{"id":32412,"date":"2023-07-17T14:37:01","date_gmt":"2023-07-17T12:37:01","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=das-wiederaufleben-des-pragmatismus"},"modified":"2026-01-15T15:22:20","modified_gmt":"2026-01-15T14:22:20","slug":"das-weltweite-wiederaufleben-des-pragmatismus-philosophischer-meisterkurs-2017","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/das-weltweite-wiederaufleben-des-pragmatismus-philosophischer-meisterkurs-2017\/","title":{"rendered":"Das weltweite Wiederaufleben des Pragmatismus"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Jahre 1979 begann Richard Rorty seine Ansprache als Pr\u00e4sident der Eastern Division der American Philosophical Association folgenderma\u00dfen: \u201e\u201aPragmatismus\u2018 ist ein vages, mehrdeutiges und \u00fcberstrapaziertes Wort.\u201c Doch, so f\u00e4hrt er fort, \u201enichtsdestoweniger bezeichnet es den gr\u00f6\u00dften Ruhm der intellektuellen Tradition unseres Landes. Keine anderen amerikanischen Autoren haben solch einen radikalen Vorschlag dazu vorgebracht, unsere Zukunft anders zu gestalten als unsere Vergangenheit, wie es James und Dewey getan haben.\u201c (Rorty 1982: 160, \u00dcbers. MNE) Rorty stellte diese Behauptungen zu einer Zeit auf, als die meisten englischsprachigen akademischen Philosophen den Pragmatismus verachteten. Die klassischen pragmatischen Denker z\u00e4hlten einfach nicht als \u201eernsthafte\u201c Philosophen. Diese geringsch\u00e4tzige Haltung wird in einer Bemerkung Philip Kitchers aus seinen <em>Preludes to Pragmatism<\/em> (Vorspiele zum Pragmatismus) treffend illustriert. Er schreibt:<\/p>\n<p>\u201eAls ich vor einigen Jahren mein Interesse an den Pragmatisten gestand, verfiel ein bedeutender, recht meinungsstarker Philosoph in einen Verw\u00fcnschungs-Modus <em>ex cathedra<\/em>: \u201aPRAGMATISMUS!?! PRAGMATISMUS??!!!??,\u2018 br\u00fcllte er ungl\u00e4ubig, \u201aeine verwirrte Version der katastrophalsten Bedeutungstheorie, die je vorgelegt wurde!!\u2018 Obwohl ich zu erkl\u00e4ren versuchte, dass ich gar nicht dachte, der Pragmatismus sei besonders daran interessiert, <em>irgendeine<\/em> \u201aBedeutungstheorie\u2018 zu liefern, blieben meine Bemerkungen wirkungslos. Es war f\u00fcr meinen Gespr\u00e4chspartner schlicht nicht vorstellbar, dass sich eine bedeutende philosophische Bewegung nicht mit den semantischen Fragen befassen k\u00f6nnte, die er als <em>die<\/em> zentralen Probleme der Philosophie ansah. F\u00fcr ihn mussten die Pragmatisten Konkurrenten im selben Gesch\u00e4ft sein, das ihn auch besch\u00e4ftigte, obgleich sie bemerkenswert minderwertige Waren anboten.\u201c (Kitcher 2012: xi-xii, \u00dcbers. MNE)<\/p>\n<p>Bedauerlicherweise besteht diese Einstellung in manchen Kreisen von Berufsphilosophen nach wie vor. Viel interessanter und beeindruckender ist dagegen das weltweite Wiederaufleben des Pragmatismus, worum es im Folgenden gehen soll.<\/p>\n<p>Es gibt kaum einen Ort auf dieser Erde, wo es keine Gruppen von Denkern g\u00e4be, welche die pragmatischen Denker wieder lesen, pragmatische Themen weiterentwickeln und sich selbst mit dieser Tradition identifizieren. Heutzutage besteht eine lebendigere und kreativere Diskussion von Themen des Pragmatismus als jemals zuvor in seiner Geschichte. Ich m\u00f6chte versuchen zu erkl\u00e4ren, warum dies der Fall ist, und einige der Themen benennen, die auf neue und kreative Weisen bearbeitet werden. Zu Beginn werde ich mich auf einige der zentralen Leitmotive des Pragmatismus konzentrieren, dann werde ich die Entwicklung und die Wandlungen der pragmatischen Bewegung untersuchen, um mich schlie\u00dflich ihrem heutigen weltweiten Wiederaufleben zuzuwenden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was aber ist der Pragmatismus? Wie jede anspruchsvolle, komplexe philosophische Bewegung trotzt er jeglicher einfachen oder vereinfachenden Definition. Nichtsdestoweniger lassen sich Themen ermitteln, die auf verschiedene und \u2013 offen gestanden \u2013 zuweilen gegens\u00e4tzliche Weisen entwickelt und verteidigt wurden. Oft stehen Pragmatisten in scharfem Widerspruch zueinander. Eine der pr\u00e4gnantesten Charakterisierungen pragmatischer Themen stammt von Hilary Putnam.<\/p>\n<p>\u201eWas ich am Pragmatismus attraktiv finde, ist \u00fcberhaupt keine systematische Theorie im herk\u00f6mmlichen Sinne. Es ist vielmehr eine gewisse Gruppe von Thesen, die von verschiedenen Philosophen mit verschiedenen Anliegen auf verschiedene Weisen verteidigt werden k\u00f6nnen, und auch wurden, und welche die Basis der Philosophie von Peirce, und vor allem der von James und Dewey geworden sind. Diese Thesen sind, oberfl\u00e4chlich zusammengefasst, (1) <em>Antiskeptizismus<\/em>: Pragmatisten sind der Ansicht, dass <em>Zweifel<\/em> ebenso der Rechtfertigung bedarf wie \u00dcberzeugung (man erinnere sich an Peirces ber\u00fchmte Unterscheidung zwischen \u201aechtem\u2018 und \u201aphilosophischem\u2018 Zweifel); (2) <em>Fallibilismus<\/em>: Pragmatisten sind der Ansicht, dass es keine metaphysische Garantie daf\u00fcr gibt, dass irgendeine \u00dcberzeugung niemals der Revision bed\u00fcrfen wird (dass man <em>sowohl<\/em> fallibilistisch <em>als auch <\/em>antiskeptizistisch sein kann, ist wom\u00f6glich <em>die<\/em> einzigartige Erkenntnis des Amerikanischen Pragmatismus); (3) die These, dass keine fundamentale Dichotomie zwischen \u201aFakten\u2018 und \u201aWerten\u2018 besteht; und (4) die These, dass es, in gewisser Hinsicht, eine Art Praxisprimat in der Philosophie gibt.