{"id":130110,"date":"2026-10-07T10:50:09","date_gmt":"2026-10-07T08:50:09","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=130110"},"modified":"2026-10-07T10:50:14","modified_gmt":"2026-10-07T08:50:14","slug":"der-poet-unter-den-theologen-der-literarische-zugang-von-gottfried-bachl","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/der-poet-unter-den-theologen-der-literarische-zugang-von-gottfried-bachl\/","title":{"rendered":"Der Poet unter den Theologen"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"Initiale CharOverride-41\">A<\/span>ls Gottfried Bachl am 23. Mai 2020 starb, bat mich die Redaktion von <span class=\"Minion-Italic\">feinschwarz <\/span>um einen Nachruf. Das war f\u00fcr mich der Anlass, mich intensiver mit dem Werk von Gottfried Bachl zu besch\u00e4ftigen. Nun erm\u00f6glichen die <span class=\"Minion-Italic\">Gesammelten Schriften<\/span> herausgegeben von Wilhelm Achleitner, Alois Halbmayr und Heinrich Schmidinger einen erneuten, intensiven Blick auf den Salzburger Theologen, Priester und Theopoeten.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Der Nachruf: \u201eEin niederknieender Himmel\u201c (feinschwarz.net am 30. Mai 2020)<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">\u201eDie Theologie besteht im normalen Fall aus 39 % Abschreiben, 29 % Weiterschreiben, 29 % Dazwischenschreiben und 3 % Eigenschreiben\u201c, so formulierte Gottfried Bachl un\u00fcbertroffen in seiner Salzburger Abschiedsvorlesung 1998. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass er den Anteil des Eigenschreibens in der Theologie um ein Vielfaches erh\u00f6ht hat. Wer war dieser Mann, der der Floskeln abhold war und theologische Stereotype zu meiden suchte?<\/p>\n<p class=\"fliess\">Auf die Spur kommt man ihm am ehesten, wenn man seine Erinnerungen an das Theologiestudium und die Weihe heranzieht. Als er 1953 mit dem Theologiestudium begann, fand er in den Lehrb\u00fcchern der r\u00f6mischen Gregoriana eine neuscholastische Sprache vor, die mit keiner Silbe die gro\u00dfen Ereignisse des 20. Jahrhunderts spiegelte. Es war eine <span class=\"Minion-Italic\">lingua perennis<\/span>, die sich selbst gen\u00fcgte. Er, der in der N\u00e4he des Konzentrationslagers von Mauthausen aufgewachsen war, blieb skeptisch gegen\u00fcber einer Sprache, die den Ewigkeitston vor sich hert\u00f6nte. Programmierte Menschenvernichtungsaktionen, Genozide, Vertreibungen erlebte das letzte Jahrhundert, aber die theologische Sprache war nicht affiziert von den realen Erfahrungen der Menschen.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Der Kirchenaufwand hat die Gottesn\u00e4he geschluckt<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Von der Kirche h\u00e4tte er sich eine solche Sensibilit\u00e4t gew\u00fcnscht, was er vorfand, war eine rhetorische und kultische Selbstbespiegelung. Das wurde ihm klar bei seiner Diakonatsweihe 1958 in Rom, die er von Erzbischof Luigi Traglia erhielt: Bei der Kommunion musste er zuerst den Bischofsring k\u00fcssen, dann erst bekam er das eucharistische Brot. Diese klerikale Urszene ist ihm nie mehr aus dem Ged\u00e4chtnis verschwunden. Ihm wurde klar: Der Kirchenaufwand hat die Gottesn\u00e4he geschluckt, der Kirchenbetrieb war wichtiger geworden als die Jesusn\u00e4he, die Selbstfaszination der Kirche war zum heiligen Spiel verkommen. Dagegen wird er ein Leben lang andenken und anschreiben. Das tut er allerdings nicht mit revolution\u00e4ren Gesten, er bleibt ein Mann der leisen T\u00f6ne. Er ist in keiner gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Familie aufgewachsen wie Hans Urs von Balthasar, sondern ein einfacher Bauernbub, der