{"id":32251,"date":"2023-07-17T14:34:48","date_gmt":"2023-07-17T12:34:48","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=zur-orthaften-ortlosigkeit-der-philosophie"},"modified":"2025-01-13T11:20:31","modified_gmt":"2025-01-13T10:20:31","slug":"zur-orthaften-ortlosigkeit-der-philosophie-im-post-kolonialen-zeitalter","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/zur-orthaften-ortlosigkeit-der-philosophie-im-post-kolonialen-zeitalter\/","title":{"rendered":"Zur &#8222;orthaften Ortlosigkeit&#8220; der Philosophie im post-kolonialen Zeitalter"},"content":{"rendered":"<div id=\"_idContainer140\" class=\"_idGenObjectStyleOverride-2\">\n<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"_idGenDropcap-1\">W<\/span>ir sind auf dem Wege vom Abendrot der europ\u00e4ischen Philosophie durch die D\u00e4mmerung unserer Zeit zur Morgenr\u00f6te der Weltphilosophie.\u201c Diese fast prophetisch klingenden Worte des weltphilosophisch orientierten Karl Jaspers m\u00f6gen manchen ein wenig gestelzt erscheinen, aber sie weisen auf die Notwendigkeit eines l\u00e4ngst f\u00e4lligen weltphilosophischen Diskurses hin. Der europ\u00e4ische philosophische Diskurs ist zweifelsohne ein gro\u00dfartiger Diskurs, aber er ist nicht Menschheitsdiskurs, solange er sich wie bisher eurozentrisch gestaltet.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Immer wo und immer wenn Philosophie konkrete Gestalt gewinnt, geschieht dies in einer bestimmten Kultur, in einer bestimmten Sprache und an einem bestimmten Ort. Dies hei\u00dft \u201eOrthaftigkeit\u201d der Philosophie. Philosophie geht aber in keiner bestimmten Sprache, in keiner Tradition und an keinem Ort ausschlie\u00dflich auf, das hei\u00dft \u201eOrtlosigkeit\u201c der Philosophie. Wenn es eine\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">philosophia perennis<\/span>\u00a0gibt, dann gibt es sie zumindest im Sinne einer regulativen Idee, oder im Sinne eines Leuchtturms, der alle Philosophien anzieht, aber in keiner restlos aufgeht. Alle Philosophien der Welt sind daher Kompasse zu diesem einen Leuchtturm.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Es ist eine hausgemachte, je selbstverschuldete Anma\u00dfung der westlichen Philosophie gewesen, sich zu singularisieren und in einem Atemzug zu universalisieren. Dieser selbstverschuldete Anspruch, ein Nebenprodukt im Gefolge des lang andauernden Kolonialismus, war und ist eine Art theoretische Gewalt, die als Anspruch theoretisch l\u00e4cherlich sein mag. Aber die tragische Seite besteht darin, dass er sich in der Komplizenschaft mit der mehrere Jahrhunderte dauernden kolonialen<br \/>\nMacht weltweit durchgesetzt hat.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Nicht dass es keine Widerst\u00e4nde dagegen gab und gibt, aber die theoretisch besseren Argumente konnten sich gegen die kolonial-imperialistische Macht nicht durchsetzen. Koloniale europ\u00e4ische Vernunft befreite sich von dem Adjektiv europ\u00e4isch mit dem selbstverschuldeten Anspruch, Vernunft ist und kann nur europ\u00e4isch, westlich sein. Selbst gro\u00dfartige Matadore der westlichen Philosophie wie Hegel, Husserl, Heidegger, Gadamer, um nur einige zu nennen, waren hiervon zutiefst \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Rede von der \u201eMacht der besseren Argumente\u201c ist zwar rechtens und verst\u00e4ndlich, aber sie erlebt ihre theoretische Grenze dort, wo fast alle Diskursparteien dieses Recht f\u00fcr sich beanspruchen und ihre praktische Grenze dort, wo die Argumente selbst die Form der Gewalt annehmen. Und genau dies geschah im Namen der \u201ekolonialen Vernunft\u201c in der lang andauernden Zeit des Kolonialismus. Manchmal ist\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">wer<\/span>\u00a0es sagt wichtiger als\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">was\u00a0<\/span>and\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">like\u00a0<\/span>er es sagt. Macht verkleidet als Argument ist eine Art philosophische Erbs\u00fcnde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Die interkulturelle Philosophie und ihrer Aufgabenstellung<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Zun\u00e4chst zum Begriff der interkulturellen Philosophie. Was sie nicht ist: Interkulturelle Philosophie ist nicht ausschlie\u00dflich der Name einer bestimmten philosophischen Konvention, einer bestimmten philosophischen Disziplin, sei sie europ\u00e4isch oder nicht-europ\u00e4isch, denn eine solche Sicht f\u00fchrt zum Kulturalismus, zum Provinzialismus und verhindert einen offenen interkulturellen Diskurs im weltphilosophischen Kontext. Was interkulturelle Philosophie ist: Interkulturelle Philosophie ist der Name einer proto-methodologischen, geistigen, philosophischen Einstellung, Einsicht, \u00dcberzeugung, Haltung, die alle kulturellen Pr\u00e4gungen der einen\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">philosophia perennis\u00a0<\/span>wie ein Schatten begleitet und verhindert, dass diese sich in den Stand der Absolutheit setzen. Interkulturelle Philosophie ist nicht so sehr ein Nomen, sondern vielmehr das Verb \u201einterkulturell philosophieren\u201c.