{"id":32439,"date":"2023-07-17T14:37:24","date_gmt":"2023-07-17T12:37:24","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=konrad-adenauer"},"modified":"2026-01-16T16:17:01","modified_gmt":"2026-01-16T15:17:01","slug":"leitmotive-der-politik-von-konrad-adenauer","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/leitmotive-der-politik-von-konrad-adenauer\/","title":{"rendered":"Leitmotive der Politik von Konrad Adenauer"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eErst bei der Rh\u00f6ndorfer Konferenz habe ich bemerkt, dass die anderen im Vergleich zu ihm unterschiedlich kleine Zwerge waren.\u201c So urteilte Franz Josef Strau\u00df in seinen \u201eErinnerungen\u201c nahezu drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter \u00fcber den ersten Bundeskanzler. Tats\u00e4chlich bildete die Konferenz von Unionspolitikern, zu dem der damalige Vorsitzende des Parlamentarischen Rates und der CDU Rheinland zum 21. August 1949 in sein Haus in Rh\u00f6ndorf eingeladen hatte, ein Schl\u00fcsselereignis f\u00fcr die Geschichte der Bundesrepublik. Nicht allein aufgrund seines Alters, auch als Gastgeber besa\u00df Adenauer von vornherein eine gewisse F\u00fchrungsrolle. Er nutzte sie virtuos: Gegen den starken Widerstand des sozialpolitisch gepr\u00e4gten Fl\u00fcgels der CDU um den nordrhein-westf\u00e4lischen Ministerpr\u00e4sidenten Karl Arnold setzte Adenauer eine b\u00fcrgerliche Koalition ohne die in der ersten Bundestagswahl fast gleichstarken Sozialdemokraten durch. Damit stellte er die Weichen f\u00fcr die Koalitionsbildungen bis 1966.<\/p>\n<p>Und mit fast beil\u00e4ufiger Selbstverst\u00e4ndlichkeit erkl\u00e4rte der 73-j\u00e4hrige Adenauer mit der ber\u00fchmten Bemerkung, \u201eMein Arzt hat mir gesagt, ich kann das noch ein Jahr machen\u201c, seine Kanzlerkandidatur. Zwar war diese keineswegs so selbstverst\u00e4ndlich wie Adenauer suggerierte, da jedoch keiner der m\u00f6glichen Konkurrenten eine Mehrheit erreicht h\u00e4tte, vertr\u00f6stete er sie alle auf schon bald bevorstehende bessere Chancen: Niemand rechnete damit, dass der alte Herr dann vierzehn Jahre bis 1963 regieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Und mit \u00e4hnlichem taktischen Geschick verfuhr er beim Vorschlag f\u00fcr die Bundespr\u00e4sidentenwahl. Nat\u00fcrlich brauchte er f\u00fcr die erste Regierungsbildung Koalitionspartner. Die drittst\u00e4rkste Partei nach CDU und SPD war mit 11,9 Prozent die FDP. Ihren Vorsitzenden, Theodor Heuss, kannte Adenauer schon aus der Weimarer Republik, als Heuss Reichstagsabgeordneter war und besonders aus dem Parlamentarischen Rat, der 1948\/49 das Grundgesetz f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland vorbereitete. Heuss war ein bew\u00e4hrter Liberaler, Hochschullehrer und au\u00dferordentlich produktiver Autor von Biographien, politischen Sachb\u00fcchern und Essays. W\u00e4hrend der NS-Diktatur wurde ihm zeitweise Schreibverbot auferlegt. Adenauer brauchte die FDP, doch es unterliegt ebenso wenig einem Zweifel, dass er Heuss f\u00fcr besonders geeignet hielt. In Teilen der Union war der zumindest unkirchliche Heuss nicht besonders gesch\u00e4tzt. Adenauer reagierte kaum weniger trocken als in Rh\u00f6ndorf und bemerkte \u201eEr hat aber eine sehr christliche Frau\u201c, was f\u00fcr Elly Heuss-Knapp durchaus zutraf.<\/p>\n<p>Anderen erschien Heuss als zu altv\u00e4terlicher liberaler Bildungsb\u00fcrger in der Tradition der Revolution von 1848\/49, der stil- und altersm\u00e4\u00dfig nicht mehr in die Zeit passte. Etwas \u00fcber 65 Jahre, war Heuss gerade im Rentenalter. Und so bemerkte der erst 45-j\u00e4hrige Abgeordnete Kurt Georg Kiesinger zu Adenauer, Heuss \u201esei ein ehrenwerter Mann, aber immerhin ein, wenn auch liebensw\u00fcrdiger \u00dcberrest des 19. Jahrhunderts\u201c. Kiesinger sah, wie unwirsch Adenauer, der immerhin acht Jahre \u00e4lter war als Heuss, ihn ansah und bemerkte seine Taktlosigkeit. Er f\u00fcgte schnell hinzu: Sie sind ja nicht gemeint, was Adenauer keineswegs friedlich stimmte, er grummelte Kiesinger an: \u201eSie meinen, ich w\u00e4re nicht liebensw\u00fcrdig!\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wurde die fr\u00fche Bundesrepublik \u00fcberwiegend von den Alten, den Erfahrenen repr\u00e4sentiert. Das bedeutete keineswegs, wie oft behauptet wurde, Restauration, sondern eine ethische Fundierung der Politik und einen Lernprozess aus der Geschichte, der deutschen Geschichte zumal. Und im R\u00fcckblick muss man konstatieren: Was h\u00e4tte der Bundesrepublik besseres passieren k\u00f6nnen, als diese beiden alten M\u00e4nner?<\/p>\n<p>Beide waren die personifizierten Gegens\u00e4tze zur NS-Diktatur. Ihre N\u00fcchternheit bildete den denkbar gr\u00f6\u00dften Gegensatz zum irrationalen Pathos der nationalsozialistischen Ideologie, zu ihrem Rassismus, Antisemitismus, hysterischen Nationalismus und Imperialismus. Zwar war Heuss durchaus ein Gutteil gem\u00fctvoller und literarisch \u00fcberh\u00f6hter als Adenauer, doch repr\u00e4sentierten beide das, was der erste Bundespr\u00e4sident \u201eEntkrampfung\u201c nannte. Beiden stand zwar auch scharfz\u00fcngiger Witz und Ironie zu Gebote, aber eben auch vers\u00f6hnlicher Humor, mit dem Adenauer viele scharfe Debatten entkrampfte.<\/p>\n<p>Bestimmte Adenauer als Bundeskanzler die \u201eRichtlinien der Politik\u201c innerhalb der vorgegebenen internationalen Konstellation, stand er f\u00fcr Verl\u00e4sslichkeit und rationale Kalkulierbarkeit, so repr\u00e4sentierte und symbolisierte Heuss die kulturelle Tradition der Deutschen, ihre Glaubw\u00fcrdigkeit und Humanit\u00e4t. Er lebte die Demokratie vor. F\u00fcr die R\u00fcckgewinnung der Wertorientierung in Deutschland nach der fundamentalen Zerst\u00f6rung aller Werte durch die nationalsozialistische Herrschaft kann die Bedeutung beider Pers\u00f6nlichkeiten f\u00fcr ein neues Selbstvertrauen der Deutschen und des internationalen Vertrauens f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland kaum \u00fcbersch\u00e4tzt werden. Adenauers Bedeutung f\u00fcr die Nachkriegsgeschichte scheint auf den ersten Blick \u00fcberraschend, wenn man an die ersten Jahrzehnte seiner politischen Laufbahn denkt. Nichts schien 1945 auf seinen sp\u00e4teren Rang als europ\u00e4ischer Staatsmann hinzudeuten. Oder vielleicht doch?