{"id":32195,"date":"2023-07-17T14:34:02","date_gmt":"2023-07-17T12:34:02","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=erwin-pfrang-bildwelt-regt-zum-dialog-an"},"modified":"2025-01-09T11:31:39","modified_gmt":"2025-01-09T10:31:39","slug":"erwin-pfrang-seine-bildwelt-regt-zum-dialog-an","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/erwin-pfrang-seine-bildwelt-regt-zum-dialog-an\/","title":{"rendered":"Erwin Pfrang: Seine Bildwelt regt zum Dialog an"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"_idGenDropcap-6\">A<\/span>usgehend von der gro\u00dfz\u00fcgigen Schenkung des Gem\u00e4ldes\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Einzug Christi in Deutschdachau<\/span>\u00a0an die Katholische Akademie durch SKH Herzog Franz von Bayern, anl\u00e4sslich seines R\u00fcckzugs aus deren Leitungsgremium, entstand die zutiefst beindruckende\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Erwin-Pfrang-<\/span>Ausstellung. Im Fokus liegen die seit der R\u00fcckkehr des K\u00fcnstlers 2010 aus Italien nach Deutschland in seinem st\u00e4ndigen Wohnsitz in Berlin entstandenen Werke der letzten Jahre.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Was ist das Thema?<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Erwin Pfrang ist kein K\u00fcnstler lautstarker Gesten, seine Werke dringen jedoch tief ins Bewusstsein des Betrachters ein, lassen ihn, wenn er sich \u00f6ffnet, nicht mehr los. Seine Bildwelt regt zum Dialog an, zur Auseinandersetzung mit existentiellen Grundfragen. Aus einer bewusst gew\u00e4hlten Au\u00dfenseiterposition heraus, entstehen bildnerische Formulierungen, die sich in ihrer inhaltlichen und formalen Unangepasstheit gegen alle herrschenden Trends richten und damit indirekt ein durchaus subversives, weil gegen jede g\u00e4ngige Konvention gerichtetes Potential enthalten. Von gro\u00dfer Tragweite war und ist in diesem Zusammenhang die bereits in Pfrangs Jugend einsetzende Auseinandersetzung mit James Joyce, deren anhaltende Bedeutung er f\u00fcr sich Jahre sp\u00e4ter pr\u00e4zise auf den Punkt bringt: Am Ende sei es nicht das F\u00fcndigwerden oder Antworten-Finden, das ihn dauerhaft an die Lekt\u00fcre fesselt, sondern das Gefragtsein, nicht das kleine Ankommen und Begreifen, sondern das lange Irren, ja Auf-der-Strecke-Bleiben. Mit anderen Worten: in der M\u00fche, die wir aufs Verstehen verwenden, finden wir unseren Lohn, nicht im Verstehen selbst. Joyce erfand neue literarische Techniken, einen ungew\u00f6hnlichen Sprachduktus, eine Vielzahl neuer W\u00f6rter und fasste Ger\u00e4usche, Ger\u00fcche, Stimmungen lautmalerisch in Worte, entwickelt innere Monologe, Bewusstseinsstr\u00f6me. Mit<span class=\"CharOverride-7\">\u00a0Stream of Consciousness\u00a0<\/span>wird in der Literaturwissenschaft ja eine Erz\u00e4hltechnik charakterisiert, die die ungeordnete Folge von Bewusstseinsinhalten ihrer Protagonisten wiedergibt. Der Terminus geht auf den amerikanischen Psychologen und Philosophen William James, 1842-1910, zur\u00fcck. Die Texte von Joyce verbinden die jeweils individuelle Wahrnehmung der Wirklichkeit seiner Figuren mit der realen Wirklichkeit, durch die sie gehen, ein Ansatz, der Pfrangs bildnerischem Denken entspricht.