{"id":32419,"date":"2023-07-17T14:37:07","date_gmt":"2023-07-17T12:37:07","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=zukunft"},"modified":"2026-01-16T09:43:11","modified_gmt":"2026-01-16T08:43:11","slug":"gesteigerte-langlebigkeit-und-posthumanitaet-reflexionen-zur-zukunft-des-menschen-im-zeitalter-des-anti-aging","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/gesteigerte-langlebigkeit-und-posthumanitaet-reflexionen-zur-zukunft-des-menschen-im-zeitalter-des-anti-aging\/","title":{"rendered":"Gesteigerte Langlebigkeit und Posthumanit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Seit der Antike wurde im philosophischen Denken die K\u00fcrze des menschlichen Lebens beklagt. Ber\u00fchmt ist das auf Hippokrates zur\u00fcckgehende Diktum: \u201eVita brevis, ars longa.\u201c In dieser Gegen\u00fcberstellung von Lebensdauer und \u201eKunst\u201c artikuliert sich die Ahnung, es bestehe ein prinzipielles Missverh\u00e4ltnis zwischen dem Potenzial der Selbstverwirklichung, das der Mensch in seiner Eigenschaft als kulturell geformtes Wesen besitzt, und der strikten Beschr\u00e4nkung seiner naturw\u00fcchsigen Lebensspanne. Ist dieses Missverh\u00e4ltnis, wenn es denn tats\u00e4chlich existiert, jedoch f\u00fcr alle Zeiten festgeschrieben? Wird die humane Existenz f\u00fcr immer dazu verurteilt bleiben, zu fr\u00fchzeitig zu enden, bevor der Einzelne seine kulturell geformten F\u00e4higkeiten vollst\u00e4ndig entwickelt und seine Potenziale in ihrer vollen Bandbreite ausgelebt hat?<\/p>\n<p>Fortschritte in den Biowissenschaften geben seit einiger Zeit Anlass zu Spekulationen, wonach sich in Zukunft Wege er\u00f6ffnen k\u00f6nnten, das Altern mit Hilfe biotechnischer Anti-Aging-Therapien zu verlangsamen und dadurch die humane Lebensspanne erheblich auszudehnen. Auf diese Weise lie\u00dfe sich der beklagte clash zwischen zu kurzer Lebensdauer und zu langwieriger \u201eKunst\u201c wom\u00f6glich entsch\u00e4rfen oder sogar ganz zum Verschwinden bringen. Allerdings stellt sich die Frage, was es f\u00fcr eine menschliche Person bedeuten w\u00fcrde, wesentlich mehr Zeit zur Verf\u00fcgung zu haben. Insbesondere ist es erforderlich, sich dar\u00fcber klar zu werden, ob eine solche Ver\u00e4nderung uns am Ende vielleicht in Wesen verwandeln w\u00fcrde, die gar keine Menschen mehr sind, wie dies manche Vordenker aus dem Lager der sogenannten Trans- und Posthumanisten proklamieren.<\/p>\n<p>Im Folgenden m\u00f6chte ich einige grunds\u00e4tzliche philosophische \u00dcberlegungen zu diesen Fragen anstellen. Zun\u00e4chst sei jedoch der Versuch unternommen, die antike Klage vom zu kurzen Leben etwas n\u00e4her auszubuchstabieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Biologische Lebensform und kulturelle Welt<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Klage, die nicht nur von Hippokrates, sondern ebenso von Theophrast und Galen ge\u00e4u\u00dfert wurde und die zuweilen auch Aristoteles zugeschrieben wurde \u2013beispielsweise von Seneca \u2013, sind nur fragmentarisch \u00fcberliefert. Eines der Argumente lautet jedoch, unser knapp bemessenes Leben reiche nicht aus, um echte Weisheit zu erlangen und es in der Wissenschaft sowie der Kunst zur Vollkommenheit zu bringen. Dieser Gedanke l\u00e4sst sich verallgemeinern, wenn man neben philosophischer Weisheit, Wissenschaft und Kunst auch alle \u00fcbrigen Aktivit\u00e4ts- und Erfahrungsformen in die Betrachtung mit einbezieht, zu denen ein Mitglied der humanen Spezies aufgrund seiner kulturellen Lebensform grunds\u00e4tzlich f\u00e4hig ist. Hierzu z\u00e4hlen etwa politisches Engagement, gemeinsames Musizieren, journalistische Arbeit, Schriftstellerei, Schauspielerei, psychotherapeutisches Coaching, die Pflege elaborierter Kochkunst, p\u00e4dagogische Bet\u00e4tigung und vieles mehr. Selbst wenn man den perfektionistischen Anspruch der antiken Autoren aufgibt, in den jeweiligen Bereichen gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Vollkommenheit zu erreichen, liegt auf der Hand, dass heutige Lebensspannen dem Einzelnen auch dann, wenn er das grunds\u00e4tzliche Talent und Interesse besitzt, in einer Vielzahl der aufgelisteten Felder t\u00e4tig zu werden, nicht gen\u00fcgend Zeit bieten, um in hinreichend nicht-dilettantischer Manier auch nur einen Bruchteil der unterschiedlichen Erfahrungs- und Bet\u00e4tigungsformen zu verwirklichen, die in den diversen Sph\u00e4ren des kulturellen Daseins denkbar sind. Deutet man das Diktum \u201evita brevis, ars longa\u201c in diesem erweiterten Sinne, l\u00e4uft es auf die Diagnose eines grunds\u00e4tzlichen Spannungsverh\u00e4ltnisses hinaus, das zwischen unseren kulturell vermittelten Kr\u00e4ften und Anlagen und dem begrenzten Zeithorizont besteht, den unsere biologische Natur uns zumisst.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich l\u00e4sst sich auch eine Sentenz deuten, die Goethe als junger Mann verfasst hat und die lautet: \u201eDieses Leben, meine Herren, ist f\u00fcr unsre Seele viel zu kurz.\u201c Versteht man hierbei unter Seele die kulturell geformte Seele und geht man ferner von der Annahme aus, dass das kulturell geformte Seelenleben die Gesamtheit der Erfahrungs- und Bet\u00e4tigungsformen umfassen kann, in denen jeweils charakteristische Potenziale der menschlichen Lebensform zur Manifestation gelangen, ist abermals klar, dass die Zeitspanne unserer biologisch befristeten Existenz nicht gen\u00fcgend Spielraum bietet, um diese Potenziale vollst\u00e4ndig auszuleben. Im spezifischen Fall des hochgradig effektiven Multitalents Goethe d\u00fcrften die Dinge freilich etwas anders liegen. Denn bekanntlich war Goethe nicht nur als Dichter t\u00e4tig, sondern ebenso auch als Theaterdirektor, Maler, Sammler, Minister und Naturforscher, und er hat sogar vor\u00fcbergehend im Auftrag des Herzogs von Sachsen ein Bergwerk geleitet; insofern hat der noch junge Goethe die au\u00dfergew\u00f6hnliche Bandbreite der Lebensinhalte, zu deren zeitlich kompakter Realisierung er f\u00e4hig war, wohl eher untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die meisten Menschen d\u00fcrfte jedoch gelten, dass sie grunds\u00e4tzlich \u00fcber mehr Potenziale verf\u00fcgen, als sie sie im Laufe ihres zeitlich begrenzten Lebens verwirklichen k\u00f6nnen. Hierdurch unterscheidet sich der Mensch von allen \u00fcbrigen Lebewesen. Ein L\u00f6we beispielsweise, dessen naturw\u00fcchsige Lebensdauer 15 bis 20 Jahre betr\u00e4gt, kann innerhalb dieser Zeitspanne ohne weiteres all das realisieren, was in einem L\u00f6wenleben \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist: Er kann jagen, fressen, durch die Steppe trotten, Junge gro\u00dfziehen, sich mit Artgenossen balgen oder im Schatten eines Baums vor sich hin d\u00f6sen. Dasselbe gilt erst recht f\u00fcr die Galapagos-Schildkr\u00f6te, die bis zu 150 Jahre alt werden kann und die in diesem Zeitraum mehr als nur ein Mal die volle qualitative Bandbreite der ihr m\u00f6glichen Erfahrungs- und Bet\u00e4tigungsformen auszuleben imstande ist. Allein der Mensch ger\u00e4t in Zeitnot, wenn es gilt, die eigenen Anlagen und Kr\u00e4fte vollumf\u00e4nglich zur Entfaltung zu bringen.