{"id":32433,"date":"2023-07-17T14:37:18","date_gmt":"2023-07-17T12:37:18","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=reise-nach-italien-1715-16"},"modified":"2026-01-20T11:35:04","modified_gmt":"2026-01-20T10:35:04","slug":"prinzenreise-als-karrierestrategie-kurfuerstlicher-und-fuerstlicher-haeuser-an-der-wende-vom-17-zum-18-jahrhundert","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/prinzenreise-als-karrierestrategie-kurfuerstlicher-und-fuerstlicher-haeuser-an-der-wende-vom-17-zum-18-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Prinzenreise als Karrierestrategie kurf\u00fcrstlicher und f\u00fcrstlicher H\u00e4user an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Rahmenbedingungen f\u00fcr die Prinzenreise an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Prinzenreise stellte als hochadlige Sonderform der Kavalierstour in der Fr\u00fchen Neuzeit den Abschluss der heimischen Erziehung dar, bei dem das bereits Erlernte perfektioniert und praktiziert werden sollte. Hier wird es jedoch weniger um den Aspekt der Prinzenreise gehen, der in den Kontext der Bildungsgeschichte geh\u00f6rt, auch wenn dieser an sich nicht aus der inhaltlichen Gestaltung dieser Reiseform zu l\u00f6sen ist.<\/p>\n<p>Seit der Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. von 1356 mit ihrem 31. Kapitel bestand eine erste reichsgesetzliche Ausbildungsvorschrift f\u00fcr die S\u00f6hne der Kurf\u00fcrsten. Diese umschloss auch Reisen, die hier vor allem zum Erwerb der Sprachen Latein, Italienisch und Tschechisch sowie der besseren Qualifikation im h\u00f6fischen Umgang und somit f\u00fcr k\u00fcnftige Kontakte gedacht waren. Von da an durchliefen die Reisen eine deutliche Genese bis sie Prinzenreise und Kavalierstour wurden. Diese waren seit dem 16. Jahrhundert unterschiedlichen Konjunkturen unterworfen. Gemeinhin gilt das letzte Drittel des 17. Jahrhunderts bis etwa 1720 als zweite gro\u00dfe Hochphase dieser Reiseform, nachdem bereits eine erste in der Mitte des 16. Jahrhunderts stattfand. Die Bedeutung von Reisen f\u00fcr die Ausbildung des Adels wurde wiederholt in den entsprechenden, erziehungstheoretischen Schriften angesprochen. In den als \u201eF\u00fcrstenspiegel\u201c bezeichneten Anleitungen und Idealvorstellungen der F\u00fcrstenerziehung spielten Reisen seit der \u201eInstitutio Principis Christianis\u201c von Erasmus von Rotterdam von 1515 eine nicht immer angesprochene, aber stets wiederkehrende Komponente. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte sich dies in zwei Richtungen. W\u00e4hrend Veit Ludwig von Seckendorff in seinem kameralistischen Regelwerk \u201eDer Teutsche F\u00fcrsten-Stat\u201c von 1655 ein am heimischen Hof absolviertes Regierungs-Volontariat in der Bedeutung f\u00fcr die Qualifikation eines sp\u00e4ter regierenden F\u00fcrsten mit der Prinzenreise gleichsetzte, formulierte Siegmund von Birken in seinem \u201eBrandenburgischen Ulysses\u201c von 1669 die Notwendigkeit einer entsprechenden Reise in einer kaum zu \u00fcbertreffenden Devise mit \u201eMobiliora, Nobiliora! \u2013 Je beweglicher \u2013 desto edler!\u201c.<\/p>\n<p>Eine wesentliche, dem adligen Selbstverst\u00e4ndnis inh\u00e4rente Vorstellung ist die Idee des Exklusiven. Dies bedeutet, dass Adlige stets danach strebten, sich gegen\u00fcber anderen, vor allem aber auch gegen\u00fcber den Standesgenossen abzuheben \u2013 sei es durch herrschaftliche, milit\u00e4rische und politische Vorrangstellung, oder sei es durch tugendliche, kulturelle oder religi\u00f6se \u00dcberlegenheit. Dieses Streben nach einer f\u00fchrenden Stellung in den unterschiedlichen Bereichen ist f\u00fcr die folgenden \u00dcberlegungen wesentliche Triebfeder.<\/p>\n<p>Mit dem Westf\u00e4lischen Frieden von 1648 und den Bestimmungen des Artikels VIII, \u00a7 2, 2 IPO war den Reichsst\u00e4nden das \u201eius territoriale\u201c und ein B\u00fcndnisrecht untereinander und mit Externen best\u00e4tigt worden, allerdings unter der Voraussetzung, dass sich eine Allianz nicht gegen Kaiser und Reich richten durfte. Die Reichsst\u00e4nde galten somit auf europ\u00e4ischer Ebene zwar nicht als unmittelbare Untertanen des Kaisers, aber auch nicht als Souver\u00e4ne. Aufgrund dieser besonderen rechtlichen Stellung der Reichsst\u00e4nde gewann die Prinzenreise des ausgehenden 17. Jahrhunderts eine wichtige Funktion: Die deutschen Prinzen, die als Vertreter ihres fast souver\u00e4nen F\u00fcrstentums auf Reisen waren, sollten \u00fcber die Kontakte mit Souver\u00e4nen au\u00dferhalb des Reiches einer bestimmten, von den Reichsst\u00e4nden beanspruchten Position in der europ\u00e4ischen Adelshierarchie Ausdruck verleihen.