{"id":32250,"date":"2023-07-17T14:34:46","date_gmt":"2023-07-17T12:34:46","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=gerechtigkeit-in-einer-globalisierten-welt"},"modified":"2025-01-13T13:33:10","modified_gmt":"2025-01-13T12:33:10","slug":"gerechtigkeit-in-einer-globalisierten-welt","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/gerechtigkeit-in-einer-globalisierten-welt\/","title":{"rendered":"Justice in a globalised world"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"_idGenDropcap-1\">W<\/span>enn man sich in der Welt umblickt, dann sieht man allerorten Ungerechtigkeiten. Hunderte Millionen Menschen sind bitterarm, und viele davon haben so wenig zum Leben, dass ihnen die n\u00f6tigste Nahrung, Kleidung und Unterkunft fehlen. Millionen Menschen sterben jedes Jahr an vermeidbaren Krankheiten, weil sie verunreinigtes Trinkwasser trinken m\u00fcssen oder keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Dazu kommen massenhafter Tod und Leid durch Krieg, Terror, Ausbeutung und Gewalt. Sich dieses Leid vorzustellen, ist nicht m\u00f6glich, es kann vielleicht in Statistiken gepackt und rational erfasst werden, aber es kann nicht wirklich nachvollzogen oder gar mitgef\u00fchlt werden. Das w\u00fcrde uns alle sicherlich \u00fcberfordern.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Es gibt aber nicht nur diese \u201egro\u00dfen\u201c Ungerechtigkeiten, die sich weit weg von unseren St\u00e4dten und Siedlungen in anderen L\u00e4ndern abspielen. Es gibt auch viele \u201ekleinere\u201c Ungerechtigkeiten, viel Leid und Entbehrung hier in den reichen L\u00e4ndern Europas, in Deutschland oder \u00d6sterreich. Die obdachlosen Menschen, an denen wir in unseren Metropolen t\u00e4glich vorbeilaufen, die Kinder, deren miserable Lebenslage man nicht \u00f6ffentlich sieht, weil sie sich verstecken und die in kleinen und schimmligen und im Winter kalten Wohnungen hausen m\u00fcssen und deren M\u00fctter \u2013 meistens sind es die M\u00fctter \u2013 zum Sozialmarkt oder zur Tafel gehen, um g\u00fcnstiges Essen zu holen, weil sie sich den Einkauf im normalen Supermarkt nicht leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Es ist sicher so: Man muss keine Philosophin sein, um die Ungerechtigkeiten in dieser Welt benennen zu k\u00f6nnen. Jede, die hinsehen will, wird sie erkennen. Nachrichten in Fernsehen, Zeitungen und Internet transportieren Ausschnitte und Bruchst\u00fccke des Elends dieser Welt jeden Tag auf unsere Bildschirme. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden wird \u00fcber Armut in der Welt und hier berichtet, wobei sich die Botschaften immer wieder gleichen: vielen geht es schlecht, viele haben wenig bis gar nichts; einige wenige haben \u00fcberm\u00e4\u00dfig viel.<\/p>\n<h3><\/h3>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Wir brauchen die philosophische Reflexion, um globale Ungerechtigkeiten besser zu verstehen<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Der unmittelbare Eindruck, dass in dieser Welt geh\u00f6rig viel falsch l\u00e4uft, kann die philosophische Reflexion aber nicht ersetzen. Die Philosophie kann und soll helfen, unsere moralischen Intuitionen und \u00dcberzeugungen zu reflektieren, zu sortieren und auf ihre Stichhaltigkeit zu pr\u00fcfen. Philosophie soll auch unsere Erfahrungen und Meinungen korrigieren, sie soll versuchen, Koh\u00e4renz und Einsicht zu stiften, gerade dort, wo die Eindr\u00fccke von Leid und Ausbeutung sowie von Ohnmacht und Resignation angesichts der Lage der Welt \u2013 vielleicht auch der eigenen \u2013 uns zu \u00fcberw\u00e4ltigen drohen. Anstatt das Unrecht und die Ungerechtigkeit wegzuschieben, sollen sie intellektuell durchdrungen werden. Die Philosophie, wenn sie etwas \u00fcber globale Gerechtigkeit zu sagen hat, wird auch unangenehm sein \u2013 f\u00fcr uns hier, die wir gut situiert sind, weil sie unseren Anteil an der Verantwortung zu spezifizieren versuchen wird.