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die interkulturelle Philosophie stellt weiterhin auch einen Emanzipationsprozess dar, wobei festzuhalten bleibt, dass es hierbei nicht um eine Emanzipation im engeren Sinne des innereurop\u00e4ischen Denkens im Zeitalter der Aufkl\u00e4rung geht, sondern um eine Emanzipation des nicht- und au\u00dfereurop\u00e4ischen Denkens von seinen Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende alten, in Europa entstandenen einseitigen, ja manchmal sogar falschen Bildern. Die europ\u00e4ische Aufkl\u00e4rung ist zwar eine gro\u00dfartige Leistung gewesen, aber sie war janusk\u00f6pfig, denn sie verletzte gerade die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit im Zeitalter der europ\u00e4ischen Kolonialisierung.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ferner stellt die interkulturelle Philosophie auch die notwendige Bedingung f\u00fcr die M\u00f6glichkeit der Disziplin der komparativen Philosophie dar, denn die letztere ist und bleibt ohne die erstere ein blo\u00dfes Nebeneinander der Philosophien. Hegel hat zwar die au\u00dfereurop\u00e4ischen Philosophien, Religionen und Kulturen vergleichend dargestellt, und dies ist sehr lobenswert, aber das\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">tertium comparationis\u00a0<\/span>machte er ausschlie\u00dflich in der europ\u00e4ischen Tradition fest. Interkulturelle Philosophie entwirft ein Modell der Philosophie, das die allgemeine Anwendbarkeit des Begriffs Philosophie bejaht unter legitimer Anerkennung der Vielfalt der philosophischen Zentren und Urspr\u00fcnge.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Jetzt ein Wort zur Aufgabenstellung der interkulturellen Philosophie: Die Weltgeschichte ist europ\u00e4ische Geschichte, und Hegel legt auch den Gang der Weltgeschichte vom Orient zum Okzident fest. In der Euphorie der erfolgreichen europ\u00e4ischen Expansion im 18. und 19. Jahrhunderts schreibt er: \u201eMit dem Eintritt des christlichen Prinzips ist die Erde f\u00fcr den Geist geworden. Die Welt ist umschifft und f\u00fcr die Europ\u00e4er ein Rundes. Was noch nicht von ihnen beherrscht wird, ist entweder nicht der M\u00fche wert oder aber noch bestimmt, beherrscht zu werden.\u201c Jenseits einer philosophischen Kultur der Bescheidenheit und Zur\u00fcckhaltung zeugen diese Worte Hegels von einer Art von Borniertheit, Ein\u00e4ugigkeit, Beschr\u00e4nktheit und Anma\u00dfung.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In diesem Zusammenhang dr\u00e4ngt sich die Frage auf: Gibt es dann doch philosophische Schreibtischt\u00e4ter, die f\u00fcr den Rassismus und Kolonialismus mitverantwortlich sind, ohne direkt T\u00e4ter oder Opfer zu sein? Von einer Mitverantwortung k\u00f6nnen sie jedenfalls nicht ganz freigesprochen werden. Man m\u00f6chte gern erfahren, wie Hegel auf das postkoloniale Zeitalter wohl reagiert h\u00e4tte.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Mircea Eliade hat die interessante und heute noch aktuelle Frage aufgeworfen, wie es dazu kam, dass es dem asiatischen Geist nicht gelungen ist, in Europa Fu\u00df zu fassen, so wie es in der ersten Renaissance der graeco-lateinischen Kultur gelungen ist. Eliade spricht von einer \u201ezweiten missgl\u00fcckten Renaissance\u201c und meint damit die Entdeckung der Sanskrit-Sprache, der Upanishaden und des Buddhismus am Ende des 18 und im 19. Jahrhundert in Europa. Es wurde sogar eine Erneuerung Europas durch diese Entdeckung Asiens erwartet. Die deutschen Romantiker, die Hegel ein Dorn im Auge waren, tr\u00e4umten von einer solchen Erneuerung Europas durch Asien.