{"id":130108,"date":"2026-10-07T10:40:49","date_gmt":"2026-10-07T08:40:49","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=130108"},"modified":"2026-10-07T10:40:55","modified_gmt":"2026-10-07T08:40:55","slug":"von-angesicht-zu-angesicht-zur-theologie-von-gottfried-bachl","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/von-angesicht-zu-angesicht-zur-theologie-von-gottfried-bachl\/","title":{"rendered":"\u201eVon Angesicht zu Angesicht\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"Initiale CharOverride-41\">D<\/span>urch das Werk von Gottfried Bachl (1932\u20132020) zieht sich ein Leitmotiv. Es ist die von ihm am h\u00e4ufigsten zitierte Bibelstelle 1 Kor 13, 12: \u201eJetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur r\u00e4tselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.\u201c Man \u00fcbertreibt nicht, wenn man behauptet, dass sich Bachls gesamte Theologie und Spiritualit\u00e4t als eine Auslegung dieser Verse des Apostels Paulus begreifen l\u00e4sst. Um dieser These zustimmen zu k\u00f6nnen, lohnt bereits ein kurzes Eingehen auf die beiden zitierten S\u00e4tze. Das Erkennen, von dem hier die Rede ist, kann weder ein blo\u00dfes Betrachten noch ein mystisches Schauen sein. Das verunm\u00f6glicht schon der Kontext, in dem die Verse stehen. Wie alle wissen, lesen wir sie am Ende des sogenannten \u201eHohelieds der Liebe\u201c, zu Beginn von 1 Kor 13. Deshalb hat das Erkennen hier mit der Liebe zu tun, ganz im Sinne des biblischen Vokabulars, in dem Erkennen und Lieben Synonymes bedeuten. Nicht von ungef\u00e4hr \u201eschauen wir von Angesicht zu Angesicht. Der Akzent liegt also auf Begegnung, auf dem gegenseitigen Erblicken, dem Sich-ins-Gesicht-Schauen. In dem Blickkontakt \u201evon Angesicht zu Angesicht\u201c werde ich als Du aufgerufen \u2013 als das Du eines Ich, das im selben Augenblick zu meinem Du wird und mich meinerseits zu einem Ich macht. Mit Ich und Du ist gegenseitig ein \u201aich selbst\u2018 ber\u00fchrt und angesprochen, nicht etwa eine \u00e4u\u00dfere H\u00fclle, ein Es, eine Maske. Zu diesem gegenseitigen \u201aich selbst\u2018 geh\u00f6rt in einem elementaren Sinne Freiheit \u2013 die Freiheit, den Blick zu erwidern, dem Blick standzuhalten, den Blick zuzulassen, dem Blick Ausdruck zu geben und als Ausdruck zu nehmen; die Freiheit aber auch, die Ich und Du nicht je f\u00fcr sich besitzen, sondern zu der sie sich gegenseitig befreien, indem sie sich in ihr gegenseitig achten und respektieren; die Freiheit schlie\u00dflich, die in Form einer ethischen Forderung gilt, sie sich immer wieder neu gegenseitig einzur\u00e4umen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Vor diesem Hintergrund ist ein Bekenntnis Gottfried Bachls zu lesen, welches er als Achtzigj\u00e4hriger \u00fcber sein Leben stellt: \u201eIch habe ihn [Jesus] angesehen, und er hat mich angesehen. [\u2026] Das ist das Grundwort meines Glaubens. Wenn dort kein Gesicht, dann kein Leben, keine Welt, keine Freude, keine Hoffnung.