{"id":32449,"date":"2023-07-17T14:37:33","date_gmt":"2023-07-17T12:37:33","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=christen-in-der-politik"},"modified":"2026-01-19T11:28:29","modified_gmt":"2026-01-19T10:28:29","slug":"christliche-politik-ein-streifzug-durch-die-geschichte-der-bundesrepublik-deutschland","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/christliche-politik-ein-streifzug-durch-die-geschichte-der-bundesrepublik-deutschland\/","title":{"rendered":"Christliche Politik"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Christliche Politik \u2013 ein gewichtiges Wort. Wann habe ich es zuerst geh\u00f6rt? Das war in meiner Sch\u00fclerzeit, in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals sprach Leo Wohleb, der sp\u00e4tere badische Staatspr\u00e4sident, im Kaufhaus in Freiburg \u00fcber die aktuelle Situation. Seine Rede begann mit folgenden S\u00e4tzen: \u201eDas Spiel vom Antichrist ist aus. Es hat geendet, wie es enden musste: Die Teufel sind wieder in der H\u00f6lle verschwunden, die G\u00f6tzen von ihren Sockeln herabgest\u00fcrzt, und gesiegt hat \u00fcber die L\u00fcge der wahrhaftige Gott, \u00fcber Verbrechen und Gewalttaten Gottes Gerechtigkeit, und Not und Elend wird Gottes Barmherzigkeit wenden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eZuviel Pathos!\u201c \u2013 so reagieren wir heute, wenn wir so etwas h\u00f6ren. Aber damals war dieser Ton weit verbreitet. In mehreren der in dieser Zeit entstandenen Landesverfassungen herrscht er vor. So gibt sich Bayern 1946 eine demokratische Verfassung \u2013 ich zitiere \u2013 \u201eangesichts des Tr\u00fcmmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der W\u00fcrde des Menschen die \u00dcberlebenden des zweiten Weltkrieges gef\u00fchrt hat\u201c. Und drei Jahre sp\u00e4ter beginnt das Grundgesetz wie bekannt mit den Worten: \u201eIm Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen\u201c.<\/p>\n<p>Also: Abscheu gegen\u00fcber der \u201egottlosen\u201c Vergangenheit, Besinnung auf Gott, den Sch\u00f6pfer und Erhalter der Menschheit, Forderungen nach einer christlichen Politik in Gegenwart und Zukunft \u2013 das war der politische Grundton in jener Zeit. In der Schrecksekunde nach dem Zusammenbruch erschien Politik aus christlicher Verantwortung als ein Gebot der Stunde. Und diese Stimmung reichte weit \u00fcber den Kreis der Kirchentreuen, religi\u00f6s Gebundenen hinaus.<\/p>\n<p>Es blieb nicht bei verbalen Bekenntnissen und Vors\u00e4tzen. Man suchte nach konkreten Formen politischer Realisierung des Christlichen. 1945\/46 wurden die christlich-demokratische und die christlich-soziale Union gegr\u00fcndet. Ihre Gr\u00fcndung hatte einen doppelten Zweck: Es galt die Weimarer Parteienzersplitterung durch eine Sammlung in der Mitte zu \u00fcberwinden \u2013 und es galt der jahrhundertealten konfessionellen Trennung die politische Zusammenarbeit der Konfessionen entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die CDU\/CSU war eine Nova am deutschen Parteienhimmel. Zum ersten Mal erschien das Wort \u201echristlich\u201c in einem Parteinamen (wenn man vom evangelischen \u201eChristlich-Sozialen Volksdienst\u201c, einer kleinen Partei der Weimarer Zeit, absieht). Das war neu und sicherlich ein Wagnis. Das Wort \u201eUnion\u201c zielte nicht nur auf die Parteiorganisation, es hatte auch einen \u00f6kumenischen Hintergrund. Mein historischer Lehrer Gerhard Ritter, ein evangelischer Christ und Widerstandsk\u00e4mpfer, der 1944\/45 mit knapper Not dem Galgen entgangen war, hat uns Studenten oft geschildert, wie sich evangelische und katholische Gefangene in Berlin nach ihrer Befreiung im April 1945 in den Armen lagen: \u201eDas war\u201c, so pflegte er zu sagen, \u201eder Anfang der Union.