{"id":32426,"date":"2023-07-17T14:37:12","date_gmt":"2023-07-17T12:37:12","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=deutschland-und-griechenland"},"modified":"2026-01-20T14:07:45","modified_gmt":"2026-01-20T13:07:45","slug":"ein-brueckenschlag-zwischen-ost-und-west-die-exkursion-der-katholischen-akademie-bayern-nach-volos-in-mittelgriechenland-ein-reisebericht","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/ein-brueckenschlag-zwischen-ost-und-west-die-exkursion-der-katholischen-akademie-bayern-nach-volos-in-mittelgriechenland-ein-reisebericht\/","title":{"rendered":"Ein Br\u00fcckenschlag zwischen Ost und West"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es um Griechenland geht, ruft das in Deutschland ganz unterschiedliche Emotionen hervor. Sie reichen von der Begeisterung f\u00fcr die Antike eines Homer oder eines Platon bis hin zu b\u00f6sen Boulevard-Schlagzeilen in der immer noch aktuellen Finanzkrise. Gr\u00fcnde genug f\u00fcr die Katholische Akademie in Bayern, sich mit dem Verh\u00e4ltnis der beiden L\u00e4nder intensiver zu besch\u00e4ftigen. So machte sich Ende September eine Gruppe von 47 Mitgliedern der Akademie-Gremien und des Vereins der Freunde und G\u00f6nner f\u00fcr eine knappe Woche auf ins Land der Griechen.<\/p>\n<p>Nach einer Stadtf\u00fchrung durch Thessaloniki ging es vorbei am durch Wolken verh\u00fcllten Olymp nach S\u00fcden in die mittelgriechische Stadt Volos. Dort gibt es in der Akademie f\u00fcr Theologische Studien eine der Katholischen Akademie vergleichbare Einrichtung auf orthodoxer Seite. Ihr \u201espiritus rector\u201c ist Metropolit Ignatios, ein \u00f6kumenisch offener und beeindruckender Kirchenmann. Als er vor einem Jahr zu Gast in M\u00fcnchen war, entstand die Idee zu einer gemeinsamen Tagung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der erste Studientag in Volos<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der hoch \u00fcber dem Golf von Volos gelegenen Akademie, zugleich Amtssitz des Bischofs, begr\u00fc\u00dfte Metropolit Ignatios die deutschen Besucher. Griechenland sei \u201eoffen dem Meer gegen\u00fcber\u201c und so gleichfalls \u201eoffen f\u00fcr andere Ideen\u201c. Auch die Kirche d\u00fcrfe \u201enicht statisch bleiben\u201c, sondern m\u00fcsse den \u201eDialog mit allen Menschen anregen\u201c. Deutschland und Griechenland h\u00e4tten eine \u201egute, aber auch schwere Beziehung\u201c. Auf der positiven Seite st\u00fcnden der kulturelle und wissenschaftliche Austausch sowie die europ\u00e4ische Hoffnung, auf der negativen die Gr\u00e4uel der Nazi-Zeit und die gegenseitigen Verletzungen in der Finanzkrise. Es bestehe die dringende \u201eNotwendigkeit eines Ausgleichs\u201c, wozu das Colloquium einen \u201ekleinen Mosaikstein\u201c beisteuern k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Ein erster H\u00f6hepunkt war die Ansprache des deutschen Botschafters Peter Schoof. Seine zweieinhalb Jahre in Athen f\u00fchlten sich an wie sieben oder acht, so bewegt seien die Zeiten. \u201eDie Stereotypen auf beiden Seiten geben Anlass zur Besorgnis\u201c, so Botschafter Schoof, dagegen seien \u201eBegegnung und Austausch das Fundament eines guten Miteinanders\u201c. Seit 2010 werde Griechenland von einer Wirtschaftskrise gebeutelt, das Bruttosozialprodukt und das durchschnittliche Nettoeinkommen der Griechen seien in diesem Zeitraum um je ein Drittel gesunken. Dazu komme die ungebremste Abwanderung von Fachkr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Derweil habe Griechenland als \u201eTor zu Asien\u201c gute geographische Voraussetzungen und biete viele M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Gewinnung erneuerbarer Energie. \u201eEs gibt eigentlich keinen Grund, warum aus diesem Land nicht ein Singapur oder ein Finnland werden k\u00f6nnte\u201c, so der deutsche Botschafter. Au\u00dferdem genie\u00dft nach Schoof Bildung einen hohen Stellenwert in Griechenland: \u201eEltern geben ihr letztes Hemd f\u00fcr die Ausbildung ihrer Kinder.\u201c Es gebe Anlass, Vorurteile zu \u00fcberdenken: Einerseits sind die Griechen nach Schoofs Eindruck flei\u00dfig, andererseits etwa sei Deutschland nicht auf Austerit\u00e4tspolitik zu reduzieren.<\/p>\n<p>Eine Wende im Verh\u00e4ltnis beider Staaten habe die Fl\u00fcchtlingskrise mit sich gebracht, die beide L\u00e4nder dramatisch belaste. Die Griechen h\u00e4tten Bundeskanzlerin Angela Merkel in diesem Zusammenhang als \u201esolidarisch mit Griechenland\u201c erlebt. Auch hier sei mit vorschnellen Urteilen aufzur\u00e4umen, meinte Botschafter Schoof. So k\u00f6nne der Schutz der europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen in Griechenland mit seinen mehrere tausend Kilometer K\u00fcstenlinie nicht mit einem Zaun oder einer Mauer gew\u00e4hrleistet werden. Es sei erfreulich, dass die Erfassung biometrischer Daten an den Aufnahmepunkten von zehn auf 90 Prozent gestiegen sei. Die europ\u00e4ische Unterst\u00fctzung bei der Registrierung von Migranten sei eine \u201eneue Form der Solidarit\u00e4t\u201c, nachdem die Verteilung der Fl\u00fcchtlinge nach dem Dublin-Verfahren \u201eeinfach nicht fair\u201c sei.