{"id":32368,"date":"2023-07-17T14:36:26","date_gmt":"2023-07-17T12:36:26","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=romano-guardini-preis-an-ottmar-edenhofer"},"modified":"2025-11-20T10:30:38","modified_gmt":"2025-11-20T09:30:38","slug":"das-ende-der-geschichte","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/das-ende-der-geschichte\/","title":{"rendered":"Das Ende der Geschichte?"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 1989 wurden die Risse in der Berliner Mauer un\u00fcbersehbar \u2013 eine friedliche Revolution hat sie schlie\u00dflich niedergerissen. Es schien so, als h\u00e4tten Demokratie und Marktwirtschaft den Wettbewerb der Systeme endg\u00fcltig f\u00fcr sich entschieden. Man w\u00e4hnte das Ende der ideologischen Auseinandersetzungen \u2013 das Ende der Geschichte, wie Francis Fukuyama meinte, \u2013 zum Greifen nahe. Mit diesem Sieg, dachte man, h\u00e4tte auch die europ\u00e4ische Aufkl\u00e4rung endg\u00fcltig den Sieg davon getragen.<\/p>\n<p>Es dauerte nur ein Jahr, bis ich aus diesem Traum aufgeschreckt wurde, wenn ich ihn denn je getr\u00e4umt habe: Ich war \u2013 durch eine Vielzahl \u00fcberraschender, aber keineswegs zuf\u00e4lliger Ereignisse \u2013 Leiter der Fl\u00fcchtlingshilfe der Jesuiten in Kroatien und Bosnien geworden, die sp\u00e4ter mein Freund Pater Martin Maier weiterf\u00fchrte. Mitten in Europa wurde ich in einen Krieg hinein geworfen, dessen Ursache ich zu erfassen versuchte. Die Zeichen des Zusammenbruchs der staatlichen Ordnung, Vertreibung, Pl\u00fcnderung und Vergewaltigung waren \u00fcberall zu sehen. In die Fl\u00fcchtlingslager kamen t\u00e4glich traumatisierte Menschen. Nie werde ich vergessen, wie eines Morgens in der Hafenstadt Split aus einem Sch\u00fctzenpanzer eine junge Frau kletterte, die wenige Stunden vorher mitansehen musste, wie ihre Kinder von Nachbarn massakriert wurden, w\u00e4hrend sie selbst von UN Truppen in letzter Minute gerettet worden war. Wir k\u00fcmmerten uns damals um Lebensmittellieferungen, richteten Beratungsstellen f\u00fcr Frauen ein, die vergewaltigt worden waren, der kroatische Provinzial der Jesuiten unterst\u00fctzte mit unserer Hilfe ein muslimisches Krankenhaus. Ich war dankbar, dass ich in diesen Jahren inmitten des nationalistischen und ethnischen Wahnsinns, der sich \u00fcberall breit machte, f\u00fcr eine Institution arbeitete, die ihre Identit\u00e4t gerade nicht in der nationalen oder ethnischen Abgrenzung sucht, sondern an die menschliche W\u00fcrde appelliert, die allen Menschen gemeinsam ist, die also im wahrsten Sinne des Wortes katholisch ist. Es war eine Wohltat, in diesen Jahren mit der Jesuitenkurie in Rom zusammen zu arbeiten. Meine antir\u00f6mischen Affekte wurden damals erheblich domestiziert.<\/p>\n<p>Der Jugoslawienkrieg in den 90er Jahren zeigte mir, dass der Fortschrittsautomatismus der Moderne nicht zutreffend sein kann: Denn ich begann rasch zu begreifen, dass die ethnischen Konflikte und B\u00fcrgerkriege nicht Zeichen einer nachholenden Entwicklung sind, sondern die Signatur des beginnenden 21. Jahrhunderts werden sollten. Wenige Ereignisse in meinem Leben haben mich so verst\u00f6rt, meine Gewissheiten so sehr ersch\u00fcttert, wie die beiden kurzen Jahre, die ich f\u00fcr die Bosnien- und Kroatienhilfe der Jesuiten gearbeitet habe. Die Frage nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr Gewalt, die traumatischen Wirkungen ethnischer S\u00e4uberung, die Einsicht, dass Menschen nur foltern, wenn sie daf\u00fcr ausgebildet werden, der Zusammenbruch zivilisatorischer Standards sind f\u00fcr mich immer noch unverstandene und ungel\u00f6ste Fragen. Damals gab es den Begriff der