{"id":32405,"date":"2023-07-17T14:36:56","date_gmt":"2023-07-17T12:36:56","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=von-meister-eckhart-bis-martin-luther"},"modified":"2025-12-16T12:13:08","modified_gmt":"2025-12-16T11:13:08","slug":"von-meister-eckhart-bis-martin-luther-beruehrungen-vermittlungen-kontraste","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/von-meister-eckhart-bis-martin-luther-beruehrungen-vermittlungen-kontraste\/","title":{"rendered":"From Meister Eckhart to Martin Luther"},"content":{"rendered":"<p>Vom 10. bis zum 12. M\u00e4rz 2017 fand in M\u00fcnchen die Tagung \u201eVon Meister Eckart bis Martin Luther\u201c statt. Veranstaltet wurde sie vom Lehrstuhl f\u00fcr Deutsche Sprache und Literatur an der Universit\u00e4t Augsburg und vom Lehrstuhl f\u00fcr Kirchengeschichte, Evangelisch-Theologische Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t T\u00fcbingen. Gef\u00f6rdert durch die Fritz-Thyssen-Stiftung trafen sich nationale und internationale Fachleute vor einer breiten Zuh\u00f6rerschaft \u2013 rund 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer \u2013, deren Interesse auch durch die Zusammenarbeit der Veranstalter mit der Katholischen Akademie in Bayern und der internationalen Meister-Eckart-Gesellschaft geweckt worden war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine weitere Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatsbibliothek erm\u00f6glichte einen ersten H\u00f6hepunkt der Tagung schon im Vorprogramm vor der eigentlichen Tagungser\u00f6ffnung: Freimut L\u00f6ser, Elisabeth Wunderle als Mitarbeiterin der Abteilung f\u00fcr alte Handschriften und Drucke der Staatsbibliothek und Janina Franzke, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Augsburger Lehrstuhl, stellten mittelalterliche Handschriften und fr\u00fchneuzeitliche Drucke im Original vor, darunter auch die vermutliche \u00e4lteste Handschrift mit Werken Meister Eckharts, den \u201eAugsburger Taulerdruck\u201c, anhand dessen Martin Luther die Predigten Johannes Taulers \u2013 und auch solche Eckharts \u2013 studiert hatte, und die \u201eTheologia Deutsch\u201c, die Luther ger\u00fchmt und selbst herausgegeben hatte. Wegen des gro\u00dfen Interesses der Tagungsteilnehmer musste das Programm in der Bibliothek doppelt angeboten werden.<\/p>\n<p>Die Tagung hatte es sich zum Ziel gesetzt, dem Verh\u00e4ltnis Martin Luthers (aber auch anderer Reformatoren) zur deutschen Mystik nachzugehen und insbesondere die l\u00e4ngst noch nicht hinreichend erforschte Beziehung zwischen Luther und Eckhart weiter zu erhellen. Dem Untertitel der Tagung im Ausschreibungstext zufolge sollten \u201eBer\u00fchrungen, Vermittlungen, Kontraste\u201c jenseits einer zeitlichen Schiene oder gar einer teleologischen Linie behandelt werden. Vermittler oder Texte, die zeitlich zwischen Eckhart und Luther liegen, sollten deshalb ebenso in den Blick genommen werden wie m\u00f6gliche Entwicklungen. Schlie\u00dflich war zu fragen, ob und wie sich der interkonfessionelle Dialog und die \u00f6kumenische Dynamik vertiefen k\u00f6nnen, wenn Pers\u00f6nlichkeiten wie Meister Eckhart und Martin Luther in unmittelbarer, gegenseitiger Perspektive stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Er\u00f6ffnung skizzierten Volker Leppin und Freimut L\u00f6ser eine Reihe von Punkten, denen nachzugehen sich lohnen k\u00f6nnte: Der Ansatz war interdisziplin\u00e4r gew\u00e4hlt. Er brachte vor allem Eckhart-Spezialisten, die auf Luther blickten, aber auch Luther-Spezialisten, die auf Eckhart blickten, miteinander ins Gespr\u00e4ch. Er vereinte durch interdisziplin\u00e4re Diskussionen und transdisziplin\u00e4re Methoden Philosophie und Philosophiegeschichte, (katholische und evangelische) Theologie, Kirchengeschichte und Germanistik. Als m\u00f6gliche weitere Themenfelder waren mindestens definiert worden:<\/p>\n<ol>\n<li>Durch \u00dcberlieferungszusammenh\u00e4nge gesicherte direkte Linien und textlich\/philologisch zu sichernde eindeutige Zusammenh\u00e4nge (Textkenntnisse Luthers): Martin Luther hat den \u201eAugsburger Taulerdruck\u201c (Hans Otmar 1508) mit den darin enthaltenen Predigten Johannes Taulers gelesen. Er hat aber auch in diesem Druck \u2013 freilich unter dem Namen Taulers \u2013 Predigten kennengelernt, von denen die neueste Forschung nachweisen konnte, dass es sich dabei um den Gottesgeburtszyklus Eckharts (Predigten 101-104) handelt, der insbesondere auch die f\u00fcr Luther so wichtige Frage der Werkgerechtigkeit diskutiert.