<\/p>\n<p>Auch auf die Gr\u00e4uel der Nazis in Griechenland ging Botschafter Schoof ein. In der Finanzkrise sei die Debatte mit Wucht zur\u00fcckgekehrt, auch weil eine echte Aufarbeitung nie wirklich stattgefunden habe. In den 90 \u201eM\u00e4rtyrer-D\u00f6rfern\u201c hatten deutsche Einheiten w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs nahezu alle M\u00e4nner massakriert. \u201eDas bleibt als Wunde\u201c, formulierte Schoof, man k\u00f6nne solche Traumata nicht durch \u201eeine Rede hier und da\u201c heilen. Vielmehr brauche es einen langen Atem, so Peter Schoof, er w\u00fcrde stark auf ein deutsch-griechisches Jugendwerk setzen.<\/p>\n<p>Die eigentliche Tagung begann mit einem Halbtag zum aktuellen Thema \u201eFl\u00fcchtlinge\u201c. Von deutscher Seite sprach dazu der bayerische Landescaritas-Direktor Bernhard Piendl, von griechischer Pfarrer Meletis Meletiadis, der Moderator der kleinen, aber in der Fl\u00fcchtlingsarbeit besonders engagierten evangelischen Kirche Griechenlands \u2013 auch das ein besonderes \u00f6kumenisches Zeichen.<\/p>\n<p>Pr\u00e4lat Piendl ging in seinem Referat (siehe Seite xy) von seinen Erfahrungen als Pfarrer in den 1990er Jahren aus, als eine Gruppe von Kosovo-Albanern in seiner Gemeinde Unterkunft fand. Erst mit der Zeit habe man herausgefunden, welche unterschiedlichen Motive die Menschen in die Flucht getrieben haben. Heute erlebe Europa die \u201eernsteste humanit\u00e4re Krise seit dem Zweiten Weltkrieg\u201c. Der Kontinent k\u00f6nne \u201ekeine Insel bleiben, an der die Wellen der Welt abprallen\u201c. Einerseits gehe es darum, Hilfe in den Herkunftsl\u00e4ndern zu leisten, andererseits die Asylsuchenden hierzulande zu unterst\u00fctzen und zu integrieren.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Zahl an Fl\u00fcchtlingen werde unsere Gesellschaft jedenfalls ver\u00e4ndern, so Piendl, dabei sei es auch notwendig, \u201edass wir uns unserer christlichen Identit\u00e4t vergewissern\u201c. Konkret helfe die Caritas in der Asyl-Sozialberatung, durch die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingskindern in katholische Kinderg\u00e4rten und das besondere Engagement f\u00fcr unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge. \u00dcber Caritas international sei man auch mit der Caritas Griechenland vernetzt und helfe etwa in Nordgriechenland, Athen und auf der Insel Lesbos. Jedenfalls gilt f\u00fcr Pr\u00e4lat Piendl: \u201eDie Arbeit der Caritas f\u00e4ngt an, wenn die Kameras abschalten.\u201c<\/p>\n<p>Als Einstieg zu seinem Vortrag zeigte Pfarrer Meletiadis (siehe Seite xy) ein beeindruckendes Video von der Arbeit der evangelischen Kirche Griechenlands im Fl\u00fcchtlingslager Idomeni. Ehrenamtliche verteilen dort Essen, Kleidung, Medikamente, Brennholz und anderes. Die Kirchen m\u00fcssten in der Fl\u00fcchtlingskrise andere Ma\u00dfst\u00e4be setzen als der Populismus: \u201eGott zeigt uns, wer unser N\u00e4chster ist\u201c, so Meletis Meletiadis. Es gehe nicht darum, Menschen in ein Lager wegzusperren oder ihnen ein wenig Geld zu gebe, es gelte vielmehr der Satz Jesu: \u201eWas ihr dem Letzten getan habt, das habt ihr mir getan.\u201c<\/p>\n<p>Christen m\u00fcssten sich also mit den Schwachen identifizieren, nicht mit den M\u00e4chtigen. Dabei gebe es keinerlei dogmatische Probleme: Egal ob orthodox, katholisch oder evangelisch, keine Kirche k\u00f6nne die Herausforderung allein bestehen, \u201ewir sollten unsere Kr\u00e4fte b\u00fcndeln\u201c. Pfarrer Meletiadis ging sogar noch einen Schritt weiter: Obwohl das politisch nicht korrekt sei, sehe er in der Krise auch eine \u201eChance zur Mission\u201c, freilich ohne jeden Zwang, aber die Christen d\u00fcrften ihr Licht auch nicht unter den Scheffel stellen.<\/p>\n<p>Der Nachmittag stand dann unter dem Motto \u201eVorurteile h\u00fcben und dr\u00fcben\u201c. Den griechischen Part \u00fcbernahm der Schriftsteller und \u00dcbersetzer Kostas Koutsourelis, den deutschen Bernhard Remmers, Direktor des M\u00fcnchner Instituts zur F\u00f6rderung publizistischen Nachwuchses, der Journalistenschule der katholischen Kirche in Deutschland. In seinen eher philosophisch-philologischen \u00dcberlegungen ging Koutsourelis (siehe Seite xy) vom Begriff Stereotyp aus, der meist negativ konnotiert sei. Dabei zeigten Stereotypen nicht nur etwas \u00fcber den Bewerteten, sondern auch \u00fcber den Bewertenden. Sie h\u00e4tten auch Vorteile, da sie selbstverst\u00e4ndlich seien und die Rationalit\u00e4t nicht \u00fcberanstrengen w\u00fcrden. Das sokratische Infragestellen gerate heute ins Hintertreffen angesichts der Komplexit\u00e4t der Welt, so Koutsourelis.<\/p>\n<p>Seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2010 habe sich das griechische Bild von den Deutschen, besonders von der deutschen Politik verschlechtert. Trotz bitterer historischer Erinnerungen sei es seit der Wiedervereinigung positiv eingef\u00e4rbt gewesen. Nach Koutsourelis w\u00fcrden die Deutschen die Rolle der Politik und ihres Einflusses auf die Gesellschaft \u00fcberbewerten. Als Beispiel sei die Verwendung des Wortes Schuld anzuf\u00fchren, das im Deutschen eher rechtlich oder religi\u00f6s gepr\u00e4gt sei, im Griechischen hingegen nicht. An dieser Stelle scheine es \u201efast unm\u00f6glich, einen gemeinsamen Nenner zu finden\u201c, meinte Kostas Koutsourelis. Dazu komme die griechische Tendenz, Probleme zu personalisieren, was sich gerade an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Sch\u00e4uble festmache.