{"id":32336,"date":"2023-07-17T14:35:57","date_gmt":"2023-07-17T12:35:57","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=moskau-muenchen-berlin"},"modified":"2025-07-10T13:40:29","modified_gmt":"2025-07-10T11:40:29","slug":"der-revolutionaere-umbruch-von-1917-bis-1919","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/der-revolutionaere-umbruch-von-1917-bis-1919\/","title":{"rendered":"The revolutionary upheaval from 1917 to 1919"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wladimir Uljanow lebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in M\u00fcnchen, genauer: vom September 1900 bis zum April 1902. Hier schrieb Lenin, wie er sich nun nannte, unter anderem sein Schl\u00fcsselwerk \u201eWas tun?\u201c, in dem er seine Lehre von der proletarischen Partei niederlegte. Das \u201ePrinzip der Demokratie\u201c lehnt Lenin hier bereits vehement ab als \u201eleere und sch\u00e4dliche Spielerei\u201c. Was Lenin dagegen f\u00fcr die entscheidende Aufgabe h\u00e4lt, ist \u201estrengste Konspiration, strengste Auslese der Mitglieder, Ausbildung von Berufsrevolution\u00e4ren.\u201c Solche Revolution\u00e4re haben dann auch keine Zeit, an einen \u201eSpielzeugdemokratismus\u201c zu denken. Dagegen werden sie \u201ezu allem\u201c bereit sein \u2013 \u201ebis hin zur Vorbereitung, der Festsetzung und Durchf\u00fchrung des allgemeinen bewaffneten Volksaufstandes\u201c.<\/p>\n<p>15 Jahre sp\u00e4ter hat Lenin, mit deutscher Hilfe, die Gelegenheit, seine Prinzipien in die Tat umzusetzen und macht damit Weltgeschichte. Die Russische Oktoberrevolution der Bolschewiki entfacht \u00fcberall in Europa neue Hoffnungen auf den Frieden. Am \u00e4u\u00dferen Rand der europ\u00e4ischen Linken wird das Ereignis enthusiastisch als Wendepunkt gefeiert. Und unabh\u00e4ngig davon, wie man im Einzelnen zu Lenin stand, durfte es keinen Zweifel daran geben, dass die Russische Revolution als ein Erfolg zu werten war. Sie hatte das Rad der Weltgeschichte um eine entscheidende Umdrehung weitergerollt, und dementsprechend gebannt verfolgten Freunde wie Gegner der Bolschewiki die Entwicklungen in Russland. Was immer also 1918 und 1919 in Deutschland passiert \u2013 die russische Komponente, der Bezug auf Russland ist dabei.<\/p>\n<p>Das gilt auch umgekehrt: Lenin und die russischen Bolschewiki blicken nach Deutschland. Sie erwarten dort die Revolution; denn Deutschland ist hochindustrialisiert und verf\u00fcgt \u00fcber die weltweit gr\u00f6\u00dfte organisierte Arbeiterbewegung. Unz\u00e4hlige russische Sozialisten hatten sich vor 1914 in Deutschland oder im deutschen Sprachraum aufgehalten; manche von ihnen haben sich dauerhaft in Deutschland niedergelassen und die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit erworben. Jedenfalls gibt es eine F\u00fclle pers\u00f6nlicher Kontakte, Freundschaften, Kooperationen, aber auch Feindschaften.