<\/p>\n<p>Im Vordergrund stand dabei vor allem die Bem\u00fchung, ein entsprechendes Zusammentreffen mit dem franz\u00f6sischen K\u00f6nig als den wichtigsten und vom Reich aus gesehen n\u00e4chsten Monarchen des kontinentalen Europas zu erwirken. Konnte eine Begegnung mit dem franz\u00f6sischen K\u00f6nig nicht stattfinden, mussten aufgrund des eben dargelegten Verst\u00e4ndnisses andere Souver\u00e4ne aufgesucht werden. Durch ein Zusammentreffen mit skandinavischen K\u00f6nigen oder den Souver\u00e4nen der italienischen Halbinsel, wie etwa dem Papst, war es ebenfalls m\u00f6glich, die f\u00fcr das eigene Territorium und die Dynastie beanspruchte Souver\u00e4nit\u00e4t zu reklamieren. Vordergr\u00fcndiges Ziel der Prinzenreise war die Ausbildung des Prinzen in Studien und Exerzitien, kombiniert mit dem Erwerb von Fremderfahrung durch die Reise zum eigenen Nutzen und dem des Territoriums. Entscheidender Gradmesser war dabei die den Prinzen entgegengebrachte Ehre, die genau an den heimischen Hof kommuniziert wurde, w\u00e4hrend Lernerfolge der studierenden Prinzen als unabdingbarer Reisezweck stillschweigend vorausgesetzt wurden.<\/p>\n<p>Ende des 17. Jahrhunderts, in einer Zeit des sich noch nicht endg\u00fcltig ausgebildeten Staatensystems, die Heinz Duchhardt als \u201espannenden \u00dcbergangsphase\u201c bezeichnet hat, bot sich den Reichsst\u00e4nden die Gelegenheit, in den politischen Konstellationen der ludowizianischen Kriege Position zu beziehen und sich gegen\u00fcber dem Kaiser als eigenst\u00e4ndig zu behaupten. Als Beleg dient hier die Teilnehmerliste, die diejenigen F\u00fcrsten, aber auch Prinzen erw\u00e4hnt, die 1691 an dem fr\u00fchen Kongress zur Beilegung des Neunj\u00e4hrigen Krieges zwischen 1689 und 1698 in Den Haag anwesend waren. Die hier aufgelisteten F\u00fcrsten und Prinzen hielten sich zumeist inkognito in den Vereinigten Niederlanden auf. Die Prinzen waren jedoch vornehmlich zur Vervollkommnung der heimischen Studien und Exerzitien vor Ort und sammelten durch die zuf\u00e4llig dort stattfindende Tagung zus\u00e4tzliche Erfahrungen im standesgem\u00e4\u00dfen Umgang bei Visiten und Divertissements, aber auch im Umgang mit anderen F\u00fcrsten, Prinzen und Adligen. Dabei konnte das aktuelle Zeitgeschehen sich auf eine urspr\u00fcnglich geplante Reiseroute auswirken: Kriegsz\u00fcge und Schlachten beeinflussten die Reisewege auf zweierlei Arten: Zum einen wurden gef\u00e4hrliche Schaupl\u00e4tze gemieden, auf der anderen Seite boten versammelte Heere, Belagerungen und Schlachten den jungen Adligen die M\u00f6glichkeit, als junger Volont\u00e4r erste Erfahrungen im milit\u00e4rischen Bereich zu sammeln, zumal die Besch\u00e4ftigung als Milit\u00e4r vor allem f\u00fcr nachgeborene S\u00f6hne ein standesgem\u00e4\u00dfes Bet\u00e4tigungsfeld darstellte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Prinzenreise als Karrierestrategie kurf\u00fcrstlicher H\u00e4user<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kurf\u00fcrsten konnten innerhalb der Reichshierarchie nicht mehr aufsteigen au\u00dfer sie wurden zum K\u00f6nig beziehungsweise Kaiser gew\u00e4hlt. Der gew\u00e4hlte deutsche K\u00f6nig war ab 1508 faktisch auch zum Kaiser bestimmt. Zu dieser Zeit dominierte bis 1742 die Habsburger Dynastie das Amt des Kaisers, sodass sie einen erheblichen Einfluss auf die Politik der deutschen F\u00fcrsten und Kurf\u00fcrsten aus\u00fcbte. Bezeichnend ist hierbei, dass die Habsburger gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Prinzenreise nicht als Element ihrer F\u00fcrstenerziehung nutzten. Weder der lang regierende Leopold I. (1656-1705) noch seine Nachfolger Joseph I. (1678-1711) und Karl VI. (1685-1740) reisten w\u00e4hrend ihrer Prinzenzeit unter Erziehungsaspekten ins Ausland. Dies lag in der Hauspolitik und den Bildungsidealen der Habsburger begr\u00fcndet. Sie f\u00fchrten seit Generationen keine Prinzenreise mehr durch, da der zeremonielle Aufwand selbst eines inkognito reisenden Angeh\u00f6rigen des Hauses Habsburg zu gro\u00df war. Dar\u00fcber hinaus sollten die w\u00e4hrend einer