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der Hauptgrund des Fehlschlags besteht f\u00fcr Eliade darin, dass die zweite Renaissance im Gegensatz zur ersten eine Angelegenheit der Orientalisten blieb und von den Fachphilosophen, Theologen, Literaten, K\u00fcnstlern und Historikern kaum beachtet, geschweige denn ernst genommen wurde. Es ist eigentlich unverst\u00e4ndlich, ja bedauerlich, dass sich an dieser Situation wenig oder gar nicht viel ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Sollten wir heute in einer nie dagewesenen globalisierten Welt an der Schwelle einer interkulturell eingeleiteten, so m\u00f6chte ich sie nennen, \u201edritten Renaissance\u201c stehen (und vieles spricht daf\u00fcr), so ist dies nicht so sehr das Verdienst der Orientalisten und Ethnologen als vielmehr ein Ergebnis der historischen Pr\u00e4senz der nicht-europ\u00e4ischen Kulturen in der globalen Situation heute. Sollte dieser dritten Renaissance ein Erfolg beschieden sein, so sind wir alle im Geiste der Interkulturalit\u00e4t berufen, den notwendigen Beitrag unseres je eigenen Standorts zu leisten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Zur Konzeption einer \u201einterkulturell orientierten analogischen Hermeneutik\u201c<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Das Verstehen-Wollen und das Verstanden-werden-Wollen geh\u00f6ren zusammen, denn wer nur verstanden werden will, nimmt den Gespr\u00e4chspartner nicht richtig ernst. Und wer nur verstehen will, l\u00e4sst bei sich einen eigenen Standpunkt vermissen. Das heutige reziproke Angesprochen-Sein der Kulturen, Philosophien, Religionen und der diversen Weltanschauungen ist von ganz anderer Qualit\u00e4t als das gewesene. Das qualitativ Neue an dem heutigen post-kolonialen Angesprochen-Sein Asiens, Afrikas und Lateinamerikas durch Europa und Europas durch Asien, Afrika und Lateinamerika besteht darin, dass die nicht-europ\u00e4ischen Kulturen mit ihren je eigenen Stimmen am heutigen Gespr\u00e4ch beteiligt sind. Die Jahrhunderte des Kolonialismus kannten und erlaubten keinen Dialog. Meiner kulturtheoretischen Herangehensweise liegt eine Ethik der Interpretation, ja der Hermeneutik zugrunde, die Verstehen stets als eine\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Zwei-Bahn-Stra\u00dfe\u00a0<\/span>begreift.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das heutige post-koloniale Gespr\u00e4ch f\u00fchrt zu einem vierdimensionalen hermeneutisch-dialektischen Dialog: 1. das Selbstverst\u00e4ndnis, die Selbsthermeneutik Europas, 2. das Fremdverst\u00e4ndnis Europas, 3. das Selbstverst\u00e4ndnis der nicht-europ\u00e4ischen Kulturen und 4. das Fremdverst\u00e4ndnis der nicht-europ\u00e4ischen Kulturen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Europa ist lange, ja viel zu lange von der \u00dcberzeugung ausgegangen, dass die Europ\u00e4er nicht nur sich selbst am besten verstehen, sondern auch die Nicht-Europ\u00e4er besser verstehen als diese sich selbst. Was f\u00fcr eine hermeneutische Anma\u00dfung! Das postkoloniale Zeitalter hat es jedoch mit sich gebracht, dass Europa heute auch von Nichteuropa interpretiert, kritisiert und auch gew\u00fcrdigt wird. Dieses Interpretierbar-geworden-Sein Europas durch Nichteuropa ist eine Z\u00e4sur und \u00fcberrascht die Europ\u00e4er mehr als die Nicht-Europ\u00e4er, denn Europa hat oft im Namen des Dialogs eine monologische Hermeneutik betrieben. Heute, im Zeitalter des Postkolonialismus und der Globalisierung, ist Hermeneutik also keine Einbahnstra\u00dfe mehr. Unser Philosophieren muss sich heute\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">ent-europ\u00e4isieren\u00a0<\/span>und nicht\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">anti-europ\u00e4isieren<\/span>.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der bekannte lateinamerikanische Philosoph Leopoldo Zea wirft, und dies zu Recht, der griechisch-europ\u00e4ischen Philosophie-Geschichtsschreibung eine selbstverschuldete Universalisierung des griechischen Logos vor und spricht von einem griechisch-europ\u00e4ischen magistralen Anspruch auf den Logos. Diese einseitige Vereinnahmung des Logos sprach den Barbaren jede Logos-F\u00e4higkeit ab, denn sie konnten nur stottern, d. h. f\u00fcr die Griechen nur unverst\u00e4ndlich reden. Zea dreht den Spie\u00df um und fragt: \u201eWenn der Grieche sich in einer anderen Sprache, die nicht die seinige ist, auszudr\u00fccken h\u00e4tte, m\u00fcsste dies dem Barbaren barbarisch erscheinen, als ein Stammeln, als ein ebenfalls schlechtes Sprechen. Aber gerade dies interessiert nicht den Menschen, der die Geschichte macht, interessiert nicht den Griechen, der sie erz\u00e4hlt.\u201c Hat sich an dieser Situation etwas ge\u00e4ndert? Die Antwort k\u00f6nnte eher\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Jein<\/span>\u00a0lauten.