{"id":32402,"date":"2023-07-17T14:36:53","date_gmt":"2023-07-17T12:36:53","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=vergessene-katholische-widerstandskaempfer-in-bayern"},"modified":"2025-12-16T11:38:26","modified_gmt":"2025-12-16T10:38:26","slug":"karl-ludwig-freiherr-von-und-zu-guttenberg-1902-bis-1945","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/karl-ludwig-freiherr-von-und-zu-guttenberg-1902-bis-1945\/","title":{"rendered":"Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg (1902 bis 1945)"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Karl Ludwig zu Guttenberg wurde am 22. Mai 1902 als dritter Sohn und viertes Kind seiner Eltern in W\u00fcrzburg geboren. Sein Vater Karl Theodor zu Guttenberg starb als Guttenberg zwei Jahre alt war. Nach dem Abitur studierte Karl Ludwig zuerst Jura in Erlangen, nach kurzer Zeit wechselte er nach M\u00fcnchen und begann dort mit seinem Geschichtsstudium, das er mit einer Dissertation \u00fcber \u201eLenin in der deutschen Presse\u201c in W\u00fcrzburg abschloss. Kurz vorher, im Jahre 1929, hatte er Therese Benedikta Prinzessin zu Schwarzenberg geheiratet. Das Paar bekam drei Kinder und bewohnte, mit einer kurzen Unterbrechung in W\u00fcrzburg, die Salzburg bei Bad Neustadt\/Saale in Unterfranken. Mein Vater, der eine journalistische T\u00e4tigkeit anstrebte, fand mit Hilfe seines Schwiegervaters, des F\u00fcrsten Schwarzenberg, eine Stelle im Aufsichtsrat der <em>M\u00fcnchner Neuesten Nachrichten<\/em>, der Vorl\u00e4uferin der heutigen <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em>, die zu dieser Zeit, konservativ ausgerichtet, eine der wenigen deutschen Zeitungen war, die bis zur sogenannten \u201eMachtergreifung\u201c die Nationalsozialisten bek\u00e4mpfte. Entsprechend hart war die Vergeltung der Nationalsozialisten.<\/p>\n<p>So erlebte Guttenberg, wie die neuen Machthaber mit dem Leben und dem Eigentum ihrer Gegner umgingen, vor allem, wenn sie Juden waren. Mein Vater war Monarchist und bayerischer F\u00f6deralist und daher kein Anh\u00e4nger der Weimarer Republik. Seine geistigen Wurzeln hatte er im Christentum, was ihn dann zus\u00e4tzlich zu einem Gegner der Nationalsozialisten werden lie\u00df. Obwohl er seitens der Historie dem konservativen Widerstand zugerechnet wird, trifft auf ihn das oft pauschal vertretene Urteil nicht zu, alle Nationalkonservativen seien Steigb\u00fcgelhalter Hitlers gewesen und ihr Widerstand habe viel zu sp\u00e4t eingesetzt. Ebenso wenig kann f\u00fcr ihn der weitere Vorwurf gelten, dass die Nationalkonservativen anfangs, selbst wenn sie sp\u00e4ter Widerstand leisteten und sogar ihr Leben daf\u00fcr einsetzten, Hitlers Macht\u00fcbernahme zun\u00e4chst begr\u00fc\u00dft h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Guttenberg hatte w\u00e4hrend der Weimarer Zeit versucht, mit der Zeitschrift <em>Monarchie <\/em>den Gedanken an die Monarchie als Staatsform wach zu halten<em>. <\/em>Diese Zeitschrift, die einen Artikel zum Geburtstag des ehemaligen deutschen Kaisers, der im niederl\u00e4ndischen Doorn lebte, ver\u00f6ffentlicht hatte, wurde im Januar 1934 beschlagnahmt und verboten. Guttenberg gelang es 1935, die Erlaubnis f\u00fcr eine neue Zeitschrift zu erhalten. Ihr gab er den Titel <em>Wei\u00dfe Bl\u00e4tter \u2013 Monatszeitschrift f\u00fcr Geschichte, Tradition und Staat<\/em>. Die <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4tter<\/em> konnten bis M\u00e4rz 1943 erscheinen. Diese Zeitschrift sollte Guttenberg den Weg in den eigentlichen Widerstand ebnen.