politischen Emotionen noch nicht, aber mir wurde klar, dass Gewalt, Wut und Hass der Entfesselung durch die Politik bed\u00fcrfen, um massenwirksam zu werden. Diese Entfesselung der Gewalt bedarf der Rechtfertigung entlastender Denksysteme. Die Akademien der Wissenschaften lieferten diese Pseudogr\u00fcnde ebenso, wie Professoren und Intellektuelle bereit waren, nicht nur abscheuliche Gewalttaten zu rechtfertigen, sondern an ihrer strategischen Planung mitzuwirken. Wenn ich damals zwischen Frankfurt, Split und Tuzla pendelte, tauchte ich in Welten ein, die zwei Flugstunden auseinander lagen und doch kaum voneinander wussten \u2013 ja auch nichts wissen wollten. Das intellektuelle und politische Deutschland, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nahm diesen Krieg hin und verschwendete nicht viele Gedanken auf diese Trag\u00f6die an der Peripherie unseres Kontinents.<\/p>\n<p>Was hat das mit meiner T\u00e4tigkeit heute zu tun? Wer sich die Dynamik des Klimawandels der letzten 15.000 Jahre vor Augen f\u00fchrt, begreift schnell, dass wir die Betriebsweise unseres Erdsystems in einem Ausma\u00df und in einer Geschwindigkeit ver\u00e4ndern, die f\u00fcr das Zeitalter des Holoz\u00e4ns ohne historisches Vorbild ist. Die steigende globale Mitteltemperatur zeigt bereits ihre unumkehrbaren Wirkungen: Steigender Meeresspiegel, heftiger werdende Zyklone, D\u00fcrren, \u00dcberschwemmungen f\u00fchren bereits heute dazu, dass Menschen ihre angestammte Heimat verlassen. Knappe Wasserressourcen, D\u00fcrren, Einbruch der Agrarproduktion versch\u00e4rften den Konflikt in Syrien. Die Fidschi Inseln oder Kiribati werden einen erheblichen Teil ihres Staatsgebietes verlieren, zunehmende Fluten versalzen ihre fruchtbaren B\u00f6den. In ethnisch fragmentierten und polarisierten Gesellschaften steigt das Risiko von Konflikten und Gewaltausbr\u00fcchen erheblich, wenn der Klimawandel zuschl\u00e4gt. Meine Erfahrungen in Bosnien haben mir gezeigt, wie d\u00fcnn der zivilisatorische Firn ist und wie schnell Zivilisationen zusammenbrechen k\u00f6nnen \u2013 selbst zwei Flugstunden von M\u00fcnchen entfernt.<\/p>\n<p>Seit einiger Zeit besch\u00e4ftige ich mich zunehmend mit den sicherheitspolitischen Aspekten des Klimawandels und kehre damit zu meinem Ausgangspunkt zur\u00fcck. Die europ\u00e4ische Fl\u00fcchtlingspolitik ist eine Zerrei\u00dfprobe f\u00fcr die deutsche Regierung und die EU geworden. Die Politik hat dabei die Ma\u00dfst\u00e4be in einem erschreckenden Ausma\u00df verzerrt. Nach den Angaben der Internationalen Organisation f\u00fcr Migration (IOM) sind in der ersten Jahresh\u00e4lfte 2018 \u00a0rund 50.000 Fl\u00fcchtlinge \u00fcber das Mittelmeer oder \u00fcber die t\u00fcrkisch-griechische Landesgrenze nach Europa gekommen. Im weltweiten Ma\u00dfstab ist das eine verschwindend geringe Zahl. Die Zahl der Fl\u00fcchtlinge und Migranten, die Landesgrenzen \u00fcberquert haben, hat mit 25,4 Millionen ein weltweites Rekordniveau erreicht. Nimmt man die Zahl der Menschen hinzu, die innerhalb von Landesgrenzen auf der Flucht sind, addiert sich diese Zahl auf 65 Millionen Menschen. 90 % der Fl\u00fcchtlinge und Migranten unter UNHCR Mandat leben in Staaten wie der T\u00fcrkei, Pakistan, Uganda, Libanon und Iran. Europa tr\u00e4gt also keineswegs die Hauptlast der weltweiten Migration.