<\/li>\n<li>M\u00f6gliche Ber\u00fchrungspunkte zwischen Eckhart und Luther in philosophisch und theologisch relevanten Fragestellungen waren unter anderem unter folgenden Stichworten zu suchen: Rechtfertigung, Gnade, Verborgenheit Gottes, Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und Mensch oder menschlicher Seele, Vermittlungsinstanzen, Mittler und Mittel zwischen Gott und Mensch, Christologie, Bildlehre, Sola Scriptura.<\/li>\n<li>F\u00fcr Martin Luther ist die Bedeutung der \u00dcbersetzung der Heiligen Schrift, und das ist keineswegs neu, ebenso zentral wie die der Bibelexegese. Dass aber auch Meister Eckhart (beispielsweise stets zu Beginn seiner Predigten) Vulgata-Stellen zun\u00e4chst \u00fcbertr\u00e4gt, bevor er sie erl\u00e4utert, und dass diese \u00dcbertragung dabei schon die Interpretation vorbereitet, ist erst seit Kurzem ins Bewusstsein der Forschung getreten, ebenso wie die Eigenart seiner Bibel-Hermeneutik.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Einzelnen griffen die Vortr\u00e4ge immer wieder die genannten Leitfragen, daneben aber auch eine F\u00fclle von Komplexen auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Regina D. Schiewer stellte Abstiegs- und Aufstiegsmystik von Mechthild bis Eckhart in den Mittelpunkt ihres Beitrages. Mit dem Untertitel \u201eDer Zagel Luzifers und das Paradies in der H\u00f6lle\u201c untersuchte sie eines der radikalsten Denkmodelle der christlichen Theologie, die \u201eresignatio ad infernum\u201c, die Bereitschaft, aus Liebe und Demut freiwillig H\u00f6llenpein zu erleiden. Das Modell erlangte im deutschsprachigen Raum durch Martin Luther einen hohen Bekanntheitsgrad und zwar in doppelter Weise: einerseits unmittelbar durch Luthers R\u00f6merbriefkommentar (1515\/16), in dem er das Denkmodell direkt benennt, und andererseits mittelbar durch Luthers zwei Editionen der \u201eTheologia deutsch\u201c (1516 und 1518), in der sich die einzige umfassende theologisch-katechetische Auseinandersetzung mit der \u201eresignatio ad infernum\u201c im Bereich der mystischen Literatur in deutscher Sprache des Sp\u00e4tmittelalters findet. In der deutschsprachigen geistlichen Literatur ist dieses Denkmodell vor allem aus Visions- und Offenbarungsschriften bekannt. Johannes Tauler schildert in einem Predigtexemplum die freiwillige H\u00f6llenfahrt eines dem\u00fctigen M\u00e4dchens. Die durch Schiewer bekannt gemachte Entdeckung der zu diesem Exemplum geh\u00f6rigen einzelpers\u00f6nlichen Vita einer f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen Stra\u00dfburger Begine wirft ein neues Licht auf das Verst\u00e4ndnis der \u201eresignatio ad infernum\u201c im 14. Jahrhundert. Der nachweisbare Bezug auf die Visionen einer Zeitgenossin in Taulers Exemplum erm\u00f6glicht dar\u00fcber hinaus weiterf\u00fchrende Aussagen \u00fcber den Exemplagebrauch Taulers sowie der s\u00fcdwestdeutschen Dominikanerpredigt in der ersten H\u00e4lfte des 14. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>War damit ein erster weiter Bogen gespannt, konzentrierten sich andere Vortr\u00e4ge auf Meister Eckhart und hier \u2013 schon mit Blick auf Luther \u2013 auf Eckharts Abendmahlsverst\u00e4ndnis: Udo Kern deutete Eckharts Abendmahlsverst\u00e4ndnis als Summe seines philosophisch-theologischen Denkens. Eckhart argumentiere sakramental verortet, das hei\u00dft geistig philosophisch-theologisch sakramental verstanden. Sein profiliertes Gotterkennen sei fundamentale Grundlage seiner Sakramentstheologie. Das zeige schon der von ihm empfohlene Zugang zum rechten Empfang des Sakramentes: Ein begnadeter dem\u00fctiger Empfang sei notwendig. Das schlie\u00dfe alle \u201ekapitalistische\u201c anthropologische Akkumulation der Werke grunds\u00e4tzlich aus. Das Abendmahl nach Eckhart habe nicht nur einen eindeutigen, sondern pr\u00e4ziser einen eineindeutigen christologischen Autor: Christus ist der Urheber des Sakramentes. Der Leib Christi ist nicht \u201elocaliter\u201c, sondern \u201esacramentaliter\u201c zu verstehen. Der ganze Christus ist sakramental urs\u00e4chlich da. Er, Christus, bewirkt sakramentale Erneuerung des menschlichen Leibes. \u201eAuctor sacramenti\u201c ist f\u00fcr Eckhart als \u201etotus Christus\u201c stets der leidende Christus.<\/p>\n<p>Dabei wurde von Kern vor allem unter Rekurs auf Eckhars Serno V,2 argumentiert, das wahre christologisch verortete Brot des Lebens ekklesiologisch verortet und \u201ecorpus Christi\u201c als die aus den Vielen in der Einheit sich konstituierende Kirche verstanden. Letztlich gelte f\u00fcr Eckhart, so Kern: \u201eIm sakramentalen Glauben ereignet sich Christus.