Reise eventuellen Gefahren f\u00fcr den Reisenden vermieden werden. Im Fall des sp\u00e4teren Josephs I. kam hinzu, dass er bereits 1690 im Alter von zw\u00f6lf Jahren zum deutschen K\u00f6nig gew\u00e4hlt wurde und eine wie auch immer anschlie\u00dfend durchgef\u00fchrte Prinzenreise zu erheblichem zeremoniellen Aufwand und politischen Implikationen gef\u00fchrt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Andres sah dies bei den Kurf\u00fcrsten des ausgehenden 17. Jahrhunderts aus. Diese entwickelten unterschiedliche Strategien, ihren Aufstieg innerhalb der europ\u00e4ischen Adelshierarchie voranzutreiben. Bei einigen spielte dabei die Prinzenreise ihrer m\u00e4nnlichen Spr\u00f6sslinge eine erhebliche Rolle. Auf die Bedeutung der bayerischen Prinzenreisen soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Als kurzer Hinweis sei jedoch die Bemerkung gestattet, dass auch der Vater von Karl Albrecht, Maximilian II. Emanuel von Bayern (1662-1726), eindeutige Ziele mit den Prinzenreisen seiner S\u00f6hne verband. Der sp\u00e4tere Kurf\u00fcrst von K\u00f6ln etwa, Clemens August von Bayern (1700-1761), f\u00fcr den fr\u00fchzeitig eine geistliche Laufbahn vorgesehen war, hielt sich im Alter von 17 Jahren mit seinem ebenfalls f\u00fcr geistliche \u00c4mter vorgesehenen Bruder Philipp Moritz f\u00fcr gut zwei Jahre in Rom zu geistlichen Studien auf, was deutlich unter dem Aspekt einer Karriere f\u00f6rdernden Strategie zu bewerten ist. Andere Kurh\u00e4user nutzten zu diesem Zeitpunkt andere politische Taktiken, bei denen eine Prinzenreise aber auch eine untergeordnete Rolle spielen konnte. Hier ist das Haus Brandenburg ein geeignetes Beispiel. W\u00e4hrend der Gro\u00dfe Kurf\u00fcrst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688) sich in seiner Jugend vier Jahre in den Vereinigten Niederlanden zur Perfektionierung seiner Studien aufhielt, wurden seine S\u00f6hne aus der ersten Ehe am heimischen Hof erzogen und nicht auf Reisen geschickt. Sein Nachfolger Karl Emil starb nach einem Milit\u00e4rvolontariat im Alter von 20 Jahren, der n\u00e4chstfolgende Bruder Friedrich, der sp\u00e4ter K\u00f6nig in Preu\u00dfen wurde, erhielt in K\u00f6penick eine Nebenresidenz und absolvierte ebenfalls, m\u00f6glicherweise bedingt durch seine k\u00f6rperliche Schw\u00e4che, keine Prinzenreise. Die S\u00f6hne aus der zweiten Ehe des Gro\u00dfen Kurf\u00fcrsten hingegen reisten, soweit dies bekannt ist, durchaus. Dies bedeutet jedoch nicht, dass im Haus Brandenburg die Prinzenreise nicht zur Demonstration einer kulturell fundierten Politik f\u00fchren konnte. Die eingangs erw\u00e4hnte Beschreibung der Reise des Christian Ernst von Brandenburg-Bayreuth (1644-1712) in den Jahren 1659 bis 1661, der \u201eBrandburgische Ulysses\u201c, diente vor allem dazu, die auf Reisen zu erwerbende Weisheit und die durch ihren Erwerb gesteigerte Ehre auch auf das Gesamthaus Brandenburg zu \u00fcbertragen. Unter Kurf\u00fcrst Friedrich III.\/I. (1657-1713), der den Aufstieg zum K\u00f6nig nicht nur vehement verfolgte, sondern auch erreichte, wird die Ausstrahlung auf das Gesamthaus auch an seinen Handlungen gegen\u00fcber den unter seiner Vormundschaft stehenden Prinzen Christian Albrecht (1675-1692) und Georg Friedrich (1678-1703) von Brandenburg-Ansbach zu Beginn der 1690er Jahre deutlich. Zwar teilte sich Friedrich die Aufgabe des Vormundes mit dem Onkel der Prinzen, Friedrich VII. Magnus von Baden-Durlach und versah die Aufgaben zun\u00e4chst in Absprache mit dem Durlacher Markgrafen. In dem Moment, in dem es darum ging, die Verlegung des Aufenthaltsortes der Prinzen in den Vereinigten Niederlanden von Utrecht nach Den Haag zu diskutieren, setzte der Brandenburger sich \u00fcber Friedrich Magnus hinweg: Der Kurf\u00fcrst von Brandenburg veranlasste den Umzug und sogar eine anschlie\u00dfende Englandreise ohne den Durlacher zu Rate zu ziehen. W\u00e4hrend dieser ein auf den Studien und Wissenschaften basierendes Bildungskonzept seiner Neffen verfolgte, legte Friedrich III. von Brandenburg ein auf zeremoniellen Umgang und gesellschaftlichen Umgang definiertes Ideal f\u00fcr die Ansbacher Prinzen als Konzept an, das sich in der Betonung der gloire des Gesamthauses Brandenburg manifestierte. Die Vermehrung der gloire war das legitimierende Leitmotiv des im Aufstieg in die oberste Riege des Hochadels begriffenen Kurbrandenburg, das sich auch auf das Gesamthaus \u00fcbertrug. So formulierte Friedrich III. in einem Brief an seinen Neffen Christian Albrecht im Juli 1690, in dem er sich erfreut zeigt, dass dieser bereits gute Fundamente in seinen Studien gelegt hat: \u201edamit sie [Christian Albrecht] dermahl einst die Wohlfahrt Ihres Landes, und gloire unsers gemeinsamen Hauses merklich vermehren m\u00f6gen\u201c.