{"id":32386,"date":"2023-07-17T14:36:42","date_gmt":"2023-07-17T12:36:42","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=kurdenkriege"},"modified":"2025-12-08T09:18:19","modified_gmt":"2025-12-08T08:18:19","slug":"kurdenkriege-konflikte-um-ein-volk-ohne-land","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/kurdenkriege-konflikte-um-ein-volk-ohne-land\/","title":{"rendered":"Kurdish wars"},"content":{"rendered":"<p>Die arabische Welt erlebt die schwerste Krise seit den Mongolenst\u00fcrmen des 13. Jahrhunderts. Staaten zerfallen, es zerf\u00e4llt die regionale Ordnung. Viele kleine Kriege ergeben einen gro\u00dfen Krieg. Einer dieser vielen Kriege ist der Kurdenkrieg.<\/p>\n<p>Das Fenster schlie\u00dft sich wieder. Nur kurze Zeit war es ge\u00f6ffnet und nicht weit genug. Das Fenster h\u00e4tte in eine kurdische Eigenstaatlichkeit f\u00fchren k\u00f6nnen. Nun werden die Kurden auf eine weitere Gelegenheit warten m\u00fcssen, bevor sie erstmals in der Moderne einen eigenen Staat haben werden.<\/p>\n<p>In der Geschichte hatte es wiederholt lokale kurdische Dynastien gegeben, meist im Osten Anatoliens und Nordwesten Irans. Dabei verwalteten sich die Kurden selbst. Das war die Zeit von 950 bis 1100. Die Namen sagen uns heute nichts mehr. Die Dynastien hie\u00dfen die Schaddadiden, die Hasanwaihiden, die Marwaniden. Es war die Zeit von Gro\u00dfreichen. Kriege zwischen ihnen haben, wie heute, Vakuen geschaffen, in denen es vor\u00fcbergehend kurdische Kleinstaaten geben konnte.<\/p>\n<p>Auch damals schlossen sich die Fenster, die die Geschichte immer wieder \u00f6ffnet. Die Dynastie der Hasanwaihiden wurde von den Buyiden \u00fcberrannt, die der Marwaniden von den Seldschuken. Nie hielt sich ein kurdischer Staat auf Dauer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Zwei Vorbemerkungen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei einleitende Beobachtungen sich wichtig. Erstens, die Geschichte er\u00f6ffnet immer wieder Chancen f\u00fcr eine Selbstbestimmung. Eine Chance tat sich f\u00fcr die Kurden immer dann auf, wenn die Staaten zerfallen, unter denen sie gelebt haben.<\/p>\n<p>Das war der Fall nach dem Untergang des Osmanischen Reichs. Der Friedensvertrag 1920 von S\u00e8vres sah zun\u00e4chst einen kurdischen Staat vor. Im Vertrag von Lausanne von 1923 nahmen die Alliierten diese Zusage aber zur\u00fcck. Die t\u00fcrkische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung unter Atat\u00fcrk war stark genug, das durchzusetzen.<\/p>\n<p>In der Gegenwart schienen die Kurden zu den Gewinnern des Zerfalls der arabischen Staatenwelt zu z\u00e4hlen. Nach dem Zweiten Golfkrieg 1991 erkl\u00e4rte der UN-Sicherheitsrat f\u00fcr den Nordirak eine Flugverbotszone. Die Kurden konnten sich vom Rest-Irak abkapseln und Autonomie einleiten. 2011 begann in Syrien der Staatszerfall. Die Kurden richteten eine eigene Verwaltung ein, um sich in Zeiten des Kriegs selbst zu verwalten.<\/p>\n<p>Dennoch geht der Traum von der Selbstbestimmung und von Eigenstaatlichkeit weiter nicht in Erf\u00fcllung. Daf\u00fcr stehen zwei Namen: Kirkuk und Afrin.<\/p>\n<p>In Irakisch-Kurdistan stimmten beim Referendum vom 23. September zwar 93 Prozent f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit. Der erstarkte irakische Zentralstaat erkannte das nicht an, die irakische Armee eroberte das den Kurden wichtige Kirkuk.