{"id":32095,"date":"2023-07-17T14:32:40","date_gmt":"2023-07-17T12:32:40","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=passionsspiele-kontinuitaet"},"modified":"2024-12-12T16:13:25","modified_gmt":"2024-12-12T15:13:25","slug":"kontinuitaet-und-neubeginn-im-20-jahrhundert-passionsspiele-in-allen-regionen-bayerns","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/kontinuitaet-und-neubeginn-im-20-jahrhundert-passionsspiele-in-allen-regionen-bayerns\/","title":{"rendered":"Continuity and new beginnings in the 20th century"},"content":{"rendered":"<p>Mit den Worten des Sprechers, die Sie im nachfolgenden Kasten unten finden, endet das \u201eSpiel vom Leiden und Sterben Jesu Christi\u201c, 1997 im oberpf\u00e4lzischen Tirschenreuth uraufgef\u00fchrt, das sich als einer der j\u00fcngsten Passionsspielorte in Bayern inzwischen etabliert hat. Im Herbst 2022 wird dann eine Neuinszenierung zu sehen sein, die das historische Geschehen mit einem zeitgen\u00f6ssischen Blick beleuchtet, insbesondere in Bezug auf die Figur des Judas und die \u00fcberlieferte Rolle der Frauen um Jesus. Die szenische Vergegenw\u00e4rtigung der biblischen Berichte m\u00fcndet in dieses Lob-, Dank- und Bittgebet, das mit den Pronomen \u201ewir\u201c und \u201euns\u201c die Spiel- und die Publikumsgemeinschaft einschlie\u00dft. Die Schlussverse, die Sie im zweiten Kasten lesen, schlagen den Bogen zum Prolog, wo im traditionellen Ton der Volksfr\u00f6mmigkeit die christliche Heilsbotschaft von der Errettung und Befreiung verk\u00fcndet wird. Wiederum erhalten die Aussagen des Sprechers eine publikumsbezogene Bedeutung (siehe Kasten rechts).<\/p>\n<p>Schon diese Rahmenteile \u2013 der Prolog als Bekenntnis der Gl\u00e4ubigen zum leidenden Christus und der Epilog als Dank f\u00fcr Jesu Erl\u00f6sungstat am Kreuz von Golgota \u2013 lassen den religi\u00f6sen Ernst anklingen, von dem die Auff\u00fchrung in Tirschenreuth getragen ist. Das Spiel des renommierten Theatermanns Johannes Reitmeier versteht sich als eine \u201estille\u201c Passion, die sich nicht mit den gro\u00dfen Darstellungen in Oberammergau, Erl oder Thiersee messen will. Fernab jeder Monumentalit\u00e4t m\u00f6chte der kammerspielartige \u201eBilderbogen\u201c (J. Reitmeier) leise und unspektakul\u00e4r charakteristische Momente der Leidensgeschichte zeigen.<\/p>\n<p>Als ein \u201ef\u00fcnftes Evangelium\u201c (Ludwig M\u00f6dl) ist das Passionsspiel bezeichnet worden, das die Botschaft vom Geheimnis des Kreuzes f\u00fcr die jeweilige Gegenwart zu deuten und anschaulich erfahr- und begreifbar zu machen versucht. Jede \u201ePassion\u201c hat \u2013 unabh\u00e4ngig von dem gemeinsamen Anliegen, menschliche und christliche Werte zu erhalten, zu st\u00e4rken und weiterzutragen \u2013 ihren eigenen Stil, ihre Eigenart, den biblischen Stoff zu durchdringen, ihre eigene \u00c4sthetik. Die\u00a0Tirschenreuther Passion\u00a0ist daf\u00fcr ein ganz eigenes Beispiel: Durch den gesprochenen Dialekt und eine einzigartige Erz\u00e4hlstruktur war und ist sie pr\u00e4gend auch im europ\u00e4ischen Ma\u00dfstab. Seele des St\u00fcckes ist die heimatliche Mundart der vier Evangelisten, die als Erz\u00e4hler \u201eihres\u201c Evangeliums auftreten, was der Passionshandlung eine ganz bodenst\u00e4ndige Atmosph\u00e4re verleiht. Gerade in solchen Momenten holt das Spiel\u00a0die biblischen Berichte in die Gegenwart herein und macht aus einem historischen ein gegenw\u00e4rtiges Ereignis, das die Zuschauer auf einer emotional-affektiven Ebene anspricht (siehe Kasten S. 156).<\/p>\n<h3>I.<\/h3>\n<p>In vielen Teilen des Landes bildeten sich in Bayern im 20. Jahrhundert neue Passionsb\u00fchnen. Nat\u00fcrlich waren nur kurzlebige Unternehmungen darunter, mancherorts aber entstanden starke Gemeinschaften, die sich bis in die \u00adGegenwart mit Ernst und Freude der gro\u00dfen Aufgabe des Passionsspiels widmen. Sie geben ein aktuelles Zeugnis f\u00fcr die sprichw\u00f6rtliche Spielfreude der bayerischen Bev\u00f6lkerung, die seit jeher auch und gerade in der Erz\u00e4hlung, vielleicht darf man sogar sagen: in der Verk\u00fcndigung der Leidensgeschichte jenes \u201eMannes aus Nazareth\u201c immer neue Nahrung gefunden hat.