<\/p>\n<p>Wer die griechische Mentalit\u00e4t kenne, der wisse: \u201ePolitik mit dem Zeigefinger wird als kriegerischer Akt verstanden.\u201c So etwas wie ein \u00f6ffentliches Schuldeingest\u00e4ndnis gebe es kaum, das Pochen auf Werte in der Fl\u00fcchtlingskrise w\u00fcrde in Griechenland nicht auf gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit sto\u00dfen. Koutsourelis\u2018 eher entmutigende Bilanz war, dass die Geschichte trotz allem immer wieder zeige: \u201eGegens\u00e4tze ziehen sich an.\u201c<\/p>\n<p>Unter der \u00dcberschrift \u201eVorurteile \u00fcber Griechenland \u2013 die Euro-Krise in den deutschen Medien\u201c wandte sich Bernhard Remmers (siehe Seite xy) der medialen Wirklichkeit zu. Medien griffen Bilder in uns auf, spiegelten und verst\u00e4rkten sie, w\u00e4hrend sie doch die Aufgabe h\u00e4tten, \u201eMenschen in einer demokratischen Gesellschaft Partizipation zu erm\u00f6glichen\u201c. Dabei sei die verr\u00e4terische Sprache der Pauschalisierung zu vermeiden, etwa wenn es immer wieder \u201edie Griechen\u201c hei\u00dfe. Untersuchungen der Universit\u00e4ten in W\u00fcrzburg und Dortmund \u00fcber deutsche Medien h\u00e4tten zudem einen weit verbreiteten \u201eGleichklang in der Griechenland-Debatte\u201c aufgewiesen. Andererseits habe es \u201ekeine intellektuelle Qualit\u00e4t\u201c (Gesine Schwan), wenn die Austerit\u00e4tspolitik st\u00e4ndig als alternativlos dargestellt werde.<\/p>\n<p>Zwar m\u00fcsse der Journalismus vereinfachen, weil er schnell in die Breite arbeite und auch noch unterhaltsam sein solle. Trotzdem gehe es heute \u2013 mehr noch als um Objektivit\u00e4t \u2013 um Wahrhaftigkeit. Kampagnen wie \u201e2000 Jahre Niedergang\u201c (Focus) seien nicht Aufgabe des Journalismus, so Remmers. Zudem schaukelten sich die Medien gegenseitig hoch, die Beschleunigung durch das Internet f\u00f6rdere die Emotionalisierung noch. Aber an der klassischen Trennung von Bericht und Kommentar sei festzuhalten. Die Diskurse in Europa w\u00fcrden fast ausschlie\u00dfloch national gef\u00fchrt, \u201eder Monteur bei VW und der Hafenarbeiter am Pir\u00e4us\u201c h\u00e4tten keine gemeinsame Plattform, was zu Debatten nach dem Muster \u201eWir gegen die\u201c f\u00fchre. Wenn man aber gemeinsam handle, brauche man auch eine gemeinsame Debattenkultur, res\u00fcmierte Bernhard Remmers.<\/p>\n<p>Der Abend des ersten Konferenztages war dem wohl schwierigsten Thema gewidmet, der Finanzkrise. In einem Streitgespr\u00e4ch trafen Professor Franz-Christoph Zeitler, der fr\u00fchere Bundesbank-Vizepr\u00e4sident, und Alekos Papadopoulos, ehedem griechischer Finanzminister aufeinander. Die beiden Akademie-Direktoren Pantelis Kalaitzidis und Florian Schuller moderierten gemeinsam.<\/p>\n<p>\u201eWenn die Party am sch\u00f6nsten ist\u201c, h\u00e4tten Finanzpolitiker die Aufgabe, \u201edas Licht aufzudrehen und die Musik abzuschalten\u201c, so begann Franz-Christoph Zeitler sein einf\u00fchrendes Statement. Er erinnere sich noch gut, als am 10. Mai 2010 \u2013 die internationale Banken-Krise war weitgehend \u00fcberstanden \u2013 die Zinsen f\u00fcr griechische Staatsanleihen \u201ewie die Eiger-Nordwand nach oben stiegen\u201c. Dahinter stecke eine tiefe Vertrauenskrise. Das griechische Staatsdefizit habe von drei auf 13 und sp\u00e4ter \u00fcber 15 Prozent korrigiert werden m\u00fcssen. Daraufhin habe Europa in aller Eile ein erstes Rettungspaket gezimmert, dem die Rettungsschirme 2 und 3 mit insgesamt 320 Milliarden Euro netto gefolgt seien.<\/p>\n<p>Ausgehend vom Beispiel des griechischen Statistikamtschefs Andreas Georgiou, der mit dem Anliegen angetreten war, die Zahlen schonungslos offenzulegen und sich nach seinem R\u00fccktritt 2015 vor Gericht verantworten musste, stellte Zeitler die aus seiner Sicht entscheidenden Fragen: Kann man sich auf den Gesetzgeber verlassen? Und: Wie steht die Regierung zu Reformen? Denn die Lage Griechenlands sei keineswegs aussichtslos, wie etwa die positiven Entwicklungen in Spanien und Portugal, aber auch auf der zum gr\u00f6\u00dferen Teil griechischsprachigen Insel Zypern zeigten.<\/p>\n<p>Alekos Papadopoulos griff in seinem Er\u00f6ffnungsstatement zur\u00fcck in die Geschichte Europas, das nicht mehr nur der Friedenssicherung diene wie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern zunehmend eine Wirtschaftsgemeinschaft geworden sei. In Griechenland freilich sei ein auf der \u201eProtestantischen Ethik\u201c gegr\u00fcndeter Kapitalismus nicht denkbar, das Land selbst sehe sich eher als Br\u00fccke zwischen Ost und West.<\/p>\n<p>Mitte der 1980er Jahre sei viel ausl\u00e4ndisches Geld nach Griechenland geflossen, was zu einem \u201e\u00dcberfluss ohne Untergrund\u201c gef\u00fchrt habe. Dabei habe die \u201eSelbstdisziplin\u201c gefehlt, merkte Papadopoulos kritisch an, nun drohe der Zinsdienst das Land zu ersticken. 