\u201c (Putnam 1994: 152, \u00dcbers. MNE)<\/p>\n<p>Wir werden sehen, dass diese letzte These \u2013 \u201edass es, in gewisser Hinsicht, eine Art Praxisprimat in der Philosophie gibt\u201c \u2013 zu einem bedeutenden Motiv im Werk Robert Brandoms wird, der <em>fundamentalen Pragmatismus<\/em> folgenderma\u00dfen beschreibt: \u201eDies [fundamentaler Pragmatismus] ist die Idee, dass man \u201awissen, <em>dass\u2018<\/em> als eine Art von \u201awissen, <em>wie\u2018<\/em> verstehen sollte (um es in Ryle\u2019scher Terminologie auszudr\u00fccken). Das hei\u00dft, zu glauben, <em>dass<\/em> Dinge soundso beschaffen sind, soll im Sinne von praktischen F\u00e4higkeiten verstanden werden, etwas zu <em>tun<\/em>.\u201c (Brandom 2011: 9, \u00dcbers. MNE) Ich w\u00fcrde die folgenden Punkte zu Putnams Liste hinzuf\u00fcgen: Der Pragmatismus hegt eine tiefe Besorgnis darum, wie <em>Kontingenz<\/em> das menschliche Leben beeinflusst, und schlie\u00dflich ist es ihm ein Anliegen, diejenige Art von Erziehung und Kultur, oder Lebensweise, zu pflegen, die Dewey \u201ekreative Demokratie\u201c nennt. Dies ist eine lange Liste teilweise \u00fcberlappender Themen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lassen Sie mich einen kurzen Abriss der Entwicklung des Aufstiegs, des \u201eUntergangs\u201c und des Wiederauflebens des Pragmatismus geben. Obwohl der Begriff \u201apragmatisch\u2018 auf eine lange etymologische Geschichte zur\u00fcckblickt und auf dem griechischen Wort <em>pragma<\/em> basiert, l\u00e4sst sich ein Datum genau angeben, zu dem der Ausdruck als Name einer Art philosophischen Programms eingef\u00fchrt wurde. Am 26. August 1898 hielt William James eine Ansprache an der University of California in Berkeley, wo er Charles S. Peirce beschrieb \u201eals einen der originellsten zeitgen\u00f6ssischen Denker\u201c. James erz\u00e4hlt uns, dass er vom Pragmatismus erstmals in den Diskussionen im Rahmen einer informellen Diskussionsgruppe geh\u00f6rt h\u00e4tte, des \u201eMetaphysical Club\u201c. Er schreibt:<\/p>\n<p>\u201ePeirces Prinzip, wie wir es nennen k\u00f6nnen, l\u00e4sst sich auf vielerlei Weisen ausdr\u00fccken, die alle sehr einfach sind. In der Zeitschrift <em>Popular Science Monthly<\/em> vom Januar 1878 f\u00fchrt er es folgenderma\u00dfen ein: Die Seele und Bedeutung des Denkens, sagt er, kann niemals in eine andere Richtung als in die der Erzeugung von \u00dcberzeugungen gelenkt werden, denn \u00dcberzeugung stellt den Halbschluss dar, der eine Phrase in der Symphonie unseres intellektuellen Lebens abschlie\u00dft.\u201c (James 1977: 348, \u00dcbers. MNE)<\/p>\n<p>Hier ist Peirces Formulierung dessen, was sp\u00e4ter \u201edie pragmatische Maxime\u201c genannt werden sollte, obwohl Peirce den Begriff \u201apragmatisch\u2018 im entsprechenden Artikel nicht verwendet.<\/p>\n<p>\u201e\u00dcberlege, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben k\u00f6nnten, wir dem Gegenstand unseres Begriffs in unserer Vorstellung zuschreiben. Dann ist unser Begriff dieser Wirkungen das Ganze unseres Begriffs des Gegenstandes.\u201c (Peirce 1967: 339)<\/p>\n<p>Amerikanischer Pragmatismus wird oft auf zwei ber\u00fchmte Artikel zur\u00fcckgef\u00fchrt, die Peirce im Jahre 1878 ver\u00f6ffentlichte: \u201eDie Festlegung einer \u00dcberzeugung\u201c und \u201eWie unsere Ideen zu kl\u00e4ren sind\u201c. Letzterer ist derjenige, auf den James sich bezieht. Meiner Meinung nach l\u00e4sst sich der tats\u00e4chliche Ursprung des Amerikanischen Pragmatismus auf eine Reihe dichter Artikel zur\u00fcckf\u00fchren, die Peirce zwischen 1868 und \u201969 geschrieben hat \u2013 manchmal \u201eCognition Series\u201c genannt. Peirce kritisiert hier, was er das kartesianische Ger\u00fcst moderner Philosophie nennt, und beginnt die Skizze einer pragmatischen Alternative.<\/p>\n<p>\u201eDescartes ist der Vater der modernen Philosophie, und der Geist des Cartesianismus \u2013 der sich haupts\u00e4chlich von der Scholastik, die er abl\u00f6ste, unterscheidet \u2013 kann kurz gefasst folgenderma\u00dfen festgelegt werden:<\/p>\n<ol>\n<li>Descartes lehrt, dass die Philosophie mit universalem Zweifel beginnen muss; w\u00e4hrend die Scholastik Grundwahrheiten niemals in Frage gestellt hatte.<\/li>\n<li>Er lehrt, dass der letzte Pr\u00fcfstein der Gewissheit im individuellen Bewusstsein zu finden ist; w\u00e4hrend die Scholastik sich auf das Zeugnis der gro\u00dfen Gelehrten und der Allumfassenden (Catholic) Kirche st\u00fctzte.<\/li>\n<li>Die vielgestaltige Beweisf\u00fchrung des Mittelalters wird durch einen einzigen Schlussfaden ersetzt, der oft auf nicht einsichtigen Pr\u00e4missen beruht.<\/li>\n<li>Die Scholastik hatte ihre Geheimnisse des Glaubens, unternahm es aber, alles Geschaffene zu erkl\u00e4ren. Dagegen gibt es viele Fakten, die der Cartesianismus nicht nur nicht erkl\u00e4rt, sondern f\u00fcr absolut unerkl\u00e4rbar h\u00e4lt, wenn man nicht den Satz \u201eGott macht sie so\u201c als eine Erkl\u00e4rung betrachten will.