<\/p>\n<p>Die in der Korrespondenz mit dem Ansbacher Prinzen wiederholt erscheinende Betonung der Position der Kurlinie innerhalb des Gesamthauses Brandenburg durch Friedrich III. hatte dabei mehrere Funktionen. Zum einen entsprach dies dem verinnerlichten Selbstverst\u00e4ndnis der F\u00fchrungsrolle der Brandenburger Kurlinie, die auch gegen\u00fcber den Nebenlinien unmissverst\u00e4ndlich kommuniziert werden musste. Daneben galt es, den jungen Verwandten als sp\u00e4teren F\u00fcrsten auf eine gemeinsame Linie einzuschw\u00f6ren, um somit einen weiteren Verb\u00fcndeten zu haben, der selbstverst\u00e4ndlich der Politik der brandenburgischen Hauptlinie folgte.<\/p>\n<p>Das s\u00e4chsische Kurhaus verfolgte eine andere Strategie, um sich innerhalb der europ\u00e4ischen Adelshierarchie herauszuheben, was ich etwas ausf\u00fchrlicher an den Beispielen der S\u00f6hne Kurf\u00fcrst Georgs III. (1647-1691), Georg und Friedrich August nach England herausarbeiten m\u00f6chte. 1685 und 1686 befand sich der sp\u00e4tere Kurf\u00fcrst Johan Georg IV. von Sachsen (1668-1694) unter dem Inkognito eines Grafen von Barby auf seiner Prinzenreise durch Europa. Er brach in einem Alter von 17 Jahren in Dresden Mitte November 1685 auf um zun\u00e4chst \u00fcber Frankfurt und Stra\u00dfburg reisend gut drei Wochen sp\u00e4ter in Paris einzutreffen. Hier und auch in Versailles hielt er sich gut ein halbes Jahr lang auf. W\u00e4hrend dieser Zeit intensivierte er seine ritterlichen Exerzitien und sein Studienprogramm, nahm aber auch rege am Leben des franz\u00f6sischen K\u00f6nigshofes teil. Von Paris begab er sich einen Tag nach der Bewunderung des Grand Carousell in Gegenwart der Dauphine von einem Fenster der grand ecurie direkt \u00fcber Calais reisend nach England, wo er gut vier Wochen im Juni und Juli 1686 verweilte, um anschlie\u00dfend \u00fcber Gottorf und das Reich wieder nach Sachsen zur\u00fcckzukehren. Im Jahr 1690 holte er seine urspr\u00fcnglich im Anschluss der bereits get\u00e4tigten Reisen geplante Italientour nach. Nach Wien reiste der s\u00e4chsische Kurprinz jedoch nicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend seines fast f\u00fcnfw\u00f6chigen Aufenthaltes in England im Sommer 1686 bezog der kurs\u00e4chsische Erbprinz in London beziehungsweise Windsor Quartier, da das Hauptanliegen seiner Englandreise die Pr\u00e4sentation am englischen Hof war. Die Beschreibung dieser Zusammenk\u00fcnfte stellt f\u00fcr diese Zeit auch den Hauptteil seines Reisediariums dar. Prominenter Introdeur am Hof war der Bruder von Johann Georgs Mutter Anna Sophie, Georg von D\u00e4nemark, und seit 1683 Gemahl der englischen Prinzessin Anna. Nach seiner Ankunft in London und einem Ruhetag begab sich der s\u00e4chsische Kurprinz an den K\u00f6nigshof in Windsor, wo er zun\u00e4chst mit seiner hoheitlichen Verwandtschaft zusammentraf und in Begleitung von Prinz Georg mit dem seit April 1685 regierenden K\u00f6nig Jakob II. und seiner zweiten Gattin Maria Beatrice d\u2019 Este Bekanntschaft machte. Gut die H\u00e4lfte der Zeit seines Aufenthaltes in England verbrachte Johann Georg in Gesellschaft der k\u00f6niglichen Familie und konnte sogar zum K\u00f6nig engere Kontakte kn\u00fcpfen, der ihn zum Man\u00f6ver seiner Truppen mitnahm und ihn in seine Kutsche lud. In der Zeit ohne die K\u00f6nigsfamilie besichtigte er London, traf mit anderen in London verweilenden Prinzen zusammen oder musste witterungsbedingt im Haus bleiben. Dass der Hauptzweck seines Aufenthaltes nicht im Besichtigungsprogramm lag, wie es durchaus w\u00e4hrend einer die heimische Erziehung abschlie\u00dfenden Prinzenreise angemessen gewesen w\u00e4re, zeigt sich daran, dass au\u00dfer London und Hampton Court, das auf dem Weg nach Windsor besichtigt wurde, keine weiteren sehenswerte Orte in Augenschein genommen wurden. Johann Georg besichtigte zwar die wichtigsten Sehensw\u00fcrdigkeiten, die Betonung der zeremoniellen Behandlung durch die K\u00f6nigsfamilie als Hauptaspekt der