\u201c<\/p>\n<p>Zwischen den Konfessionen wurde vieles anders nach dem 8. Mai 1945. Die alten geschlossenen Konfessionsgebiete verschwanden, l\u00f6sten sich auf in der riesigen Wanderungs- und Mischungsbewegung der deutschen Bev\u00f6lkerung 1944-1947. Das Zeitalter des \u201eCuius regio eius religio\u201c ging zu Ende. Wechselseitige R\u00fccksicht zwischen den Kirchen entwickelte sich. Es kam zu interkonfessionellen Initiativen. Sie traten an die Stelle des alten Nebeneinander \u2013 oft auch Gegeneinander \u2013 der Bekenntnisse. Auch in den Ausdrucks- und Wirkungsformen \u00fcbernahm man jetzt vieles voneinander: So traten seit 1949 Evangelische Kirchentage neben die schon hundert Jahre alten Katholikentage. Umgekehrt \u00fcbernahmen die Katholiken von den Evangelischen die Einrichtung kirchlicher Akademien \u2013 so ist zum Beispiel die Evangelische Akademie Tutzing ein volles Jahrzehnt \u00e4lter als die Katholische Akademie in Bayern.<\/p>\n<p>Die neuen Initiativen wurden in den f\u00fcnfziger Jahren vor allem in der Au\u00dfenpolitik sp\u00fcrbar. Die europ\u00e4ische Integration wurde zu einem zentralen Kennzeichen, einem Markenzeichen der christlichen Demokratie, in Frankreich, Italien, Deutschland und den Beneluxl\u00e4ndern. Gemeinsam mit Robert Schuman, Alcide De Gasperi, Joseph Bech, Paul-Henri Spaak unternahm es Konrad Adenauer, den geschlagenen Deutschen eine neue Heimat in der europ\u00e4ischen Gemeinschaft zu geben. Definitiv schlug die deutsche Politik den Weg nach Westen ein; er sollte sich bald als endg\u00fcltig und unumkehrbar erweisen. Sp\u00e4tere Bundeskanzler haben dann \u00e4hnliche Wege nach Osten gebahnt \u2013 so Brandt, Scheel und Schmidt. Helmut Kohl gelang schlie\u00dflich \u2013 auf den Spuren Adenauers \u2013 die Wiedervereinigung der getrennten Teile Deutschlands und Hand in Hand damit die offizielle Beendigung des Krieges in Gestalt des 2+4-Vertrages. Wir stehen heute mitten in der \u2013 bislang \u2013 l\u00e4ngsten Friedensperiode unserer Geschichte, ohne Gegner oder gar Feinde an unseren Grenzen \u2013 vielmehr, wie man zurecht gesagt hat, \u201eumzingelt von Freunden\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich will hier keinen Abriss der deutschen Nachkriegspolitik geben. Aber ich sehe die Anst\u00f6\u00dfe, die ich in meiner Jugend erlebte, bis heute in der deutschen Politik weiterwirken, auch wenn sich manches im Lauf der Zeit abgeschw\u00e4cht und routinisiert hat. Die Haltung Deutschlands in der europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingsfrage 2015\/16, die generelle Offenheit gegen\u00fcber Schutz- und Hilfesuchenden, erscheint mir als konsequente Fortsetzung jener Hinwendung zu Europa in den F\u00fcnfzigerjahren. Sie macht deutlich, dass f\u00fcr ein geeintes, der Humanit\u00e4t verpflichtetes Europa Freiheit nicht nur im Inneren gilt, sondern auch Wirkungen nach drau\u00dfen entfaltet. Notabene: Alle diese Anst\u00f6\u00dfe, damals wie heute, gingen und gehen von Politikern aus, die sich als Christen bekennen, die zum mindesten ein pers\u00f6nliches Verh\u00e4ltnis zur christlichen \u00dcberlieferung haben. Unter den elf Bundespr\u00e4sidenten und den acht Bundeskanzlern der Bundesrepublik Deutschland war bisher kein dezidierter Nicht-Christ.<\/p>\n<p>Da ich in der Adenauerzeit politisch gepr\u00e4gt wurde, da ich einer christlich-sozialen Partei angeh\u00f6re und da ich einen Teil meines Lebenswerkes der Erforschung der christlichen Demokratie gewidmet habe, bin ich auch sensibel, wenn sich Grunds\u00e4tzliches ver\u00e4ndert, wenn Fundamente einbrechen, die lange Zeit als fest, ja unersch\u00fctterlich galten. Das betrifft nicht nur das \u201eC\u201c, das Christliche, es betrifft auch das \u201eU\u201c, die Union.