<\/p>\n<p>Man kann sich heute den Ruf als Realpolitiker in der Fl\u00fcchtlingspolitik erwerben, wenn man H\u00e4rte gegen Migranten und Fl\u00fcchtlinge fordert. Diese vermeintlichen Realpolitiker verweigern sich jedoch der Wirklichkeit: Europa kann die Kriege im Nahen Osten ebenso wenig ignorieren wie die ethnischen Konflikte und die Folgen des Klimawandels in Afrika und anderen Teilen der Welt. Wer glaubt, man k\u00f6nne Fl\u00fcchtlinge und Migranten vor allem mit milit\u00e4rischen Mitteln an den Au\u00dfengrenzen abwehren, hat die Dimension des Problems nicht einmal im Ansatz verstanden. Herausforderungen dieses epochalen Ausma\u00dfes k\u00f6nnen nur durch einen geordneten Multilateralismus gemeistert werden, der Fluchtursachen bek\u00e4mpft, f\u00fcr ein menschenw\u00fcrdiges System der Aufnahme von Gefl\u00fcchteten sorgt und die Lasten der Migration fair verteilt. Wenn Europa seine Identit\u00e4t bewahren will und nicht unt\u00e4tig zusehen m\u00f6chte, wie es die Kontrolle verliert, muss es sich diesen humanit\u00e4ren Herausforderungen stellen. Es ist f\u00fcr mich eine gro\u00dfe Ermutigung, dass die beiden Kirchen in Deutschland, dass Sie verehrter Kardinal Marx, dass Papst Franziskus mit aller Klarheit an die Ma\u00dfst\u00e4be erinnern, die f\u00fcr Christen in der Politik gelten sollten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Klima, Kohle, Kapital<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wie kann man den Klimawandel begrenzen? Diese Frage hat mich in der vergangenen Dekade am meisten besch\u00e4ftigt. Die vielleicht wichtigste Vorbereitung f\u00fcr diese T\u00e4tigkeit war das Projekt \u201eGlobal, aber gerecht\u201c, das wir zusammen mit der Hochschule f\u00fcr Philosophie im Auftrag von Misereor und der M\u00fcnchner R\u00fcck durchgef\u00fchrt haben. Als die Anfrage kam, war ich skeptisch. Das Potsdam-Institut f\u00fcr Klimafolgenforschung (PIK) war ein Institut naturwissenschaftlicher Positivisten, Religion galt daher als sicheres Zeichen eines mangelnden Intelligenzquotienten. Aber die katholische Kirche glich f\u00fcr die meisten meiner Kollegen schon so sehr einem \u201eAlien\u201c, dass nach einer ersten Begegnung das gegenseitige Interesse wuchs. Die Ironie der Geschichte: leidenschaftliche Agnostiker, \u00fcberzeugte Atheisten, heimliche Sympathisanten und nat\u00fcrlich Jesuiten arbeiteten f\u00fcr Misereor; die M\u00fcnchner R\u00fcck Stiftung war f\u00fcr alle Beteiligten eine R\u00fcckversicherung, dass sich die weltanschaulichen Gewichte nicht zu sehr zugunsten einer Seite verschoben.<\/p>\n<p>Auch wenn das Buch \u201eGlobal, aber gerecht\u201c medial kein gro\u00dfer Erfolg war, so kann doch seine Rolle f\u00fcr die Enzyklika <em>Laudato S\u00ed<\/em> kaum \u00fcbersch\u00e4tzt werden. Der damalige Chef von Misereor, Josef Sayer, veranstaltete im Vatikan eine Reihe von Tagungen zum Thema \u201eArmut, Klimawandel und Ungleichheit\u201c. Kardin\u00e4le und Bisch\u00f6fe aus aller Welt diskutierten \u00fcber dieses Thema. Das war auch dringend n\u00f6tig, denn es gab einflussreiche Kardin\u00e4le wie George Pell, die den menschengemachten Klimawandel rundweg bezweifelten. Die Vorstellung, der Mensch k\u00f6nne und solle das Weltklima steuern, war f\u00fcr sie Ausdruck neuzeitlicher Hybris.<\/p>\n<p>Aber als in diesen Konferenzen die Bisch\u00f6fe des S\u00fcdens die Folgen des Klimawandels darstellten, wurde auch im Vatikan vielen deutlich, dass sie das Thema nicht weiter verdr\u00e4ngen konnten. Die Wissenschaft hat mit geradezu \u00fcberw\u00e4ltigender Evidenz gezeigt, dass der Mensch durch die Abholzung der W\u00e4lder und die Verbrennung fossiler Energietr\u00e4ger f\u00fcr den Anstieg der globalen Mitteltemperatur verantwortlich ist. Je gr\u00f6\u00dfer die Wahrscheinlichkeit eines gef\u00e4hrlichen Klimawandels ist und je geringer die Kosten, einer Katastrophe rechtzeitig zu begegnen, umso mehr lohnt sich ambitionierter Klimaschutz. Mit anderen Worten: Auch wenn es Zweifel \u00fcber das Ausma\u00df der