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Ausstellung vermittelt in ihrer Werkauswahl konzentriert grundlegende Gedankeng\u00e4nge im Oeuvre dieses ebenso ungew\u00f6hnlichen wie faszinierenden K\u00fcnstlers: Zum einen richtet sich der intensive Blick einleitend auf das 1996 entstandene Bild<span class=\"CharOverride-7\">\u00a0Einzug Christi in Deutschdachau<\/span>, (Abb.1), um dann punktuell an einigen Beispielen aus der Zeit bis 2010 markante, in Italien getroffene bildnerische Entscheidungen zu er\u00f6rtern, die den inneren Klang der Bildwelt des K\u00fcnstlers mitpr\u00e4gen. Diesen, nach der R\u00fcckkehr aus Italien in Berlin entstandenen Werken \u2013 mit einem Fokus auf denen der letzten drei Jahre \u2013 widmet sich der Hauptteil. Gibt es zwischen dem erstgenannten Werk und denen der beiden letzten Dekaden trotz aller drastischen formalen, farblichen und sogar atmosph\u00e4rischen Unterschiede nicht dennoch einige sie alle eng verzahnende Gemeinsamkeiten? Bedr\u00e4ngende, einen nicht loslassende Bilder hier wie dort! Schier unertr\u00e4gliche, in alle Richtungen ausstrahlende, physische Grausamkeit im ersten Beispiel, grenzenlose Einsamkeit, Abgeschiedenheit, Distanz und angespannte, in den Ohren hallende Stille in den sp\u00e4teren Werken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Werkbeispiele<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">In der Kreuzigungsszene von\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Einzug Christi in Deutschdachau<\/span>\u00a0wird der Kopf des Sterbenden von einer ungesund in gelb-br\u00e4unlich gehaltenen Figur brutal aufgebohrt. Das Mordwerkzeug erinnert an einen professionellen Flaschen\u00f6ffner. Der Gekreuzigte scheint sich mit einer weiteren Gestalt zu verbinden, die einen gro\u00dfen Fu\u00df abwehrend nach vorne schiebt und mit einer riesigen Hand anlockend auf sich weist. Oder ist es Christus selbst, der die Phasen vom unendlichen Schmerz, der Kreuzigung und der Erl\u00f6sung im Tod in sich zusammen vereint? Kreuz und Figur sind rot, unnat\u00fcrlich fleischfarben, grau und immer wieder schwarz konturiert. Das Kreuz ist vor einem rot-blauen Hintergrund aufgerichtet, der in seinen blauen Partien wie eine eingekachelte Wand wirkt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Es herrscht eine k\u00fcnstliche Atmosph<span lang=\"ar-SA\">\u00e4<\/span>re, die dominanten Partien in Rot und Blau \u2013 in der klassischen Ikonographie die Farben der Jungfrau Maria \u2013 verst<span lang=\"ar-SA\">\u00e4<\/span>rken den ebenso kr<span lang=\"ar-SA\">\u00e4<\/span>nklichen wie ambivalenten Gesamtklang. Die Darstellung pendelt zwischen pathologischer Aggressivit\u00e4t und k\u00fchler Demonstration eines Verbrechens.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wie deutlich die in\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Einzug Christi in Deutschdachau<\/span>\u00a0formulierte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, dem Grauen des Holocaust, aber auch Themen wie Isolation, Alleinsein, menschliches Mit- und Gegeneinander pr\u00e4sent und pr\u00e4gend blieben und nur eines vom Zufall gesteuerten Ansto\u00dfes bedurften, um f\u00fcr den K\u00fcnstler wieder unmittelbar bildlich wirksam zu werden, zeigen eindringlich die direkt oder indirekt mit dem Kinderarzt und Widerstandsk\u00e4mpfer Georg Benjamin, der 1942 im KZ Mauthausen umkam, in Verbindung stehenden, um 2019\/20 entstandenen Werke.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CharOverride-7\">Heizungskeller<\/span>, 2019, (Abb. 2) zeigt ein Verlies mit glatten, fast rutschig wirkenden Wand- und Bodenfl\u00e4chen ohne r\u00e4umliche Struktur. Es vermittelt unmissverst\u00e4ndlich das Gef\u00fchl, hier nicht lange atmen, es nie wieder verlassen zu k\u00f6nnen. Die Figuren sind in unterschiedlichen Formen der Verzerrung, die einer Entindividualisierung gleichkommt, unentrinnbar in eine qu<span lang=\"ar-SA\">\u00e4<\/span>lende Zust<span lang=\"ar-SA\">\u00e4<\/span>ndlichkeit eingebunden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese mangelnde Verortung im Raum wurde schon fr\u00fcher zu einem wichtigen formalen Darstellungsmittel in Pfrangs Werk, so auch in\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Il