<\/p>\n<p>Jedenfalls pr\u00e4sentiert sich Bayern heute wieder als eine lebendige Passionsspiellandschaft, nachdem das geistliche Schauspiel im Zeichen barocker Fr\u00f6mmigkeit eine erste Bl\u00fcte erlebt hatte. Bekanntlich wurde diese Spielform durch die Aufkl\u00e4rung, die Verurteilung bildhaft-sinnlicher Glaubensinszenierung, der die Forderung nach rationaler Fr\u00f6mmigkeit gegen\u00fcberstand, und die entsprechenden Verbote der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Fast \u00fcberall fielen in dieser Zeit die volkst\u00fcmlichen Passionsspiele der neuen N\u00fcchternheit zum Opfer.<\/p>\n<p>Ein meist nur kurzes Aufbl\u00fchen dieser Tradition zeichnete sich in mehreren bayerischen Landschaften dann in den 1810er und 1820er Jahren ab. Im altbayerischen und schw\u00e4bischen Raum wirkte \u2013 direkt oder indirekt \u2013 zumeist Oberammergau als anregendes Vorbild. Etwa in Thaining, s\u00fcdlich von Landsberg am Lech gelegen, im Kloster Rott am Inn oder in Mittenwald zeigte man unter R\u00fcckgriff auf den Text von P. Othmar Weis \u201eDas gro\u00dfe Vers\u00f6hnungs-Opfer auf Golgatha\u201c.<\/p>\n<p>Meist jedoch scheiterte die dauerhafte Wiederaufnahme der Passionsspiele, nicht zuletzt an den Vorbehalten geistlicher und weltlicher Beh\u00f6rden, obwohl sie, gleich anderen Ausdrucksformen der Volksfr\u00f6mmigkeit, mit dem Regierungsantritt K\u00f6nig Ludwigs I. (1825) grunds\u00e4tzlich wieder erlaubt waren. Schon 1823 hatte sich das Ordinariat in M\u00fcnchen gegen die neuerlichen Auff\u00fchrungen gewandt, 1834 folgte das Verbot des Generalkommissariats des Isarkreises, der heutigen Regierung von Oberbayern. Auch im schw\u00e4bischen Raum lebte das Passionsspiel mancherorts wieder auf. Meist nur f\u00fcr kurze Zeit wie in Krumbach, wo 1816 und 1817 jeweils von Juni bis September\u00a0Leiden-Christi-Spiele\u00a0zur Auff\u00fchrung gelangten, bei denen 150 Personen mitwirkten, und in Illertissen, wo man 1821 ein kleines Passionsspiel im Schafstadel des Schlosshofes zeigte.<\/p>\n<p>Manchmal aber wurde eine neue, bis in die Gegenwart fortdauernde Spieltradition begr\u00fcndet, wie in dem kleinen Ort Waal bei Buchloe. Auch hier richtete man den Blick auf Oberammergau und verzichtete auf die Wiederauff\u00fchrung eines eigenen \u00e4lteren Textes, einer f\u00fcnfteiligen Passion mit dem Titel \u201eTraurspihl, Beteuttet die \u00fcbergrosse Liebe Gottes gegen das menschliche Geschlecht. Vorgestellt durch das Leben, Leyden und Sterben Jesu Christi. Von einer L\u00f6blichen B\u00fcrgerschaft\u201c, die sich in einer Abschrift aus dem Jahr 1792 erhalten hat. So spielte man die Passion 1815 nach einer eigens erstellten Vorlage von P. Othmar Weis, einer \u00dcberarbeitung seines Oberammergauer Textes von 1811. Die opernhafte Auff\u00fchrung fand unter freiem Himmel statt; beteiligt waren 160 Laienspieler.<\/p>\n<p>Von der ausdr\u00fccklichen Berufung auf den ber\u00fchmten Passionsspielort zeugte die starke Ausleihe dortiger Kost\u00fcme. Textlich blieb die Orientierung an Oberammergau lange Zeit bestehen. Noch die Bearbeiter des 20. Jahrhunderts, der M\u00fcnchner Schriftsteller Benno R\u00f6del (1894, 1904 und 1914) und der Waaler Pfarrer Sebastian Wieser (1921, 1928, 1938 und 1949), griffen im Wesentlichen auf die \u00e4ltere Vorlage von Othmar Weis bzw. auf die revidierte Fassung (1860) von Joseph Alois Daisenberger zur\u00fcck. Erst 1969 und 1970 wurde eine neu verfasste \u201ePassion\u201c des schw\u00e4bischen \u201eBauerndichters\u201c Alois Sailer gezeigt, nach dem Wunsch der Auftraggeber ein\u00a0\u201egottesdienstliche[s] Spiel\u201c, das sich\u00a0\u201eehrf\u00fcrchtig an die biblischen Berichte\u201c\u00a0hielt und den Spielern helfen sollte,\u00a0\u201eLeiden, Sterben und Auferstehen des Herrn den Menschen unserer Tage in kraftvoller, aber unpathetischer Sprache zu verk\u00fcnden.\u201c<\/p>\n<p>Da der erw\u00fcnschte Erfolg ausblieb, kehrte man zur bew\u00e4hrten \u2013 erbaulichen \u2013 Textvorlage des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts zur\u00fcck. Die n\u00e4chsten Jahre waren von einer Diskussion um Kontinuit\u00e4t und Erneuerung gepr\u00e4gt: Bestrebungen f\u00fcr eine Modernisierung standen starke Beharrungskr\u00e4fte entgegen. So verfasste der bekannte schw\u00e4bische Mundartdichter Arthur Maximilian Miller 1975 im Auftrag des damaligen Spielleiters Otto Kobel in Anlehnung an den Urtext von 1792 ein bodenst\u00e4ndiges Passionsspiel, das jedoch von der Spielerversammlung strikt abgelehnt wurde, weil es Dialektpassagen enthielt.