<\/p>\n<p>Bezeichnet man die Gesamtheit der Erfahrungs- und Bet\u00e4tigungsformen, in denen sich Potenziale unserer kulturell vermittelten Lebensform manifestieren, in systematischer Anlehnung an Aristoteles, als das spezifische Ergon des Menschen, l\u00e4sst sich die zuvor gegeben Diagnose auch in die Aussage \u00fcbersetzen, dass im Falle des Menschen \u2013 anders als beim L\u00f6wen oder der Galapagos-Schildkr\u00f6te \u2013 biologische Lebenszeit und kulturbedingte Ergon-Zeit auseinanderklaffen. Eine zus\u00e4tzliche Dimension dieser Divergenz, auf die etwa der Bioethiker Steven Horrobin hinweist, besteht darin, dass die uns zur Verf\u00fcgung stehende Lebenszeit heute nicht einmal mehr ausreicht, um die von uns selbst geschaffene kulturelle Welt auch nur ann\u00e4herungsweise verstehend zu erfassen. Dies ist unter anderem im Bereich der Philosophie evident: Bereits der Versuch, s\u00e4mtliche Klassiker des Fachs intellektuell zu durchdringen, w\u00fcrde hier an Zeitknappheit scheitern. Und selbst wenn dies gel\u00e4nge, bliebe nicht mehr gen\u00fcgend Zeit \u00fcbrig, um sich auch noch der Lekt\u00fcre der wichtigsten Werke der Weltliteratur \u2013 von Homer und Sappho bis hin zu Handke und Houellebecq \u2013 widmen zu k\u00f6nnen, moderne physikalische Theorien \u2013 wie die Relativit\u00e4tstheorie, die Quantenmechanik oder die Superstring-Theorie \u2013 mitsamt der zugeh\u00f6rigen Mathematik genau zu verstehen oder die Funktionsweise technischer Erfindungen \u2013 etwa die eines Computers oder eines Atomkraftwerks \u2013 im Detail zu begreifen.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich daher Folgendes festhalten: wir Menschen unterscheiden uns dadurch von anderen Tieren, dass wir uns eine kulturelle Lebensform geschaffen haben, die wir im Rahmen unserer biologisch befristeten Lebensspanne weder in ihren vielf\u00e4ltigen Potenzialen aktiv verwirklichen noch in der Gesamtheit ihrer Erzeugnisse verstehend durchdringen k\u00f6nnen. Insofern besteht hier in der Tat ein Ungleichgewicht, das demjenigen Missverh\u00e4ltnis entspricht, das das antike Diktum \u201evita brevis, ars longa\u201c zum Ausdruck bringt.<\/p>\n<p>Gel\u00e4nge es der Biotechnologie tats\u00e4chlich, uns durch effektive Anti-Aging-Therapien einen signifikanten Zugewinn an Lebenszeit zu verschaffen, lie\u00dfe sich dieses Missverh\u00e4ltnis wom\u00f6glich \u00fcberwinden. Und unabh\u00e4ngig davon: Wer von uns w\u00e4re nicht erfreut, das Ende der eigenen Existenz in die fernere Zukunft aufschieben zu k\u00f6nnen? Schlie\u00dflich br\u00e4chte die systematische Verlangsamung des Alterns eine Ausdehnung der vitalen Lebensspanne, der sogenannten \u201ehealth span\u201c, mit sich. Die Sorge, im Ergebnis drohe lediglich die Verl\u00e4ngerung senilen Leidens, w\u00e4re daher ungerechtfertigt.<\/p>\n<p>Bevor ich etwas n\u00e4her auf die eingangs erw\u00e4hnten philosophischen Fragen eingehen werde, die sich mit dieser Perspektive verbinden, m\u00f6chte ich zun\u00e4chst deren anthropologische Tragweite skizzieren und als Grundlage f\u00fcr die weiteren \u00dcberlegungen einen hinreichend realistischen Rahmen f\u00fcr diskussionsw\u00fcrdige Zukunftsszenarien abstecken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das Transzendieren r\u00e4umlicher und zeitlicher Begrenzungen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst ist es von Nutzen, sich zu vergegenw\u00e4rtigen, dass technologischer Fortschritt seit jeher den von Natur aus eng umrissenen Horizont des Menschen erweitert hat. Ein Bereich, in dem dies besonders deutlich ins Auge springt, ist die Erschlie\u00dfung des geographischen und astronomischen Raums. Sieht man von den Angeh\u00f6rigen der Nomadenv\u00f6lker ab, spielte sich das Leben des Individuums fr\u00fcher zumeist auf eng umgrenztem Terrain ab. Reisen waren langwierige, kostspielige und beschwerliche Unterfangen, und der Zugang zu Transportmitteln wie Pferden oder Kutschen stand nur wenigen Privilegierten offen. Erst die verkehrstechnische Erfindung der \u00dcberseeschifffahrt schuf die M\u00f6glichkeit, dem Drang zur Eroberung des Raums auch im interkontinentalen Ma\u00dfstab nachzukommen. Durch den Bau umfangreicher Eisenbahnnetze im 19. Jahrhundert und durch den Automobil- und Flugverkehr des 20. Jahrhunderts hat sich die gro\u00dffl\u00e4chige Inbesitznahme des planetaren Raums dann schlie\u00dflich zu einem globalen Massenph\u00e4nomen entwickelt.<\/p>\n<p>Ein weiterer technischer Meilenstein bestand in der Entwicklung moderner Raketenantriebe. Mit der Erkundung der Stratosph\u00e4re in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und der anschlie\u00dfenden Landung auf dem Mond sind bereits erste Schritte hin zu einer Erschlie\u00dfung des Weltraums durch den Menschen erfolgt. Das 21. Jahrhundert wird voraussichtlich in dieser Hinsicht weiteren signifikanten Fortschritt bringen. Expeditionen zum Mars und dar\u00fcber hinaus werden die Grenzen des durch Reisen erfahrbaren Raums weiter und weiter ausdehnen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu diesen beeindruckenden Erfolgen beim Transzendieren r\u00e4umlicher Grenzen hat es seit dem Aufkommen der ersten Hochkulturen kaum wesentlichen Fortschritt bei der \u00dcberwindung der zweiten fundamentalen Begrenzung gegeben, der unsere naturw\u00fcchsige Existenzform unterliegt: des zeitlichen Rahmens, in dem sich ein menschliches Leben abspielt. Auch wenn seit der Steinzeit die durchschnittliche Lebenserwartung des Individuums vor allem in den entwickelten Industrienationen betr\u00e4chtlich zugenommen hat, ist die maximale Lebensspanne, die ein Mitglied der Spezies Homo sapiens durchlaufen kann, im Prinzip unver\u00e4ndert geblieben. Sie betr\u00e4gt nach wie vor wenig mehr als 100 Jahre. Ein Alter von 90 oder sogar von mehr als 100 Jahren haben zum Beispiel laut \u00dcberlieferung bereits die antiken Philosophen Demokrit und Gorgias erreicht.