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was pr\u00e4destinierte Konrad Adenauer f\u00fcr die pr\u00e4gende Rolle, die er f\u00fcr die Grundlegung der Bundesrepublik Deutschland und ihre europ\u00e4ische Verankerung spielte? War er nicht urspr\u00fcnglich ein Lokal- und Provinzpolitiker? Lassen Sie mich, bevor ich mich auf die zentralen Leitlinien und Weichenstellungen seiner Politik als Bundeskanzler konzentriere, kurz \u00fcber die Vorgeschichte dieses Politikers sprechen, obwohl Konrad Adenauer selbst seine vierb\u00e4ndigen \u201eErinnerungen\u201c erst mit dem Kriegsende 1945 beginnt.<\/p>\n<p>Konrad Adenauer, dessen unverkennbarer rheinischer Dialekt uns allen noch im Ohr klingt, wurde am 5. Januar 1876 in K\u00f6ln als Sohn eines h\u00f6heren preu\u00dfischen Beamten geboren, er studierte Jurisprudenz und Politische \u00d6konomie und legte sein zweites Staatsexamen 1901 ab, bevor er bei der Staatsanwaltschaft und in einer Rechtsanwaltskanzlei arbeitete. Seit 1906 engagierte er sich f\u00fcr die Zentrumspartei in der Lokalpolitik seiner Heimatstadt und wurde nach einer T\u00e4tigkeit als Beigeordneter 1917 zum Oberb\u00fcrgermeister von K\u00f6ln gew\u00e4hlt, der schon damals viertgr\u00f6\u00dften deutschen Stadt. Doch der erfahrene und gewiefte Verwaltungsjurist verwaltete nicht nur, sondern gestaltete. Er entwickelte das kulturelle und das \u00f6konomische Leben der Stadt betr\u00e4chtlich weiter. Das Spektrum seiner Innovationen reichte von der Wiederbegr\u00fcndung der K\u00f6lner Universit\u00e4t 1919 bis zum K\u00f6lner Gr\u00fcng\u00fcrtel. Unter den nicht wenigen bedeutenden Oberb\u00fcrgermeistern deutscher Gro\u00dfst\u00e4dte der Weimarer Republik war er sicherlich der bedeutendste.<\/p>\n<p>Von 1921 bis 1933 war Adenauer zugleich Pr\u00e4sident des Preu\u00dfischen Staatsrats, der Vertretung der preu\u00dfischen Provinzen. In dieser Funktion hatte er eine Dienstwohnung in Berlin \u2013 im heutigen Landwirtschaftsministerium in der Wilhelmstra\u00dfe \u2013 und reiste st\u00e4ndig zu den Sitzungen des Staatsrats, der im heutigen Bundesrat in der Leipziger Stra\u00dfe residierte.<\/p>\n<p>Obwohl Inhaber eines der drei f\u00fchrenden preu\u00dfischen \u00c4mter und neben dem Ministerpr\u00e4sidenten und dem Landtagspr\u00e4sidenten Mitglied des in Krisenzeiten wichtigen Drei-M\u00e4nner-Kollegiums, war das Verh\u00e4ltnis des rheinischen \u201eBeutepreu\u00dfen\u201c zu Preu\u00dfen zwiesp\u00e4ltig. Das kam weniger in seinen halb scherzhaften Bemerkungen zum Ausdruck, wenn er in der Bahn bei Braunschweig vorbeigereist sei, ziehe er die Vorh\u00e4nge zu, denn dann sei er in Asien, als in seiner 1919 ge\u00e4u\u00dferten grunds\u00e4tzlichen Kritik am Preu\u00dfentum, dem die Gegner nicht ganz unverst\u00e4ndlich militaristischen Geist und Obrigkeitsh\u00f6rigkeit unterstellten. Anders als der damalige Zeitgeist erkannte Adenauer durchaus eine preu\u00dfisch-deutsche Mitverantwortung am I. Weltkrieg.<\/p>\n<p>Hinzu kam, dass Konrad Adenauer \u2013 wie der liberale Staatsrechtler und Reichsinnenminister Hugo Preuss \u2013 die f\u00f6derale Struktur der neuen Republik f\u00fcr verfehlt hielt, da das im Vergleich zu den anderen L\u00e4ndern \u00fcbergro\u00dfe Preu\u00dfen 3\/5 der Reichsbev\u00f6lkerung und 2\/3 des Reichsterritoriums umfasste. Deshalb wollte Adenauer eine Autonomie des Rheinlands gegen\u00fcber Preu\u00dfen, nicht aber gegen\u00fcber dem Reich: Anders als manche seiner Gegner behaupteten, war er also keineswegs ein rheinischer Separatist. Der Republik stand er 1919\u00a0\u00a0 positiver gegen\u00fcber als ein Teil der Zentrumspartei, bei ihm sind keine monarchistischen Neigungen erkennbar, er konstatierte ohne Umschweife, das \u201eKaiserreich habe sich \u00fcberlebt\u201c. Vor allem aber stand er nach 1919 zweifelsfrei auf dem Boden der Weimarer Demokratie und achtete penibel dann auch auf die Einhaltung der neuen Preu\u00dfischen Verfassung von 1921.<\/p>\n<p>Dass Adenauers politischer Rang in der Weimarer Republik weit \u00fcber eine blo\u00df lokale Bedeutung hinausging, zeigte nicht allein seine Pr\u00e4sidentschaft im preu\u00dfischen Staatsrat. Vielmehr h\u00e4tte er, wenn er gewollt h\u00e4tte, auch Reichskanzler werden k\u00f6nnen. In n\u00fcchterner Einsch\u00e4tzung der jeweiligen parteipolitischen Konstellation im Reichstag lehnte der Pragmatiker dieses Amt\u00a0 jedoch ab. Es ist hier nicht m\u00f6glich, Adenauers Aktivit\u00e4ten in der Weimarer Republik oder auch nur die des K\u00f6lner Oberb\u00fcrgermeisters eingehender darzustellen. Doch schon drei, vier Hinweise charakterisieren sein vorausweisendes bzw. grunds\u00e4tzliches politisches Denken, das f\u00fcr ihn auch nach 1945 leitend blieb.<\/p>\n<p>Auf dem M\u00fcnchner Katholikentag 1922 geriet Konrad Adenauer als Pr\u00e4sident des Katholikentages mit Kardinal Faulhaber aneinander, der die Weimarer Demokratie ablehnte, w\u00e4hrend der K\u00f6lner Oberb\u00fcrgermeister sie bef\u00fcrwortete und sich damit gegen rechtsnationale und monarchistische Tendenzen stellte. Wie vorbehaltlos Adenauer zur Weimarer Demokratie stand, beweist auch seine eindrucksvolle Gedenkrede, die er am 8. M\u00e4rz 1925 f\u00fcr den verstorbenen sozialdemokratischen Reichspr\u00e4sidenten Friedrich Ebert hielt. Er nannte ihn einen Staatsmann, dessen \u201ewahrhaft gro\u00dfe, eine historische Tat\u201c Deutschland vor dem Schicksal einer bolschewistischen Revolution wie in Russland bewahrt habe. Ebert galt Adenauer als \u201egro\u00dfer Mensch mit strengster Rechtlichkeit und Lauterkeit in der Lebensf\u00fchrung\u201c, er sei ein \u201eDiener des ganzen Volkes\u201c gewesen. Selbst in seiner eigenen Partei ist Ebert keineswegs immer eine solche Verehrung entgegengebracht worden, in der Weimarer Republik wurde er st\u00e4ndig das Ziel \u00fcbler Diffamierung.