{"id":32390,"date":"2023-07-17T14:36:44","date_gmt":"2023-07-17T12:36:44","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=christlich-motiviert"},"modified":"2025-12-08T11:52:58","modified_gmt":"2025-12-08T10:52:58","slug":"die-geschichte-der-weissen-rose-kontroverse-deutungen-von-den-anfaengen-bis-zur-gegenwart","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-geschichte-der-weissen-rose-kontroverse-deutungen-von-den-anfaengen-bis-zur-gegenwart\/","title":{"rendered":"The History of the White Rose"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Glaubt man der \u201eBild am Sonntag\u201c vom 28. Januar 2018, dann sind jetzt erst \u201edie letzten Geheimnisse\u201c der Widerstandsgruppe Wei\u00dfe Rose durch das Buch des evangelischen Pfarrers Robert M. Zoske \u00fcber einen der Protagonisten der Wei\u00dfen Rose, Hans Scholl, der \u00d6ffentlichkeit bekannt geworden. Erst jetzt komme heraus, dass er wegen homosexueller Neigungen bereits 1937 einmal inhaftiert gewesen sei.<\/p>\n<p>Wer sich f\u00fcr die Geschichte der Wei\u00dfen Rose interessiert, wird sich verwundert die Augen gerieben haben, denn im vergangenen Jahr, am 3. April 2017, hatte schon Focus-Online \u00fcber die Publikation der Journalistin und Historikerin Miriam Gebhardt mit dem Titel \u201eDie Wei\u00dfe Rose. Wie aus ganz normalen Deutschen Widerstandsk\u00e4mpfer wurden\u201c berichtet, hier nun w\u00fcrde endg\u00fcltig die Wahrheit \u00fcber die M\u00fcnchner Studenten im Widerstand aufgedeckt. Auch der Autor dieses Artikels sprach von \u201eletzten Geheimnissen\u201c der Widerstandsgruppe, die nun endlich bekannt w\u00fcrden und unser Bild von der Wei\u00dfen Rose sehr ver\u00e4ndern w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man solche sensationsheischenden Meldungen einfach bel\u00e4cheln und als unseri\u00f6s \u00fcbergehen. Damit w\u00fcrde man aber verkennen, dass sie Teil eines ziemlich komplexen Mechanismus sind, der unser kollektives Erinnern an Vergangenes, zumal an eine so schwierige Vergangenheit wie die NS-Zeit, bestimmt. Die Bilder, die Historiker und Publizisten, Journalisten, Literaten und Filmemacher von dieser Vergangenheit entwerfen, das, was sie hervorheben, genauso wie das, was sie in Vergessenheit geraten lassen, auch das, was sie \u00fcbertreibend berichten, bestimmen unsere Auffassung von der Vergangenheit und damit immer auch partiell unseren Standort in der Gegenwart mit. Daher hat sich in den vergangenen Jahren auch eine breite rezeptionsgeschichtliche und erinnerungskulturelle Forschung entwickelt, die auf sich erg\u00e4nzenden Theorien \u00fcber das kollektive Erinnern aufbaut, es sei nur stellvertretend etwa auf die Arbeiten von Aleida Assmann oder auch das Konzept der \u201eLieux de m\u00e9moire\u201c von Pierre Nora verwiesen.<\/p>\n<p>Diese theoretischen \u00dcberlegungen sollen im Folgenden nicht detailliert dargelegt werden, sondern es soll vor diesem Hintergrund versucht werden, die mittlerweile un\u00fcberschaubar gewordene Publikationsflut zur Wei\u00dfen Rose von ihren Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart zu \u00fcberblicken und zu systematisieren, um die genannten Schlagzeilen und immer wieder neue Publikationen zur Wei\u00dfen Rose besser einordnen zu k\u00f6nnen. Um die Ver\u00e4nderungen im Bild der Wei\u00dfen Rose zu verstehen, wird es notwendig sein, die zeithistorischen Kontexte mitzudenken und verschiedenen Einflussfaktoren auf die Spur zu kommen. Dabei kann auf mittlerweile zahlreicher werdende rezeptionsgeschichtliche und erinnerungskulturelle Arbeiten zur\u00fcckgegriffen werden, von denen einige in den Literaturempfehlungen zu diesem Beitrag genannt sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Rezeptionsgeschichte jener f\u00fcnf Studierender, Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst und Willi Graf, sowie ihres Professors Kurt Huber, die 1942 und Anfang 1943 versucht haben, durch Flugbl\u00e4tter die Deutschen zum Widerstand gegen das NS-Regime aufzurufen, begann schon kurze Zeit nach ihrer Hinrichtung, indem die deutschsprachige Emigration und das kriegf\u00fchrende Ausland ihr Beispiel lobend bekannt machten.