\u201c Zurecht res\u00fcmiert Bachl damit seinen Werdegang als Priester, als Theologe, als Spiritual, als Dichter und Schriftsteller. Nicht nur wiederholt er dieses \u201eich habe ihn angesehen, und er hat mich angesehen\u201c \u00fcber Jahrzehnte \u2013 manchmal variiert in der Formulierung \u201eich sehe dich [Jesus], so wie du bist, du siehst mich\u201c \u2013, immer wieder kommt er darauf zur\u00fcck, dass Glauben hei\u00dft: einander ins Gesicht schauen, den Blick tauschen, sich gegenseitig erblicken, im \u201aAugen-Blick\u2018 sich als Du und Ich <span class=\"Minion-Italic\">vice versa<\/span> aufrufen. Deshalb \u201egibt es [f\u00fcr ihn] kein Christentum ohne Gesichter\u201c, bzw. \u201ekann sich das Christentum Gott nicht ohne Gesicht denken\u201c. Mein Du im Blick-Kontakt des Glaubens ist niemand anderer als Gott, christlich gesehen Jesus, \u201edas Gesicht Gottes selbst\u201c, sofern \u201eJesus in seinem menschlichen Leben Gott buchstabiert\u201c und umgekehrt \u201eGott sich in der gesamten Grammatik des Lebens Jesu ausdr\u00fcckt und handelt\u201c. Vor Gott stehen, \u201evon Angesicht zu Angesicht\u201c, hei\u00dft Jesus ins Gesicht schauen, seinen Blick, der jeweils mir gilt, zu erwidern, ihm standzuhalten.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Jesus Christus als Gegen\u00fcber<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">M\u00fc\u00dfig zu betonen, dass auch dieses gegenseitige Erblicken etwas zutiefst Existenzielles ist. Bachl sagt uns nicht, wie und wann ihm dieses \u201eich habe ihn angesehen, und er hat mich angesehen\u201c bewusstwurde. Es muss fr\u00fch gewesen sein, sp\u00e4testens w\u00e4hrend seiner Zeit am Collegium Germanicum-Hungaricum in Rom (1953\u20131963), als er an der Universit\u00e4t Gregoriana Theologie studierte. Denn die Dissertation zum Thema <span class=\"Minion-Italic\">Zur Auslegung der Ebedweissagung (Is 52,13\u201353,12) in der Literatur des sp\u00e4ten Judentums und im Neuen Testament<\/span> (eingereicht im Sommer 1963), die der Frage nachgeht, ob sich Jesus selbst als der leidende und s\u00fchnende Gottesknecht bei Jesaja verstanden habe, scheint mir bereits aus diesem Blickkontakt zu resultieren. Schon da wollte Bachl nicht so sehr wissen, wie die Evangelien, das Neue Testament, die Tradition, die Kirche oder sonst jemand Jesus interpretierten, auch wenn er ebendieser Interpretationen bzw. dieses \u201eSpiegels\u201c methodisch bedurfte, und kein Weg zu Jesus an ihnen vorbeif\u00fchrte, vielmehr und trotzdem zielte er auf das Selbstverst\u00e4ndnis Jesu. <span class=\"Minion-Italic\">Was sagt er von sich aus <\/span>\u00fcber sich<span class=\"Minion-Italic\">?<\/span> Nur dies und nur so fragend schien es Bachl angemessen zu sein, den Blick zu erwidern, den er auf sich gerichtet f\u00fchlte. Zu Beginn seines christologischen Hauptwerkes <span class=\"Minion-Italic\">Der schwierige Jesus<\/span> (1994) kommt er darauf zur\u00fcck und h\u00e4lt im Sinne S\u00f8ren Kierkegaards, einem seiner wichtigsten Inspiratoren, fest: \u201eEr [Jesus] ist die Gestalt, mit der man <span class=\"Minion-Italic\">sein<\/span> sollte, statt sie allein zum Denkobjekt zu machen. Die Koexistenz ist die wirklich angemessene Form des Umgangs mit ihm. [\u2026] mein <span class=\"Minion-Italic\">Reden von ihm<\/span> ist zugleich ein <span class=\"Minion-Italic\">Reden zu ihm<\/span>, wenn der Sprechakt aus dem aufrichtigen Wunsch entsteht, seine Gegenwart zu erreichen.\u201c Setzt man dazu in Beziehung, was Bachl an zentralen Stellen seines Werkes vermerkt \u2013 n\u00e4mlich: \u201eExistieren hei\u00dft gesehen werden. Alles, was ist, wird von irgendwem gesehen, weil es ist und damit es ist.