<\/p>\n<p>1942 wurde er nach Berlin ins Oberkommando der Wehrmacht, Amt Ausland Abwehr, berufen. Hier war sein Vorgesetzter Admiral Canaris. Mit Hans von Dohnanyi arbeitete er unter Generalmajor Hans Oster. In dieser Abteilung wurde bekanntlich so lange der Aufstand gegen Hitler geplant, bis es 1943 der Gestapo gelang, Admiral Canarias und Hans Oster auszuschalten und sich nun die Planung auf die Gruppe um Henning von Treskow und Klaus Graf Stauffenberg konzentrierte. In Berlin lernte mein Vater auch Helmut James Graf Moltke kennen und kam so auch in den weiteren Kreis von Kreisau.<\/p>\n<p>Er wurde, im Zuge des misslungenen Attentats auf Hitler am Juli 1944 in Agram, dem heutigen Zagreb, verhaftet und auf Umwegen in das Gef\u00e4ngnis in der Lehrterstra\u00dfe nach Berlin gebracht. In Verh\u00f6ren gefoltert, ermordete ihn die SS im Auftrag der Gestapo, ohne dass er je einen Prozess gehabt h\u00e4tte oder sonst verurteilt worden w\u00e4re. Damit erlitt er das Schicksal all derer, die entweder in oder f\u00fcr die Abwehr unter Canaris gegen das Regime gearbeitet hatten, wie auch Dietrich Bonhoeffer. Heute erkl\u00e4ren Wissenschaftler diese Tatsache mit dem Hinweis darauf, dass die Mitglieder der Abwehr einfach zu viel \u00fcber die Gr\u00e4ueltaten der Nationalsozialisten wussten. Daher kam ein Prozess nicht in Frage, denn eventuell w\u00e4re etwas \u00fcber dieses Wissen in den Aussagen nach Au\u00dfen gedrungen. In die H\u00e4nde der Feinde durften sie auf Grund ihres Wissens aber auch nicht fallen.<\/p>\n<p>Den Leiter, der das Rollkommando gegen meinen Vater befehligte, fand die Polizei erst Anfang der 1970er Jahre in Bonn. Kurt Stawinsky war da schon gestorben. Er hatte v\u00f6llig unbehelligt unter falschem Namen gelebt. Professor Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkst\u00e4tte Deutscher Widerstand in Berlin, deckte diese Erkenntnisse in seinem Buch <em>Denn ihrer aller wartet der Strick <\/em>auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie und warum Guttenberg zum eigentlichen Widerstand stie\u00df verr\u00e4t der Inhalt der <em>Wei\u00dfen<\/em> <em>Bl\u00e4tter<\/em>. Am Anfang noch schien es Guttenberg darum zu gehen, die Monarchie als Staatsform im Ged\u00e4chtnis der Leser lebendig zu halten. Doch dann verschob sich dieses Ziel. Das Gedenken an die Monarchie als Staatsform der Vergangenheit diente dazu, die Defizite der Staatsform des Nationalsozialismus in der Gegenwart aufzuzeigen. Man ma\u00df die Gegenwart an der Vergangenheit. Das gab die M\u00f6glichkeit, eben diese Gegenwart zu kritisieren. Die nationalsozialistischen Pressegesetze machten solche Bestrebungen lebensgef\u00e4hrlich und konnten nur gelingen, weil die Menschen der damaligen Zeit, vor allem, wenn sie mit dem Regime nicht einig waren, sehr gut zwischen den Zeilen Verstecktes lesen und verstehen konnten. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass diese Kritik tief versteckt in anderen, auch nationalsozialistischem Gedankengut gef\u00e4lligeren Texten sein musste.<\/p>\n<p>Der damals hoch gesch\u00e4tzte christliche Schriftsteller Reinhold Schneider, der aber seit den 1968er Jahren aus der Literaturwelt verschwunden ist, war der wichtigste Autor in den <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4ttern.