\u201c<\/p>\n<p>Volker Leppins (T\u00fcbingen) Vortrag trug den Titel: \u201eEin Kuchen werden. Mystische Z\u00fcge in Luthers Abendmahlslehre\u201c. Ankn\u00fcpfend an die Beobachtung, dass Luthers reformatorische Entwicklung stark von der Lekt\u00fcre mystischer Autoren gepr\u00e4gt ist, f\u00fchrte Leppin aus, wie der<\/p>\n<p>Reformator mystisches Denken auch nach der Auseinandersetzung mit Andreas Karlstadt und Thomas M\u00fcntzer beibehielt beziehungsweise weiter transformierte: Luther \u00fcbertrug, so der Gedankengang, Vorstellungen und Bilder, die er 1520 noch brautmystisch formuliert hatte, auf das Abendmahl. Den biblischen Ankn\u00fcpfungspunkt hierf\u00fcr bot die Fassung von 1 Kor 10,17, wo nach dem Luther zug\u00e4nglichen Text davon die Rede war, dass die Glaubenden im Abendmahl \u201eeyn brot vnd eyn leyb\u201c mit Christus werden. Da Brot und Kuchen im 16. Jahrhundert wechselweise gebraucht werden konnten, entwickelte Luther hieraus die Vorstellung, dass die Glaubenden mit Christus ein Kuchen werden. Diese innige Metapher mystischer Einigung behielt er dann in seinem Sp\u00e4twerk bei und entwickelte so eine biblisch-sakramentale Mystik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mikhail Khorkov stellte Eckhart in den weiten Bogen der Eckhartrezeption, indem er Ratio und Affekt in der mystischen Theologie des Sp\u00e4tmittelalters analysierte: Nach der Verurteilung Meister Eckharts im Jahre 1329 seien im Laufe der Zeit auch die rationalistisch-metaphysischen Grundlagen seiner Mystik im 14. und 15. Jahrhundert vollst\u00e4ndig revidiert und in die Richtung eines affektiven Mystikverst\u00e4ndnisses umgedeutet worden. Im Vergleich mit den relativ moderaten Benediktinern in Tegernsee und dem \u00f6sterreichischen Kart\u00e4user Vinzenz von Aggsbach, mit denen Cusanus in der Mitte der 1450er Jahre \u00fcber die mystische Theologie diskutierte, erweise sich diese Umdeutungstendenz als besonders radikal \u201eaffektiv\u201c und \u201eirrationalistisch\u201c \u201eim Vorfeld der Reformation\u201c in Th\u00fcringen in den Werken der Erfurter Kart\u00e4user des 15. Jahrhunderts (Jakob de Paradiso, Johannes de Indagine), die im Anschluss an Jean Gerson eine irrationalistisch-affektive Interpretation der mystischen Theologie des Pseudo-Dionysius Areopagita vorgeschlagen h\u00e4tten, mit der Nikolaus von Kues w\u00e4hrend seiner Visitationsreise im Jahr 1451 (als er Ende Mai und Anfang Juni etwa zwei Wochen in Erfurt war) sich sehr intensiv auseinandersetzen habe m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Eine solche Konzeptualisierung der Natur der Mystik war dem Kardinal Nikolaus von Kues so wie fr\u00fcher dem Dominikaner Meister Eckhart, die von einer spekulativ-albertistischen Interpretation der mystischen Theologie des Pseudo-Dionysius Areopagita ausgegangen waren, fremd. Khorkov analysierte die Argumente der Erfurter Kart\u00e4user sowie auch die Gegenargumente des Kardinals Nikolaus Cusanus, um zeigen zu k\u00f6nnen, in welchem Sinne und inwieweit beide Parteien die Mystik Meister Eckharts (auch durch ihre Umdeutung) weiterentwickelten.<\/p>\n<p>Interessanterweise haben sich die Erfurter Kart\u00e4user am Ende des 15. Jahrhunderts dabei auch mit den Positionen der Erfurter Augustinereremiten (etwa Johannes von Paltz) auseinandergesetzt, die Affektivit\u00e4t sowie auch die Intellektualit\u00e4t bei einer religi\u00f6sen und insbesondere mystischen Erfahrung insgesamt negativ bewerteten. Weiterentwickelt wurde die Augustiner-Position in den Werken von Johannes Staupitz, der \u201eaffectus\u201c als \u201enegligentia voluntatis\u201c beschreibt, und selbstverst\u00e4ndlich h\u00e4ufiger bei Martin Luther.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Position von Augustiner-Eremiten zwischen Meister Eckhart und Martin Luther war auch Gegenstand des Beitrages von Karl Heinz Witte: \u201eAugustinische Theologie bei deutsch schreibenden Autoren des 14. Jahrhunderts \u2013 ein Br\u00fcckenpfeiler zwischen Eckhart und Luther?