den kargen M\u00fchlviertler Boden kannte: \u201eBei dem Bauernhaus im M\u00fchlviertel, wo ich meine Kindheit verbracht habe, stand ein Nu\u00dfbaum von mittlerer Gr\u00f6\u00dfe. Er war leicht zu besteigen und bot in seinem Laubschirm einen sch\u00f6nen, heimlichen Raum. Als ich lesen gelernt hatte, \u00fcberfiel mich bald die Lust an den B\u00fcchern, und der Nu\u00dfbaum wurde meine Zuflucht. Oben, in seiner Krone, nagelte ich Bretter in eine Astgabel und machte mir einen Sitz. Der war nicht sehr bequem, aber er hatte seine eigene Weihe und Verborgenheit. Dort kletterte ich mit meinen Geschichten hinauf, so oft es ging, um nicht zu irgendwelchen Arbeiten kommandiert zu werden, um Ruhe zu haben, um allein zu sein, um zu lesen.\u201c Es war also ein Ort des R\u00fcckzugs, ein Versteck und Fluchtort vor den landwirtschaftlichen Arbeiten. Erst sp\u00e4ter wurde ihm bewusst, dass es der erste Ort einer Jakobsleiter war, wo die Engel Gottes auf- und niedersteigen, ein Ort der Gottesbegegnung. Die kindliche Idylle war stets mit einer anderen Erfahrung konfrontiert.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die N\u00e4he zu Mauthausen, wo er die in Viehwagen abtransportierten H\u00e4ftlinge sah, verbot ihm eine Fr\u00f6mmigkeit, die die Augen vor der Wirklichkeit verschloss. Eine runde Theologie ist ihm so fr\u00fch zerbrochen, er entwickelt sie anders \u2013 suchend, vorl\u00e4ufig, immer neu ansetzend, nie stereotyp. Seine einfache Herkunft lie\u00df er sich auch nicht in der Seminarausbildung am Linzer Petrinum oder im 10-j\u00e4hrigen Philosophie- und Theologiestudium am Germanicum in Rom austreiben.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In seiner Zeit als Kaplan und Religionslehrer schrieb er seine ersten Texte f\u00fcr die Welser Zeitung, meist \u00adBetrachtungen zu Weihnachten und Ostern, in denen bereits seine Theologie aufleuchtet: Die Idylle M\u00fchlviertel ist nicht ohne Mauthausen zu haben, Jesus war Jude und nicht im M\u00fchlviertel geboren.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die in der Fachwelt anerkanntesten Beitr\u00e4ge hat er zum Thema der Eschatologie, der \u201eletzten Dinge\u201c geleistet. Dabei hat er sich gegen eine Tradition gewendet, die alles vom Jenseits zu wissen schien und die Menschen mit Angst drangsalierte. Stets hat er seine theologischen Erkenntnisse in Poesie umgesetzt:<\/p>\n<p class=\"fliess\">L\u00f6st eure Saugn\u00e4pfe vom Firmament.<br \/>\nIhr habt den Text der Erde nicht gelesen.<br \/>\nBuchstabiert noch ein wenig.<br \/>\nHier unten<\/p>\n<p class=\"fliess ParaOverride-31\">Gottfried Bachls theologische Prosa ist brillant, in seine Sprache investiert er ein Leben lang. Sie ist liebevoll, geistreich und manchmal auch provokativ. Bachl war ein Theater- und Operng\u00e4nger, stets ver\u00e4nderten diese Besuche auch seinen Blick auf die Theologie. In der Oper sitzend traf ihn manchmal der Gedanke, an diesem Ort lerne man mehr \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Mann und Frau als aus vielen grauen Texten der Theologie. In dem Buch <span class=\"Minion-Italic\">Gott bewegt<\/span> sind viele seiner <span class=\"Minion-Italic\">Lesest\u00fccke zum Glauben und zur Zeit, in der wir leben<\/span> erstmals zusammengefasst.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Besonders bewegend ist der E-Mail-Briefwechsel mit der 16-j\u00e4hrigen Anna. Er stellt Fragen an sie und sie antwortet und umgekehrt. Ihre Frage \u201ewann wird endlich die Liturgie belebter und unterhaltsamer?