<\/p>\n<p>In Syrien steht Afrin f\u00fcr den abermals gescheiterten Traum. T\u00fcrkische Truppen, unterst\u00fctzt durch Russland, haben in diesem Jahr in der Operation \u201eOlivenzweig\u201c die kurdische Enklave in Nordsyrien erobert.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt uns zur zweiten Vorbemerkung. Erstens also, die Geschichte \u00f6ffnet immer wieder f\u00fcr kurze Zeit Chancen. Zweitens zeigt uns das Beispiel Afrin, dass sich die \u201eKurdenfrage\u201c ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Ein erster Aspekt dazu: Fr\u00fcher hatte jeder Staat seine eigene, nationale \u201eKurdenfrage\u201c \u2013 die T\u00fcrkei, der Irak, Syrien, Iran. Heute sind diese nationalen Kurdenfragen miteinander verschr\u00e4nkt. Was in der T\u00fcrkei geschieht, hat Einfluss auf Syrien \u2013 und umgekehrt. Heute haben wir eine transnationale Kurdenfrage. Damit wird Kurdistan ein Schlachtfeld f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere strategische Interessen einzelner Akteure: Russland sieht eine Chance, die T\u00fcrken n\u00e4her an sich zu ziehen, indem es die Ankara die syrischen Kurden \u00fcberl\u00e4sst; die USA wiederum wollen \u00fcber Syrien (und ihre Zusammenarbeit mit den Kurden) Iran zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und den IS bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Ein zweiter Aspekt, wie sich die Kurdenfrage ver\u00e4ndert hat: Ein grenz\u00fcberschreitender kurdischer Nationalismus ist entstanden. Lange hatten innerkurdische Konflikte die Kurden geschw\u00e4cht. Ein Wendepunkt war Kobane. Kurden aus Syrien, der T\u00fcrkei und dem Irak verteidigten die Stadt und schlugen den IS zur\u00fcck. Das war ein Zeichen, dass die Kurden Erfolg haben, wenn sie zusammenstehen. Ebenso bei der Verteidigung von Sinjar gegen den IS. Das bedeutet aber nicht, dass die Meinungsverschiedenheiten unter ihnen beigelegt w\u00e4ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Kurdische Akteure<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen drei wichtige Akteure unterscheiden: In der T\u00fcrkei erfreut sich unter den Kurden die PKK \u2013 trotz ihrer Brutalit\u00e4t und ihres stalinistischen Selbstverst\u00e4ndnisses \u2013 unver\u00e4ndert gro\u00dfer Popularit\u00e4t. Denn sie hat die Kurdenfrage zu einem internationalen Thema gemacht. Politischer Vertreter der Kurden war in der T\u00fcrkei bis zuletzt die sozialdemokratische, prokurdische Partei HDP. Ihre Wahlerfolge gingen auf Kosten der Popularit\u00e4t der PKK. Als der t\u00fcrkische Staat die HDP zerschlug, machte sie die PKK wieder zum einzigen kurdischen Akteur. Einen politischen Ansprechpartner unter den Kurden gibt es nicht mehr.<\/p>\n<p>In Syrien stehen die politische Partei PYD und ihre Miliz YPG der PKK nahe. Denn PKK-Chef \u00d6calan war nahe der Grenze zu Syrien aufgewachsen. Er floh in den 1980er Jahren vor dem Putschregime und fand bei den Kurden Syriens Zuflucht. Sie \u00fcbernahmen im Untergrund seine Ideologie. Das erkl\u00e4rt die enge Verbundenheit der Kurden beider L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Die PKK ist also nicht mehr eine reine t\u00fcrkisch-kurdische Kraft. Sie ist nun eine grenz\u00fcberschreitende kurdische Organisation mit Ablegern in Syrien, im Irak und in Iran. Selbst wenn die PKK in der T\u00fcrkei besiegt w\u00fcrde, w\u00e4re das nicht das Ende der PKK.