\u201c Dabei ging es darum, ein Bild der theologischen Richtung der deutsch schreibenden Augustiner-Eremiten im 14. Jahrhundert zu skizzieren. Witte zeigte, dass diese Theologen, ebenso wie Meister Eckhart und Martin Luther, von einer zentralen spirituellen Grunderfahrung bewegt sind: Martin Luther stand als M\u00f6nch in den Jahren vor 1517 ganz im Banne der strengen Gnadenlehre Augustins. Der Augustinismus fragt: Wie findet der S\u00fcnder Erl\u00f6sung von den S\u00fcnden? Die S\u00fcndenangst \u00e4u\u00dfert sich in Luthers Frage: Wie kriege ich einen gn\u00e4digen Gott? Die Lehre Augustins und Luthers sagt aber, dass Gott erw\u00e4hlt und verwirft, wen er will. Aus diesem Engpass f\u00fchrt nur eine Umkehr der Bewegungsrichtung hinaus: Bevor ich mich auf Gott zubewege, hat er mich schon angenommen. Diese Umkehr erfuhr Luther durch den Satz aus dem R\u00f6merbrief: \u201eDer Gerechte wird aus Glauben leben\u201c (R\u00f6m 1,17). Der Kern des Augustinismus ist also das Vertrauen auf die Zusage: Gott gibt dem Glaubenden die Gnade, das ist die Liebe.<\/p>\n<p>Die These des Vortrags war es demgem\u00e4\u00df, dass die spirituelle Grunderfahrung Luthers von dieser befreienden, inspirierenden Glaubens- und Lebenserfahrung getragen ist und dass dies bei den Theologen der Augustinerschule des 14. Jahrhunderts, die deutsche Texte hinterlassen haben, ebenso ist. Besonders durch die Vorstellung der mittelhochdeutschen Schriften des sogenannten Meisters des Lehrgespr\u00e4chs und des \u201eTraktats von der Minne\u201c konnte diese These anschaulich gemacht werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VII.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein weiterer Bogen zwischen Eckhart und Luther \u00fcber eindeutige Spuren der \u00dcberlieferung und der Rezeption spannte sich in dem Vortrag von Andreas Zecherle \u00fcber Martin Luther und die \u201eTheologia Deutsch\u201c: Der wohl Ende des 14. Jahrhunderts entstandene, anonym \u00fcberlieferte mystische Traktat, der heute vor allem unter dem sekund\u00e4ren Titel \u201eTheologia Deutsch\u201c bekannt ist, stellt ein wichtiges Bindeglied zwischen der deutschsprachigen sp\u00e4tmittelalterlichen Mystik und der Reformation dar. Das Werk ist stark von Gedanken Meister Eckharts beeinflusst, unterscheidet sich in manchen Aspekten aber auch deutlich von dessen Schriften, und zwar insbesondere durch die nachdr\u00fcckliche Betonung der s\u00fcndhaften Verdorbenheit des Menschen.<\/p>\n<p>Martin Luther lobte die \u201eTheologia Deutsch\u201c au\u00dferordentlich und sorgte f\u00fcr ihre Verbreitung, indem er sie 1516 auf der Grundlage einer unvollst\u00e4ndigen Handschrift und dann im Jahr 1518 auf der Grundlage einer vollst\u00e4ndigen Handschrift im Druck herausgab. Wie der Titel und die Vorrede seiner Ausgabe von 1518 zeigen, sah Luther in dem sp\u00e4tmittelalterlichen Werk eine bislang versch\u00fcttete schriftgem\u00e4\u00dfe \u201edeutsche Theologie\u201c repr\u00e4sentiert, in deren Tradition er sich in apologetischer Absicht auch selbst stellt. Er hielt es f\u00fcr evident, dass zwischen seiner Theologie und der des anonymen Traktats kein gravierender Unterschied bestehe. F\u00fcr ein solches Verst\u00e4ndnis bot das sp\u00e4tmittelalterliche Werk bedeutende inhaltliche Ankn\u00fcpfungspunkte, zu denen insbesondere der Gedanke z\u00e4hlt, dass der Mensch seine v\u00f6llige s\u00fcndhafte Verdorbenheit erkennen und sich passiv dem Wirken Gottes \u00fcberlassen solle. Luther konnte auch beide Grundthesen seiner Freiheitsschrift von 1520 in der \u201eTheologia Deutsch\u201c best\u00e4tigt sehen: Die Seligkeit eines wahren Christen h\u00e4ngt nicht von seinen Werken ab, er dient aber aus Liebe seinem N\u00e4chsten, ohne daf\u00fcr Lohn zu erwarten.<\/p>\n<p>Soweit die von Zecherle benannten Ber\u00fchrungspunkte. Er wollte aber auch bedeutsame Unterschiede zwischen dem sp\u00e4tmittelalterlichen Traktat und den Positionen Luthers festgestellt wissen: So vertrat Luther im Gegensatz zur \u201eTheologia Deutsch\u201c die Auffassung, dass der Mensch aufgrund seiner s\u00fcndhaften Verblendung \u00fcberhaupt keinen Einfluss darauf nehmen k\u00f6nne, ob er gerettet wird. F\u00fcr Luther war des Weiteren nicht wie f\u00fcr den anonymen Verfasser der Gehorsam im Sinne gehorsamer Gelassenheit heilsentscheidend, sondern der Glaube, der gewisserma\u00dfen eine Gelassenheit h\u00f6herer Ordnung darstellt. Schlie\u00dflich interpretierte Luther die Willenseinheit im Sinne einer von Gott gewirkten Willenskonformit\u00e4t und ma\u00df dem \u00e4u\u00dferen Wort Gottes erheblich gr\u00f6\u00dfere Bedeutung zu. Im Zuge eines Rezeptionsprozesses, der sich als komplexes Ineinander von philologisch pr\u00e4ziser Ankn\u00fcpfung, aneignender Uminterpretation und selektiver Lekt\u00fcre beschreiben l\u00e4sst, nahm Luther diese Unterschiede nicht oder zumindest nicht als gravierend wahr. Die lockere Struktur des Traktats erleichterte eine solche Rezeption.