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Jenseits einer Identit\u00e4tshermeneutik, die unter Verstehen eine Verdoppelung des Selbstverstehens versteht, und ebenso jenseits einer radikalen Differenzhermeneutik, die Differenz viel zu radikal auffasst und Verstehen\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">ob ovo\u00a0<\/span>verunm\u00f6glicht, vertritt die hier vertretene\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">analogische Hermeneutik der \u00dcberlappung\u00a0<\/span>das Vorhandensein kleiner und gro\u00dfer \u00dcberlappungen, die Verstehen erm\u00f6glichen \u2013 in voller Anerkennung der Gemeinsamkeiten und Differenzen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das interkulturelle hermeneutische Subjekt ist kein zweites transzendentales Subjekt, denn gerade diesen Anspruch erhob das koloniale Subjekt. Das interkulturell orientierte hermeneutische Subjekt ist der Name einer h\u00f6herstufigen reflexiv-meditativen Instanz oder Einstellung. Diese bef\u00e4higt uns, unser Gebunden-Sein an den hermeneutischen Zirkel zu durchschauen und auch zu durchbrechen. Alle unsere Auslegungen sind angesiedelt zwischen den beiden Fiktionen einer totalen Kommensurabilit\u00e4t und einer radikalen Inkommensurabilit\u00e4t. Sehr zu Recht hei\u00dft es bei Dilthey: \u201eDie Auslegung w\u00e4re unm\u00f6glich, wenn die Lebens\u00e4u\u00dferungen g\u00e4nzlich fremd w\u00e4ren. Sie w\u00e4re unn\u00f6tig, wenn in ihnen nichts fremd w\u00e4re.\u201c Unsere interkulturell orientierte \u00dcberlappungshermeneutik ist daher angesiedelt zwischen der \u00fcbertriebenen Identit\u00e4tsthese der Moderne und der ebenso \u00fcbertriebenen Differenzthese der Postmoderne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Zu den vier Dimensionen der Interkulturalit\u00e4t<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Interkulturelle Philosophie kennt eine vierfache Perspektive: 1. eine philosophische, 2. eine religi\u00f6se\/ theologische, 3. eine politische und 4. eine p\u00e4dagogische.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Unter philosophischer Optik bedeutet interkulturelle Philosophie, dass es falsch ist, die philosophische Wahrheit exklusiv durch eine bestimmte Tradition und eine bestimmte Tradition durch philosophische Wahrheit definieren zu wollen.\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Mutatis mutandis\u00a0<\/span>gilt dies auch f\u00fcr Kulturen und diverse Weltanschauungsformen. Gerade diesen Fehlschritt beging und begeht das westliche Denken, wenn es die westliche Art zu philosophieren zu der einzig richtigen Art deklariert. Dabei vergisst das westliche Denken, dass es das singul\u00e4re westliche Denken im Singular auch zu Hause im Westen nie gegeben hat und auch heute nicht gibt. Und ebenso verh\u00e4lt es sich mit den anderen philosophischen Traditionen der Welt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Unter religi\u00f6ser Optik ist die Interreligiosit\u00e4t ein anderer Name der Interkulturalit\u00e4t. Auch die eine\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">religio perennis<\/span>\u00a0(Hindus m\u00f6gen sie\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">San\u00e2tana dharma<\/span>\u00a0nennen) tr\u00e4gt unterschiedliche theologische Gew\u00e4nder. Es gibt nicht die eine Religion f\u00fcr die gesamte Menschheit, hat es auch nie gegeben. Es sei denn, man erhebt den Anspruch, die einzige wahre Religion mit universeller Geltung zu besitzen. Was tun, wenn mehrere Religionen diesen alleinseligmachenden Anspruch erheben und diesen Anspruch auch noch durchsetzen wollen? Immer wo und immer wenn mehrere Absolutheitsanspr\u00fcche aufeinander prallen, relativieren sie sich gegenseitig.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Freilich sollte man in einer solchen Situation und im Geist unserer interkulturell orientierten Interreligiosit\u00e4t, ja Proto-Religiosit\u00e4t, glauben und glauben lassen, jenseits eines exklusiven Universalit\u00e4tsanspruchs. Ferner mag jeder seine eigene Religion f\u00fcr sich und f\u00fcr die Seinigen als die einzig wahre, absolute ansehen. Geben wir diesem Absolutheitsanspruch den Namen \u201eAbsolutheit nach innen\u201c. Sie gilt jedoch f\u00fcr alle Diskursparteien. Aber sobald dieser jeweilige \u201eAbsolutheitsanspruch nach innen\u201c zu einem \u201eAbsolutheitsanspruch nach au\u00dfen\u201c wird, artet er aus in einen Krieg aller gegen alle. Mahatma Gandhi hat in diesem Zusammenhang des \u00d6fteren gesagt: \u201eMeine Mutter ist f\u00fcr mich die sch\u00f6nste und die beste, aber deine Mutter f\u00fcr dich ebenso.