<\/p>\n<p>Nicht nur in diesem Fall sah Adenauer \u00fcber Parteigrenzen hinaus. Vielmehr wollte er den politischen Katholizismus aus dem \u201eZentrumsturm\u201c befreien und propagierte eine enge Kooperation mit den Protestanten: \u201eWir m\u00fcssen beim Kampfe f\u00fcr die Geltung der christlichen Grunds\u00e4tze in den \u00f6ffentlichen Dingen bei den Nichtkatholiken Bundesgenossen suchen. Soweit wir das irgendwie k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir mit Bestrebungen Gleichgesinnter im evangelischen Lager Hand in Hand gehen und suchen, uns gegenseitig zu unterst\u00fctzen und zu\u00a0 f\u00f6rdern.\u201c Das war 1922, aber erst nach 1945 wurde diese Vision einer \u00fcberkonfessionellen christlichen Partei, genauer zweier Parteien, realisiert. Adenauer selbst und viele Beobachter haben seine Ausf\u00fchrungen als erste Idee dazu verstanden.<\/p>\n<p>Und noch in einem weiteren zentralen Anliegen seiner sp\u00e4teren Politik als Bundeskanzler finden sich damals die Wurzeln. In seiner Rede zur Wiederer\u00f6ffnung der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln forderte Adenauer bereits 1919 eine deutsch-franz\u00f6sische Auss\u00f6hnung und enge Kooperation\u00a0 zwischen beiden Staaten, ja sogar eine Wirtschaftsunion. Er begr\u00fcndete diese Zielsetzung keineswegs nur pragmatisch, sondern mit der kulturellen N\u00e4he des Rheinlandes zu Frankreich, mit christlichen Gemeinsamkeiten, ja f\u00fcr einen n\u00fcchternen Redner wie ihn, fast emotional mit abendl\u00e4ndisch gepr\u00e4gtem Pathos. Auch die Vision deutsch-franz\u00f6sischer Kooperation ben\u00f6tigte mehrere Jahrzehnte zur Realisierung. Allein diese beiden Beispiele zeigen: Adenauer war nie nur der schlichte Verwalter, der Konservative, als den ihn seine Gegner gern hinstellten, vielmehr war er oft seiner Zeit voraus, gelegentlich zu weit, um Realisierungschancen zu haben.<\/p>\n<p>Beispiele seiner Charakterst\u00e4rke und rechtsstaatlich-demokratischen Prinzipienfestigkeit lieferte Adenauer keineswegs nur 1933 \u2013 damals aber so unbeirrt durch den Zeitgeist wie eh und je. Als Mitglied des erw\u00e4hnten Drei-M\u00e4nner-Kollegiums in Preu\u00dfen weigerte sich Adenauer am 6. Februar 1933, an der von NSDAP und (KPD) betriebenen Aufl\u00f6sung des Preu\u00dfischen Landtags mitzuwirken, die die Nationalsozialisten auch in Preu\u00dfen an die Macht bringen sollte. Zu diesem Zeitpunkt war Hitler bereits Reichskanzler. Adenauer protestierte gegen die widerrechtliche Zusammensetzung des Gremiums,\u00a0 die vom nationalsozialistischen Landtagspr\u00e4sidenten Kerrl betrieben wurde, indem anstelle des sozialdemokratischen Ministerpr\u00e4sidenten Otto Braun ein Reichskommissar treten sollte. Und nicht weniger mutig zeigte sich Adenauer als K\u00f6lner Oberb\u00fcrgermeister: Er weigerte sich, den Reichskanzler Hitler am 17. Februar 1933 in K\u00f6ln am Flughafen zu begr\u00fc\u00dfen und lie\u00df die Hakenkreuzfahnen dort wieder herunterholen, wo sie auf st\u00e4dtischem Grund angebracht worden waren. Im Wahlkampf f\u00fcr die Reichstagswahlen bzw. Landtagswahlen in Preu\u00dfen im M\u00e4rz 1933 bek\u00e4mpft er entschieden die NSDAP. Die Nationalsozialisten verga\u00dfen es ihm nicht. Sofort nach der Reichstagswahl vom 5. M\u00e4rz 1933 wurde er amtsenthoben. Obwohl er sich aus der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcckgezogen und sein Haus in Rh\u00f6ndorf gebaut hatte, wurde er zeitweilig inhaftiert und versteckte sich viele Monate im Kloster Maria Laach. F\u00fcr seine Familie gewann die permanente Bedrohung durch das NS-Regime tragische Folgen und f\u00fchrte zur schweren Erkrankung und schlie\u00dflich zum Tod seiner zweiten Frau, nachdem er bereits 1916 das erste Mal verwitwet war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich \u00fcberspringe die ersten Nachkriegsjahre, in denen Adenauer zun\u00e4chst als Oberb\u00fcrgermeister wieder eingesetzt, von der britischen Besatzungsmacht dann wieder entlassen wurde, weil er auch ihr gegen\u00fcber unbeugsam war. Er wurde ein wesentlicher Mitgr\u00fcnder der CDU als \u00fcberkonfessioneller christlicher Partei und trug dadurch zur wichtigsten Innovation im deutschen Parteiensystem bei. Als Vorsitzender der CDU Rheinland und als Pr\u00e4sident des Parlamentarischen Rates 1948\/49 gelangte er schnell in eine politische Schl\u00fcsselposition. Wenngleich der Praktiker nicht zu langen verfassungspolitischen Exkursen neigte wie die beiden anderen f\u00fchrenden Mitglieder des Parlamentarischen Rates, Theodor Heuss und der Sozialdemokrat Carlo Schmid, also inhaltlich nicht zu den zentralen Diskutanten z\u00e4hlte, leitete er doch die Beratungen im Bonner Museum Koenig bzw. der dortigen P\u00e4dagogischen Akademie souver\u00e4n und zielsicher mit dem Erfahrungsschatz der verfassungspolitischen Fehlentwicklungen der Weimarer Republik und der NS-Diktatur. Die Verfassungsordnung des Grundgesetzes wurde so zu einem der erfolgreichsten Beispiele, aus der Geschichte zu lernen. Dazu geh\u00f6rte die St\u00e4rkung der Stellung des Bundeskanzlers in einem konsequent parlamentarischen, konsequent repr\u00e4sentativen Regierungssystem. Dessen M\u00f6glichkeiten nutzte Adenauer von Beginn seiner Kanzlerschaft an virtuos, sodass mit ihm der Begriff \u201eKanzlerdemokratie\u201c verbunden wurde.