\u201c (Peirce 1967: 184)<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das Bemerkenswerte ist, was Peirce als n\u00e4chstes sagt: \u201eDie meisten modernen Philosophen sind hinsichtlich einiger oder aller dieser Aspekte faktisch Cartesianer gewesen. Ohne nun zur Scholastik zur\u00fcckkehren zu wollen, scheint es mir, dass die moderne Wissenschaft und die moderne Logik von uns fordern, einen ganz anderen Standpunkt einzunehmen.\u201c (Peirce 1967: 184)<\/p>\n<p>Die Alternative, die Peirce mit seinem Pragmatismus entwickelt, stellt genau diesen \u201eganz anderen Standpunkt\u201c dar. Auf einen Schlag kritisiert Peirce das Konzept des erkenntnistheoretischen Fundamentalismus, also die Vorstellung, dass es basale Intuitionen gebe, die als nicht-inferentielle Grundlage von Wissen dienen k\u00f6nnten \u2013 was Wilfrid Sellars den \u201eMythos des Gegebenen\u201c genannt hat. Diese Kritik des erkenntnistheoretischen Fundamentalismus ist von Richard Rorty, John McDowell und Robert Brandom weiterentwickelt worden. Peirce unterscheidet echten, lebendigen Zweifel von den vorget\u00e4uschten intellektuellen Zweifeln der Philosophen. Er hebt hervor, dass wir Vorurteile nicht durch eine blo\u00dfe Maxime zerstreuen k\u00f6nnen. Jegliche Untersuchung setzt Vorurteile voraus, die infrage zu stellen uns gar nicht einf\u00e4llt. Peirce argumentiert auch daf\u00fcr, dass nicht alle Vorurteile blind seien, sondern dass einige dieser Vorurteile \u2013 oder auch vorg\u00e4ngigen Urteile \u2013 bef\u00e4higend wirken.<\/p>\n<p>In diesen fr\u00fchen Artikeln von 1868 hinterfragt Peirce auch den \u201eRepr\u00e4sentationalismus\u201c \u2013 einen dominanten Ansatz in der modernen Philosophie, wonach mentale Vorstellungen repr\u00e4sentieren, was sich \u201eau\u00dferhalb\u201c des Geistes befindet. Dabei ist Peirce sicherlich kein Skeptiker. Er bekr\u00e4ftigt, dass wir uns im Prozess befinden, zu erfahren, was real ist. Wir k\u00f6nnen jedoch nie behaupten, dass wir mit absoluter Sicherheit wissen, was real ist. Zuk\u00fcnftige Erfahrungen k\u00f6nnten erfordern, dass wir das aufgeben oder abwandeln, was wir f\u00fcr wahr halten. Alle Behauptungen \u00fcber Wissen sind fehlbar und k\u00f6nnten einer \u00dcberarbeitung bed\u00fcrfen \u2013 logische und mathematische Behauptungen miteingeschlossen. Wie Karl Popper, der stark von Peirce beeinflusst war, pl\u00e4diert Peirce daf\u00fcr, dass wir gewagte Vermutungen anstellen (die er \u201eAbduktionen\u201c genannt hat) und diese daraufhin strenger Kritik aussetzen. Auf diese Weise schreiten Untersuchungen voran, und deshalb misst Peirce dem Appell an eine Gemeinschaft von Forschenden einen so gro\u00dfen Stellenwert bei. In den Wissenschaften \u2013 und eigentlich bei <em>jeglicher<\/em> Untersuchung \u2013 ist es erforderlich, unsere Hypothesen und Theorien \u00f6ffentlicher Kritik auszusetzen. Peirces antiskeptischer, nicht-fundamentalistischer Fallibilismus wird wundersch\u00f6n durch Wilfrid Sellars\u2018 ber\u00fchmte Behauptung verk\u00f6rpert: \u201eDenn das empirische Wissen, wie auch seine anspruchsvolle Erweiterung, die Wissenschaft, ist nicht deshalb vern\u00fcnftig, weil es eine <em>Grundlage<\/em> hat, sondern weil es ein sich selbst berichtigendes Unternehmen ist, dass jede Behauptung in Frage stellen kann, jedoch nicht alle auf einmal.\u201c (Sellars 1999: 68) Dem wird jeder Pragmatist beipflichten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich greife aber meiner Geschichte voraus. Der Pragmatismus erlangte seine Popularit\u00e4t nicht durch Peirce, dessen vereinzelte Schriften zu seiner Zeit kaum bekannt waren, sondern vielmehr durch James\u2018 quasi popul\u00e4rwissenschaftliche Version des Pragmatismus. Diese erwies sich letztlich als Desaster. Um es deutlich zu sagen: Ich denke, dass James ein subtiler und komplexer Denker ist, und mein Respekt ihm gegen\u00fcber ist im Laufe der Jahre gewachsen. Ihn zeichnet die seltene Tugend aus, \u00fcber die Philosophen gerne reden, die sie aber leider kaum an den Tag legen: echte intellektuelle Bescheidenheit in Kombination mit einer zutiefst menschlichen praktischen Weisheit. Nichtsdestoweniger hat der Gebrauch von solchen Ausdr\u00fccken wie \u201eBarwert\u201c sowie die Andeutung, dass Wahrheit etwas sei, was \u201efunktioniere\u201c und was uns subjektiv zufriedenstelle \u2013 besonders, wenn diese Formulierungen aus ihrem urspr\u00fcnglichen Kontext herausgerissen werden \u2013 den Pragmatismus gewisserma\u00dfen in Verruf gebracht. G. E. Moore und Bertrand Russell, zwei der Hauptgr\u00fcnder der analytischen Philosophie, haben James schonungslos karikiert und kritisiert, und es gibt heutzutage immer noch viele \u2013 besonders unter denjenigen, die James nicht sorgf\u00e4ltig lesen \u2013, welche die Auffassung von Philip Kitchers Gespr\u00e4chspartner, die oben angef\u00fchrt wurde, teilen. Sogar Peirce, der das Wort \u201ePragmatismus\u201c in keiner seiner ver\u00f6ffentlichten Schriften vor James\u2018 Vorlesung von 1898 benutzt hatte, war derartig angewidert von den popul\u00e4rwissenschaftlichen und literarischen Gebrauchsweisen von \u201ePragmatismus\u201c, dass er den Begriff verstie\u00df und sich erbat, \u201edie Geburt des Wortes \u201aPragmatizismus\u2018 ank\u00fcndigen zu d\u00fcrfen, das h\u00e4sslich genug ist, um vor Kindsr\u00e4ubern sicher zu sein.