\u201c beantwortet er so: \u201eIch langweile mich gar nicht gern. Aber es gibt Dinge, die es wert sind, dass man um ihretwillen Langeweile ertr\u00e4gt. Zum Beispiel Vokabeln lernen, damit man halbwegs fl\u00fcssig sprechen kann. Es f\u00e4llt mir unter dem Kreuz, an dem Jesus aufgeh\u00e4ngt wurde, nicht ganz leicht, mich unterhalten zu lassen. Wie soll das aussehen? Mir gef\u00e4llt aber zu dieser Frage deine Unterscheidung von belebt sein und unterhaltsam sein. Mit einer gro\u00dfen Geschichte sollte man nicht fad umgehen und nicht die altgewohnte Jesus Leier drehen. Es lohnt sich allemal, die belebende Wirkung in dem brennenden Menschen aus Galil\u00e4a zu entdecken. Da darf man schon die Fantasie spielen lassen und den gro\u00dfen Atem aus der Lunge holen. Die Bibel ist ein gewaltiges Libretto. Und f\u00fcr den Umgang mit diesem Buch gilt, was f\u00fcr alle gro\u00dfen B\u00fccher zutrifft. Wer sich am Don Quichote langweilt, sollte bei Gelegenheit einmal f\u00fcnf Minuten \u00fcber seine Lesef\u00e4higkeit nachdenken.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Als Anna ihn fragt, wann endlich Frauen zu Priesterinnen geweiht werden d\u00fcrfen, gibt er zur Antwort: \u201eIch bin \u00fcberzeugt, dass diese Schranke eines Tages fallen wird. Wahrscheinlich wird aber bis dahin noch eine erhebliche Zahl von P\u00e4psten in das vatikanische Gras bei\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das Argument, Jesus habe nur M\u00e4nner in seinen J\u00fcngerkreis berufen, wies er mit dem Hinweis zur\u00fcck: Dann d\u00fcrfte es nur j\u00fcdische P\u00e4pste geben und ganz gewiss keinen Pontifex aus Bayern. Das Buch endet mit einem postskriptum:<\/p>\n<p class=\"fliess\">seltsam, sagt mein hausverstand,<br \/>\nda gibt es mann und frau,<br \/>\ndoch manche wollen nur die h\u00e4lfte<\/p>\n<p class=\"fliess\">seltsam, sagt mein hausverstand,<br \/>\ndie frauen sind viel fr\u00fcher dran am leeren grab,<br \/>\ndoch m\u00e4nnlich wird der schluss daraus gezogen<\/p>\n<p class=\"fliess\">seltsam, sagt mein hausverstand,<br \/>\nvom himmel f\u00e4llt das goldene brot,<br \/>\nund wichtig ist den p\u00e4psten die befugnis<\/p>\n<p class=\"fliess\">seltsam, sagt mein hausverstand,<br \/>\nDer rabbi l\u00e4uft mit frauen durch die gegend,<br \/>\nDie kathedralen aber dunsten m\u00e4nnlich her<\/p>\n<p class=\"fliess\">seltsam sagt mein hausverstand,<br \/>\nder geist bewohnt so frau und mann,<br \/>\ndoch mannsorakel sagt allein,<br \/>\nwer wie und was wo darf<\/p>\n<p class=\"fliess ParaOverride-31\">2022 haben Wilhelm Achleitner, Alois Halbmayr und Heinrich Schmidinger einen Gedenkband f\u00fcr Gottfried Bachl herausgegeben, der die gro\u00dfen Traktate Christologie, Eschatologie, Eucharistie und Mariologie in den Blick nimmt. Mich haben sie um einen Beitrag zum Priesterverst\u00e4ndnis von Gottfried Bachl gebeten. Es gibt keinen Traktat dazu, sondern es bedeutete die unterschiedlichsten Texte auszuwerten. Das war also meine zweite Phase der Besch\u00e4ftigung mit Gottfried Bachl.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Konkrete Lebensgestalt des Priesters<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Bachl suchte nach Gestalten, die f\u00fcr heute Vorbild sein k\u00f6nnen. In einem Studientag an der Katholischen Akademie in Bayern am 24. M\u00e4rz 1991 hatte er dazu die M\u00f6glichkeit. Der Studientag trug den Titel: <span class=\"Minion-Italic\">Erz\u00e4hltes und gelebtes Evangelium. Lebensl\u00e4ufe \u2013 Glaubensgeschichten. Am Beispiel von Sophie Scholl und Friedrich Spee SJ<\/span>. Die Texte der beiden wurden von der Schauspielerin Adelheid Picha (Wien) und Romuald Pekny (M\u00fcnchen) vorgetragen. Bachl setzte die beiden Gestalten in Bezug zu seinem Priestersein.