\u201c, so best\u00e4tigt dies das Behauptete: Koexistenz als \u201eangemessene Form des Umgangs\u201c mit Jesus bedeutet, einander zu erblicken \u2013 von Angesicht zu Angesicht. Genau darin <span class=\"Minion-Italic\">bin<\/span> ich, <span class=\"Minion-Italic\">ist<\/span> er.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Theologie zwischen Wissenschaft, Spiritualit\u00e4t und Sprache<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Was dies f\u00fcr die Theologie besagt, liegt auf der Hand: Wenn ihr Reden <span class=\"Minion-Italic\">von<\/span> Gott zugleich ein Reden <span class=\"Minion-Italic\">zu<\/span> Gott ist, dann kann sie sich nicht darin ersch\u00f6pfen, reine Wissenschaft zu sein. Sie w\u00fcrde aus dem \u201evon Angesicht zu Angesicht\u201c ausscheren, wenn sie sich darauf beschr\u00e4nkte. Will sie dies nicht, nimmt sie das \u201evon Angesicht zu Angesicht\u201c ernst, so vermag sie nur als eine genuine Einheit von Wissenschaft und Spiritualit\u00e4t zu sein. Das wusste in aller Regel die christliche Tradition, wenn sie Theologie definierte. Bachl affirmiert es aus seinem Ansatz \u201eich habe ihn angesehen, und er hat mich angesehen\u201c heraus. Selbiges l\u00e4sst ihn zus\u00e4tzlich zum Schriftsteller und Dichter werden. Man versteht warum: Beim Einander-in-die-Augen-Schauen, beim gegenseitigen Erblicken herrscht \u2013 ph\u00e4nomenologisch betrachtet \u2013 Unmittelbarkeit. Reflexion gibt es in diesem Moment lediglich im w\u00f6rtlichen Sinne von \u201are-flectere\u2018, \u00ad<br \/>\n\u201awiedergeben\u2018. Wenn sich Blicke begegnen, geschieht eine gegenseitige Ber\u00fchrung, und die Reaktion darauf besteht nicht aus einer Zurechtlegung, Erkl\u00e4rung oder Schlussfolgerung, sondern aus Evokation und Resonanz. Naturgem\u00e4\u00df dr\u00e4ngt auch dieser \u201aEin-Druck\u2018 nach \u201aAus-Druck\u2018 \u2013 nach Sprache, besser wohl nach \u201aAn-Sprache\u2018 und \u201aEnt-Sprechung\u2018. Solch einen Ausdruck jedoch finden Kunst und Literatur eher und treffender als alles \u201aReden \u00fcber \u2026\u2018, als das gezielte Interpretieren, als jede Wissenschaft. Dank seines ihm angeborenen Talents besa\u00df Bachl daf\u00fcr ein Gesp\u00fcr, wie es nur wenigen Menschen eigen und besonders unter Theologen selten ist.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der Ansatz im \u201eich habe ihn angesehen, und er hat mich angesehen\u201c schl\u00e4gt sich jedoch nicht allein in der Form dieser Theologie nieder, sondern gleicherma\u00dfen in deren Inhalt. Erinnern wir uns: Im gegenseitigen Erblicken von Ich und Du begegnen sich \u201aich selbst\u2018 und \u201aich selbst\u2018, was besagt, dass sich Ich und Du und umgekehrt darin ansprechen bzw. aufrufen, worin jedes von beiden je zu sich selbst ist, in absoluter Einmaligkeit und Individualit\u00e4t. Dabei r\u00e4umen sie sich gegenseitig Freiheit ein. Dieses jedoch ist nicht einfach der Fall oder gar gelebte Realit\u00e4t. Vor Augen steht uns vielmehr, wie wenig selbstverst\u00e4ndlich es ist, dass das gegenseitige Erblicken in eine gegenseitige Befreiung zur Freiheit, zum jeweiligen \u201aich selbst\u2018, m\u00fcndet. Wir kennen den Grund: Beim gegenseitigen Sich-Erblicken werden unsere Blicke nicht nur aufgefangen, sondern zugleich eingefangen. Eingefangen wovon? Von der Optik, in der wir uns die Welt theoretisch und praktisch