<\/p>\n<p>Worin bestanden nun die Leitlinien seiner Politik als Bundeskanzler? Auch Adenauer beherrschte wie jeder gro\u00dfe Politiker Strategie und Taktik. Seine Schlitzohrigkeit war kaum zu \u00fcbertreffen, wenn er politische Widersacher in den eigenen Reihen oder Politiker anderer Parteien ausman\u00f6vrieren wollte. Nicht zuf\u00e4llig zitierte Adenauer seinen Freund Robert Pferdmenges, der gesagt habe: Es gibt drei Formen der Wahrheit, \u201edie einfache, die reine und die lautere Wahrheit\u201c. Doch so wenig \u201epingelig\u201c Adenauer auch war, wenn es um die Durchsetzung seiner politischen Ziele ging, so zweifelsfrei ist die ethische Fundierung seiner Politik, die auf seinem christlichen Glauben beruhte. Auch wenn die Kirchentreue des praktizierenden Katholiken unverkennbar war, hie\u00df das keineswegs, dass er sich in sein politisches Handeln hineinreden lie\u00df, wie viele seiner Gegner behaupteten. Die engen Kontakte zum K\u00f6lner Kardinal Frings oder die famili\u00e4ren zu seinem Sohn Monsignore Paul Adenauer betrafen naturgem\u00e4\u00df auch politische Themen, aber bewirkten bei Konrad Adenauer keine kirchliche Einflussnahme auf seine Politik. Zwar reflektierte er nicht \u2013 wie beispielsweise Franz Josef Strau\u00df \u2013 \u00f6ffentlich das Verh\u00e4ltnis von Christentum und Politik in einer Partei, die sich zum Christentum bekannte. Doch f\u00fcr den Politiker Adenauer unterlag die Trennung kirchlicher und staatlicher Aufgaben keinem Zweifel. Dazu mag die am Ende der Weimarer Republik tragische Erfahrung der Zentrumspartei beigetragen haben, die einen geistlichen Vorsitzenden, den Pr\u00e4laten Ludwig Kaas, sowie andere Geistliche mit politischen Mandaten hatte. Und in jedem Fall wollte der machtbewusste Adenauer seinen politischen Handlungsspielraum nicht von Institutionen einengen lassen, die die Verfassung daf\u00fcr nicht bestimmte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eEs musste alles neu gemacht werden\u201c, hat Konrad Adenauer einmal bemerkt und damit die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ausgangsposition ebenso schlicht wie treffend beschrieben. Er hat damit, ohne das ahnen zu k\u00f6nnen, der unsinnigen These sp\u00e4terer Historiker und Politikwissenschaftler widersprochen, die die Fr\u00fchgeschichte der Bundesrepublik gegen alle empirischen Befunde und Fakten als \u201eRestauration\u201c bewertet haben. Tats\u00e4chlich war die Gesellschaft der Bundesrepublik weder identisch mit der des NS-Regimes noch restaurierbar.<\/p>\n<p>Ich nenne nur wenige Stichworte, die zeigen, wie realit\u00e4tsfern die These der Restauration ist:<\/p>\n<ul>\n<li>1950 fast 10 Millionen Fl\u00fcchtlinge und Vertriebene, die ein F\u00fcnftel der bundesrepublikanischen Bev\u00f6lkerung ausmachten, haben ebenso wie die erheblichen Kriegsverluste die Gesellschaft Westdeutschlands wesentlich ver\u00e4ndert;<\/li>\n<li>die faktische Enteignung des gesamten ostelbischen Gro\u00dfgrundbesitzes ver\u00e4nderte die Sozialstruktur ebenfalls;<\/li>\n<li>das Ende der gesellschaftlichen und politischen Rolle, die das Milit\u00e4r in der deutschen Geschichte gespielt hatte, besa\u00df weitreichende politische und gesellschaftliche Folgen;<\/li>\n<li>die Einf\u00fchrung der sozialen Marktwirtschaft und die vorhergehende partielle finanzielle Egalisierung, die die W\u00e4hrungsreform 1948 herbeigef\u00fchrt hatte, f\u00fchrten zu einer v\u00f6llig anderen \u00f6konomischen Ausgangsbasis;<\/li>\n<li>schlie\u00dflich ver\u00e4nderte sich das Parteiensystems durch die Einf\u00fchrung der beiden \u00fcberkonfessionellen christlichen Volksparteien CDU und CSU und die Marginalisierung und schlie\u00dflich das Verbot extremer Partien;<\/li>\n<li>und vor allem: Welche Verfassungsordnung hat das Grundgesetz restauriert? Keine.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Lassen Sie mich dazu eine generelle Schlussfolgerung anschlie\u00dfen: Die st\u00e4ndige Wiederholung der Behauptung der restaurativen, miefigen Adenauerjahre macht dieses Klischee nicht wahrer. In den 1950er und 1960er Jahren gab es vielmehr Aufbruch als Restauration. Das gilt im \u00fcbrigen auch f\u00fcr die Kultur, denken Sie beispielsweise in der Literatur an au\u00dferordentlich kritische Autoren wie Heinrich B\u00f6ll, G\u00fcnter Grass, Martin Walser, Siegfried Lenz, Uwe Johnson, Wolfgang Koeppen und viele andere, denken Sie an Zeitschriften wie den \u201eSpiegel\u201c, um nur diese wenigen Beispiele zu nennen. Es gibt kaum eine historische Epoche, in der nicht ein Mischungsverh\u00e4ltnis zwischen Altem und Neuem besteht. Die realit\u00e4tsnahe Frage kann nur lauten: Welche Tendenz dominiert?<\/p>\n<p>Neben den strukturellen Bedingungen und Kontexten unterschieden sich aber auch wesentliche Inhalte der Adenauerschen Politik von den vorhergehenden Perioden deutscher Politik.<\/p>\n<p>Gegen traditionellen Nationalismus und Imperialismus setzte Konrad Adenauer auf europ\u00e4ische Verst\u00e4ndigung. Er beendete konsequent das, was die Historiker den deutschen \u201eSonderweg\u201c nennen; dieser deutsche \u201eSonderweg\u201c besa\u00df au\u00dfenpolitische, verfassungs- und gesellschaftspolitische Komponenten, die allesamt nach 1949 beendet wurden. Gegen die Konkurrenz, ja die als Erbfeindschaft titulierte Gegnerschaft mit Frankreich, setzte er auf\u00a0 Freundschaft und Kooperation mit dem gro\u00dfen Nachbarn im Westen. Gegner einer neutralistischen Schaukelpolitik zwischen West und Ost, entschied sich der Bundeskanzler eindeutig f\u00fcr den Westen ohne aber Versuche der Verst\u00e4ndigung mit der Sowjetunion zu unterlassen, wie er sie 1955 mit seiner Moskaureise unternahm. Anstelle einer autonomen offensiven oder gar aggressiven Milit\u00e4rmacht setzte er auf eine defensive, in die westliche Verteidigungsgemeinschaft eingebundene Bundeswehr. Anstelle einer rein kapitalistischen Wirtschaftsordnung unterst\u00fctzte Adenauer die von Alfred M\u00fcller-Armack und Ludwig Erhard konzipierte Soziale Marktwirtschaft, wozu nicht allein die Sozialpflichtigkeit des Eigentums sowie weitere sozialpolitische Komponenten geh\u00f6rten. Er selbst betrieb 1957 die Einf\u00fchrung der dynamischen Rente, die an die Lohn- und Gehaltsentwicklung gekoppelt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lassen Sie mich einige ausgew\u00e4hlte Stationen dieser Politik kurz nennen. Von Beginn seiner Kanzlerschaft setzte Adenauer auf