<\/p>\n<p>Erst 1992 konnte dieser Text mit seiner literarisch gegl\u00fcckten Verbindung von Hochsprache und Mundart auf die B\u00fchne gebracht werden; auch 2001, 2009 und 2015 war diese\u00a0Schw\u00e4bische Passion\u00a0wieder zu sehen. In dem modernen Passionsspielhaus entfaltet sich ein an die barocke Spielkonzeption erinnerndes Spektakel, dem die sprachliche Differenzierung zus\u00e4tzliche Lebendigkeit verleiht: Jesus spricht in der Prosa der Bibel; die Schriftgelehrten, Pilatus und Herodes in barocker Manier in hochdeutschen Versen; und das Volk redet in der ihm eigenen Mundart. Das stimmungsvolle B\u00fchnenbild, das teils mit fester Kulisse, teils mit Projektion und Lichteffekten arbeitet, vertieft die Wirkung.<\/p>\n<p>Fiel und f\u00e4llt zuallermeist dem \u00f6rtlichen Laientheater die Aufgabe zu, sich der \u00dcberlieferung anzunehmen, die alten Texte zu erneuern und wiederaufzuf\u00fchren, so war im 20. Jahrhundert, vor allem in den zwanziger Jahren, zum Teil auch eine andere Entwicklung zu beobachten. Im Versuch, den Typus des mittelalterlichen Mysterienspiels m\u00f6glichst bibelgetreu wiederzubeleben, brachte der M\u00fcnchner Theatermann Hermann Dimmler mit Schauspielern des Nationaltheaters im Sommer 1920 im Herzogpark in Bogenhausen\u00a0Freilichtpassionsspiele\u00a0zur Auff\u00fchrung. Er hatte daf\u00fcr eigens ein Textbuch \u201enach dem Wortlaut der vier Evangelien\u201c verfasst (Druck um 1920\/21). Die einzigartige Naturkulisse erschien ihm als der ideale Ort f\u00fcr seine Inszenierung, w\u00e4hrend er die Enge eines konventionellen B\u00fchnenhauses mit seiner\u00a0\u201eScheinwelt aus Holz und Pappe und bemalter Leinwand\u201c\u00a0ablehnte.<\/p>\n<p>Dieses Spiel entfaltete offensichtlich eine intensive und anhaltende Wirkung. 1921 wurde die\u00a0Festspielgesellschaft f\u00fcr das katholische Deutschland\u00a0unter der Leitung des als Regisseur an der Volksb\u00fchne bekannten Alfred Lommatzsch gegr\u00fcndet, die im gesamten s\u00fcddeutschen Raum mit der\u00a0Dimmler-Passion\u00a0tourte. Dabei setzte man vor Ort jeweils auf die Beteiligung einheimischer Laienspieler. In dieser Form gelangte die\u00a0M\u00fcnchner Passion\u00a0etwa an Pfingsten 1924 in Waldm\u00fcnchen zur Auff\u00fchrung; in der Zeit des Nationalsozialismus, vom 4. bis 6. April 1936, folgte dort eine neuerliche Inszenierung, die von der Lokalpresse als \u201eweihevolle[s]\u00a0Erlebnis f\u00fcr alle Volksgenossen\u201c\u00a0angek\u00fcndigt wurde.<\/p>\n<p>Allein schon in dieser Wortwahl l\u00e4sst sich der Grund f\u00fcr das ausbleibende, obwohl eigentlich erwartbare Verbot von christlicher Religions- und Glaubens\u00e4u\u00dferung erahnen. Durch die antisemitischen Z\u00fcge, die der Spieltext aufweist, boten sich durchaus Ankn\u00fcpfungspunkte zur nationalsozialistischen Ideologie, weshalb die neuen Machthaber die Initiatoren des religi\u00f6sen Spektakels gew\u00e4hren lie\u00dfen. Wie die Auff\u00fchrung verstanden werden konnte \u2013 und wohl auch sollte, offenbart eine Besprechung im\u00a0Waldm\u00fcnchener Grenzboten: Darin wurde auf die integrative Kraft des Spiels verwiesen, die eine (Glaubens- und Werte-)Gemeinschaft formen, erhalten und st\u00e4rken mochte, bei gleichzeitiger Ausgrenzung j\u00fcdischer Mitb\u00fcrger.<\/p>\n<p>Nicht \u00fcberraschend ist es daher, dass sogar w\u00e4hrend des Krieges gespielt wurde, etwa 1940 in Cham. Noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in den Jahren 1947\/48, z\u00e4hlte dieses\u00a0Passions-Spiel\u00a0zu den meistaufgef\u00fchrten St\u00fccken in Bayern, und auch sp\u00e4ter war seine Wirkung lange ungebrochen, wie Inszenierungen 1951 im unterfr\u00e4nkischen Hofheim und 1966 in der Pfaffenhofener Stadtpfarrkirche St. Johann Baptist zeigen.<\/p>\n<h3>II.<\/h3>\n<p>Zur Neubegr\u00fcndung einer Passionsspieltradition f\u00fchrte im 20. Jahrhundert mancherorts die Leitidee, einen Gegenpol religi\u00f6ser Erneuerung zu den Ersch\u00fctterungen der Zeit zu setzen. Auch in Neumarkt in der Oberpfalz hatte das religi\u00f6se Theaterspiel, dessen Anf\u00e4nge in die Barockzeit zur\u00fcckreichen, mit der Aufkl\u00e4rung am Ausgang des 18. Jahrhunderts ein vorl\u00e4ufiges Ende gefunden. 