<\/p>\n<p>Im Nachkriegsdeutschland wirkte aber zun\u00e4chst vor allem der Roman des emigrierten Schriftstellers Alfred Neumann, \u201eSix of them\u201c, der allgemein als Geschichte der Wei\u00dfen Rose wahrgenommen wurde, obwohl Neumann dies mehrfach dementierte und keineswegs strahlende Widerstandshelden gezeichnet hatte. Sein Roman aber lie\u00df die Geschichte der Wei\u00dfen Rose nicht in Vergessenheit geraten und bot eine erste Grundlage, auf der sich eine \u00f6ffentliche Diskussion um die M\u00fcnchner Studenten entwickeln konnte. In diese wirkte ein Deutungsangebot hinein, das kein Geringerer als Romano Guardini bei einer ersten Gedenkveranstaltung an die Wei\u00dfe Rose am 4. November 1945 formuliert hatte. Dabei hatte Guardini gar nicht viel von den M\u00fcnchner Studenten selbst gesprochen, sondern mehr grunds\u00e4tzliche philosophisch-theologische \u00dcberlegungen angestellt und dabei die Studenten in einen engen Glaubenszusammenhang eingebunden: \u201eSo haben sie f\u00fcr die Freiheit des Geistes und die Ehre der Menschen gek\u00e4mpft und ihr Name wird mit diesem Kampf verbunden bleiben. Zuinnerst aber haben sie in der Strahlung des Opfers Christi gelebt, das keiner Begr\u00fcndung vom unmittelbaren Dasein her bedarf, sondern frei aus dem sch\u00f6pferischen Ursprung der ewigen Liebe hervorgeht.\u201c<\/p>\n<p>Diese Vorstellung des Opfertodes, die christliche Konnotation der Motivlagen und die damit verbundene \u00dcberh\u00f6hung der Wei\u00dfen Rose \u2013 sie wurden sodann von Inge Aicher-Scholl, der Schwester von Hans und Sophie, die sich als authentische Interpretin des Wollens ihrer Geschwister und der Geschichte der Wei\u00dfen Rose positionieren konnte, aufgegriffen. Es ist also ganz falsch, wenn in j\u00fcngeren Publikationen behauptet wird, der christliche Bezugsrahmen werde erst jetzt entdeckt. Schon f\u00fcr Inge Scholl war dies das zentrale Motiv und es fiel ihr leicht, dies glaubhaft zu vermitteln, weil sie als Verwandte \u00f6ffentlich hohe Autorit\u00e4t beanspruchen konnte, aber auch, weil sie umgehend nach dem Tod ihrer Geschwister Quellenmaterial gesammelt hatte, auf das sie im Nachkriegsdeutschland, angesichts der wenigen \u00f6ffentlich verf\u00fcgbaren Quellen, zur\u00fcckgreifen konnte.<\/p>\n<p>Inge Aicher-Scholl stellte sich gegen Neumanns Roman und propagierte 1948 die \u201etiefen, geistigen Motive und die reine, lichte Tragik\u201c der Wei\u00dfen Rose. Der Tod ihrer Geschwister war auch f\u00fcr sie ein Opfertod, um die S\u00fcnden der Deutschen im Nationalsozialismus zu s\u00fchnen. Schnell geriet die Diskussion um Neumanns Roman nun in Vergessenheit, als Aicher-Scholl 1952 ein eigenes kleines und gut lesbares Buch \u00fcber die Wei\u00dfe Rose ver\u00f6ffentlichte, das sofort ein Bestseller wurde, weil es vorgab, die \u201ewahre Geschichte\u201c der Wei\u00dfen Rose nachzuerz\u00e4hlen und authentisch zu interpretieren. Sp\u00e4testens hier wurde der Mythos der Wei\u00dfen Rose geboren und wirkm\u00e4chtig.<\/p>\n<p>Dem Buch half sicherlich, dass es in einer Zeit auf dem Buchmarkt kursierte, als mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR die \u00f6ffentliche Akzeptanz widerst\u00e4ndigen Verhaltens in einer totalit\u00e4ren Diktatur bef\u00f6rdert wurde. Schon im ersten Jahr seines Erscheinens wurden zehn Auflagen gedruckt, es ist in etliche Fremdsprachen \u00fcbersetzt und vermittelt so bis heute im Ausland vielen Lesern den ersten Eindruck von der M\u00fcnchner Widerstandsgruppe. Inge Aicher-Scholl konnte mit diesem Buch eine Deutungsmacht \u00fcber das historische Geschehen erlangen, die ganz dem Zeitgeist der 1950er und beginnenden 1960er Jahre entsprach. Sie war 1945 zum katholischen Glauben konvertiert, teilte die politikfeindliche Skepsis vieler ihrer Zeitgenossen und suchte wie sie Halt im Glauben. Wenn sie betonte, dass die Kraft der Wei\u00dfen Rose \u201enicht aus einem politischen Aktionismus erwuchs, sondern aus Gef\u00fchlen der Menschlichkeit, die sich best\u00e4rkten und gerade richteten in einer befreienden Bindung an Gott\u201c, kam sie dem Orientierungsverlangen vieler ihrer Leser entgegen und vermied es zugleich, individuelle Schuld zuzuweisen. Vielmehr l\u00f6ste sie das Geschehen in eine unergr\u00fcndliche Tragik auf, aus der die Wei\u00dfe Rose die Deutschen mit ihrem Opfertod gleichsam erl\u00f6st hatte. Damit \u00fcberh\u00f6hte sie insbesondere ihre Geschwister, weniger die \u00fcbrigen Mitverschw\u00f6rer, ja entr\u00fcckte sie in eine dem Alltag fernliegende Sph\u00e4re besonderer Menschen.