{"id":32326,"date":"2023-07-17T14:35:48","date_gmt":"2023-07-17T12:35:48","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=freiheit-und-verantwortung-3"},"modified":"2025-07-10T10:55:31","modified_gmt":"2025-07-10T08:55:31","slug":"herausforderungen-in-einer-unsicheren-welt","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/herausforderungen-in-einer-unsicheren-welt\/","title":{"rendered":"Challenges in an uncertain world"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob in den Fachkreisen oder in der Presse: Landauf, landab wird augenblicklich immerfort diskutiert \u00fcber die Ordnung der Welt, die ins Rutschen ger\u00e4t, und besorgt gesprochen \u00fcber die Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik, deren Akteure nicht mehr verl\u00e4sslich sind. In M\u00fcnchen laufen die Vorbereitungen zur 55. Sicherheitskonferenz, und wir k\u00f6nnen uns schon jetzt vorstellen, dass Artikel und Schlagzeilen erneut fragen werden: Geht es \u00fcberhaupt noch weiter mit einer wertebasierten Weltordnung; wie ist es mit dem Multilateralismus; k\u00f6nnen wir nach Trump und anderen Menschen, die in der Welt gro\u00dfe Schatten werfen, noch damit rechnen, dass ein friedliches Zusammenleben Zukunft hat?<\/p>\n<p>Mit Erschrecken sehen wir die zunehmende Friedlosigkeit und eine Erosion des Vertrauens zwischen den Staaten. Vor f\u00fcnf Jahren, bei der Er\u00f6ffnung der 50. M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz, habe ich in dieser Stadt laut dar\u00fcber nachgedacht, welches Format Deutschland in Europa und in der Welt haben solle. Es erschien mir wichtig, die Landsleute daran zu erinnern, dass wir mit dem Vertrauen, das wir zum Rechtsstaat, zur Demokratie, zur Freiheit entwickelt haben, eine Nation geworden sind, auf die man sich verlassen kann. Dazu kommt eine erhebliche wirtschaftliche St\u00e4rke, die uns zu einem wichtigen Partner verschiedener Nationen macht. Deutschland, so meinte ich, m\u00fcsse sich daher in verschiedenen Bereichen internationaler Zusammenarbeit st\u00e4rker einbringen \u2013 nicht nur, aber auch auf dem Gebiet der Sicherheit.<\/p>\n<p>Heute nun sehe ich Entwicklungen in unserem Land und auch bei unseren nahen und fernen Nachbarn, die mir Sorgen bereiten. Wie in fast allen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern hat sich auch bei uns der Populismus politisch etabliert. Vertreter einer rechtsnationalen Politikvariante sitzen im Deutschen Bundestag und in allen Landesparlamenten \u2013 eine Entwicklung, die uns lange nicht erreicht hatte, obwohl sie in unseren Nachbarl\u00e4ndern schon lange auf der Tagesordnung war.<\/p>\n<p>In Italien hat sich mit der Regierung aus Linkspopulisten und Rechtspopulisten ein demagogischer Politikstil eingeschlichen, der uns unvertraut ist, und den ich in Deutschland nicht sehen m\u00f6chte. Aber auch in den demokratischen Musterl\u00e4ndern in Skandinavien \u2013 in wunderbaren, entwickelten Demokratien mit einem ausgepr\u00e4gten Sozialstaat \u2013 gibt es Bewegungen, die Nationalismus in einer relativ starken Auspr\u00e4gung wieder zu einem wichtigen Element der Politik machen. Polen und Ungarn haben sich unter rechtsnationalen Regierungen zu einer illiberalen Politik entschieden. In