1901 riefen Mitglieder des Katholischen Gesellenvereins die Erinnerung an diese Tradition wieder wach und stellten im alten Kolpinghaus vier Szenen der Leidensgeschichte Jesu \u2013 Letztes Abendmahl, Fu\u00dfwaschung, Gebet am \u00d6lberg und Kreuzigung \u2013 in Form von \u201eLebenden Bildern\u201c mit gesanglicher Begleitung nach. Spiele im eigentlichen Sinn gab es erst zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Nach seiner gl\u00fccklichen Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg keimte im damaligen Senior des\u00a0Neumarkter Kolpingsvereins\u00a0die Idee, das Leiden des Herrn in der Pfalzgrafenstadt wieder in einem \u201egeschlossenen Spiel\u201c vorzustellen. Mit einer Neudichtung, einem in Blankversen verfassten Text \u201enach Oberammergauer Vorbild\u201c aus der Feder des Katecheten German Mayr, begann 1922 die neue, bis in die Gegenwart reichende Tradition.<\/p>\n<p>Offenbar antwortete die\u00a0Neumarkter Passion\u00a0auf die religi\u00f6sen und seelischen Bed\u00fcrfnisse der Zeit, denn alle zehn Auff\u00fchrungen zwischen Ostermontag und Christi Himmelfahrt waren ausverkauft, und aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage folgte schon im Herbst eine zweite Spielperiode mit 13 Vorstellungen, wiederum unter gro\u00dfem Publikumszuspruch.\u00a0\u201eDas Spiel hatte seine Wirkung nicht verfehlt\u201c, res\u00fcmierte der Chronist.\u00a0\u201eSo mancher hatte den Weg zur Kirche und zu Christus zur\u00fcckgefunden, was schlie\u00dflich auch der sch\u00f6nste Dank und Lohn f\u00fcr die Spieler war.\u201c<\/p>\n<p>Die Begeisterung, die Anteilnahme und die sp\u00fcrbare innere Ergriffenheit von Mitspielern und Besuchern lie\u00dfen eine rasche Fortf\u00fchrung erwarten, aufgrund widriger Umst\u00e4nde und schwieriger Zeitl\u00e4ufte gelangte die\u00a0Neumarkter Passion\u00a0jedoch erst 1959 und 1964 wieder auf die B\u00fchne. Wegweisenden Charakter hatten die \u00dcberlegungen des 2. Vatikanischen Konzils (1962\u20131965) im Blick auf eine Erneuerung der Textgestaltung und Inszenierung. Nach gr\u00fcndlicher Textrevision durch den damaligen Stadtpfarrer Kaspar Hirschbeck, der den Spieltext insbesondere von antij\u00fcdischen Ankl\u00e4ngen befreit hatte, wurde die\u00a0Neumarkter Passion\u00a01984 erneut aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Seit 1989 bringt die Spielgemeinschaft die Botschaft vom Geheimnis des Kreuzes nun in einem 10-Jahres-Rhythmus auf die B\u00fchne. Zuletzt im M\u00e4rz und April 2019 mit 18 Auff\u00fchrungen, erstmals unter professioneller Regie (Michael Ritz) \u2013 eine spektakul\u00e4re Neuauflage mit \u00fcber 500 Mitwirkenden<br \/>\nauf und hinter der B\u00fchne und einem weit \u00fcber 100-k\u00f6pfigen Chor, mit Licht- und Musikeffekten, die das Publikum in die Zeit der Handlung versetzten und der Auff\u00fchrung eine \u2013 im positiven Wortsinn \u2013 \u201eeigen-t\u00fcmliche\u201c Atmosph\u00e4re verliehen.<\/p>\n<p>In das Heilige Jahr 1933 f\u00e4llt die Geburtsstunde der\u00a0Fr\u00e4nkischen Passionsspiele\u00a0von S\u00f6mmersdorf bei Schweinfurt. Zu verdanken sind sie letztlich der Spielfreude einiger Laiendarsteller bei der Theatergruppe des M\u00e4nnergesangvereins und der unerm\u00fcdlichen Tatkraft des jungen Volksschullehrers, Organisten und Gemeindeschreibers Guido Halbig. M\u00f6glicherweise aber wirkten, wie die Historiker vermuten, auch hier noch die traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges nach, die vielen Menschen einen neuen, pers\u00f6nlicheren Zugang zur Leidensgeschichte Jesu er\u00f6ffneten und zur B\u00fchnenbegegnung mit der christlichen Passion herausforderten (Jochen Ramming).<\/p>\n<p>Halbig fand in W\u00fcrzburg eine passende Textvorlage, die dort im M\u00e4rz 1918 unter bisch\u00f6flicher Schirmherrschaft zur Auff\u00fchrung gebracht worden war. Dabei handelte es sich wohl um die sp\u00e4ter oft als\u00a0Fa\u00dfnacht\u2019sche Passion\u00a0bezeichnete Fassung, ein von den Br\u00fcdern Adolph und Georg Fa\u00dfnacht in Freiburg (1921) inszeniertes Passionsspiel \u201ein der Art eines Mysterien-Spiels\u201c, das auch die Grundlage f\u00fcr eine Filmproduktion war, mit der die Gebr\u00fcder Fa\u00dfnacht in den Vereinigten Staaten auf Tournee gingen.