2010 sei Griechenland praktisch pleite gewesen, \u201edas Land hat sich selbst erh\u00e4ngt\u201c, formulierte der ehemalige Minister drastisch. Andererseits tr\u00fcgen auch die Memoranda aus Europa zu Malaise bei. Die EU k\u00f6nne nicht Bedingung um Bedingung oktroyieren, sie m\u00fcsse auch darauf schauen, wie das Land wirklich dasteht. Trotzdem sei die europ\u00e4ische Einbindung alternativlos: \u201eDie Zukunft Griechenlands basiert auf der Stabilit\u00e4t Europas\u201c, ansonsten drohe eine Zukunft als Dritt-Welt-Land.<\/p>\n<p>In seiner Erwiderung warb Professor Zeitler f\u00fcr eine \u201ePolitik der geduldigen Vertrauensbildung\u201c. Griechenlands Wirtschaftsleistung sei relativ gering. So belaufe sich das griechische Bruttoinlandsprodukt nur auf ein Drittel des bayerischen \u2013 bei etwa gleicher Bev\u00f6lkerungszahl. Mitte der 1980er Jahre sei es um die Wettbewerbsf\u00e4higkeit Griechenlands noch besser gestanden. Heute l\u00e4gen die Probleme im R\u00fcckzug der Investoren, auch der griechischen, die ihr Kapital au\u00dfer Landes br\u00e4chten. Dar\u00fcber hinaus betonte Zeitler im Blick auf den Einzelnen: \u201eDer B\u00fcrger zahlt Steuern, wenn er sieht, dass etwas zur\u00fcckkommt.\u201c So seien Steuererh\u00f6hungen das falsche Instrument, Steuergerechtigkeit sei wesentlich wichtiger. Au\u00dferdem habe Griechenland den akademischen Sektor \u00fcberbewertet und etwa die Ausbildung von Handwerkern und Facharbeitern vernachl\u00e4ssigt.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der Reformen erkl\u00e4rte Alekos Papadopoulos, dass man den Bankrott von 2010, der W\u00e4hrung, Banken und den produzierenden Sektor betroffen habe, nicht offiziell verk\u00fcndet habe, weil das politische System eine solche Nachricht nicht ausgehalten h\u00e4tte. Beim wirtschaftlichen Wiederaufbau gehe es zwar um Stabilit\u00e4t, aber man d\u00fcrfe Griechenland nicht zum Spielball anderer machen. Papadopoulos zitierte ein Sprichwort aus seinem Heimatdorf: \u201eDer Esel muss vom Bauern aus dem Schlamm gezogen werden.\u201c<\/p>\n<p>Als Bedingungen daf\u00fcr nannte Franz-Christoph Zeitler eine funktionierende Demokratie, die F\u00f6rderung privater Investitionen und die Straffung des \u00d6ffentlichen Dienstes. Mit allen drei Forderungen war Papadopoulos einverstanden. Ebenso einig waren sich die beiden Gespr\u00e4chspartner darin, dass ein Austritt aus dem Euro oder ein Schuldenschnitt die Probleme nicht gel\u00f6st h\u00e4tten. Professor Zeitler fasste seine Position so zusammen: Auch wenn es immer schwerer werde, Parlamente und \u00d6ffentlichkeit zu \u00fcberzeugen, seien Rettungsschirme mit Auflagen doch auf lange Sicht in der Lage, auch Mentalit\u00e4ten zu ver\u00e4ndern. Ein spannender Abend, an dem so lang diskutiert wurde, bis die beiden hervorragenden Simultan-Dolmetscherinnen vor Ersch\u00f6pfung das Handtuch warfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der zweite Studientag in Volos<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Vormittag des zweiten Konferenz-Tages ging es um \u201eGriechenland in Bayern\u201c beziehungsweise um \u201eBayern in Griechenland\u201c. Der Augsburger Kunsthistoriker Thomas Raff (siehe Seite xy) betonte, das deutsche Interesse an Griechenland sei erst im Klassizismus stark angewachsen. In mittelalterlichen Kl\u00f6stern habe es noch gehei\u00dfen: \u201eGraecum est; non legitur\u201c. Zudem habe man bei der Rede von \u201eden Griechen\u201c meist die Byzantiner gemeint. Mit altgriechischen Texten h\u00e4tten sich erstmals die Humanisten der Renaissance intensiver besch\u00e4ftigt. Der Umschwung verbindet sich \u2013 so Professor Raff \u2013 mit dem Namen Johann Joachim Winckelmann am Ende des 18. Jahrhunderts, er habe das breite Interesse am antiken Griechenland geweckt, und zwar nicht nur in \u00e4sthetischer Hinsicht, sondern auch \u2013 in Absetzung vom r\u00f6mischen Gewaltimperium \u2013 in der Idealisierung der griechischen Demokratie.<\/p>\n<p>Die besondere Beziehung Bayerns zu Griechenland verbindet sich mit K\u00f6nig Ludwig I. Noch sein Vater Max I. zeigte keinerlei Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Begeisterung seines Sohnes, der in Paestum gesagt haben soll: \u201eLieber denn Erbe des Throns, w\u00e4r\u2018 ich hellenischer B\u00fcrger\u201c. 1821 begann Ludwig, antike Kunst zu sammeln und errichtete noch als Kronprinz aus eigenem Geldbeutel die Glyptothek in M\u00fcnchen. Zusammen mit der Antiken-Sammlung \u2013 urspr\u00fcnglich als \u201eKunst- und Industrie-Ausstellunsgeb\u00e4ude\u201c geplant \u2013 und den erst nach seiner Abdankung 1848 vollendeten Propyl\u00e4en entstand das Ensemble des K\u00f6nigsplatzes in M\u00fcnchen, der Grundstock zum viel beschworenen \u201eIsar-Athen\u201c. Doch Ludwigs Philhellenismus ging weit \u00fcber M\u00fcnchen hinaus.