<\/p>\n<p>Die allermeisten Sozialdemokraten lehnen Lenins Parteilehre und damit auch die Oktoberrevolution ab; in der Kultur der deutschen Arbeiterbewegung ist der Gedanke der Demokratie viel zu sehr verankert, als dass man sich mit Lenins Version der einer Parteidiktatur wirklich anfreunden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr Kurt Eisner, der am 8. November 1918 in M\u00fcnchen den Freistaat Bayern ausruft und der jeden Gedanken an \u201erussische Ziele\u201c zur\u00fcckweist. Eisner war Mitglied der SPD, dann der USPD. Er war Pazifist und weniger ein Marxist als vielmehr ein neokantianisch geschulter Humanist. Wie auf Reichsebene auch bildete sich in Bayern eine Koalitionsregierung aus Mehrheitssozialdemokraten und Unabh\u00e4ngigen unter dem neuen Ministerpr\u00e4sidenten Eisner. Die neue Regierung wollte m\u00f6glichst schnell zu geordneten Verh\u00e4ltnissen \u00fcbergehen und schrieb daher Wahlen zum Landtag f\u00fcr den 12. Januar 1919 aus.<\/p>\n<p>Von Beginn an war Eisner als Bayerischer Ministerpr\u00e4sident die Zielscheibe einer ungez\u00fcgelten nationalistischen und antisemitischen Hetze. Nach seiner Ermordung am 21. Februar 1919 m\u00fcndet die Revolution in Bayern 1918\/19 in eine Geschichte der unaufhaltsamen Radikalisierung, Hysterisierung und Militarisierung. Tats\u00e4chlich brodelt es in M\u00fcnchen nach der Ermordung Eisners immer gef\u00e4hrlicher. Dem sinkenden Einfluss der Mehrheitssozialdemokratie entspricht der kometenhafte Aufstieg der Schwabinger Literatenszene mit anarchistischen Neigungen. Dies ist die kurze Stunde, in der Gustav Landauer, Ernst Toller und Erich M\u00fchsam ins Rampenlicht treten und Anfang April die erste R\u00e4terepublik aus der Taufe heben. Der Name Lenin erscheint ihnen, wie M\u00fchsam r\u00fcckblickend festh\u00e4lt, als Vorbild. Und der erste Aufruf verk\u00fcndet: \u201eDie Baierische R\u00e4terepublik folgt dem Beispiel der russischen und ungarischen V\u00f6lker.\u201c<\/p>\n<p>Die M\u00fcnchner Kommunisten bleiben dem zum Teil grotesken Intermezzo der Ersten R\u00e4terepublik noch fern. Allzu sehr wollen die Literaten die Wirklichkeit nach ihrer Vorstellung formen. Auch das Proletariat \u2013 was immer das genau sein mag \u2013 kommt den Kommunisten zu kurz. Am 6. April erkl\u00e4rt Erich M\u00fchsam in einer Mitgliederversammlung der KPD: \u201eDas Programm spielt keine Rolle\u201c. Auf den Einwand, man k\u00f6nne keine R\u00e4terepublik vom gr\u00fcnen Tisch, ohne den Auftrag des Proletariats ausrufen, erwidert er: \u201eWenn ich es f\u00fcr richtig halte, eine R\u00e4terepublik zu proklamieren, pfeife ich darauf, ob das Proletariat einverstanden ist oder nicht.\u201c<\/p>\n<p>Als aber die Kommunisten am 13. April die Macht\u00fcbernahme der zweiten R\u00e4teregierung erzwingen, scheint so manchem B\u00fcrger M\u00fcnchen endg\u00fcltig dem Bolschewismus preisgegeben zu sein. Die \u00f6rtliche Macht halten aus Russland stammende Kommunisten in den H\u00e4nden: Eugen Levin\u00e9, der freilich l\u00e4ngst deutscher Staatsb\u00fcrger ist, Max Levien und Tobias Axelrod. Unter den Revolution\u00e4ren genie\u00dfen sie gro\u00dfe Autorit\u00e4t, ja Bewunderung. Ernst Toller berichtet: \u201eDas gro\u00dfe Werk der russischen Revolution verleiht jedem dieser M\u00e4nner magischen Glanz, erfahrene deutsche Kommunisten starren wie geblendet auf sie. Weil Lenin Russe ist, trauen sie ihnen dessen F\u00e4higkeiten zu. Das Wort \u201aIn Russland haben wir es anders gemacht\u2018 wirft jeden Beschluss um.