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Vor Sophie Scholl konnte er nur err\u00f6ten. Diesen Mut h\u00e4tte er nicht aufgebracht. Als er so alt war wie sie, war er unreif, unfertig im Germanikum in Rom. Ein Alumnus, ein noch zu n\u00e4hrender am Tropf der Kirche. An Friedrich Spee entdeckte Bachl einen ganz und gar von Gott ergriffenen Menschen. Das Gottesgef\u00fchl war der Brennpunkt seiner Kraft, diese erm\u00f6glichte es ihm, inmitten einer brutalen Zeit getrost zu sein, Zeit zu haben f\u00fcr Gedichte und Lieder, die allesamt Liebeslieder in Richtung Himmel sind. Bachl hob einen Zug an Spee hervor, der ihm sehr wichtig war: Weisheit und Bildung. \u201eAber wer glaubt und realisiert das heute noch? Hat sich nicht in vielen religi\u00f6s interessierten und gestimmten Menschen die Meinung festgesetzt, da\u00df Wissen und Bildung f\u00fcr den Vorgang Glauben gef\u00e4hrlich, hinderlich oder jedenfalls \u00fcberfl\u00fcssig seien. Hat der Glaubende nicht alles, was er braucht zur Orientierung im Dasein auf einmal, ein f\u00fcr allemal mit dem Blitz der Gnade erhalten? Der Ayatollah wie der Kardinal scheinen jenseits aller Bildungswege l\u00e4ngst und unbefragbar am Ziel zu sein.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Und dann die Schlussfolgerung von Bachl: \u201eFriedrich von Spee hat sein Christentum nicht nur in einer Form zum Ausdruck gebracht. Es war ihm gegeben, es in vielen Aspekten leuchten zu lassen. Er war Priester und verstand seine Weihe als g\u00f6ttliche Aufschlie\u00dfung seines Lebens. Er war Ordensmann. Er war Lehrer, um mit dem Wort eine Br\u00fccke zu schlagen zwischen den Menschen, der Welt und dem Evangelium Gottes\u2026Und er war in der gedr\u00e4ngten Unruhe seines Lebens in der Lage, den fl\u00fcchtigen Augenblick zu bewohnen, zu erleben als das Entz\u00fccken der blitzhaften Gegenwart Gottes. Er hatte die Gnade, davon singen zu k\u00f6nnen, denn er war ein Dichter.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Man wird nicht fehlgehen, in dieser Charakterisierung von Spee ein wenig auch Gottfried Bachl zu erkennen und seine Intentionen als geistlicher Mensch. Er wollte Priester und Poet sein.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Einspruch gegen das Priesterverst\u00e4ndnis von Papst Benedikt<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Zum 150. Todestag des Pfarrers von Ars Johannes Maria Vianney rief Papst Benedikt XVI. 2009 ein Jahr des Priesters aus. Inmitten der Debatte um den Missbrauch im Priesteramt wollte er noch einmal ein Bild der Reinheit aufleuchten lassen. Wegen der Untreue \u201eeiniger Diener\u201c sollte nicht die Kirche als ganze beschmutzt werden. Es sollte vielmehr ein leuchtendes Beispiel des Priesterseins vor Augen gestellt werden, um die Gr\u00f6\u00dfe dieses Standes neu ins Bewusstsein zu rufen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dieses Schreiben brachte Gottfried Bachl in Rage, er sah darin eine primitive Theologie am Werk. \u201eEs ist ausgeschlossen, dass der endliche Mensch Gott in den Griff bekommen kann. Glauben hei\u00dft vor Gott alle zwingenden Instrumente aus der Hand legen und alle magischen W\u00fcnsche aus dem Herzen tun. Die biblische Religion ist die Schule der Freiheit.