<\/p>\n<p>Schon in seinem ersten Edikt als K\u00f6nig verf\u00fcgte er, Baiern k\u00fcnftig mit einem Ypsilon zu schreiben, \u201edamit mehr Griechenland nach Bayern kommt\u201c. 1830 wurde dann die Walhalla bei Regensburg erbaut \u2013 in Anlehnung an den Parthenon auf der Athener Akropolis. \u201eEin griechischer Tempel f\u00fcr gro\u00dfe Deutsche, das ist schon ein Statement\u201c, so Professor Raff. Auch hinter der Bavaria an der M\u00fcnchner Theresienwiese stecke Griechenland, denn sie erinnere an die Gro\u00dfbronzen des Phidias.<\/p>\n<p>Ab 1828 seien zudem viele griechische Studenten nach M\u00fcnchen gekommen, aber auch Waisenkinder von Freiheitsk\u00e4mpfern, f\u00fcr die man sogar eine eigene Schule errichtet habe. Zudem habe man im selben Jahr die sp\u00e4tgotische Salvatorkirche den Griechen \u00fcberlassen. Aber auch in der Malerei sei Griechenland zunehmend Thema geworden. Einerseits h\u00e4tten sich griechische K\u00fcnstler in M\u00fcnchen niedergelassen, andererseits sei etwa der Zyklus \u201eDie Landschaften Griechenlands\u201c von Carl Rottmann zu nennen, der bis heute in der Neuen Pinakothek zu sehen ist, wohingegen die Freiheitskampf-Bilder des Malers Peter von Hess im Zweiten Weltkrieg zerst\u00f6rt worden sind.<\/p>\n<p>Der griechische Kunsthistoriker Manos Stefanidis stellte das Verh\u00e4ltnis von M\u00fcnchen und Athen in den Vordergrund seines Referats (siehe Seite xy). W\u00e4hrend die \u201e\u00c4gineten\u201c als \u201eH\u00f6hepunkt der archaischen Kunst\u201c mit ihrem L\u00e4cheln die griechische Lebensfreude nach M\u00fcnchen gebracht h\u00e4tten, so habe Athen im 19. Jahrhundert das Gl\u00fcck gehabt, durch die besten bayerischen und deutschen Architekten zu einer sch\u00f6nen klassizistischen Stadt zu werden, was man bis heute an den zentralen Achse zwischen Syntagma- und Omonia-Platz und ihren Bauwerken sehen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Man denke nur an den ehemaligen Palast von K\u00f6nig Otto, das heutige griechische Parlament, das Friedrich von G\u00e4rtner entworfen hat. Oder an die katholische Dionysius-Kirche nach Pl\u00e4nen von Leo von Klenze. F\u00fcr den Syntagma-Platz sei sogar eine Skulptur mit dem Thema \u201eGriechenland bedankt sich bei Bayern\u201c vorgesehen gewesen. Selbst f\u00fcr die Pl\u00e4ne des preu\u00dfischen Architekten Karl Friedrich Schinkel, auf der Akropolis einen klassizistischen Palast zu errichten, fand Stefanidis lobende Worte. Auch wenn man solche Ideen heute f\u00fcr verr\u00fcckt halte, h\u00e4tte doch \u201eein interessanter Dialog von Alt und Neu\u201c entstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Den Philhellenismus freilich kritisierte Stefanidis als eine \u201eManie, ja fast Hysterie der Deutschen\u201c, die sich so zu den eigentlichen Erben der Antike stilisiert h\u00e4tten. Die Konfrontation mit den realen Griechen habe da fast notwendig zu Entt\u00e4uschungen gef\u00fchrt: \u201eDeutschland hat das kleine Griechenland umarmt und es so fast erdr\u00fcckt\u201c, so Stefanidis.<\/p>\n<p>In der Diskussion mit den beiden Referenten wurde dann noch st\u00e4rker die Rolle des griechischen K\u00f6nigs Otto beleuchtet. Der Wittelsbacher sei auf \u201ekatastrophale Voraussetzungen\u201c gesto\u00dfen, so Professor Thomas Raff. Nach der Befreiung von der osmanischen Vorherrschaft h\u00e4tten die Gro\u00dfm\u00e4chte einen Monarchen aus einem politisch unbedeutenden Herrscherhaus gesucht. Im Alter von 16 Jahren sei der zweite Sohn Ludwigs I., der eigentlich Priester h\u00e4tte werden sollen, nach Griechenland aufgebrochen. In Athen h\u00e4tten damals vielleicht 5.000 Menschen in kaputten H\u00e4usern gelebt. Immerhin habe er einen Urplan f\u00fcr die Stadt mit Universit\u00e4t, Staatsbibliothek, Klinik und Kirche mitgebracht. \u201eUnd 30 Jahre lang in einem B\u00fcrgerkriegsland an der Regierung zu bleiben, finde ich nicht ganz schlecht\u201c, so Professor Raff.<\/p>\n<p>Eine etwas andere Sicht auf den K\u00f6nig aus Bayern vertrat Professor Stefanidis. Otto habe Griechenland \u201emit romantischem Pathos geliebt\u201c, aber gleichzeitig versucht, das System des bayerischen Staates auf das Land zu \u00fcbertragen. Abgesehen davon sei er letztlich \u201enicht als eigenst\u00e4ndige historische Pers\u00f6nlichkeit\u201c zu bewerten, da Griechenland damals kein Staat im engeren Sinn gewesen sei, sondern eher ein Protektorat unter Aufsicht der Gro\u00dfm\u00e4chte. Obwohl Otto sich um Volksn\u00e4he bem\u00fcht habe, sei er stets ein wenig fremd geblieben mit seinem Bestreben, Ordnung in ein chaotisches Land zu bringen.<\/p>\n<p>Um das Thema \u201eReligion und Kirche in beiden L\u00e4ndern\u201c drehte sich der zweite Konferenz-Nachmittag. Den deutschen Part hatte der Freiburger Religionssoziologe Michael Ebertz (siehe Seite xy) \u00fcbernommen. Deutschland sei nach der Wende weder protestantischer noch katholischer geworden, so Ebertz, sondern vielmehr konfessionsloser und konfessionspluraler. Mit 29 Prozent Katholiken, 27 Prozent Protestanten und zwei Prozent Orthodoxen machten Christen nur noch knapp 60 Prozent der Bev\u00f6lkerung aus. Dem eher katholisch gepr\u00e4gten S\u00fcden und Westen st\u00fcnden der eher protestantische Norden und ein konfessionsloser Osten gegen\u00fcber. Vor allem die Gro\u00dfst\u00e4dte verl\u00f6ren ihren konfessionellen Status, so machten in M\u00fcnchen 54 Prozent keine Konfessionsangabe mehr. \u201eDie Kirchen verlieren an Integrationskraft, nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern auch auf der lokalen Ebene\u201c, so Professor Ebertz. Und das, obwohl die christlichen Wohlfahrtsverb\u00e4nde, voran Caritas und Diakonie, mit einer Million Besch\u00e4ftigten die gr\u00f6\u00dften Arbeitgeber nach dem Staat seien.