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VIII.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Linie von Verbindungen und die Herausarbeitung von unterschiedlichen Ber\u00fchrungspunkten zwischen Eckhart und Luther wurde im Verlauf der Tagung immer klarer herausgearbeitet: John M. Connolly konzentrierte sich dabei auf einen besonderen Aspekt, dem er den Titel gab: \u201eVon den guten wercken: Eckhart und Luther \u00fcber die Werkgerechtigkeit und die rechte Motivation als Springbrunnen\u201c. Connoys Thesen waren dabei die Folgenden: In den zwei Jahrhunderten vor der Reformation war Kritik an der Werkgerechtigkeit im lateinischen Christentum keine Seltenheit. Martin Luther selbst war in seiner \u201ereformatorischen Wende\u201c stark von Johannes Tauler beeindruckt. Noch frappanter ist aber die \u00c4hnlichkeit zwischen Luthers Kritik und der von Taulers Lehrer, Meister Eckhart. Diese gedankliche N\u00e4he in der Kritik ist umso \u00fcberraschender, als Eckhart und Luther von deutlich unterschiedlichen Pr\u00e4missen ausgehen.<\/p>\n<p>Im Vortrag wurden zun\u00e4chst die Gemeinsamkeiten zwischen Eckhart und dem Reformator beschrieben, unter welchen vornehmlich vier Elemente zu finden seien: Erstens eine Ablehnung der Idee, dass gute Werke an sich heilbringend sind; zweitens ein Hinweis auf das tats\u00e4chlich Heilbringende, n\u00e4mlich eine innere, geschenkte Beschaffenheit des Menschen, welche als \u201eSpringbrunnen\u201c bezeichnet wurde; drittens die Vorstellung, dass diese Beschaffenheit uns befreit und damit die Werke unn\u00fctz macht; und viertens die Andeutung, dass Werke im christlichen Leben trotzdem wichtig sind, allerdings nicht in ihrer herk\u00f6mmlichen Funktion. Im Anschluss brachte Connoly auch die wichtigsten Unterschiede in den Weltanschauungen der beiden Denker zur Sprache, vor allem Eckharts Verschmelzung von Theologie und neuplatonischer Philosophie einerseits und Luthers Vertrauen auf das Wort der Heiligen Schrift anderseits.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IX.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Verst\u00e4ndnis eben dieses Wortes setzte Martina Roesner an. Die christologische Dimension der Schriftauslegung bei Meister Eckhart und Martin Luther stand im Zentrum ihrer \u00dcberlegungen: Auf den ersten Blick scheint es zwischen Meister Eckharts Modell einer philosophischen Schriftauslegung und Luthers exegetischem Grundansatz, der stark den glaubensrelevanten Literalsinn des biblischen Textes in den Mittelpunkt stellt, keinerlei Gemeinsamkeiten zu geben. Bei n\u00e4herem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass es trotz aller Unterschiede sehr wohl auch eine bedeutsame \u00dcbereinstimmung gibt, und zwar hinsichtlich des christologischen Grundcharakters ihrer jeweiligen Bibelhermeneutik. F\u00fcr Luther setzt ein rechtes, das hei\u00dft geistiges Verst\u00e4ndnis der Schrift voraus, dass man sie von Christus her und auf Christus hin liest. Alle Bibelauslegungen, die von diesem explizit christologischen Deutungsschl\u00fcssel absehen, sind f\u00fcr Luther von vornherein unzureichend und gehen am wahren Sinn der Schrift vorbei. Der Glaube an Christus fungiert somit als notwendige hermeneutische Vorbedingung, die durch nichts anderes ersetzt werden kann.<\/p>\n<p>Im Unterschied dazu ist Meister Eckhart zwar ebenfalls davon \u00fcberzeugt, dass der Kerngehalt der gesamten Heiligen Schrift Christus als die Wahrheit schlechthin ist. Anders als Luther setzt er jedoch den Glauben an Christus nicht an den Anfang des hermeneutischen Auslegungsprozesses, sondern liest die Bibel \u2013 so Roesner These \u2013 unter Berufung auf Moses Maimonides zun\u00e4chst als ein Lehrbuch der Naturphilosophie, der Metaphysik und der Ethik. Die vernunftgem\u00e4\u00dfe, philosophische Erkenntnis der gesamten Wirklichkeit sei bei Eckhart der hermeneutische Schl\u00fcssel, der es erlaube, die Oberfl\u00e4che des Wortsinnes zu durchsto\u00dfen und die vielf\u00e4ltigen Tiefenbedeutungen des biblischen Textes freizulegen. Am Ende dieses Prozesses st\u00f6\u00dft der Leser dann auf Christus als den Kern und das Mark der Schrift, doch steht diese explizit christologische Dimension der Exegese erst am Ende und nicht schon am Anfang der hermeneutischen Bem\u00fchungen. W\u00e4hrend Luther der Schrift durch das Sola-Scriptura-Prinzip eine Sonderstellung f\u00fcr seine gesamte Theologie einr\u00e4ume, sei Eckharts Perspektive von vornherein weiter gefasst: So bedeutsam der Bezug auf die Bibel f\u00fcr ihn auch sei, so sehr sei er doch darauf bedacht, die Schrift nicht als isoliertes Sonderph\u00e4nomen zu betrachten, sondern sie zusammen mit dem \u201eBuch der Natur\u201c und dem \u201eBuch der Erfahrung\u201c in den Gesamtzusammenhang der Gott offenbarenden Wirklichkeit einzubinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>X.