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Interreligiosit\u00e4t ist selbst aber nicht eine bestimmte Religion, der man angeh\u00f6ren kann. Sie ist eine protoreligi\u00f6se \u00dcberzeugung, Haltung, die uns offen und tolerant macht. Ferner hilft sie uns, standhaft gegen Versuchungen des Fundamentalismus jedweder Art zu sein. Die Worte des indischen Rig Veda \u201eekam sad, Vipra bahudha badanti\u201c (Das Eine Wahre. Die Weisen benennen es verschieden) und \u201eUna religio in rituum varietate\u201c (wie Cusanus es ausdr\u00fcckte) recht verstanden, pl\u00e4dieren f\u00fcr eine verbindend-verbindliche Interreligiosit\u00e4t, die jeder Religion als eine urreligi\u00f6se Haltung vorausgeht. Inter-Religiosit\u00e4t ist selbst keine Religiosit\u00e4t, sondern der Name einer Urreligiosit\u00e4t, die alle religi\u00f6sen Gespr\u00e4che wie einen Schatten begleitet und verhindert, dass irgendeine geschichtlich gewordene Religiosit\u00e4t sich in den absoluten Stand setzt. Es gibt nicht nur eine s\u00e4kulare, sondern nat\u00fcrlich ebenso eine sakrale Pluralit\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Unter der politischen Optik ist die Interkulturalit\u00e4t ein anderer Name f\u00fcr eine pluralistisch-demokratische \u00dcberzeugung, die auch die politische Wahrheit keiner Gruppe, Klasse, Partei allein zubilligt. Interkulturelle Orientierung pl\u00e4diert daher ebenso f\u00fcr eine s\u00e4kulare Pluralit\u00e4t, die auch die politische Weisheit nicht einer einzigen Partei zuschreibt. Wer nicht so verf\u00e4hrt, \u00fcbt eine Art theoretischer Gewalt aus, weil hier schon auf der theoretischen Ebene alles andere zur\u00fcckgewiesen wird. Es geh\u00f6rt zu einem proto-demokratischen Ethos, allen theoretisch-politischen Gewaltformen schon auf der Ebene der p\u00e4dagogischen Erziehung in Schulen und Hochschulen zu begegnen. Mit vollem Recht sprach der Jurist und Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde von Voraussetzungen eines demokratischen Staates, die der Staat selbst nicht hervorbringt. \u00adDaher geht eine ethisch-moralische Erziehung der politischen voraus. So sprach etwa Mahatma Gandhi immer wieder von der Moralisierung der Politik anstelle der Politisierung der Moral und z\u00e4hlte \u201aPolitik ohne Moral\u2018 zu den sieben Tods\u00fcnden der modernen Menschheit.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die p\u00e4dagogische Perspektive, in einer Hinsicht sogar die wichtigste, ist der praktische Versuch, die Einsichten und Ansichten der drei anderen Perspektiven in Familie und Gesellschaft, von den Kinderg\u00e4rten bis zur Universit\u00e4t im Denken und Handeln, in Lehre und Forschung zu lernen und lehren. Nur so kann man gegen die Fundamentalismen auf jedwedem Gebiet wirken; denn sobald die Fundamentalismen die praktisch-politische B\u00fchne beherrschen, ist es f\u00fcr die P\u00e4dagogik sehr oft zu sp\u00e4t. Hitlers Buch\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Mein Kampf<\/span>\u00a0zum Beispiel war in den B\u00fccherregalen schlimm genug, weil es schon voller theoretischer Gewalt war. Aber die Juden, die Sinti, Roma und Andersdenkenden lebten noch. Nach der Machtergreifung wurde aus der theoretischen Gewalt eine praktische. Daher ist, wie oben erw\u00e4hnt, eine theoretisch-argumentative Bek\u00e4mpfung der theoretischen Gewalt, des theoretischen Fundamentalismus in Lehre und Forschung eine zentrale p\u00e4dagogische Aufgabe.<\/p>\n<p class=\"ZWISCHEN\">Eine interkulturell orientierte Historiographie der Philosophie als Kritik, Korrektur und Entwurf<\/p>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Einige europ\u00e4ische Philosophen haben sich ein trickreiches und sogar billiges Argumentationsmuster zurechtgelegt, wenn sie die europ\u00e4ische Philosophie als die einzige Philosophie beweisen wollen. Auf die Frage: K\u00f6nnen Nicht-Europ\u00e4er philosophisch denken? sagen sie: Ja, aber: Ist die au\u00dfereurop\u00e4ische Philosophie so wie die europ\u00e4ische, dann ist sie blo\u00df eine Wiederholung und daher redundant. Ist sie dagegen nicht so wie die europ\u00e4ische Philosophie, dann ist sie keine Philosophie. Sie vergessen dabei, dass solche Wenn-Dann-S\u00e4tze, wenn sie konditional apriorisch verfahren, das zu Beweisende schon voraussetzen und den logischen Fehler einer\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">petitio principi<\/span>\u00a0begehen. Solche Ansichten markieren die Spitze eines Kulturalismus, ja eines Provinzialismus, der sich, bedingt durch die Machtfaktoren wie z. B. Kolonialismus, Imperialismus usw. universalisiert hat, aber im Sinne einer historischen Kontingenz. Den chinesischen Philosophen Chuang Tzu kontextuell variierend, k\u00f6nnte man hier von einer \u201eBrunnenfrosch-Perspektive\u201c sprechen, und dies zu Recht.