<\/em> Reinhold Schneider schrieb gern gelesene historische Artikel. Dieser christliche Dichter griff mit seinen Texten in die geistige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Weise ein, dass seine historischen Ausf\u00fchrungen dazu beitrugen, die Gegenwart an der Vergangenheit zu messen. Diese Gegenwart allerdings wurde in Form von Kurzmeldungen festgehalten.<\/p>\n<p>Reinhold Schneider entwarf in einem seiner Texte in den <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4ttern<\/em> beispielsweise ein lebendiges Bild vom idealen K\u00f6nig: \u201eDer ideale K\u00f6nig \u201e&#8230;ist milde und freundlich; Vernunft ist sein Ratgeber, das Gewissen steht neben seinem Thron und hilft ihm, das Recht zu besch\u00fctzen. Er wei\u00df, dass er die Kirche und die Weisheit schirmen soll. Alles sei sein, erkl\u00e4rt ihm das Gewissen, damit er es verteidige, nichts, damit er es an sich rei\u00dfe.\u201c Hitler entsprach dem in keiner Weise, hier waren die Problemfelder des Widerstands deutlich angesprochen. Die Wiederherstellung des Rechts war das oberste Anliegen der M\u00e4nner und Frauen des 20. Juli 1944. Damit eng verbunden waren oft das Fehlen des Schutzes f\u00fcr die Kirchen und, nennen wir Weisheit einmal Wissenschaft, deren Freiheit. Hitler riss im Sinne der Ideologie des Nationalsozialismus alles an sich.<\/p>\n<p>Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus entstand aus den unterschiedlichsten Betroffenheiten der Menschen, die die unterschiedlichsten Ebenen des menschlichen Lebens beinhalteten. Er war facettenreich. Aber ebenso vielf\u00e4ltig waren dann innerhalb dieser Facetten die Probleme, die sie mit sich brachten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst sich gut am Kirchenkampf ablesen. Da war zun\u00e4chst der politische Kampf gegen die Kirche. Hier zitierte mein Vater Alfred Rosenberg mit dessen Behauptung, dass der Nationalsozialismus an drei Fronten zu k\u00e4mpfen habe, n\u00e4mlich \u201egegen Judentum, Reaktionismus und politischen Katholizismus\u201c. Das Problem f\u00fcr das Regime lag nicht nur in den Massen, die der kirchliche Protest unter Umst\u00e4nden mobilisieren konnte, es galt auch, die geistige Ausrichtung, die Werte, auszuschalten, die die Vereine, Verb\u00e4nde und damit auch die christlichen Gewerkschaften ihren Mitgliedern vermittelten.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit spielte Fortbildung eine v\u00f6llig andere Rolle als heute. Industrie und Wirtschaft boten auf diesem Gebiet wenig bis gar nichts an, das leisteten die Verb\u00e4nde, Vereine und Gewerkschaften. Sie boten die M\u00f6glichkeit, nach einem oft niederen Schulabschluss, sich weiter zu bilden. So hat z. B. Nikolaus Gro\u00df seine Bildung in der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) erworben. Die gro\u00dfen sozialdemokratischen Gewerkschafter im Widerstand, Julius Leber und Wilhelm Leuschner, haben ihre Weiterbildung in ihren weltlichen Gewerkschaften erhalten. Die Nationalsozialisten aber wollten weder bewusste Christen noch selbstbewusste Demokraten haben, sondern die Menschen nach ihren Vorstellungen pr\u00e4gen. So sind die <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4tter <\/em>in den Kurznachrichten voll von Berichten \u00fcber aufgel\u00f6ste oder gleichgeschaltete christliche Verb\u00e4nde und Vereine, beschlagnahmte und verbotene Zeitschriften. Dort war zu lesen, dass in Bayern von den anderthalb tausend kl\u00f6sterlichen Volksschullehrerinnen 1250 abgebaut und die 100 kl\u00f6sterlichen h\u00f6heren Schulen entweder beseitigt oder stufenweise umgestaltet wurden. Das Gleiche gelte f\u00fcr die kl\u00f6sterlichen dreiklassigen Mittelschulen.