<\/p>\n<p>Im Irak dominiert die KDP von Masud Barzani. Sie ist konservativ und hat traditionell gute Beziehungen zur T\u00fcrkei. Das f\u00fchrt zu Spannungen mit der linken PKK. Zwei gem\u00e4\u00dfigt linke, aber kleinere Parteien, die PUK und Goran, stehen in Rivalit\u00e4t zur KDP.<\/p>\n<p>Die Zahl der Kurden wird auf 40 Millionen gesch\u00e4tzt. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Polen oder der Ukraine. Sie sind \u00fcberwiegend auf vier L\u00e4nder verteilt. In drei von ihnen \u2013 in der T\u00fcrkei, in Syrien und im Irak \u2013 gibt es Kurdenkriege, die zusammenh\u00e4ngen. Insofern muss sich die T\u00fcrkei entscheiden, ob sie ihren Konflikt mit der PKK friedlich l\u00f6sen will oder ob sie den Krieg auch in andere L\u00e4nder tragen will. Sie hat sich f\u00fcr das Letztere entschieden. So bek\u00e4mpft die T\u00fcrkei Kurden im eigenen Land, sie f\u00fchrt einen Krieg gegen die Kurden in Syrien, und sie ist im Nordirak einmarschiert.<\/p>\n<p>Lediglich im Iran ist die Kurdenfrage derzeit nicht virulent. An den Protesten Ende 2017 waren aber auch kurdische Provinzen beteiligt. Aus aktuellem Anlass gilt es im Folgenden zu kl\u00e4ren, wie die Kurdenkriege in der T\u00fcrkei und in Syrien zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der Kurdenkrieg in der T\u00fcrkei<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine der Konstanten der T\u00fcrkei sind kurdische Aufst\u00e4nde. Ein paar Jahreszahlen: 1925 Scheih Sa\u2019eed; 1937 wurde nach Protesten gegen Zwangsumsiedlungen die Stadt Dersim zerst\u00f6rt und als Tunceli wiederaufgebaut; 1943 wurde nach der Revolte vom Ararat die Stadt Dogubeyazit dem Erdboden gleichgemacht; 1984 bis 1999 dauerte der B\u00fcrgerkrieg zwischen dem t\u00fcrkischen Staat und der PKK.<\/p>\n<p>Die AKP unternahm \u2013 erst als Regierungspartei, dann als Staatspartei \u2013 mehrere Anl\u00e4ufe, die Kurdenfrage friedlich zu l\u00f6sen. Der letzte Anlauf begann 2013. T\u00fcrken und Kurden nannten das, was folgte, die \u201edemokratische \u00d6ffnung\u201c beziehungsweise der \u201edemokratische Fr\u00fchling\u201c. Treibende Kraft war Besir Atalay, einer der Stellvertreter des damaligen Ministerpr\u00e4sidenten Tayyip Erdogan.<\/p>\n<p>Der t\u00fcrkische Staat verhandelte in Oslo mit Vertretern der PKK, und auf der Gef\u00e4ngnisinsel Imrali mit PKK-Chef \u00d6calan. Mit den Friedensverhandlungen endeten die bewaffneten Auseinandersetzungen. Eine Debatte \u00fcber eine neue Verfassung begann, ein neuer Geist von Toleranz machte sich breit. Bei den Kurden fand eine Frauenrevolution statt: Bei den Lokalwahlen wurden in den kurdischen St\u00e4dten jeweils ein Mann und eine Frau zu Ko-B\u00fcrgermeistern gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die Vorl\u00e4ufer der HDP waren als prokurdische Parteien noch alle verboten worden. Die HDP fand als sozialdemokratische Partei erstmals auch Unterst\u00fctzung unter T\u00fcrken, ihr Vorsitzender, der charismatische Selahattin Demirtas, wurde der aufsteigende Stern der t\u00fcrkischen Linken.