Auss\u00f6hnung mit den bis 1945 verfeindeten Staaten, insbesondere die Gewinnung deutsch-franz\u00f6sischer Freundschaft. Das war nicht erst seit den immer engeren Beziehungen so, die sich nach der R\u00fcckkehr General de Gaulles an die Macht 1958 entwickelten und die im Elys\u00e9e-Vertrag vom 22. Januar 1963 gipfelten. Ein Symbol f\u00fcr die engen pers\u00f6nlichen Beziehungen zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle war zuvor schon der gemeinsame Besuch der Messe in der Kathedrale von Reims gewesen. Schon in den 1940er Jahren kn\u00fcpfte er Kontakte, die an seine Vision von 1919 anschlossen und die lange Kontinuit\u00e4t seiner Frankreichpolitik belegen. In den fr\u00fchen 1950er Jahren waren es in erster Linie drei Staatsm\u00e4nner, die sich engagiert f\u00fcr eine europ\u00e4ische Kooperation der demokratischen Staaten des Westens einsetzten: Neben Konrad Adenauer waren dies Robert Schuman (1886-1963) in Frankreich und Alcide de Gasperi (1881-1954) in Italien. Alle drei waren kaum zuf\u00e4llig alle in Grenzlanden geboren, Adenauer im Rheinland, Schuman in Luxemburg und de Gasperi bei Trient. Sie alle waren ihren Nachbarn nicht so fremd, sie alle hatten kriegerische Verheerungen zuerst zu sp\u00fcren bekommen \u2013 oder auch wie de Gasperi mehrfach die Nationalit\u00e4t wechseln m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und ebenso wenig zuf\u00e4llig d\u00fcrfte es gewesen sein, dass diese drei fr\u00fchesten Gr\u00fcnderv\u00e4ter der europ\u00e4ischen Integration katholische Staatsm\u00e4nner waren. Sie stimmten in ihrem Glauben und ihrer politischen Lebenserfahrung \u00fcberein. Sie konnten sich, was sich besonders im Briefwechsel zwischen Adenauer und Robert Schuman sch\u00f6n zeigen l\u00e4sst, jenseits der moralischen Verheerungen und des im Krieg aufgepeitschten nationalistischen Hasses als gl\u00e4ubige Individualit\u00e4ten schon verst\u00e4ndigen als das ihren V\u00f6lkern noch kaum m\u00f6glich war. Die katholische Kirche war nicht wie die protestantische eine Nationalkirche, sondern per definitionem transnational. Adenauer, Schuman, de Gasperi verstanden sich als Repr\u00e4sentanten des christlichen Abendlandes. Man hat sp\u00e4ter \u00fcber diese Abendl\u00e4ndler, \u00fcber die christliche Abendlandideologie gespottet \u2013 zu Unrecht wie ich meine, bildete sie doch die fundamentale Wertorientierung, auf der ein humanes Menschenbild, die Menschenrechte, die moderne Demokratie und der Rechtsstaatsgedanke, die Ethik in der Politik in Europa aufruhten. Doch darf der europ\u00e4ische Schwerpunkt Adenauers nicht zu der Fehleinsch\u00e4tzung f\u00fchren, die angels\u00e4chsische Welt sei ihm gleichg\u00fcltig gewesen. Vielmehr sah er die europ\u00e4ische Integration und die deutsch-franz\u00f6sische Freundschaft in realistischer machtpolitischer Einsch\u00e4tzung als komplement\u00e4r zur engen deutsch-amerikanischen Kooperation. Mit Pr\u00e4sident Eisenhower und Au\u00dfenminister John Foster Dulles, aber auch in Gro\u00dfbritannien mit Winston Churchill oder Anthony Eden kooperierte er ebenfalls eng.<\/p>\n<p>Insofern war die Westorientierung, die Konrad Adenauer betrieb und f\u00fcr die Franz Josef Strau\u00df trotz vieler Spannungen, die die beiden hatten, zu seiner st\u00e4rksten St\u00fctze wurde, ein wertorientierter, mehrschichtiger Prozess, bei dem es zwar auch, jedoch keineswegs nur oder in erster Linie um milit\u00e4rische Westintegration ging. N\u00fcchterne Staatsm\u00e4nner, die diese drei\u00a0 waren, wussten Adenauer, Schuman und de Gasperi, zu denen sich als wesentlicher Mitgestalter Jean Monnet gesellte, wie wichtig wirtschaftliche Verflechtungen waren, die allen Beteiligten n\u00fctzten. Die materielle Basis schadete der Europaidee nicht, sondern gab ihr die solide Basis. Insofern waren die Montanvertr\u00e4ge von 1952 und die Gr\u00fcndung der Europ\u00e4ischen Wirtschaftsgemeinschaft durch die R\u00f6mischen Vertr\u00e4ge der sechs Staaten vor 60 Jahren die entscheidenden Etappen. Adenauers Anweisungen f\u00fcr die vorbereitenden Verhandlungen beweisen, welche entscheidende Rolle er f\u00fcr diese Vertr\u00e4ge spielte. Ein Scheitern wollte er um keinen Preis zulassen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Adenauer bildeten die R\u00f6mischen Vertr\u00e4ge mit den Deutschland-Vertr\u00e4gen von 1952 bzw. 1955 die nachdr\u00fcckliche Best\u00e4tigung seiner Au\u00dfen-, Europa und Verteidigungspolitik. Ohne sie w\u00e4re die Geschichte der Bundesrepublik, aber auch die Europas anders verlaufen. Mit diesen Vertr\u00e4gen erlangte die Bundesrepublik \u2013 mit Einschr\u00e4nkungen \u2013 die v\u00f6lkerrechtliche Souver\u00e4nit\u00e4t. Noch wenige Jahre zuvor h\u00e4tte es niemand f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, dass Deutschland beziehungsweise der westliche Teil so kurz nach Kriegsende zu einem konstituierenden und international akzeptierten Partner europ\u00e4ischer und euro-atlantischer Politik wurde. Eine bezeichnende Episode stand am Beginn: Als der gerade gew\u00e4hlte Bundeskanzler Konrad Adenauer am 21. September 1949 den drei Hohen Kommissaren der USA, Gro\u00dfbritanniens und Frankreichs die Beglaubigungsurkunde der ersten Bundesregierung \u00fcberreichte, standen diese dort in der Mitte auf dem Teppich, das gesamte Bundeskabinett davor. Bei seiner Erkl\u00e4rung trat Adenauer einen Schritt vor, stand also ebenfalls auf dem Teppich, demonstrierte dadurch Gleichberechtigung und zugleich Priorit\u00e4t vor seinen Ministern. Das Ganze mochte eher beil\u00e4ufig wirken. Tats\u00e4chlich aber handelte es sich um einen ebenso bezeichnenden wie bedeutsamen Akt symbolischer Politik, hatte sich Adenauer doch zugleich ausbedungen, dass s\u00e4mtliche Kontakte zu den Hochkommissaren \u00fcber ihn liefen.