<\/p>\n<p>Dass nicht nur Soldaten Schwierigkeiten mit dem Eid auf den F\u00fchrer hatten, beweisen die Berichte \u00fcber Probleme von Christen im Staatsdienst. So entzog der w\u00fcrttembergische Kultusminister s\u00e4mtlichen katholischen und evangelischen Geistlichen, die wegen Unterrichtserteilung an \u00f6ffentlichen Schulen das Treuegel\u00f6bnis auf den F\u00fchrer abzulegen hatten und das nicht oder nur unter Vorbehalt tun wollten, den Religionsunterricht und beauftragte staatliche Lehrer , \u201eda es einen Eid mit Vorbehalten nicht geben k\u00f6nne, wer glaubt, einen Eid nicht halten zu k\u00f6nnen, mu\u00df seinen Dienst aufgeben.\u201c<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich berichteten die <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4tter<\/em> \u00fcber die Verhaftungen von Geistlichen wegen scheinbarer Devisenvergehen. Man kann in den <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4ttern <\/em>nachlesen, dass \u201edas Sondergericht M\u00fcnchen einen Kapuzinerpater aus Immenstadt wegen Vergehens gegen das Heimt\u00fcckegesetz zu sechs Monaten Gef\u00e4ngnis (verurteilte), weil er in Volksmissionspredigten die verleumderische Behauptung aufgestellt hatte, dass es \u201emit Kraft durch Freude auch nicht zum besten bestellt sei\u201c, da die Leute dadurch den Sonntagsgottesdienst vers\u00e4umten und \u201eihre Kraft durch Freude verbrauchten\u201c. Die Urteilsbegr\u00fcndung lautete: \u201eDiese \u00c4u\u00dferungen wurden als geeignet angesehen, das Ansehen einer staatlichen Einrichtung, die sich in den breiten Massen des Volkes gr\u00f6\u00dfter Beliebtheit und im Ausland uneingeschr\u00e4nkter Anerkennung erfreut, zu sch\u00e4digen.\u201c<\/p>\n<p>Der Kirchenkampf betraf nicht nur die politische Ebene. Er war auch eine geistesgeschichtliche Kampfansage: das Christentum sollte von der nationalsozialistisch rassistisch gepr\u00e4gten Ideologie abgel\u00f6st werden. Auch dieser Kampf fand unter verschiedenen Aspekten statt. Guttenberg schrieb einmal an Reinhold Schneider, f\u00fcr ihn w\u00fcrden alle Probleme, tief durchdacht zu religi\u00f6sen Problemen. So war es f\u00fcr ihn keine Schwierigkeit, auch die geistige Auseinandersetzung aufzunehmen. Die Auseinandersetzung zwischen Ferdinand Freiherrn von L\u00fcninck, dem Oberpr\u00e4sidenten von Westfalen und Bischof Clemens August Graf von Galen wegen des Auftritts des NS-Ideologen Alfred Rosenberg, des Verfassers von <em>Mythus des 20. Jahrhunderts,<\/em> fand ausf\u00fchrlich Eingang in die Kurzmeldungen, ebenso die Anfeindungen gegen die Enzyklika <em>Mit brennender Sorge<\/em>: \u201eDer deutsche Botschafter am Vatikan hat im Auftrag der Reichsregierung dem Kardinalstaatssekret\u00e4r eine Note \u00fcberreicht, die gegen die Ausf\u00fchrungen der p\u00e4pstlichen Enzyklika vom 14. M\u00e4rz sch\u00e4rfste Verwahrung einlegt.\u201c<\/p>\n<p>Die Enzyklika die Papst Pius XI. unter der Federf\u00fchrung Eugenio Pacelli, des sp\u00e4teren Pius XII., setzte sich auch mit der Rassenfrage auseinander und erregte in Deutschland das gr\u00f6\u00dfte Missfallen der Machthaber. Die Nationalsozialisten lie\u00dfen nichts unversucht, um zu verhindern, dass das Schreiben des Papstes, wie das bei Enzykliken \u00fcblich war, in den Kirchen von der Kanzel verlesen wurde. Einen Monat sp\u00e4ter hie\u00df es in den<em> Wei\u00dfen Bl\u00e4ttern<\/em>: \u201eReichsinnenminister Frick erkl\u00e4rte in Bremen: \u201eWir haben nun genug von Hirtenbriefen und wollen keine Hirtenbriefe und Enzykliken mehr.