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manche der bisher genannten Beitr\u00e4ge hatten weitere Rahmen gespannt, andere hatten in ihre Vergleiche zwischen Eckhart und Luther auch immer wieder die Eckhart-Rezeption oder Tauler einbezogen. Auf der anderen Seite konzentrierte man sich aber bewusst doch stark auf Luther. Der bekannte Forscher Bernard McGinn war speziell eingeladen worden, um hier ein weiteres Spektrum mit einzubringen. Sein englischsprachiger Vortrag, der dem breiten Publikum auch in einer deutschen Lesefassung vorlag, untersuchte einen zentralen Eckhart\u2018schen Terminus (\u201egel\u00e2zenheit\u201c) von seinem Ausgangspunkt bei Eckhart aus bis zu den radikalen Reformatoren (Karlstadt, Franck und Weigel).<\/p>\n<p>McGinn stellte eingangs fest: \u201egel\u00e2zen\u201c und \u201egel\u00e2zenheit\u201c geh\u00f6ren zu einem reichen Feld des von Meister Eckhart neu kreierten Wortschatzes, mit deren Hilfe die Zur\u00fcckweisung jedes H\u00e4ngens an den Kreaturen, jedes H\u00e4ngens an geschaffenen Dingen und sogar am eigenen Selbst beschrieben wird, um sich Gott anzun\u00e4hern. Zusammen mit dem nah verwanden Terminus der \u201eabegescheidenheit\u201c verwendet Eckhart die Begriffe \u201egel\u00e2zen\u201c und \u201egel\u00e2zenheit\u201c, um eine spirituelle Praxis auszudr\u00fccken, die sowohl ethisch, epistemologisch, metaphysisch und mystisch ist. Beginnend mit seiner fr\u00fchen \u201eRede der underscheidunge\u201c benutzte Eckhart dieses Vokabular sowohl in seinen lateinischen als auch in seinen deutschen Schriften, speziell in der Predigt \u201eQui audit me\u201c (Predigt 12), die sogar davon spricht, Gott um Gottes willen zu lassen. Eckharts direkte Nachfolger, Heinrich Seuse und Johannes Tauler, fuhren in dieser Linie fort. Sie bevorzugten \u201egel\u00e2zen\u201c und \u201egel\u00e2zenheit\u201c vor \u201eabegescheidenheit\u201c, um eine leere Gelassenheit auszudr\u00fccken, in welcher Gott in der Seele so wirkt, dass er sie in die Lage versetzt, \u201ein ihre eigene reine Nichtheit zu gelangen\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr Tauler hat die Gelassenheit einen christologischen Fokus in der \u201eimitatio Christi\u201c und eine Verbindung zu den tiefsten Gr\u00fcnden der spekulativen Aspekte seines Mystizismus in \u201egrundeloser gelossenheit\u201c. Gelassenheit findet sich dann auch in der \u201eTheologia Deutsch\u201c des sp\u00e4ten 14. Jahrhunderts. Besonders durch diese \u201eTheologia Deutsch\u201c und durch Tauler, welche bedeutende Quellen f\u00fcr Luther waren, gelangte die mystische Gelassenheit in die Welt der Gedanken der Reformation. Luther selbst kannte und verwendete die Begrifflichkeit der \u201egel\u00e2zenheit\u201c, aber dies war kein Hauptaspekt seiner Adaption mystischer Elemente in seiner Theologie des Kreuzes.<\/p>\n<p>In ihr eigenes Recht gesetzt wird mystische Gelassenheit in der Reformation mit den radikalen Reformatoren, ganz besonders jenen einer spiritualistischen Richtung, die die innere Erleuchtung durch den Heiligen Geist als Kriterium einer wirklichen Christenheit betonten. Indem sie sowohl Tauler als auch die \u201eTheologia Deutsch\u201c stark benutzten und indem sie manchmal auch sogar Eckhart benutzten, sahen die Radikalen Gelassenheit als den Schl\u00fcssel der spirituellen Praxis. Andreas Karlstadt schrieb zwei Traktate \u00fcber Gelassenheit schon sehr fr\u00fch in seiner Laufbahn. Der zweite dieser Traktate verband Gelassenheit mit anderen gro\u00dfen mystischen Themen, wie dem g\u00f6ttlichen Nichts, der Einheit, der Identit\u00e4t mit Gott und der Verg\u00f6ttlichung.