<\/p>\n<p>Deutsche Politiker pflegten immer weniger das \u201eLeitbild einer kulturchristlichen Gesellschaft\u201c, stattdessen halte ein \u201ereligionspolitischer Multikulturalismus\u201c Einzug. Wenn man jedoch alle Religionen gleichwertig betrachte, f\u00fchre das zu Konflikten, wie man etwa beim kirchlichen Arbeitsrecht, bei der Frage nach islamischer Theologie an deutschen Hochschulen oder auch bei der Beschneidungsproblematik sehen k\u00f6nne. Es herrsche die \u201eNeigung zu einem inklusiven Religionsverst\u00e4ndnis\u201c, kurz beschrieben mit dem Satz: \u201eAlle glauben an den gleichen Gott, irgendwie ist doch alles dasselbe\u201c, so das Res\u00fcmee einer Befragung von Mitarbeitern der Caritas durch Professor Ebertz. Das habe zur Folge, dass \u201eanders als viele Muslime die Christen hierzulande keine Missionare sind\u201c. Dazu komme eine \u201ereligionsinterne Pluralisierung\u201c, geradezu ein \u201eSynkretismus zentraler Glaubenswahrheiten\u201c.<\/p>\n<p>Insgesamt sei eine massive Erosion bei Reproduktion und Sozialisation der Gl\u00e4ubigen zu beobachten, der Alterungsprozess in beiden gro\u00dfen Volkskirchen schreite weiter voran. Es gebe immer weniger konfessionsgleiche Ehen, die Familien \u2013 immer als \u201eAllerheiligstes\u201c gehandelt \u2013 fielen weitgehend aus. Deswegen \u201eh\u00e4ngen Religionsunterricht, Sakramenten-Vorbereitung sowie die Kinder- und Jugendpastoral in der Luft\u201c, so die n\u00fcchterne Diagnose von Michael Ebertz. Es fehle an einer \u201eMissionsstrategie jenseits des Missionsgeredes\u201c.<\/p>\n<p>Der zunehmende Priestermangel zeuge schon von einer Art \u201e\u00dcberlebenskampf\u201c. So seien in den letzten drei Jahren in Deutschland nur noch jeweils unter 100 Neupriester zu verzeichnen gewesen. Das Durchschnittsalter der Priester hingegen liege bei 60 Jahren, das Betreuungsverh\u00e4ltnis bei 1:25.000, der Kirchgang bei etwa zehn Prozent im Durchschnitt. Der Gottesdienst sei f\u00fcr junge Leute \u201enicht cool\u201c, weil deren \u201e\u00e4sthetische Erwartungen nicht ber\u00fccksichtigt\u201c w\u00fcrden. Hingegen d\u00fcrfe man die Freude am Evangelium nicht nur behaupten, sondern m\u00fcsse sie auch erlebbar machen. Das typisch deutsche Gef\u00fcge von kirchlichen Verb\u00e4nden sei nur aus der Konfessionskonkurrenz heraus verst\u00e4ndlich, das d\u00fcrfe aber nicht dazu f\u00fchren, dass es eine \u201eKirche mit Stellen\u201c und gleichzeitig eine \u201eKirche ohne Gl\u00e4ubige gebe.<\/p>\n<p>F\u00fcr die griechische Seite erwiderte Professor Vassilios Makrides (siehe Seite xy), der als orthodoxer Religionssoziologe in Erfurt lehrt. Im Blick auf die Rolle von Religion und Kirche liege der zentrale Unterschied zwischen Griechenland und Deutschland in der Geschichte begr\u00fcndet. Im Osten gebe es die alte Tradition der \u201eSymphonia\u201c zwischen Kirche und Staat, w\u00e4hrend im Westen alles auf eine Trennung beider Bereiche zugelaufen sei. Im Land der Reformation k\u00e4me die Kulturbedeutung des Protestantismus hinzu, der nach Max Weber eine \u201eLebensf\u00fchrung mit Verantwortung\u201c in den Vordergrund stelle. Aus der Interaktion zwischen Katholizismus und Protestantismus sei zudem der deutsche Wohlfahrtsstaat entstanden. In Griechenland sei es im 19. Jahrhundert zu keiner Begegnung mit der Moderne gekommen, w\u00e4hrend sich der Protestantismus schon fr\u00fcher, die katholische Kirche erst im Zweiten Vatikanum mit der Moderne verbunden h\u00e4tten. Die Orthodoxie habe aber gerade deswegen mit der Moderne Probleme, da diese f\u00fcr westlich gehalten wird. Auch die orthodoxe Theologie sei von der Aufkl\u00e4rung kaum ber\u00fchrt worden.<\/p>\n<p>Was die griechische Kirche auszeichne, sei ihre Eigenst\u00e4ndigkeit und ihr synodaler Charakter, die beide auf die Reformen von K\u00f6nig Otto zur\u00fcckgingen. Allerdings seien auch in Griechenland damals drei Viertel der Kl\u00f6ster aufgel\u00f6st worden. Die Priester seien zu Staatsdienern geworden, auf der anderen Seite habe sich eine akademische Theologie etabliert. Sp\u00e4ter dann habe die Kirche beim aufkeimenden \u201eNationalismus mit Exklusivit\u00e4tsanspr\u00fcchen\u201c mitgespielt. Seit der Wiederherstellung der Demokratie im Jahr 1974 sei ein \u201egem\u00e4\u00dfigter S\u00e4kularisierungsprozess\u201c zu beobachten, was sich etwa an der Einf\u00fchrung der Zivilehe zeige. Der Zusammenbruch des Ostblocks habe vor\u00fcbergehend positive Auswirkungen auf die Kirche gezeitigt, w\u00e4hrend in der Finanzkrise die Kirche durch ihre sozialen Dienste die durch den wenig ausgepr\u00e4gten Sozialstaat entstandene L\u00fccke gef\u00fcllt habe, so die Tour d\u2019horizon von Professor Makrides.