{"id":32425,"date":"2023-07-17T14:37:12","date_gmt":"2023-07-17T12:37:12","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=annette-schavan"},"modified":"2026-01-16T10:38:20","modified_gmt":"2026-01-16T09:38:20","slug":"annette-schavan-zu-gast-bei-mittags-im-schloss-im-gespraech-mit-dr-florian-schuller","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/annette-schavan-zu-gast-bei-mittags-im-schloss-im-gespraech-mit-dr-florian-schuller\/","title":{"rendered":"Annette Schavan zu Gast bei Mittags im Schloss"},"content":{"rendered":"<p>Die deutsche Botschafterin am Heiligen Stuhl, Annette Schavan, war am 12. Mai 2017 in der Reihe \u201eMittags im Schloss\u201c zu Besuch in der Katholischen Akademie Bayern. Vor rund 100 G\u00e4sten aus Politik, Kirchen, Wissenschaft und Beh\u00f6rden berichtete die Botschafterin \u00fcber ihre mittlerweile fast dreij\u00e4hrige diplomatische Arbeit in Rom. Im Gespr\u00e4ch mit Akademiedirektor Dr. Florian Schuller ging Schavan unter anderem auf den \u201eKulturwechsel\u201c ein, den sie in Rom unter Papst Franziskus erlebe. Dieser wolle eine synodale Kirche \u2013 eine Idee, f\u00fcr die es in der Weltkirche \u201eviel mehr aktive Aufnahme\u201c brauche. Lesen Sie im Nachgang das leicht gek\u00fcrzte und sprachliche \u00fcberarbeitete Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Sehr verehrte Frau Botschafterin, Sie waren Landespolitikerin, Bundespolitikerin und sind jetzt im diplomatischen Dienst, an einer der exquisitesten Stellen der deutschen Diplomatie. Wie war dieser Umstieg von der Politik in die Diplomatie?<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Naja zun\u00e4chst mal war es, wie sich die meisten ja noch erinnern k\u00f6nnen, eine f\u00fcr mein Leben irritierende Situation.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Hatte aber nichts mit Rom zu tun.<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Und auch nichts mit der Politik. Aber davon war die \u00dcbergangszeit gepr\u00e4gt, und dann kam eine neue Lebensphase. Manche sagen: Politik ist das eine, Diplomatie ist das andere, beide haben doch eigentlich gar nichts miteinander zu tun. In der Politik m\u00fcsse man zuspitzen, in der Diplomatie in sechs Sprachen schweigen. Ich fand aber in der Politik immer schon Politiker, denen alle F\u00e4higkeit zur Diplomatie abgeht, eher unangenehm. Und Diplomaten, denen jedes politische Gesp\u00fcr abgeht, sind eher \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<p>Aber klar, es ist das Wegtreten von der allt\u00e4glichen B\u00fchne. Der gr\u00f6\u00dfte Unterschied besteht darin, dass das, was in einer Botschaft geschieht, eben nicht auf offener B\u00fchne geschieht. Man geht auch mit der Zeit anders um. Das bot auch mir die Chance, in dieser neuen Lebensphase noch einmal Revue passieren zu lassen, was man an Eindr\u00fccken gesammelt hatte, und sie mit dem Neuen in Verbindung zu bringen. Und dieses Neue tr\u00e4gt den sch\u00f6nen Namen \u201eHeiliger Stuhl\u201c. Da geht es um eine Diplomatie der langen Linie. Bekanntlich kommt in der katholischen Kirche nichts schnell, und das ist auch bis hin zum Heiligen Stuhl so. Aber wenn etwas geschieht, dann geschieht es nachhaltig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Sie sind engagierte Katholikin und jetzt Chefin einer Botschaft, die fr\u00fcher die Preu\u00dfische Botschaft beim Heiligen Stuhl war. Einen so katholisch dezidierten Botschafter, wie Sie es sind, hat es wahrscheinlich selten gegeben. Auf jeden Fall kein fr\u00fcheres Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Mal ganz flapsig formuliert: Hie\u00df es dann in Rom, da kommt jetzt die linke ZdK-Frau?