{"id":32262,"date":"2023-07-17T14:34:56","date_gmt":"2023-07-17T12:34:56","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=fratelli-tutti-was-steht-drin-2"},"modified":"2025-01-14T10:28:05","modified_gmt":"2025-01-14T09:28:05","slug":"fratelli-tutti-zentrale-stellen-kommentiert","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/fratelli-tutti-zentrale-stellen-kommentiert\/","title":{"rendered":"Fratelli tutti"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"_idGenDropcap-5\">J<\/span>eder Mensch hat das Recht, in W\u00fcrde zu leben und sich voll zu entwickeln, und kein Land kann dieses Grundrecht verweigern. Jeder Mensch besitzt diese W\u00fcrde, auch wenn er wenig leistet, auch wenn er mit Einschr\u00e4nkungen geboren oder aufgewachsen ist; denn dies schm\u00e4lert nicht seine immense W\u00fcrde als Mensch, die nicht auf den Umst\u00e4nden, sondern auf dem Wert seines Seins beruht. Wenn dieses elementare Prinzip nicht gewahrt wird, gibt es keine Zukunft, weder f\u00fcr die Geschwisterlichkeit noch f\u00fcr das \u00dcberleben der Menschheit.\u201c (FT 107)<\/p>\n<p class=\"fliess\">Franziskus stellt in der Enzyklika Fratelli tutti die grundlegende Geltung der menschlichen W\u00fcrde als Ausgangspunkt allen menschlichen Handelns und jeder gesellschaftlichen Struktur heraus. Was scheinbar banal klingt, kann meines Erachtens nicht oft genug wiederholt werden. In gesellschaftlichen Fragen, und oft auch in meinem Arbeitsbereich der Sozialen Arbeit, geht es immer wieder um die Frage, wie wir Menschen wieder in ein System einf\u00e4deln, wie sie sich einpassen lernen k\u00f6nnen. Aus ethischer Perspektive m\u00fcssen wir aber aus der Warte des Individuums blicken. Wir m\u00fcssen fragen, wie das System Andockstellen aufmachen kann f\u00fcr die Einzelnen, wie es sich ver\u00e4ndern kann und muss, um alle teilhaben zu lassen. Die Sozialenzyklika ruft das \u201ealte\u201c Prinzip der Personalit\u00e4t in Erinnerung und mahnt beharrlich, fast trotzig, doch unbeirrbar immer wieder an: Im Mittelpunkt steht der Mensch.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dies wird besonders am Thema Migration deutlich, das der Text unter dem Begriff der Grenze einpr\u00e4gsam ins Bild bringt. W\u00e4hrend Franz von Assisi durch seinen Besuch beim Sultan Malik Al-Kamil zeigt, wie kulturelle und religi\u00f6se Grenzen, sogar zwischen Feinden \u00fcberschritten werden k\u00f6nnen (FT 3), stellt der Text die gegenw\u00e4rtige Welt als Welt der \u201eAbschottung\u201c dar, in der \u201everbohrte, \u00fcbertriebene, w\u00fctende und aggressive Nationalismen wieder auf[leben]\u201c. (FT 11) Sie richten \u201eneue Schranken zum Selbstschutz auf\u201c um \u201eeine Kultur der Mauern zu errichten, Mauern hochzuziehen, Mauern im Herzen, Mauern auf der Erde um diese Begegnung mit anderen Kulturen, mit anderen Menschen zu verhindern\u201c. (FT 27)<\/p>\n<p class=\"fliess\">Scharf wendet sich Franziskus dagegen und macht deutlich: \u201eEs ist nicht hinnehmbar, dass Christen diese Mentalit\u00e4t und die Haltungen teilen, indem sie zuweilen bestimmte politische Pr\u00e4ferenzen \u00fcber ihre tiefen Glaubens\u00fcberzeugungen stellen. Die unver\u00e4u\u00dferliche W\u00fcrde jedes Menschen unabh\u00e4ngig von Herkunft, Hautfarbe oder Religion ist das h\u00f6chste Gesetz der geschwisterlichen Liebe.\u201c (FT 39)<\/p>\n<p class=\"fliess\">Im Gegensatz zu dieser Kultur der Abschottung, der Exklusion, der Abwertung und Missachtung von Menschen zeichnet die Enzyklika eine inklusive Gesellschaft im Bild des Polyeders, das die Einheit der Vielfalt in ihrem Potential, aber auch in ihrer Herausforderung anschaulich visualisiert.