<\/p>\n<p>Es fand eine demokratische Revolution statt, den Menschen machte Politik Freude, viele engagierten sich. Der HDP wurde ein Stimmenpotential von 20 Prozent zugetraut. F\u00fcr die AKP stellte sich die Frage: Mit der HDP zusammenarbeiten oder bek\u00e4mpfen? Die HDP lehnte es ab, dem Staatspr\u00e4sidenten \u00fcber eine \u00c4nderung der Verfassung gro\u00dfe Vollmachten einzur\u00e4umen. Daher entschied Erdogan, sie zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Der Wendepunkt war die Wahl vom Juni 2015, bei der die AKP ihre absolute Mehrheit auch deshalb verlor, weil die HDP \u00fcberraschend gut abgeschnitten hatte. Die Kurden hatten mehr vom Friedensprozess profitiert als die AKP. Die Verhandlungen wurden nicht fortgef\u00fchrt, der t\u00fcrkische Staat und die PKK griffen wieder zu den Waffen. Das geschah so: Kurdisch regierte Stadtverwaltungen erkl\u00e4rten ihre Autonomie; radikale Jugendliche schlossen sich zu einer \u201eRevolution\u00e4ren Jugendbewegung\u201c zusammen, sie starteten eine Intifada und hoben Sch\u00fctzengraben. Spezialeinheiten des t\u00fcrkischen Staats gingen mit gro\u00dfer Brutalit\u00e4t vor, mehrere St\u00e4dte wurden zerst\u00f6rt, etwa das historische Zentrum von Diyarbakir, Cizre, Nusaybin und andere. Ein halbe Million Kurden wurden zu Binnenfl\u00fcchtlingen. Im Sommer 2016 war die Revolte niedergeschlagen.<\/p>\n<p>Parallel dazu setzte der t\u00fcrkische Staat Drohnen ein, um etwa 600 Leute aus dem F\u00fchrungskader der PKK zu t\u00f6ten. Zudem werden die HDP und die kurdischen Politiker ausgeschaltet. Derzeit sind mehr als 10 der 59 Abgeordneten der HDP inhaftiert, ihr Mandat wurde ihnen aberkannt, auch Demirtas. Im M\u00e4rz wurden zwei Abgeordnete inhaftiert: Nadir Yildirim, wegen Tweet zu Afrin: \u201eWir sind f\u00fcr Frieden, lasst uns die Aggression stoppen\u201c; Ahmet Yildirim, der Erdogan \u201efalschen Kalifen\u201c nannte. 84 B\u00fcrgermeister sind in Haft; in 94 der 102 Kommunen wurden die gew\u00e4hlten kurdischen B\u00fcrgermeister durch Beamte ersetzt, die der Innenminister ernannt hat. Die Welt schwieg auch dazu.<\/p>\n<p>Entlassen, abgesetzt und teilweise verhaftet wurden mehrere 10.000 gew\u00e4hlte Stadtr\u00e4te, st\u00e4dtische Angestellte sowie Funktion\u00e4re oder freiwillige Mitarbeiter der HDP und deren regionaler Schwesterpartei.<\/p>\n<p>Das Ergebnis: Die Kurden \u2013 und die ganze T\u00fcrkei \u2013 sind aus dem Traum der \u201edemokratischen \u00d6ffnung\u201c erwacht. Der Weg f\u00fchrte vom Traum zu einem Trauma. Legale M\u00f6glichkeiten pro-kurdischer Politik sind heute verschlossen. Dennoch gab es im M\u00e4rz gegen die Invasion in Afrin noch Proteste, feierten Kurden am 21. M\u00e4rz in 20 St\u00e4dte \u201eNevruz\u201c, selbst wenn Tausende inhaftiert wurden. Eine Friedhofs ruhe ist also noch nicht eingekehrt.<\/p>\n<p>Was hat Erdogan mit den Kurden vor? Was ist sein Endziel? Zwei Punkte: Erstens, das innenpolitische Ziel ist, die linke Kurdenpolitik zu zerst\u00f6ren, ein Vakuum zu schaffen und dann seine konservative AKP in das Kurdenmilieu hinein zu erweitern. Zweitens, au\u00dfenpolitisch stehen die Kurden \u2013 etwa in Syrien \u2013 einer T\u00fcrkei im Wege, die expandiert. F\u00fcr Erdogan entsteht mit den Kriegen ein Dilemma: Seine Kriege sind wie ein Fahrrad. Wenn es sich nicht mehr bewegt, f\u00e4llt Erdogan. So k\u00e4mpft er weiter, setzt er seine Kriege fort. Gerade in Syrien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Rojava<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das kurdische Nordsyrien erlebte seit 2012 eine Freiheit, die es zuvor nie gegeben hatte. Die Baath-Herrschaft hatte die Region vernachl\u00e4ssigt und arabisiert; tausenden syrischen Kurden wurde die Staatsb\u00fcrgerschaft aberkannt.