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Erstens gibt es doch gravierende Unterschiede darin, was Menschen als ungerecht empfinden. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich und viele Menschen, die ich kenne, ist es eine klare Ungerechtigkeit, wenn die reichen Staaten Europas nicht viel mehr Fl\u00fcchtlinge aufnehmen als sie bereits tun und diese ordentlich versorgen. Wir wissen, viele unserer Mitb\u00fcrgerinnen sehen das aber anders. F\u00fcr diese ist es ok, ja sogar n\u00f6tig und richtig, die Grenzen dicht zu machen, Menschen in griechische oder t\u00fcrkische Lager zu pferchen und ihnen jede Chance auf ein besseres Leben in Europa vorzuenthalten. Das ist Ausdruck der in den letzten Jahren beobachtbaren politischen und moralischen Polarisierung in unserer Gesellschaft und vielen anderen Staaten Europas. Der Streit um die richtige politische Moral, also darum, was gerecht ist und mithin auch, was global gerecht ist, wird privat, \u00f6ffentlich und politisch heftig gef\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Zweitens ist es nicht genug, auf empfundene Ungerechtigkeiten zu zeigen, sondern sie sollten auch verstanden werden. So verstanden, dass man gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr vorbringen kann, warum etwas ungerecht ist. Nicht alles Leid auf dieser Welt ist ungerecht, manches ist tragisch, manches sogar verdient. Worin liegt der Unterschied, ob jemand leidet, weil f\u00fcr seine Krankheit noch kein Heilmittel gefunden wurde und ob jemand leidet, weil sie schlicht keinen Zugang zu vorhandenen Medikamenten hat, die ihr Leid gut und effektiv lindern k\u00f6nnten? Wir sind auf der Suche nach moralisch relevanten Unterschieden, also solchen, die es erlauben, Situationen der Ungerechtigkeit auszuzeichnen. Ein relevanter Unterschied k\u00f6nnte sein, dass es anderen m\u00f6glich w\u00e4re, das Leid zu lindern und zu helfen. Vermeidbares Leid ist ungerechtes Leid. Aber was ist vermeidbar? K\u00f6nnte es eine Welt geben, in der niemand hungern muss? Ein anderer relevanter Unterschied k\u00f6nnte sein, dass andere Menschen unverdienterweise mehr haben, zum Beispiel mehr Geld, mehr Besitz, mehr Bildung.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wahrscheinlich w\u00e4re es m\u00f6glich, viele der herrschenden Ungerechtigkeiten zu beseitigen, aber, drittens, wer k\u00f6nnte daf\u00fcr verantwortlich sein, eine solche Welt einzurichten und die Verh\u00e4ltnisse so umzust\u00fcrzen, dass wir dorthin kommen? Die einzelne Mitb\u00fcrgerin in Deutschland oder \u00d6sterreich wird mit einigem Recht sagen, dass sie alleine den Hunger und die Armut dieser Welt nicht beseitigen kann; dass sie nicht daf\u00fcr verantwortlich ist, hier zu helfen, weil sie keine Schuld tr\u00e4gt. Wie k\u00f6nnen wir aber diejenigen erreichen, die etwas tun k\u00f6nnten?<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die M\u00e4chtigen dieser Welt \u2013 die reichen Staaten und ihre politischen Entscheidungstr\u00e4ger*innen, die Superreichen, die sogar jetzt w\u00e4hrend der COVID-19-Pandemie noch reicher wurden und hunderte Milliarden Euros in Aktien, Firmen, Immobilien und auf ihren Bankkonten parken? Diese Diffusion von Verantwortung und Schuld macht globale Ungerechtigkeiten schwer fassbar. Sie sind vorhanden, stehen vor unseren Augen, aber warum sie existieren, wer f\u00fcr sie verantwortlich ist und was getan werden kann, um sie zu beseitigen, verliert sich im Nebel des Unwissens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Die Menschenrechte als Ma\u00dfstab globaler Gerechtigkeit<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Die Philosophie kann das normativ-begriffliche Instrumentarium bereitstellen, um globale Ungerechtigkeiten besser zu verstehen und L\u00f6sungen zu formulieren. Ein m\u00f6gliches und breit akzeptiertes Instrument sind die Menschenrechte. Menschenrechte will ich hier als moralische Rechte verstehen, sie sind nicht notwendigerweise deckungsgleich mit den ratifizierten Menschenrechten, auf die sich die Staatengemeinschaft geeinigt haben und die durch die internationale Menschenrechtspraxis weiter ausdifferenziert wurden. Menschenrechte haben immer einen universalen moralischen Kern, sie beziehen sich auf alle Menschen \u2013 die Spezifik der Menschenrechte von Kindern oder von Menschen mit Behinderungen wird noch zu er\u00f6rtern sein.