<\/p>\n<p>Bezeichnend ist, wie sich der Opfertodgedanke unschwer mit dem Soldatentod vieler Deutscher in einen Zusammenhang bringen lie\u00df. Hans Werner Richter etwa schrieb: \u201eHans Scholl, Christoph Probst, Willi Graf und Alexander Schmorell, sie starben auf dem Schafott vor der \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr jene vielen, die im gleichen Glauben drau\u00dfen an der Front ihr Leben lie\u00dfen. Es ist nicht in ihrem Geist, wenn wir jetzt \u00fcber sie jene vergessen. Sie waren Soldaten wie jene \u2026 Aber sie entgingen dem grauen Massentod. Sie handelten als Einzelne und gewannen die individuelle Freiheit im Tode.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inge Aicher-Scholls Interpretation wirkte lange, zum Teil bis heute. Das \u00e4nderte sich erst Mitte der 1960er Jahre, als eine j\u00fcngere, kritische Generation sich mit den angebotenen Deutungen \u00fcber den Nationalsozialismus nicht mehr zufrieden geben wollte. Inge Aicher-Scholl stand diesen neuen, ja auch provokanten Aufbr\u00fcchen zun\u00e4chst positiv gegen\u00fcber und behauptete gar, dass ihre Geschwister sich an den Studentenprotesten sicher beteiligt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Doch die protestierenden Studenten kn\u00fcpften nicht an Hans und Sophie Scholl an. Che Guevara etwa war ihnen n\u00e4her als die Heldengestalten ihrer Eltern, die traditionellen Gedenkfeierlichkeiten f\u00fcr die Wei\u00dfe Rose 1965 und 1968 wurden sogar gest\u00f6rt. Der Berliner Student Christian Petry gab dem Unbehagen und den dr\u00e4ngenden Fragen seiner Generation Ausdruck in einer Publikation mit dem Titel \u201eStudenten aufs Schafott. Die Wei\u00dfe Rose und ihr Scheitern\u201c. Darin vertrat er die These vom unpolitischen, b\u00fcrgerlichen Widerstand der M\u00fcnchner Studenten, kritisierte die von der Wei\u00dfen Rose genutzten Widerstandsformen \u2013 vor allem die seiner Ansicht nach unsinnig riskante Verteilaktion am 18. Februar \u2013 und wertete ihren Vorbildcharakter f\u00fcr die eigene Zeit drastisch ab. Christliche Bez\u00fcge b\u00fc\u00dften bei Petry ihre Erkl\u00e4rungsmacht ein, der angesprochene Opfertod an sich wirkte in seiner Interpretation geradezu sinnlos.<\/p>\n<p>Die Rezeption von Petrys Ansichten in den Medien und die Aufnahme seines Buches in das Programm der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung trugen zur Verbreitung seiner Sichtweise erheblich bei. Die Proteste und Einspr\u00fcche vor allem Inge Scholls gegen die ihrer Meinung nach verzerrte Darstellung Petrys und manche Unrichtigkeiten in der Argumentation drangen nur wenig durch, das Medienmanagement Petrys und seine zu gut in die Zeit passende Interpretation des Wei\u00dfe-Rose-Widerstands behielten die Oberhand. Die Wei\u00dfe Rose schien vorerst als Orientierungspunkt in einer Zeit ausgedient zu haben, die gerade mit alten Ma\u00dfst\u00e4ben brechen wollte.<\/p>\n<p>Die Folge war, dass in den 1970er Jahren relativ wenig \u00fcber die Wei\u00dfe Rose publiziert wurde. Das lag aber sicher nicht nur an Petrys Buch. In Zeiten des RAF-Terrorismus und einer bisweilen ubiquit\u00e4ren Beanspruchung eines Widerstandsrechts gegen den Staat, wurde die Besch\u00e4ftigung mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus immer auch erkl\u00e4rungs- und begr\u00fcndungsbed\u00fcrftig. Hinzu kam aber auch, dass die Dominanz sozialgeschichtlicher Forschungsans\u00e4tze in den Geschichtswissenschaften die Auseinandersetzung mit tats\u00e4chlichen oder vermeintlichen Heroen des Widerstands nicht eben bef\u00f6rderte.<\/p>\n<p>Das verschaffte nun der DDR-Wei\u00dfe-Rose-Forschung und Publizistik, die gerne die Abrechnung der \u201e68er\u201c mit dem tradierten westdeutschen Wei\u00dfe Rose-Gedenken lobte, einen gewissen Vorteil und gewiss mehr Beachtung, als dies sonst der Fall gewesen w\u00e4re. Zwar hatte man in der DDR die Erinnerung an Widerst\u00e4ndler aus anderen als der Arbeiterklasse zun\u00e4chst zugelassen, schr\u00e4nkte sie seit den 1950er Jahren aber ein, weil sie leicht zum Widerstand gegen die SED-Diktatur anregen konnte. Zunehmend wurde die Wei\u00dfe Rose in den 1960er Jahren instrumentalisiert, um im Kalten Krieg antiimperialistische Propaganda mit ihr zu betreiben. Ein H\u00f6hepunkt war sicherlich, als 1960 Jenaer Studenten einen Kranz im Rahmen der M\u00fcnchner Gedenkveranstaltung niederlegten, auf dessen Schleife zu lesen war: \u201eSophie und Hans Scholl, den K\u00e4mpfern gegen Faschismus und Krieg\u201c. Diese Schleife wurde von einigen westdeutschen Studenten abgeschnitten und anschlie\u00dfend der Kranz ganz entfernt.