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">F\u00fcr Bachl war das darin entwickelte Priesterbild naiv und unverantwortlich f\u00fcr die heutige Zeit: Es gen\u00fcgt nicht, einfach zu sein, man muss auch Verstand anwenden. Es gebe auch eine Kriminalit\u00e4t geistlicher Art. \u201eDer Papst vollbringt nichts Hilfreiches, wenn er heute diese Gestalt des kanonisierten Pfarrers den Priestern als nachahmenswertes Beispiel empfiehlt. Beim Lesen des Papstbriefes dr\u00e4ngt sich immer wieder das Wort primitiv auf die Zunge. Ich z\u00f6gere, es herzuschreiben, weil es wie ein Schimpfwort klingen kann. Aber ich komme nicht ohne es aus. Primitiv der Pfarrer, weil er sich geistig nicht weit genug bewegt hat. Primitiv der Papst, weil er die Situation heute sehr wohl kennt und doch nach den Mitteln der frommen Intensit\u00e4t greift, die aus der Zeit der Gro\u00dfv\u00e4ter stammen [\u2026] Das einf\u00e4ltige, beinahe analphabetische Gem\u00fct, das da gepriesen wird, kann den Postulaten der modernen Bildungskultur nicht gewachsen sein.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Bachl sieht im Klima dieser \u00c4u\u00dferungen ein Gemisch aus sich \u00fcberschlagenden Demutsformeln und spiritueller Arroganz. Wie kann ein Theologe so schreiben? Er st\u00fcrzt die Priester damit in ein spirituelles Vakuum. Es ist die Sprache massiver magischer Logik. Der Priester kann Gott nicht herbeizwingen. Bachl entwirft ein anderes Bild des Priesters. Ihm ist ein sch\u00f6nes Werk aufgetragen. \u201eIn der Gemeinschaft des Glaubens den Namen Jesu ausrufen, essen und trinken in der Tischrunde, die er bestellt hat, sein Wort suchen und verstehen, Freude haben an seinem Dasein. Das ist mehr als genug\u201c.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Immer wieder taucht die Frage bei ihm auf, warum er sich zum Priester hat weihen lassen. Das scheint ihm erst in einem langen Reflexionsprozess deutlich geworden zu sein. Der erste Schritt dazu war das Lesen: Das Lesen war f\u00fcr ihn ein Exodus. Sein Leseort in der Kindheit war die Krone eines <span class=\"GELB\">Nussbaums<\/span>, wo er sich einnistete. Dieser Ort war nicht sehr bequem, er hatte aber seine eigene Weihe.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Erfahrung des Lesens wurde f\u00fcr ihn zu einer Erfahrung der Milieu\u00adtranszendenz. Die Priesterweihe sah er nicht als Ver\u00e4nderung der Vernunft oder gar eine Sonderstellung gegen\u00fcber den anderen Christen, sondern als eine \u00d6ffnung der Person, in der die M\u00f6glichkeiten eines Menschen erschlossen und geweitet werden. Die Weihe war f\u00fcr ihn ein Akt des Mutes, keine beabsichtigte Selbstheiligung. \u201eIch bin nicht geweiht, den Geist erst in die Welt zu bringen, sondern geweiht, seine Gegenwart bewu\u00dft zu machen.\u201c Zu dieser \u00d6ffnung geh\u00f6rt f\u00fcr ihn unverzichtbar die Notwendigkeit der Bildung. Diese Bildung sieht er unter den heutigen jungen Priestern gef\u00e4hrdet, die Kirche f\u00f6rdert aktuell mehr den naiven und intellektuell primitiven Priestertypus. Die fehlende Bildung f\u00fchrt in die \u00dcberbetonung des Kults und zu einer Eucharistiefixiertheit.<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Der Theopoet Gottfried Bachl<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">So wie er selbst durch Jesus ein Freigelassener war, so wollte er auch Jesus f\u00fcr die Menschen freigeben. Jesus freilassen hie\u00dfe froh sein, dass es einen gibt von dieser Radikalit\u00e4t, dem der Kulturbetrieb, aber auch der heutige Kirchenbetrieb gleichg\u00fcltig ist. \u201eDenn Jesus ist das Abenteuerlichste, Aufrechteste, Brennendste und Liebensw\u00fcrdigste, das im Christentum zu finden ist.\u201c Diesem Abenteuer hat er seine priesterliche Existenz, sein akademisches Lebenswerk, mehr noch: sein Leben und seine ungew\u00f6hnliche Lebensform verschrieben.