zurechtlegen, von den Bed\u00fcrfnissen, die uns dabei begleiten, von den Erwartungen, die wir an sie herantragen, von den bewussten und unbewussten W\u00fcnschen, die uns umtreiben, von den Emotionen, die uns bestimmen. Dieses Einfangen, ein f\u00fcr den Menschen unvermeidlicher Akt im Rahmen seiner Existenzbew\u00e4ltigung, steigert sich oft derma\u00dfen, dass es die Wirklichkeit ausschlie\u00dflich funktionalisiert, ja verschlingt und vertilgt, so dass eine Begegnung zwischen \u201aich selbst\u2018 und \u201adu selbst\u2018 abhandenkommt und Freiheit im Zueinander von Ich und Du zum Ding der Unm\u00f6glichkeit wird.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dieses Einmaleins jeder Dialogphilosophie wendet Bachl prominent, nicht ausschlie\u00dflich, auf die Christologie an. Dabei gewinnt er eine ihn zeit seines Lebens zutiefst bewegende Erkenntnis: Bereits in den fr\u00fchesten und \u00e4ltesten \u00dcberlieferungen, die sich von Jesus im Neuen Testament finden, setzt in der Begegnung mit ihm eine Funktionalisierung ein, die auf der Stelle die gesamte Jesus-Rezeption derma\u00dfen dominiert, dass Jesus in ihr aufgeht, ja, wie Bachl sich nicht scheut zu sagen, in ihr als \u201aer selbst\u2018 verschwindet: Jesus ist gestorben f\u00fcr uns, er hat uns von Tod, Leid und Schuld erl\u00f6st. Instantan wird er zum Erl\u00f6ser schlechthin; au\u00dfer in dieser Rolle scheint es ihn selbst gar nicht mehr zu geben; Jesus verwandelt sich in ein \u201eChristusprinzip\u201c.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Vor diesem Hintergrund eine Textpassage aus dem \u2013 meines Erachtens \u2013 zentralen Text zur Christologie Bachls <span class=\"Minion-Italic\">Lass mich deine Leiden nicht singen<\/span>, der erstmals 1982 in Linz erschienen ist und 1987 in den Band <span class=\"Minion-Italic\">Der beneidete Engel<\/span> Aufnahme gefunden hat: \u201eJesus, was bleibt von dir, wenn wir alles wegnehmen, was du f\u00fcr uns zu sein hast, du Erl\u00f6ser und Licht, Heiland und Schlachttier und Unterpfand? Bist du hinter diesen Funktionen auch noch einer? Bist du jemand? [\u2026] Hast du dich wirklich so hingegeben, wie es dir angedacht wird? [\u2026] Du wusstest um dich, unabh\u00e4ngig von deiner Arbeit. Beim Beten warst du allein. Ich m\u00f6chte das einmal respektieren. Jesus sagen. Sonst nichts, gar nichts. Keinen Gedanken hinzuf\u00fcgen. [\u2026] ergibt sich der Sinn nicht erst, wenn wir die Kraft haben, uns zu erblicken, ehe wir aufeinander einfallen und uns gebrauchen? Ich sehe dich, so wie du bist, du siehst mich. [\u2026] Ich bin Theologe, und ohne weiteres verspeise ich dich in der Lehre, im Geistmaul der Theorien. Du passt so gut hinein. Ich finde Gr\u00fcnde auf Gr\u00fcnde, die deine Katastrophe, deine Schreie notwendig machen. Ich bin imstande, deine Todesangst prinzipiell zu deduzieren. Gro\u00dfe Deuter helfen mir dabei. Dann, Jesus, h\u00e4ngst du hilfloser als damals am Holz, fester angenagelt in meiner Logik. Da kannst du nicht mehr herunter. Ich will jetzt eine Zeit lang nicht wissen, warum es sein musste, ob es einen Plan gab, dich so einzusetzen und zu ben\u00fctzen. Ich will mein Deute-Maul schlie\u00dfen. Du sollst es sein, du am Holz.