<\/p>\n<p>Die komplexe Westintegration war h\u00e4rter und steiniger als es im R\u00fcckblick die geradezu zwingende Logik der Adenauerschen Zielsetzung und ihre Realisierung erscheinen l\u00e4sst. Die Probleme begannen mit dem heftig umstrittenen Aufbau der Bundeswehr. Der deutsche Verteidigungsbeitrag ging auf amerikanische Initiative zur\u00fcck, stie\u00df jedoch bei den europ\u00e4ischen Nachbarn zun\u00e4chst auf mehr oder weniger dezidierte Vorbehalte und Widerst\u00e4nde. Und die Westdeutschen selbst reagierten in ihrer gro\u00dfen Mehrheit nach den milit\u00e4rischen Exzessen der NS-Diktatur auf jegliche Form der Wiederbewaffnung allergisch.<\/p>\n<p>Adenauer aber sagte einen deutschen Verteidigungsbeitrag aus zwei Gr\u00fcnden zu: In Zeiten des Kalten Krieges zwischen West und Ost erschien die milit\u00e4rische Bedrohung durch den sowjetischen Milit\u00e4rblock f\u00fcr die westlichen Demokratien, insbesondere das geteilte Deutschland lebensbedrohlich. Die europ\u00e4ischen Staaten hatten der Sowjetunion keine wirkliche milit\u00e4rische Macht entgegenzusetzen, die Experten waren sich einig, bei einem konventionellen Angriff w\u00e4re die Rote Armee innerhalb weniger Tage bis zum Atlantik vorgedrungen. Ohne die USA w\u00e4re die Bundesrepublik und ganz Westeuropa eine leichte Beute gewesen. Sich ohne einen eigenen Beitrag allein auf die amerikanische St\u00e4rke zu verlassen, w\u00e4re erstens den Amerikanern kaum zumutbar gewesen, zum anderen nicht ohne Risiko. Zwei konkrete Erfahrungen spielten daf\u00fcr eine wesentliche Rolle. Nach der W\u00e4hrungsreform 1948 hatte die sowjetische Armee s\u00e4mtliche Zugangswege von und nach Berlin blockiert und damit den Vierm\u00e4chte-Status der Stadt in Frage gestellt. Nur durch die amerikanische Luftbr\u00fccke, die von Ende Juni 1948 bis Mai 1949 fast ein Jahr lang die drei Westzonen von Berlin aus der Luft versorgte, konnte die Westberliner Bev\u00f6lkerung vor dem Aushungern und der Erpressung gerettet werden. Als 1950 das kommunistische Nordkorea mit Unterst\u00fctzung Rotchinas und der Sowjetunion S\u00fcdkorea angriff, erschien dies als Menetekel f\u00fcr das ebenfalls geteilte Deutschland. Nun erschien es den Verantwortlichen im Westen h\u00f6chste Zeit, f\u00fcr milit\u00e4rische Sicherheit zu sorgen.<\/p>\n<p>Anfangs ging es allerdings noch nicht um einen Beitritt der Bundesrepublik zur 1948 gegr\u00fcndeten NATO, sondern um eine europ\u00e4ische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) \u2013 fast eine L\u00f6sung, die heute wieder diskutiert wird. Doch scheiterte die EVG, weil in der ber\u00fchmten Nachtsitzung am 30. August 1954 die Ratifizierung der EVG-Vertr\u00e4ge in der Assembl\u00e9e Nationale in Paris scheiterte. Daraufhin wurde als Ersatz der Beitritt der Bundesrepublik zur NATO gew\u00e4hlt. Auf diese Weise erreichte Adenauer dann doch noch sein Ziel, die Bundesrepublik in die westliche Sicherheitsarchitektur einzubinden.<\/p>\n<p>Die Bundesrepublik trat in die integrierte F\u00fchrungsstruktur der NATO ein, verzichtete damit auf ein wesentliches Souver\u00e4nit\u00e4tsrecht durch ein eigenes, von der NATO unabh\u00e4ngiges\u00a0 milit\u00e4risches Oberkommando und erhielt 1955 zugleich damit die Souver\u00e4nit\u00e4t. Mit dieser scheinbar paradoxen Politik erreichte Adenauer beide Ziele. Dabei ist nicht zu vergessen, dass der Widerstand in der Bundesrepublik gr\u00f6\u00dfer war als bei den westlichen Partnern, eine Gro\u00dfdemonstration folgte der anderen. Die SPD als gr\u00f6\u00dfte Oppositionspartei k\u00e4mpfte entschieden gegen das gesamte Paket der Westintegration und akzeptierte es erst mit der ber\u00fchmten Rede Herbert Wehners im Deutschen Bundestag am 30. Juni 1960.<\/p>\n<p>Konrad Adenauer misstraute der politischen Reife und Vernunft der deutschen Bev\u00f6lkerung zutiefst. Mit der festen Einbindung in die demokratische Staatenwelt des Westens wollte er zugleich innenpolitische Stabilit\u00e4t, au\u00dfenpolitische Souver\u00e4nit\u00e4t und milit\u00e4rische Sicherheit erreichen. Er vergr\u00f6\u00dferte damit jedoch zugleich Schritt f\u00fcr Schritt den Handlungsspielraum der Bundesrepublik Deutschland. Immer wieder ist jedoch die Frage gestellt worden, ob er durch die dezidierte Westintegration die Chancen auf Wiedervereinigung vermindert oder gar verhindert hat. Seine entschiedensten Gegner wie der fr\u00fchere CDU-Innenminister, sp\u00e4tere sozialdemokratische Justizminister und Bundespr\u00e4sident Gustav Heinemann, war dieser Meinung schon seit er 1952 die neutralistische und pazifistische Gesamtdeutsche Volkspartei gegr\u00fcndet hatte.<\/p>\n<p>Jenseits pers\u00f6nlicher Animosit\u00e4ten, die Gustav Heinemann, Thomas Dehler und andere gegen\u00fcber Adenauer hegten, l\u00e4sst sich ins Feld f\u00fchren, dass die Sowjetunion ein neutrales Deutschland eher akzeptiert h\u00e4tte. Vielfach sind die Noten Stalins vom M\u00e4rz 1952 als Exempel angef\u00fchrt worden und das noch viele Jahre sp\u00e4ter 1958 in einer der aufgeregtesten Sitzungen des Deutschen Bundestages. Doch die Fakten zeigen: Der Vorwurf, Adenauer habe diese Verhandlungschance nicht einmal ergriffen, steht auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen. Diese Noten waren an die drei Westm\u00e4chte gerichtet und nicht an die Bundesregierung. Drei Jahre vor der Souver\u00e4nit\u00e4tserkl\u00e4rung der Bundesrepublik besa\u00df Adenauer, ob er die Wiedervereinigung wollte, oder ob nicht, gar keinen eigenen Spielraum. Und selbst nach 1955 war die Bundesrepublik politisch noch lange nicht autonom genug, weil selbst danach die v\u00f6lkerrechtlichen Vorbehalte der Westm\u00e4chte, die Deutschland als Ganzes betrafen, weiterhin in Kraft blieben. Heute wissen wir au\u00dferdem aus sowjetischen Quellen, dass die zeitgen\u00f6ssische Einsch\u00e4tzung Adenauers und der westlichen Regierungen zutraf, derzufolge es sich 1952 um ein taktisches St\u00f6rman\u00f6ver Stalins handelte. Stalin wollte die Bewaffnung der Bundesrepublik und ihren B\u00fcndnisbeitritt zur geplanten EVG verhindern. Es gab zu keinem Zeitpunkt in den 1950er und 1960er Jahren eine realistische Chance f\u00fcr eine Wiedervereinigung Deutschlands als selbst\u00e4ndiger demokratischer Staat. Und wer h\u00e4tte es verantworten k\u00f6nnen, die Freiheit Westdeutschlands f\u00fcr eine Wiedervereinigung in Form einer kommunistischen Diktatur zu opfern?