<\/p>\n<p>Die Reaktion aus der DDR war scharf: \u201eDie Vorg\u00e4nge in M\u00fcnchen beweisen mithin, da\u00df die herrschenden Kr\u00e4fte in Bundesdeutschland das Andenken antifaschistischer Widerstandsk\u00e4mpfer mit derselben Skrupellosigkeit verf\u00e4lschen und sch\u00e4nden, mit der sie den M\u00f6rder Oberl\u00e4nder auf der Regierungsbank zu decken bestrebt sind. Westdeutschlands Studenten aber sollten sich insbesondere daran erinnern, da\u00df die Geschwister Scholl leidenschaftlich vor dem Antikommunismus warnten.\u201c<\/p>\n<p>Relevant f\u00fcr die Publizistik der Endsechziger und 1970er Jahre wurde, dass der Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Deutsche Geschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin, sp\u00e4ter auch am Zentralinstitut f\u00fcr Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, Klaus Drobisch, 1968 eine \u201eDokumentation \u00fcber den antifaschistischen Kampf M\u00fcnchner Studenten 1942\/43\u201c ver\u00f6ffentlichte, die mit staatlicher Unterst\u00fctzung in der DDR weite Verbreitung erlangte und in den 1970er Jahren auch in Westdeutschland rezipiert wurde. Der Band erlebte zahlreiche Neuauflagen. F\u00fcr Drobisch war die Wei\u00dfe Rose ein Beleg f\u00fcr lebendigen Antifaschismus der Jugend aus humanistischem Geist. Diesen Antifaschismus sah er sogar \u201eangeregt\u201c durch Impulse der KPD, die die \u201ef\u00fchrende Rolle im Widerstandskampf\u201c ausge\u00fcbt habe. Das Erbe der Wei\u00dfen Rose werde alleine in der DDR wirklich gepflegt und angenommen.<\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnlich argumentierte Karl-Heinz Jahnke, Dozent, ab 1973 dann Professor f\u00fcr die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung an der Universit\u00e4t Rostock und zugleich Sekret\u00e4r der SED-Grundorganisation in seiner 1969 erschienenen Schrift \u201eWei\u00dfe Rose contra Hakenkreuz\u201c und dem 1970 erschienenen Buch \u201eJugend im Widerstand\u201c, die ebenfalls mehrere Neuauflagen erlebten.<\/p>\n<p>Dass diese DDR-Publikationen auch im Westen Resonanz fanden, kann man nicht nur daran erkennen, dass sie h\u00e4ufig in sp\u00e4teren Arbeiten zitiert wurden, ein sprechender Beleg daf\u00fcr ist auch ein Interview, das die \u00f6sterreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger, die mit Inge Scholl eng verbunden war und zeitweilig an ihrer Ulmer Volkshochschule gearbeitet hatte, Hermann Vinke gab. Darin stellte sie fest, Sophie Scholl h\u00e4tte auf ihrem Weg in den Widerstand ebenso gut Karl Marx wie Augustinus lesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit Vinkes Publikation \u201eDas kurze Leben der Sophie Scholl\u201c begann nach den relativ publikationsarmen 1970er Jahren um 1980 eine weitere Rezeptionswelle der Wei\u00dfen Rose. Wie in dem bekannten Fernsehfilm \u201eHolocaust\u201c gab Vinke durch Individualisierung von Opferschicksalen und emotionale Zug\u00e4nge den Weg vor, auf dem sich die Wei\u00dfe-Rose-Publizistik in den 1980er Jahren auch bewegen sollte.<\/p>\n<p>Hermann Vinkes Publikation stellte den Menschen, die junge Frau Sophie Scholl in collageartigen Bildern mit Zeitzeugenberichten vor, und zwar in einer Publikationsreihe des Ravensburger Verlages, die auf M\u00e4dchen und Frauen abzielte. Sophie Scholl wurde damit nicht nur in den Vordergrund ger\u00fcckt und aufgewertet, sondern auch als Frauencharakter gezeichnet, der bestimmt war durch Selbstfindung und Identit\u00e4tssuche. Das passte in eine Zeit, in der Selbstbestimmung und politisch-gesellschaftliches Engagement im Rahmen neuer sozialer Bewegungen in den Vordergrund trat. Der individualisierte Zugang zur Geschichte der Wei\u00dfen Rose passte aber auch zu neuen Trends in der Geschichtswissenschaft, zur Alltagsgeschichte, zur Entdeckung der vergessenen Opfer des Nationalsozialismus, die nicht selten in Geschichtswerkst\u00e4tten portraitiert und der \u00d6ffentlichkeit bekannt gemacht wurden.