\u201c Im Januarheft 1940 verwies Guttenberg auf die Weihnachtsansprache des Papstes: \u201eIn einer Weihnachtsansprache an das Kardinalskollegium spricht der Papst \u00fcber die Sicherung der Lebensrechte aller Nationen als Voraussetzung f\u00fcr einen gerechten Frieden.\u201c<\/p>\n<p>Das alles klingt heute verklausuliert, war aber den damals Lebenden durchaus vertraut und entschl\u00fcsselbar. Dass der Nationalsozialismus tats\u00e4chlich eine Gefahr f\u00fcr den Glauben darstellte, bewies ein Zitat aus einer Rede Baldur von Schirachs: \u201eMan sagt, die Hitlerjugend sei religionsfeindlich und wolle die Alt\u00e4re einrei\u00dfen. Ich wei\u00df und bekenne mit der ganzen deutschen Jugend nur das eine: wer Adolf Hitler liebt, der liebt Deutschland und wer Deutschland liebt, der liebt Gott.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>All diese Meldungen fanden auch im privaten Leben Guttenbergs ihren Niederschlag: 1937 lehnte Guttenberg die ihm angetragene Aufnahme in die Partei in einem Brief an den Kreisleiter von Bad Neustadt mit folgender Begr\u00fcndung ab: \u201eArt und Form, mit welcher religi\u00f6se und kirchliche Fragen innerhalb der Partei zeitweise behandelt und zu l\u00f6sen versucht werden, lassen sich aber mit meinem Empfinden so schwer in Einklang bringen, da\u00df ich ein ersprie\u00dfliches Wirken f\u00fcr meine Person in der Partei selbst zur Zeit noch nicht zu sehen vermag\u201c, so zitierte U. Cartarsius in seinem Buch <em>Opposition gegen Hitler. Deutscher Widerstand. 1933-1945<\/em> den Brief meines Vaters.<\/p>\n<p>Guttenberg erkannte, dass im Hitlerkult nichts Geringeres stattfand als der Versuch, mit der eigenen Ideologie die christliche Religion auszuhebeln. Wie das bei den nationalsozialistischen Protestanten, den Deutschen Christen, aussah, machte diese kurze Notiz in den <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4ttern<\/em> deutlich: \u201eAuf einer Berliner Versammlung der Deutschen Christen erkl\u00e4rte Pfarrer Tausch, die Deutschen Christen wollten wohl das reformatorische Werk Martin Luthers, aber mit demselben Recht und Rang die von Adolf Hitler verk\u00fcndete frohe Botschaft von Rasse, Boden und Blut. Pfarrer Steiger sagte, da\u00df Gott mit der Welt nunmehr einen dritten Bund geschlossen habe durch seinen Gottesknecht welcher im Sch\u00fctzengraben und in aller Armut die Bedr\u00e4ngnis der Welt getragen und damit aus sich heraus eine neue Einheit gesetzt habe; das deutsche Volk werde als Gottesgeb\u00e4rer das in Wahrheit ausgew\u00e4hlte Volk des neuen \u00c4ons sein.\u201c<\/p>\n<p>Der nationalsozialistische Vorwurf, das j\u00fcdisch-r\u00f6misch orientierte Christentum habe das urspr\u00fcnglich tatkr\u00e4ftige und wertvolle Germanentum zerst\u00f6rt und verweichlicht, f\u00fchrte auch innerhalb der evangelischen und katholischen Christenheit zu Stellungnahmen. In den <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4ttern <\/em>finden wir eine Diskussion zwischen den Autoren Erich M\u00fcller-Gangloff und Reinhold Schneider \u00fcber die Frage, ob das Christentum eine Religion des Leidens oder der Tat sei. F\u00fcr den evangelischen Christen M\u00fcller ist das Christentum eine tatkr\u00e4ftige Religion, da sie letztlich auf Paulus fu\u00dft. Der Katholik Schneider hingegen f\u00fchrt an, dass sie, in deren Zentrum das Opfer Christi steht, eine Religion des Leidens sei.