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Fast alle B\u00fccher \u00fcber die Geschichte der Philosophie in der westlichen Hemisph\u00e4re sind de facto Geschichten der europ\u00e4ischen Philosophie, ohne sie so zu betiteln. Bertrand Russell ist eine seltene Ausnahme, da er seinem Buch die \u00dcberschrift gibt:\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">History of Western Philosophy<\/span>. Das Adjektiv \u201eeurop\u00e4isch\u201c hat sich mit Hilfe au\u00dfer-philosophischer Faktoren universalisiert. Diese Faktoren liegen im Wesentlichen in den Machtfaktoren der kolonialen Herrschaft des Westens \u00fcber Asien, Afrika und Lateinamerika.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese Machtfaktoren wie zum Beispiel kolonialer, kultureller, imperialistischer, ja auch rassistischer Natur haben dazu gef\u00fchrt, dass das Adjektiv \u201eeurop\u00e4isch\u201c sich de facto universalisieren konnte. So ist der Universalisierungsanspruch der westlichen Philosophie eine historische Kontingenz. Daher besitzt die \u201ekoloniale Vernunft\u201c eine lange, janusk\u00f6pfige Geschichte. Einige der philosophischen Gro\u00dfmeister des 18. und 19. Jahrhunderts lieferten den Kolonialherren intellektuelle, moralische, politische, ja sogar auch rassistische Fundierungen und Rechtfertigungen. Selbst die Idee der Vernunft, die die Gr\u00fcnderv\u00e4ter der europ\u00e4ischen Emanzipation vertraten, ist viel zu eurozentrisch.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In der letzten Zeit besch\u00e4ftigt mich die folgende Frage sehr: Sind Menschen von Natur aus gleich und sollen deshalb als gleich behandelt werden oder sind sie von Natur aus ungleich und sollen deshalb als ungleich behandelt werden oder sollen alle Menschen im Sinne eines ethisch-moralischen humanistischen Ethos gleichbehandelt werden? Ich tendiere zur letzten Alternative.<\/p>\n<p class=\"fliess\">H\u00f6rt man dagegen die diesbez\u00fcglichen Urteile der Philosophen wie zum Beispiel Hume, Kant, Hegel, so sieht der Begr\u00fcndungs- und Rechtfertigungsweg anders aus. Die Menschen sind von Natur aus ungleich, daher m\u00fcssen sie auch ungleich behandelt werden. Was f\u00fcr ein schicksalhafter, ja geschichtstr\u00e4chtiger Irrtum, wenn man die Deklaration der Menschenrechte der UNO-Charta oder den ersten und dritten Artikel des Grundgesetzes liest. Ob die Menschen von Natur aus gleich sind oder nicht, dar\u00fcber streiten heute noch Rechtsgelehrte und Philosophen mit unterschiedlichen metaphysischen, ontologischen, ja ideologischen Konzeptionen \u00fcber die Natur des Menschen. Ohne auf eine konsensuelle Antwort zu warten, hat f\u00fcr mich die Entscheidung Vorrang, dass alle Menschen im Geiste einer ethisch-moralischen, humanistischen, demokratischen Entscheidung und Gesinnung gleichbehandelt werden sollen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die gro\u00dfartige Ethik Kants, n\u00e4mlich der kategorische Imperativ, in einer seiner Formulierungen lautet: \u201eHandle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals als Mittel brauchst.\u201c Das koloniale Zeitalter hat gerade diese Ethik mit F\u00fc\u00dfen getreten und Gewalt angewandt. Samuel Huntington, eigentlich ein knochenharter eurozentrischer Denker par excellence, spricht als ein Realpolitiker \u2013 und dies ist lobenswert \u2013 von den uns\u00e4glichen Brutalit\u00e4ten der Kolonialzeit. Er schreibt: \u201eDer Westen eroberte die Welt nicht durch die \u00dcberlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion, sondern vielmehr durch seine \u00dcberlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Es gibt nicht\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">die eine\u00a0<\/span>singul\u00e4re Geschichte, auch nicht\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">die eine\u00a0<\/span>Geschichte der Philosophie. Und dies gilt f\u00fcr alle philosophischen Traditionen \u00fcber die Kulturgrenzen hinaus. Es kann mehrere methodische Zug\u00e4nge zum Thema Historiographie der Philosophie geben. Und es gibt sie in der Tat. Einige seien hier kurz erw\u00e4hnt: Die chronologische Vorgehensweise ist am meisten vertreten. Es kann ferner eine systematische