Klimasch\u00e4den gibt, sollte man lieber Handeln. Was Wirtschaftswissenschaftlern aus der Entscheidungstheorie gel\u00e4ufig ist, ist Theologen und Kardin\u00e4len aus der Moraltheologie bekannt. Denn gerade das tutioristische Moralsystem spricht sich f\u00fcr die Maxime \u201ein dubio pro lege\u201c aus, im Zweifelsfall solle man das ethisch restriktivere, vorsichtigere Gebot f\u00fcr richtig halten und ihm folgen. Wer sich davon exkulpieren will, m\u00fcsse gute Gr\u00fcnde in Anschlag bringen. Die Klimaskeptiker bleiben diese guten Gr\u00fcnde bis heute schuldig \u2013 innerhalb sowie au\u00dferhalb des Vatikans.<\/p>\n<p>Durch meine ersten sieben Jahre am PIK wurde ich f\u00fcr meine sp\u00e4tere T\u00e4tigkeit im Weltklimarat gut vorbereitet: Ich konnte mir einen umfassenden \u00dcberblick \u00fcber den Forschungsstand verschaffen, ich lernte Menschen auf allen Kontinenten kennen und begriff, dass das fundamentale Problem der Klimapolitik nicht nur die wissenschaftlichen Fakten sind, sondern Konflikte um Weltanschauungen und Werte. So entwickelte ich mit einem meiner Kollegen philosophische \u00dcberlegungen, die helfen sollten, die Konflikte um Werte und Weltanschauungen rational zu durchdringen. Es w\u00fcrde hier zu weit f\u00fchren, unsere Auseinandersetzungen mit dem Positivismus und dem Pragmatismus ausf\u00fchrlich dazustellen, aber f\u00fcr mich war eine philosophische Grundausbildung ein unentbehrliches R\u00fcstzeug im Umgang mit Konflikten. Das war im Weltklimarat dringend n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Fakten und Werte k\u00f6nnen n\u00e4mlich nicht so fein s\u00e4uberlich getrennt werden, wie sich das der logische Positivismus vorstellt. Wir mussten nicht nur die gesamte wissenschaftliche Literatur sichten, sondern Landkarten erstellen, die Politikern gangbare Wege zu Begrenzung des Klimawandels aufzeigen sollten. Mehrere hundert Alphatiere, Sonderlinge, tats\u00e4chliche Genies und solche, die sich selbst unter Genieverdacht stellten, mussten ermuntert, beruhigt, erheitert und unterhalten werden. Sie alle brachten mich an die Grenzen meiner psychologischen und p\u00e4dagogischen F\u00e4higkeiten und rangen mir eine neue Hochachtung vor Erziehern, Sozialp\u00e4dagogen und Lehrern ab. Gemeinsam mit den anderen Vorsitzenden des Weltklimarates musste ich mit 194 Staaten die Zusammenfassung f\u00fcr Entscheidungstr\u00e4ger verhandeln und im Konsens verabschieden: Der permanente Schlafentzug, anhaltender Druck, Drohungen und Lockungen stellten meine physische und psychische Kraft auf eine harte Probe. Ich habe geflucht, geklagt und gelitten. \u00a0Aber am Ende war es geschafft: Wir hatten die wissenschaftlichen Grundlagen f\u00fcr das Abkommen von Paris im Jahr 2015 gelegt.<\/p>\n<p>Die Einsichten des Weltklimarates lassen sich einfach zusammenfassen: Es steht der Menschheit nur noch ein begrenztes Kohlenstoffbudget zur Verf\u00fcgung, wenn der Klimawandel begrenzt werden soll. Wir br\u00e4uchten nicht einmal eine Klimapolitik, wenn die fossilen Ressourcen im Boden \u2013 Kohle, \u00d6l und Gas \u2013 kleiner w\u00e4ren als der Deponieraum der Atmosph\u00e4re. Steigende fossile Ressourcenpreise w\u00fcrden daf\u00fcr sorgen, dass die Menschheit auf den Pfad der klimapolitischen Tugend gezwungen wird. Die globalen fossilen Ressourcenm\u00e4rkte w\u00fcrden die Klimapolitik ersetzen. Leider ist die Realit\u00e4t eine andere: Wir haben etwa 15.000 Gigatonnen Kohle, \u00d6l und Gas im Boden. Die globalen Ressourcenm\u00e4rkte werden daher das Klimaproblem nicht l\u00f6sen. Dem Klimaproblem kann nur durch einen internationalen Vertrag erfolgreich begegnet werden, der die Nutzung des verbleibenden