<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen zielt die Frage nach Adenauers Haltung zur Wiedervereinigung auf seine politische Priorit\u00e4tenskala: Er teilte prinzipiell die von Eugen Gerstenmaier formulierte Hierarchie \u201eFreiheit, Frieden, Einheit\u201c. Die Konsequenz lautete: Adenauer wollte die Wiedervereinigung, aber er wollte sie in Freiheit und in einem friedlichen Prozess \u2013 ganz so, wie sie 1990 dank der ma\u00dfgeblich von Helmut Kohl betriebenen Politik erreicht wurde. Nach Adenauers \u00dcberzeugung war die Teilung Deutschlands eine Folge der Spannungen zwischen Ost und West, also des Kalten Krieges. Die Wiedervereinigung bekomme ihre Chance, wenn diese Spannungen abgebaut w\u00fcrden, so hat er mehrfach betont.<\/p>\n<p>Zu den zentralen gesellschaftspolitischen Anliegen Konrad Adenauers geh\u00f6rte die Integration der Vertriebenen und Fl\u00fcchtlinge. Dieser gro\u00dfartige Erfolg, zu dem viele Gesetze \u2013 wie das Lastenausgleichgesetz beitrugen \u2013 z\u00e4hlt zu den gro\u00dfen friedenspolitischen Leistungen der Bundesrepublik Deutschland, obwohl die Integration nicht von heute auf morgen gelang, sondern zehn bis f\u00fcnfzehn Jahre in Anspruch nahm. Auch dieser Erfolg war alles andere als selbstverst\u00e4ndlich, vielmehr mussten zahlreiche, mentale, soziale und materielle Probleme gel\u00f6st werden.<\/p>\n<p>Kurz behandeln m\u00f6chte ich ein anderes au\u00dferordentlich bedeutsames Ziel Adenauerscher\u00a0 Politik, weil sich darin humanit\u00e4re, au\u00dfenpolitische und geschichtspolitische Motive verbinden und diese Politik zugleich einen hohen finanziellen Einsatz erforderte. Hierbei handelte es sich zum einen um die Wiedergutmachung f\u00fcr nationalsozialistische Verbrechen, die ich lieber als materielle Entsch\u00e4digung bezeichne, weil solche Verbrechen nicht wieder gut zu machen sind. Zum anderen betrifft diese Politik die Verst\u00e4ndigung mit Israel.<\/p>\n<p>Bereits in seiner ersten Regierungserkl\u00e4rung am 20. September 1949 forderte Adenauer\u00a0 neben der Nachsicht f\u00fcr nicht im strafrechtlichen Sinne schuldige NS-Mitl\u00e4ufer eine strenge Bestrafung der wirklich Schuldigen an den Verbrechen der NS-Diktatur. 1952 wurde im \u00dcberleitungsvertrag den Alliierten gegen\u00fcber eine Entsch\u00e4digungsverpflichtung abgegeben. 1953 regelte das Bundeserg\u00e4nzungsgesetz zur Entsch\u00e4digung f\u00fcr Opfer nationalsozialistischer Verfolgung diese Verpflichtung, die 1956 nochmals durch ein r\u00fcckwirkend bis 1953 wirkendes umfassenderes Gesetz erweitert wurde. Erg\u00e4nzungen und Novellierungen folgten verschiedentlich, sie erweiterten jeweils den Kreis der Anspruchsberechtigten.<\/p>\n<p>Auf dieser Rechtsgrundlage sowie weiterer Abkommen mit Israel und Globalvertr\u00e4gen mit zw\u00f6lf Staaten leistete die Bundesrepublik Deutschland bis 1988 insgesamt Zahlungen von 80,57 Milliarden DM und ging weitere Verpflichtungen von \u00fcber 22 Milliarden DM bis zur Jahrtausendwende ein. Bis 1988 wurden \u00fcber 4,4 Millionen Antr\u00e4ge auf Entsch\u00e4digung bearbeitet.<\/p>\n<p>Die Vereinbarung mit Israel wurde bereits 1952 im Luxemburger Abkommen geschlossen, in dem sich die Bundesregierung verpflichtete, bis 1965 in 14 Jahresraten drei Milliarden DM in Form von Warenlieferungen und Dienstleistungen zu zahlen. Hinzu kamen Eingliederungshilfen in H\u00f6he von 450 Millionen DM f\u00fcr j\u00fcdische Opfer, die au\u00dferhalb Israels lebten. Adenauers Ansehen in Israel war gro\u00df, das Photo, das ihm mit dem wichtigsten Gr\u00fcndungsvater Israels und langj\u00e4hrigem Ministerpr\u00e4sidenten David Ben Gurion im New Yorker Waldorf Astoria Hotel am 14. M\u00e4rz 1960 zeigt, ging um die Welt. Ben Gurion w\u00fcrdigte ihn nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt 1963 einerseits pers\u00f6nlich, andererseits als gro\u00dfen au\u00dfergew\u00f6hnlich erfolgreichen Staatsmann: Adenauer sei 1949 Regierungschef eines zerst\u00f6rten Landes geworden, das bei seinem Ausscheiden als Bundeskanzler 1963 eines der st\u00e4rksten und wichtigsten westlichen L\u00e4nder geworden sei. \u201eAls einer der wenigen Deutschen, denen ihr katholischer Glaube mehr war als Gewohnheit und Routine, lehnte er ungleich den meisten seiner Landsleute das sch\u00e4ndliche Nazi-Regime ab.\u201c<\/p>\n<p>In der Regel wird Adenauers Staatssekret\u00e4r im Kanzleramt Hans Globke genannt, wenn man Adenauer eine laxe Haltung in der Personalpolitik attestiert. Der au\u00dferordentlich effiziente Verwaltungsjurist Globke war zwar nicht NSDAP-Mitglied, hatte jedoch 1935 im Reichsinnenministerium den Auftrag ausgef\u00fchrt, einen Kommentar zu den judenfeindlichen N\u00fcrnberger Gesetzen zu verfassen. Und ein unverkennbarer Pragmatismus im Umgang mit politisch nicht Unbelasteten gipfelte in Adenauers Satz: \u201eWenn ich nur schmutziges Wasser habe, kann ich nicht mit sauberem kochen.\u201c<\/p>\n<p>Wie Adenauer aber wirklich zur Schuldfrage in Deutschland stand, zeigen andere \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferungen, beispielsweise in seiner K\u00f6lner Universit\u00e4tsrede am 24. M\u00e4rz 1946, in der er im \u00fcbrigen die Vereinigten Staaten von Europa forderte: \u201eAber der Nationalsozialismus h\u00e4tte in Deutschland nicht zur Macht kommen k\u00f6nnen, wenn er nicht in breiten Schichten der Bev\u00f6lkerung (ein) vorbereitetes Land f\u00fcr seine Giftsaat gefunden h\u00e4tte\u201c. An kritischer Sch\u00e4rfe kaum zu \u00fcbertreffen ist sein Brief vom 23. Februar 1946 an Pastor Dr. Bernhard Custodis in Bonn: \u201eNach meiner Meinung tr\u00e4gt das deutsche Volk und tragen die Bisch\u00f6fe und der Klerus eine gro\u00dfe Schuld an den Vorg\u00e4ngen in den Konzentrationslagern. Richtig ist, dass nachher vielleicht nicht viel mehr zu machen war. Die Schuld liegt fr\u00fcher.