\u201c<\/p>\n<p>Umgekehrt provoziert die Rolle, die die \u201eRussen\u201c spielen, die gegenrevolution\u00e4re Propaganda gegen die \u201elandfremden Elemente\u201c. Dass die drei f\u00fchrenden Russen Juden sind, n\u00e4hrt das antisemitische Propagandaklischee vom angeblich \u201ej\u00fcdischen Bolschewismus\u201c. Und in der Stadt selbst w\u00e4chst die Hoffnung, wie Kardinal Michael von Faulhaber am 22. April 1919 in sein Tagebuch schreibt, \u201edie Wei\u00dfe Garde werde M\u00fcnchen bald von den Spartakisten und ihrem russischen Terror erl\u00f6sen\u201c.<\/p>\n<p>Es ist also eine gespenstische Atmosph\u00e4re, die M\u00fcnchen in diesen Apriltagen umgibt. Deutlich wird die immer st\u00e4rker werdende Isolation der kommunistischen R\u00e4teregierung. Von au\u00dfen durch die republikanischen Truppen des gew\u00e4hlten Ministerpr\u00e4sidenten Hoffmann blockiert, droht dem von Eugen Levin\u00e9 gef\u00fchrten Vollzugsrat die Erdrosselung. Zwar radikalisiert er sich in Wort und Tat und begeistert sich daran, dass in M\u00fcnchen \u201edie Sonne der Weltrevolution\u201c aufgegangen sei. \u201eDie proletarische Revolution, so Levin\u00e9 in einer Rede am 22. April 1919, ist von Osten gekommen. Im Osten ist das Gl\u00fcck, im Osten ist die Sonne aufgegangen. Wir danken unseren russischen Br\u00fcdern, die zuerst aufgestanden sind und mit ungeheurer Kraft und mit einem unermesslichen Opfermut das gewaltige Werk auf sich genommen haben, in die Reihen des Kapitalismus vorw\u00e4rtszust\u00fcrmen gegen die Feste des Kapitals. Wir sind nachgefolgt und andere werden nachfolgen.\u201c<\/p>\n<p>Aber der gr\u00f6\u00dfte Teil der M\u00fcnchner Mittelschichten h\u00e4lt Distanz. Und auch die Bauern verhalten sich keineswegs so, wie Lenin in seiner M\u00fcnchner Zeit f\u00fcr eine revolution\u00e4re Situation prognostiziert hatte: Sie machen keinerlei Anstalten, sich mit dem Kommunismus zu verb\u00fcnden, sondern sie boykottieren im Gegenteil die Stadt, was zu deren prek\u00e4rer Versorgungslage bis hin zur Hungersnot beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Am 26. April 1919 kommt es zu einer Spaltung im Vollzugsrat. Gegen\u00fcber der Verordnung Axelrods, die Wertsachen der Bankschlie\u00dff\u00e4cher zu konfiszieren, weigert sich der \u201eVolksbeauftragte f\u00fcr das Finanzwesen\u201c Emil Karl Maenner mit der Bemerkung: \u201eWir machen eine bayerische und nicht eine russische Revolution.\u201c In dieser Situation erkundigt sich Lenin pers\u00f6nlich per Funkspruch nach dem Stand der Dinge. Zwar hat er dies auch in den vergangenen Wochen regelm\u00e4\u00dfig getan; jetzt aber, am 27. April 1919, will er es genauer wissen. Scheint nicht aus der Ferne die Situation in M\u00fcnchen ganz derjenigen in Petrograd im Oktober 1917 zu gleichen?<\/p>\n<p>\u201eVon ganzem Herzen\u201c begr\u00fc\u00dft Lenin die Bayerische R\u00e4terepublik; und formuliert dann geradezu stakkatoartig die aus seiner Sicht lebenswichtigen Fragen, die sein eigenes Politikverst\u00e4ndnis offenbaren und aus seiner Sicht \u00fcber Wohl oder Wehe der Revolution entscheiden werden: \u201eHaben Sie Arbeiter- und Gesinder\u00e4te in den Stadtteilen geschaffen, die Arbeiter bewaffnet, die Bourgeoisie entwaffnet, [\u2026] haben Sie die Fabriken und Reicht\u00fcmer der Kapitalisten in M\u00fcnchen [&#8230;] enteignet, [\u2026] den Wohnraum der Bourgeoisie in M\u00fcnchen beschr\u00e4nkt, um sofort Arbeiter in die Wohnungen der Reichen einzuweisen, alle Banken in Ihre H\u00e4nde genommen, Geiseln aus der Bourgeoisie festgesetzt, [\u2026] und die Arbeiter ausnahmslos sowohl f\u00fcr die Verteidigung als auch f\u00fcr die ideologische Propaganda in den umliegenden D\u00f6rfern mobilisiert?