<\/p>\n<p>Gel\u00e4nge es den Life Sciences, eine signifikante Ausweitung des chronologischen Rahmens zu erreichen, in dem das Leben des Individuums sich vollziehen kann, so w\u00e4re dies ein technologisches Unterfangen, das \u2013 in Analogie zu der bereits Wirklichkeit gewordenen Eroberung des Raums \u2013 in einem bestimmten Sinne einer Eroberung der Zeit gleichk\u00e4me. Zwischen Raum und Zeit bestehen allerdings auch wichtige Unterschiede. Dies gilt vor allem f\u00fcr unser subjektives Verh\u00e4ltnis zu r\u00e4umlichen und temporalen Distanzen. W\u00e4hrend wir uns im Raum im Prinzip beliebig bewegen k\u00f6nnen, l\u00e4sst unsere lebensgeschichtliche \u201eReise\u201c durch die Zeit zum Beispiel keine Richtungsumkehr zu. Daher kann die hier herangezogene Analogie nur mit Einschr\u00e4nkungen G\u00fcltigkeit beanspruchen. Dennoch bilden Raum und Zeit die fundamentalen Koordinaten der erfahrbaren Welt, auf deren Achsen zugleich die allgemeinsten Grenzen gezogen sind, die den Horizont unseres Lebens umrei\u00dfen. Mit einer Ausdehnung der individuell erlebbaren Zeitspanne w\u00e4re die Stellung, die der Mensch innerhalb des Kosmos einnimmt, daher endg\u00fcltig aus ihren naturw\u00fcchsigen Angeln gehoben.<\/p>\n<p>Wissenschaftliche Grundlage derartiger spekulativer Szenarien ist die immer umfangreichere Erforschung der evolutionsbiologischen, genetischen und molekularen Grundlagen des Alterns, die sich die neu entstandene Disziplin der Biogerontologie zum Ziel gesetzt hat. Nicht wenige Vertreter dieser Disziplin gehen davon aus, dass man die komplexen Ursachen des Alterns in absehbarer Zeit vollst\u00e4ndig verstanden haben wird. Ist jedoch erst einmal genau bekannt, warum Menschen altern, sollte es, so die naheliegende \u00dcberlegung, im Prinzip auch m\u00f6glich sein, in die kausal zugrunde liegenden Prozesse einzugreifen und diese zu entschleunigen, anzuhalten oder zu revidieren. Die Folge eines derartigen Eingriffs w\u00e4re eine signifikante Steigerung der m\u00f6glichen Lebensdauer \u00fcber das bisher geltende Limit hinaus. Neue Methusalems, die ein Alter von 140, 150 oder 180 Jahren erreichen, w\u00e4ren in diesem Fall denkbar. Autoren wie Aubrey de Grey oder Ray Kurzweil fassen f\u00fcr die fernere Zukunft sogar die noch radikalere M\u00f6glichkeit ins Auge, Menschen in den Zustand biologischer Unsterblichkeit zu versetzen, womit ein Zustand gemeint ist, in dem keinerlei Alterung mehr stattfindet. Letzteres k\u00e4me einer vitalen Existenz ohne fixe zeitliche Obergrenze gleich. Allerdings gilt es hervorzuheben, dass auch biologisch unsterbliche Menschen im Prinzip verwundbare Gesch\u00f6pfe blieben und daher ebenfalls irgendwann \u2013 beispielsweise durch Unf\u00e4lle, Kriege, Naturkatastrophen oder neuartige behandlungsresistente Killerviren \u2013 dem Tod zum Opfer fielen.<\/p>\n<p>Bei n\u00fcchterner Betrachtung und einer durchaus gebotenen Skepsis gegen\u00fcber allzu k\u00fchnen und vollmundigen Fortschrittsversprechen erscheinen diese extremeren Szenarien aus heutiger Sicht freilich noch recht weit hergeholt. Was hingegen zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt weniger weit hergeholt erscheint, ist die grunds\u00e4tzliche Aussicht, in nicht allzu ferner Zukunft in den menschlichen Seneszenzprozess wirksam eingreifen und diesen verz\u00f6gern zu k\u00f6nnen, auch wenn die so erzielbare Verlangsamung des Alterns und der daraus resultierende Aufschub von physischem Verfall und Tod sich anfangs in einem eher begrenzten Rahmen bewegen d\u00fcrften. Doch selbst eine zun\u00e4chst blo\u00df bescheidene Ausdehnung der menschlichen Lebensspanne, die \u00fcber das bisherige Maximalalter von 120 Jahren hinausreicht, w\u00fcrde den Auftakt zu einem grunds\u00e4tzlich neuartigen technologischen Eroberungsfeldzug bilden. Sie bedeutete den ersten Schritt des Homo sapiens auf einem Weg, der zur systematischen Inbesitznahme von mehr Lebenszeit f\u00fchrt, als die biologische Natur ihm zumisst. Dieses prometheische Unterfangen k\u00e4me dem Vorsto\u00df in neues, bis dato noch unerschlossenes Terrain gleich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Realistische und unrealistische Szenarien<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zugleich ist eines klar hervorzuheben: Jede noch so radikale Ausdehnung der biologischen Lebensspanne, die in der ferneren Zukunft in die Reichweite unserer technologischen M\u00f6glichkeiten r\u00fccken k\u00f6nnte, und jeder noch so rigorose Eingriff in die Mechanismen des Alterns werden uns immer nur in die Lage versetzen, unsere endliche Lebensdauer zu steigern. Ein Sieg \u00fcber den Tod als solchen l\u00e4sst sich dadurch nicht erringen. Ein zeitlich unbegrenztes Dasein, das ein irdisches \u00c4quivalent zu jenem \u201eewigen Leben\u201c darstellen w\u00fcrde, das die Lehrgeb\u00e4ude mancher Religionen verhei\u00dfen, kann es daher nicht geben. Dem steht allein schon das kosmische Entropiegesetz entgegen, das die zeitlich unlimitierte Fortexistenz komplexer Organismen innerhalb des nat\u00fcrlichen Universums ausschlie\u00dft. Ein weiterer Grund, der gegen die Hoffnung spricht, dem Tod lasse sich mit biomedizinischen Mitteln definitiv das Handwerk legen, besteht darin, dass \u2013 auch unabh\u00e4ngig von den Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der Thermodynamik \u2013 innerhalb des physikalischen Kosmos, in dem gewaltige Kr\u00e4fte herrschen, die intelligente Wesen niemals vollst\u00e4ndig unter Kontrolle bringen k\u00f6nnen, Einzeldinge im Prinzip kaputt gehen k\u00f6nnen. Auch wir Menschen werden jedoch stets solche Einzeldinge bleiben, die im Prinzip der Zerst\u00f6rung anheimfallen k\u00f6nnen, wie radikal auch immer wir unsere K\u00f6rper auf biotechnischem Wege ummodeln oder im Zuge anders gearteter Optimierungsma\u00dfnahmen nachr\u00fcsten m\u00f6gen. Man denke nur an m\u00f6gliche Meteoriteneinschl\u00e4ge auf der Erde oder an den in fernerer Zukunft bevorstehenden Kollaps des Sonnensystems, der jegliches Leben auf der Erde sowie auch auf s\u00e4mtlichen eventuell besiedelbaren Nachbarplaneten unabwendbar ausl\u00f6schen wird.