<\/p>\n<p class=\"fliess\">\u201eDer Polyeder stellt eine Gesellschaft dar, in der die Unterschiede zusammenleben, sich dabei gegenseitig erg\u00e4nzen, bereichern und erhellen, wenn auch unter Diskussionen und mit Argwohn. Denn man kann von jedem etwas lernen, niemand ist nutzlos, niemand ist entbehrlich. Dies bedeutet, dass die Peripherien mit einbezogen werden m\u00fcssen. Wer in ihnen lebt, hat einen anderen Blickwinkel, sieht Aspekte der Realit\u00e4t, die man von den Machtzentren aus, in denen die ma\u00dfgeblichen Entscheidungen getroffen werden, nicht erkennen kann.\u201c (FT 215)<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Gegen\u00fcberstellung von Peripherie und Machtzentren als Begrifflichkeiten postkolonialer Theorie verweist auf die Notwendigkeit eines globalen Zusammenwirkens: \u201eWir brauchen eine rechtliche, politische und wirtschaftliche Weltordnung, die die internationale Zusammenarbeit auf die solidarische Entwicklung aller V\u00f6lker hin ausrichtet.\u201c (FT 138)<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dies bezieht der Text auch ganz konkret auf die Gestaltung der internationalen Wirtschafts- und Finanzwelt und vor allem die Organisation der Vereinten Nationen, was besonders angesichts der j\u00fcngsten Geschichte der Untergrabung der Autorit\u00e4t und Funktionsf\u00e4higkeit der UN als eindeutige Positionierung verstanden werden kann. Ein gutes und wichtiges Signal.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die strukturelle Gestaltung unserer Gesellschaft insgesamt zu \u00fcberdenken, ist vor allem durch die Corona-Pandemie deutlich geworden. Die Enzyklika wirft punktuelle Spots auf die Thematik und zeigt neben der in der Zeit des Lockdowns deutlich gewordenen Vereinzelung auch auf, was positiv gewachsen ist:<\/p>\n<p class=\"fliess\">\u201eDie j\u00fcngste Pandemie hat uns erlaubt, viele Weggef\u00e4hrten und -ge\u00adf\u00e4hrtinnen wiederzufinden und wert\u00adzusch\u00e4tzen, die in Situationen der Angst mit der Hingabe ihres Lebens reagiert haben. Wir k\u00f6nnen erkennen, dass unsere Leben miteinander verwoben sind und wir durch einfache Menschen Hilfestellung erfahren haben, die aber zweifellos eine bedeutende Seite unserer Geschichte geschrieben haben: \u00c4rzte, Krankenschwestern und Pfleger, Supermarktangestellte, Reinigungspersonal, Betreuungskr\u00e4fte, Transporteure, Ordnungskr\u00e4fte, ehrenamtliche Helfer, Priester, Ordensleute und viele, ja viele andere, die verstanden haben, dass niemand sich allein rettet.\u201c (FT 55)<\/p>\n<p class=\"fliess\">Es ist wichtig zu sehen, dass dahinter das immense Engagement von Menschen in der Care-Arbeit steht \u2013 ob unentgeltlich in der Familie geleistet oder schlecht bezahlt in der Pflege, der Sozialen Arbeit und in den p\u00e4dagogischen Berufen, in haushaltnahen Dienstleistungen und Bereichen der Sicherung der Grundversorgung. Oftmals tragen diese Art der Arbeit Frauen. Sie und ihre Arbeit zu w\u00fcrdigen und auch gegen einen verk\u00fcrzten Begriff von Arbeit im zurecht kritisierten Wirtschaftsliberalismus breiter hervorzuheben, w\u00e4re ein deutliches Zeichen f\u00fcr die W\u00fcrdigung (meist) weiblicher \u00adLebenswelten und der in der Enzyklika viel beschworenen Geschwisterlichkeit gewesen. Diese Chance hat die Enzyklika leider verpasst. Umso wichtiger ist es, die F\u00e4den des Textes weiterzuspinnen, ihn zu lesen und seine Gedanken gemeinsam im beschriebenen Dialog fortzuentwickeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder Mensch hat das Recht, in W\u00fcrde zu leben und sich voll zu entwickeln, und kein Land kann dieses Grundrecht verweigern. 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