Frankreich gehen Zehntausende auf die Stra\u00dfe gegen einen Staatspr\u00e4sidenten, der vor nicht einmal zwei Jahren noch Hoffnungstr\u00e4ger war. Und mit dem Austritt Gro\u00dfbritanniens droht der Europ\u00e4ischen Union die gr\u00f6\u00dfte Bew\u00e4hrungsprobe seit ihrer Gr\u00fcndung. All das sind relativ neue, relativ beunruhigende Entwicklungen, die das traditionelle Parteiengef\u00fcge vielerorts kr\u00e4ftig durchr\u00fctteln und dem europ\u00e4ischen Gef\u00fcge schon jetzt tiefe Risse zugef\u00fcgt haben.<\/p>\n<p>Im Osten und Nahen Osten sieht es noch bedr\u00fcckender aus. Autokratische F\u00fchrer lieben es, ihre Politik der St\u00e4rke der St\u00e4rke des Rechtes vorzuziehen. Sie bewegen sich aus dem Kreis der Demokratien heraus und empfinden es als legitim, Krisen und Konflikte auch in der eigenen Nachbarschaft zu provozieren, oder, wie durch Russland geschehen, Territorien sogar v\u00f6lkerrechtswidrig zu besetzen. Dar\u00fcber hinaus mischen sich Russland, der Iran, auch die T\u00fcrkei offen in den syrischen B\u00fcrgerkrieg ein, mal als Verb\u00fcndete, mal als Gegner, um ihre gro\u00dfmachtpolitischen Interessen abzusichern und sich in der Region als permanenter Machtfaktor zu etablieren. \u00dcber die massiven au\u00dfenpolitischen Vorst\u00f6\u00dfe von China habe ich dabei noch gar nicht gesprochen. Mit gewaltigen Investitionspakten kaufen sie sich entlang der Seidenstra\u00dfe ein bis Osteuropa, gest\u00fctzt auf ein imponierendes wirtschaftliches Wachstum bei gleichzeitiger Stabilisierung einer vormodernen Herrschaft der Wenigen \u00fcber die Vielen.<\/p>\n<p>Das alles k\u00f6nnten wir noch leichter ertragen, wenn unsere Hauptpartner des Westens, die Vereinigten Staaten, in der Weise verl\u00e4sslich w\u00e4ren, wie sie es f\u00fcr uns Europ\u00e4er \u00fcber Jahrzehnte waren. Aber verunsichert durch den unberechenbaren Gestus von Donald Trump sind nicht nur die Amerikaner, sondern nat\u00fcrlich auch wir Europ\u00e4er. Ich bin ein Herzens-Atlantiker, und ich werde niemals die Rolle der Vereinigten Staaten f\u00fcr den Erhalt der Freiheit in Europa vergessen. Mir ist auch der dortige Pr\u00e4sident wirklich suspekt, aber daraus abzuleiten, dass wir einen R\u00fcckzug der Vereinigten Staaten als g\u00fcnstig f\u00fcr den ganzen Erdball betrachten sollten, w\u00fcrde ich f\u00fcr einen ganz schwerwiegenden Irrtum, schlichtweg f\u00fcr politische Dummheit halten. Ich sehe nicht, dass das vielleicht sogar f\u00fchrungswillige Frankreich zusammen mit dem eher nicht f\u00fchrungsbereiten Deutschland an die Stelle dessen treten k\u00f6nnte, was Amerika f\u00fcr uns sicherheitspolitisch geleistet hat. Mit welchen Potentialen und mit welcher inneren Haltung sollten denn diese beiden gr\u00f6\u00dften L\u00e4nder das bew\u00e4ltigen? Gleichwohl halte ich eine St\u00e4rkung der europ\u00e4ischen Verteidigung f\u00fcr sinnvoll.