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Seine poetischen Texte \u2013 er nennt sie Gebete \u2013 sind in <span class=\"Minion-Italic\">Mailuft und Eisgang<\/span> zusammengefasst. Zwei Beispiele:<\/p>\n<p class=\"fliess\">Rette dich<br \/>\naus unserem Mund,<br \/>\nder dich zum Vorwurf macht,<br \/>\nan dem andere rot werden sollen,<br \/>\nder dich zurechtkaut,<br \/>\nrette dich aus den Bildern<br \/>\nlinks und rechts<br \/>\nund oben und unten,<br \/>\ngeh fort aus den<br \/>\nDrohbotschaften und aus den<br \/>\nFrohbotschaften.<\/p>\n<p class=\"fliess ParaOverride-2\">Zerschlag die Bilder,<br \/>\ndie Kompositionen,<br \/>\ndie Gedichte,<br \/>\nalle Bew\u00e4ltigungsfiguren,<br \/>\ndie wir \u00fcber den Mordfeldern bauen,<br \/>\nund erhebe dein Schweigen<br \/>\n\u00fcber dem Schrei der<br \/>\nToten.<\/p>\n<p class=\"fliess ParaOverride-31\">Nun liegen die <span class=\"Minion-Italic\">Gesammelten Schriften<\/span> von Gottfried Bachl in vier B\u00e4nden vor, wobei der vierte Band zwei Teilb\u00e4nde umfasst. Man k\u00f6nnte fast an jedem der edierten Texte den theopoetischen Ansatz von Gottfried Bachl skizzieren. Ich w\u00e4hle ein kleines Prosast\u00fcck <span class=\"Minion-Italic\">Der beneidete Engel<\/span> als Veranschaulichung.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In der Kirche, die Bachl als Kind zu Weihnachten besuchte, stand eine Krippe. Seine Augen bleiben stets an dem Engel h\u00e4ngen, der \u00fcber der Krippe schwebte. Er hatte den \u00dcberblick. Er hatte nur eine Aufgabe: schauen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ich w\u00e4hle diesen Text, weil er die Entwicklung und Entfaltung der Theologie von Bachl <span class=\"Minion-Italic\">in nuce<\/span> entfaltet. Da ist zun\u00e4chst der Kinderglaube, den er mit dem Engel Gabriel \u00fcber der Krippe in Verbindung bringt. Das w\u00e4re doch eine ideale Position, alles mitzubekommen und in nichts verwickelt zu sein. Hehre Distanz und der Blick von oben.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese Position wird ihm aber fragw\u00fcrdig w\u00e4hrend des Studiums bei einer Papstaudienz in Castel Gandolfo. Zun\u00e4chst die Bewunderung: St\u00fcndest du da oben, w\u00e4rst du all deine Zweifel los, die ganze seelische Schinderei w\u00e4re vorbei. Aber welche Einsamkeit dieser wei\u00dfen Gestalt, wie an F\u00e4den gezogen hob er die Arme in puppenhaftem Rhythmus.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Jahre sp\u00e4ter stand Bachl auf der Br\u00fccke, von der seine Schwester Rosina bei einem Unfall zu Tode gest\u00fcrzt war. Sie fiel vom Heuwagen auf die darunter f\u00fchrenden Geleise und verblutete. Nun hast du die Position des Engels und er erschrak ob dieser Distanz. Und er sp\u00fcrte, dass nicht der Schwingen berauschte Gabriel seine Leitfigur f\u00fcr seine Theologie sein sollte, sondern der Lazarus im Fleisch:<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"Minion-Italic\">Meine Seele, mein Gabriel,<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">fluglustig,<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">schwingenberauscht.<\/span><\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"Minion-Italic\">Wirf ab deine Fl\u00fcgel,<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">opfere sie der Sonne,<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">entscheide dich f\u00fcr die Perspektive<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">des Staubs.<\/span><\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"Minion-Italic\">Wenn du es mit den Wolken h\u00e4ltst<br \/>\n<\/span>\u00fcber Austerlitz,<br \/>\n\u00fcber Stalingrad,<br \/>\n<span class=\"Minion-Italic\">wenn du hoch genug fliegst,<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">machen dir \u00d6fen<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">die sch\u00f6nsten Kringel aus Menschenfleisch,<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">passen gut in die Landschaft<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">die Totenkreuze \u2013<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">zierliches Heidelbeerkraut.