<\/p>\n<p>Diese Diskussion war nicht ungef\u00e4hrlich. Das beweist das Schicksal des M\u00fcnchner Historikers Hermann Oncken. Onckens ehemaliger Sch\u00fcler Anton Ritthaler geh\u00f6rte von Anfang an dem Redaktionsstab der <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4tter<\/em> an. Als ein anderer Sch\u00fcler Onckens \u2013 Walter Franke \u2013 diesen angriff, setzte sich Anton Ritthaler in den <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4ttern<\/em> f\u00fcr seinen alten Lehrer ein. Hermann Oncken versuchte die hemmungslose Begeisterung der Nationalsozialisten f\u00fcr die germanische Vergangenheit der Deutschen und die damit verbundenen Geschichtsklitterungen etwas einzud\u00e4mmen. Im Augustheft 1934 ver\u00f6ffentlichen die <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4tter <\/em>in ihrer Rubrik \u201aStimmen und Urteile\u2019, Ausz\u00fcge aus einem Artikel des Historikers Hermann Oncken. Damit beteiligten sich die <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4tter<\/em>, wie in den kommenden Jahren, an einer im Allgemeinen nicht ungef\u00e4hrlichen Diskussion, die den nationalsozialistischen Umgang mit den Wissenschaften beleuchtete.<\/p>\n<p>Oncken hatte sich in einem Zeitungsbeitrag mit der Entwicklung des Geschichtsbildes im neuen Deutschland auseinandergesetzt. Er forderte Behutsamkeit im Umgang mit der Vergangenheit. So sei das deutsche Volkstum nun zum vornehmsten Gegenstande der Geschichtsbetrachtungen geworden und diese st\u00e4rkere Belichtung w\u00fcrde mit Verdunkelung anderer Gegenst\u00e4nde erkauft, ein Vorgang, der durchaus ethische Wertungen gef\u00e4hrde.\u00a0\u00a0 Oncken bem\u00fchte sich in dem Zeitungsartikel, als liberaler und nationaler Historiker, Rankes Ideal der Objektivit\u00e4t wieder zur Geltung zu bringen. Sein Sch\u00fcler Walter Frank hatte schon vor 1933 unter dem Decknamen Werner Fiedler mit seinen Angriffen gegen Oncken begonnen, den er 1935 als Vertreter einer \u201edurch die Gegenwartserfordernisse \u00fcberholte, weil lebensunt\u00fcchtige Geschichtswissenschaft\u201c abqualifizierte.<\/p>\n<p>In einem Artikel im <em>V\u00f6lkischen<\/em> <em>Beobachter<\/em> vom 3. Februar 1935 hatte Frank gefordert, dass \u201e\u2026 die Zeitgebundenheit ja gerade die erste Voraussetzung einer Mitwirkung des Historikers an den Schicksalen der Nation (sei), jener objektive Standpunkt aber m\u00fcsse mit der Relativierung aller Werte erkauft werden.\u201c Diese Vorstellung, die Ziele der Nationalsozialisten m\u00fcssten auch unter \u201eRelativierung aller Werte\u201c erkauft werden, l\u00e4sst sich anhand der Kurznachrichten auch in anderen Bereichen verfolgen. Oncken verlor seine Professur an der M\u00fcnchner Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>V.