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Globale Ungerechtigkeiten bestehen darin, dass Menschen in Situationen leben m\u00fcssen, in denen ihnen ihre Menschenrechte vorenthalten oder sie darin verletzt werden. Die Auszeichnung als globale Ungerechtigkeit soll dabei andeuten, dass es sich nicht um Einzelf\u00e4lle handelt, sondern um weitverbreitete Ungerechtigkeiten. Die Menschenrechte geben aber nur einen Rahmen vor, sie bezeichnen wichtige Interessen und Bed\u00fcrfnisse des Menschen, die gesch\u00fctzt werden sollten. Sie bed\u00fcrfen aber der konkreten Interpretation, um Ungerechtigkeiten benennen zu k\u00f6nnen. So gibt es ein Menschenrecht auf Gesundheit oder auch ein Menschenrecht auf einen angemessenen Lebensstandard oder das Recht auf soziale Sicherheit. Was diese konkret verlangen, ist zu kl\u00e4ren.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das Menschenrecht auf Gesundheit sollte nicht so verstanden werden, dass es ein Recht darauf gibt, niemals krank zu werden; wie auch das Recht auf Leben nicht bedeutet, dass man nicht sterben m\u00fcsste. Vielmehr verlangt das Menschenrecht auf Gesundheit, dass Menschen Behandlung bekommen, sofern es Methoden und Medikamente gibt. Das Menschenrecht auf Gesundheit greift auch schon in den Bereich der Pr\u00e4vention ein. Klar ist, dass Menschen gesch\u00fctzt werden sollten, sofern gesundheitliche Sch\u00e4digungen direkt vorhersehbar und vermeidbar sind. Kein Unternehmen hat das Recht, Trinkwasser zu verschmutzen oder Gifte in die Umwelt einzubringen, die Krankheiten bei den Bewohnern in der unmittelbaren Umgebung erzeugen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Menschenrechtspflichten sind dreifach zu verstehen: Staaten d\u00fcrfen selbst keine Menschenrechtsverletzungen begehen, sie m\u00fcssen ihre Einwohnerinnen vor Menschenrechtsverletzungen durch andere sch\u00fctzen und sie m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass f\u00fcr alle Einwohnerinnen die Menschenrechte vollumf\u00e4nglich verwirklicht werden. Menschenrechte haben n\u00e4mlich Bedingungen und Voraussetzungen, die hergestellt werden m\u00fcssen, wie zum Beispiel der Zugang zu Krankenh\u00e4usern oder Impfstoffen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Menschen in \u00e4rmeren L\u00e4ndern sterben j\u00fcnger als in Europa und sie leiden unter vielen vermeidbaren Krankheiten, weil ihnen Impfungen, Behandlungen und angemessener Schutz fehlen. Das kann als Verletzung ihrer Menschenrechte bezeichnet und entsprechend moralisch und politisch angeprangert werden. Menschenrechte gelten universal, sie kennen keine L\u00e4ndergrenzen und machen keinen Unterschied zwischen arm und reich. Das Menschenrecht auf Gesundheit gilt f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dennoch sind die Menschenrechte vage und begrenzt. Das Menschenrecht auf einen angemessenen Lebensstandard ist vage. Was in Deutschland als angemessener Lebensstandard gilt, ist f\u00fcr viele Einwohner dieser Welt unerreichbar. Welcher Ma\u00dfstab sollte hier angewendet werden? Ist es erlaubt, zwischen L\u00e4ndern zu differenzieren und sich am dortigen jeweiligen Durchschnitt zu orientieren? Das hie\u00dfe dann wom\u00f6glich, dass ein angemessener Lebensstandard in dem einen Land bedeutet, eine kleine H\u00fctte mit Lehmboden zu haben und ein paar Tiere zur Selbstversorgung, w\u00e4hrend in Deutschland und \u00d6sterreich die Menschen ein Recht auf eine Wohnung, Waschmaschine, Internet und Mobiltelefon haben.