Reise wird jedoch durch die zum Teil pauschalen Formulierungen im Reisediarium zu dem Besichtigungsprogramm unterstrichen. Die Begegnungen mit der K\u00f6nigsfamilie wurden hingegen detailliert beschrieben, gab die dem Prinzen entgegengebrachte Ehre Hinweise auf die ihm und seinem Haus zugedachte Stellung innerhalb der europ\u00e4ischen Adelshierarchie. F\u00fcr Johann Georg von Sachsen geschah diese Einordnung auf fast h\u00f6chster Ebene seinem Rang als zuk\u00fcnftigen Kurf\u00fcrsten entsprechend, der sich als inkognito reisender Kurprinz fast auf Augenh\u00f6he nicht nur mit dem englischen, sondern bereits zuvor mit dem franz\u00f6sischen K\u00f6nig bewegt hatte. Auf der anderen Seite konnte Jakob II. durch sein gro\u00dfz\u00fcgiges Verhalten gegen\u00fcber einem der m\u00e4chtigsten protestantischen Reichsf\u00fcrsten beziehungsweise gegen\u00fcber seinem \u00e4ltesten Sohn positive Wirkung f\u00fcr sich erzielen. Johann Georg von Sachsen konnte mit seinem erfolgreichen Bestehen an einem weiteren K\u00f6nigshof beweisen, dass die Kurf\u00fcrsten von Sachsen zur obersten Liga der Reichsf\u00fcrsten geh\u00f6rten und auch innerhalb der europ\u00e4ischen Adelshierarchie sehr weit oben angesiedelt waren, was nicht zuletzt durch die dynastischen Verbindungen zum d\u00e4nischen K\u00f6nigshaus belegt wurde.<\/p>\n<p>Bei den hier pr\u00e4sentierten Beispielen zeigt sich, dass f\u00fcr den intendierten Aufstieg der Kurh\u00e4user unterschiedliche Strategien zur Unterstreichung der beanspruchten Position innerhalb der europ\u00e4ischen Adelshierarchie gesucht wurden, bei der die Prinzenreise der Erbprinzen, aber auch ihrer nachgeborenen Br\u00fcder und der Nebenlinien unterschiedlich genutzt wurden. W\u00e4hrend in Kurbrandenburg mehr auf milit\u00e4rische Vormachtstellung und die gloire des Gesamthauses rekurriert wurde, waren die Prinzenreisen in Kursachsen besonders ausf\u00fchrlich und aufwendig in einer Zeit, in der die Aufstiegsbestrebungen besonders stark waren. Die auf die Rezeption durch die ausw\u00e4rtigen M\u00e4chte ausgelegte Taktik ging schlie\u00dflich 1697 aus, als Friedrich August von Sachsen zum K\u00f6nig von Polen gew\u00e4hlt wurde, auch wenn er zu diesem Zweck zum Katholizismus konvertieren musste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Prinzenreise als Karrierestrategie f\u00fcrstlicher H\u00e4user<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Konzept, \u00fcber die Prinzenreise ihrer m\u00e4nnlichen Spr\u00f6sslinge, deren sp\u00e4tere Karriere zu f\u00f6rdern, aber auch die eigene Politik zu gestalten, zeigt sich auch gut an den entsprechenden Touren der deutschen F\u00fcrstendynastien. Da hier, mehr noch als bei den kurf\u00fcrstlichen H\u00e4usern, die M\u00f6glichkeiten auf Aufstieg innerhalb der Reichshierarchie vorhanden war, wurde diese auch stark genutzt. Auff\u00e4llig f\u00fcr das ausgehende 17. und beginnende 18. Jahrhundert war dabei die Frequenz des Kaiserhofes in Wien als Gradmesser der politischen Ambitionen. Galt der Wiener Kaiserhof vor dem Westf\u00e4lischen Frieden von 1648 als ein wesentliches Reiseziel von auf Prinzenreise befindlichen Prinzen, gleichsam als Pr\u00e4sentation beim obersten Landesherrn, zeigte sich nun eine Wende in der H\u00e4ufigkeit von Besuchen in Wien. Tats\u00e4chlich besuchten von den 61 zwischen 1671 und 1681 geborenen deutschen Prinzen nur drei den Kaiserhof, f\u00fcr zwei weitere war eine Reise dorthin urspr\u00fcnglich vorgesehen gewesen. Die drei Prinzen, die sich in dieser Zeit die M\u00fche machten, zumeist auf der R\u00fcckreise von Italien aus, nach Wien zu reisen, verfolgten ganz konkrete Ziele.<\/p>\n<p>Auf zwei dieser Reisen m\u00f6chte ich kurz eingehen: Der katholische Franz Alexander von Nassau-Hadamar (1674-1711) reiste nach juristischen Studien in Stra\u00dfburg, Trier und K\u00f6ln im Alter von 21 Jahren f\u00fcr drei Jahre durch Europa. Auf dem R\u00fcckweg von Italien hielt er sich einige Zeit am Kaiserhof auf und kehrte 1695 nach Hadamar zur\u00fcck. 1710 wurde er aus einem doch eher unbedeutenden Territorium stammend zum Kammerrichter in Wetzlar ernannt. Die Ernennung zu diesem durchaus politischen Amt ist neben den juristischen Voraussetzungen auf die guten Beziehungen zum Kaiser zur\u00fcckzuf\u00fchren, die sicher mit dem Besuch in Wien 15 Jahre zuvor gelegt worden sind.