<\/p>\n<p>Dass christliche Werte in der \u00d6ffentlichkeit schw\u00e4cher werden, wenn die Kirchen laufend Mitglieder verlieren, ist ein wohl unvermeidlicher Prozess. Er geht eher schleichend als in gro\u00dfen Sch\u00fcben und St\u00f6\u00dfen vor sich. Noch umfassen die gro\u00dfen Kirchen ann\u00e4hernd zwei Drittel der Bev\u00f6lkerung. Noch hat sich unser vom Christentum gepr\u00e4gter Jahres-Festkalender kaum ver\u00e4ndert. Feste kirchlichen Ursprungs und christliche Rituale umgeben nach wie vor die \u201ePassagen\u201c unseres Lebens, wenn auch ihr Einfluss nicht mehr so deutlich sp\u00fcrbar wird wie fr\u00fcher und vieles inzwischen einfach ein St\u00fcck Gewohnheit ist. Aber wir leben noch immer in einer Welt, die vom christlichen Verst\u00e4ndnis des Lebens gepr\u00e4gt ist: Nicht nur, dass wir unsere Jahre nach Christi Geburt datieren, wir empfinden auch unser Leben, christlicher Vorstellung folgend, als einen einmaligen, unumkehrbaren, unwiederholbaren Akt, als ein Geschehen, f\u00fcr das wir Verantwortung tragen und das auch unsere unmittelbare Umgebung verpflichtet. Die nachreligi\u00f6se Gesellschaft, in die wir uns hineinbewegen, ist keine irreligi\u00f6se Gesellschaft; sie hat sich nur von ihren religi\u00f6sen Urspr\u00fcngen entfernt \u2013 manchmal so weit, dass sie zwar noch deren Wirkungen wahrnimmt, aber den dahinterliegenden Sinn nicht mehr erkennen und weitervermitteln kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das schwindende Christliche l\u00e4sst auch eine Partei nicht unber\u00fchrt, die sich nach ihm benennt. Tr\u00e4gt es noch gen\u00fcgend, ist es noch breit und stark genug? Oder ist es nur noch eine verblassende Erinnerung, sollte man das also das \u201eC\u201c ehrlicherweise aus dem Parteinamen streichen? Ich bin dagegen, dass man es tut. Aber man muss sich bewusst sein, dass die vorpolitische St\u00e4rke des Christlichen, wie sie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bestand \u2013 als Reaktion auf den \u201eAntichrist\u201c, wie man damals empfand \u2013 im Jahr 2016 nicht mehr so unmittelbar und direkt gegeben ist. Also kann man das Christliche nicht mehr, wie fr\u00fcher, einfach voraussetzen. Man muss sich neu darauf besinnen, muss es neu zu formulieren versuchen. Was uns tr\u00e4gt, muss sichtbar gemacht, muss vergegenw\u00e4rtigt werden. Hier m\u00fcssen wir unkonventionelle neue Mittel und Wege finden. Steht doch f\u00fcr gro\u00dfe Teile Europas ohnehin der Versuch einer Neuevangelisierung an. Sonst ger\u00e4t der Kontinent ins Abseits in einer Welt, in der das Religi\u00f6se neue, oft verzehrende Kraft gewinnt.<\/p>\n<p>Gr\u00f6\u00dfere Sorge macht mir im Augenblick die Krise der Union. Es ist eine politische Krise; denn die \u00f6kumenische Seite hat ihre Bew\u00e4hrungsprobe l\u00e4ngst bestanden; hat doch gerade die Fl\u00fcchtlingsfrage die beiden Kirchen in Deutschland enger zusammengef\u00fchrt als je zuvor. Doch der \u00fcberfl\u00fcssige Streit zwischen CSU und CDU droht die dringend notwendige Gemeinsamkeit zu ersch\u00fcttern. Alte Illusionen feiern fr\u00f6hliche Wiederkehr \u2013 so die Meinung, man k\u00f6nne mehr W\u00e4hler erreichen, wenn man getrennt statt vereint marschiert. Doch bei Parteien, die sich beide christlich nennen, hei\u00dft \u201egetrennt marschieren\u201c notwendig \u201egegeneinander marschieren\u201c. Und kein Kampf ist erbitterter als der Kampf um dieselben W\u00e4hler.<\/p>\n<p>\u00dcbersch\u00e4tze ich den Symbolwert des Wortes Union? Ich meine nicht. F\u00fcr mich reicht Union \u00fcber die Parteipolitik hinaus. Es markiert einen geschichtlichen Neuanfang nach vierhundert Jahren konfessioneller Zerkl\u00fcftung \u2013 und es hat Bedeutung auch f\u00fcr den landsmannschaftlichen und politischen Zusammenhalt von S\u00fcd und Nord, von bayerischen und au\u00dferbayerischen Traditionen. Union, das hei\u00dft Gemeinsamkeiten suchen, statt Unterschiede zu betonen. Ich hoffe sehr, dass die Vernunft noch vor der n\u00e4chsten Bundestagswahl zur\u00fcckkehrt und dass die Kontinuit\u00e4t erhalten bleibt, die Deutschlands politischen Weg in und mit Europa in vielen Nachkriegsjahrzehnten ausgezeichnet hat.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Conference in Tutzing<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":32557,"menu_order":1615,"template":"","meta":{"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"class_list":["post-32449","media-library","type-media-library","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","media-library-category-n-a"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.3 - 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