<\/p>\n<p>Eine besondere Schubkraft erhielt dieser neue Ansatz durch gleich zwei gro\u00dfe Verfilmungen, die das Thema \u201eWei\u00dfe Rose\u201c in das \u00f6ffentliche Bewusstsein hoben: Percy Adlons \u201eF\u00fcnf letzte Tage\u201c und Michael Verhoevens \u201eDie Wei\u00dfe Rose\u201c, beide 1982 in den Kinos zu sehen. Vor allem Verhoeven zeigte Individuen, Menschen mit Gef\u00fchlen und Alltagsschw\u00e4chen, die leben wollten, nicht niedergedr\u00fcckte, opferbereite Heroen. Das nach Petry angeblich mangelnde politische Bewusstsein der Gruppe spielte hier keine Rolle mehr, aber auch die Frage nach der christlichen Fundierung des Widerstands wurde zur\u00fcckgedr\u00e4ngt und weit weniger bedeutsam. Hans und Sophie Scholl wurden nun wahrgenommen als aktive, lebensfrohe Menschen, die aber Verantwortungsbewusstsein hatten, sich den Herausforderungen ihrer Zeit stellten und damit, so Verhoeven, auch in den 1980er Jahren anspornen konnten zu politischem Engagement.<\/p>\n<p>Inge Aicher-Scholl unterst\u00fctzte diese Interpretation noch dadurch, dass sie sich nun bereit erkl\u00e4rte, Briefe und Aufzeichnungen aus dem Nachlass der Geschwister f\u00fcr eine Edition zur Verf\u00fcgung zu stellen, die Inge Jens, Ehefrau des bekannten T\u00fcbinger Rhetorikprofessors Walter Jens, herausbrachte. Zwar kam es dar\u00fcber zum Streit, weil Inge Jens im Vorwort zu dieser Edition die Motive der Wei\u00dfen Rose in ihrer Freundschaft, in der Jugendbewegung und einer schw\u00e4rmerischen Russlandbegeisterung, aber nicht in ihrem christlichen Glauben sehen wollte, doch war mit dieser ersten, 1984 ver\u00f6ffentlichten Sammlung privater Quellen ein Beispiel gegeben, dem andere Nachfahren von Beteiligten folgten, und zwar bis heute. All diese Quellenpublikationen versuchen, die Menschen der Wei\u00dfen Rose verstehbarer zu machen und Antworten auf die Frage nach ihrer Motivation zu geben.<\/p>\n<p>Auch in den 1990er Jahren erlahmte das Interesse an der Wei\u00dfen Rose nicht. Und das lag daran, dass nach dem Ende des Kalten Krieges und mit der deutschen Wiedervereinigung erstmals Quellen wie die Ermittlungsakten gegen die Mitglieder der Wei\u00dfen Rose f\u00fcr die Forschung verf\u00fcgbar wurden, die bislang in den Archiven der DDR oder der UdSSR gelagert und unzug\u00e4nglich gewesen waren.<\/p>\n<p>Die Forschung arbeitete sich an diesen Quellen in den 1990er Jahren geradezu ab, vor allem wurde der Blick nun auch auf viele Handelnde gelenkt, die hinter den bekannten Hauptakteuren standen und bisher v\u00f6llig in Vergessenheit geraten waren. Je mehr Personen nun in die Forschung einbezogen wurden, desto mehr erg\u00e4nzendes Quellenmaterial, das bislang wegen der Fokussierung auf Hans und Sophie Scholl keine Beachtung gefunden hatte, wurde entdeckt. Die Quellengrundlage erweiterte sich folglich rasant. Deshalb ist es schlicht falsch, wenn in den j\u00fcngsten Publikationen behauptet wird, der weitere Kreis der Wei\u00dfen Rose werde erst jetzt erforscht und die religi\u00f6se Motivierung des Widerstandes der Wei\u00dfen Rose sei in den 1990er Jahren in Vergessenheit geraten \u2013 im Gegenteil hat die in den 1990er Jahren breitere Wahrnehmung der vielen Akteure in der Wei\u00dfen Rose geradezu zu einer differenzierten Betrachtung der Motivlagen, vor allem auch der geistigen Mentoren und damit auch der Vielf\u00e4ltigkeit religi\u00f6ser Beeinflussungen gef\u00fchrt. Barbara Sch\u00fclers Arbeit \u201eIm Geiste der Gemordeten\u2026\u201c, die in den 1990er Jahren entstanden ist, stellt daf\u00fcr ein sprechendes Beispiel dar.<\/p>\n<p>Allerdings wurde die Frage der christlichen Motivierung des Widerstands der Wei\u00dfen Rose nun auch vor dem Hintergrund der in den 1990er Jahren sehr virulenten Milieuforschung heftiger diskutiert. Gerhard Paul und Klaus-Michael Mallmann stellten beispielsweise in einer 1995 erschienenen Studie \u00fcber das katholische Milieu im Saarland die Behauptung auf, dass Willi Graf nicht wegen, sondern trotz seiner Bindung an den Katholizismus Widerstand geleistet habe. Sie fanden Hinweise darauf, dass er sich dem einengenden und mehr obrigkeitsh\u00f6rigen, denn Widerstand generierenden katholischen Milieu entzogen und nur so in der Wei\u00dfen Rose einen Platz gefunden habe.