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das scheint doch ungerecht zu sein, wenn die Menschenrechte solche eklatanten Unterschiede zulassen w\u00fcrden. Globale Gerechtigkeit w\u00fcrde doch eher darin bestehen, wenn alle Menschen auf dieser Welt ungef\u00e4hr den gleichen Lebensstandard erreichen w\u00fcrden. Das wiederum scheint aus heutiger Sicht utopisch und angesichts der klimasch\u00e4dlichen Auswirkungen des westlichen Lebensstils auch nicht anstrebenswert, zu behaupten, dass allen gut neun Milliarden Menschen auf dieser Welt ein derart hoher Ressourcenverbrauch zustehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Menschenrechte werden daher oft begrenzt als Minimalstandards verstanden. Sie geben nur vor, was mindestens f\u00fcr alle Menschen gew\u00e4hrleistet sein muss, aber dar\u00fcber hinaus kann es eklatante Unterschiede geben. Das l\u00e4uft dann auch oft darauf hinaus, unterschiedliche Grade der Verwirklichung globaler Gerechtigkeit anzunehmen. Die Welt w\u00e4re deutlich besser, wenn niemand mehr hungern m\u00fcsste. Das kann als Forderung der Menschenrechte gesehen werden \u2013 wenn aber in einer Welt, in der niemand hungert, einige sich Kaviar und Champagner leisten k\u00f6nnen, w\u00e4hrend die meisten nur Reis und Bohnen haben, w\u00e4re eine solche Welt zwar vielleicht mit den Minimalforderungen der Menschenrechten vereinbar, aber doch sicherlich nicht gerecht.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die erste Stufe der globalen Gerechtigkeit w\u00e4re also erreicht, wenn die Forderungen der Menschenrechte f\u00fcr alle gelten und erf\u00fcllt sind. Die zweite Stufe der globalen Gerechtigkeit w\u00e4re vielleicht erreicht, wenn allzu grobe Ungleichheiten in relevanten Bereichen nicht mehr vorkommen w\u00fcrden. In einer solchen Welt g\u00e4be es zwar noch Unterschiede und Ungleichheiten, aber diese w\u00fcrden nicht so eklatant ausfallen wie heute. Dar\u00fcber hinaus w\u00e4re dann auch noch eine dritte, utopische, Stufe der globalen Gerechtigkeit denkbar, eine Welt, in der es tats\u00e4chlich f\u00fcr die Lebenschancen keinen Unterschied machen w\u00fcrde, in welche Familie oder in welches Land man hineingeboren wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Die COVID-19-Pandemie und die Suche nach globaler Gerechtigkeit<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Die COVID-19-Pandemie ist eine globale Ersch\u00fctterung. Sie wird vor allem auch im Globalen Norden als solche wahrgenommen, weil sie hier konkret sp\u00fcrbar ist. Man kann mit einiger Sicherheit bef\u00fcrchten, dass dieser Virus weitaus weniger Aufmerksamkeit bekommen w\u00fcrde, wenn er gleich viele Todesopfer, allerdings nur solche im Globalen S\u00fcden gefordert h\u00e4tte. Das ist keine zynische Kalkulation, sondern der Hinweis darauf, dass N\u00e4he und unmittelbare Betroffenheit f\u00fcr unsere Wahrnehmung und unsere moralischen Gef\u00fchle eine gro\u00dfe Rolle spielen. Wenige Tote in der Nachbarschaft sind uns n\u00e4her und betreffen uns mehr als Tausende in einem fernen Land.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die COVID-19-Pandemie erzeugt und verst\u00e4rkt bestehende globale Ungerechtigkeiten. Dass ein Virus auftritt und Menschen t\u00f6tet, ist f\u00fcr sich genommen noch keine solche. Diese Pandemie wird zu einer globalen Ungerechtigkeit und zu einer Verletzung der Menschenrechte, weil sie durch die menschengemachten sozialen und globalen Strukturen kanalisiert wird. Wer wie verletzlich ist, ergibt sich aus der Biologie und aus der sozialen Struktur; es liegt daran, wie alt man ist, aber auch daran, ob man sich selbst distanzieren kann, ob man in einem Slum oder in einer deutschen Kleinstadt lebt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wer welche Behandlung bekommen kann, liegt daran, wo man krank wird und \u00fcber welche finanziellen Mittel man verf\u00fcgt. Zum Gl\u00fcck sind, entgegen manchen Bef\u00fcrchtungen, die Altersstrukturen in den L\u00e4ndern des Globalen S\u00fcdens so, dass sie einen gewissen Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf von COVID-19 bieten. Die dortige medizinische Infrastruktur w\u00e4re ansonsten zu schwach, um damit fertig zu werden, wenn schon in den reichen Metropolen wie New York oder Madrid die Krankenhausbetten und Beatmungsger\u00e4te zum ersten H\u00f6hepunkt im M\u00e4rz und April 2020 knapp geworden sind.