<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Fr\u00fcher habe ich eigentlich nie \u00fcber mich geh\u00f6rt, dass ich so besonders katholisch sei (<em>lacht<\/em>). Das ist schon mal die neue Erfahrung. Es war ja sogar noch ungeschriebenes Gebot, der Botschafter, das waren immer M\u00e4nner, meistens evangelisch, und die Begr\u00fcndung lautete: \u201eSonst kommt der Botschafter ja durcheinander.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Wegen der Loyalit\u00e4ten!<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Denn ein Botschafter geh\u00f6rt ja zu beiden Welten. Deshalb gibt es seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland 1954, wenn ich das richtig sehe, maximal vier Katholiken als Botschafter am Heiligen Stuhl. Wie so oft im Leben, es gab sicher welche, f\u00fcr die ich ein rotes Tuch bin und bleibe. Das ist auch nicht schlimm, es geh\u00f6rt ja dazu, dass man in manchen Fragen anderer Auffassung sein kann. Aber alles in allem gab es \u00fcberhaupt kein Hindernis, ich kam vielmehr in einer Zeit nach Rom, in der das ZdK \u00fcberhaupt nicht mehr links war. Jetzt bin ich pl\u00f6tzlich sehr katholisch, und das Papier, das wir im Zentralkomitee der deutschen Katholiken Anfang der neunziger Jahre geschrieben hatten, \u00fcber Dialog und Dialogverweigerung, das k\u00f6nnte man heute wieder genauso auflegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Blicken wir auf Ihre normalen, allt\u00e4glichen Aufgaben, die Verbindung zum Ausw\u00e4rtigen Amt: Wie kommt man eigentlich an die Informationen, die nach Berlin weiter gehen? Und was wollen die Berliner denn \u00fcberhaupt vom Heiligen Stuhl wissen?<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Als ich mich in Berlin verabschiedete, hat einer der Staatssekret\u00e4re zu mir gesagt: \u201eAlso wissen Sie, ich habe mal \u00fcberlegt, ich habe noch nie einen Bericht von der Botschaft beim Heiligen Stuhl gelesen.\u201c (<em>lacht<\/em>)<\/p>\n<p>Ich werde jetzt sicher nicht den Ehrgeiz entwickeln, dass die in Berlin alles lesen. Nat\u00fcrlich befinden wir uns nicht im Zentrum des Orkans. Allerdings entwickelt sich gerade etwas Neues, nicht nur in Deutschland. Die internationale Politik stellt fest, dass die These falsch war, wonach Religion f\u00fcr Zivilgesellschaften nicht mehr relevant sei. Das ist ja in vielen Variationen gesagt worden.<\/p>\n<p>Es war ein gro\u00dfer Irrtum, und heute sagen die Verantwortlichen der internationalen Politik: Wer nichts von Religion versteht, versteht die politische Landschaft nicht, versteht viele Konflikte nicht. Unsere einfache Formulierung, Judentum, Christentum, Islam seien drei Gr\u00f6\u00dfen, die wir kennen und von denen wir alles wissen, ist eher naiv. Deshalb wird nun unsere Botschaft interessanter, denn deren Partner ist nicht nur ein Staat, eine bestimmte Kultur, sondern eine Institution mit internationaler Pr\u00e4senz und der allermeisten Erfahrung. 190 L\u00e4nder haben diplomatische Beziehungen zum Heiligen Stuhl, weil es keine zweite Gr\u00f6\u00dfe gibt mit so viel Erfahrung in Inkulturation.<\/p>\n<p>Was geschieht, wenn eine bestimmte Sicht von Gott und der Welt auf eine bestimmte Kultur st\u00f6\u00dft? Welche Chancen er\u00f6ffnen sich? Welche Gef\u00e4hrdungen, welche Risiken? Damit hat die katholische Kirche enorm viel Erfahrung, und die ist jetzt gefragt. Das Ausw\u00e4rtige Amt ist heuer erstmals Gastgeber einer internationalen Konferenz mit Vertretern vieler Religionsgemeinschaften zum Thema \u201eBeitrag der Religionen zum Frieden\u201c. Der Papst war gerade zwei Tage in \u00c4gypten, eine geschichtstr\u00e4chtige Reise. Wer die Reden liest, die er da gehalten hat, wird feststellen: Da ist ein neues Kapitel aufgeschlagen im Dialog. Den Dialog neu zu verst\u00e4rken, zu vertiefen und auch klar zu machen: Die Religionen d\u00fcrfen nicht weiterhin den Eindruck erwecken, Teil von Problemen zu sein, und nicht Teil von L\u00f6sungen. Das besch\u00e4ftigt mich im Moment am allermeisten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Sie sind beim Heiligen Stuhl Repr\u00e4sentantin der Bundesrepublik und vertreten deren Interessen. Was sind das f\u00fcr Interessen, und wie werden die im Vatikan wahrgenommen?