<\/p>\n<p>Mithin wird die Verl\u00e4ngerung des Lebens einen endlichen Zeithorizont nicht \u00fcberschreiten k\u00f6nnen. Am Ende der Wegstrecke wartet der Tod. Eine Versetzung in den Zustand der Unsterblichkeit ist nur in dem zuvor erw\u00e4hnten, eingeschr\u00e4nkten Sinne denkbar, in dem Vertreter der Life Sciences von \u201ebiologischer Unsterblichkeit\u201c sprechen. Eine dar\u00fcber hinausgehende, gleichsam metaphysische Unsterblichkeit kann es hingegen nicht nur aus den bereits angef\u00fchrten physikalischen Gr\u00fcnden nicht geben. Ihr steht zus\u00e4tzlich ein logisches Hindernis im Weg: Solange der Mensch zur Kategorie der Lebewesen z\u00e4hlt, bleibt seine Sterblichkeit eine konzeptuelle Notwendigkeit. Denn ein Lebewesen ist unter anderem durch den Tatbestand definiert, dass es seine Selbsterhaltung durch Stoffwechsel vollzieht. Dies bedeutet, dass es auf die stetige Zufuhr \u00e4u\u00dferer Ressourcen angewiesen ist. Da diese Zufuhr gekappt werden kann, bleibt der Mensch in seiner Eigenschaft als Lebewesen notwendigerweise vom Tod bedroht und in diesem Sinne sterblich. Ein unsterblicher Mensch ist folglich eine in sich widersinnige Vorstellung. Was daher vern\u00fcnftigerweise allein Gegenstand spekulativer Zukunftsszenarien sein kann, ist eine zeitlich begrenzte Form der Lebensverl\u00e4ngerung unter den Bedingungen fortw\u00e4hrender Sterblichkeit.<\/p>\n<p>Dieser Konsequenz versuchen allerdings manche Anh\u00e4nger des Transhumanismus \u2013 darunter radikale Technologiefreaks aus dem Silicon Valley \u2013 durch die Vorstellung zu entgehen, der eigentliche Kern der menschlichen Person sei eine Art Identit\u00e4ts-Software, die auf dem biologischen Computer unseres Gehirns l\u00e4uft. Dieser Kern unseres Ich lasse sich da-her in eine andere, nichtbiologische und somit wesentlich robustere Form der Hardware \u00fcberf\u00fchren. Bei dieser Vision einer kybernetischen Transformation des Selbst handelt es sich jedoch um ein weiteres bereits in logischer Hinsicht unsinniges Szenario der Lebensverl\u00e4ngerung. Es ist hier nicht der richtige Ort, um die krude funktionalistische Theorie des Geistes, die ihm zugrunde liegt, im Einzelnen der Kritik zu unterziehen. Es soll daher der Hinweis gen\u00fcgen, dass eine Konzeption des Mentalen und der Person als downloadbarem Programm unl\u00f6sbaren systematischen Schwierigkeiten ausgesetzt ist. Der Grundgedanke einer solchen Konzeption besteht darin, dass sich alle relevanten mentalen Zust\u00e4nde und Akte, die unser geistiges Leben ausmachen, letztlich als funktionale Einheiten eines entsprechenden Programms verstehen lassen. Dieser Vorstellung steht jedoch allein schon die komplexe qualitative Vielfalt mentaler Ph\u00e4nomene und Zust\u00e4nde im Wege, die so unterschiedliche Dinge wie Gedanken, Absichten, Empfindungen, Gef\u00fchle, Selbstbewusstsein und so weiter umfasst und die sich einer systematischen Reduktion auf funktional definierbare Zust\u00e4nde eines einheitlichen Typus widersetzt.<\/p>\n<p>Eine funktionale Analyse kann nach dem heutigen Stand der philosophischen Diskussion bestenfalls f\u00fcr repr\u00e4sentationale Zust\u00e4nde \u2013 wie etwa \u00dcberzeugungen, W\u00fcnsche oder Absichten \u2013 gelingen, und dies auch nur, sofern der funktionale Code zugleich auch Inputwege seitens der wahrnehmbaren Umwelt sowie reaktive Verhaltensoutputs festlegt. F\u00fcr qualiaartige Empfindungen hingegen \u2013 wie Zahnschmerzen oder wie das Gef\u00fchl, Schmetterlinge im Bauch zu haben \u2013 erscheint eine funktionale Erkl\u00e4rung, die diese Ph\u00e4nomene letztlich auf blo\u00dfe kausale Effekte innerhalb eines komplizierten Netzwerks von Zust\u00e4nden reduzieren m\u00fcsste, aussichtslos. \u00c4hnliches trifft auf den dichten ph\u00e4nomenalen Gehalt unseres sinnlich wahrnehmenden Bewusstseins zu, wie er etwa bei der Betrachtung einer bl\u00fchenden Obstwiese oder dem Bestaunen eines raffinierten Feuerwerks gegeben ist. Und auch f\u00fcr die eigent\u00fcmliche Form der selbstreferenziellen Beziehung, die unser Geist zu sich selbst in Gestalt der Selbsttransparenz seiner Zust\u00e4nde und des personalen Ichbewusstseins unterh\u00e4lt, hat noch kein Philosoph eine \u00fcberzeugende funktionale Analyse angeboten, die die \u00dcbersetzung dieser Beziehung in einen kybernetischen Programmzustand gestatten w\u00fcrde. Dar\u00fcber hinaus lehren sprachanalytische Untersuchungen von Philosophen wie Wittgenstein oder Strawson, dass die gesamte mentale Sph\u00e4re nicht von einer leiblich verfassten, sozialen Lebensform abl\u00f6sbar ist und dass dar\u00fcber hinaus das Personalpronomen \u201eich\u201c auf eine kontinuierlich persistierende Entit\u00e4t Bezug nimmt, die leibliche und geistige Eigenschaften gleichurspr\u00fcnglich in sich vereint und folglich nicht ohne begriffliche Verzerrung als Moment eines abstrakt verstandenen Programms gedacht werden kann.<\/p>\n<p>Diese Bemerkungen sollten ausreichen, um einsichtig werden zu lassen, dass man bei der Beantwortung der Frage, ob lebensverl\u00e4ngernde Technologien in Zukunft die Essenz des Menschen ver\u00e4ndern und uns in eine andere Art von Wesen transformieren k\u00f6nnten, die zuletzt angef\u00fchrten, gespenstisch anmutenden Visionen aus dem Silicon Valley getrost beiseitelassen darf. Der vern\u00fcnftige Kern dieser Frage reduziert sich auf das Problem, ob wir dann, wenn wir im Gewand unserer herk\u00f6mmlichen, biologischen und sterblichen Leiblichkeit wesentlich l\u00e4nger am Leben blieben als bisher, dadurch dennoch eine Transformation in trans- oder posthumane Wesen erfahren w\u00fcrden, oder ob unsere Zukunft dann nach wie vor im vollen Sinne des Wortes eine menschliche w\u00e4re. Weiter oben hatte ich festgestellt, dass durch die Ausweitung des erlebbaren Zeithorizonts die Stellung, die der Mensch innerhalb des Kosmos einnimmt, endg\u00fcltig aus ihren naturw\u00fcchsigen Angeln gehoben w\u00e4re. Die ebenso schwierige wir dringliche philosophische Frage, die sich im Anschluss daran stellt, lautet also, ob der Mensch damit nicht zugleich auch aus den Angeln seines