<\/p>\n<p>In Sicherheitsfragen herrscht in den reichen L\u00e4ndern des Westens allerdings eine gewisse Sorglosigkeit, verbunden mit einem weit verbreiteten Wunschdenken. Herfried M\u00fcnkler nennt unsere Zeit die \u201epostheroische\u201c Zeit. Ich wei\u00df zwar nicht, welche heroischen Zeiten f\u00fcr Deutschland besser waren. Aber wenn postheroisch bedeutet, nicht mehr zu wissen, was und wie wir uns verteidigen wollen, dann kann da irgendetwas mit unserem Nationalgef\u00fchl nicht stimmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zu diesen au\u00dfenpolitischen Problemen haben wir es noch mit inneren Problemen zu tun. Wir erleben gro\u00dfe Unsicherheit und eine diffuse Angst, vielleicht vergleichbar nur mit gro\u00dfen Umbruchzeiten wie der Kopernikanischen Wende oder dem Beginn des Industriezeitalters. Viele f\u00fcrchten heute die neue Welt der Computer, der k\u00fcnstlichen Intelligenz, viele f\u00fchlen sich nicht oder nur unzureichend ausgestattet mit Wissen \u00fcber das Funktionieren der vernetzten digitalen Welt. Sie f\u00fcrchten sich vor dem Verlust ihrer Autonomie und sind sich unsicher, welche Rolle sie in der Zukunft einnehmen werden.<\/p>\n<p>Politik darf diese \u00c4ngste nicht ignorieren. Aber Politik muss den verunsicherten Menschen gemeinsam mit der Wirtschaft auch die vielen M\u00f6glichkeiten und Chancen vor Augen f\u00fchren, die sich mit dem \u00dcbergang in ein neues Informationszeitalter er\u00f6ffnen. Unsere Vorfahren haben sich vor siebzig Jahren erm\u00e4chtigt, nach einem tiefen Fall diese Demokratie zu errichten, diesen Rechtsstaat zu stabilisieren, diese Wirtschaftsordnung zu etablieren. Das ging nur im Glauben an die eigenen M\u00f6glichkeiten. Das ist es, was uns eine innere St\u00e4rke geben sollte: ein Erfahrungsgut des Gelingens. Dieses Zutrauen zu uns und zu unserem Potential m\u00fcssen wir bem\u00fchen, um uns und die Gesellschaft in den gegenw\u00e4rtigen Phasen von Unsicherheit und Angst zu erm\u00e4chtigen.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe S\u00f8ren Kierkegaard hat in seinem Jahrhundert, dem 19. Jahrhundert, die Angst den Schwindel der Freiheit genannt. Vielleicht erschlie\u00dfen wir uns diese Aussage am besten, wenn wir uns erinnern, dass Freiheit unglaubliche Handlungs- und Spielr\u00e4ume er\u00f6ffnet, zahllose M\u00f6glichkeiten, M\u00f6glichkeiten zum Guten aber auch zum Schlechten. Kann einen das nicht schon schwindlig machen? Und dann das Ph\u00e4nomen, dass <em>wir <\/em>es sind, die in der Demokratie die Verantwortung tragen: wir alle als <em>citoyen<\/em>, als B\u00fcrger, und nicht irgendwelche K\u00f6nige, F\u00fcrsten oder F\u00fchrer. Die Demokratie ist unsere Sache! Aus eigenem Antrieb entscheiden wir uns, zust\u00e4ndig zu sein f\u00fcr den Raum, in dem wir leben. Und wir sp\u00fcren dabei: Die Freiheit der Erwachsenen hei\u00dft Verantwortung. Aber kann das nicht auch erschrecken? Dann m\u00fcsste ich ja eine Meinung dazu haben, mit wie viel Geld ich die Sozialpolitik unterst\u00fctze, mit wie viel die Umweltpolitik, mit wie viel die Verteidigungspolitik, die Schulpolitik. All dies m\u00fcsste ich selber mit durchdenken. Ist es da nicht doch einfacher, auf die da oben zu schimpfen? Denn selbst, wenn ich mich nicht beteilige, erlaube ich mir ja immer noch ein Urteil \u00fcber \u201esie\u201c.