<\/p>\n<p>Im Gastgarten des Dorfwirtshauses fanden unter Mitwirkung von 70 erwachsenen Spielern 1933 und 1934 erfolgreiche Spielzeiten statt, bereits 1935 untersagte jedoch das nationalsozialistische Regime weitere Vorstellungen in S\u00f6mmersdorf. Erst Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Vereinsleben wieder aufbl\u00fchte, erlebte auch die Spielt\u00e4tigkeit einen Neubeginn, so dass 1957 die erste Nachkriegspassion im M\u00fcnsterholz am Ortsrand gespielt werden konnte, auf einer eigens errichteten Freilichtb\u00fchne mit Zuschauerraum, der seinerzeit 1800 Besuchern Platz bot. Die Gr\u00fcndung einer Passionsspielvereinigung (1956) und deren Beitritt zu mehreren Theaterverb\u00e4nden, darunter der Bund Deutscher Amateurtheater, verhalfen den\u00a0Fr\u00e4nkischen Passionsspielen S\u00f6mmersdorf\u00a0(seit 1961) zu Kontinuit\u00e4t. Seit 1968 hat sich ein F\u00fcnf-Jahres-<br \/>\nRhythmus eingeb\u00fcrgert.<\/p>\n<p>Hunderte von Mitwirkenden \u2013 allesamt Einwohner des kleinen Ortes \u2013 auf und hinter der B\u00fchne machen die Passion zu einem religi\u00f6sen Volksschauspiel im eigentlichen Sinn. Die professionelle Regie (Marion Beyer, Hermann J. Vief) ist bem\u00fcht, Bew\u00e4hrtes zu erhalten, dabei gleichzeitig neue Horizonte zu er\u00f6ffnen. Seit 2013 wird die emotionale Wirkung der Szenen \u2013 die den dramaturgischen Dreischritt von \u201eHosanna \u2013 Ecce Homo \u2013 Halleluja\u201c vollziehen \u2013 durch eine eigens komponierte B\u00fchnenmusik verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Unzweifelhaft hat S\u00f6mmersdorf sich inzwischen einen wichtigen Platz in der bayerischen Passionsspiellandschaft erobert. 2020 erfolgte sogar die Aufnahme in das Bayerische Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO als ein \u201eein Zeichen der Wertsch\u00e4tzung und Anerkennung f\u00fcr den pers\u00f6nlichen Einsatz im Zusammenhang mit dem Erhalt und der Weitergabe von Traditionen. Dieses Engagement ist Ausdruck gelebter Heimatverbundenheit und leistet einen wertvollen Beitrag zum Erhalt der kulturellen Vielfalt in Bayern.\u201c<\/p>\n<p>Und doch ist die Motivation der Menschen in S\u00f6mmersdorf breiter. Ihnen geht es eben nicht nur um den Erhalt eines kulturellen Wertes bzw. um Kultur- und Gemeinschaftsarbeit, sondern auch darum, einem breiten Publikum die befreiende und anregende Botschaft Jesu zu vermitteln.<\/p>\n<p>Der Versuch, dem gemeindlichen Leben neue Impulse zu geben, stand am Anfang der Passionsspiele in Altm\u00fchlm\u00fcnster (Ortsteil von Riedenburg). Ein Mitglied des Pfarrgemeinderats hatte die Idee, die Menschen der Region durch gemeinsame Theaterarbeit wieder zu einer Einheit zusammenzuf\u00fchren. Mit gro\u00dfer Spielbegeisterung brachten die Pfarrbewohner das zentrale Glaubensgeheimnis erstmals 1983 in faszinierenden Bildern auf die Kirchenb\u00fchne, 1984 bis 2017 folgten sieben weitere Spielreihen, f\u00fcr die Fastenzeit 2023 ist eine neue Inszenierung geplant. Zwar ist die Spielfreude ein nicht zu untersch\u00e4tzender Antrieb f\u00fcr die d\u00f6rfliche Theaterpraxis, doch legen die Mitwirkenden des ernsten Spiels damit gleichzeitig Zeugnis und Bekenntnis zu Christus ab.<\/p>\n<p>Als intensives Erlebnis der Fastenzeit, als \u201eGlaubensbekenntnis\u201c verstand auch die niederbayerische Gemeinde Saal an der Donau ihr Passionsspiel, das 1986, 1992 und 2004 vom Passionsspielkreis, mehr als 130 Laiendarstellern aus beiden christlichen Konfessionen, gemeinsam mit den Kirchench\u00f6ren und dem Liederkranz in der Christk\u00f6nigskirche zur Auff\u00fchrung gebracht wurde. Das volkst\u00fcmliche Spiel zeigte die Leidensgeschichte Jesu Christi in einer Folge von zehn Szenengruppen vom Einzug in Jerusalem bis zu Kreuzabnahme und Beweinung Jesu.