<\/p>\n<p>Sebastian Francks \u201eParadoxa\u201c von 1534, so etwas wie eine Summe der radikalen spiritualistischen Theologie, sahen ebenfalls Gelassenheit als zentrale Tugend, die zur Transformation in Gott f\u00fchren k\u00f6nne. Valentin Weigel schlie\u00dflich schrieb unter dem Einfluss von Eckhart, Tauler und der \u201eTheologia Deutsch\u201c drei mystische Traktate (schon fr\u00fch, n\u00e4mlich 1570\/1571), in denen er Gelassenheit betont, die neue Geburt der Seele und der Verg\u00f6ttlichung. Sogar in der sp\u00e4ten Summe seines Denkens (\u201eDer g\u00fcldenne Griff\u201c von 1578) wird betont, dass der einzige Weg, das himmlische K\u00f6nigreich zu erreichen, durch die \u201egel\u00e2zenheit\u201c f\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>XI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weitere Beitr\u00e4ge verfolgten die Beziehung zwischen Eckhart und Luther sowohl weiter zur\u00fcck als auch weiter in die Zukunft (im Grund bis in die Gegenwart) und stellten Eckhart solcherart mit anderen Denkern zusammen. Andreas Speer widmete sich dem Gesichtspunkt der Gnade und der Gottunmittelbarkeit bei Eckhart, Thomas und Luther. Speer er\u00f6ffnete mit einer aktuellen Fragestellung: Im gleichen Ma\u00dfe wie Martin Luther und Thomas von Aquin nicht zuletzt dank Kardinal Cajetan am Beginn der Reformation f\u00fcr Jahrhunderte kontroverstheologisch einander gegen\u00fcberstanden, so finden sich die beiden Theologen vor allem seit den bahnbrechenden Studien von Hans K\u00fcng und Otto Hermann Pesch gegenw\u00e4rtig im Zentrum der \u00f6kumenischen Theologie. Dies gilt insbesondere f\u00fcr die Gnadenlehre (siehe Pesch) und f\u00fcr die Rechtfertigungslehre (siehe K\u00fcng). Beide Themen sind auch systematisch eng miteinander verbunden. Doch ist dies nur ein Aspekt der theologisch h\u00f6chst komplexen Gnadenthematik. Dies belegt ein Blick auf Meister Eckhart. Wie kann das Untere (\u201einferius\u201c) am Oberen (\u201esuperius\u201c) teilhaben, das doch ganz erf\u00fcllt (\u201eplenum\u201c) ist? Und wie kann sich der Mensch so bereiten, dass die Gottesgeburt in ihm geschehen kann, ja dass er Gott zwingen kann, ihm selbst in die H\u00f6lle zu folgen? Wo ist in einem solchen Szenario Platz f\u00fcr die Gnade?<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt des Vortrages stand somit das Verh\u00e4ltnis von Gnade und Gottunmittelbarkeit, die in der vollkommenen Wesensschau besteht und darin ein nat\u00fcrliches Verm\u00f6gen auf \u00fcbernat\u00fcrliche Weise erf\u00fcllt. So zugespitzt artikuliert Thomas von Aquin diese spekulative und existentielle Herausforderung, die auch den systematischen Rahmen f\u00fcr seine Gnadenlehre bietet, mit der er die Analyse der Bewegung der vern\u00fcnftigen Gesch\u00f6pfe, in Sonderheit des Menschen, zu Gott am Ende der \u201ePrima Secundae\u201c der \u201eSumma theologiae\u201c abschlie\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>XII.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Abendvortrag des langj\u00e4hrigen Pr\u00e4sidenten und gegenw\u00e4rtigen Vizepr\u00e4sidenten der Meister-Eckhart-Gesellschaft Dietmar Mieth weitete den Blick bis Max Weber. Der Beitrag mit dem Titel \u201eDer Aufstieg des Gewerbes: Mystik, Luther, Max Weber\u201c definierte zun\u00e4chst \u201eGewerbe\u201c, bezogen auf Meister Eckharts Predigt 86 zu \u201eMartha\u201c: das \u201egewerbe\u201c als \u201elieht\u201c auf dem Wege. Aufstieg des \u201eGewerbes\u201c meinte hier die Entwicklung der Aufwertung der weltlichen T\u00e4tigkeit\/Berufsarbeit unter religi\u00f6sen Voraussetzungen.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber positionierte Mieth Max Webers These (1910\/20): Es gibt einen \u201esyllogismus practicus\u201c zwischen der Suche nach Heilsgewissheit und dem t\u00e4tig\/weltlichen Erfolg im Unternehmertum des Kapitalismus. Als Beispiele daf\u00fcr nannte er das Saarland der 1950ziger Jahre und der Kanton Fribourg der 1970er Jahre.<\/p>\n<p>Schon bei Johannes Tauler (1301-1361) und im Anschluss an ihn bei Luther, so Mieth, gibt es eine neue spirituelle Gleichberechtigung des Weltberufes (Amt, Ladung) mit dem Heilsberuf: M\u00f6nch und Schumacher bei Tauler. Luther f\u00fcgt hier \u00fcber die Mistk\u00e4rrner, die er wie Tauler zitiert, um die Einbeziehung aller T\u00e4tigkeiten, die \u201erichtig\u201c gemacht werden, einzubeziehen, die \u201eSchreiber\u201c und \u201eRechtsberater\u201c hinzu. Beide sprechen aber nicht von den H\u00e4ndlern des Fr\u00fchkapitalismus.<\/p>\n<p>Luthers \u201eWende\u201c zur \u201eweltlichen Welt\u201c, so Mieth, beruht nach Oswald Bayer auf folgenden Merkmalen: die Ansage der Sch\u00f6pfung, die Erfahrung mit der Schrift und die ver\u00e4nderte Sicht der Kirche. Die Kirche ist nicht mehr \u201esacerdotal\u201c, sondern \u201eministeriell\u201c, das hei\u00dft die Dienste verlieren nicht ihre Besonderheit, sind aber gleichrangig in Bezug auf das Heil: Die \u201eWeltbeziehung\u201c erscheint als religi\u00f6ser Bew\u00e4hrungsort. Die \u201eMystik\u201c im Sp\u00e4tmittelalter habe dazu eine spirituelle innere Reform betrieben. Strukturelle Auswirkungen wurden inquisitorisch abgebremst, so zum Beispiel Marguerite Poretes Bild von der \u201eEglise la grande\u201c, der gro\u00dfz\u00fcgigen gegen \u00fcber der kleinlichen Kirche oder Eckharts \u201ezelus iustitiae\u201c, der Eifer f\u00fcr die Gerechtigkeit in K\u00f6ln.