\u201c (Peirce 1970: 394) Peirce hatte Recht. Der Begriff war in der Tat so h\u00e4sslich oder sperrig, dass niemand au\u00dfer Peirce ihn jemals verwendet hat.<\/p>\n<p>Der ber\u00fchmteste Philosoph des 20. Jahrhunderts, der mit dem Pragmatismus in Verbindung gebracht wird, ist John Dewey. Dewey, geboren 1859 \u2013 dasselbe Jahr, in dem Darwins \u00dcber die Entstehung der Arten ver\u00f6ffentlicht wurde \u2013 lebte ein langes und aktives Leben. Er starb im Jahre 1952 und hat ein \u00fcberaus umfangreiches Werk hinterlassen. Geboren in Burlington, Vermont, war Dewey verwurzelt in der amerikanischen Kultur, doch er war au\u00dferdem \u00e4u\u00dferst kosmopolitisch und hat tats\u00e4chlich \u00fcberall auf der Welt Vorlesungen gehalten. Ich m\u00f6chte ebenfalls George Herbert Mead erw\u00e4hnen, der ein enger Mitarbeiter Deweys an der University of Chicago war. Zeitlebens wurde Mead von Dewey \u00fcberschattet, doch wir werden noch sehen, wie wichtig Mead f\u00fcr heutige Diskussionen des Pragmatismus geworden ist. Dewey war ein Philosoph der altehrw\u00fcrdigen Schule. Damit meine ich, dass er das gesamte Feld der Kultur als der philosophischen Reflexion w\u00fcrdig erachtete. Doch Dewey ist am besten bekannt daf\u00fcr, dem Pragmatismus eine soziale und politische Wende gegeben zu haben. Er ist wahrlich Amerikas Philosoph der Demokratie. Die Beschaffenheit, die Probleme und das Schicksal der Demokratie waren zentral f\u00fcr sein Denken, von seinen fr\u00fchesten Tagen an bis zum Ende seines Lebens. Er verstand Demokratie als eine Lebensweise und als ein moralisches Ideal, nicht blo\u00df als eine Regierungsform. Die folgende Passage, verfasst im Jahre 1939, vermittelt den Geist seines Demokratieverst\u00e4ndnisses:<\/p>\n<p>\u201eDemokratie ist, verglichen mit anderen Lebensweisen, die einzige Art und Weise, zu leben, die mit ganzem Herzen an die Erfahrung als Zweck und als Mittel glaubt; als dasjenige, das in der Lage ist, die Wissenschaft hervorzubringen, welche die einzige zuverl\u00e4ssige Autorit\u00e4t f\u00fcr die Steuerung weiterer Erfahrung darstellt, und das Emotionen, Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche freisetzt, um die Dinge ins Leben zu rufen, die es in der Vergangenheit noch nicht gegeben hat. Denn jede Lebensweise, die in ihrer Demokratie versagt, beschr\u00e4nkt die Kontakte, den Austausch, die Kommunikation, die Interaktionen, durch die Erfahrung gefestigt wird eben dadurch, dass sie weiter und reicher wird. Die Aufgabe dieser Freisetzung und Bereicherung ist eine, die von Tag zu Tag vorangetrieben werden muss. Da es diejenige ist, die kein Ende finden kann, bis Erfahrung selbst ein Ende nimmt, ist die Aufgabe der Demokratie unaufh\u00f6rlich die der Gestaltung einer freieren und humaneren Erfahrung, die alle teilen und zu der alle beitragen.\u201c (Dewey 1951: 394, \u00dcbers. MNE)<\/p>\n<p>Sowohl James als auch Dewey trieb die Frage um, welche Richtung die \u201eprofessionelle\u201c Philosophie nehmen w\u00fcrde. Zu ihrer Studienzeit hatte es in Amerika noch kaum genuin philosophische Fakult\u00e4ten gegeben. Als gelernter Arzt hatte James Physiologie und Psychologie gelehrt, bevor er Professor f\u00fcr Philosophie wurde. Dewey hatte seinen Doktor an der Johns Hopkins University gemacht \u2013 einer der ersten Forschungseinrichtungen, die den Doktortitel vergab. James und Dewey hofften beide, dass die Philosophie eine neue Richtung einschlagen w\u00fcrde \u2013 eine Richtung, in der ihr Hauptanliegen die echten Probleme w\u00e4ren, denen Menschen in ihrem Alltagsleben begegnen. Im Kern wird diese Einstellung durch Deweys Aufruf an die Philosophen auf den Punkt gebracht, sich nicht mehr mit den spezialisierten Problemen von Philosophen zu besch\u00e4ftigen, sondern mit den Problemen, die Menschen tats\u00e4chlich haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was ist mit dieser durch Peirce, James, Dewey und Mead inspirierten pragmatischen Bewegung passiert? Hier muss ich zwei Geschichten erz\u00e4hlen \u2013 und es steckt ein wenig Wahrheit in beiden. Die erste Geschichte beginnt mit der Marginalisierung dieser \u201eklassischen\u201c Pragmatisten. In den 1930er und 1940er Jahren hatte ihr Einfluss bereits nachgelassen. Diejenigen Philosophen, die aus dem nationalsozialistischen Europa in die Vereinigten Staaten geflohen waren (beispielsweise Rudolf Carnap, Carl Hempel und Alfred Tarski), gaben der akademischen Philosophie in Amerika eine ganz andere Form. Zudem \u00fcbte die Philosophie der Alltagssprache, wie sie in Oxford betrieben wurde, einen gro\u00dfen Einfluss aus. Diese beiden Bewegungen werden manchmal als die \u201elinguistische Wende\u201c in der Philosophie beschrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg \u00e4nderte sich die akademische Philosophie in den Vereinigten Staaten grundlegend. Nahezu alle