\u201c Volk und Bisch\u00f6fe seien auf die nationalsozialistische Agitation eingegangen, man habe sich fast widerstandslos, zum Teil mit Begeisterung gleichschalten lassen. \u201eIm \u00fcbrigen hat man aber auch gewusst \u2013 wenn man auch die Vorg\u00e4nge nicht in ihrem ganzen Ausma\u00dfe gekannt hat -, dass die pers\u00f6nliche Freiheit, alle Rechtsgrunds\u00e4tze, mit F\u00fc\u00dfen getreten wurden, dass in den Konzentrationslagern gro\u00dfe Grausamkeiten ver\u00fcbt wurden, dass die Gestapo, unsere SS und zum Teil auch unsere Truppen in Polen und Russland mit beispiellosen Grausamkeiten gegen die Zivilbev\u00f6lkerung vorgingen. Die Judenpogrome 1933 und 1938 geschahen in aller \u00d6ffentlichkeit. Die Geiselmorde in Frankreich wurden von uns offiziell bekannt gegeben. Man kann also wirklich nicht behaupten, dass die \u00d6ffentlichkeit nicht gewusst habe, dass die nationalsozialistische Regierung und die Heeresleitung st\u00e4ndig aus Grundsatz gegen das Naturrecht, gegen die Haager Konvention und gegen die einfachsten Gebote der Menschlichkeit verstie\u00dfen. Ich glaube, dass, wenn die Bisch\u00f6fe alle miteinander an einem bestimmten Tage \u00f6ffentlich von den Kanzeln aus dagegen Stellung genommen h\u00e4tten, sie vieles h\u00e4tten verhindern k\u00f6nnen. Das ist nicht geschehen und daf\u00fcr gibt es keine Entschuldigung.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe an zentralen Beispielen die Grundz\u00fcge der Politik Konrad Adenauers vorgef\u00fchrt \u2013 das konnte nur eine Auswahl sein. Aber nat\u00fcrlich muss auch die Frage gestellt werden: Hat Konrad Adenauer trotz seiner unbestreitbaren Gr\u00f6\u00dfe denn nicht auch Fehler gemacht? Nat\u00fcrlich hat er, Politiker sind wie alle Menschen fehlbar. Adenauer, mit gesundem Selbstbewusstsein ausgestattet, teilte selbst in hohem Alter die Selbsteinsch\u00e4tzung der meisten gro\u00dfen Staatsm\u00e4nner, dass es ohne sie nicht gehe und es folglich auch keinen angemessenen Nachfolger geben k\u00f6nne. In diesem Fall traf sein Verdikt seinen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Er erkannte dessen gro\u00dfe wirtschaftspolitische Verdienste durchaus an, doch hielt er ihn nicht f\u00fcr einen richtigen Politiker und misstraute seiner atlantischen und gegen\u00fcber Frankreich kritischen Grundposition. Wie sehr Adenauers ihn bek\u00e4mpfte, zeigt drastisch die j\u00fcngste Ver\u00f6ffentlichung seines Sohnes.<\/p>\n<p>Allerdings hat sich Adenauers Urteil \u00fcber die mangelnde politische Eignung Erhards nach 1963 sehr schnell best\u00e4tigt. Trotzdem war die Art von Adenauers Vorgehen f\u00fcr einen genialen Strategen wie ihn \u00e4u\u00dferst ungeschickt. Auch die meisten seiner Parteifreunde sahen darin nur den Versuch, am Sessel des Bundeskanzlers buchst\u00e4blich kleben zu bleiben. Das gr\u00f6\u00dfte Ungeschick legte er an den Tag, als er 1959 pl\u00f6tzlich die Nachfolge von Theodor Heuss als Bundespr\u00e4sident anstrebte \u2013 mit der unverkennbaren Absicht, Erhard dann nicht zum Kanzler zu ernennen. Dieses schnell missgl\u00fcckte Spiel ver\u00e4rgerte auch den sonst in wechselseitiger Achtung verbundenen scheidenden Bundespr\u00e4sidenten Heuss, hatte Adenauer doch erkl\u00e4rt, man k\u00f6nne dieses Amt politischer f\u00fchren.<\/p>\n<p>Nach dem Mauerbau in Berlin am 13. August 1961 verlie\u00df Adenauer sein politischer Instinkt, als er nicht in die alte Hauptstadt fuhr, wie ihm viele Parteifreunde, darunter Strau\u00df, vorwarfen. Und in der Spiegel-Krise 1961 taktierte er wie die gesamte Union denkbar ungeschickt, obwohl die Bundesregierung, weder er noch Franz Josef Strau\u00df, tats\u00e4chlich viel zu verbergen hatte. Ein Photo aus der ber\u00fcchtigten Bundestagssitzung spricht B\u00e4nde: Der Bundeskanzler, neben seinem d\u00fcster dreinblickenden Vizekanzler Erhard sitzend, sieht ebenso missmutig auf seinen am Rednerpult stehenden Verteidigungsminister Strau\u00df herab und versteckt sich buchst\u00e4blich hinter einer bei ihm sonst nur vom Bocciaspiel in Caddenabbia bekannten gro\u00dfen Sonnenbrille. Danach lie\u00df er Strau\u00df, von dem er genauestens informiert worden war, nicht nur im Regen stehen, sondern fallen. Nicht etwa, weil Adenauer seinen Verteidigungsminister f\u00fcr schuldig hielt, sondern weil er sonst selbst gest\u00fcrzt worden w\u00e4re. Das war nicht fein, aber ein im politischen Haifischbecken dann doch ein eher normaler Vorgang.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich waren der Aufbau der Bundesrepublik und die Arbeit der Bundesregierung eine Gemeinschaftsleistung, doch der Bundeskanzler gab unbeirrbar die Richtung vor. Und sehr sp\u00e4t sah sogar Adenauer, dass er nicht mehr alles selbst machen konnte: Als der inzwischen 89-j\u00e4hrige CDU-Vorsitzende auf einem Parteitag seine Rechenschaftsrede hielt, klagte er: Der f\u00fcr das Tagesgesch\u00e4ft vorgesehene Gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Vorsitzende Hermann Josef Dufhues g\u00e4be seine D\u00fcsseldorfer Anwaltskanzlei nicht auf. Deshalb blieben an ihm, Adenauer, zu viele Vorsitzendenaufgaben h\u00e4ngen. Er schloss mit der Bemerkung: \u201eUnd verjessen Se nicht, meine Damen und Herren, ich bin schlie\u00dflich keine 80 mehr!\u201c.<\/p>\n<p>Was bleibt von Konrad Adenauer: Jedenfalls nicht seine kleinen Fehler oder seine nicht zimperlichen Wahlk\u00e4mpfe. Vielmehr zehren wir noch heute von seinen \u00fcberragenden, seinen singul\u00e4ren Leistungen als Gr\u00fcndervater der bundesrepublikanischen Demokratie. Er f\u00fchrte das westliche, das freie Deutschland nach den Verheerungen von Diktatur und Krieg in die zivilisierte Welt zur\u00fcck und band es wertorientiert in die westlich-abendl\u00e4ndische Welt ein. Ohne jeden Zweifel geh\u00f6rt Konrad Adenauer zu den gr\u00f6\u00dften Staatsm\u00e4nnern des 20. 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