<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Ich war ja auch, bevor ich Botschafterin geworden bin, schon manches Mal im Vatikan gewesen, kannte manche der Gespr\u00e4chspartner dort und nat\u00fcrlich hat es immer wieder Situationen gegeben, wo man gesagt hat: \u201eDie Deutschen sind halt, wie sie sind, und an die m\u00fcssen wir uns auch nicht halten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Fr\u00fcher hie\u00df es immer: \u201eSeit Luther sind die so, wie sie sind.\u201c<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Genau. Da kenne ich viele Varianten, und es kommen mir viele Situationen in Erinnerung. Aber auch da \u00e4ndern sich die Zeiten. Ich will immer deutlich machen, und das liegt im Interesse der Bundesrepublik, dass Deutschland ein religionsfreundliches Land ist, dass wir eine vern\u00fcnftige Ordnung gefunden haben im Verh\u00e4ltnis von Religion und Politik, von Kirchen und Staat. Diese Ordnung setzt allerdings voraus, dass die Religionen sich auch zur Demokratie bekennen. Ein ernannter Bischof geht, bevor er geweiht wird, zum jeweiligen Ministerpr\u00e4sidenten und legt die Hand nicht auf die Bibel, sondern auf die Verfassung, um Treue zu schw\u00f6ren.<\/p>\n<p>Manche haben in letzter Zeit gefragt, ob das noch angemessen ist. Da kann ich nur sagen, dass das sogar sehr angemessen ist, weil damit klar wird, dass wir die Verfassung und die Demokratie respektieren. Aber umgekehrt gilt genauso: Der Staat respektiert Religionen, gibt Raum, sieht Religion nicht nur als eine Privatgeschichte an. Wenn wir uns umsehen in der Welt darf ich sagen, dass das eine Ordnung darstellt, in der viel gelingt.<\/p>\n<p>Ein Zweites: Der Architekt, der die Residenz der Botschaft gebaut hat, der M\u00fcnchner Alexander von Branca, hatte ein genaues Konzept im Kopf. Deshalb gibt es auch einen kleinen Raum, den er die \u201eBibliothek\u201c genannt hat. Als ich kam, war sie so best\u00fcckt, wie das schon mal so ist bei Bibliotheken. Man hat ja auch zu Hause eine Ecke, wo alles reingeschmissen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Die Coffee-Table-B\u00fccher.<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Diese ber\u00fchmten Bildb\u00e4nde. Dann habe ich gedacht: Das ist ganz doof, das muss jetzt mal raus. Ich habe nur ein Stichwort gew\u00e4hlt: Theologie aus dem deutschsprachigen Raum des 20. Jahrhunderts. Wunderbarerweise hat ja die Katholische Akademie Bayern die gesammelten Werke von Romano Guardini zur Verf\u00fcgung gestellt. Sie stehen jetzt in dieser kleinen Bibliothek, die von Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Paul Tillich, Karl Rahner, Joseph Ratzinger, Bernhard Welte, Hans K\u00fcng, Johann Baptist Metz bis zu Dorothee S\u00f6lle, Edith Stein und so weiter reicht. Es ist eigentlich nur eine gro\u00dfe Wand. Aber wenn man davor steht, stellt man fest, und ich finde, dar\u00fcber muss man auch sprechen, wenn man \u00fcber Deutschland schimpft: Das, was theologisch im 20. Jahrhundert, in Deutschland und im deutschsprachigen Raum, geleistet wurde, ist ph\u00e4nomenal, hat die theologische Entwicklung weltweit gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Drittes und letztes Beispiel, wie sich der Wind dreht: Fr\u00fcher wurden nach Ad-Limina-Besuchen immer Reden ver\u00f6ffentlicht, mit denen der Papst ermahnte, doch