<\/p>\n<p>2012 zog das Regime seine Truppen und Beamten ab. Sie wurden in anderen Regionen gebraucht. Die Menschen in den drei kurdischen Kantonen Afrin, Kobane und Cizire verwalteten sich nun selbst, um ein \u00dcberleben in Zeiten des Kriegs zu erm\u00f6glichen. Rojava, als West-Kurdistan, wurde zu einem Modell in der Region: Die vielen Ethnien und Konfessionen lebten zwar nicht ganz frei von Spannungen, aber demokratischer und toleranter als in allen anderen Teilen der Region. Alle Ethnien und Konfessionen waren in der Exekutive und Legislative vertreten, nirgends sonst sind die Frauen gleichberechtigt wie in Rojava. Ziel war nie ein unabh\u00e4ngiger eigener Staat, sondern Autonomie innerhalb der bestehenden Grenzen.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei sieht aus drei Gr\u00fcnden in einem kurdischen Korridor eine Gefahr: Sie f\u00fcrchtet einen kurdischen Korridor vom Nordirak bis ans Mittelmeer. Die irakischen Kurden m\u00fcssten ihr Erd\u00f6l nicht mehr \u00fcber die T\u00fcrkei exportieren. Sie f\u00fcrchtet, dass sich die USA und die Kurden in dem Korridor festsetzen und die T\u00fcrkei von der arabischen Welt abschneiden. Und sie f\u00fcrchtet R\u00fcckzugsorte f\u00fcr die PKK.<\/p>\n<p>Am 24. August 2016 startete die T\u00fcrkei die \u201eOperation Schutzschild Euphrat\u201c. Sie vertrieb den IS aus der Region um Jarabulus und al-Bab. Sie kam damit den Kurden zuvor und verhinderte so das Zusammenwachsen der Kantone Kobane und Afrin. Seither weht die t\u00fcrkische Flagge \u00fcber einem Gebiet, dessen Zentrum die Stadt Jarabulus ist. Die T\u00fcrkei machte die Stadt zu ihrem milit\u00e4rischen und administrativen Zentrum in Syrien. Sie siedelte dort 150.000 syrische Fl\u00fcchtlinge aus der T\u00fcrkei an und bildete die neue FSA aus, die sie jetzt in Afrin einsetzte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Wie die T\u00fcrkei und Syrien zusammenh\u00e4ngen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Afrin war die einzige Region Syriens, die von 2011 bis 2018 von dem B\u00fcrgerkrieg in Syrien und von dem IS-Terror verschont geblieben ist. Daher suchten dort 400.000 Fl\u00fcchtlinge Zuflucht, vor allem aus Aleppo. Mit diesem Frieden war es am 20. Januar 2018 vorbei, als die T\u00fcrkei mit der Operation \u201eOlivenzweig\u201c die Eroberung von Afrin startete. Die Begr\u00fcndung lautete, Afrin bedrohe die Sicherheit der T\u00fcrkei. Von dort w\u00fcrden Raketen auf die T\u00fcrkei abgeschossen. Daf\u00fcr gibt es jedoch keinen einzigen Beleg.<\/p>\n<p>Lange hatte die T\u00fcrkei gehofft, den Gang der Dinge in Syrien \u00fcber Stellvertreter zu beeinflussen. Das ist gescheitert. Daher muss die T\u00fcrkei nun eigene Truppen einsetzen, will sie in Syrien etwas erreichen \u2013 also die regul\u00e4re t\u00fcrkische Armee sowie Spezialeinheiten der Polizei und Gendarmerie. Die waren eigens f\u00fcr den H\u00e4userkampf ausgebildet worden, und sie waren bereits 2015\/16 an der Zerst\u00f6rung kurdischer St\u00e4dte in der T\u00fcrkei beteiligt.<\/p>\n<p>Die TR greift auch auf die \u201eFreie Syrische Armee\u201c zur\u00fcck. Die hat mit der FSA der Jahre 2011\/12 nur noch den Namen gemeinsam. Heute setzt sie sich zusammen aus sunnitischen syrischen K\u00e4mpfern, die zuvor in islamistischen Gruppierungen gek\u00e4mpft hatten, auch in Raqqa und DZ.