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Bachl wei\u00df, wogegen er hier schreibt: Es handelt sich dabei um die breiteste und anhaltendste Tradition des Christentums \u2013 nicht nur in der Theologie, fast noch st\u00e4rker und intensiver in den vielen Formen christlicher Spiritualit\u00e4t, in den kirchlichen Liturgien, in so gut wie allem, was das Christentum an Glaubensleben und Kulturen hervorgebracht hat. Bachl wei\u00df auch, dass er sich angesichts dessen an nichts Geringeres als an einen Paradigmenwechsel wagt, der wie alle fundamentalen Wechsel dieser Art vor allem anderen ein neues Denken nach sich zieht, das sogar ein Gegen-den-Strich-Lesen der Evangelien impliziert. Bachl wei\u00df schlie\u00dflich, dass es f\u00fcr ihn zum Wagnis dieses Denkens keine Alternative gibt, geht es doch darum, \u201eJesus freizulassen\u201c, was bedeutet, seinem Blick standzuhalten, ihn von sich selbst her zu vernehmen, ihn \u201asich selbst\u2018 sein zu lassen.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Der Mensch Jesus und die Bitte um das Reich Gottes<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Unwillk\u00fcrlich dr\u00e4ngt sich die Frage auf, was tats\u00e4chlich von Jesus bleibt, wenn er aus dem Opferungs- und Erl\u00f6sungs-Zusammenhang herausgel\u00f6st und sein Leben nicht mehr ausschlie\u00dflich als das Sein-zum-Tode-am-Kreuz betrachtet wird. Ohne hier ins christologische Detail gehen zu k\u00f6nnen, sei trotzdem kurz angesprochen: In der \u00dcberzeugung, \u201edass Gott so ist, wie Jesus auf Erden gelebt hat\u201c, setzt Bachl grunds\u00e4tzlich und ausschlie\u00dflich beim Menschen Jesus an. Schon in seinen 1981 erschienenen Vortr\u00e4gen <span class=\"Minion-Italic\">Jesus heute<\/span> nimmt er vorweg, was er 13 Jahre sp\u00e4ter in seinem christologischen Hauptwerk <span class=\"Minion-Italic\">Der schwierige Jesus<\/span> ausf\u00fchrt, dass n\u00e4mlich Jesus nur begegnet, wer ihn schlicht als Menschen anschaut. Dabei erscheint ihm der als einzelnes, individuelles Du ansprechbare Mensch Jesus winzig, nackt, h\u00e4sslich. Ganz im Sinne von 1 Kor 1,18\u201331, dass Gott das Niedrige, Schwache und T\u00f6richte erw\u00e4hlt hat, um seine Kraft und Weisheit zu offenbaren, sieht er darin die Inkommensurabilit\u00e4t Jesu aufleuchten: \u201eIn diesem Jesus scheint alles bereit zu sein f\u00fcr Gott, den Einfall seines Willens und seiner Wahrheit, sodass er zugleich ganz in diesem unverf\u00fcgbaren Brennpunkt versammelt ist und alles, was er wei\u00df und kann, aus dem Zentrum <span class=\"Minion-Italic\">Gott<\/span> ordnet, auf die einfache Hauptsache bringt, den unvergesslichen Appell daf\u00fcr findet. Der Mensch Jesus ist das Signal Gottes und dieses musste, sagt Kierkegaard, in der Durchschnittlichkeit aufgepflanzt werden: [\u2026] Jesus tr\u00e4gt in seiner menschlichen Schlichtheit das Feuer der g\u00f6ttlichen Anwesenheit mitten hinein, an alle heran. Er ist in Person das Zeugnis f\u00fcr die ganz andere Art der Liebe Gottes. Sie \u00fcbersteigt die irdischen und kosmischen Seinsgestalten in allen Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnissen. Es gen\u00fcgt ihr die Ankn\u00fcpfung irgendwo im Gewimmel der werdenden Wesen, aber dort, wo sie brennt, wie in Jesus, entsteht an der bescheidenen menschlichen Form, in der Fl\u00fcchtigkeit eines kurzen Lebens die unvergessliche, ganz ungew\u00f6hnliche, \u00fcber alle Mittelm\u00e4\u00dfigkeit hinausspringende Gestalt.