caff\u00e8 \u00e8 pronto<\/span>, 2013, (Abb. 3): Es gibt keine durchlaufende Komposition, keine einheitlichen Proportionen, keine selbstverst\u00e4ndlichen Beziehungen zueinander. Ausgehend vom Kaffeetisch im Zentrum wird alles tendenziell zu den Bildr\u00e4ndern hingezogen. Die um den Tisch herumsitzende Gesellschaft wirkt traurig, v\u00f6llig in sich selbst zur\u00fcckgezogen und ohne einen Ansatz zwischenmenschlicher Beziehung. Der einzige positive Moment klingt in dem Jungen vorne rechts im gestreiften Hemd an, der gemeinsam mit einem gro\u00dfen Hund erwartungsvoll nach au\u00dfen, in eine \u00c4nderung versprechende Zukunft blickt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der Untergrund, auf dem das alles geschieht, zieht sich leicht gekippt nach oben. Man bef\u00fcrchtet, von ihm abzurutschen. Im oberen Teil wird er von einem senkrecht gegliederten, kaum durchl\u00e4ssigen Verschlag, sowie rechts einer riesigen m\u00e4nnlichen Figur abgegrenzt. Die Situation gleicht einem Alptraum, in dem sich niemand mit niemandem in W\u00e4rme, geschweige denn Herzlichkeit zu verbinden vermag, sondern jeder f\u00fcr sich bleibt, freischwebend und ohne Halt.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span lang=\"ar-SA\">\u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Protagonisten in vielen seiner Werke, die trotz gro\u00dfer physischer N\u00e4he psychisch auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen wirken. Das Gegenst\u00e4ndliche enth\u00e4lt kein klar umrissenes, eindeutig definierbares \u00c4u\u00dferes, wodurch es in seiner Bedeutung immer wieder hinterfragt wird. Pr\u00e4zise Beschreibbares gibt es selten, Landschaft- und Tierrelikte, Bruchst\u00fccke menschlicher K\u00f6rper, aber auch immer wieder stehen K\u00f6pfe neben amorphen Formen oder verbinden sich mit ihnen. Es gibt keine geometrischen Elemente, keine Ecken, Kanten, harten Linien.<\/span><\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CharOverride-7\">Das Ged\u00e4chtnis der Hand<\/span>, 2019, (Abb. 4) enth\u00e4lt Merkmale, die sich in vielen Arbeiten des K\u00fcnstlers variiert beobachten lassen. Die Daumen sind nicht erkennbar, wirken amputiert oder einfach unsichtbar hinter der ge\u00f6ffneten Hand abgeknickt. Die Konsequenz daraus: Die Dargestellten sind unf\u00e4hig, etwas Schweres hochzuheben, eine Last zu tragen. So k\u00f6nnen sie auch ihr Inneres und das, was sie st\u00fcckweise und immer wieder partiell sehen, nicht ans Licht heben. Es bleibt stets im Ungewissen und sie verm\u00f6gen den daraus entstehenden Widerspruch f\u00fcr sich nicht zu kl\u00e4ren. Der Boden bietet keinen Halt, man muss f\u00fcrchten abzurutschen, in der Mitte einzubrechen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Das Beinwunder der Chassidim<\/span>, 2020, (Abb<span class=\"CharOverride-55\">. 5<\/span>) sieht man keine H\u00e4nde, die kraftvoll zupacken k\u00f6nnten. Sie sind nach innen, gegen den K\u00f6rper gerichtet und werden begleitet durch eine F\u00fclle am Boden liegender, zu nichts mehr f\u00e4higer amputierter F\u00fc\u00dfe und Beine.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die, wie durch ein Weitwinkelfernglas oder einen Trichter in extremer Aufsicht erfasste Szene in\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Vierh\u00e4ndi<\/span><span class=\"CharOverride-7\">g<\/span><span class=\"CharOverride-7\">\/<\/span><span class=\"CharOverride-7\">A\u00a0quattro mani<\/span>, 2003, (Abb. 6) koppelt zwei Figuren unentrinnbar,<br \/>\njedoch emotional beziehungslos aneinander. Ihr Blick trifft sich nicht, ihre H\u00e4nde versuchen vergeblich, ihr Spiel als \u00adgemeinsame Melodie erklingen zu lassen, etwas im Sinne positiver Aneignung zu ergreifen. Stattdessen