<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das dritte Beispiel, wie die Kurzmeldungen die \u00dcbergriffe der Nationalsozialisten in die Rechte der B\u00fcrger herausstellten, betrifft die so genannte \u201ej\u00fcdischen Frage\u201c. Schon vor der wortw\u00f6rtlichen Ver\u00f6ffentlichung der Rassengesetze, der Aberkennung ihrer akademischen Titel, der Berufsverbote bis hin zu dem Verbot f\u00fcr Juden in \u00d6sterreich, Trachtenkleidung wie Dirndl tragen zu d\u00fcrfen, finden wir eine gro\u00dfe Anzahl der fortlaufenden, diskriminierenden Einschr\u00e4nkungen, die der Nationalsozialismus den Juden auferlegte. Es d\u00fcrfte stimmen, dass ein Gro\u00dfteil der deutschen Bev\u00f6lkerung nichts oder nur wenig vom Holocaust wusste. Aber das war die Spitze des Eisbergs und man sollte sich nicht dahinter verstecken. Alles was dorthin f\u00fchrte, konnte man wissen, wenn man sich M\u00fche gab, den N\u00e4chsten wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Reinhold Schneider sollte Jahre sp\u00e4ter in seinem Buch <em>Verh\u00fcllter Tag<\/em> das Anliegen der Zeitschrift so umschreiben: \u201eDer Zweck war, Menschen zu verbinden, wenn m\u00f6glich ein Wort zur Zeit zu sagen und geistig \u2013 religi\u00f6se Grundlagen zu vertiefen und zu erneuern.\u201c<\/p>\n<p>Guttenberg und Schneider wollten zus\u00e4tzlich neben der Information auch Orientierung geben.<\/p>\n<p>In den <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4ttern<\/em> ver\u00f6ffentlichten nicht nur Dichter, die den Nationalsozialisten missliebig waren und sp\u00e4ter der inneren Emigration zugerechnet wurden. Da die \u00d6kumene Guttenberg ein gro\u00dfes Anliegen war, finden wir unter den Autoren der Zeitschrift neben Reinhold Schneider und Werner Bergengruen auch Rudolf Alexander Schr\u00f6der und Jochen Klepper. Aber auch sp\u00e4tere Widerst\u00e4ndler ver\u00f6ffentlichten in der Zeitschrift, so der ehemalige Botschafter Ulrich von Hassel. Er stellte \u00fcber Generaloberst Ludwig Beck die Verbindung zu Admiral Canaris her, Guttenberg wurde \u2013 wie oben schon erw\u00e4hnt \u2013 als Sonderf\u00fchrer ins Oberkommando der Wehrmacht in das Amt Abwehr berufen und kam so in engeren Kontakt mit dem Widerstand.<\/p>\n<p>In der Abwehr stellte mein Vater mit Justus Delbr\u00fcck unter Anleitung von Hans Oster und der Federf\u00fchrung von Hans von Dohnanyi die sp\u00e4ter so genannten Zossener Akten her. Oft mit den Namen der Zeugen verbunden, wurden hier minuti\u00f6s die Rechtsbr\u00fcche und Gr\u00e4ueltaten der Nazis aufgezeichnet und gesammelt. Dohnanyi hatte mit dieser Arbeit schon w\u00e4hrend seiner Zeit im Justizministerium in Leipzig begonnen. Sp\u00e4ter verlangte der Milit\u00e4r Oster, dass diese Akten vernichtet werden sollten: dem Feind, den Nazis, sollten sie nicht in die H\u00e4nde fallen. Delbr\u00fcck und Dohnanyi, die Juristen. bewahrten die Akten auf, weil sie nach dem Krieg Material gegen die zu verurteilenden Nationalsozialisten in der Hand haben wollten. Auch Guttenberg \u2013 als Historiker \u2013 sah hier wichtige Quellen f\u00fcr die Nachwelt. Die Akten blieben erhalten. Als sie im Herbst 1944 dann doch in die H\u00e4nde der Gestapo gerieten, setzte allerdings \u2013 genau wie es Oster bef\u00fcrchtet hatte \u2013 eine neue Verhaftungswelle ein, die sogar zu Todesurteilen f\u00fchrte. In Berlin entwickelte sich aus der neuen Bekanntschaft mit Helmut James Graf Moltke auch eine echte Freundschaft. Guttenberg geh\u00f6rte so bald zum Kreisauer Kreis.