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wurden in dieser Zeit nun endlich auch die Flugbl\u00e4tter einer kritischen philologischen Untersuchung und ersten Kommentierung durch Hinrich Siefken in Nottingham unterzogen, die Verbindung zu den geistigen Mentoren wie Theodor Haecker genauer untersucht und deren Werke im Blick auf den Widerstand der Studenten analysiert. Und mit Wilfried Breyvogel begann 1991 die Erforschung der Rezeptionsgeschichte der Wei\u00dfen Rose. Die gro\u00dfen Themen, die nach der Jahrtausendwende die Forschung und Publizistik bewegt haben, wurden also in den 1990er Jahren schon aufgeworfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch dies geriet offensichtlich weitgehend in Vergessenheit, weil eine Reihe von Entwicklungen jetzt einsetze, die die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit wieder in eine andere Richtung lenkte. Zun\u00e4chst er\u00f6ffneten die neu verf\u00fcgbaren Quellen Sensation heischende Interpretationen, die immer wieder auch medial aufgegriffen wurden. Dass zum Beispiel Aufputschmittel von den Studenten genutzt worden sind, galt als eine solche Sensation und wurde einige Zeit \u00fcberbewertet. \u00c4hnlich wirkt momentan die l\u00e4ngst schon bekannte, aber bislang noch nicht so medial vermarktete Verurteilung von Hans Scholl wegen Vergehens gegen \u00a7175 StGB 1937.<\/p>\n<p>Sodann wirkte ein weiterer deutlicher Zug zur Personalisierung des Widerstandes, der sich massiv auf Hans, vor allem aber auf Sophie Scholl richtete, dem Trend der 1990er Jahre, die ganze Wei\u00dfe Rose in den Blick zu nehmen, entgegen. Eine Fernsehsendung \u00fcber \u201eDie gr\u00f6\u00dften Deutschen\u201c 2003, bei der Hans und Sophie Scholl den 4. Platz belegten, zeigt das ebenso wie Sophie Scholls Aufnahme in die Walhalla 2003 oder ihre Ausstellung als Wachsfigur bei Madame Tussauds in Berlin.<\/p>\n<p>So war der Boden schon gleichsam bereitet, als Marc Rothemunds Film \u201eSophie Scholl \u2013 Die letzten Tage\u201c, erschien, der diese Tendenz verst\u00e4rkte. Hier steht Sophie Scholl nicht nur ganz im Mittelpunkt, sie wird auch sehr fassbar f\u00fcr das Publikum gemacht, indem er sie in Haltung und Charakter gleichsam wie eine Frau des Jahres 2005 zeichnet. Ihre Religiosit\u00e4t und das komplizierte innere Ringen in der Auseinandersetzung mit theologisch-philosophisch-politischen Werken sind dabei kaum noch zu erkennen.<\/p>\n<p>Dies alles, wie auch die Tatsache, dass mittlerweile rund 100 Stra\u00dfen in Deutschland nach den Geschwistern Scholl benannt sind und das Geschwisterpaar nach einer Ausz\u00e4hlung aus dem Jahr 2009 der h\u00e4ufigste Namengeber f\u00fcr deutsche Schulen ist, stellt einen deutlichen Hinweis darauf dar, dass die Wei\u00dfe Rose und insbesondere die Geschwister Scholl sp\u00e4testens seit der Jahrtausendwende zu einem \u201eErinnerungsort\u201c im Sinne des Konzepts der \u201eLieux de m\u00e9moire\u201c von Pierre Nora geworden sind.<\/p>\n<p>Mindestens ebenso wichtig erscheint f\u00fcr die Ver\u00e4nderungen im Bild der Wei\u00dfen Rose nach etwa 2000 eine enge Anlehnung der Publizistik zur Wei\u00dfen Rose an aktuelle Forschungstrends und moderne Analysen der NS-Gesellschaft. Nur zwei Beispiele daf\u00fcr: Detlef Bald, der lange Zeit am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr gearbeitet hatte, griff 2003 in seiner Studie \u201eDie Wei\u00dfe Rose. Von der Front in den Widerstand\u201c direkt auf die seit der umstrittenen Wehrmachtsausstellung (1995-1999 und 2001-2004) intensivierte Forschung um die Verstrickung der Wehrmacht in die Verbrechen des NS-Staates zur\u00fcck und hob das Erlebnis des Vernichtungskrieges an der Ostfront als das entscheidende Motiv f\u00fcr die Gruppe hervor. Demgegen\u00fcber traten religi\u00f6se Belange zur\u00fcck. S\u00f6nke Zankels 2008 ver\u00f6ffentlichte und heftig umstrittene Publikation \u201eMit Flugbl\u00e4ttern gegen Hitler\u201c griff in ihren umstrittensten Passagen auf die seit der Goldhagen Debatte 1996 entfachte Diskussion und Forschung \u00fcber den Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft zur\u00fcck und unterstellte auch den Mitgliedern der Wei\u00dfen Rose antisemitische und elit\u00e4r-antidemokratische Tendenzen.