<\/p>\n<p>In der vormodernen Gesellschaft kannte jeder seinen Platz: Er war nicht frei, er f\u00fchlte sich manchmal auch geg\u00e4ngelt, aber das ganze System hing nicht von ihm ab. Er war eingeordnet, er hatte eine gewisse Rollensicherheit und Beheimatung, einen gewissen Halt. Es war die Freiheit der Moderne, die den Menschen herausl\u00f6ste aus dieser festen Verortung in der Gesellschaft. Es ist die moderne Gesellschaft, die uns in den Individualismus entl\u00e4sst und uns zumutet, \u00fcber die grundlegenden Dinge selbst zu entscheiden: Wie wir unser Leben gestalten und was unserem Leben Sinn gibt. Ist es verwunderlich, dass dann eine Unsicherheit im Raum ist, zumal in Zeiten eines fragilen \u00dcbergangs?<\/p>\n<p>Es gibt keine offene Gesellschaft ohne gleichzeitige Phasen von \u00c4ngstlichkeit und Unsicherheit. Wir sind Menschen, wir sind nicht G\u00f6tter, wir sind nicht Gott. Aber \u2013 und ich wiederhole es, weil es so wichtig ist: Wir wissen aus der Erfahrung, dass uns Kr\u00e4fte zuwachsen k\u00f6nnen, die die \u00c4ngste weder leugnen noch l\u00f6schen, aber die sie relativieren, und die uns in das Stadium von Handlungsf\u00e4higkeit setzen. Kr\u00e4fte, die die in uns ruhende Verantwortungsbereitschaft, die Mut, Tatkraft, Innovationsbereitschaft, Risikobereitschaft, die all das wecken. Wenn du dir dann das erschlie\u00dft, was in dir als positive Gabe hineingelegt worden ist, dann bist du vielleicht einer, der sich nur selten f\u00fcrchten muss &#8211; und das ist eine ganze Menge.<\/p>\n<p>Lassen Sie mich f\u00fcr einen Moment in mein altes Dasein als Pastor zur\u00fcckgehen: Ich hatte als junger Mensch immer Furcht vor einer bestimmten Bibelstelle \u2013 vor vielen, aber bei dieser besonders \u2013 aus dem Sch\u00f6pfungsbericht. Da hei\u00dft es: \u201eUnd Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach Gottes Bilde schuf er ihn\u201c (1. Mose 1,27). Ich betrachtete die Welt in meiner Nachkriegsjugend mit gro\u00dfer Skepsis, besonders Deutschland. Das, was der junge Student da aus den B\u00fcchern und Filmen zur Kenntnis nahm \u00fcber die eigene Heimat, in der man deutsch sprach, deutsche Musik liebte, Hand anlegte zum wirtschaftlichen Aufbau, aber \u00fcber Massenmorde, Gewalt und Totschlag schwieg, das hat mich abgesto\u00dfen. Ja, ich kann sagen: Ich habe dieses Land gehasst. Und dann lese ich da in der Heiligen Schrift: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Ich wei\u00df, was man dann sagt \u2013 es gibt ja B\u00fccher, da kann man nachlesen, was ein Pastor dann predigen kann. Jedenfalls empfand ich die Bibelstelle als so provokant, &#8211; <em>dieser<\/em> Mensch als Gottes Ebenbild &#8211; dass ich mir vorgenommen hatte: Dar\u00fcber predigst du nie.<\/p>\n<p>Aber irgendwann, ich war schon alt geworden, kehrte die Bibelstelle zu mir zur\u00fcck. Ich konnte den Text pl\u00f6tzlich lesen und sagte: Oh, was f\u00fcr ein sch\u00f6nes Wort. Und wissen Sie, wie das kam? Es h\u00e4ngt mit diesem Begriff der Verantwortung zusammen. F\u00fcr mich hie\u00df dieser Text pl\u00f6tzlich: Gott schuf den Menschen mit einer geheimnisvollen Gabe, die kein anderes Gesch\u00f6pf hat, sondern nur er. Der Mensch kann sich selber erkennen und f\u00fcr sich selber und f\u00fcr andere Verantwortung \u00fcbernehmen. Er kann das in Liebe tun, er kann es mit Mut tun, mit \u00c4ngstlichkeit \u2013 aber er ist immer gemeint als der, der diese besondere F\u00e4higkeit besitzt, \u00fcber