<\/p>\n<p>Den Text schrieben Spielleiter Peter Buberger und Regisseur Klaus Kern. Die psychologische Motivation menschlicher Handlungen tr\u00e4gt dem Empfinden des zeitgen\u00f6ssischen Zuschauers Rechnung. Besonders eindr\u00fccklich pr\u00e4sentiert das Spiel so zum Beispiel die unterschiedlichen Reaktionen und Verhaltensweisen von Petrus, der seinen Verrat, die dreimalige Verleugnung, zutiefst bereut, dabei jedoch nicht seinen Glauben an die Gnade Gottes verliert, und von Judas, der \u00fcber seine Tat verzweifelt: \u201eSoll ich noch l\u00e4nger dieses Marterleben hinschleppen? Diese Qualen in mir tragen?? Nein! Keinen Schritt mehr weiter. Hier und heute will ich dieses verfluchte Leben beenden!!\u201c<\/p>\n<p>Seit 1996 erinnert in Saal ferner eine \u2013 in Ostbayern einmalige \u2013 Bilderprozession am Palmsonntag, bei der lebensgro\u00dfe Holzfiguren auf Tragegestellen mitgef\u00fchrt werden, an die Leidens- und Erl\u00f6sungsgeschichte Jesu Christi. Dabei verschmelzen Prozessionsteilnehmer und Zuschauer zu einer Glaubensgemeinschaft.<\/p>\n<h3>III.<\/h3>\n<p>Die Wandlungs- und Anpassungsf\u00e4higkeit von Passionsspielen zeigt ein Spiel aus der Feder des Heimatdichters Theo Schaumberger, das 1988, 1989 und 2010 in der Wallfahrtskirche Maria Hilf im oberpf\u00e4lzischen Fuchsm\u00fchl aufgef\u00fchrt wurde. Nat\u00fcrlich richtet sich auch hier der Blick auf die letzten Stunden im Leben Jesu, jedoch nun v\u00f6llig aus der Perspektive des Judas. Die geschickt in die Handlung verstreuten Monologe und Dialoge sowie zwei Zwischenspiele kennzeichnen den qualvollen Weg des J\u00fcngers vom gl\u00fchenden Verehrer seines Meisters zum Verr\u00e4ter und schlie\u00dflich zum Gequ\u00e4lten und Verzweifelnden.<\/p>\n<p>In dieser \u2013 psychologisch geschickten \u2013 Personenzeichnung ger\u00e4t Judas zur dominierenden Gestalt des B\u00fchnengeschehens. So erf\u00e4hrt auch die Reue \u00fcber seine Tat, \u00fcber die das Matth\u00e4usevangelium kurz berichtet (Mt. 27,3\u20135), durch den Autor eine breite Darstellung, um dem menschlichen Schwanken zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, dem Kampf zwischen Einsicht, Wollen und K\u00f6nnen Gestalt zu verleihen. Trotz der Heilsbotschaft, die ihm Simon von Cyrene als positive Gegenfigur vermittelt, findet er letztlich keinen Frieden, fehlt ihm doch der Glaube an die g\u00f6ttliche Vergebung.<\/p>\n<p>Mit dem St\u00fcck \u201eDie letzten Stunden und die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus\u201c aus der Feder von Michael Sellner wurde im August 2005 die geistliche Spielkultur in Perlesreut im Bayerischen Wald, die ins 17. Jahrhundert zur\u00fcckreicht, wieder zum Leben erweckt. Mehr als 100 Laiendarsteller erf\u00fcllen die 16 Szenen mit Leben. Von Beginn legte man einen besonderen Akzent auf die Musik, 2018 wurden die Schauspieler erstmals live von einer Rockband begleitet, was eine au\u00dferordentlich spannungsgeladene Atmosph\u00e4re erzeugte.<\/p>\n<p>Der k\u00fcnstlerische Leiter Klaus Wegerbauer sah in dieser Art der Inszenierung, die sich der popul\u00e4ren Form des Musicals bediente, einen modernen und zeitgem\u00e4\u00dfen Weg, um das Publikum direkt in den Bann zu ziehen. Der szenische Bogen reicht vom Einzug in Jerusalem bis zur Verk\u00fcndigung der Auferstehung, wobei der Akzent insbesondere auf menschlichen Regungen, Gef\u00fchlen und Handlungen liegt: auf Feigheit und Furcht (Verleugnung des Petrus), Gleichg\u00fcltigkeit und Opportunismus (Pilatus), Hochmut und Spott (Herodes), aber auch auf Beistand und Mitgef\u00fchl (Simon von Cyrene), Wohlt\u00e4tigkeit und Hilfsbereitschaft (Joseph von Arimath\u00e4a).<\/p>\n<p>Das neu erwachte Interesse am Passionsspiel in Bayern hat im 20. Jahrhundert auch immer wieder zu Spielen und Texten des 16. bis 18. Jahrhunderts zur\u00fcckgef\u00fchrt. Nicht selten ist es kultur- und literaturwissenschaftliches, mitunter auch lokalhistorisches Interesse im Zusammenhang mit einem anstehenden Jubil\u00e4um, das die Wieder- und zum Teil Neuentdeckung von \u00e4lteren Spieltexten, ihre Wiederauff\u00fchrung, manchmal auch die Wiederbelebung einer erloschenen Passionsspieltradition bef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>So reicht die Ausstrahlungskraft eines Passionsdramas, das der ber\u00fchmte Meister des Knittelverses aus N\u00fcrnberg, Hans Sachs, im Jahr 1558 verfasste und zwei Jahre sp\u00e4ter im Druck ver\u00f6ffentlichte, bis in die Gegenwart. Sachs, ein engagierter Anh\u00e4nger Martin Luthers, hat dieses St\u00fcck, das er dem Rat der Stadt Amberg widmete, trotz der bekannten Vorbehalte des Reformators gegen\u00fcber der Passionsfr\u00f6mmigkeit der sp\u00e4tmittelalterlichen Papstkirche geschrieben.