bitte auf dem rechten Weg zu bleiben. Diesmal beim Ad-Limina-Besuch wurde eine Rede ver\u00f6ffentlicht, bei der wir uns gefragt haben: Hat er die eigentlich gehalten? Weil es nicht der Ton des Papstes war. Eine Zeit lang hat man versichert, er habe das so gesagt und die Bisch\u00f6fe wieder ermahnt. Nat\u00fcrlich stellte sich nach einiger Zeit heraus, dass er die Rede nicht gehalten hat. Er hat sie wahrscheinlich gar nicht mal gelesen. Nach diesem Ad-Limina-Besuch hat der Papst entschieden, dass er den Bisch\u00f6fen keine Reden mehr halten, sondern mit ihnen ein Gespr\u00e4ch f\u00fchren m\u00f6chte. Das ist ein Kulturwechsel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Ich habe zwei, drei Mal erlebt, wie Sie die Botschaft beim Heiligen Stuhl zu einem Treffpunkt ganz unterschiedlicher kirchlicher Charaktere und Pers\u00f6nlichkeiten entwickelt haben. Was passiert da, wenn ganz unterschiedliche kirchliche Erfahrungen an Ihrer Botschaft zusammenkommen?<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Zun\u00e4chst einmal finde ich, das ist Weltkirche. Dass die Legion\u00e4re Christi und die Mitglieder des Opus Dei sich an diesem Ort genauso zuhause f\u00fchlen, wie \u2013 ja, wer ist jetzt auf der anderen Seite? Pax Christi, oder? Das geh\u00f6rt zur Weltkirche. Es ist nicht gut, wenn wir immer schnell sortieren, wo jemand hingeh\u00f6rt, und dann entscheiden, ob wir mit dem zu tun haben wollen oder nicht. Es wird ein recht langweiliges Leben, wenn man sich immer nur mit denen aufh\u00e4lt, die genauso denken wie man selbst. Ich muss doch nicht immer Leute treffen, die mich best\u00e4tigen. Dann werde ich n\u00e4mlich skurril, weil ich mir einbilde, dass alles stimmt, was ich mir mal ausgedacht habe. Das kann ja auch nicht der Sinn des Lebens sein. Nat\u00fcrlich gab es Situationen, bei denen man mir gesagt hat: Der und der wohnen zwar in einem Haus, reden schon seit zehn Jahren nicht mehr miteinander.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Sie haben dann beide eingeladen?<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Ja, beide kamen und sa\u00dfen gemeinsam an einem Tisch. Wenn man \u00fcber Kirche spricht, reden sie nicht miteinander. Aber pl\u00f6tzlich kam das Thema auf Russland, und beide waren in Russland gewesen. Schwups passiert, was angeblich zehn Jahre nicht passiert ist. Das ist alles nicht so schwer. Die St\u00e4rke einer Weltkirche, die viel Inkulturationserfahrung mit ganz unterschiedlichen Entwicklungen hat, besteht gerade darin, dass die verschiedenen kulturellen und auch mentalen Ans\u00e4tze sich nicht auseinanderdividieren, sondern neugierig f\u00fcreinander bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Kommen wir zum Heiligen Vater und zur Kurie. Sie kennen die Klischees bei uns: Da gibt es die Unterst\u00fctzer und die W\u00f6lfe. Wie nehmen Sie den Heiligen Vater und die Situation an der Kurie wahr?<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Den Heiligen Vater m\u00f6gen ja bekanntlich alle. Deshalb muss man ihn nicht lange beschreiben. Er ist ein Papst, der nicht aus der europ\u00e4ischen Geschichte kommt. Der erste Papst, der von sich sagt, er kommt vom anderen Ende der Welt. Die S\u00fcdamerikaner haben das Zweite Vatikanische Konzil v\u00f6llig anders rezipiert als wir. Sie sind auf andere Themen eingegangen, denn sie waren in einer ganz anderen Situation. Und jetzt kommt jemand, der ganz stark an dieser Rezeptionsgeschichte in S\u00fcdamerika mitgewirkt hat, und ist fest entschlossen, den Europ\u00e4ern deutlich zu machen: Man muss das Volk ernst nehmen, wenn man Gott ernst nehmen will. Das ist f\u00fcr mich der Kernsatz.