eigentlichen Menschseins gehoben w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Lebensverl\u00e4ngerung und Posthumanit\u00e4t<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die biotechnische Ausweitung der Lebenspanne wird h\u00e4ufig \u2013 und zwar nicht zuletzt auch von Vertretern der transhumanistischen Bewegung \u2013 als Form des Enhancement tituliert \u2013 was auf Deutsch so viel bedeutet wie Verbesserung. Die unterstellte Verbesserung scheint auf den ersten Blick einen Grund zu liefern, in einer solchen Ma\u00dfnahme den \u00dcbergang in eine Form des \u00dcbermenschentums zu erblicken. Allerdings ist der etablierte Enhancement-Diskurs vieldeutig: Im Zusammenhang mit Human Enhancement ist sowohl von Verbesserungen unserer F\u00e4higkeiten und Leistungen die Rede, als auch, allgemeiner, von einer Verbesserung unserer selbst, als auch von einer Verbesserung der conditio humana und \u00dcberwindung der nat\u00fcrlichen Begrenzungen, denen unsere Existenzform unterliegt. Hierbei handelt es sich jedoch um insgesamt drei voneinander zu unterscheidende Dinge. So ist etwa nicht jede Verbesserung unserer selbst ihrem Begriff nach eine Verbesserung unserer F\u00e4higkeiten. F\u00fcr die Perfektionierung unseres Aussehens, die als typische Enhancement-Ma\u00dfnahme angesehen wird, gilt dies zum Beispiel nicht.<\/p>\n<p>Erst recht liegt nun jedoch auf der Hand, dass nicht jede Verbesserung der menschlichen Lebenssituation, die bisher vorhandene Beschr\u00e4nkungen transzendiert, eine Form der Verbesserung unserer F\u00e4higkeiten oder auch nur eine Verbesserung unserer selbst darstellt. Dies wird gerade dann besonders deutlich, wenn man den Fall der Lebensverl\u00e4ngerung betrachtet. Bei einem biotechnischen Aufschub des Todes handelt es sich zweifellos um die \u00dcberwindung einer naturgegebenen Begrenzung. Auch kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass ein verl\u00e4ngertes Leben in mancherlei Hinsicht eine verbesserte M\u00f6glichkeit bedeutet, dem eigenen Leben Qualit\u00e4t zu verleihen. Zum Beispiel hat, wer l\u00e4nger lebt, mehr Zeit, die G\u00fcter des Lebens zu genie\u00dfen, oder er kann zwischenmenschliche Beziehungen l\u00e4ngerfristig entwickeln und dadurch vertiefen. Beides, sowohl die \u00dcberwindung der naturw\u00fcchsigen Begrenzung unserer Lebensspanne als auch die Steigerung der eudaimonistischen M\u00f6glichkeiten, l\u00e4sst sich jeweils als Verbesserung der Conditio Humana charakterisieren. Per se beinhalten diese Modifikationen jedoch keine Steigerung irgendwelcher F\u00e4higkeiten im Sinne gesteigerter Leistungsverm\u00f6gen. Vielmehr ist ebenso gut eine dauerhaftere Existenz bei exakt gleichbleibenden F\u00e4higkeiten vorstellbar.<\/p>\n<p>Eine Quelle m\u00f6glicher Verwirrung liegt allerdings darin, dass etliche Autoren diejenigen Eingriffe, die sie unter dem Stichwort Enhancement diskutieren und in denen sie nicht selten zugleich Schritte auf dem Weg in eine trans- oder posthumane Zukunft erblicken, in Form einer Liste pr\u00e4sentieren, die neben der Verl\u00e4ngerung des Lebens noch eine Reihe anderer Elemente enth\u00e4lt. Auf dieser kanonischen Liste finden wir zumeist auch die Perfektionierung physischer F\u00e4higkeiten (wie zum Beispiel die Verbesserung der Kontrolle von K\u00f6rperfunktionen oder gesteigerte Kraft), den Ausbau kognitiver Verm\u00f6gen (etwa k\u00fcnstlich gesteigerte Intelligenz und Ged\u00e4chtniskapazit\u00e4t sowie gegebenenfalls auch neuartige Wahrnehmungsf\u00e4higkeiten) sowie eine emotionale Optimierung, die etwa durch geeignete Psychodrogen bewirkt werden soll (etwa mehr Lebensfreude und weniger Stimmungsschwankungen).<\/p>\n<p>Nun steht au\u00dfer Frage, dass die Aufr\u00fcstung unserer physischen und kognitiven F\u00e4higkeiten eine Steigerung unserer Leistungsverm\u00f6gen darstellt. A forteriori sind entsprechende Eingriffe daher zugleich geeignet, als Verbesserungen unserer selbst zu gelten. Sofern nun die Verl\u00e4ngerung des Lebens Teil eines Gesamtpakets optimierender Ma\u00dfnahmen ist, das zus\u00e4tzlich die gerade genannten Ver\u00e4nderungen beinhaltet, gilt dasselbe nat\u00fcrlich auch f\u00fcr dieses Gesamtpaket.<\/p>\n<p>Wird jedoch die Ausdehnung der menschlichen Lebensspanne in Isolation von den \u00fcbrigen Elementen des transhumanistischen Ma\u00dfnahmenkatalogs betrachtet, liegen die Dinge anders. Es ist offenkundig, dass die verl\u00e4ngerte Dauer des Daseins als solche noch keine Verbesserung unserer Leistungsf\u00e4higkeiten bedeutet, solange sie nicht von zus\u00e4tzlichen Ver\u00e4nderungen flankiert wird, die sich ebenfalls in der oben erw\u00e4hnten Liste finden. Hierf\u00fcr spricht schon die einfache \u00dcberlegung, dass der Umstand, dass ein Individuum l\u00e4ngerfristig existiert, ganz generell dessen intrinsischen Attributen nichts hinzuf\u00fcgt. Wird zum Beispiel von zwei typidentischen fabrikneuen Motorr\u00e4dern eines unmittelbar nach dem Kauf in die Luft gesprengt, w\u00e4hrend das zweite \u00fcber Jahre hinweg unbenutzt in einer Garage herumsteht, so wird das letztere Gef\u00e4hrt dadurch im Vergleich zu dem ersteren weder zu einem gr\u00f6\u00dferen, noch zu einem schnelleren noch zu einem bequemeren Fortbewegungsmittel. Vielmehr bleiben seine qualitativen Merkmale von seiner l\u00e4ngerfristigen Persistenz g\u00e4nzlich unber\u00fchrt. Da dies generell gilt, beinhaltet die dauerhaftere Existenz einer Entit\u00e4t als solche erst recht keine ver\u00e4nderten oder hinzutretenden intrinsischen F\u00e4higkeiten.