Orientierung geben. Man kann ebenso die verschiedenen Schulen der Philosophie als einen Zugang w\u00e4hlen. Man kann auch mit individuellen Philosophen und ihren Philosophien anfangen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Zus\u00e4tzlich zu diesen diversen methodologischen Zug\u00e4ngen gibt es die problemorientierte, themenorientierte Historiographie der Philosophie, die ich vorziehe, weil sie uns erlaubt, die philosophischen Themen, Fragestellungen und L\u00f6sungsans\u00e4tze im Geiste einer interkulturellen philosophischen Orientierung zu stellen und diese im weltphilosophischen Kontext zu diskutieren. Philosophische Fragestellungen weisen eher eine grunds\u00e4tzlichere Gemeinsamkeit unter den Philosophen der Welt auf als ihre Antworten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Ein Vorschlag zur Globalisierung der interkulturellen Philosophie in Lehre und Forschung<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Oft wird, haupts\u00e4chlich seitens der Philosophie-Studierenden und des Mittelbaus, die Frage gestellt: Warum werden au\u00dfereurop\u00e4ische Philosophien nicht im Curriculum des Philosophiestudiums an den westlichen Hochschulen angeboten? Ist nicht eine Transformation des philosophischen Lehrplans an den Universit\u00e4ten schon l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig? Sind wir nicht der philosophischen Kultur zutiefst verpflichtet, Philosophiestudium im Kontext der Weltphilosophien zu gestalten? Sind nicht h\u00f6here Schulen und Hochschulen grunds\u00e4tzlich verpflichtet, den Studierenden dar\u00fcber zu informieren, wie die philosophischen Fragestellungen und L\u00f6sungsans\u00e4tze in anderen weltphilosophischen Traditionen aussehen? Es zeugt in der Tat von keiner gro\u00dfen akademischen Offenheit, wenn unsere Philosophiestudent*innen ihren B. A. oder M. A. oder gar ihre Promotion in Philosophie machen und die Philosophen wie Platon, Aristoteles, Kant, Hume, Hegel, Nietzsche u.a. kennen lernen, ohne jedoch jemals die Namen der au\u00dfereurop\u00e4ischen Philosophen wie Lao Tzu, Konfuzius, Nagarjuna, Shankara oder Avicenna und Al-Ghazali geh\u00f6rt zu haben. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich, wenn es um philosophische Probleme, Fragestellungen, Systeme und dergleichen geht.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Was wir heute dringend brauchen, ist eine nicht-eurozentrische (nicht aber eine anti-eurozentrische) Vorgehensweise um die philosophischen Themen im Geiste einer interkulturellen Orientierung zu diskutieren. Das Lernen und Lehren der Philosophie im interkulturellen Geist w\u00fcrde auch bedeuten, dass Student*innen (und nicht nur die) lernen, dass wir stets philosophischer Argumente bed\u00fcrfen. Aber dies hei\u00dft nicht, dass diese Argumente von Natur aus f\u00fcr alle \u00fcberzeugend sein m\u00fcssen. Die Argumente sind notwendig, nicht jedoch unbedingt hinreichend f\u00fcr die \u00dcberzeugung. Wer philosophische Argumente nur dann philosophisch sein lassen will, wenn sie \u00fcberzeugend sind, findet sich in einer schwierigen Lage, keine Argumente zu finden, die alle Philosophen \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Was wir daher heute brauchen, ist eine pluralistische Kartographie der Philosophiegeschichte. Selbst das oft erw\u00e4hnte Diktum, Philosophie kann es nur in einer schriftlichen Tradition geben, ist viel zu logozentrisch. Hinzukommt, dass Philosophie keine Sprache zu ihrer einzigen Muttersprache macht. Sprache geh\u00f6rt den Menschen, die sie sprechen, und nicht umgekehrt. Es war und ist oft noch immer eine europ\u00e4isch-philosophische Ein\u00e4ugigkeit zu meinen, Philosophie spreche nur Griechisch und Deutsch.\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Mutatis mutandis<\/span>\u00a0gilt dies ebenfalls, sollte indische Philosophie zum Beispiel Sanskrit zur Muttersprache der Philosophie deklarieren.