<\/p>\n<p>Der zweite Satz: Er will, dass die Kirche erwachsen wird, dass wir erwachsen werden. Deshalb ist er vielleicht im Vergleich zu den P\u00e4psten, die wir zu unseren Lebzeiten erlebt haben, der anspruchsvollste Papst \u00fcberhaupt. Es ist nicht der Papst, der einem alles erkl\u00e4rt. Wenn einem alles erkl\u00e4rt wird, muss man sich gar nicht mehr anstrengen mit dem Glauben. Er ist auch nicht der Papst, der sagt: Hier wird entschieden, und diese Entscheidung muss \u00fcberall hin vermittelt werden. Sondern der Papst sagt: Versucht zu glauben, macht euch auf den Weg des Glaubens. Das ist schon eine anspruchsvolle Geschichte.<\/p>\n<p>Und die dritte Geschichte: Die Kirche soll an die Peripherie gehen. Er beherrscht die Kunst des Politischen wie Papst Johannes Paul II. mit seiner Vision der Wiedervereinigung Europas. Gorbatschow hat bekanntlich in seinen Memoiren geschrieben, ohne Johannes Paul II. h\u00e4tte es die Wiedervereinigung Europas nicht gegeben. Eine genauso hohe Kunst des Politischen praktiziert Papst Franziskus. Das macht jemandem wie mir nat\u00fcrlich Spa\u00df, wenn ich erkenne, wie politisch das gerade ist.<\/p>\n<p>Dann ist auch klar, und jetzt komme ich zur Kurie oder zu den Bischofskonferenzen oder anderen Gremien aus der mittleren Ebene. Ich vergleiche das mit meiner politischen Erfahrung: Da gibt es die \u2013 und die Prozentzahlen m\u00f6gen Sie jetzt bitte nicht dogmatisieren, aber so ungef\u00e4hr sind sie vielleicht \u2013 zehn Prozent, die sagen: Alles super, ich tue alles, um es zu unterst\u00fctzen. Zehn Prozent sagen: Ich werde alles tun, das zu verhindern. Und 80 Prozent sagen: Schauen wir mal. Das ist in jeder Institution so. Jeder Parteivorsitzende hat genau diese Situation: 80 Prozent wollen immer im Licht sein und verhalten sich so, dass sie nach M\u00f6glichkeit im Licht bleiben und immer fr\u00fchzeitig r\u00fcber kommen, wenn sich der Wind \u00e4ndert. Warum soll das in der Kirche anders sein? Das zeigt, dass es in der Kirche so zugeht, wie im sonstigen Leben auch, und dass der jetzige Papst nicht der erste ist, der aus der Kurie kritisiert wird. Wer sich da besser auskennt als ich, auch mit fr\u00fcheren Pontifikaten, kann wunderbare Geschichten erz\u00e4hlen, wann die Kurie einem Papst in die Parade gefahren ist. Aber wer nicht kritisiert wird, kann sicher sein, dass er nie irgendetwas bewegt hat. Wenn solche Leute gehen, wird nichts anders sein, als zu der Zeit, zu der sie kamen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Wenden wir den Blick von Rom nach au\u00dfen. Ihr Blick auf die EU, nach Europa, nach Deutschland, wie hat sich der ver\u00e4ndert durch Ihre bald drei Jahre, die Sie in Rom sind? Sehen Sie einiges anders?<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Es ist vielleicht ein wenig zu fr\u00fch, wenn ich versuche, das zu formulieren. Ich erlebe mehr Weltkirche. Ich erlebe mehr Situationen, auch Gespr\u00e4chspartner, die mich best\u00e4rken in manchem, was ich bislang eher als Vermutung ge\u00e4u\u00dfert habe. Wenn man also als Forschungsministerin bei einer internationalen Konferenz sagt: Wer vom Christentum nichts versteht, versteht auch von Europa nichts, dann wird man zun\u00e4chst mal schr\u00e4g angeschaut, weil die anderen \u00fcberzeugt sind: Das hat mit Forschung gar nichts zu tun. Ich fand immer, dass man die pr\u00e4gende Kraft der Religionen nicht untersch\u00e4tzen darf. Das erlebe ich jetzt nochmals auf sehr unmittelbarer Weise, weil es in Rom eine Menge Gespr\u00e4chspartner gibt, die nicht aus theoretischen oder akademischen Kontexten heraus sprechen, sondern aus ihrem Leben.