entgleiten ihnen die, wie die Tasten eines auseinandergenommenen Pianos wirkenden Bausteine, zerbrechen in einem wilden Durcheinander. Oder ist die offensichtliche Dissonanz bewusster Ausdruck ihrer Beziehung zueinander? Die Farbigkeit \u2013 k\u00fchl, ungesund, ausgewaschen und ohne Substanz \u2013 tr\u00e4gt ein \u00dcbriges dazu bei, die zwei Protagonisten untrennbar miteinander zu verzahnen und ihnen im selben Atemzug jede Lebendigkeit zu nehmen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Oder entspricht das Gefangensein dieser Figuren in Erstarrung, wie der K\u00fcnstler im Blick auf den entsprechenden Typus in den Schaufensterbildern in seinem Werk\u00a0<span class=\"CharOverride-7\" lang=\"ar-SA\">\u00d6rtlich bet\u00e4ubt<\/span>\u00a0von 2020 ironisch fragt, nicht eher einer Begnadigung, einer \u00dcberzuckerung mit diesem Make-up des paradiesischen Wohlbefindens gleicht? Keine der beiden Varianten w\u00fcrde man wohl freiwillig w\u00e4hlen! Und Bilder wie dieses ber\u00fchren negativ durch die Farben einer wie abgestorbenen, \u00fcber Jahre hin verbrannten Gegend, Gro\u00dfstadtbrachen, Niemandsland.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In allen Beispielen ergibt sich jedoch aus dem Einsatz der Farbe kein Kontinuum im Sinne der Akzentuierung einer in sich kongruenten Erz\u00e4hlung. Alles bleibt in der Schwebe, man meint, Ph\u00e4nomene greifen zu k\u00f6nnen, die sich jedoch gleich wieder entziehen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Was kommt z. B. in\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Fensterfrau<\/span>, 2019\/20, (Abb. 7) nicht alles an Absonderlichkeiten zusammen! Auf gelbem, nach oben geklapptem und in einer gleichfarbigen Stra\u00dfenschlucht mit gediegen wirkenden, mehrst\u00f6ckigen Altbauten m\u00fcndenden Boden findet sich eine aberwitzig disparate Gesellschaft, unterschiedlich proportioniert und ohne erkennbaren Bezug zueinander auf engem Raum. Alle Altersgruppen und Typen, vom nackten Kleinkind, zur Beschneidungszeremonie hergerichteten Jungen, einem eingebildeten jungen Stenz, Frauen, eingewickelt wie Mumien bis hin zu bedrohlichen Soldaten in Kriegsuniform mit Maschinenpistolen: Sie wirken wie eingefrorene Selbstdarstellungen, die sich zelebrieren, ohne zu wissen, wof\u00fcr.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Bet\u00e4ubung durch Konsum wird zum Grundtenor. Individualit\u00e4t verschwindet in der mehr oder weniger normierten Masse. Billigware, die in eine vermeintliche Konsensgesellschaft einbindet und die, wie hier, zugleich lokal gepr\u00e4gt ist. Diese Bilder sind extrem buntfarbig, sollen Heiterkeit signalisieren. Alles ist jedoch im Reklamemodus als Schaufenster aufgefasst, und begreift die Menschen als\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Manichini<\/span>, zum Teil sogar auf Sockeln aufgestellt und hat wenig mit realen Menschen zu tun. Bedeutet diese Verschlie<span lang=\"ar-SA\">\u00df<\/span>ung mit einer weiteren H<span lang=\"ar-SA\">\u00fc<\/span>lle gr<span lang=\"ar-SA\">\u00f6\u00df<\/span>eren Schutz oder radikalere Entfremdung?<\/p>\n<p class=\"fliess\">Es gibt nur ungesunde Farben, die nicht zum gem<span lang=\"ar-SA\">\u00fc<\/span>tlichen Beisammensein, zur Entspannung und zum sich Wohlf<span lang=\"ar-SA\">\u00fc<\/span>hlen einladen. Der Einsatz der Farbe zielt auf kein Kontinuum im Sinne der Akzentuierung einer in sich kongruenten Erz\u00e4hlung ab. Alles bleibt in der Schwebe, man meint, Ph\u00e4nomene greifen zu k\u00f6nnen, die sich jedoch gleich wieder entziehen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Um das Bild\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">INRI<\/span>, 2020, (Abb. 8) auch nur ansatzweise zu