<\/p>\n<p>Diese \u00dcberlegung l\u00e4sst sich untermauern, wenn man die alte scholastische Unterscheidung zwischen existentia und essentia heranzieht. Bei der existentia einer Sache handelt es sich um ihr blo\u00dfes Dasein oder Dass-Sein, w\u00e4hrend unter ihrer essentia ihr Sosein beziehungsweise ihre qualitative Beschaffenheit oder Wesensnatur verstanden wird. Eine Verl\u00e4ngerung unseres Lebens, die nicht von irgendwelchen anderweitigen biotechnischen Eingriffen begleitet wird, die unsere F\u00e4higkeiten ver\u00e4ndern, stellt, so k\u00f6nnte man nun sagen, in einem gewissen Sinne lediglich eine Modifikation unserer existentia dar und noch keine Modifikation unserer essentia, unserer Wesensmerkmale. Insofern scheint sie nicht geeignet, die Rede vom \u00dcbergang in eine trans- oder posthumane Lebensform zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Diesem Argument l\u00e4sst sich allerdings auf den ersten Blick eine andere \u00dcberlegung entgegenhalten. Sie kn\u00fcpft an dasjenige an, wovon zuvor bereits die Rede war: Dass uns n\u00e4mlich eine erweiterte Lebensspanne in die Lage versetzen w\u00fcrde, unsere Anlagen und F\u00e4higkeiten in breiterer Form zur Entfaltung und dabei die kulturell bedingten Potenziale unserer spezifisch menschlichen Lebensform vollumf\u00e4nglicher zur Geltung zu bringen. Hierdurch lie\u00dfe sich, so hatten wir gesehen, in einem gewissen Sinne das Missverh\u00e4ltnis, das antike Denker zwischen der K\u00fcrze des Lebens und der Langwierigkeit der Kunst erblickt haben, aufheben. W\u00fcrden wir diese Chance jedoch ergreifen, w\u00fcrden wir, so k\u00f6nnte man meinen, durch die Ausbildung zus\u00e4tzlicher Fertigkeiten \u2013 beispielsweise durch das professionelle Erlernen eines Musikinstruments oder einer psychotherapeutischen T\u00e4tigkeit \u2013 unsere Verm\u00f6gen und damit dann wohl doch auch unsere essentia modifizieren.<\/p>\n<p>Hierzu ist zweierlei zu sagen: Zum einen schafft der Zugewinn vitaler Lebenszeit bestenfalls die Voraussetzungen f\u00fcr eine solche breitere Entfaltung humaner F\u00e4higkeiten, f\u00fchrt jedoch nicht per se schon notwendig zu diesem Ergebnis. Und zum anderen gilt: Wer im Fortgang des Lebens einen gr\u00f6\u00dferen Anteil dessen realisiert, was als grunds\u00e4tzliches Potenzial in unserer kulturell vermittelten Lebensform angelegt ist, der modifiziert zwar ein St\u00fcck weit seine individuelle Beschaffenheit \u2013 und in diesem Sinne auch sein individuelles Sosein. Doch, indem er dadurch lediglich dasjenige in vollumf\u00e4nglicher Form zur Geltung bringt, was sich als das soziokulturell gepr\u00e4gte menschliche Ergon auffassen l\u00e4sst, ist diese Modifikation gerade keine Wesensver\u00e4nderung, die ihn in einen posthumanen Zustand versetzt. Vielmehr kann er auf diese Weise in einem vollumf\u00e4nglicheren Sinne Mensch werden. Bei dem Projekt der Lebensverl\u00e4ngerung handelt es sich daher, so meine zentrale These, richtig verstanden, um ein genuin humanistisches und folglich gerade um kein transhumanistisches Projekt. Dies gilt jedenfalls so lange, solange der Aufschub des Todes ma\u00dfgeblich von der Idee motiviert ist, unsere erste, unsere biologische Natur mit unserer zweiten Natur \u2013 unserer kulturellen Formung und deren Potenzialen \u2013 st\u00e4rker in Einklang zu bringen. Zu einer transhumanistischen und damit monstr\u00f6sen Vision verkommt dieses Projekt erst dann, wenn die gesteigerte Langlebigkeit durch Enhancementma\u00dfnahmen im engeren Sinne erg\u00e4nzt wird, die unsere physische, kognitive und seelische Verfassung systematisch ummodeln<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Biologische und anthropologische Posthumanit\u00e4t<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend m\u00f6chte ich noch einen anderen Gesichtspunkt zur Sprache bringen: Es gilt zu unterscheiden zwischen einer \u00dcberschreitung der rein biologisch verstandenen Speziesgrenze und einer Verabschiedung der menschlichen Lebensform, die in einer \u00dcberschreitung unserer anthropologischen Wesensbestimmungen besteht. Dementsprechend kann von biologischer Posthumanit\u00e4t auf der einen und von anthropologischer Posthumanit\u00e4t auf der anderen Seite gesprochen werden. Auch wenn die anthropologischen Wesensbestimmungen des Menschen unter anderem durch die biologischen Charakterz\u00fcge vorgegeben sind, umfasst das anthropologische Selbstverst\u00e4ndnis des Menschen weitaus mehr als lediglich die Einheit seiner naturw\u00fcchsig-biologischen Merkmale. Der Bereich derjenigen Attribute, die uns als rational reflektierende und zukunftsorientierte Personen auszeichnen, z\u00e4hlt hierzu ebenso wie die F\u00fclle all jener anthropologisch bedeutsamen Charakteristika, die uns in Form der bereits diskutierten allgemeinen Potenziale des Menschseins durch sprachliche Sozialisation und kulturelle \u00dcberlieferung vermittelt werden. Unabh\u00e4ngig von und zus\u00e4tzlich zu der Frage, ob die Anwendung radikaler Anti-Aging-Ma\u00dfnahmen uns in biologischer Hinsicht mit posthumanen Z\u00fcgen vers\u00e4he, stellt sich daher die Frage, inwieweit damit wom\u00f6glich eine Ummodelung unseres Wesens hin zu einer spezifisch anthropologisch verstandenen Form der Posthumanit\u00e4t verbunden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Zwar haben wir bereits gesehen, dass die breitere Manifestation der kulturell bedingten Potenziale unserer Lebensform, zu der ein Zugewinn an Lebenszeit dem Einzelnen verhelfen kann, es gerade nicht rechtfertigt, eine derartige Konsequenz zu ziehen. Vielmehr versetzt uns diese Form der lebenspraktischen Horizonterweiterung in die Lage, vollumf\u00e4nglicher das zu werden, was wir unserem Ergon gem\u00e4\u00df eigentlich sind. Neben der Vielfalt unserer kulturellen Potenziale gibt es jedoch noch ein alternatives anthropologisches Charakteristikum, bei dessen Ber\u00fccksichtigung man zu tendenziell entgegengesetzten Ergebnissen gelangt. Es besteht in der besonderen Form der Zeitlichkeit unserer Existenz: Aufgrund unserer Eigenschaft, rationale Personen zu sein, ist unser Dasein einem chronologischen Orientierungshorizont unterstellt, der einen bewussten Zukunftsbezug einschlie\u00dft, welcher sich nicht zuletzt auf das je eigene zuk\u00fcnftige Sein erstreckt. Dieser Zeitlichkeitsmodus der Zukunftsgerichtetheit durchwirkt unser gesamtes praktisches Tun. Er sorgt daf\u00fcr, dass wir nicht lediglich w\u00e4hrend einer bestimmten Zeitspanne existieren, sondern, dass wir uns \u2013 anders als rein biologische Organismen und andere nichtrationale Entit\u00e4ten \u2013 im praktischen Vollzug unserer Existenz zur Dauer unserer Existenz verhalten. Wir entwerfen uns in unserem Handeln stets auf eine endliche Zukunft hin, deren groben zeitlichen Umfang wir dabei unausdr\u00fccklich antizipieren. Diese Form des praktischen Sich-zu-sich-Verhaltens als eines Verhaltens zur eigenen zuk\u00fcnftigen Existenz geh\u00f6rt zu unseren fundamentalsten Wesensz\u00fcgen. Zwar z\u00e4hlt sie nicht bereits zu unseren konstitutiven Merkmalen als biologischer Spezies; sie ist jedoch als wichtiges anthropologisches Charakteristikum anzusehen. Zugleich handelt sich um ein Charakteristikum, das die zuvor angef\u00fchrte logische Trennung von Existenz und Essenz im Fall des Menschen mit einer gewissen Einschr\u00e4nkung versieht.