<\/p>\n<p>Anders verhielt es sich im Fall Leopolds von Anhalt-Dessau (1676-1747). Der schon fr\u00fch dem Milit\u00e4r zugeneigte Prinz \u2013 er erhielt bereits 1688 von Kaiser Leopold ein Regiment zu Fu\u00df verliehen \u2013, stand nach dem Tod seines Vaters Johann Georg II. (1627-1693) unter der vormundschaftlichen Regentschaft seiner Mutter, Henriette Katharina von Nassau-Oranien (1637-1708). Sie bestand auf der \u00fcblichen L\u00e4nderreise ihres Sohnes bevor er seine Milit\u00e4rkarriere starten durfte. Daher absolvierte er von November 1693 an eine verk\u00fcrzte Prinzenreise, die sich im Wesentlichen auf Italien beschr\u00e4nkte. Diese erfolgte aber in der gro\u00dfen Variante, die ihn nicht nur nach Venedig, Florenz und Rom, sondern auch nach Neapel f\u00fchrte. Auf der R\u00fcckreise traf er im Herbst 1694 in Turin, wo er drei Wochen blieb, auf Prinz Eugen, mit dem er von da an freundschaftlich verbunden war. Im Januar 1695 hielt er sich fast vier Wochen in Wien auf, wo er am 6. Januar mit Kaiser Leopold zusammentraf. Nach seiner R\u00fcckkehr an den heimischen Hof begab er sich sogleich zur Belagerung von Namur und k\u00e4mpfte bis zum Ende des Neunj\u00e4hrigen Krieges an den verschiedenen Schaupl\u00e4tzen und legte damit die Basis f\u00fcr seine erfolgreiche Milit\u00e4rkarriere. Seine Mutter hatte zwar zuvor beim Kaiser den vorzeitigen Antritt der eigenst\u00e4ndigen Regierung erwirkt. Ihre Intention war dabei, den Sohn durch den Regierungseintritt in den eigenen Landen und somit fern vom durchaus nicht ungef\u00e4hrlichen Kriegsgeschehen zu halten. Doch Leopold trat diese erst nach dem Ende der Kriegshandlungen mit dem Frieden von Rijswijk 1697 im Mai 1698 an. Es ist davon auszugehen, dass das konsequenzlose Ablehnen Leopolds von Anhalt-Dessau und die satt dessen begonnene Milit\u00e4rkarriere auf die gute Beziehung zum Kaiser nach der pers\u00f6nlichen Begegnung 1695 zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Der R\u00fcckgang der Besuche deutscher Prinzen am Kaiserhof fiel auch den Zeitgenossen auf, zumal die lands\u00e4ssigen Adligen der Erblande weiterhin ungebrochen nach Wien reisten. Franz Philipp Florin forderte 1719 in seinem \u201eOeconomus prudens et legalis continuatus oder Grosser Herren Stands und adelicher Haus-Vatter\u201c dezidiert den Besuch am Kaiserhof: \u201eAllein \u00fcberhaupt, soll ein jeder Printz und junger Herr ohne Ausnahme in Teutschland reisen, und vornehmlich den Kayserlichen Hof besuchen, damit er die Majest\u00e4t dieses gro\u00dfen Oberhauptes siehet, und in der N\u00e4he erkennen lernet, was man ihm vor einen Respect zu geben schuldig seye, welches gewi\u00df mehr Nutzen schaffen wird, als alle Reisen in fremde L\u00e4nder.\u201c<\/p>\n<p>Florin verkannte aber hierbei, um was es bei der Prinzenreise um 1700 ging. Sie bedurfte nicht mehr der Pr\u00e4sentation beim Kaiser, sondern den Gewinn an Ehre und Ansehen durch ausw\u00e4rtige Souver\u00e4ne, um innerhalb der Hierarchie des Reichsadels aufzusteigen.<\/p>\n<p>Dies zeigt sich insbesondere w\u00e4hrend des Neunj\u00e4hrigen Krieges, wo insbesondere durch das der Reichskriegserkl\u00e4rung von 1689 impliziertem Reiseverbot f\u00fcr Frankreich alternativ andere Souver\u00e4ne und Monarchen in Europa aufgesucht wurden. W\u00e4re tats\u00e4chlich der eigentliche Zweck der Prinzenreise vor allem die Bildung gewesen, h\u00e4tte Frankreich als vorbildliches Land mit seinem herausragenden Hof von Italien abgel\u00f6st werden m\u00fcssen. Dieses blieb jedoch an zweiter Stelle der frequentierten L\u00e4nder, Platz 1 nahmen nun die Vereinigten Niederlande ein. Zwar waren diese aufgrund des \u201eGoldenen Zeitalters\u201c immer noch ein begehrtes Reiseziel, da sie in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht immer noch sehenswert waren, der Zenit dieses Landes war aber schon so weit \u00fcberschritten, dass nach zus\u00e4tzlichen Motiven f\u00fcr eine Reise dorthin gesucht werden muss. Zudem gab es nicht wirklich einen herausragenden, mit Paris konkurrenzf\u00e4higen Hof. Diese Situation trat erst nach der Glorious Revolution von 1688 ein als mit der Person Wilhelms III. von Nassau-Oranien (1650-1702) nicht nur der Statthalter der Vereinigten Niederlande anzutreffen war, sondern zugleich ab 1689 der englische K\u00f6nig. Die seit den fr\u00fchen 1690er Jahren in den Vereinigten Niederlanden stattfindenden Kongresse waren eine weitere Attraktion, die junge F\u00fcrstens\u00f6hne von ihren V\u00e4tern und Vorm\u00fcndern dorthin schicken lie\u00df. Dabei war diese Kombination von vermeintlich politischer Teilhabe und gleichzeitigem Kontakte kn\u00fcpfen derart attraktiv, dass unabh\u00e4ngig der konfessionellen Ausrichtung eine Reise in die Vereinigten Niederlande wenn nicht konkret absolviert, so doch in Erw\u00e4gung gezogen wurde. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist die Ausbildungszeit des katholischen F\u00fcrsten Meinrad von Hohenzollern-Sigmaringen (1673-1715), ab 1695 F\u00fcrst Meinrad II. Nachdem er einen l\u00e4ngeren Aufenthalt an der Ritterakademie in Parma absolviert hatte, wurde 1696 eine Reise in die Vereinigten Niederlande ins Auge gefasst, da neben der Option, die Franz\u00f6sischkenntnisse zu vertiefen, die politischen Konstellationen dieses notwendig erscheinen lie\u00dfen. Die finanziell schlechte Situation Hohenzollern-Sigmaringens lie\u00df jedoch Vormund Franz Anton von Hohenzollern-Haigerloch davon absehen, diese Reise zu genehmigen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die nachgeborenen Prinzen der f\u00fcrstlichen Dynastien wurde die Prinzenreise oft genutzt, um ihnen eine bessere milit\u00e4rische Ausbildung zu verschaffen, sowie auch schon zu diesem fr\u00fchen Zeitpunkt eine Anstellung in fremden Diensten zu besorgen. War die milit\u00e4rische Bet\u00e4tigung als Feldherr eine dem f\u00fcrstlichen Ideal entsprechende Eigenschaft barg sie doch auch Gefahren f\u00fcr Leib und Leben, die man insbesondere im Fall der Erbprinzen gerne vermeiden wollte. Da aber die den Prinzen in ihrem Unterricht oft als nacheifernswerte Vorbilder pr\u00e4sentierten F\u00fcrsten milit\u00e4risch herausragende Pers\u00f6nlichkeiten waren \u2013 angefangen bei Alexander dem Gro\u00dfen \u00fcber Caesar, Karl dem Gro\u00dfen und schlie\u00dflich Karl V. \u2013, befanden sich die f\u00fcrstlichen Eltern in einem Dilemma: einerseits war der tugendhafte Milit\u00e4r ein Ideal, andererseits bedeutete dies in realiter eine Gefahr. Wenn dann auch noch der eigene Vater, der regierende F\u00fcrst, ein erfolgreicher Milit\u00e4r war, war es erst Recht schwer, die richtige Balance zwischen Ausbildung und Schutz zu finden. Erbprinz Friedrich von Hessen-Kassel (1676-1751), dessen Vater, Landgraf Karl (1657-1730) einer der erfolgreichsten Heerf\u00fchrer in den Kriegen gegen Ludwig XIV. war, f\u00fchrte seinen Sohn bed\u00e4chtig an das Kriegshandwerk heran, das zuvor Bestandteil der theoretischen und praktischen Ausbildung war. Nachdem er sich kurz vor seiner Abreise aus den Vereinigten Niederlanden die vor Texel liegende vereinigte englisch-niederl\u00e4ndische Flotte ansehen konnte, reiste er 1694 nach Br\u00fcssel, um dort die Formierung der alliierten Armee zu studieren. Anschlie\u00dfend durfte er das Feldlager seines Vaters und des badischen Markgrafen Ludwig Wilhelm begutachten.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckreise 1695 von seiner Tour aus Italien besah er die Belagerung von Casale, wo er den f\u00fcr seine sp\u00e4tere milit\u00e4rische Karriere wichtigen Kontakt zu Prinz Eugen von Savoyen kn\u00fcpfen konnte. Von dort aus begab er sich fast direkt zur Belagerung von Namur, wo er erstmals offiziell als Erbprinz von Hessen-Kassel als Volont\u00e4r teilnahm und in den folgenden Jahren als Milit\u00e4r eine Laufbahn antrat. Dabei war Friedrichs pers\u00f6nliches Interesse am Kriegswesen recht stark. Er forcierte die R\u00fcckreise aus Italien, da er unbedingt noch nach Namur wollte, dass sein Hofmeister dies schon bem\u00e4ngelte: \u201eLe desir d\u2019aller en Campagne passe si fort l\u2019esprit S.A. qu\u2019il ne songe quasi a autre chose.\u201c<\/p>\n<p>Gerade f\u00fcr die Prinzen, die eine milit\u00e4rische Laufbahn anstrebten, waren die Auslandsaufenthalte w\u00e4hrend der Prinzenreise zur Zeit eines Krieges von gro\u00dfem Nutzen. Sie konnten erste Einblicke in das Kriegshandwerk erhalten, als Volont\u00e4r an den Milit\u00e4raktionen teilnehmen und sogar eine Anstellung in fremden Diensten erlangen. Somit wurden erste Verbindungen gekn\u00fcpft, die f\u00fcr die Zukunft oft entscheidend sein konnten. Im milit\u00e4rischen Bereich war es offensichtlich einfacher, f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Laufbahn hilfreiche Netzwerke aufzubauen, als im politischen Bereich. Dies