{"id":32301,"date":"2023-07-17T14:35:28","date_gmt":"2023-07-17T12:35:28","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=vernissage-und-ausstellung"},"modified":"2025-04-23T15:37:36","modified_gmt":"2025-04-23T13:37:36","slug":"an-der-grenze-zum-schatten-zur-eroeffnung-der-ausstellung","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/an-der-grenze-zum-schatten-zur-eroeffnung-der-ausstellung\/","title":{"rendered":"On the border of the shadow"},"content":{"rendered":"<p>Die heute zu er\u00f6ffnende Ausstellung l\u00e4sst sich nicht recht einer bestimmten Kunstgattung zuordnen, weder der Malerei, noch der Bildhauerei, noch der Installations- oder der Video-Kunst. Denn von allem findet sich etwas darin. Die K\u00fcnstlerin Dorothea Reese-Heim schert sich nicht um Gattungen, ihr Interesse gilt Formen, Farben und Materialien, vor allem solchen Materialien, die in der bildenden Kunst normalerweise keine gro\u00dfe Rolle spielen, denen sie aber neue \u00e4sthetische Qualit\u00e4ten entlockt und die sie zum Sprechen bringt.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass diese K\u00fcnstlerin vom Textilen herkommt. Damit befasste sie sich schon an den Akademien in Karlsruhe und M\u00fcnchen. Aber in dieser Zeit machte sie auch bereits Erfahrungen mit handgesch\u00f6pftem Papier, unter anderem angeregt durch den M\u00fcnchner Akademieprofessor Eduardo Paolozzi.<\/p>\n<p>Von 1983 bis 2009 war sie Professorin an der Universit\u00e4t Paderborn, und zwar an der Fakult\u00e4t Kulturwissenschaften Institut Kunst\/Musik\/Gestaltung. Sofort veranlasste sie dort die Einrichtung einer Papierwerkstatt, in der Papier nicht nur verarbeitet, sondern auch aus den verschiedensten Materialien hergestellt wird.<\/p>\n<p>Der enge Zusammenhang von Textil und Papier ist vielleicht nicht jedem so anschaulich: Es beginnt schon damit, dass man zum Papiersch\u00f6pfen ein \u201eSieb\u201c ben\u00f6tigt, dass in der Regel irgendwie aus Kette und Schuss gewebt ist. Es geht damit weiter, dass sowohl Textilien als auch Papiere oft aus pflanzlichen Fasern bestehen. Das teuerste Papier, das sogenannte B\u00fctten, ist sogar oft aus Lumpen, aus alten Leinenhemden oder \u00e4hnlichem entstanden, also aus Textilien. Umgekehrt gibt es seit einiger Zeit sehr belastbare Textilien, Stoffe und Teppiche, aus Papier. Dorothea Reese-Heim hat sich ausf\u00fchrlich mit diesem Materialkomplex befasst.<\/p>\n<p>Wir sehen hier, sozusagen \u201eauf der B\u00fchne des Vortragssaals\u201c, die Papierobjekte \u201ePr\u00e4parat I\u2013VII\u201c, die aus Kozo-Papier bestehen, einer Masse aus der inneren Rinde, dem Bast, des Maulbeer-Baumes. Aber w\u00e4hrend andere Kozo-Papier-Hersteller gef\u00e4llige Bl\u00e4tter, Bl\u00fcten oder Gr\u00e4ser in dieses Papier integrieren, ist es hier ein eher \u201epapierfeindliches\u201c Material: eiserner Schwei\u00dfdraht. Diese sieben Stelen oder Schilde haben etwas urt\u00fcmliches, sie wirken zugleich schwebend und schwer. In Wirklichkeit sind sie ganz leicht. Durch die eingearbeiteten Kreis-Strukturen entsteht eine gewisse Dreidimensionalit\u00e4t. Man hat den Eindruck, es handle sich um Spiralen. Und so ist es auch! Die ersten Versuche mit dieser Material-Kombination waren auch wirklich dreidimensionale runde T\u00fcrme, die durch die Metallspiralen getragen wurden. Jetzt liegen die Spiralen flach und rosten ein wenig durch das schrundige Kozo-Papier. Die sieben Stelen neben dem Kruzifix und dem Kerzenleuchter erinnern mich an den Siebenarmigen Leuchter, aber das mag wohl jeder ein bisschen anders sehen.