verorten, bedarf es einer v\u00f6llig skurrilen, fast akrobatischen Seh<span lang=\"ar-SA\">\u00fc<\/span>bung: Man sieht aus undefinierter H<span lang=\"ar-SA\">\u00f6<\/span>he \u2013 ist es der Himmel? \u2013 auf eine braune, Tisch- oder Sarg-\u00a0<span lang=\"ar-SA\">\u00e4<\/span>hnliche Fl<span lang=\"ar-SA\">\u00e4<\/span>che im Zentrum. Aus ihr blickt mit offenen Augen oben ein Gesicht, eingeh\u00fcllt in ein Kopftuch, das im Ton in die Fl\u00e4che des Sarges \u00fcbergeht. Rechts erkennt man ein Bett mit zerw\u00fchlten T\u00fcchern, in dem niemand mehr zu liegen scheint. Ist der Tote bereits in die Stille einer anderen Ebene eingetaucht? Der Titel scheint viele Elemente eines heutigen Todes im sterilen klinischen Kontext zu enthalten. Dazu der K<span lang=\"ar-SA\">\u00fc<\/span>nstler: \u201eSchuldzuweisungen sind, wie Du Dir sicher denken kannst, nicht meine Sache. Ich berichte lediglich. Enth\u00e4lt\u00a0dieser Bericht nun den Tatbestand der Entfremdung vom eigenen Sterben? Sehen kann ich die Apparatur \u2013 was sich dahinter abspielt, nur erahnen. Atmosph\u00e4risch klingt da etwas an.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der Titel\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">INRI<\/span>\u00a0und die Darstellung \u2013 ein Klinikambiente \u2013 verbindet auf den ersten Blick wenig miteinander. Denn die Initialen INRI stehen bekanntlich f\u00fcr die lateinische Formulierung Jesus von Nazareth, K\u00f6nig der Juden. Diese stand auf einer Tafel, die der r\u00f6mische Statthalter Pontius Pilatus am Kreuz Christi anbringen lie\u00df, um den offiziellen Rechtsgrund f\u00fcr die Verurteilung zu benennen. Jesus von Nazareth, K<span lang=\"ar-SA\">\u00f6<\/span>nig der Juden, war die damals\u00a0<span lang=\"ar-SA\">\u00fc<\/span>bliche Angabe, aus der sich die offizielle Verurteilung zum Tode ableiten lie\u00df, in dem Fall: Kein Jude durfte sich bei Todesstrafe K<span lang=\"ar-SA\">\u00f6<\/span>nig nennen. So folgert man, in diesem Bild das Sterben eines Kindes \u2013 stellvertretend f<span lang=\"ar-SA\">\u00fc<\/span>r die Menschheit? \u2013 in einer Klinik in verschiedenen Phasen zu erkennen und durch den sehr spezifischen Titel auf die eigene Schuld an diesem Tod zu verweisen. Oder ist das zu gewagt und spitzfindig?<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der Bildtitel\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">INRI<\/span>, der gelesen im Irischen wie Rei<span lang=\"ar-SA\">\u00df<\/span>en klang, geht laut Harald Beck, dem renommierten Joyce-\u00dcbersetzer und seit Schulzeiten engen Freund des K\u00fcnstlers, auf eine Textstelle im\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Ulysses<\/span>\u00a0zur\u00fcck. Er entstand, so Pfrang, \u201eaus dem Unverst\u00e4ndnis der lateinischen Abk\u00fcrzungen in breiten Kreisen der irischen Bev\u00f6lkerung und [war] bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts von schlichteren Gem\u00fctern der \u00e4lteren Generation h\u00e4ufig zu h\u00f6ren, [dadurch] enth\u00e4lt das Rei\u00dfen eine Assoziation zu einer blutigen Verletzung. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man denn auch am Bein des kopf\u00fcberh\u00e4ngenden Jungen eine Reihe von N\u00e4geln. Oder sind es Dornen, gar Viren?, ausgespuckt offenbar von der linkerhand zum Bild herein preschenden Ratte \u2013 (unser Heizungskeller wimmelte nur so von Ratten).