<\/p>\n<p>Wenn ich wissen will, wie die konkrete Situation der Christen in China ist und wie sich Kirche und Politik gegen\u00fcber mancher Entwicklung in China verhalten sollen, dann ist nichts ergiebiger als mit einer Ordensfrau oder einem Ordensmann zu sprechen, die vierzig Jahre in China gelebt haben. Zum gro\u00dfen Schatz der katholischen Welt geh\u00f6ren diese Menschen, die \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume etwas beobachten konnten oder unmittelbar erlebt haben.<\/p>\n<p>Wie hat sich meine Sicht ver\u00e4ndert? Ich bin ja von meinem rheinischen Naturell her ein Mensch, der glaubt, dass auch die sch\u00e4rfste Krise letztlich eine Entscheidungssituation bietet, die mit Chancen verbunden ist. Europa befindet sich in einer scharfen, tiefen Phase der Verunsicherung. Aber ich bin zutiefst davon \u00fcberzeugt, dass man nicht jede Entscheidungssituation und auch eine Folge von Krisen nicht als Grund f\u00fcr Kulturpessimismus nehmen darf. Wenn man die Europ\u00e4ische Union sieht, so hat sie ja selten keine Krise erlebt. Erinnern wir uns nur an das Jahr nach den Wahlen zum ersten Europ\u00e4ischen Parlament. Damals gab es den Begriff der Eurosklerose. Das ist alles nicht neu. Daf\u00fcr bekommt man in Rom ein gr\u00f6\u00dferes Gesp\u00fcr. Viel mehr noch als in der Politik, wo jede Stunde was anderes kommt, und man morgens um acht Uhr \u00fcberlegt, wozu man jetzt wieder Stellung nehmen muss. Es gibt einen anderen Umgang mit der Zeit, und damit auch mehr Raum f\u00fcr Gedanken daran, dass Vieles bei uns gehyped wird. Jede Woche tut man so, als w\u00e4re etwas v\u00f6llig neu und nie dagewesen. Aber es war alles schon da, Vieles ist eben nur eine neue Variante. Man kann dann aus L\u00f6sungen vergangener Zeiten lernen, und manchmal werden wir uns etwas Neues einfallen lassen m\u00fcssen. Ja, ich bin entschleunigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Zum Schluss zwei kurze Warum-Fragen. Erste Frage: Warum haben Sie sich eine Vespa zugelegt?<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Weil das super ist in Rom, mit gro\u00dfen Autos kommt man gar nicht weiter. Ich gebe allerdings zu, dass ich nicht \u00fcber die allerschlimmsten Stra\u00dfen fahre. Dazu bin ich zu alt. Aber ansonsten ist das super, und die Vespa wird mit nach Deutschland zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller<\/strong>: Zweite Warum-Frage: Es gibt in San Pietro in Vincoli den ber\u00fchmten Moses von Michelangelo, eine von mehr als 20 geplanten Statuen f\u00fcr das Grab Papst Julius II. Er sitzt da, hat die Tafeln des Gesetzes neben sich, die er dann gleich zerschmettern wird, und greift mit den H\u00e4nden voller Erregung in seinen langen Bart. Sein Gesicht mit dem strengen Blick soll ein Portrait des Papstes sein. Es hei\u00dft, das w\u00e4re eine Ihrer Lieblingsfiguren in Rom. Warum?<\/p>\n<p><strong>Annette Schavan<\/strong>: Ja, das stimmt. Dort gehe ich immer wieder hin, alleine oder mit auch G\u00e4sten, und verweile lange davor, weil in dieser Figur ein unglaublicher Ausdruck steckt. Das ist einer, der innerlich kocht und nach au\u00dfen Ruhe bewahrt. Also der Inbegriff der Weisheit jener, die f\u00fchren, denen aber das Volk gerade wegzulaufen droht. Das Volk murrt und es brodelt in ihm, aber gleichzeitig entsteht die Situation einer gro\u00dfen Ruhe. Vielleicht eine der wichtigsten Kardinaltugenden f\u00fcr jeden, der \u00f6ffentlich und politisch t\u00e4tig ist.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lunch in the Castle\" series<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"menu_order":1575,"template":"","meta":{"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"class_list":["post-32425","media-library","type-media-library","status-publish","hentry","media-library-category-n-a"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Annette Schavan zu Gast bei Mittags im Schloss - 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