lag zum einen an der Vereinbarkeit der milit\u00e4rischen Anstellung mit einer standesgem\u00e4\u00dfen Besch\u00e4ftigung, vor allem f\u00fcr nachgeborene Prinzen. Dazu kam, dass bereits erfolgreiche Feldherren wie Prinz Eugen, der selbst ein nachgeborener Prinz war, sich der Notwendigkeit von F\u00f6rderung des milit\u00e4rischen Nachwuchses bewusst waren, da sie nur selbst auf diese Weise ihre Karriere hatten starten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite war aber auch der Preis f\u00fcr dies Karriere nicht unerheblich: Das gesundheitliche Risiko war recht hoch, und zwar nicht nur durch die direkten Kampfhandlungen, sondern auch durch in den Lagern immer wieder auftretenden Krankheiten. Immerhin neun der Prinzen, die zwischen 1671 und 1681 geboren wurden, fielen im Kriegsgeschehen wenn nicht noch im Neunj\u00e4hrigen Krieg, so doch kurz darauf im Spanischen Erbfolgekrieg. Als konkretes Beispiel: Alle sieben S\u00f6hne Landgraf Karls, die das Erwachsenenalter erreichten, traten eine Laufbahn im Milit\u00e4r an. Von diesen fielen drei, wobei lediglich Ludwig direkt im Kampfgeschehen verstarb, w\u00e4hrend Karl und Leopold an Entkr\u00e4ftung am Ende der Kampagne starben. Hierbei spielten sicherlich auch die hygienischen Umst\u00e4nde eine Rolle.<\/p>\n<p>Deutlich wurde jedoch, dass die zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert f\u00fcr die auf Prinzenreise befindlichen F\u00fcrstens\u00f6hne ein karrieref\u00f6rderndes Element darstellten. Nachdem durch die Anschauung oft ein erster Kontakt mit dem Milit\u00e4r erm\u00f6glicht worden war, nutzen vor allem die nachgeborenen S\u00f6hne die Gelegenheit, eine Karriere in fremden Diensten zu starten, die ihnen nicht nur ein Auskommen sicherte, sondern auch den Erwerb von Ruhm und Ehre, der auf die gesamte Dynastie ausstrahlte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Zusammenfassung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Prinzenreise deutscher F\u00fcrstens\u00f6hne an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert galt vordergr\u00fcndig der Perfektionierung der heimischen Erziehung und wurde mit den Reisen durch Frankreich, Italien, den beiden Niederlanden und England sowie bisweilen den skandinavischen H\u00f6fen dem standesgem\u00e4\u00df geforderten Bildungsideal gerecht. Die f\u00fcrstlichen V\u00e4ter und Vorm\u00fcnder, die ihre Sch\u00fctzlinge auf Reisen schickten, betonten stets dabei den Nutzen f\u00fcr die Prinzen, aber auch f\u00fcr das eigene Territorium. Dieser lag dabei weniger auf den nach den Reisen besser ausgebildeten F\u00fcrsten als vielmehr auf den w\u00e4hrend dieser Fahrten gekn\u00fcpften Kontakten. Diese \u00e4u\u00dferten sich in der den Prinzen entgegengebrachten Ehre, die sich in der zeremoniellen Behandlung der jeweiligen Vertreter einer Dynastie durch die ausw\u00e4rtigen K\u00f6nige und Souver\u00e4ne ausdr\u00fcckte. Auf diese Weise nutzen die deutschen Reichsf\u00fcrsten die Prinzenreise ihrer S\u00f6hne als kommunikatives Medium, den beanspruchten Rang innerhalb der europ\u00e4ischen Adelshierarchie zu kommunizieren.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus konnten vor allem nachgeborene Prinzen w\u00e4hrend der Kriege dieser Zeit die Gelegenheit nutzen, sich oft zun\u00e4chst als Volont\u00e4re einen Einstieg in eine Milit\u00e4rkarriere zu verschaffen.<\/p>\n<p>Wie unterschiedlich und Variantenreich dabei das Spektrum der angewendeten Strategien war, wurde deutlich. Dabei wurden die vielschichtigen Zeichensysteme der Fr\u00fchen Neuzeit genutzt, die der realen politischen Gewichtung eines Territoriums nicht immer entsprachen. Es zeigt sich erneut, dass kulturelle Erscheinungsformen wie die Prinzenreise als Medium der Politik verstanden werden m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sixth Karl Graf Spreti Symposium<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":118077,"menu_order":1628,"template":"","meta":{"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"class_list":["post-32433","media-library","type-media-library","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","media-library-category-n-a"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Prinzenreise als Karrierestrategie kurf\u00fcrstlicher und f\u00fcrstlicher H\u00e4user an der Wende vom 17. zum 18. 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