<\/p>\n<p>Es ist dieser Sachverhalt, der es denkbar erscheinen l\u00e4sst, dass eine extremere Ausdehnung der Lebensspanne \u2013 selbst wenn davon diejenigen Merkmale, die uns als biologische Organismen speziestypisch auszeichnen, unber\u00fchrt bleiben sollten \u2013 unsere anthropologischen Wesensbestimmungen dennoch nachhaltig affiziert. Dies w\u00e4re dann der Fall, wenn die Art des Vollzugs unserer Existenz durch die zeitliche Entgrenzung der Lebenserwartung eine grundlegende Modifikation erf\u00fchre. Um die Frage beantworten zu k\u00f6nnen, ob die Verl\u00e4ngerung des Lebens in anthropologischer Hinsicht dem \u00dcbergang in eine posthumane Daseinsweise gleichk\u00e4me, muss man daher unter anderem pr\u00fcfen, inwieweit die Art und Weise des Vollzugs unserer Existenz hiervon ber\u00fchrt w\u00e4re.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang ist es nicht zuletzt erforderlich, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, die der existenzialistischen Tradition entstammen. Sie besagen, dass ein unbefristetes oder weniger knapp befristetes Dasein zwangsl\u00e4ufig zur Erstarrung in totaler Langeweile, Gleichg\u00fcltigkeit und Teilnahmslosigkeit f\u00fchren w\u00fcrde beziehungsweise dass der Vollzug unserer Existenz seine spezifische Ernsthaftigkeit einb\u00fc\u00dfen w\u00fcrde, die dem Erfordernis entspringt, angesichts der unentrinnbaren Knappheit der Lebenszeit ohne M\u00f6glichkeit des Aufschubs im Hier und Jetzt zu handeln. Tr\u00e4fe dies zu, w\u00e4re dies f\u00fcr unsere Fragestellung ohne Zweifel relevant. Denn ein Dasein, dessen Vollzug seinen Antrieb nicht l\u00e4nger durch entschlossen verfolgte Interessen erhielte, die einem langfristigen Lebensentwurf \u2013 oder auch nur einem signifikanten Zukunftsentwurf \u2013 motivationale Orientierung bieten, unterschiede sich so deutlich von der uns vertrauten Form, die eigene Existenz zu gestalten, dass wom\u00f6glich bereits damit die anthropologisch verstandenen Grenzen des Menschseins \u00fcberschritten w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hier jedoch noch einen anderen Grundzug des humanen Daseins thematisieren, der ebenfalls mit der besonderen Zeitlichkeit unserer Existenz verkn\u00fcpft ist, und zwar seine spezifisch narrative Dimension. Philosophen haben immer wieder darauf hingewiesen, dass das menschliche Leben narrativ strukturiert ist. Das hei\u00dft, dass seine unterschiedlichen Inhalte nicht einfach nur chronologisch aufeinanderfolgen, sondern einen st\u00e4rker integrierten Sinnzusammenhang bilden, wie er f\u00fcr eine erz\u00e4hlbare Geschichte charakteristisch ist. Manche Autoren behaupten sogar, dass wir unser Leben mehr oder weniger ausdr\u00fccklich im Modus einer autobiographisch erz\u00e4hlten Geschichte f\u00fchren. Alasdair MacIntyre hat hierf\u00fcr die griffige Formel gepr\u00e4gt: \u201eDer Mensch ist wesentlich ein Geschichten erz\u00e4hlendes Tier.\u201c<\/p>\n<p>Wenn nun tats\u00e4chlich der prospektive Entwurf und die retrospektive Selbstvergegenw\u00e4rtigung der je eigenen Lebensgeschichte zum spezifischen Modus unserer Zeitlichkeit und somit zu unseren anthropologischen Wesensbestimmungen z\u00e4hlen, stellt sich die Frage, inwieweit dieser Wesenszug durch ein zeitlich st\u00e4rker ausuferndes Dasein tangiert sein k\u00f6nnte. Zun\u00e4chst liegt hierbei folgender Gedanke nahe: Wenn das eigene Leben die spezifische Einheit einer erz\u00e4hlbaren Geschichte aufweisen muss, um ein wahrhaft menschliches Leben zu sein, dann muss diese Einheit offenbar auf einer gewissen Koh\u00e4renz der Erfahrungs- und Bet\u00e4tigungsinhalte des Lebens basieren. An welchem Kriterium bemisst sich jedoch die erforderliche Koh\u00e4renz? Klar scheint, dass nicht gemeint sein kann, dass man im Leben die ganze Zeit dieselben Dinge tut oder erlebt: dass man zum Beispiel jeden Tag damit verbringt, an der B\u00f6rse Handel zu treiben, und im Urlaub immer an die Adria f\u00e4hrt. Denn dann w\u00e4re das Gebot der narrativen Koh\u00e4renz lediglich ein Garant f\u00fcr Langeweile und \u00d6dnis im Leben.<\/p>\n<p>Eine Alternative besteht darin, die narrative Koh\u00e4renz der Lebensgeschichte an einem teleologischen Gro\u00dfprojekt festzumachen, an einer \u00fcberordneten Zielsetzung, die durch das gesamte Leben hindurchgreift. Ein solches Gro\u00dfprojekt ist n\u00e4mlich imstande, die einzelnen, zeitlich auseinanderliegenden Aktivit\u00e4ten des Daseins zu Elementen eines genuinen Sinnzusammenhangs zu b\u00fcndeln, indem es sie zu Schritten im Prozess der allm\u00e4hlichen Verwirklichung des \u00fcbergeordneten Ziels macht. Wer zum Beispiel von jungen Jahren an das Ziel verfolgt, Chefarzt einer Klinik zu werden, muss zun\u00e4chst eine medizinische Ausbildung absolvieren, anschlie\u00dfend untergeordnete Positionen in der \u00e4rztlichen Hierarchie einnehmen, um sich schlie\u00dflich allm\u00e4hlich auf den gew\u00fcnschten Posten emporzuarbeiten. All diese Aktivit\u00e4ten erhalten durch die sp\u00e4tere Erreichung des Ziels dann einen r\u00fcckwirkenden Sinn und bilden mit den sp\u00e4teren Phasen des Lebens einen entsprechenden koh\u00e4renten Sinnzusammenhang. Philosophen bezeichnen eine solche teleologische Superstruktur, die durch die Phasen des Lebens hindurchgreift und der erz\u00e4hlbaren Lebensgeschichte dadurch eine narrative Einheit verleiht, gerne auch als Lebensplan.<\/p>\n<p>W\u00e4re nun das sukzessive Verfolgen eines solchen materialen Lebensplans erforderlich, um sich das eigene Leben als erz\u00e4hlbare Geschichte vergegenw\u00e4rtigen zu k\u00f6nnen, ist zun\u00e4chst evident, dass ein radikal verl\u00e4ngertes Leben die Bedingungen hierf\u00fcr tendenziell unterminieren w\u00fcrde. Denn ein lebens\u00fcbergreifendes Gro\u00dfprojekt l\u00e4sst sich umso schwerer planen und durchf\u00fchren, je gr\u00f6\u00dfer die zu f\u00fcllende Zeitspanne ist. Hinzu kommt, dass die breitere Entfaltung des menschlichen Ergon, zu der ein verl\u00e4ngertes Leben Gelegenheit gibt, ebenfalls eher dazu f\u00fchren wird, dass man nacheinander unterschiedliche Projekte verfolgt, die von unterschiedlichen Interessen geleitet werden. W\u00e4re also die narrative Einheit, die f\u00fcr ein genuin menschliches Daseins charakteristisch ist, tats\u00e4chlich auf ein monolithisches materiales Lebensprojekt angewiesen, erg\u00e4be sich daraus die Konsequenz, dass ein verl\u00e4ngertes Leben gerade dadurch, dass es im Sinne einer breiteren Entfaltung des menschlichen Ergon ein vertieftes Menschsein bef\u00f6rdert, zugleich eine andere wesentliche Dimension des Menschseins untergr\u00e4bt.