<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">Wenn du es mit den Wolken h\u00e4ltst.<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">Von oben stimmt alles.<\/span><\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"Minion-Italic\">Aber lieg unten.<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">Leg dein Gesicht auf die Kiesel,<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">entdecke die Wurzeln.<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">Die S\u00fcmpfe sind tief,<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">der Teer brennt auf den Stra\u00dfen.<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">Meine Seele, mein Gabriel,<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">herunter mit dir!<\/span><\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"Minion-Italic\">Die f\u00fcrstliche H\u00f6he, der \u00dcberblick,<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">das sch\u00e4umende Blau,<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">die Prasserei, die Zusammenfassung,<br \/>\n<\/span>die universale Stimmung des Himmels.<br \/>\n<span class=\"Minion-Italic\">Aber Lazarus<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">hat nur die Augenwinkel<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">im Fleisch, im Fleisch, meine Seele,<br \/>\n<\/span><span class=\"Minion-Italic\">auf Erden.<\/span><\/p>\n<p class=\"fliess\">In den Text hat Bachl einen Exkurs \u00fcber die klerikalen Weisheitsf\u00fcrsten eingestreut, angefangen bei Thomas von Aquin bis zu den heutigen theologischen Gr\u00f6\u00dfen: Der Aquinate hat die Jungfrauengeburt als ohne Schmerz und irgendwelche Verletzung beschrieben. Das Kind flog auf dem Engelsweg nach drau\u00dfen, es muss keine Enge durchleben: Inkarnation ja, aber nicht da unten. Erfahrungen sind nicht n\u00f6tig, im Zeppelin \u00fcber den Wohnungen und Ehebetten sind sich die Kleriker im Klaren. Nein. Gabriel nein, sondern Lazarus im Fleisch.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Theopoesie ist bei Bachl keine artifizielle, kunstvolle Sprache, sondern Theologie in Abbreviatur, verwandt dem sermo humilis. Deshalb sind auch seine Mundartgedichte nicht zu \u00fcbersehen. Sie sind in den <span class=\"Minion-Italic\">Gesammelten Schriften <\/span>nicht abgedruckt, weil der M\u00fchlviertler Dialekt zu fremd ist. Ich m\u00f6chte aber heute Abend als Sohn des Bayrischen Waldes, der dem M\u00fchlviertel nicht nur benachbart, sondern dem Dialekt auch verwandt ist, ein Gedicht aus der Sammlung <em><span class=\"Minion-Italic\">om bei de engl \u2013 heruntt ba de leit<\/span><\/em> zu Geh\u00f6r bringen:<\/p>\n<p class=\"fliess\">an bessan<\/p>\n<p class=\"fliess\">an aunan heagot megst<\/p>\n<p class=\"fliess\">ned oan<br \/>\ndea oanaugat abaschaut aus dd gsodlugga<br \/>\nned oan<br \/>\ndea se dazwischlegt e dein bett<br \/>\nned oan<br \/>\ndea da viapasst e de gedanga<br \/>\nned oan<br \/>\ndea se oissa gaunze drauflegt auf di<br \/>\nned oan<br \/>\ndenst ned datrestn kaunst<br \/>\nned oan<br \/>\ndea koan giatat hat mit eam sam<br \/>\nned oan<br \/>\nden sei muadda ned aus de augn lassn deaf<\/p>\n<p class=\"fliess\">an aunan heagot megst<br \/>\ni glaub das<\/p>\n<p class=\"fliess ParaOverride-31\">Bachl versteht sich in der Nachfolge Jesu: Den schweren Gott \u2013 den Kontrollgott \u2013 wegnehmen und seine