angesehenen philosophischen Fakult\u00e4ten wurden von der sogenannten \u201eanalytischen Philosophie\u201c dominiert. Viele Philosophen vertraten, was ich als \u201eanalytische Ideologie\u201c bezeichnen w\u00fcrde; im Kern stand dabei die \u00dcberzeugung, dass die <em>einzige<\/em> bedeutsame Art und Weise, sich mit Philosophie zu besch\u00e4ftigen, der sprachphilosophisch geschulte, analytische Stil sei. (Aus Gr\u00fcnden, die bald deutlich werden sollten, unterscheide ich scharf zwischen den zweifellos wichtigen Beitr\u00e4gen von Philosophen, die im analytischen Stil arbeiten \u2013 mit ihrer Forderung nach Klarheit, Pr\u00e4zision und sorgf\u00e4ltiger Argumentation \u2013 und dieser arroganten analytischen Ideologie, die s\u00e4mtliche anderen philosophischen Richtungen von der Hand weist.) Was dem nicht entsprach, beruhte auf sprachlichen Verwirrungen \u2013 und war entbehrlich. Mit der Entwicklung der verschiedenen Str\u00f6mungen in der linguistischen analytischen Philosophie wurden die klassischen amerikanischen Pragmatisten marginalisiert und der klassische Pragmatismus landete im Papierkorb der Geschichte. Bestenfalls hie\u00df es, die Pragmatisten h\u00e4tten auf eine vage und unzul\u00e4ngliche Weise ausgedr\u00fcckt, was vermutlich in einem deutlicheren, mehr zufriedenstellenden analytischen Modus umformuliert werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>In Grundz\u00fcgen ist die Geschichte, die ich gerade erz\u00e4hlt habe, immer noch weit verbreitet in zahlreichen amerikanischen Philosophie-Instituten. Doch es muss noch eine andere Geschichte erz\u00e4hlt werden. Hier m\u00f6chte ich die bedeutenden Beitr\u00e4ge von Richard Rorty, seinem Sch\u00fcler Robert Brandom und Hilary Putnam erw\u00e4hnen. Zu Beginn ihrer intellektuellen Karrieren galten Rorty und Putnam als f\u00fchrende Fachm\u00e4nner im analytischen Stil der Philosophie. Doch beide widersetzten sich den engen Einschr\u00e4nkungen der analytischen Tradition und entdeckten die Relevanz der klassischen Pragmatisten wieder. Trotz des Mangels an expliziten Verweisen auf die klassischen Pragmatisten in den Werken von W. V. O. Quine, Donald Davidson und Wilfrid Sellars (sowie anderen, die eng mit ihnen zusammenh\u00e4ngen) behaupteten Rorty und Putnam, dass diese vermeintlich \u201eanalytischen\u201c Philosophen pragmatische Themen auf neue Weisen weiterentwickelten. Folglich erz\u00e4hlten sie keine Geschichte des Untergangs und der Marginalisierung, sondern ihre Geschichte war eine der <em>Kontinuit\u00e4t<\/em>. Diese ganz andere Herangehensweise an die pragmatische Tradition wird treffend durch einen Kommentar veranschaulicht, den Putnam im Vorwort zu seinem Sammelband von Essays, <em>Realism with a Human Face <\/em>(<em>Realismus mit menschlichem Antlitz<\/em>), macht. Er schreibt:<\/p>\n<p>\u201eAll diese Ideen \u2013 dass die Dichotomie von Fakten und Werten unhaltbar ist, [\u2026] dass Wahrheit und Rechtfertigung von Ideen eng verbunden sind, dass die Alternative zum metaphysischen Realismus nicht irgendeine Form von Skeptizismus ist, dass Philosophie ein Versuch ist, das Gute zu erlangen \u2013 sind Ideen, die schon lange mit der Tradition des Amerikanischen Pragmatismus assoziiert wurden. Diese Einsicht hat mich (manchmal mit der Unterst\u00fctzung von Ruth Anna Putnam) dazu gebracht, mich um ein besseres Verst\u00e4ndnis der Tradition von Peirce bis hin zu Quine und Goodman zu bem\u00fchen.\u201c (Putnam 1990: xi, \u00dcbers. MNE)<\/p>\n<p>Quine und Sellars spielen eine bedeutende Rolle in Rortys <em>Der Spiegel der Natur<\/em>, und Rorty meint au\u00dferdem, dass Donald Davidson pragmatische Themen weiterentwickelt. Doch der vielleicht ambitionierteste lebende pragmatische Denker ist Robert Brandom \u2013 ein Sch\u00fcler Richard Rortys und ein gro\u00dfer Bewunderer von Wilfrid Sellars. Das Beeindruckende an Brandom ist die Kombination seiner analytischen Gewandtheit, seiner systematischen Ambitionen und seines Verst\u00e4ndnisses der Geschichte der modernen Philosophie. Signifikanten Einfluss auf sein Denken hatten sowohl Hegel als auch Wilfrid Sellars (den er f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften der amerikanischen Denker des 20. Jahrhunderts h\u00e4lt). Brandom hat eine provokante Neuauslegung der modernen Philosophie vorgelegt, die deren Beitrag zu dem aufzeigt, was er \u201enormative Pragmatik\u201c und \u201einferentielle Semantik\u201c nennt. Er interpretiert die f\u00fchrenden Denker des 19. und 20. Jahrhunderts als Mitwirkende bei pragmatischen Erkenntnissen. Diese Tradition und ihre Orientierung beschreibt er folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>\u201eEin Pragmatismus mit Blick auf die in kognitiver Aktivit\u00e4t implizit enthaltenen Normen wurde uns in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts aus drei voneinander unabh\u00e4ngigen Richtungen beschert: einmal von den klassischen amerikanischen Pragmatisten, gipfelnd in Dewey, ferner vom Heidegger von <em>Sein und Zeit<\/em> und schlie\u00dflich vom Wittgenstein der <em>Philosophischen Untersuchungen<\/em>. Im Verlauf meines Versuchs zu zeigen, wie die Einsichten dieser Traditionslinien (teils gemeinsam, teils komplement\u00e4r) genutzt werden k\u00f6nnen, um die zeitgen\u00f6ssische Sprachphilosophie und Philosophie des Geistes voran zu bringen, fand ich mich allerdings zu Hegels urspr\u00fcnglicher Version zur\u00fcckgetrieben. Denn anders als jede dieser drei moderneren Varianten einer Theorie sozialer Praxis hat Hegel einen rationalistischen Pragmatismus verflochten.