<\/p>\n<p>Warum hat die T\u00fcrkei in Afrin zugeschlagen? Erstens, die T\u00fcrkei bezeichnet die YPG, die Streitmacht der syrischen Kurden, als Terrororganisation, die mit der PKK liiert sei und die T\u00fcrkei bedrohe. In den Listen des UN-SR mit den Terrororganisationen, die in Syrien bek\u00e4mpft werden d\u00fcrfen, tauchen die YPG aber nicht auf. Zweitens, am 17. Januar 2018 erkl\u00e4rte der damalige US-Au\u00dfenminister Tillerson, die USA wollten l\u00e4nger an der Seite der Kurden in Syrien bleiben, um den IS zu bek\u00e4mpfen und den iranischen Einfluss einzud\u00e4mmen. Die T\u00fcrkei hatte aber damit gerechnet, dass sich die USA zur\u00fcckziehen w\u00fcrden und sie dann in Nord-Syrien freie Hand h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die USA k\u00f6nnten sich nun bald aus Syrien zur\u00fcckziehen. Das k\u00f6nnte das Verh\u00e4ltnis zur T\u00fcrkei verbessern. Aus Washington kommen jedoch widerspr\u00fcchliche Signale. Noch stehen sich 12 Kilometer n\u00f6rdlich von Manbij amerikanische Soldaten, die mit den Kurden zusammenarbeiten, und t\u00fcrkische Truppen, die das Gebiet erobern wollen, gegen\u00fcber. So droht am Sajur ein bewaffneter Konflikt zwischen zwei Nato-Partnern.<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt der t\u00fcrkischen Aggression ist, dass die TR in Afrin syrische Fl\u00fcchtlinge ansiedeln will. Denn in der TR nehmen die Spannungen zwischen der T\u00fcrken und den syrischen Fl\u00fcchtlingen zu. Ihre Zahl liegt bei 3,5 Millionen plus 800.000 in der TR geborener Babies. Auch sollen dort Turkmenen angesiedelt werden, die etwa aus dem Nordirak stammen, und Familien der prot\u00fcrkischen arabischen K\u00e4mpfer.<\/p>\n<p>Erdogan sagte, Afrin werde seinen \u201erechtm\u00e4\u00dfigen Besitzern\u201c zur\u00fcckgegeben. Die werden aber vertrieben, denn traditionell stellten die Kurden mehr als 90 Prozent der Bev\u00f6lkerung von Afrin. Leidtragende sind insbesondere die Jesiden. Sie werden von den b\u00e4rtigen Islamisten vertrieben, weil sie Kurden und weil sie Jesiden sind, also Freiwild. Ihre gut 20 D\u00f6rfer in Afrin wurden vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Folgen f\u00fcr den Westen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die neue Dynamik in Syrien (Russland als der neue powerbroker und ein passives Amerika) hat zu einer Ann\u00e4herung der T\u00fcrkei an Russland gef\u00fchrt. So hat Russland den Luftraum freigegeben, damit t\u00fcrkische Kampfflugzeuge Afrin bombardieren konnten. Russland versprach sich davon zweierlei: Die syrischen Kurden, der Partner der USA, w\u00fcrden geschw\u00e4cht. Und es w\u00fcrde ein Keil zwischen die Nato-Partner USA und T\u00fcrkei getrieben. Denn Russland will die T\u00fcrkei aus der Nato herausl\u00f6sen. F\u00fcr Russland ist der gro\u00dfe Preis nicht Syrien, sondern die T\u00fcrkei. Syrien ist nur ein Hebel, um weiterreichende Ziele zu erreichen.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei wiederum sieht in den USA ein Sicherheitsrisiko, denn Washington arbeitet mit den Staatsfeinden Nummer eins, den Kurden, zusammen. Die T\u00fcrkei scheint daher bereit, einen Bruch mit den USA in Kauf zu nehmen. In der T\u00fcrkei ist heute zu h\u00f6ren, es mache keinen Unterschied, ob man der Nato angeh\u00f6re oder nicht. Es ist nicht mehr gewiss, ob die T\u00fcrkei ein Teil der Nato bleiben oder sie verlassen will. Im Werben um die Gunst der T\u00fcrkei hat damit Russland gegen\u00fcber den USA die besseren Karten.