die niemand anderes sonst auf der ganzen weiten Welt verf\u00fcgt: Er kann Verantwortung \u00fcbernehmen. Da hatte sich mir pl\u00f6tzlich etwas erschlossen, auf vielen, vielen Umwegen des Lebens. F\u00fcr mich jedenfalls war ein geistliches Wort sehr irdisch, sehr nah geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte aber noch einmal zum Thema der \u00c4ngste zur\u00fcckkehren. Der gro\u00dfe Psychologe Erich Fromm und der gro\u00dfe Philosoph und Politikwissenschaftler Karl Popper haben mehrfach dar\u00fcber gesprochen dass es verborgen unter den verschiedenen \u00c4ngsten so etwas wie eine Grundangst gibt, die die Menschen gar nicht so genau definieren k\u00f6nnen. Ein diffuses, verunsicherndes Grundgef\u00fchl: Die Furcht vor der Freiheit. Eine nicht v\u00f6llig von uns erkannte, uns aber immer begleitende Furcht vor dem weiten Raum der Freiheit. Karl Popper und noch st\u00e4rker Erich Fromm hielten diese Angst f\u00fcr eine anthropologische Konstante, nicht f\u00fcr einen Fehler im System des Menschen, sondern f\u00fcr einen Teil seiner Grundausstattung.<\/p>\n<p>Interessant, dass auch der eher linke Psychotherapeut und Psychologe Fromm auf die Bibel verweist und dort eine archetypische Geschichte findet, wieder in der Genesis, die Geschichte von Adam und Eva. Da wird also der Apfel weitergereicht \u2013 der Gl\u00e4ubige wei\u00df da schon: Das ist S\u00fcnde, Gott will es nicht, das tut man nicht. Aber scheinbar paradoxerweise hat Gott den Menschen so geschaffen, dass er auch tun kann, was er nicht tun soll. Also schlussfolgerte der Psychologe aus diesem sch\u00f6nen alten mythischen Text: Der Sch\u00f6pfer hat den Menschen als freies Gesch\u00f6pf gewollt. Er hat ihn in die Freiheit hinein geboren. Und das Paar entscheidet sich, Gottes Gebot nicht zu folgen, sondern selbst das Gebot zu setzen: Ich setze meine Kraft ein und entscheide mich im Rahmen meiner Freiheit. Eine gro\u00dfe Tat.<\/p>\n<p>Aber Erich Fromm l\u00e4sst uns weiterlesen. Was passiert nach dieser Tat? Einen Tag sp\u00e4ter findet sich das Paar au\u00dferhalb des Paradieses: Es ist nackt, f\u00fcrchtet sich \u2013 wer gibt uns etwas zu essen, wer sagt uns, was wir tun sollen, wer sch\u00fctzt uns vor Gefahr, wo sind wir \u00fcberhaupt. Von jetzt an wird es sich danach sehnen, in die heile Ordnung eines gesch\u00fctzten Raumes zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen, das wir Paradies nennen. Das Paar wird nie wieder dort hinkommen, aber immer wird es sich danach sehnen und daran denken, dass es dort sein k\u00f6nnte. Und es wird sich immerfort f\u00fcrchten vor dem, was ihm heute und am n\u00e4chsten Tag zusto\u00dfen k\u00f6nnte. In diesem Bild ist das enthalten, was ich in Kurzform als anthropologische Konstante beschrieben habe. Wir haben die Freiheit der Wahl, wir haben auch (begrenzt) Kraft und Mut, aber ohne \u00c4ngste ist diese Freiheit nicht zu haben.<\/p>\n<p>Wenn wir uns diese Pr\u00e4gung der menschlichen Psyche vor Augen f\u00fchren, erkennen wir, wie leicht es ist, das Thema im Politischen zu instrumentalisieren. Das ist generell ein Problem der politischen Diskurse, aber es erfolgt \u00fcberall dort zugespitzt und manipulativ, wo gerade populistische Bewegungen die Demokratie in Frage stellen. Das Tr\u00f6stende f\u00fcr viele Menschen, die solchen Bewegungen folgen, ist das Versprechen: Du musst dich nicht vor der Zukunft f\u00fcrchten, wenn du auf uns h\u00f6rst und wir dir sagen: Es ist die geordnete Welt wiederherzustellen, die wir fr\u00fcher erlebt haben.