<\/p>\n<p>Die \u201eRotationen\u201c bzw. \u201eDoppelrotationen\u201c an der Wand hinter mir sind mit Kreiden, Graphit- und Buntstiften auf gro\u00dfe Papiere gezeichnet. F\u00fcr den harten \u00e4u\u00dferen Rand hat sich die K\u00fcnstlerin eine Schablone gemacht, von der aus mit der immer gleichen, aus dem ganzen Arm heraus vollzogenen Bewegung gekr\u00fcmmte Linien auf die langsam gedrehten Papierb\u00f6gen gezeichnet wurden. In diesen gro\u00dfen Bl\u00e4ttern steckt also etwas Performatives, eine K\u00f6rper-Aktion, die aber durch die immer gleiche Bewegung nichts Wirres oder Wildes hat, wie etwa beim \u201eAction-Painting\u201c, sondern an nat\u00fcrliche Formen erinnern und einen ganz eigenen Tiefensog entwickeln. Vers\u00e4umen Sie nicht, in diese Bilder, die irgendwie an Pupillen erinnern, mit Ihren Augen hineinzukriechen!<\/p>\n<p>Aber Dorothea Reese-Heim bleibt nicht beim Papier. Im Foyer haben Sie bereits die Installation \u201eNahe an der Grenze zum Schatten\u201c gesehen, die dieser Ausstellung den sprechenden Namen gab. Hier sind es lichtleitende Acryl-Scheiben und PVC-Schl\u00e4uche, die zu schwebenden, raumf\u00fcllenden Elementen zusammengesetzt wurden. Dieses Acryl wird LISA genannt, eine Abk\u00fcrzung f\u00fcr \u201elicht-sammelnd\u201c, denn die Fl\u00e4chen sammeln das Tageslicht oder auch das UV-Licht aus den am Boden stehenden Scheinwerfern ein und entlassen es wieder \u00fcber die R\u00e4nder der Scheiben. Licht und Schatten sind wichtige Themen f\u00fcr Dorothea Reese-Heim. Daf\u00fcr ist sie immer auf der Suche nach neuen Materialien und Materialkombinationen. \u00dcbrigens plant sie zurzeit \u00e4hnliche, aber viel gr\u00f6\u00dfere Gestaltungen f\u00fcr den Erweiterungsbau des Terminal I am M\u00fcnchner Flughafen; sie hat den entsprechenden Wettbewerb gewonnen. Weil Acryl den dortigen Brandschutz-Vorschriften nicht entspricht, m\u00fcssen die Scheiben aus Glas gefertigt werden. Sie sind aber so gro\u00df und so schwer, dass \u00fcberhaupt nur eine Firma in Deutschland in der Lage ist, sie herzustellen.<\/p>\n<p>Auf der Holzwand im Flur gegen\u00fcber werden Sie \u201eTektonische \u00dcberzeichnungen\u201c sehen, die an Birken oder Architekturen erinnern. Aber auch hier ist die Sache komplizierter, als man auf den ersten Blick denken w\u00fcrde. Hinter der Glasscheibe ist mit Tusche und Tinte auf ein dickes Papier gemalt oder sollte ich sagen: gezeichnet? Aber ein Teil der Zeichnungen sind \u2013 sozusagen als Hinterglasmalerei \u2013 mit spezieller Farbe auf die R\u00fcckseiten der Gl\u00e4ser aufgebracht. Wenn man genauer hinschaut, was ich Ihnen sehr empfehle, ist das auch zu sehen. Man stellt einen gewissen Abstand zwischen der Malerei auf Papier und der Hinterglasmalerei fest, und die Glasmalerei f\u00e4llt auch als Schatten auf das darunter liegende Papier.<\/p>\n<p>Die drei mittleren Bilder an der Holzwand geh\u00f6ren eigentlich zu den \u201eRotationen\u201c, sind aber zu Streifen zerschnitten und neu zusammengesetzt. Und haben dadurch einen vollkommen anderen Charakter erhalten.<\/p>\n<p>Aber damit nicht genug: In zwei Vitrinen des Foyers finden Sie einige Beispiele aus der umfangreichen Serie \u201eVersiegelte Schriften\u201c. Manchmal hie\u00dfen diese Buchobjekte auch \u201eUnn\u00fctze B\u00fccher\u201c, denn in den darin verarbeiteten alten B\u00fcchern kann man nicht mehr lesen kann, sie sind z.T. kaum mehr als B\u00fccher zu erkennen. In Paraffin \u201eeinbalsamiert\u201c, entwickeln die alten B\u00fccher ein zweites, aber erstarrtes Leben. So wie Insekten, die in Bernstein eingeschlossen sind und sich dadurch Jahrtausende lang erhalten haben. Man mag auch an den merkw\u00fcrdigen Menschheitstraum denken, sich einfrieren zu lassen, um potentiell ewig zu leben.