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Es geht bei der COVID-19-Pandemie aber sicherlich nicht nur um Fragen von Gesundheit, Krankheit und Tod. Es geht, das wissen wir mittlerweile alle, darum, den wirtschaftlichen und sozialen Schaden zu begrenzen, der durch den Virus und die Ma\u00dfnahmen seiner Bek\u00e4mpfung eingetreten ist. Diese sozialen Folgen haben eine klare globale Dimension. Sie sind \u00fcberall sp\u00fcrbar, weil die wirtschaftlichen Kreisl\u00e4ufe zusammenh\u00e4ngen, weil die Globalisierung unsere Wirtschaftssysteme miteinander verwoben hat. Wenn nun der Konsum eingebrochen ist und manche Dienstleistungssektoren ebenso, wenn der Tourismus in seiner schwersten Krise seit Jahrzehnten steckt, dann trifft dies Menschen auf der ganzen Welt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Aber auch hier sind nicht alle gleich verletzlich und nicht alle haben gleich viel zu verlieren. Es ist paradox, aber wahr, dass diejenigen, die weniger haben, die Armen dieser Welt, mehr zu verlieren haben. In Europa wurden Millionen arbeitslos, Millionen werden in Schulden und Armut fallen und die Auswirkungen noch Jahre, vielleicht ihr ganzes Leben lang sp\u00fcren. Es ist zwar zu bef\u00fcrchten, dass die Milliarden, die jetzt zur Stabilisierung der Wirtschaft ausgegeben werden, nicht (ausreichend) bei denen ankommen werden, die am dringendsten Hilfe und Unterst\u00fctzung ben\u00f6tigen, aber dennoch sind die Wohlfahrtsstaaten so ausger\u00fcstet, dass sie die schlimmsten Folgen abfedern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das ist in vielen L\u00e4ndern des Globalen S\u00fcdens nicht der Fall. Hungerkrisen k\u00f6nnten folgen und die Fortschritte bei der Bek\u00e4mpfung der absoluten Armut, die in den letzten Jahrzehnten gemacht wurden, werden sicherlich einen D\u00e4mpfer erleiden, wenn die globale Wirtschaft \u2013 abseits der B\u00f6rsen, auf denen es nach einem kurzen drastischen D\u00e4mpfer im Sommer und Herbst 2020 ganz gut gegangen ist \u2013 einbricht und die reichen Staaten vielleicht sogar Entwicklungshilfe und andere Projekte reduzieren. Das betrifft auch die Anstrengungen zur Eind\u00e4mmung der Klimakrise, die sowieso schon zu sp\u00e4t und zu wenig drastisch vorgenommen wurden und nun, so droht es uns, angesichts der neuen Herausforderungen, die Wirtschaft zu retten, unterminiert werden. Das h\u00e4tte auf k\u00fcnftige Generationen gravierende Auswirkungen, aber auch hier w\u00fcrden vor allem wiederum jene Menschen leiden, die in \u00e4rmeren L\u00e4ndern wohnen, die von der Verw\u00fcstung und der Lebensmittelknappheit betroffen w\u00e4ren, deren Lebensgrundlage durch den Klimawandel wegbrechen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Von Moria zu uns<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Angesichts der globalen Ungerechtigkeiten ist es verwunderlich, dass nicht viel mehr Menschen aus ihrem Elend fliehen und sich auf den Weg nach Europa machen. Migration stieg schlagartig im Jahr 2015 zum politischen und gesellschaftlichen Thema Nummer 1 auf. Die hunderttausenden Menschen, die \u00fcber den Balkan oder Italien nach Westeuropa str\u00f6mten, vor allem mit dem Ziel, nach Deutschland oder ins Vereinigte K\u00f6nigreich zu gelangen, haben zuerst zu einem kurzen Moment der Willkommenskultur, rasch danach aber zu einer Politik und Stimmung der geschlossenen Grenzen und der Festung Europa gef\u00fchrt. Wenige Wochen bevor dieser Text fertig gestellt wurde, brannte das Fl\u00fcchtlingscamp in Moria, und f\u00fcr einige Tage war das Migrationsthema wieder pr\u00e4sent und verdr\u00e4ngte nach Monaten die Diskussionen um Corona, Lockdown und Maskenpflicht.