<\/p>\n<p>Allerdings leuchtet die Pr\u00e4misse dieser \u00dcberlegung kaum ein. Denn bereits heute f\u00fchren die wenigsten Menschen ihr Leben in Orientierung an einem einzigen langfristigen Lebensentwurf und ohne innere Br\u00fcche. Dies spricht von vornherein dagegen, diejenige narrative Koh\u00e4renz des Lebens, die dem Leben den Charakter einer erz\u00e4hlbaren Geschichte verleiht, an einem konkreten materialen Lebensentwurf festzumachen. Es gibt jedoch eine systematische Alternative: Sie besteht darin, die erforderliche narrative Koh\u00e4renz bereits darin zu erblicken, dass das Leben mit der \u00fcbergreifende Zielsetzung gef\u00fchrt wird, ein im Ganzen gutes Leben zu leben. Ein solcher \u2013 wenn man so will formaler \u2013 Plot ist f\u00fcr das Dasein von nahezu jedem von uns pr\u00e4gend, und er kann sich im Prinzip durch beliebige Br\u00fcche und Umorientierungen der konkreten materialen Lebensgestaltung hindurch fortsetzen. Das eudaimonistische Streben nach einem im Ganzen guten Leben kann daher ebenso auch als Strukturprinzip f\u00fcr die erz\u00e4hlbare Lebensgeschichte von Menschen fungieren, deren Lebensspanne stark verl\u00e4ngert wurde.<\/p>\n<p>Es sieht daher so aus, als sei das anthropologische Grundmerkmal eines Lebensvollzugs, der durch die narrative Selbstvergegenw\u00e4rtigung einer einheitlichen Lebensgeschichte bestimmt wird, auch bei einem radikal verl\u00e4ngerten Leben zun\u00e4chst nicht in Gefahr. Dennoch bleibt an dieser Stelle eine wichtige Frage unbeantwortet: Was ist dann, wenn das Leben einen derart langen Zeitraum umfasst, dass Vorausschau und Erinnerung nicht einmal mehr imstande sind, das eigene Leben unter dem Gesichtspunkt eines rein formalen Gl\u00fccksucherplots in seiner Gesamtheit in den Blick zu nehmen? Wenn also das Leben dem erz\u00e4hlenden Ged\u00e4chtnis nur noch in Teilen pr\u00e4sent gemacht werden kann und keine narrative Selbsteinholung des Lebensganzen mehr m\u00f6glich ist? Sp\u00e4testens in diesem Fall, so scheint es, stellt sich die Frage, ob der \u00dcbergang zu einer anthropologisch verstandenen Form der Posthumanit\u00e4t erfolgt ist, von neuem.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Schlussgedanken<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend lohnt es sich, noch einmal kurz auf die antiken Betrachtungen zur K\u00fcrze des Lebens zur\u00fcckzukommen. Interessant ist n\u00e4mlich, dass es bereits in der Antike selbst eine Debatte dar\u00fcber gegeben hat, ob diese Behauptung zutrifft. W\u00e4hrend der Gedanke, das Leben sei zu kurz, wesentlich dem griechischen Denken entspringt, findet man bei den R\u00f6mern hierzu eine tendenziell gegenteilige Auffassung. Allen voran bei Seneca, der in seiner ber\u00fchmten Schrift \u201eDe brevitate vitae\u201c argumentiert hat, das Leben sei nur dann zu kurz, wenn man die verf\u00fcgbare Zeit nicht richtig gebrauche, andernfalls biete es uns aber mehr als gen\u00fcgend Zeit. In der heutigen Debatte ist es \u00fcblich, die Bef\u00fcrworter eines verl\u00e4ngerten Lebens auch als Prolongevitisten zu bezeichnen und diejenigen, die der Meinung sind, die nat\u00fcrliche Lebensdauer sei f\u00fcr uns ausreichend, als Apologisten \u2013 n\u00e4mlich als Verteidiger der naturw\u00fcchsigen Verh\u00e4ltnisse. Bildet man diese Konstellation kontr\u00e4rer Positionen auf die antike Kontroverse ab, l\u00e4sst sich daher sagen, dass die Griechen tendenziell Prolongevitisten waren, w\u00e4hrend die R\u00f6mer eher dem Lager der Apologisten zuzurechnen sind. Dies l\u00e4sst es reizvoll erscheinen, heutigen apologistischen Kritikern des Bestrebens, die humane Lebenspanne mit Mitteln der Biotechnologie auszuweiten, die Frage entgegenzuhalten, wen sie denn im Allgemeinen f\u00fcr die tiefgr\u00fcndigeren philosophischen Denker halten w\u00fcrden: die Griechen oder die R\u00f6mer?<\/p>\n<p>Diese Frage ist nat\u00fcrlich nicht ganz fair gestellt. Denn selbst wenn es gerechtfertigt w\u00e4re, die R\u00f6mer im Vergleich zu den Griechen alles in allem f\u00fcr die oberfl\u00e4chlicheren Philosophen zu halten, ist der Hauptgrund f\u00fcr die beschriebene Divergenz der Positionen sicherlich darin zu sehen, dass Seneca und andere r\u00f6mische Autoren stark vom Weltbild der Stoa beeinflusst waren, w\u00e4hrend diese Denkschule zu Zeiten von Hippokrates und Theophrast noch gar nicht existierte. F\u00fcr das stoische Denken ist jedoch der Gedanke zentral, dass der Mensch im Einklang mit der Natur und den Gesetzen des Kosmos leben sollte und dass diese Gesetze im Kern auch vern\u00fcnftig sind. Diese Sicht der Dinge impliziert unter anderem, dass auch die uns naturw\u00fcchsig vorgegeben Lebensspanne nicht wirklich in einem grunds\u00e4tzlichen Missverh\u00e4ltnis zu unserem eigentlichen Wesen und seinen Potenzialen stehen kann.<\/p>\n<p>Dennoch kann man in dem Umstand, dass im antiken griechischen Denken \u2013 also in der Wiege der abendl\u00e4ndischen Vernunft und der kritischen Reflexion \u2013 relativ rasch der Gedanke von der zu knappen Befristung der humanen Existenz aufkommt, vielleicht ein Indiz daf\u00fcr erblicken, dass es sich bei der Idee, ein verl\u00e4ngertes Leben k\u00f6nne uns Menschen zutr\u00e4glich sein, nicht einfach nur um eine irregeleitete Vision transhumanistischer Sektierer handelt, sondern um einen philosophisch durchaus tiefgr\u00fcndigen Gedanken.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philosophy Days 2016<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":117800,"menu_order":1634,"template":"","meta":{"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"class_list":["post-32419","media-library","type-media-library","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","media-library-category-n-a"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - 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