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Antwort auf dieses Telegramm, das am 29. April in deutscher \u00dcbersetzung in M\u00fcnchen vorliegt, kann die R\u00e4teregierung nicht mehr formulieren. Am 1. Mai bricht sie unter dem Ansturm von Reichswehreinheiten und Freikorps praktisch widerstandslos zusammen. Einer kurzen Periode kommunistischer Diktatur und kommunistischer Gewalt folgt die Gewalt der Gegenrevolution.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich haben die extreme Polarisierung in Wort und Tat und die Aufschaukelung der Gewalt M\u00fcnchen f\u00fcr lange Zeit traumatisiert. Die Ermordung Kurt Eisners, die Erschie\u00dfung der zehn Geiseln im Luitpold-Gymnasium am 30. April, \u00fcberwiegend Mitglieder der Thule-Gesellschaft, die Hinrichtung Eugen Levin\u00e9s und Gustav Landauers nach kurzem Prozess und die willk\u00fcrliche Ermordung von gesch\u00e4tzt bis zu 1000 Menschen durch die Regierungstruppen \u2013 das alles war eine schwere Hypothek f\u00fcr M\u00fcnchen; so wie vergleichbare Vorg\u00e4nge in Berlin und im Ruhrgebiet eine schwere Hypothek f\u00fcr die Weimarer Republik im ganzen waren.<\/p>\n<p>M\u00fcnchen verlor seinen Charakter als weltoffene, liberale K\u00fcnstlerstadt. Vielmehr wurde die sogenannte \u201eOrdnungszelle Bayern\u201c im Namen von Antibolschewismus und Antisemitismus zum Fluchtort von rechtsextremer Umst\u00fcrzler und Gewaltt\u00e4ter. Das war dann auch die politische Atmosph\u00e4re, in der die fr\u00fche NSDAP und ihr Anf\u00fchrer Adolf Hitler re\u00fcssierten.<\/p>\n<p>Dass sich aber eine Revolution nach bolschewistischem Muster in Deutschland nicht durchsetzen kann und auch kaum Anh\u00e4nger h\u00e4tte, liegt tief in der Struktur der deutschen Politik und Gesellschaft begr\u00fcndet. Das Deutsche Kaiserreich war kein Polizeistaat wie das zaristisches Russland; und die SPD kein politischer Geheimbund wie Bolschewiki, sondern eine offen agierende Massenpartei. Wenn also Lenin einer Anekdote gem\u00e4\u00df darauf verwies, die Deutschen k\u00f6nnten keine Revolution machen, so lag dies nicht nur daran, wie er meinte, dass sie keinen Bahnhof besetzen konnten, ohne zuvor eine Bahnsteigkarte gel\u00f6st zu haben. Die Gr\u00fcnde lagen tiefer und wurzelten in der im Vergleich zu Russland ganz unterschiedlichen politisch-gesellschaftlichen Tradition und Struktur. Dem entsprach es, dass der Kommunismus nach 1918 in den entwickelten Industriestaaten Zentral- und Westeuropas nicht, wie Lenin fest glaubte, Fu\u00df fassen konnte. Was in Petrograd, in Moskau, schlie\u00dflich in ganz Russland gelungen ist, wird in Berlin, M\u00fcnchen, schlie\u00dflich auch in ganz Deutschland keine Chance haben. Insofern schlie\u00dft sich der von Lenin beschworene Kreis zwischen Russland und Europa auch in M\u00fcnchen nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Wladimir Uljanow lebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in M\u00fcnchen, genauer: vom September 1900 bis zum April 1902. Hier schrieb Lenin, wie er sich nun nannte, unter anderem sein Schl\u00fcsselwerk \u201eWas tun?\u201c, in dem er seine Lehre von der proletarischen Partei niederlegte. 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