<\/p>\n<p>Ich sehe allerdings keinen Ort in der Welt, wo das gelingen kann. Ich sehe nur Orte in der Welt, wo die Demokratie, wie sie sich einmal entwickelt hat, mit all ihren zweifellos vorhandenen Problemen, zur\u00fcckverwandelt wird in eine gelenkte Ordnung oder ein autorit\u00e4res System. Und wenn dieser Prozess erst einmal angefangen hat, dann werden die Menschen pl\u00f6tzlich merken, dass sie Freiheit vermissen. Jetzt erscheint sie ihnen oft als zu umfassend und zu bedrohlich und Angst machend, doch pl\u00f6tzlich wird es ihnen an Freiheit fehlen.<\/p>\n<p>Vielleicht machen wir, die wir die Freiheit und die Demokratie verteidigen, einen Fehler, wenn wir der \u00c4ngstlichkeit allein mit k\u00fchler Sachlichkeit begegnen. Unsere Freude daran, gestalten zu k\u00f6nnen, mag sich auch deshalb manchmal nicht zeigen, weil wir uns oft genieren. Wieso kann ich mich freuen \u00fcber das, was zu gestalten gelingt, wenn da so viele sind, die sich so sorgen um all das, was (noch) nicht gelingt? Es mag in S\u00fcddeutschland ja anders sein, aber bei uns im Norden ist es so: Wenn du in bestimmten Zirkeln ernst genommen werden willst, musst du einen bedr\u00fcckten Eindruck machen. Du kannst da nicht hingehen und sagen, mein Gott, wie freue ich mich, dass dieses Land so geworden ist, wie es ist, wie erfolgreich, friedlich, sch\u00f6n. Da gelten Sie leicht f\u00fcr unbedarft. Warum das so ist? Ich wei\u00df es nicht. Aber es ist eine Gefahr, dass wir die Gefahren und Sorgen und Probleme \u00fcberzeichnen und uns die Erfolge kleinrechnen. Als w\u00fcrden wir ein Fernglas umdrehen und das, was im Normalfall nahe bei uns, pl\u00f6tzlich ganz weit weg ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir wollen das, was Angst macht, erkennen, aber wir wollen Fluchtreflexen nicht folgen. Ich will wirklich nicht so tun, als ob das leicht w\u00e4re. Und ich wei\u00df, dass man denen mehr zuh\u00f6rt, die Fake News verbreiten oder Hysterie. Bei den politischen Hysterikern: da ist Aufruhr, da wird gef\u00fchlt. Wir m\u00fcssen dann aber fragen: Wo ist dein Politikansatz zukunftstr\u00e4chtig? Was sind deine sowohl langfristigen wie aktuellen Vorstellungen zur Bew\u00e4ltigung des technologischen Umbruchs, der Krise in der internationalen Zusammenarbeit, des drohenden Klimawandels oder zum Umgang mit massenhafter Migration? Da, denke ich, werden wir ganz gro\u00dfe \u00dcberraschungen erleben. Da kommt n\u00e4mlich fast nichts. Und die Diskriminierung von anderen, der Hass auf Fremde, das Lieb\u00e4ugeln mit starken F\u00fchrern \u2013 all das wird unsere Probleme nicht l\u00f6sen, aber unsere Seelen vergiften.