<\/p>\n<p>Guttenbergs Rolle im Widerstand war die eines Netzwerkers. Die Herausgabe der <em>Wei\u00dfen Bl\u00e4tter <\/em>erforderte pers\u00f6nliche Kontakte zu Lesern und Autoren, Das war mit h\u00e4ufigen Reisen verbunden, die wegen seiner Position im Oberkommando nicht auffielen. Diesem wichtigen Punkt im Aufbau des Widerstands dienten zum einen Goerdeler, aber auch die Gewerkschafter Julius Leber und Wilhelm Leuschner: Guttenberg verf\u00fcgte zus\u00e4tzlich \u00fcber freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen nach S\u00fcddeutschland, \u00d6sterreich und das heutige Tschechien. Er brachte Carl Friedrich Goerdeler und Ulrich von Hassel zusammen. Er organisierte ein Treffen zwischen den Jungen und den Alten im Widerstand. Er stellte \u00fcber Pater Augustin R\u00f6sch die Verbindung zu den Jesuiten f\u00fcr den Kreisauer Kreis her. Die Jesuiten waren die ausgewiesenen Kenner der katholischen Soziallehre. Helmuth James Graf Moltke und der Kreis um ihn wollten auch die Gewerkschaften in ihre Planung einbinden.<\/p>\n<p>Guttenberg brachte auch einige Male Nachrichten von Helmuth James Graf Moltke zum Bischof von Berlin, Konrad Graf von Preysing. Der Besuch des katholischen Bayern erregte in den Augen der Geheimen Staatspolizei weniger Verdacht, als wenn der Preu\u00dfe und Protestant Helmuth James Graf Moltke selbst ins bisch\u00f6fliche Palais gegangen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das Netz der unterschiedlichen Gegner des Nationalsozialismus zeigt die Vielfalt der Gr\u00fcnde\u00a0 des Einzelnen, Widerstand zu leisten. Dieses Netz war aber f\u00fcr den Einzelnen auch von unverzichtbarer Tragkraft. Einst festverwurzelt in ihren Institutionen und vertraut mit deren Werten, sprengten sie f\u00fcr sich die Grenzen zwischen diesen einzelnen Grupperungen und bildeten neue Kreise. Das \u201eSchubladendenken\u201c der damaligen Zeit darf nicht untersch\u00e4tzt werden, sonst nimmt man dem Widerstand eine seiner wichtigsten Eigenschaften. Hier trafen Grundbesitzer und Industrielle mit Gewerkschaftern aufeinander, Aristokraten mit Sozialisten und Kommunisten, Katholiken mit Protestanten sowie Preu\u00dfen mit Bayern und freundeten sich sogar an, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen: die \u201eWiederherstellung der Majest\u00e4t des Rechts\u201c. Sie alle zusammen pr\u00e4gten damals das Gesicht des Widerstands und standen f\u00fcr seinen Facettenreichtum, den heute viele nicht mehr sehen wollen. Den Widerstand leisteten nicht einzelne herausragende Helden, sondern sie waren eingebettet in ein Netz von Mitstreitern, die sie st\u00fctzten und damit ihre Ursprungsinstitutionen ersetzten und deren Aufgabe \u00fcbernahmen. F\u00fcr die n\u00e4chsten Generationen gilt \u2013 auch bezogen auf den Widerstand gegen das NS-Regime \u2013, wie bei fast allen Situationen unsers Lebens, Brechts resignierender Feststellung entgegen zu wirken:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDenn die einen sind im Dunklen<br \/>\nUnd die andern sind im Licht<br \/>\nUnd man siehet die im Lichte<br \/>\nDie im Dunklen sieht man nicht.\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14-Nov-17<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":32556,"menu_order":1509,"template":"","meta":{"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"class_list":["post-32402","media-library","type-media-library","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","media-library-category-maertyrer","media-library-category-meinungsfreiheit","media-library-category-nationalsozialismus","media-library-category-patriotismus","media-library-category-politik","media-library-category-widerstand","media-library-category-zweiter-weltkrieg"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.3 - 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