Deponieraumes in der Atmosph\u00e4re regelt. Diese grundlegende Einsicht, dass die Atmosph\u00e4re ein Gemeinschaftseigentum der Menschheit ist, das einer weltumspannenden Regelung bedarf, habe ich in den Entwurf des F\u00fcnften Sachstandsbericht geschrieben. Die gesamte Wissenschaftsgemeinschaft hat dem zugestimmt. Am Ende haben jedoch die Regierungen daf\u00fcr gesorgt, dass diese Formulierung in eine Fu\u00dfnote verbannt wurde. Manchmal werden Revolutionen und Schlachten in Fu\u00dfnoten gewonnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong><em>Laudato S\u00ed<\/em><\/strong><strong> und die Begegnung mit Papst Franziskus<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wenige Monate nach der Verabschiedung unseres Berichtes, im Juli 2014, sa\u00df ich schlie\u00dflich dem Mann in Rom gegen\u00fcber, der aller Welt laut und klar verk\u00fcnden sollte: Die Atmosph\u00e4re ist ein Gemeinschaftseigentum der Menschheit (<em>Laudato S\u00ed<\/em>, No. 23). Papst Franziskus lud mich ein, um mit ihm \u00fcber die Fragen der Klimapolitik zu sprechen. Wir tauschten uns ausf\u00fchrlich \u00fcber das Konzept der globalen Gemeinschaftsg\u00fcter, \u00fcber die Eigentumslehre der Kirche und \u00fcber Romano Guardini aus.<\/p>\n<p>Die Begegnung mit Papst Franziskus war denkw\u00fcrdig in jeder Hinsicht. Ich hatte zwei Gastgeschenke im Gep\u00e4ck. Wie es sich f\u00fcr einen deutschen Professor geh\u00f6rt, schenkte ich ihm die englische Ausgabe unseres Buches \u201eGlobal, aber gerecht\u201c und ich brachte eine Zeichnung mit, die meine Tochter f\u00fcr ihn gemalt hatte.<\/p>\n<p>F\u00fcr mein Buch hat sich der Papst h\u00f6flich bedankt, sein wirkliches Interesse galt jedoch dem Bild meiner Tochter Sarah. Ich trete meiner Tochter nicht zu nahe, wenn ich sage, dass dieses Bild technisch nicht in jeder Hinsicht ein Meisterwerk war. Aber der Papst betrachtete es lange und sagte, er finde in dem Spiel von Licht und Dunkelheit die Situation von Kirche und Welt treffend wider. Auch ein kleines Licht mache die Dunkelheit heller.<\/p>\n<p>Als ich von meiner Romreise zur\u00fcckkam, lag in unserem Briefkasten ein Brief aus dem Vatikan, in dem Papst Franziskus sich bei Sarah f\u00fcr das Bild mit den Worten bedankte: \u201eLiebe Sarah, vielen Dank f\u00fcr dein kleines Gem\u00e4lde. Es hat mir sehr gefallen. Bete f\u00fcr mich. Gott segne Dich. Franziskus\u201c. An der Echtheit des Briefes konnte kein Zweifel bestehen, dennoch war meine Tochter gar nicht so leicht davon zu \u00fcberzeugen, dass der Papst aus Rom ihr einen Brief geschrieben hatte. Sie fragte mich, wie viele P\u00e4pste es eigentlich g\u00e4be und ob der Papst katholisch sei. Der Wert dieses Briefes ist f\u00fcr meine Tochter betr\u00e4chtlich gestiegen, seit ich sie davon \u00fcberzeugt habe, dass wir nur einen Papst haben und \u2013 entgegen mancher Unkenrufe \u2013 unser Papst auch katholisch ist.<\/p>\n<p>Die Ver\u00f6ffentlichung von <em>Laudato S\u00ed<\/em> war ein unglaublicher Gl\u00fccksfall. <em>Nature Climate Change<\/em> hat der Enzyklika eine eigene Sonderausgabe gewidmet, die ich Papst Franziskus bei einem zweiten Besuch \u00fcberreicht habe. Darin habe ich zusammen mit einer \u00fcberzeugten Atheistin und einem protestantischen Kollegen das Konzept der Gemeinschaftsg\u00fcter erl\u00e4utert. Meine Kollegin Brigitte Knopf, jene \u00fcberzeugte Atheistin, hat in einem deutschen Kommentar eine wunderbare \u00dcberschrift gefunden: Der Himmel geh\u00f6rt uns allen. Nie habe ich von einer Atheistin eine treffendere Zusammenfassung des christlichen Glaubens und der katholischen Soziallehre geh\u00f6rt. Seither bete ich inst\u00e4ndig, sie m\u00f6ge sich