<\/p>\n<p>Ob \u201eDer gantz Passion\u201c, der nach dem Titel \u201evor einer Christlichen Gemain zu spilen\u201c war, schon damals in der kurf\u00fcrstlichen Haupt- und Residenzstadt der Oberen Pfalz zur Auff\u00fchrung gelangte, ist nicht \u00fcberliefert. Erst mehr als 400 Jahre sp\u00e4ter war es soweit. In einer modernisierten Fassung, die 1955 in der Reihe\u00a0Christliche Gemeindespiele\u00a0des in M\u00fcnchen ans\u00e4ssigen Christian-Kaiser-Verlags erschienen war, brachte die Theatergruppe des Amberger Max-Reger-Gymnasiums das Passionsspiel anl\u00e4sslich des 950-j\u00e4hrigen Stadtjubil\u00e4ums 1984 in der Paulanerkirche auf die B\u00fchne.<\/p>\n<p>Dieses Schulspiel war von vornherein nicht auf Wiederholung angelegt. Dagegen konnte 1985 im Fr\u00e4nkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim eine neue Tradition begr\u00fcndet werden. Jeweils am Karfreitag wird dort die Sachs-Passion in sieben Akten eindrucksvoll in Szene gesetzt durch die Theatergruppe\u00a0Marktbergel\u00a0und die\u00a0Bad Windsheimer S\u00e4nger. Der Museumsh\u00fcgel ger\u00e4t zum Berg Golgota, beim gemeinsamen Aufstieg werden die Zuschauer als \u201eVolk\u201c in das Spiel der Laiendarsteller mit einbezogen und sind pl\u00f6tzlich Teil der Menschenmenge, die \u201eKreuziget ihn!\u201c ruft. Das Spiel vor alten, denkmalgesch\u00fctzten Bauernh\u00e4usern gibt der Darbietung einen ausgesprochen archaischen Charakter, die musikalische Begleitung verleiht dem Geschehen eine immense Dichte an Emotion.<\/p>\n<p>Kurz erw\u00e4hnt sei auch ein barocker Passionsspieltext aus Altom\u00fcnster, der in einer Reinschrift unter dem Titel\u00a0Passio Domini nostri Jesu Christi\u00a0im Klosterarchiv erhalten geblieben ist. F\u00fcr die zeitgem\u00e4\u00dfe Spielfassung 1988 sorgte der aus dem Ort stammende Historiker und Hochschullehrer Wilhelm Liebhart. Bei der Inszenierung in der Klosterkirche Altom\u00fcnster durch den Musikwissenschaftler Klaus Haller, der auch die Passionsmusik im barocken Oratorienstil komponierte, verzichtete man angesichts des nur unvollst\u00e4ndig \u00fcberlieferten Textes bewusst auf die Kreuzigung und lie\u00df das Spiel im Stil der alten Karfreitagsumg\u00e4nge in eine von Chorgesang begleitete Kreuzprozession aller Mitwirkenden m\u00fcnden.<\/p>\n<p>Auch in Freising erinnerte man sich an die eigene Spieltradition, setzte dabei aber einen besonderen Akzent. Auf die B\u00fchne brachte man im Jahr 1998 n\u00e4mlich das bedeutendste Zeugnis barocken Benediktinertheaters in Bayern. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 300. Gr\u00fcndungsjubil\u00e4um der bisch\u00f6flichen Hochschule am Marienplatz erlebte die ber\u00fchmte Rosner-Passion, 1750 f\u00fcr Oberammergau verfasst und bereits 1761 und 1763 auch in Freising aufgef\u00fchrt, als P. Ferdinand Rosner als Rhetorikprofessor am dortigen Lyceum wirkte, eine moderne Inszenierung durch die Theatergruppe\u00a0WerkSt\u00fcck\u00a0der Volkshochschule Freising.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck wurde in stark gek\u00fcrzter Form gezeigt. Als Textgrundlage diente die Bearbeitung von Alois Fink f\u00fcr die ber\u00fchmte Probeauff\u00fchrung in Oberammergau 1977, mit Blick auf die ohnehin hohen Anforderungen an die Laiendarsteller nun nochmals verschlankt vom Spielleiter Diethart Lehrmann. In den Jahren 2000 und 2010 wurde die Rosner-Passion in Freising wiederholt, jeweils in der Fastenzeit und damit im Vorfeld der Oberammergauer Spiele, was einen interessanten Vergleich zwischen dem Daisenberger-Text des 19. Jahrhunderts und dem barocken Vorg\u00e4ngerst\u00fcck erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p>Selbst im 21. Jahrhundert sind Wiederentdeckungen barocker Spieltexte m\u00f6glich. In Weilheim brachte das Jubil\u00e4umsjahr 2010, die Feier zur 1000-j\u00e4hrigen Erstnennung der Stadt, eine gro\u00dfartige Neuinszenierung der beiden Passions- und Auferstehungsspiele aus der Feder des Weilheimer Stadtpfarrers Johann \u00c4lbl aus den Jahren 1600 bzw. 1615. Im 17. und 18. Jahrhundert sind in gr\u00f6\u00dferer Zahl Auff\u00fchrungen der\u00a0Tragoedia Passionis\u00a0und der\u00a0Comedia Resurrectionis Domini\u00a0\u00fcberliefert, bis die Aufkl\u00e4rung diesen frommen Spielen ein Ende bereitete.