<\/p>\n<p>Was lernen wir aus dem Feldzug in Afrin? Die T\u00fcrkei setzt in der Kurdenfrage auf Gewalt, im eigenen Land wie in Syrien. Und die T\u00fcrkei vollzieht eine \u00c4nderung ihrer Au\u00dfenpolitik und setzt sich immer mehr von Atat\u00fcrk ab. Denn Atat\u00fcrk billigte einst das Friedensabkommen von Lausanne 1923, das die Grenzen der T\u00fcrkei festlegt. Einer seiner wichtigsten Spr\u00fcche lautete: \u201eYurtta sulh, cihanda sulh\u201c (\u201eFriede zu Hause, Friede in der Welt\u201c). Erdogan stellt als der Anti-Atat\u00fcrk hingegen Lausanne in Frage und beruft sich auf die Grenzen, die sich die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung 1919 gegeben hatte. Dort sind Nordsyrien und der Nordirak ebenso wie griechische Inseln in der \u00c4g\u00e4is als t\u00fcrkisches Territorium eingezeichnet. Erdogans Losung k\u00f6nnte daher lauten: \u201eYurtta harp, cihanda harp\u201c (\u201eKrieg zu Hause, Krieg in der Welt\u201c).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Einige Folgerungen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Noch nie hat ein Krieg zu einem dauerhaften Sieg \u00fcber die Kurden gef\u00fchrt. Der Kurdenkonflikt kann nur politisch (und wirtschaftlich) beigelegt werden. Auch die faktische Annexion von Afrin wird weder die syrischen noch die t\u00fcrkischen Kurden befrieden.<\/li>\n<li>Die Kurden werden als kleiner Akteur immer wieder fallen gelassen. Das war so 1975 und 1990 durch die USA, was Bitterkeit geschaffen hat. Auch heute entzieht der US-Pr\u00e4sident wieder seine Unterst\u00fctzung, Frankreich k\u00f6nnte die L\u00fccke f\u00fcllen.<\/li>\n<li>Die Kurden haben in Syrien ein paar Tr\u00fcmpfe: In ihrem Gebiet liegen die H\u00e4lfte der syrischen \u00d6lfelder und die besten Ackerb\u00f6den, Euphrat und Tigris flie\u00dfen durch die kurdische Region, sie ist wasserreich. Die Kurden halten damit den Schl\u00fcssel f\u00fcr die Zukunft Syriens in der Hand.<\/li>\n<li>Der Westen muss sich fragen, wie er mit der T\u00fcrkei umgeht. Als Russland die Krim besetzt und annektiert hat, beschloss der Westen Sanktionen. Heute tut Erdogan das Gleiche in Nordsyrien, und wir dr\u00fccken die Augen zu. Wie lange kann die T\u00fcrkei noch Mitglied in der Nato sein?<\/li>\n<\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Conflicts over a people without a country<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":2046,"menu_order":1508,"template":"","meta":{"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"class_list":["post-32386","media-library","type-media-library","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","media-library-category-aussenpolitik","media-library-category-erdogan-recep-tayyip","media-library-category-iran","media-library-category-islam","media-library-category-islamismus","media-library-category-israel","media-library-category-krieg","media-library-category-kurden","media-library-category-kurdistan","media-library-category-naher-osten","media-library-category-tuerkei"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - 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