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend muss ich noch eine Bemerkung anf\u00fcgen: Als ich in die gesamtdeutsche Politik eintrat, begegnete ich einer Vorstellung von Deutschland, die sehr defizit\u00e4r war. Ich traf in Westdeutschland auf Intellektuelle, die den Begriff der Nation gar nicht mehr benutzen wollten. Es hatte sich bei klugen Leuten eingeb\u00fcrgert, Deutschland eine postnationale Demokratie zu nennen. Damit konnte jeder leben: Demokratie ist gut, Nation schlecht, und wir sind eben postnational, das hei\u00dft, wir sind erwachsen geworden, wir sind jetzt Europ\u00e4er. Deutschland? Nein. Die deutsche Fahne? Oh, sehr verd\u00e4chtig. Diese Farben, schwarz-rot-gold, aus ihren Urspr\u00fcngen der deutschen Demokratie herausgewachsen, jedenfalls ein gesch\u00e4tztes Symbol aufgekl\u00e4rter Menschen.<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend sehen wir: Es war gut und n\u00f6tig, dass sich Deutsche ihrer \u00fcbergro\u00dfen Schuld in der Vergangenheit bewusst geworden sind und dann skeptisch gegen\u00fcber jeder Form des Nationalismus waren. Aber wenn man so weit geht, dass man aus Furcht vor Nationalismus nationale Pr\u00e4gungen nicht mehr akzeptiert oder automatisch verd\u00e4chtigt, dann ist man einen Schritt zu weit gegangen. So kann aus einer guten p\u00e4dagogischen Absicht und aus einer positiven Selbstkritik auch so etwas wie eine neurotische Feindschaft gegen das Eigene werden. Und diese neurotische Feindschaft gegen das Eigene hat dann bei vielen zu einer Ferne von jeder Art von Selbstbewusstsein gef\u00fchrt \u2013 manchmal sogar zu einer Vernachl\u00e4ssigung nationaler Interessen. Die Amerikaner, Franzosen und Briten haben es uns \u00fcbrigens nie abgenommen, aber wir selbst haben tats\u00e4chlich empfunden, dass wir nicht so wichtig sind, weil wir nicht so wichtig sein d\u00fcrfen. Bei Autos und Fu\u00dfball, da durften wir in der ersten Reihe stehen. Aber auf anderen Ebenen nicht.<\/p>\n<p>Ich finde, dass wir denen, die sehr fr\u00fch angefangen haben mit \u201eIch bin stolz, ein Deutscher zu sein\u201c, nicht folgen d\u00fcrfen \u2013 denn die sind stolz auf ein Deutschland, das ich ablehne und verachte. Aber warum entwickeln wir keinen positiven Bezug zu diesem so gewordenen Hort des Rechtes, der Freiheit und der Demokratie? Warum bekennen wir uns dazu nicht in Dankbarkeit und Freude und meinetwegen auch mit Stolz?<\/p>\n<p>Aus dieser Freude heraus entstehen dann auch die Kr\u00e4fte, die gegen die Angst aktiv werden k\u00f6nnen. Der Glaube hilft dabei. Er will nicht Menschen, die aus der Verantwortung fliehen, sondern unser Gott ist ein Gott, der die Aufbr\u00fcche segnet und Menschen bei ihren Aufbr\u00fcchen begleitet. Unsere Demokratie ist ein Land, das den Einzelnen nicht verachtet, und sei er noch so schwach, sondern das ihm M\u00f6glichkeiten gibt. Gest\u00fctzt auf unsere Erfahrungsg\u00fcter, die wir weltweit vorzeigen k\u00f6nnen, k\u00f6nnen wir uns neue Handlungsf\u00e4higkeit erwerben &#8211; auch in einer Weise, die vielen von uns bisher noch fremd ist.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Ob in den Fachkreisen oder in der Presse: Landauf, landab wird augenblicklich immerfort diskutiert \u00fcber die Ordnung der Welt, die ins Rutschen ger\u00e4t, und besorgt gesprochen \u00fcber die Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik, deren Akteure nicht mehr verl\u00e4sslich sind. In M\u00fcnchen laufen die Vorbereitungen zur 55. 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