<\/p>\n<p>Die christliche Motivation der Wei\u00dfen Rose wird in den j\u00fcngsten Ver\u00f6ffentlichungen ganz \u00fcberwiegend wieder konstatiert, am deutlichsten, sehr differenziert und pr\u00e4gnant bei Jakob Knab, der 2012 in einer Herausgeberschrift mit dem Titel \u201eDie St\u00e4rkeren im Geiste. Zum christlichen Widerstand der Wei\u00dfen Rose\u201c dazu erneut zahlreiche Belege angef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es zeigt sich also, so l\u00e4sst sich im R\u00fcckblick auf die eingangs zitierten Sensation heischenden Anzeigen in der Presse festhalten, dass von letzten Geheimnissen, die nun gel\u00fcftet seien, oder ganz neuen Perspektiven nicht die Rede sein kann. Trotz mancher Einspr\u00fcche im Laufe der Erforschung der Wei\u00dfen Rose und einer 2017 wieder von Miriam Gebhardt energischer vertretenen Ansicht, dass die religi\u00f6se Motivierung \u00fcberbewertet werde, verfestigt sich nach Meinung der \u00fcberwiegenden Zahl der Autorinnen und Autoren derzeit der Eindruck, dass christliche Motive den Widerstand der Wei\u00dfen Rose bestimmt haben.<\/p>\n<p>Was das genau bedeutet, wie kirchennah diese Motivation war, welche Vorbilder genau wirkten, wie reformkatholisch das alles war und welche Unterschiede bei den einzelnen Gruppenmitgliedern dabei zu konstatieren sind \u2013 dies bleibt freilich im Detail umstritten.<\/p>\n<p>Festzuhalten ist also, dass immer wieder zeithistorische Kontexte, aber auch aktuelle Forschungstrends und eigentlich schon immer, aber seit den 1980er Jahren noch verst\u00e4rkt auch mediale Einfl\u00fcsse das Bild von der Wei\u00dfen Rose ver\u00e4ndert haben. \u00c4ltere Interpretationen wurden auf diesen Wegen verdr\u00e4ngt, gerieten sogar in Vergessenheit, wurden manchmal aber auch Jahre sp\u00e4ter f\u00e4lschlicherweise als v\u00f6llige Neuigkeiten propagiert. So fehlt es heute wahrlich nicht an Deutungsm\u00f6glichkeiten \u2013 man m\u00f6chte fast sagen, f\u00fcr jede Interessenlage findet sich mittlerweile ein entsprechender Anhaltspunkt nach 75 Jahren Publizistik und historischer Forschung.<\/p>\n<p>Nach Aleida Assmann sind dies deutliche Indikatoren daf\u00fcr, dass die Wei\u00dfe Rose nun auch im kulturellen Ged\u00e4chtnis unserer Gesellschaft angekommen ist. Und es ist deshalb auch nicht zu erwarten, dass sich diese erreichte Deutungsvielfalt durch eine immer wieder eingeforderte treffende Gesamtdarstellung \u00e4ndern k\u00f6nnte, weil die Wei\u00dfe Rose ein Erinnerungsort mit vielen Ankn\u00fcpfungspunkten geworden ist, der dies vor allem ist, weil er immer wieder aktuelle Legitimations- und Identifikationsinteressen bedienen kann.<\/p>\n<p>Jenseits solcher erinnerungskultureller Analysekategorien gibt es meiner Ansicht nach aber auch noch einige lebensweltliche und forschungspraktische Gr\u00fcnde, warum wir 75 Jahre danach vor einer so verwirrenden Vielzahl von Deutungsangeboten stehen. Ich m\u00f6chte hierzu vier Thesen formulieren:<\/p>\n<ol>\n<li>Bei der intensiven Suche nach den Motiven dieses Widerstandes und der Erfassung der Charaktere der Handelnden wird viel zu h\u00e4ufig deren Jugendlichkeit \u00fcbersehen. Die Mitglieder des engeren Kreises waren alle Anfang bis Mitte 20 Jahre alt, Sophie Scholl erst 21. In diesem Alter noch kein geschlossenes Weltbild zu haben, auf der Suche zu sein, sich selbst zu widersprechen, Ansichten zu \u00e4ndern, ist nicht nur keine Schande, sondern zumal in Zeiten eines totalen Krieges wohl eher der Normalfall. Aus diesem Umstand resultieren aber viele Anhaltspunkte f\u00fcr divergierende Deutungen.<\/li>\n<li>Die Quellenlage zur Wei\u00dfen Rose hat sich seit den 1990er Jahren entscheidend verbessert. Bis heute werden sozusagen immer mehr \u201eHintergrundinformationen\u201c hervorgehoben bis hin zu den j\u00fcngst edierten Gedichten und Texten von Hans Scholl. Dieses Quellenmaterial wird allerdings nicht selten unzul\u00e4nglich quellenkritisch bewertet \u2013 und wenn dies einmal der Fall ist, dann bleibt die Kritik an der Oberfl\u00e4che und h\u00e4lt die Bearbeiter kaum davon ab, reichlich steile Thesen daraus abzuleiten. Letztlich ist festzuhalten, dass es trotz aller neuen Quellenfunde und der Bereicherung des zur Verf\u00fcgung stehenden Quellenkorpus keine regelrechte Schl\u00fcsselquelle gibt, die uns zuverl\u00e4ssig so etwas wie die \u201eWahrheit\u201c \u00fcber die Wei\u00dfe Rose vermitteln k\u00f6nnte. Wer das F\u00fcr und Wider der verschiedenen nutzbaren Quellengattungen korrekt gegeneinander abw\u00e4gt, wird immer vorsichtig formulieren \u2013 aber das wird im \u00f6ffentlichen Diskurs um die Deutungshoheit nur selten durchdringen und daher wird die publikumswirksame steile These uns auch in Zukunft h\u00e4ufiger begegnen als das abw\u00e4gende Urteil, das oft bekennen m\u00fcsste, dass man bestimmte Zusammenh\u00e4nge einfach nicht definitiv aufkl\u00e4ren kann.