Leichtigkeit sp\u00fcren lassen, mit der er Gott dasein l\u00e4sst in der Welt: \u201eJesus macht Gott leicht, anruhend am Gesch\u00f6pf mit der Ber\u00fchrung der ewig zuvorkommenden Liebe. Alle dringlichen Menschenworte sind vom guten Wort Gottes \u00fcberholt und als Gottbeschaffungsmethode \u00fcberfl\u00fcssig. Daher die Gesten der Leichtigkeit: Licht werden in der Szene auf dem Tabor, \u00fcber das Wasser gehen, die L\u00f6sung des Gebetes aus dem Leistungszwang, die Abkehr vom zehrenden Gedanken, Gott sei hungrig. Jesus entfernt Gott nicht in die Beliebigkeit, in das Glasperlenspiel, das Epikur f\u00fcr die G\u00f6tterwelt konstruiert hat, verbannt ihn gerade nicht in die Gleichg\u00fcltigkeit. Es kommt gegens\u00e4tzlich eine andere Schwere herein: Wie dieser nahen Liebe entsprechen, wie nicht an ihr verzweifeln angesichts des Weltlaufes, wie nicht dumm werden in der Lust der Zustimmung? Der Charakter der biblischen Schriften ist von diesem Spiel der Gegens\u00e4tze bestimmt, in dem der schwere Sorge-Gott leicht wird zum Liebe-Gott der Zumutungen. Da ist also gewi\u00df kein fr\u00f6hliches Buch, das in Stimmung versetzt und mit guter Laune versorgt. Aber wer die Bibel nicht nur gelesen hat, sondern ihren Weg gegangen ist, hat was zu lachen.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Schlie\u00dfen m\u00f6chte ich mit einer Erinnerung von jemandem, der Gottfried Bachl wohl am l\u00e4ngsten kennt, dem Regensburger Dogmatiker Wolfgang Beinert: Er war Kurskollege von Bachl: \u201eGottfried Bachl und ich sind am gleichen Oktobertag des Jahres 1953 ins r\u00f6mische Collegium Germanicum et Hungaricum eingetreten; am gleichen Oktobertag des Jahres 1959 standen wir am Zielpunkt jenes Schrittes, am Weihealtar in Sant\u2019 Ignazio. Mich hat mit ihm mehr als blo\u00dfe Kursgenossenschaft verbunden. Das war nicht so leicht, nicht nur deswegen, weil vom Haus aus n\u00e4here Gemeinschaft gar nicht gesch\u00e4tzt wurde, sondern vor allem an der offenkundigen Spr\u00f6digkeit seines Verhaltens. Er schien von vielem, was die anderen aufw\u00fchlte, nicht einmal ber\u00fchrt zu sein \u2013 die leibgewordene Ataraxia der Stoiker. Doch wer sich um Kontakt zu seiner Person, zu seinem Denken m\u00fchte, erkannte alsbald: Hinter der unersch\u00fctterlichen Gelassenheit verbarg sich eine leidenschaftliche, eine gl\u00fchende Gottsuche. Gott suchen, Gott finden in allen Dingen \u2013 diese ignatianische Christenweisung hat sein theologisches Wirken lebenslang bestimmt, seine Humanit\u00e4t gepr\u00e4gt. Gerade so hat er in seiner bescheidenen Zur\u00fcckgezogenheit eine nachhaltige Wirkung entfaltet. Bachl geh\u00f6rt zu den bedeutenden Christen seiner Epoche.\u201c Beinert schildert Bachl als jemanden, der mit Gott gerungen hat \u2013 vergleichbar Fridolin Stier.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Bachl war bis zum Schluss neugierig auf Gott: \u201eIch bin froh, dass ich nicht wei\u00df, wer ich bin, Gott wird es mir sagen.\u201c Deshalb lie\u00df er sich auf dem Sterbebett die Gedichte von Christine Lavant vorlesen, der dichtenden Gesinnungsgenossin aus dem Lavanttal.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Theologumena kannte er in- und auswendig, aber die Metaphern der Poesie wurden ihm zum Vorgeschmack auf die Begegnung mit Gott im Tod. Er blieb Theopoet bis zum letzten Atemzug.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Gottfried Bachl am 23. Mai 2020 starb, bat mich die Redaktion von feinschwarz um einen Nachruf. Das war f\u00fcr mich der Anlass, mich intensiver mit dem Werk von Gottfried Bachl zu besch\u00e4ftigen. 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