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Was Bachl hier die Bereitschaft f\u00fcr Gott, \u201eden Einfall seines Willens und seiner Wahrheit\u201c, nennt, ist auch das, was Jesus unabh\u00e4ngig und <span class=\"Minion-Italic\">vor<\/span> seinem Sich-F\u00fcgen in sein Sterbens-Schicksal kennzeichnet. In dem f\u00fcr ihn zentralen Vortrag <span class=\"Minion-Italic\">Thesen zum Bittgebet<\/span> von 1988 interpretiert Bachl diese Bereitschaft als Bittgebet, was zun\u00e4chst \u00fcberraschen mag, was sich jedoch verstehen l\u00e4sst, wenn Zweierlei bedacht wird: Zum einen steht die Bitte f\u00fcr den Grundvollzug der Gemeinschaft zwischen Gott als dem Freiheit-stiftenden Sch\u00f6pfer und seinem von ihm zur Freiheit berufenen Gesch\u00f6pf \u201aMensch\u2018, sie ist \u201e<span class=\"Minion-Italic\">der absolute Ernstfall des Personalen<\/span>\u201c, Ausdruck des Glaubens schlechthin; zum anderen ist der Inhalt der Bitte das Reich Gottes, das als Inbegriff der immer schon intendierten und geschehenden Liebeszuwendung Gottes zu seiner Sch\u00f6pfung kommen m\u00f6ge. \u201eJesu Bitte um das Reich Gottes, das die Erl\u00f6sung und die Vers\u00f6hnung, das ewige Leben bringt, ist der wahre, alles zusammenfassende Grundakt seines Denkens, Redens und Handelns. Er ist der Mensch, der seine Existenz in die Bitte um das gelingende Leben mit Gott verwandelt hat. Wie er diese Bitte in seinem Lebenswerk selbst darstellt und ein\u00fcbt, so bittet er auch mit seinem Tod. [\u2026] W\u00e4hrend es in Exegese und Dogmatik immer noch strittig ist, ob \u00fcberhaupt, in welcher Deutlichkeit und welchem Sinn Jesus seinen gewaltsamen Tod als Heilsereignis verstanden hat, steht nach den Quellen au\u00dfer Zweifel, dass in der Bitte um das Reich alles gesagt ist, was Jesu Anliegen war.\u201c<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Tod, Leiden und Erl\u00f6sung<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Wiederum zur\u00fcck zu 1 Kor 13,12: Was bisher noch nicht zur Sprache kam, ist die Eschatologie, die hier anklingt und der Bachl in seiner Theologie die gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit schenkt. Es gibt einen Unterschied zwischen dem gegenseitigen Erblicken \u201ejetzt\u201c und dem Einander-ins-Gesicht-Schauen \u201edann aber\u201c, auch wenn beides <span class=\"Minion-Italic\">in eins<\/span> geht und <span class=\"Minion-Italic\">in eins<\/span> die Begegnung \u201evon Angesicht zu Angesicht\u201c ausmacht. Die Z\u00e4sur zwischen dem \u201ejetzt\u201c und dem \u201edann aber\u201c bildet der Tod \u2013 das v\u00f6llige Aus jeglichen Blicks, das Brechen aller Augen, die Zerst\u00f6rung jedes Gesichts. Was besagt dies f\u00fcr Gott, der den Menschen gerade dadurch <span class=\"Minion-Italic\">sein<\/span> und existieren l\u00e4sst, dass er ihm in die Augen und ins Gesicht schaut? Bachl:<\/p>\n<p>Schaust du den Toten<br \/>\nins Gesicht, Gott?<br \/>\nSiehst du den wortlosen Mund,<br \/>\nder auch dich nicht mehr nennt?<br \/>\nSo ist das Ende,<br \/>\ndas du ausgedacht hast f\u00fcr uns.<br \/>\nWir wissen nicht aus und ein,<br \/>\nwenn wir das sehen.<br \/>\nLeih uns deine Augen, die \u00fcberall<br \/>\nins Leben blicken.