auf keinen Fall zum Christentum bekehren \u2013 wir k\u00f6nnten doch sonst nicht mehr so glaubhaft behaupten, die katholische Soziallehre \u00fcberzeuge auch eingefleischte Atheisten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Globale Gemeinschaftsg\u00fcter \u2013 Die Frage der Eigentumsrechte<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Aber auch jenseits des medialen Interesses wird diese Enzyklika in der kirchlichen Soziallehre eine \u00fcberragende Stellung einnehmen, die nur noch mit <em>Rerum Novarum<\/em> vergleichbar ist. Mit dieser Enzyklika hat die Kirche 1891 begonnen, sich an der Reform des Kapitalismus zu beteiligen.<\/p>\n<p>Oswald von Nell-Breuning,Nestor der katholischen Soziallehre, dem 1972 der Romano Guardini Preis verliehen wurde, hat die Sozialpflichtigkeit des Eigentums unter den Bedingungen des Kapitalismus so ausgelegt: Die \u201eallgemeine Bestimmung der Erdeng\u00fcter\u201c ist dem Privateigentum vor- und \u00fcbergeordnet. Alle Menschen sollen grunds\u00e4tzlich an der Nutzung der Erdeng\u00fcter teilhaben k\u00f6nnen. Die Institution des Privateigentums ist nur insofern legitim, als sie dieser allgemeinen Bestimmung der Erdeng\u00fcter gerecht wird. Diesen Grundgedanken erweitert <em>Laudato S\u00ed<\/em> auf die globalen Umweltprobleme des 21. Jahrhunderts: Die \u00dcbernutzung der nat\u00fcrlichen Senken wie eben der Atmosph\u00e4re, der Ozeane oder der W\u00e4lder rechtfertigt die Einschr\u00e4nkung privater oder nationalstaatlicher Nutzungsrechte. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde, Guardini-Preistr\u00e4ger des Jahres 2004, fordert dar\u00fcber hinaus, dass das Aneignungsrecht von Ressourcen durch das Solidarit\u00e4tsprinzip begrenzt werden muss. Eine Begrenzung der Nutzungsrechte an der Atmosph\u00e4re ist demnach sozialethisch nur dann zu vertreten, wenn die Lasten zwischen L\u00e4ndern gerecht verteilt werden.<\/p>\n<p>Dass hier grundlegende Fragen noch zu kl\u00e4ren sind, versteht sich von selbst. Dies war auch der Grund, warum ich zusammen mit der Stiftung Mercator ein eigenes Institut gegr\u00fcndet habe, das sich mit den Globalen Gemeinschaftsg\u00fctern besch\u00e4ftigt. F\u00fcr diese M\u00f6glichkeit bin ich der Stiftung Mercator au\u00dferordentlich dankbar. So zeigen wir beispielsweise, dass die Begrenzung des Nutzungsraumes Atmosph\u00e4re zwar das Verm\u00f6gen der Besitzer von Kohle, \u00d6l und Gas vermindert, dass aber z.B. durch eine Bepreisung von CO<sub>2<\/sub> Einnahmen erzielt werden k\u00f6nnen, die diese Verluste nicht nur \u00fcberkompensieren, sondern auch Mittel f\u00fcr Infrastrukturinvestitionen oder Steuersenkungen bereit stellen \u2013 fiskalpolitische Ma\u00dfnahmen, die vielen L\u00e4ndern neue Entwicklungsm\u00f6glichkeiten erschlie\u00dfen. Die Fragen der Fiskalpolitik haben mich in den vergangenen Jahren intensiv besch\u00e4ftigt. Nicht nur CO<sub>2<\/sub>-Steuern, sondern auch Ma\u00dfnahmen, die die Ungleichheit vermindern, wie etwa Erbschaftssteuern oder Bodensteuern sowie die verteilungspolitischen Wirkungen von Infrastrukturinvestitionen r\u00fcckten in den Fokus meiner Forschung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der neuzeitliche Machtgebrauch \u2013 Romano Guardini<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Man hat <em>Laudato S\u00ed<\/em> nicht nur ein romantisches Wirtschaftsverst\u00e4ndnis unterstellt, sondern auch eine geradezu technikfeindliche Haltung. Ich bestreite nicht, dass sich da und dort Formulierungen finden, die eine solche Interpretation nahelegen. Die Enzyklika <em>Laudato S\u00ed<\/em> verweist hier auf Romano Guardini, mit dessen Thesen sich dieser Vorwurf