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201eGoldenes Kreuz\u201c f\u00fcr Vater Apostolos<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Abend des zweiten Konferenztags stand ganz im Zeichen eines Mannes, der wie kein Zweiter f\u00fcr die Verbindung von Griechenland und Bayern steht: Erzpriester Apostolos Malamoussis. Seit 1982 ist er das schier allgegenw\u00e4rtige Gesicht der Orthodoxie in M\u00fcnchen. Aber er stammt aus der Di\u00f6zese Volos, n\u00e4herhin aus dem Dorf Mouresi, das auf der Halbinsel Pilion liegt. Und so war es Metropolit Ignatios ein besonderes Anliegen, \u201eeinen seiner besten Exportartikel\u201c mit der h\u00f6chsten Auszeichnung seiner Di\u00f6zese zu ehren, dem \u201eGoldenen Kreuz\u201c der Metropolie von Demetrias.<\/p>\n<p>Bei dem anr\u00fchrenden Festakt w\u00fcrdigte der Metropolit denn auch Vater Apostolos in vielfacher Hinsicht: Als B\u00fcrger des Pilion als eines Ortes der Freiheit; als Priester in der Diaspora, der der Orthodoxie Ehre mache; als \u00d6kumeniker, \u201eder an die T\u00fcren klopft, weil sein Herz offen ist\u201c. Aber auch als Ehemann und Vater von vier T\u00f6chtern sowie als Sozialarbeiter, \u201eder im Armen Christus sieht\u201c. W\u00e4hrend die Bayern in ihm den Griechen s\u00e4hen, s\u00e4hen die Griechen in ihm den Bayern, schloss der Bischof seine Rede, \u00fcberreichte Apostolos Malamoussis die Urkunde und h\u00e4ngte ihm den stattlichen, fast an ein Bischofskreuz erinnernden Orden um. Und auf den Anruf des Bischofs \u201eAxios\u201c (\u201eW\u00fcrdig\u201c) antwortete die ganze Versammlung ihrerseits mit einem kr\u00e4ftigen \u201eAxios\u201c.<\/p>\n<p>Schon zuvor hatte Akademie-Direktor Florian Schuller ein Gru\u00dfwort (siehe Seite xy) gesprochen \u2013 in fl\u00fcssigem Neugriechisch, was den Geehrten zu Tr\u00e4nen r\u00fchrte. Malamoussis sei ein \u201efester Bestanteil des \u00f6ffentlichen Lebens in M\u00fcnchen\u201c, keine wichtige Veranstaltung sei ohne ihn vorstellbar. \u201eManchmal meint man, Apostolos Malamoussis m\u00fcsse die Gabe der Bilokation besitzen.\u201c Auch durch seinen Einsatz seien die Griechen in M\u00fcnchen \u201edie bestintegrierte, die beststrukturierte, die bestbekannte, die bestgeachtete, die bestgeliebte\u201c Minderheit. Gerade die alte Freundschaft zu Kardinal Friedrich Wetter habe \u201enicht nur in der Stadtarchitektur M\u00fcnchens deutliche Spuren hinterlassen\u201c, so der Akademie-Direktor.<\/p>\n<p>Auf die Verdienste von Vater Apostolos f\u00fcr M\u00fcnchen ging auch Professor Athanasios Vletsis in seiner Laudatio ein. Der Sprecher der Ausbildungseinrichtung f\u00fcr Orthodoxe Theologie an der M\u00fcnchner Universit\u00e4t kennt den Geehrten seit \u00fcber 40 Jahren und konnte zahlreiche Bilder von Apostolos Malamoussis zeigen: etwa mit der Bundeskanzlerin, mit P\u00e4psten, Patriarchen und Kardin\u00e4len. Zu den \u00e4u\u00dferlich sichtbaren Gro\u00dftaten von Apostolos Malamoussis geh\u00f6rten die Renovierung der Salvatorkirche nach einem langwierigen Rechtsstreit \u2013 wof\u00fcr er den Doktortitel verdiene, allerdings nicht den theologischen, sondern den juristischen, wie der damalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair meinte \u2013 und die Einrichtung und Ausmalung der griechisch-orthodoxen Allerheiligenkirche am Nordfriedhof. Aber auch die Isarsegnung am Dreik\u00f6nigstag und der griechisch-bayerische Kulturtag im Sommer seien zu nennen.<\/p>\n<p>Vater Apostolos bedankte sich, indem er von seiner Kindheit und Jugend erz\u00e4hlte. Wie seine Mutter f\u00fcr die Schulkinder in Mouresi gekocht habe. Wie er als Ministrant die drei Glocken der Dorfkirche gel\u00e4utet habe (die dritte mit dem Fu\u00df). Und wie ihm sein damaliger Bischof vom Z\u00f6libat des M\u00f6nches abgeraten habe. Der Abend klang in einem fr\u00f6hlichen Fest aus \u2013 bei besten griechischen Speisen und Darbietungen der Tanzgruppe der Metropolie. Beim \u201eSyrtos\u201c (den \u201eSyrtaki\u201c hat erst Mikis Theodorakis 1964 f\u00fcr den Film \u201eAlexis Sorbas\u201c komponiert) reihten sich schnell auch Vater Apostolos und andere Mutige aus der deutschen Gruppe in den Kreis der Tanzenden ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die beiden letzten Tage der Griechenland-Exkursion waren zwei Ausfl\u00fcgen vorbehalten. Am ersten ging es zu den Met\u00e9ora-Kl\u00f6stern. Auf den teilweise bizarr anmutenden Nagelfluh-Felsen, die heute auch als Kletter-Paradies gelten, haben sich um die erste Jahrtausendwende \u2013 \u00e4hnlich wie am Berg Athos \u2013 Eremiten angesiedelt, die immer mehr zu \u00fcber 20 Kl\u00f6stern zusammenwuchsen. Heute sind vier von ihnen durch Schwestern und zwei von M\u00f6nchen bewohnt. Pater Gregorios f\u00fchrte die Gruppe durch die hoch auf einem Felsen gelegene Metamorphosis-Kirche \u2013 \u201ewir schweben zwischen Himmel und Erde\u201c \u2013 und zeigte die grandiosen Wandmalereien des K\u00fcnstlers Theophanis aus dem 16. Jahrhundert, die kein Fleckchen Wand unbedeckt lassen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend auf der Hinfahrt Professor Thomas Raff als kundiger Griechenland-Reiseleiter Erl\u00e4uterungen zu Landschaft und Kultur gegeben hatte, musste auf der Weiterfahrt Georgios Vlantis, der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (AcK) in Bayern, der die Reise wesentlich mitvorbereitet hatte, zahlreiche Fragen zur Orthodoxie beantworten \u2013 von den 14 autokephalen, das hei\u00dft eigenst\u00e4ndigen Kirchen bis hin zum Festhalten an der Tradition, das sich auch aus Jahrhunderten der Unterdr\u00fcckung erkl\u00e4ren lasse.