<\/p>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG ParaOverride-5\">Das absolute Dunkel des Todes wirft seine Schatten im Leben voraus. Mag auch stimmen, was der antike Philosoph Epikur meinte (und Bachl zitiert): \u201e[\u2026] solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr\u201c, so wei\u00df sich der Mensch doch als Sein-zum-Tode, und jedenfalls das Sterben bleibt ihm in aller Regel nicht erspart. Sp\u00e4testens dann, wenn es ans Sterben geht, schaut er dem Tod ins Auge. Dabei erf\u00e4hrt er, dass Blicke auch t\u00f6ten und vernichten k\u00f6nnen, und es steht zur Debatte, welcher Blick der endg\u00fcltige sein mag \u2013 der ausl\u00f6schende oder der Leben schenkende. Anders gefragt: Schaut mich Gott auch im Tod an? Oder tritt mit der Todesstille eine Gottesfinsternis ein, in der die Spiegel, in die wir schauen, nicht einmal mehr \u201er\u00e4tselhafte Umrisse\u201c eines Lebenszeichens wiedergeben?<\/p>\n<p class=\"fliess\">Bachl beendet den bereits zitierten Text <span class=\"Minion-Italic\">Lass mich deine Leiden nicht singen<\/span> mit Folgendem: \u201eEines Tages stehe ich vor dem Bett, auf dem mein Vater liegt und sterben wird. Er bittet mich. Ich hebe ihn heraus auf den Leibstuhl. Was habe ich da in den Armen? Kaum h\u00e4lt es noch zusammen, das Knochenwerk, das wenige Menschenfleisch. Und Scham und Schmerzen, Hilflosigkeit und M\u00fcdigkeit zum Tod, zerlegt und verschrumpelt. Da f\u00e4llst du mir ein, Jesus, in der Form, in der man dich ans Holz gebracht hat. Ich fange nicht an zu singen, ich sage nichts. Aber meinen Vater tragend ahne ich: Du geh\u00f6rst zu ihm. Die Fraktur seines Lebens ist eingelegt in deinen Leib. Jesus, du Baum und Schatten, in dem ich den zerbrechenden Mann niederlege. Diese schweigende Melodie ist in mir.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Was immer angesichts dessen \u201aErl\u00f6sung\u2018 hei\u00dfen mag \u2013 Bachl nennt sie an einer Stelle \u201ewie ein Anfang von Trost\u201c \u2013, ist schlicht dies: Auch im Sterben bleiben wir angeschaut und dies wiederum nicht anders als durch jenes Erblicken, das uns sein und leben l\u00e4sst und das uns zu dem einmalig unersetzlichen Ich macht, das als das Du Gottes gemeint ist. \u201aErl\u00f6sung\u2018 nicht mehr als Teilhabe an einer Opferung oder \u201eSchlachtung\u201c, \u201aErl\u00f6sung\u2018 auch nicht als Aufhebung in einen h\u00f6heren \u201eZusammenhang\u201c, in eine \u201eAllgemeinheit\u201c oder in eine \u201eaugenlose Einheit\u201c, \u201aErl\u00f6sung\u2018 schon gar nicht als Sinnstiftung, Begr\u00fcndung oder \u201eTrost-<br \/>\nsage\u201c, sondern als blo\u00dfes Gesehen-Werden in aller Einmaligkeit und Singularit\u00e4t \u2013 ohne Interpretation, Ausdeutung oder zwecktr\u00e4chtige Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">\u201eIkonen der Abwesenheit\u201c<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Zwei Texte aus dem Bildmeditationsband <span class=\"Minion-Italic\">Auch Dinge haben ihre Tr\u00e4nen<\/span> (1988), in dem Bachl zu einem 26-teiligen Bilderzyklus des ober\u00f6sterreichischen K\u00fcnstlers Herbert Friedl (1943\u20132018) in jeweils kurzen Texteinheiten Bildbetrachtungen anstellt, m\u00f6gen ausdr\u00fccken, was gemeint ist: \u201e\u201aSo hat der Herr gesprochen: Horch! In Rama wird Wehklage laut, bitterliches Weinen! Rahel weint um ihre Kinder, will sich nicht tr\u00f6sten lassen wegen ihrer Kinder: Ach sie sind nicht mehr da.