\u201c (Brandom 2001: 52)<\/p>\n<p>Ich kann nicht im Detail auf Brandoms rationalistischen Pragmatismus eingehen, den er erstmals in <em>Expressive Vernunft<\/em> entwickelt hat, doch ich m\u00f6chte die K\u00fchnheit seiner Behauptungen unterstreichen. Falls Brandom richtigliegt, gibt er der Art und Weise, in der wir \u00fcber den Pragmatismus und die Geschichte der Philosophie seit Kant denken, eine ganz neue Richtung. Der amerikanische Pragmatismus wirkt nicht mehr wie eine marginale, provinzielle Bewegung, die eingeklammert und abgetan werden k\u00f6nnte. Er ist Teil einer globalen philosophischen Bewegung, deren Wurzeln im 18. Jahrhundert liegen. Viele der herausragenden postkantischen Denker, einschlie\u00dflich Hegel, Frege, Wittgenstein, Sellars und Heidegger, tragen allesamt zu pragmatischen Erkenntnissen bei. Brandoms Version des Pragmatismus birgt zahlreiche tiefgehende Affinit\u00e4ten mit dem philosophischen Projekt von J\u00fcrgen Habermas.<\/p>\n<p>Folgendes schreibt Habermas \u00fcber Brandoms Opus Magnum: \u201e\u201aMaking it Explicit\u2018 [<em>Expressive Vernunft<\/em>] ist ein \u00e4hnlicher Meilenstein in der theoretischen Philosophie wie Anfang der siebziger Jahre \u201aA Theory of Justice\u2018 [<em>Eine Theorie der Gerechtigkeit<\/em> von John Rawls] in der praktischen. In souver\u00e4ner Kenntnis der verzweigten analytischen Diskussion ist es Brandom gelungen, mit der Durchf\u00fchrung eines auch andernorts skizzierten sprachphilosophischen Ansatzes ernst zu machen, ohne dass die Vision, die das Unternehmen inspiriert, in den wichtigen Details der einzelnen Untersuchungsschritte verlorenginge. Den au\u00dferordentlichen Rang verdankt das Werk der seltenen Verbindung von spekulativem Impuls und langem Atem.\u201c (Habermas 1999: 138)<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein heutiges Thema ist das weltweite Wiederaufleben des Pragmatismus, doch da ich diesen Vortrag in Deutschland halte, m\u00f6chte ich die kreative Aneignung pragmatischer Themen durch deutsche Denker betonen. J\u00fcrgen von Kempski und Klaus Oehler waren unter den ersten, die das Werk von Charles S. Peirce nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland bekannt gemacht haben, doch zur Illustration meiner These m\u00f6chte ich mich auf vier herausragende Denker konzentrieren: Karl-Otto Apel, J\u00fcrgen Habermas, Hans Joas und Axel Honneth. Karl-Otto Apel ist besonders wichtig, da er einer der ersten bedeutenden deutschen Philosophen war, die das besondere Genie von Charles Sanders Peirce gew\u00fcrdigt haben. Die von ihm angefertigte Ausgabe der Peirce\u2019schen Schriften war eine der ersten Gelegenheiten f\u00fcr deutsche Denker, den Ideenreichtum und die Relevanz von Peirce zu entdecken \u2013 dem anerkannten Gr\u00fcnder des amerikanischen Pragmatismus. Apel war \u00e4u\u00dferst feinf\u00fchlig bez\u00fcglich der kantischen Motive in Peirces Werk. Sein Buch <em>Der Denkweg von Charles S. Peirce<\/em> aus dem Jahre 1967 gilt als eines der besten Werke \u00fcber Peirce, unabh\u00e4ngig von der Sprache. Apel betonte Peirces Beitr\u00e4ge zum \u201etranszendentalen Pragmatismus\u201c. Er war lange Zeit ein enger Kollege von Habermas und best\u00e4tigte diesen in seinem Interesse am Pragmatismus. In einem von Habermas\u2018 ber\u00fchmtesten B\u00fcchern, <em>Erkenntnis und Interesse<\/em>, findet sich ein wichtiges Kapitel zu Peirce.<\/p>\n<p>Bei Habermas fielen die Erkenntnisse des amerikanischen Pragmatismus auf fruchtbaren Boden, da sein eigenes Denken damals gerade eine pragmatische Wende vollzog. Er war ein scharfer Kritiker der \u201eSubjekt-zentrierten\u201c Orientierung, die einen betr\u00e4chtlichen Teil der modernen Philosophie zu Zeiten Descartes\u2018 charakterisiert hat \u2013 was er manchmal \u201eBewusstseinsphilosophie\u201c nennt. Demgegen\u00fcber hat er eine kommunikative Theorie des Handelns, von Sprache und Rationalit\u00e4t ausgearbeitet. Was Habermas an den pragmatischen Denkern gereizt und interessiert hat, war die Art und Weise, in der sie seine kommunikative Wende antizipiert hatten. Habermas\u2018 Kritik einer \u201eSubjekt-zentrierten\u201c Philosophie \u00fcberschneidet sich stark mit Peirces Kritik des Kartesianismus. Und die alternative Ausrichtung von Peirce und den Pragmatisten an der Bedeutung der \u201eGemeinschaft der Forschenden\u201c f\u00fcr die Untersuchung, Kritik und Best\u00e4tigung von Behauptungen weist eine auff\u00e4llige \u00c4hnlichkeit zu Habermas\u2019 kommunikativer Wende auf. Mead ist bekanntlich der Pragmatist, der aufzuzeigen versuchte, wie schon die Genese von Sprache und die Begriffe von \u201aIch\u2018 und \u201aAnderem\u2018 durch soziale Interaktionen generiert werden. Dies ist ein entscheidender Grund, weshalb Mead solch eine bedeutende Rolle in Habermas\u2018 <em>Theorie des kommunikativen Handelns<\/em> spielt.