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Unsere interkulturell-philosophische und post-koloniale Perspektive braucht ferner interkulturell orientierte Lehrer oder Forscher. Es kommt einer epistemischen Gewalt gleich, wenn unsere Universit\u00e4ten den gro\u00dfen Reichtum der Weltphilosophie in Lehre und Forschung nicht einbauen. Die westliche politische und epistemische Macht und Dominanz hat mit Unterst\u00fctzung der kolonialen Erziehungsstrategie das koloniale Curriculum \u00fcberall institutionalisiert. Als die Universit\u00e4t Kalkutta \u2013 meine Alma Mater \u2013 in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts von der britischen Kolonialmacht gegr\u00fcndet wurde, existierten dort viele Fakult\u00e4ten so wie sie an den Universit\u00e4ten Cambridge, Oxford existierten. Indische Philosophie war jedoch nicht ein Teil des philosophischen Fachbereichs. Die kolonialherrschaftliche Begr\u00fcndung lautete, Philosophie sei ja nur griechisch-europ\u00e4isch. Die Internationalisierung gerade der Studentenschaft heute hat das Philosophieren polyzentrisch gemacht, und dies ist eine sehr willkommene Wende, auch im Sinne der interkulturellen Philosophie in Lehre und Forschung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Res\u00fcmee<\/h3>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Als Res\u00fcmee seien hier einige Imperative formuliert:<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">1.\u00a0<\/span>Frage nicht, wie Differenzen aus der Welt zu schaffen sind, sondern wie mit ihnen umzugehen ist. Konsens soll sein, Dissens ist da. Kompromiss scheint der eigentlich gangbare und geeignete Weg zu sein. Interkulturelle Orientierung sorgt daf\u00fcr, dass die Kompromisse &#8211; soweit m\u00f6glich &#8211; nicht faul werden.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">2.<\/span>\u00a0Beachte: Nicht die Standpunkthaftigkeit ist ein Skandalon, sondern nur die Verabsolutierung eines bestimmten Standpunktes.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">3.\u00a0<\/span>Jede Lesart ist zul\u00e4ssig bis auf die Lesart, die keine andere neben sich zul\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"CORP-S-BOLD-9-7-pt\">4.\u00a0<\/span>Lerne die Kunst der Gewaltlosigkeit zu \u00fcben, sowohl im Sinne einer theoretischen als auch im Sinne einer praktischen Gewalt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Mit den lehrreichen Worten zweier Dichterphilosophen, H\u00f6lderlin und Tagore, m\u00f6chte ich schlie\u00dfen. H\u00f6lderlin schreibt in einem Brief an Hegel: \u201eEinig zu sein, ist g\u00f6ttlich und gut; woher ist die Sucht denn \/ Unter den Menschen, dass nur einer und eines nur sei.\u201c Und in einem Vortrag zum\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Parlament der Religionen<\/span>\u00a0(1937) schreibt Tagore: \u201eWenn je eine solche Katastrophe \u00fcber die Menschheit hereinbrechen sollte, dass eine einzige Religion (Kultur, Philosophie, Politik, Anm. d. Verf.) alles \u00fcberschwemmte, dann m\u00fcsste Gott f\u00fcr eine zweite Arche Noah sorgen, um seine Gesch\u00f6pfe vor seelischer Vernichtung zu retten.\u201c Beide Dichterphilosophen geben uns den Ratschlag, unsere gut gemeinte und verst\u00e4ndliche Sehnsucht nach Einheit nicht mit der Sucht nach Einheitlichkeit, nach Einf\u00f6rmigkeit zu verwechseln. Diese Ratschl\u00e4ge gelten\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">mutatis mutandis\u00a0<\/span>f\u00fcr alle Unternehmungen des menschlichen Geistes auf jedwedem Gebiet. Pluralismus scheint nicht nur Menschenwille, sondern auch Gotteswille zu sein.<\/p>\n<p class=\"fliess\">The project\u00a0<span class=\"CharOverride-7\">Interkulturelle Philosophie<\/span>\u00a0zielt so auf einen Paradigmenwechsel im Diskurs der Weltphilosophien, Weltkulturen und Weltreligionen und stellt eigentlich ein Prolegomenon dar. Mein Traum, hoffentlich nicht zu utopisch, ist, dass das Philosophieren im Geiste unserer interkulturellen philosophischen Orientierung bald der Leiter der interkulturellen Philosophie nicht mehr bedarf. Interkulturelle philosophische Orientierung ist daher nicht nur eine intellektuelle, akademische, sondern ebenso eine f\u00e4cher\u00fcbergreifende gesamtgesellschaftliche ethisch-moralische und p\u00e4dagogische Verpflichtung. Interkulturelle philosophische Orientierung \u2013 so meine feste \u00dcberzeugung \u2013 ist zwei Dinge in einem: Sie ist Denkweg und Lebensweg in einem. Erkenntnisgewinnung und Erkenntnisverwirklichung \u00ad<br \/>\ngeh\u00f6ren zusammen.\u00a0<img decoding=\"async\" class=\"_idGenObjectAttribute-3\" src=\"debatte_2_2021_22_BACKUP-web-resources\/image\/2.png\" alt=\"\" \/><\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sind auf dem Wege vom Abendrot der europ\u00e4ischen Philosophie durch die D\u00e4mmerung unserer Zeit zur Morgenr\u00f6te der Weltphilosophie.\u201c Diese fast prophetisch klingenden Worte des weltphilosophisch orientierten Karl Jaspers m\u00f6gen manchen ein wenig gestelzt erscheinen, aber sie weisen auf die Notwendigkeit eines l\u00e4ngst f\u00e4lligen weltphilosophischen Diskurses hin. 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