\u2018 (Jer 31,15) [\u2026] Da durchschneidet die Frau das Gespinst der Trostsage. Sie schreit. Sie bleibt vor dem Loch, in dem ihre Kinder verschwunden sind, sie h\u00e4lt ihre Augen dorthin, wo nichts zu sehen ist, nichts Sch\u00f6nes, nichts Gutes, nichts Wahres, kein Leben, kein Licht. Sie rafft alles zusammen, was in ihr ist, Liebe, Gef\u00fchl, Wissen und Willen, um das Wort zu sagen, das die Gewalt des Todes nennt: Sie sind nicht mehr. Und Gott gab ihr die Stimme dazu.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dagegen wird mir gesagt: Halte Dich auf bei der einzelnen Nummer 943. Schau nicht durch sie hindurch, schau nicht um sie herum, nicht \u00fcber sie hinaus, nicht neben ihr zur Seite. Schau die Nummer an und bleibe da. Hefte Deinen Blick auf die menschliche Einzelheit. Wenn sich an ihr nichts begibt, wenn die g\u00f6ttliche Gnade nicht auf diese winzige Stelle f\u00e4llt, ist alles nichts. Der Erl\u00f6ser wird seine Tat nicht beflecken mit dem Verrat an der Wahrheit des Leidens.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"Minion-Italic\">Auch Dinge haben ihre Tr\u00e4nen<\/span> \u2013 dieser Buchtitel erinnert mich an Bachls Predigt <span class=\"Minion-Italic\">Der Tod<\/span> aus 1992, in der es unter anderem hei\u00dft: Angesichts der Leiche \u201ef\u00fchrt kein Weg mehr in die Augen, in das Gesicht. Aller Innenraum, die Seele, das Bewusstsein, die Sprache sind verschwunden. Nichts als Haut und Rand ist, blo\u00dfe Oberfl\u00e4che, was da auf dem Schragen liegt. [\u2026] An der Leiche erfahren wir, dass der Tod den Menschen ganz \u00e4u\u00dferlich, ganz dinglich, ganz sprachlos macht. Die Person wird <span class=\"Minion-Italic\">niemand<\/span> f\u00fcr diese Welt [\u2026]\u201c Ich bleibe h\u00e4ngen am Wort \u201adinglich\u2018 bzw. am Begriff der \u201aVerdinglichung\u2018. Genau darauf fokussieren sich die Bilder von Herbert Friedl. \u201eIkonen der Abwesenheit\u201c nennt sie Bachl, weil sie keine Menschen, geschweige denn die Gesichter der H\u00e4ftlinge und Opfer des KZ Mauthausen zeigen. Diese sind nur sichtbar in den Kleidern, Habseligkeiten und Orten, die sie zur\u00fcckgelassen haben. Jedes St\u00fcck, jeder Ort markiert den Tod in seiner Absolutheit und Einmaligkeit. Darauf ist der Blick gerichtet \u2013 nicht nur unserer im Gefolge des K\u00fcnstlers, sondern zuvor schon jener des \u201eErl\u00f6sers\u201c, der \u201eseine Tat nicht beflecken wird mit dem Verrat der Wahrheit des Leidens\u201c. Dessen Blick lenkt nicht ab von der \u201eentsetzlichen Evidenz des Leidens\u201c, im Gegenteil er l\u00e4sst nichts aus \u2013 nicht die kleinste Kleinigkeit, nicht die winzigste Winzigkeit, nicht das Buchst\u00e4bliche und nicht das Unz\u00e4hlige, schon gar nicht das Einmalige, den Einzelnen, die Einzelne, das Pers\u00f6nliche, das Lebens- und Sterbensgeschichtliche. Und dieser Blick durchdringt dies alles \u2013 <span class=\"Minion-Italic\">bis er es selbst wird<\/span>. So ist im Schrei der Rahel um ihre Kinder \u201edie zerrissene Stimme des Messias\u201c laut, so gilt f\u00fcr das Siechtum des Vaters, der stirbt: \u201eHier ist Golgotha.\u201c Nichts anderes, nichts mehr, aber auch nichts weniger hei\u00dft Menschwerdung, Inkarnation, Erl\u00f6sung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch das Werk von Gottfried Bachl (1932\u20132020) zieht sich ein Leitmotiv. 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