<\/p>\n<p>Es besteht eine weitere Affinit\u00e4t zwischen Habermas und dem Pragmatismus, die ich betonen m\u00f6chte. Zeitlebens war John Dewey Amerikas bekanntester \u00f6ffentlicher Intellektueller und der st\u00e4rkste Verteidiger einer kreativen Demokratie, an der alle teilhaben und teilnehmen. Zus\u00e4tzlich zu seinem theoretischen Werk hat Habermas, wie Dewey, in den Medien \u00fcber eine enorme Bandbreite zeitgen\u00f6ssischer sozialer und politischer Angelegenheiten geschrieben. Auch er hat vor den heutigen Bedrohungen f\u00fcr die deliberative Demokratie gewarnt. Habermas hat sich sein Leben lang um den \u00f6ffentlichen Raum gesorgt, wo B\u00fcrger beratschlagen, debattieren sowie rational Meinungen austauschen und kritisieren k\u00f6nnen. Habermas hegte, wie Dewey, eine tiefe Besorgnis dar\u00fcber, was Dewey den \u201eNiedergang der \u00d6ffentlichkeit\u201c nannte.<\/p>\n<p>Hans Joas und Axel Honneth sind zwei weitere deutsche Denker, deren Werke durch den amerikanischen Pragmatismus beeinflusst wurden. Sie geh\u00f6ren zu der Generation, die auf Apel und Habermas gefolgt ist. Hans Joas\u2018 Buch \u00fcber George Herbert Mead ist mehr als ein herausragender wissenschaftlicher Beitrag zur Geschichte des Pragmatismus. Er zeigt auf, wie relevant Mead ist, wenn es darum geht, zeitgen\u00f6ssische soziale Probleme anzugehen. Joas\u2018 tiefgehende Wertsch\u00e4tzung des amerikanischen Pragmatismus hat seine Sozialtheorie und seine Theorie kreativen Handelns geformt. Die Affinit\u00e4t zwischen Axel Honneth und John Dewey besteht mindestens darin, dass beide in der Tradition Hegels stehen. Dewey begann seine Karriere als Hegelianer und erkl\u00e4rte zu Recht, dass Hegel einen \u201edauernden Eindruck\u201c (Dewey 2004: 21) in seinem Denken hinterlassen hat. Sowohl Dewey als auch Honneth erschlie\u00dfen f\u00fcr hegelianische Motive eine eher pragmatisch fallibilistische Weise, mit sozialen und politischen Angelegenheiten umzugehen. Die Art und Weise, wie Honneth den zentralen Stellenwert von Anerkennung betont, kommt Deweys demokratisch motivierter Diagnose gleich, dass die Beziehungen zwischen Individuen auf Wechselseitigkeit angelegt sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mein knapper \u00dcberblick \u00fcber pragmatische Str\u00f6mungen bei deutschen Denkern zeigt kaum die Tiefe und Vitalit\u00e4t dieser kreativen Aneignung auf. Es kam auch zu lebhaftem philosophischen Austausch zwischen Philosophen des amerikanischen Pragmatismus wie Richard Rorty, Hilary Putnam, Robert Brandom und ihren deutschen Gegen\u00fcbern. Wie erw\u00e4hnt, habe ich mich hier auf die kreative Aneignung pragmatischer Themen durch deutsche Denker konzentriert. Doch in Wahrheit gibt es \u00fcberall auf der Welt \u2013 von Shanghai bis Moskau, von Toronto bis Bogot\u00e1 \u2013 Philosophen, die den Ideenreichtum, die Vielfalt und die Relevanz des amerikanischen Pragmatismus entdecken. Es handelt sich hierbei um ein globales Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VII.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pragmatisten haben sich immer auf die Praxis und auf die Perspektive des Handelnden konzentriert. Ich m\u00f6chte schlie\u00dfen mit einigen Bemerkungen \u00fcber die heutige Relevanz des Pragmatismus. Amerikanischen Pragmatisten war es immer ein Anliegen, die Entwicklung konkreter demokratischer Praktiken voranzutreiben. Peirce, James, Dewey, Mead, Rorty, Putnam und Brandom teilten \u2013 trotz ihrer technisch philosophischen Meinungsverschiedenheiten \u2013 diese Vision und dieses Ideal einer lebenden Demokratie \u2013 einer Demokratie, in der ein Streben nach einer Gemeinschaft herrscht, die offen f\u00fcr \u00dcberlegung und Debatte ist. Ihre Vision von Demokratie nimmt eine engagierte fallibilistische Pluralit\u00e4t ernst. Horace Kallen, ein Sch\u00fcler von William James, ist derjenige, der den Begriff \u201ekultureller Pluralismus\u201c gepr\u00e4gt hat. Die Pragmatisten waren keine naiven Optimisten oder blau\u00e4ugigen Utopisten. Sie waren sich der Kr\u00e4fte bewusst, die demokratische Praktiken zu verzerren und zu untergraben suchten. Was Dewey 1930 schrieb, hat noch gr\u00f6\u00dfere Relevanz im Jahre 2017. In einem Aufsatz mit dem Titel \u201eUnited States, Incorporated\u201c spricht er vom<\/p>\n<p>\u201eGesch\u00e4ftsdenken, das seine eigenen Diskurse und seine eigene Sprache, seine eigenen Interessen, seine eigenen intimen Gruppierungen hat, in denen Menschen dieser Denkungsart, zusammengenommen, die Grundstimmung der Gesellschaft im Allgemeinen wie auch die Politik der Industriegesellschaft bestimmen, und gr\u00f6\u00dferen politischen Einfluss haben als die Regierung selbst. [\u2026] Wir sind nun, ohne, dass dies jemals formal oder rechtlich so beschlossen worden w\u00e4re, auf eine Art und Weise sowohl geistig als auch moralisch vom diesem Geist der Korporation \u00fcberformt, f\u00fcr die es in der Geschichte keinen Vergleich gibt.