<\/li>\n<li>Die feststellbare Konkurrenz um ein angemessenes Bild der Wei\u00dfen Rose ist freilich nicht nur als Kampf um die \u00f6ffentliche Deutungshoheit zu verstehen, es spielen auch ganz andere, sehr menschliche Faktoren eine Rolle. Nicht wenige Autorinnen und Autoren wurden zu Arbeiten \u00fcber die Wei\u00dfe Rose animiert, weil ihnen irgendwann einmal auffiel, dass die tradierten und gerne angenommenen Heroisierungen bei n\u00e4herem Hinsehen auf die Quellen nicht mehr haltbar erschienen. Daraus sind dann regelrechte \u00dcberreaktionen entstanden, die historisch einwandfreiem Arbeiten selten gut tun.<\/li>\n<li>Die unterschiedlichen Deutungsangebote der Wei\u00dfe Rose unterscheiden sich eher selten in den Details des Ereignisablaufs \u2013 die Grundz\u00fcge der Ereignisgeschichte sind mittlerweile weitgehend konsentiert. Unterschiede lassen sich vor allem bei der Frage nach den Motiven des Widerstands allgemein oder f\u00fcr einzelne Widerstandsaktionen und Formulierungen in den Flugbl\u00e4ttern feststellen. Die Motive des Handelns von Menschen sind allerdings fast nie mit historischer Sicherheit festzustellen, zumal die wenigsten der Nachwelt genaue Kenntnis dar\u00fcber vermitteln, warum sie zu einem gewissen Zeitpunkt so und nicht anders gehandelt haben, ganz besonders in Zeiten einer Diktatur. Es kann sich daher grunds\u00e4tzlich nur um Wahrscheinlichkeitsaussagen handeln, die man auf der Grundlage konkurrierender Quellenzeugnisse, die alle ihre eigene Problematik haben, formulieren kann. Das er\u00f6ffnet nicht beliebig viele Deutungsm\u00f6glichkeiten, schlie\u00dflich gibt es immer noch das \u201eVetorecht der Quellen\u201c (R. Koselleck), aber angesichts vieler disparater Quellen doch viele denkbare Deutungsm\u00f6glichkeiten.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es gibt daher Historikerinnen und Historiker, die in Frage stellen, ob es \u00fcberhaupt sinnvoll ist, so viel Energie auf Motivforschungen zu verwenden, ob es nicht weiterf\u00fchrender sei, sich auf das zu konzentrieren, was die betreffende Personengruppe denn nachweisbar gemacht habe. Auch \u00fcber diesen Vorschlag k\u00f6nnte man nun wieder in einen Methodenstreit geraten, im Falle der Wei\u00dfen Rose aber k\u00f6nnte man tats\u00e4chlich so verfahren, weil die objektiven Folgen ihres Denkens, n\u00e4mlich die Flugbl\u00e4tter, ja noch vorhanden sind.<\/p>\n<p>Lassen wir daher abschlie\u00dfend die Wei\u00dfe Rose selbst \u00fcber die Frage nach ihren christlichen Bez\u00fcgen sprechen. Das Ergebnis ist dann sehr eindeutig. Schon im ersten Flugblatt hei\u00dft es: \u201eDaher muss jeder Einzelne seiner Verantwortung als Mitglied der christlichen und abendl\u00e4ndischen Kultur bewusst in dieser letzten Stunde sich wehren so viel er kann, arbeiten wider die Gei\u00dfel der Menschheit, wider den Faschismus und jedes ihm \u00e4hnliche System des absoluten Staates\u201c. Und im vierten Flugblatt formulierten sie: \u201eGibt es, so frage ich Dich, der Du ein Christ bist, gibt es in diesem Ringen \u2026 ein Z\u00f6gern? Hat Dir nicht Gott selbst die Kraft und den Mut gegeben zu k\u00e4mpfen? Wir m\u00fcssen das B\u00f6se dort angreifen, wo es am m\u00e4chtigsten ist, und es ist am m\u00e4chtigsten in der Macht Hitlers.\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>The History of the White Rose<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"menu_order":1485,"template":"","meta":{"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"class_list":["post-32390","media-library","type-media-library","status-publish","hentry","media-library-category-glaube","media-library-category-nationalsozialismus","media-library-category-weisse-rose","media-library-category-widerstand"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.3 - 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