<\/p>\n<p>In Bezug auf das Wirken in der Welt ist Eckhart radikaler als Tauler, der den Herrn die \u201eSorge\u201c Marthas tadeln sieht. Bei Eckhart ist die Innerlichkeit Marthas sorglos. Eckhart und Luther denken \u00fcber die Heilsgewissheit \u201epr\u00e4ventiv\u201c nicht konsekutiv. Sie unterscheiden sich freilich: f\u00fcr Eckhart ist Wort das Prinzip, das \u201eKraftwort\u201c, f\u00fcr Luther (nachmetaphysisch) ist das Wort narrativ, es kommt als Erz\u00e4hlung (Sch\u00f6pfung, Geburt Jesu). Heil ist nicht zu \u201eerwerben\u201c, aber im \u201eGewerbe\u201c ausdr\u00fcckbar.<\/p>\n<p>Weber war der Meinung, die Religion habe den Kapitalismus nicht bewirkt, zeitweise aber begleitet. Er bedauert, dass \u201eGewerbe\u201c nichts mehr mit \u201eBerufung\u201c zu tun hat. Damit hatte es einen kritischen religi\u00f6sen Kern, den man sowohl bei Eckhart wie bei Luther finden kann, verloren. Dadurch entstand nach Weber \u201eein stahlhartes Geh\u00e4use\u201c: das Lebens mit und in der alles pr\u00e4genden Wirtschaft. Das letzte Wort in Mieths Vortrag hatte Eckhart: Wer Gott f\u00fcr den Gewinn dankt, verwechselt diesen mit Gott.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>XIII.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der abschlie\u00dfende Beitrag von Maxime Mauri\u00e8ge brachte auch eine dunkle Seite erhellend zur Sprache: \u201eEckhartrenaissance und Lutherrenaissance im Nationalsozialismus: Ein deutsches Schicksal\u201c. Am Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff \u201eRenaissance\u201c als Schlagwort zur Kennzeichnung einer zeitgen\u00f6ssischen Neubelebung der geistigen Gestalten sowohl Meister Eckharts als auch Martin Luthers verwendet. Dem Begriff kam in beiden F\u00e4llen ein \u00e4hnlicher doppelter Sinngehalt zu, der aus zwei verschiedenen Betrachtungsweisen dieses Ph\u00e4nomens resultierte: einerseits als geschichtswissenschaftliches Ph\u00e4nomen, das sich auf die Wiederentdeckung und somit Neuaufwertung des Werkes des jeweiligen Denkers bezog; andererseits als national-ideologisches Ph\u00e4nomen, denn diese wissenschaftliche Begeisterung ging mit einer zunehmenden Popularisierung beider Gestalten einher, die langsam bis zu ihrer v\u00f6lkischen Aneignung als Repr\u00e4sentanten des Deutschtums und Inbegriff eines neuerwachenden germanischen Selbstbewusstseins erwuchs.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang wurde dreierlei herausstellt: Die ideologische Eckhartrenaissance f\u00fchrte seit Anbeginn eine eindeutige Abwertung des Protestantismus und Luthers herbei, die sich infolge der nationalsozialistischen, antichristlichen Kulturrevolution versch\u00e4rft hat; Als Reaktion auf diese propagandistische Welle f\u00fchlte sich die evangelische Bekenntnisfront verpflichtet, auf das Eckhartproblem zu reagieren, was eine Sonderentwicklung der Lutherrenaissance bewirkt hat; gegen jedes Entweder-Oder zwischen dem Mystiker und dem Reformator gab es dennoch protestantische Theologen, die zu jener Zeit Verbindungslinien und dadurch Eckharts Bedeutung f\u00fcr die moderne Lutherforschung erkannten.<\/p>\n<p>Kurze Impulse, auch durch die bisherigen Diskussionsleiter (Christine B\u00fccher, Hamburg, Markus Enders, Freiburg, Markus Vinzent, London\/Erfurt und Rudolf Weigand, Eichst\u00e4tt) und eine sich bald \u00f6ffnende Podiumsdiskussion griffen wichtige Themen (Freiheit, Gnade, \u201egel\u00e2zenheit\u201c, Christologie) abschlie\u00dfend noch einmal auf und rundeten die Tagung ab.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Touches, Mediations, Contrasts<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":32561,"menu_order":1601,"template":"","meta":{"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"class_list":["post-32405","media-library","type-media-library","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","media-library-category-luther-martin","media-library-category-meister-eckhart","media-library-category-oekumene","media-library-category-reformation"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - 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