<\/p>\n<p>Nach 238 Jahren Spielpause kamen nun 2010 die beiden St\u00fccke erneut auf die B\u00fchne, die Darsteller entstammten wie einst der Weilheimer Bev\u00f6lkerung. Selbst in der gek\u00fcrzten und vorsichtig modernisierten Fassung von Regisseurin Yvonne Brosch und Ausstatter Andreas Arneth verlor die kraftvolle, oft humorvoll-derbe Sprache des Textes nichts von ihrer urspr\u00fcnglichen Wucht, wussten die originellen Einf\u00e4lle des barocken Autors auch den heutigen Zuschauer zu beindrucken. Der im Zusammenhang mit der Wiederauff\u00fchrung formulierte Wunsch, den sprachgewaltigen Text nicht erneut in Vergessenheit geraten zu lassen, hat sich bislang allerdings nicht erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Eine neue Passionsspieltradition ist hingegen im oberpf\u00e4lzischen Kemnath begr\u00fcndet worden. Den Ansto\u00df gab die 975-Jahr-Feier der Stadt. Ein \u00e4lteres Spielzeugnis, die Passion Comedi von 1731, die bis 1770 allj\u00e4hrlich auf dem Marktplatz aufgef\u00fchrt worden war, lag im Bisch\u00f6flichen Zentralarchiv Regensburg. Die Neufassung des barocken Textes mit einer behutsamen sprachlichen Modernisierung wurde 1983 ein gro\u00dfer Erfolg, der den Entschluss zur Fortf\u00fchrung in einem 5-Jahres-Rhythmus bewirkte. Nach der urspr\u00fcnglichen Reduzierung des Spieles auf f\u00fcnf Szenen \u2013 Spielende bildete 1983 das Todesurteil \u00fcber Jesus \u2013 erweiterte man die Passion 1988 um Kreuzweg und Kreuzigung, 2003 erg\u00e4nzt um eine eigens verfasste Szene des Abendmahls, die im Urtext fehlt.<\/p>\n<p>Wesentlicher Bestandteil der\u00a0Kemnather Passion\u00a0ist die Musik. Sie unterstreicht die Handlung auf der Passionsb\u00fchne und verleiht ihr eine tiefere Dimension, indem sie starke Emotionen wie die Trauer Mariens beim Abschied in Bethanien, die Fassungslosigkeit angesichts von Jesu Tod am Kreuz, aber auch im Schlussst\u00fcck\u00a0Pie Jesu\u00a0von Andrew Lloyd Webber das tiefe Vertrauen auf das ewige Leben zum Ausdruck bringen. Wieder zu sehen sein wird die Kemnather Passion im Jahr 2025. Und auch dann wird der Epilog-Sprecher mit Blick auf das hingebungsvolle Opfer Jesu den Zuschauern wieder zu bedenken geben. \u201eDenn im Vertrauen auf Gott hat er sein Leiden getragen und tr\u00e4gt auch unser Leben.\/H\u00f6re! Und lebe in diesem Vertrauen: Gott verl\u00e4sst dich nicht!\u201c<\/p>\n<h3>IV.<\/h3>\n<p>Die genannten Beispiele zeigen, dass Passionsspiele auch und gerade im 20. Jahrhundert kein kirchliches Spektakel und auch weit mehr als ein frommes Theater sind. Im Tiefsten sind sie Verk\u00fcndigung und Gebet, Fundament f\u00fcr eine tragf\u00e4hige Gemeinschaft. Jede\/jeder der Darstellerinnen und Darsteller kann erfahren, welche intensive geistliche Erfahrung das Passionsspiel f\u00fcr sie oder ihn ist. Und vielleicht gelingt es, einen kleinen Funken von der B\u00fchne in die Zuschauerreihen \u00fcberspringen zu lassen und diese Werte und Ideen einem gr\u00f6\u00dferen Publikum zu vermitteln.<\/p>\n<p>Die Passionsspiele sind eine hervorragende Hinf\u00fchrung auf die wahre Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn (Bischof Rudolf Voderholzer). Nur der Glaube als Triebkraft lie\u00df diese Spiele eine so lange Zeit \u00fcberdauern, und zwar angesiedelt in einem fruchtbaren Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Kontinuit\u00e4t und Modernisierung, zwischen R\u00fcckblick und Neubeginn. Eine lebendige Passionsspiellandschaft wird immer da entstehen oder k\u00fcnftig entstehen k\u00f6nnen, wo die M\u00f6glichkeit besteht, Anderes zu integrieren, Kontroverses zu diskutieren und Neues auszuprobieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit den Worten des Sprechers, die Sie im nachfolgenden Kasten unten finden, endet das \u201eSpiel vom Leiden und Sterben Jesu Christi\u201c, 1997 im oberpf\u00e4lzischen Tirschenreuth uraufgef\u00fchrt, das sich als einer der j\u00fcngsten Passionsspielorte in Bayern inzwischen etabliert hat. 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