<\/p>\n<p>Den Abend verbrachte die Gruppe im international ausgerichteten Frauenkloster Anatoli auf einem Berg \u00fcber Larisa. In flie\u00dfendem Deutsch von \u00c4btissin Theodekti und Schwester Theoktisti begr\u00fc\u00dft, feierte die deutsche Gruppe zusammen mit der Schwestergemeinschaft die erste Vesper in der frisch renovierten Kirche mit seltenen Fresken aus dem 16. Jahrhundert. Danach stellten die beiden \u201eM\u00f6nchinnen\u201c \u2013 wie sie sich selbst bezeichnen \u2013 ihre 1988 bei Athen gegr\u00fcndete Gemeinschaft vor, die heute \u00fcber 30 Schwestern in drei Niederlassungen z\u00e4hlt, eine davon in Estland.<\/p>\n<p>Ein orthodoxes Kloster sei zwar autark, aber nicht so sehr eine Institution wie im Westen, sondern vielmehr eine \u201eGemeinschaft der Liebe\u201c um die \u00c4btissin als \u201egeistiger Mutter\u201c, erkl\u00e4rte Schwester Theoktisti. \u201eWir sind keine Engel\u201c, meinte sie mit feinem englischen Humor, es gehe vor allem darum, einander zuzuh\u00f6ren und das Gute h\u00f6ren zu wollen. \u201eMan kann nicht Gott lieben, wenn man die Menschen nicht liebt\u201c, meinte die Schwester, w\u00e4hrend \u00c4btissin Theodekti mit einer deftigeren Prise Humor und in Anlehnung an Papst Franziskus es so formulierte: \u201eWenn die Kirche ein Krankenhaus ist, ist das Kloster eine Intensivstation.\u201c Bei einem von den Schwestern liebevoll zubereiteten Abendessen mit ausschlie\u00dflich selbst hergestellten Lebensmitteln aus biologischem Landbau und \u00f6kologischer Viehzucht klang der Abend aus.<\/p>\n<p>Der zweite Ausflugstag f\u00fchrte auf die bergige Halbinsel Pilion, die den Golf von Volos gegen die \u00c4g\u00e4is abgrenzt. Am Morgen hielt Metropolit Ignatios in der Kirche des \u201eApfeldorfs\u201c Milies die \u201eG\u00f6ttliche Liturgie\u201c des Johannes Chrysostomus, wie sie die Orthodoxie seit dem 4. Jahrhundert kaum ver\u00e4ndert als \u201eVorgeschmack des Himmels\u201c feiert. Dabei betete der Bischof f\u00fcr die baldige volle Einheit der Christen und gab in einer kurzen Ansprache seiner Hoffnung Ausdruck, \u201edass Christus uns diese Spaltung verzeihen m\u00f6ge\u201c.<\/p>\n<p>Ein schwerer Gang war der Besuch im \u201eM\u00e4rtyrerdorf\u201c Drakia. Dort hatten deutsche Soldaten, nachdem zwei von ihnen durch Partisanen erschossen worden waren, am 18. Dezember 1943 118 griechische M\u00e4nner, nahezu die ganze m\u00e4nnliche Bev\u00f6lkerung des Ortes, zuerst im Kafenion zusammengepfercht, dann in F\u00fcnfer-Gruppen an den kleinen Fluss gezerrt und schlie\u00dflich in den Hinterkopf erschossen. Ihr Blut f\u00e4rbte den Fluss noch im Nachbardorf rot.<\/p>\n<p>Am Gedenkstein f\u00fcr das Massaker sprachen Metropolit Ignatios und Akademie-Direktor Florian Schuller \u2013 wiederum auf Neugriechisch \u2013 ein Totengebet. Der Metropolit wertete den Besuch der Gruppe aus Deutschland als \u201eZeichen der Vers\u00f6hnung\u201c und gab seiner Hoffnung Ausdruck, \u201edass solche Gr\u00e4uel nie wieder vorkommen\u201c. Auch deswegen br\u00e4uchten wir Europa. Einen ganz besonderen Ernst erhielt der Besuch, der die Gruppe auch in das kleine Museum f\u00fchrte und der in einem Mittagessen auf dem Dorfplatz endete, durch die Anwesenheit des 92-j\u00e4hrigen Jannis, der das Massaker als 17-J\u00e4hriger nur deswegen \u00fcberlebte, weil man den klein gewachsenen Mann in kurzen Hosen f\u00fcr ein Kind hielt.<\/p>\n<p>Nach einem erholsamen Aufenthalt im pittoresken Makrinitsa und einem letzten Blick \u00fcber den Golf von Volos im Abendrot ging es am n\u00e4chsten Morgen \u00fcber die h\u00f6chst sehenswerte Ausgrabung des \u201ePhilippsgrabes\u201c bei der alten makedonischen Haupt Vergina zur\u00fcck nach Thessaloniki. Erf\u00fcllt mit Eindr\u00fccken von einem sch\u00f6nen, aber gebeutelten Land mit gastfreundlichen Menschen, von einer anderen christlichen Kirche, \u00fcber die man im \u201eLand der Reformation\u201c viel zu wenig wei\u00df, und von einem guten Miteinander in der Gruppe mit vielen interessanten Gespr\u00e4chen bleibt das gute Gef\u00fchl, eine kleine Br\u00fccke zwischen Ost und West geschlagen zu haben. Und wie zur Best\u00e4tigung hatten sich auf der Heimfahrt sogar die Wolken von den Gipfeln des Olymp verzogen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Conference in cooperation with the Orthodox Academy of Volos<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":118120,"menu_order":1838,"template":"","meta":{"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"class_list":["post-32426","media-library","type-media-library","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","media-library-category-n-a"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein Br\u00fcckenschlag zwischen Ost und West - 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