangelium erz\u00e4hlt seine Jesusgeschichte in intensiver Auseinandersetzung mit dem Aufstieg Vespasians zum Kaiser, bei den Heilungserz\u00e4hlungen ebenso wie beim Weg Jesu von Caesarea Phi\u00adlippi nach Jerusalem, bei den Passionserz\u00e4hlungen ebenso wie bei der Auffindung des leeren Grabes. Die Jesusgeschichte wird also mit entsprechenden Akzentsetzungen in die eigene Zeit hinein neu erz\u00e4hlt. Dabei geht es nicht um Verdr\u00e4ngung, \u201ealternative Fakten\u201c oder \u00e4hnliches. Vielmehr geht es darum, angesichts \u00fcberm\u00e4chtiger Gewalt daran festzuhalten, dass es andere Logiken als die Logik von milit\u00e4rischer Macht, Krieg und Zerst\u00f6rung gibt. Als ein Gegenentwurf zu alldem wird die Jesusgeschichte so erz\u00e4hlt, dass Werte der neuen Welt Gottes (<span class=\"Minion-Italic\">basileia tou theou<\/span>) im Zentrum stehen.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Denkt neu!<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">In dieser Botschaft von der anbrechenden K\u00f6nigsherrschaft Gottes ist wohl der tiefste Grund daf\u00fcr zu sehen, dass die beobachteten Transformationen in dieser Weise bewerkstelligt und Zuk\u00fcnfte entworfen werden konnten, auch und gerade angesichts erfahrener Gewalt. Denn in dieser Botschaft von der neuen Welt Gottes liegt ein enormes transformatives Potential: Die historische Jesusforschung zeigt, dass Jesus \u00fcberzeugt war, dass der entscheidende Kampf zwischen Gott und den widerg\u00f6ttlichen M\u00e4chten bereits stattgefunden habe und zugunsten Gottes entschieden sei. Nun war die Gottesherrschaft dabei, sich \u00fcberall auszubreiten und sich durchzusetzen \u2013 und Jesus machte das in seiner Botschaft und seiner Praxis plausibel, erfahrbar und sp\u00fcrbar: Indem er Menschen heilte und D\u00e4monen in die Flucht schlug, indem er Menschen um sich sammelte und Feste feierte, indem er S\u00fcnden vergab und Perspektiven erm\u00f6glichte. Damit nahm er die erwartete gute Zukunft bereits in die Gegenwart hinein und zeigte, dass und wie sich hier und jetzt schon etwas ver\u00e4ndern konnte \u2013 und tats\u00e4chlich ver\u00e4nderte.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Denn wenn diese neue Zeit angebrochen ist, muss nichts bleiben, wie es ist. Neu denken, die Welt in einem neuen Licht sehen, vertrauen, neu und anders handeln \u2013 nichts anderes meinen die Worte Jesu zu Beginn des Markusevangeliums: \u201eKehrt um und glaubt an das Evangelium!\u201c (Mk 1,15) Die neue Welt Gottes gibt neue Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr das Denken ebenso wie f\u00fcr das Handeln vor. Was bislang im Zentrum stand, muss dort nicht bleiben, was oder wer am Rand stand, wird pl\u00f6tzlich wichtig. Scheinbar unumst\u00f6\u00dfliche Sachzw\u00e4nge verlieren ihre G\u00fcltigkeit. Und die Evangelien behaupten: Es ist m\u00f6glich! Jesu Taten, seine Gleichnisse, seine Ethik zeigen, wie es geht.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Transformationspotential liegt also in der Botschaft selbst<span class=\"Minion-Italic\">. <\/span>Die Paulusbriefe zeigen, wie diese Dynamik aufgenommen und weitergesponnen wurde und die Gemeinden miteinander ein neues und gerechteres Miteinander ausprobierten (Gal 3,26\u201328).<\/p>\n<p class=\"fliess\">In einer unheilen Gegenwart das Andere denken, modellhaft praktizieren und Zuk\u00fcnfte entwerfen zu k\u00f6nnen, darin liegt ein enormes Transformationspotential biblischer Literatur in Zeiten von Krisen \u2013 um durch Krisen hindurchzugehen und lebensvolle Perspektiven freizusetzen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Beitrag von Klaus Bieberstein zeigt, wie viele ersttestamentliche Texte in Krisenzeiten oder in Auseinandersetzung mit Katastrophen entstanden sind und welch unterschiedliche Wege gefunden wurden, um mit den Herausforderungen umzugehen und Zukunftsperspektiven zu entwickeln. 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