nicht nur entkr\u00e4ften, sondern ein zukunftweisendes Konzept des Umgangs mit dem technischen Fortschritt entwickeln l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Denn nach Romano Guardini ist das Problem der neuzeitlichen Technik gerade nicht, dass dem Menschen hier eine zu gro\u00dfe Macht zuw\u00e4chst. Im Gegenteil, der Machtzuwachs durch die Technik wird grunds\u00e4tzlich positiv und produktiv bewertet. Das Problem des neuzeitlichen Machtgebrauchs besteht f\u00fcr ihn darin, dass dieser Machtzuwachs verleugnet wird. Der neuzeitliche Mensch konstruiert sich einen Determinismus, dem die Entwicklung und Anwendung von Techniken folgen muss. Aber genau darin liegt f\u00fcr ihn der Grund der Entfremdung, weil technischer Fortschritt nicht als ein Zugewinn an Freiheit, sondern als Zwang erlebt wird. Wenn wir erwachsen werden wollen, so Guardini, sollten wir nicht vor dem Machtzuwachs der Technik zur\u00fcckschrecken, sondern die erh\u00f6hte Verantwortung bejahen. Verantwortung hei\u00dft ja, dass wir rechenschaftspflichtig sind. Die Herausforderung der Post-Moderne besteht aber gerade darin, dass wir nicht nur Rechenschaftspflichten gegen\u00fcber denen haben, die heute leben \u2013 auch wenn sie r\u00e4umlich weit entfernt sind, sondern auch denen gegen\u00fcber, die noch gar nicht geboren sind \u2013 also gegen\u00fcber den kommenden Generationen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Zwischen Fatalismus und Hybris \u2013 vom Umgang mit dem Ende der Geschichte<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Damit stellt sich aber ein grundlegendes Problem unseres Machtgebrauchs: Ist es nicht Hybris, dem Turmbau von Babel vergleichbar, diese Verantwortung tragen zu wollen? Kann der Mensch das Klima steuern und zugleich disruptive Innovationsprozesse meistern? Sind Erdsystemforscher am Ende nicht Irrende, die glauben, die Welt aus eigener Kraft retten zu k\u00f6nnen? Hat das 20. Jahrhundert nicht schon genug Weltrettungspl\u00e4ne gesehen, die allesamt auf dem M\u00fcllhaufen der Geschichte gelandet sind?<\/p>\n<p>Hier wird implizit oder explizit eine Maxime kritisiert, wonach der Mensch nach dem H\u00f6chsten streben soll, auch wenn er wei\u00df, dass er es aus eigener Kraft nicht erreichen kann. Ein Christ, so k\u00f6nnte man vermuten, darf nicht nach dem H\u00f6chsten streben, weil dies einer vermeintlichen Demut widerspr\u00e4che.<\/p>\n<p>Die beste Tradition der christlichen Spiritualit\u00e4t spricht hier eine andere Sprache, die den Menschen zu einer nahezu verwegenen K\u00fchnheit verf\u00fchren will. So schreibt Ignatius von Loyola: \u201eVertraue so auf Gott, als ob der Erfolg der Dinge ganz von Dir, nicht von Gott abhinge; wende dennoch dabei alle M\u00fche so an, als ob du nichts, Gott allein alles tun werde.\u201c<\/p>\n<p>In meinem Handeln \u2013 so diese paradoxe Formulierung \u2013 soll das Ma\u00df meines Gottvertrauens zum Ausdruck kommen und nicht die Berechnung der Erfolgsaussichten. Wer wagt, wer sich selbst aufs Spiel setzt, wer seine Haut zu Markte tr\u00e4gt, ist der Dem\u00fctige. Warum? Weil er seine Angst um sich \u00fcberwindet. Wer sich zur\u00fcckzieht, sich selbst nicht aufs Spiel setzt, wer immer schon wei\u00df, dass alles scheitert, wer sich von seiner Selbstangst \u00fcberw\u00e4ltigen l\u00e4sst, ist der Hochm\u00fctige, der seine Talente vergr\u00e4bt und nicht in Umlauf bringen will. Ein Mittel gegen diese l\u00e4hmende Selbstangst ist die Dankbarkeit.