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Nat\u00fcrlich w\u00e4re es das einzig richtige gewesen, alle Menschen aus Moria sofort nach Europa aufzunehmen; das h\u00e4tte Deutschland, ja das h\u00e4tte auch das relativ kleine \u00d6sterreich alleine gut geschafft, diese 13.000 Menschen zu versorgen, ihnen eine ordentliche Unterkunft, Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung und Bildung zu geben. Vor allem Bildung f\u00fcr die Kinder und Jugendlichen, die in diesen Lagern und Camps wichtige Monate und sogar Jahre der Formation ihrer Identit\u00e4t, ihres Charakters und ihres Wissens und ihrer F\u00e4higkeiten vergeuden m\u00fcssen, weil man ihnen keine Chance geben will.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Klar ist aber auch, dass es ein Signal gewesen w\u00e4re, dass es eine Chance auf Aufnahme nach Europa gibt, wenn man sein eigenes Camp anz\u00fcndet. Fl\u00fcchtlinge sind nat\u00fcrlich weder dumm noch sind sie ahnungslos. Es ist auch nur allzu verst\u00e4ndlich, ja moralisch legitim, dass man zu Notma\u00dfnahmen greift, um einer ausweglosen und hoffnungslosen Situation zu entfliehen. Diejenigen, die hier Unrecht getan haben, waren nicht die Fl\u00fcchtlinge, die versucht haben, nach Europa zu kommen, die Armut und Krieg entflohen sind, und auch nicht diejenigen, die nach Monaten oder Jahren des Wartens und Ausharrens in elenden Bedingungen eines Fl\u00fcchtlingscamps zu drastischen Mitteln greifen, um von dort weg zu kommen; um nach Europa zu kommen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Globale Gerechtigkeit, verstanden als die minimale Wahrung der Menschenrechte f\u00fcr alle, ist mit solchen Zust\u00e4nden wie in den Fl\u00fcchtlingscamps an den Grenzen Europas unvereinbar. Es ist aber ebenso unvereinbar mit den Menschenrechten, diese nach Gutd\u00fcnken zu gew\u00e4hren und vorzuenthalten und zwischen guten und schlechten Fl\u00fcchtlingen zu unterscheiden. Alle Fl\u00fcchtlinge haben die gleichen Menschenrechte, und eine bevorzugte Aufnahme von Kindern und Jugendlichen oder M\u00fcttern, wie sie teils in den Medien und der Politik im September 2020 in \u00d6sterreich gefordert wurde, ist nur unter ganz bestimmten Bedingungen moralisch legitim.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der Notstand, dass man nicht alle Menschen aus Moria oder auch alle, die gerade in Lagern in Griechenland oder Italien festsitzen, aufnehmen k\u00f6nnte, ist in Europa noch lange nicht erreicht. Nat\u00fcrlich sind Kinder und Jugendliche verletzlicher als Erwachsene, aber auch Erwachsene, M\u00e4nner und Frauen, leiden und sind ohnm\u00e4chtig, verzweifelt und brauchen Schutz und eine Perspektive. Auch unter den Bedingungen, dass es legitim ist, dass Europa nicht alle aufnimmt \u2013 abgesehen davon, dass alle ja gar nicht kommen \u2013, so sollte es doch wesentlich mehr tun. Die Konvergenz, also das gleichzeitige Auftreten von europ\u00e4ischer Arbeitslosigkeit durch die COVID-19-Pandemie, dem Elend in den Fl\u00fcchtlingslagern und dem immer weiter anwachsenden Reichtum der Superreichen ist keinesfalls zuf\u00e4llig.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der Milliardenreichtum, den einige wenige Menschen angeh\u00e4uft haben, ist so unvorstellbar wie die Armut der Milliarden. Der Schutz der Menschenrechte h\u00e4ngt mit dieser ungerechten Verteilung finanzieller Mittel unmittelbar zusammen. Einerseits, weil die Menschenrechte durch Armut verletzt werden, andererseits weil der Reichtum dadurch entstehen kann, dass die ungerechten globalen Strukturen ausgenutzt und zum eigenen Vorteil benutzt werden. Die alte Forderung der Umverteilung von oben nach unten bleibt aktuell und sie wird durch die COVID-19-Pandemie genauso wie durch Flucht vor Armut, Not und Krieg weiter gen\u00e4hrt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man sich in der Welt umblickt, dann sieht man allerorten Ungerechtigkeiten. Hunderte Millionen Menschen sind bitterarm, und viele davon haben so wenig zum Leben, dass ihnen die n\u00f6tigste Nahrung, Kleidung und Unterkunft fehlen. 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