<\/p>\n<p>Im Atrium neben diesem Vortragssaal schwebt an der Decke eine siebenteilige \u201eWolke\u201c aus Aluminiumgewebe und kleinen Acryl-St\u00e4bchen, ein Beispiel f\u00fcr die raumgreifenden Installationen von Dorothea Reese-Heim. Schon oft hat sie viel gr\u00f6\u00dfere Objekte ausgestellt, aber die h\u00e4tten in den R\u00e4umlichkeiten der Katholischen Akademie in Bayern keinen Platz gefunden.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sehen Sie noch der Kapelle die Video-Arbeit \u201eKlangrosette\u201c, eine sechsfache Klang-Bild-Komposition. T\u00f6ne werden sozusagen automatisch in bildliche Bewegungen umgesetzt. Wie sind diese \u201eKlangrosetten\u201c entstanden? Auf einer waagrechten Membran wurden Farbpigmente, B\u00e4rlapp-Pulver oder Bl\u00fctenstaub verteilt. Dieses von dem M\u00fcnchner Organisten Michael Grill komponierte Musikst\u00fcck f\u00fcr Orgel wird \u00fcber Lautsprecher auf diese Membran \u00fcbertragen, und die Tonschwingungen versetzen die diversen Pulver in Bewegung. Das Ganze wird dann per Video aufgenommen. Diese Arbeit passt sehr gut in eine Kapelle und ist auch schon mit Erfolg in anderen, gr\u00f6\u00dferen Kirchen gezeigt worden. Durch diese Arbeit soll Ihnen nicht etwa \u201eH\u00f6ren und Sehen vergehen\u201c, sondern im Gegenteil: \u201eH\u00f6ren und Sehen\u201c sollen und k\u00f6nnen eine syn\u00e4sthetische Symbiose eingehen.<\/p>\n<p>Nun habe ich Ihnen, obwohl ich schon so lange rede, eigentlich nur aufgez\u00e4hlt, was Sie in dieser umfangreichen Ausstellung alles entdecken k\u00f6nnen. Sollte ich nun noch etwas \u00fcber das Was und Wie oder gar \u00fcber das Warum dieser Kunstwerke sagen? Wozu sonst haben Sie hier einen Kunsthistoriker am Rednerpult stehen?<\/p>\n<p>Einen gemeinsamen Stil im traditionellen Sinne der Kunstwissenschaft kann man in den ausgestellten Arbeiten oder \u00fcberhaupt im Werk von Dorothea Reese-Heim nicht so leicht entdecken. Es ist eher eine Einstellung, ein neugieriges Zupacken, das zum Ausdruck kommt.<\/p>\n<p>Es wird ja oft betont, dass \u201eKunst\u201c, also das Wort \u201eKunst\u201c, von K\u00f6nnen komme. Das stimmt auch. Aber ich m\u00f6chte heute mit einem anderen Vorschlag enden: Wirkliche Kunst ist immer eine Art Forschung. \u00c4hnlich wie z.B. Naturwissenschaftler oder Arch\u00e4ologen suchen und entdecken die K\u00fcnstler immer neue Formen, neue Farbkombinationen, neue Materialien, kurz: neue Sprachen. Sie forschen und experimentieren, sie stellen Hypothesen auf und verwerfen viele davon wieder, sie ringen um Probleme, die andere noch gar nicht bemerkt haben. K\u00fcnstler sind wirkliche Forscher. Und wie viele neue Welten haben K\u00fcnstler schon f\u00fcr uns entdeckt! Und sie werden es weiter tun. Das ist es, wof\u00fcr wir den K\u00fcnstlern, den wirklichen K\u00fcnstlern, wie Dorothea Reese-Heim eine ist, dankbar sein d\u00fcrfen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die heute zu er\u00f6ffnende Ausstellung l\u00e4sst sich nicht recht einer bestimmten Kunstgattung zuordnen, weder der Malerei, noch der Bildhauerei, noch der Installations- oder der Video-Kunst. Denn von allem findet sich etwas darin. 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