\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Fast automatisch zieht man, wie hier, die Bildtitel als willkommene Interpretationshilfe zu Rate und muss immer wieder feststellen, dass sie uns leicht aufs Glatteis f\u00fchren k\u00f6nnen, \u2013 auch dies ein Verfahren des K\u00fcnstlers, das den Betrachter bewusst auf die eigene Wahrnehmung zur\u00fcckwirft. Der Titel\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Landesmeister mit Menzelfu\u00df<\/span>, 2020 (Abb. 9) steht daf\u00fcr exemplarisch: Ein isoliert ins Bild gesetzter Fu\u00df fungiert bei Adolph von Menzel (1815\u20131905), dem herausragenden, ungemein vielseitigen realistischen K\u00fcnstler des 19. Jahrhunderts, als Hauptdarsteller. Isoliert, ohne jegliches Beiwerk, mutiert er in dem kleinformatigen \u00d6lgem\u00e4lde zum Stellvertreter des ganzen K\u00fcnstlers. Bei Pfrang hingegen ragt dieser Fu\u00df unauff\u00e4llig unten links ins Bild, man w\u00fcrde ihn in der F\u00fclle des Dargestellten ohne den Hinweis im Titel \u00fcbersehen. Eine F\u00fclle anderer, unangenehmer Assoziationen, die die Komposition hervorruft \u2013 in den klinischen Apparaturen, der Figur des\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Landesmeisters<\/span>, der Hunde oder des nackten M\u00e4dchens, das Beine zu streicheln scheint \u2013 \u00fcberlagern dieses Detail.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Res\u00fcmee<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Zieht man eine Schlussfolgerung, so kann sie nur darin liegen, dass es keine eindeutigen Festlegungen gibt, es dem K\u00fcnstler und uns selbst nur darum gehen sollte, den Werken und ihrer unvoreingenommen Wahrnehmung Freiraum zu geben, den Blick immer wieder neu einzustellen, ihm seine Sprunghaftigkeit zu belassen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Arbeiten zeigen exemplarisch die radikale Ent\u00e4u\u00dferung des Individuums, seine Konzentration auf die Gef\u00e4hrdungen der eigenen Existenz gegen eine Welt, die hierf\u00fcr keinen selbstverst\u00e4ndlichen Freiraum mehr bereith\u00e4lt. Es entstehen Bilder, die keine g\u00e4ngige Erwartungshaltung befriedigen, die gegen den Strom schwimmen, nicht aus Prinzip, sondern weil sie nicht anders k\u00f6nnen \u2013 und gerade darin liegt ihre \u00dcberzeugungskraft. Altes und Neues werden in untrennbaren Bildteppichen miteinander verzahnt, die malerisch pr<span lang=\"ar-SA\">\u00e4<\/span>zise strukturiert sind, ohne deshalb folgerichtige oder eindeutig \u00adbeschreibbare Zusammenh<span lang=\"ar-SA\">\u00e4<\/span>nge erkennbar werden zu lassen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Stattdessen entstehen offenkundige Diskrepanzen zwischen einer abstrakten, in sich logischen Bildorganisation und den gleichzeitig unverbunden nebeneinander existierenden Einzelmotiven und Erz\u00e4hlfragmenten. Figuren sind auf verschiedenen Ebenen angeordnet und gleicherma\u00dfen miteinander verflochten wie isoliert. Oft entsteht ein unaufl\u00f6sbares Netz aus Leere und F\u00fclle, von gegenst\u00e4ndlicher Form und abstrakter Farbpartie. \u00dcber allem liegt bleierne Stille, die jedoch zugleich bis zum Bersten angespannt, vibrierend wirkt. Sie dr\u00f6hnt uns in den Ohren und erf\u00fcllt die Luft mit schier unertr\u00e4glicher Anspannung. Wie ein Trost klingt hierzu der Gedanke der Pianistin und Komponistin Clara Schumann: \u201eDie Aus\u00fcbung der Kunst ist ja ein gro\u00dfer Teil meines Ichs, es ist mir die Luft, in der ich atme\u201c, so l\u00e4sst sich f\u00fcr Pfrang folgern, dass er in Bildern atmet. Eine Vorstellung, die sich der Betrachter fasziniert zu eigen machen m\u00f6chte.<span class=\"CharOverride-46\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgehend von der gro\u00dfz\u00fcgigen Schenkung des Gem\u00e4ldes\u00a0Einzug Christi in Deutschdachau\u00a0an die Katholische Akademie durch SKH Herzog Franz von Bayern, anl\u00e4sslich seines R\u00fcckzugs aus deren Leitungsgremium, entstand die zutiefst beindruckende\u00a0Erwin-Pfrang-Ausstellung. 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