\u201c (Dewey 1984: 62. \u00dcbers. MNE)<\/p>\n<p>Au\u00dferdem w\u00fcrden alle Pragmatisten der folgenden Beschreibung demokratischer Politik beipflichten: \u201eDemokratische Politik ist eine Begegnung zwischen Leuten mit verschiedenen Interessen, Perspektiven und Meinungen \u2013 eine Begegnung, in der sie ihre Meinungen und Interessen, individuelle wie die aufs Gemeinwohl bezogene, \u00fcberdenken und wechselseitig revidieren. Sie ereignet sich immer in einem Kontext von Konflikt, unvollkommenem Wissen und Unsicherheit, wo aber gemeinschaftliches Handeln erforderlich ist. Die erzielten Beschl\u00fcsse sind immer mehr oder weniger vorl\u00e4ufig, der Neuerw\u00e4gung ausgesetzt und selten einstimmig. Was z\u00e4hlt, ist nicht Einstimmigkeit, sondern Diskurs. Das substanzielle gemeinsame Interesse wird erst im demokratischen politischen Kampf entdeckt oder erschaffen und es bleibt ebenso umstritten wie geteilt. Weit entfernt davon, sch\u00e4dlich f\u00fcr Demokratie zu sein, ist der Konflikt \u2013 auf demokratische Weisen behandelt, mit Offenheit und \u00dcberzeugung \u2013 das, was Demokratie funktionieren l\u00e4sst, was f\u00fcr die wechselseitige Revidierung von Meinungen und Interessen sorgt.\u201c (Pitkin und Shumer 1982: 47-48, \u00dcbers. MNE)<\/p>\n<p>Wir leben heute in finsteren Zeiten. Als Hannah Arendt von \u201efinsteren Zeiten\u201c sprach \u2013 ein Ausdruck, den sie von Bertolt Brecht entliehen hat \u2013 bezog sie sich nicht ausschlie\u00dflich auf den Totalitarismus. Sie schrieb: \u201eFalls es die Funktion des \u00f6ffentlichen Bereichs ist, Licht auf die menschlichen Angelegenheiten zu werfen \u2013 durch Bereitstellung eines Erscheinungsraumes, in dem die Menschen mit Taten und Worten, zum Guten oder Schlechten, zeigen k\u00f6nnen, wer sie sind und was sie tun k\u00f6nnen \u2013, so ist es dunkel, wenn dieses Licht gel\u00f6scht wird von \u201aGlaubw\u00fcrdigkeitsl\u00fccken\u2018 und \u201aunsichtbarer Herrschaft\u2018, von einer Rede, die das, was ist, nicht offenlegt, sondern unter den Teppich kehrt, von moralischen und sonstigen Ermahnungen, die unter dem Vorwand, alte Wahrheiten hochzuhalten, jede Wahrheit in bedeutungslose Trivialit\u00e4t verwandeln.\u201c (Arendt 1989: 14)<\/p>\n<p>Dies ist tats\u00e4chlich eine finstere Zeit f\u00fcr die Demokratie. Auf der ganzen Welt hat eine Abwertung der demokratischen Praktiken stattgefunden. Wir haben es mit einer be\u00e4ngstigenden Anziehungskraft des autorit\u00e4ren Populismus zu tun. Und es gibt nicht nur \u201eL\u00fccken der Glaubw\u00fcrdigkeit\u201c, sondern auch die gef\u00e4hrliche Tendenz, die Unterscheidung zu tilgen zwischen dem, was es hei\u00dft, die Wahrheit zu sagen und unversch\u00e4mt zu l\u00fcgen. Dabei ist es nur zu verf\u00fchrerisch, zynisch zu werden und einem hartn\u00e4ckigen Pessimismus nachzugeben \u2013 um eben die privaten Freuden zu kultivieren und den \u00f6ffentlichen Raum aufzugeben. Doch dies ist nicht die pragmatische Antwort. Vielmehr ermutigen uns die Pragmatisten, uns gr\u00f6\u00dfere M\u00fche zu geben \u2013 neue Wege zu suchen, eine Gesellschaft zu erlangen, in der Anst\u00e4ndigkeit und Gerechtigkeit bestehen \u2013 und menschliches Leid zu lindern. Man suche nicht, wie der Igel, nach der einen gro\u00dfen Sache, die alles zum Besseren wenden wird. Sie existiert nicht. Man soll es eher mit dem Fuchs halten, indem man allt\u00e4gliche demokratische Praktiken mit seinen Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrgern pflegt. Lassen Sie mich schlie\u00dfen mit einer meiner liebsten Charakterisierungen der Hoffnung, die von einem amerikanischen Sozialkritiker stammt, der das pragmatische Ethos geteilt hat:<\/p>\n<p>\u201eHoffnung impliziert ein fest verankertes Vertrauen in das Leben, welches denjenigen absurd erscheint, denen es fehlt. [\u2026] Es ist immer das Schlimmste, worauf die Hoffnungsvollen vorbereitet sind. Ihr Vertrauen in das Leben w\u00e4re nicht viel wert, wenn es in der Vergangenheit keine Entt\u00e4uschungen \u00fcberstanden h\u00e4tte, w\u00e4hrend das Wissen darum, dass die Zukunft weitere Entt\u00e4uschungen bereith\u00e4lt, den anhaltenden Bedarf an Hoffnung demonstriert. [\u2026] Der Leichtsinn, ein blinder Glaube daran, dass alles irgendwie gut ausgehen wird, liefert einen d\u00fcrftigen Ersatz f\u00fcr die Einstellung, Dinge durchzuziehen, selbst wenn sie nicht [ganz aufgehen].\u201c (Lasch 1991: 81, \u00dcbers. MNE)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel basiert auf dem englischsprachigen Vortrag \u201eThe Current Global Resurgence of Pragmatism\u201c, den Richard J. Bernstein am 21.03.2017 an der Katholischen Akademie Bayern gehalten hat. Der Vortrag wurde f\u00fcr die Publikation geringf\u00fcgig ver\u00e4ndert und ins Deutsche \u00fcbersetzt von Marc Niklas Ernst.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philosophical Master Class 2017<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":32560,"menu_order":1574,"template":"","meta":{"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"class_list":["post-32412","media-library","type-media-library","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","media-library-category-n-a"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Das weltweite Wiederaufleben des Pragmatismus - 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