<\/p>\n<p>So habe ich heute zu danken: Der Katholischen Akademie Bayern f\u00fcr die Verleihung des Romano Guardini Preises, den ich als Ermutigung f\u00fcr meinen weiteren Weg annehme; Frau Patrizia Espinosa, die als Generalsekret\u00e4rin der Klimarahmenkonvention unerm\u00fcdlich f\u00fcr den Fortschritt dieser wichtigen multilateralen Institution arbeitet. Ich m\u00f6chte Ihnen versichern, dass auch die neue Leitung des PIK, mein Kollege Johan Rockstr\u00f6m und ich, Sie in Ihrer wichtigen Arbeit nach Kr\u00e4ften unterst\u00fctzen werden. Ich danke Ihnen, verehrter Herr Kardinal, dass Sie durch Ihre Anwesenheit unterstreichen, dass das Ringen um Klimagerechtigkeit, \u00dcberwindung von Armut und Ungleichheit f\u00fcr die kirchliche Soziallehre weiterhin von zentraler Bedeutung sein wird.<\/p>\n<p>Ich danke meinen Eltern, meinem Bruder und meinen Verwandten, die heute an dieser Verleihung teilnehmen. Vor allem danke ich meiner Familie, meiner Frau Annette, mit der ich nun schon seit mehr als zwei Jahrzehnten einen gemeinsamen Weg gehen darf, meiner Tochter Sarah und meinem Sohn Jacob. Die vielen heftigen Diskussionen, das Feuerwerk der Ideen und der stete Strom freundlicher, interessanter und verr\u00fcckter Gedanken beleben mich. Ich danke meinen Kolleginnen und Kollegen am PIK und am MCC f\u00fcr die wissenschaftliche Inspiration und kontroversen Diskussionen. Susanne Stundner hilft mir nicht nur das Chaos des Alltags zu meistern; sie hat mir durch ihren freundlichen, aber entschiedenen Widerspruch buchst\u00e4blich das Leben gerettet. John Schellnhuber danke ich, dass ich von ihm lernen konnte, wie man auf h\u00f6chstem Niveau Wissenschaft betreibt und ein Forschungsinstitut leitet.<\/p>\n<p>Gibt es einen Weg zwischen Hybris und Fatalismus? In den besten Stunden meines Lebens erfahre ich mein Leben als unverf\u00fcgbares und \u00fcberflie\u00dfendes Geschenk, das selbst durch meine Irrt\u00fcmer, meine Fehler, meine Schuld und selbst durch Krankheit und Tod nicht entstellt werden kann. In diesen Erfahrungen ist die Hoffnung geborgen, mein Leben werde ganz und vollendet sein. Aber eine Hoffnung, die ich nur f\u00fcr mich h\u00e4tte und die nur in den besten Stunden gilt, w\u00e4re keine Hoffnung, sie w\u00e4re Betrug. In der Bibel wird Babylon als die Stadt der Hybris beschrieben \u2013 ein sinnloser Turmbau, der Menschenopfer fordert, die menschliche Sprache verwirrt und die Begegnung zwischen Menschen zerst\u00f6rt. Das neue Jerusalem ist das Bild einer Stadt, in der keine Menschen mehr geopfert werden m\u00fcssen. Alle V\u00f6lker leben gleichberechtigt in Frieden und Wohlstand. Die Lebensb\u00e4ume an den Gew\u00e4ssern der Stadt sind Zeichen einer geheilten Sch\u00f6pfung. Diese Bilder aus dem Buch der Offenbarung halten die Hoffnung wach, dass unser Einsatz Fr\u00fcchte tragen wird und wir in dieser Stadt leben werden. Aber wir wissen auch, dass nicht wir es sind, die die B\u00e4ume pflanzen, und nicht wir es sind, die diese Stadt entwerfen. Wir sind nur die G\u00e4rtner und Arbeiter. Das mag fromm klingen, aber ich finde keine anderen, ich finde keine besseren Worte, den Grund meiner Hoffnung zu bezeugen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Director of the Potsdam Institute<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"menu_order":1826,"template":"","meta":{"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"class_list":["post-32368","media-library","type-media-library","status-publish","hentry","media-library-category-espinosa-cantellano-patricia","media-library-category-klima","media-library-category-laudato-si","media-library-category-potsdam-institut","media-library-category-umweltschutz","media-library-category-vereinte-nationen","media-library-category-zukunft"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Das Ende der Geschichte? 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