{"id":32457,"date":"2023-07-17T14:37:40","date_gmt":"2023-07-17T12:37:40","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?media-library=der-erste-korintherbrief"},"modified":"2026-01-19T13:40:37","modified_gmt":"2026-01-19T12:40:37","slug":"zu-besuch-in-korinth-stadt-und-gemeinde","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/zu-besuch-in-korinth-stadt-und-gemeinde\/","title":{"rendered":"Zu Besuch in Korinth: Stadt und Gemeinde"},"content":{"rendered":"<p>In einem seiner Briefe zitiert Horaz das gefl\u00fcgelte Wort: \u201eNicht einem jeden ist es verg\u00f6nnt, nach Korinth zu gelangen.\u201c Horaz f\u00fcgt hinzu: \u201eWer den Misserfolg f\u00fcrchtet, bleibt lieber zu Hause. \u201aDas soll er tun! Wenn es aber einem gelingt, ist das nicht eine mannhafte Leistung?\u2018\u201c (epist. 1,17,36-38).<\/p>\n<p>Eine Reise nach Korinth ist wahrlich nichts f\u00fcr jedermann. Man braucht Mut. Mit Widerst\u00e4nden ist zu rechnen. St\u00e4ndig droht der Misserfolg. Eine Reise nach Korinth treten nur Tapfere an! Ob Paulus das Sprichwort kannte? Zumindest wei\u00df er, ein Lied davon zu singen. Er hat es am eigenen Leib erfahren: Eine Reise nach Korinth kostet Schwei\u00df, Tr\u00e4nen und Nerven! Und einmal in Korinth angekommen, ging es f\u00fcr Paulus nicht leichtf\u00fc\u00dfig weiter. Auch die Gemeinde von Korinth, die er gr\u00fcndete, kostete ihm Kraft. Seine Briefe belegen es. Immer wieder muss er eingreifen und erkl\u00e4ren, korrigieren und erinnern. Wie ein guter Baumeister hat er den Grund gelegt (1 Kor 3,10). Aber der Bau ist damit noch l\u00e4ngst nicht fertig. Immer wieder ger\u00e4t er in Schieflage. Paulus ist Architekt und Statiker, Stuckateur und Hausmeister in einer Person. Auch \u00fcber die Distanz hinweg \u2013 in Ephesus \u2013 sorgt er sich um die Gemeinde von Korinth. Er hat beunruhigende Nachrichten erhalten. Leute der Chlo\u00eb (1 Kor 1,11) haben ihm von Parteiungen und Streit berichtet. Daneben erreichten ihn auch schriftliche Anfragen von der Gemeinde (1 Kor 7,1), die Paulus beantworten will. Paulus bleibt seiner Gr\u00fcndung verbunden. Er nimmt \u2013 im Medium des Briefs \u2013 das Gespr\u00e4ch auf. Ein langer Brief entsteht: der erste Korintherbrief.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Geschichte Korinths: Aufstieg, Niedergang und abermalige Bl\u00fcte<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer den Korintherbrief verstehen will, muss zun\u00e4chst einmal die Geschichte, die Anlage und das besondere Bev\u00f6lkerungsprofil der Stadt Korinth kennenlernen. Schon im 8. Jahrhundert vor Christus existierte eine dorische Siedlung. Bald erlebte Korinth eine erste gro\u00dfe Bl\u00fctezeit. Bereits im 5. Jahrhundert vor Christus z\u00e4hlt Korinth zu den f\u00fchrenden Handelsst\u00e4tten der antiken Welt. Pindar lobt den erfinderischen Geist der Korinther. Handwerker besitzen dort ein gro\u00dfes Ansehen, wie Herodot zu berichten wei\u00df. Die enorme Vasenproduktion, die befestigte Anlage der Stadt und die monumentalen Stadtmauern sprechen f\u00fcr sich. Korinth braucht den Vergleich nicht zu scheuen. Die Stadt steht auf einem soliden wirtschaftlichen Fundament. Korinth ist ber\u00fchmt f\u00fcr das T\u00f6pferhandwerk und die Keramikproduktion, f\u00fcr Webereien und das Metall verarbeitende Gewerbe. Die \u201ekorinthische Bronze\u201c galt als besonders wertvoll. Flavius Josephus beschreibt die Tore des Tempels von Jerusalem: \u201eEines, das Au\u00dfentor des eigentlichen Tempels, war sogar von korinthischem Erz und \u00fcbertraf die versilberten und vergoldeten ganz bedeutend an Wert.\u201c<\/p>\n<p>Gro\u00dfes Ansehen erlangte Korinth aber auch durch die Ausrichtung der Isthmischen Spiele. Sie wurden alle zwei Jahre im Poseidon-Heiligtum vor den Toren der Stadt abgehalten. Die Spiele waren nicht nur ein kultisches und sportliches Gro\u00dfereignis. Sie brachten Korinth Anerkennung \u00fcber die Landesgrenzen hinaus und f\u00f6rderten den Wohlstand und Reichtum der Bev\u00f6lkerung. Nicht von ungef\u00e4hr nutzt Paulus im ersten Korintherbrief die Motive von Wettlauf und Siegeskranz. Daf\u00fcr war Korinth ber\u00fchmt. Mit dieser Vorstellungswelt waren die Adressaten des Briefs vertraut: \u201eWisst ihr nicht, dass die L\u00e4ufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt\u201c (1 Kor 9,24).<\/p>\n<p>Verantwortlich f\u00fcr den raschen wirtschaftlichen Aufstieg Korinths war die geographische Lage. Die Stadt liegt an einer Landenge \u2013 dem Isthmus von Korinth \u2013 und verf\u00fcgt \u00fcber zwei H\u00e4fen: Lechaion im Norden am Korinthischen Golf und Kenchre\u00e4 im S\u00fcdosten am Saronischen Golf. Korinth konnte den gesamten Schiffsverkehr kontrollieren und war als Handelsmetropole der Umschlagplatz f\u00fcr G\u00fcter und Waren aus dem gesamten Mittelmeerraum. Schon im 6. Jahrhundert vor Christus wurde eine eigene Schiffsstra\u00dfe angelegt. Der \u201eDiolkos\u201c verbindet den Saronischen mit dem Korinthischen Golf. Die Schiffe wurden auf dem Landweg von einem zum anderen Golf gezogen und sparten sich so die mehrere Tage dauernde und nicht ungef\u00e4hrliche Umsegelung von Kap Malea.<\/p>\n<p>Die antike Stadt Korinth lag am Fu\u00dfe des fast 600 Meter hohen Felsens Akrokorinth. Der Grat war als Wohnst\u00e4tte zwar ungeeignet, bot aber hervorragende Verteidigungsm\u00f6glichkeiten. Am Fu\u00df des Felsmassivs entsprangen zudem zahlreiche Quellen. Korinth war f\u00fcr seinen Wasserreichtum bekannt. Die \u00e4u\u00dferst fruchtbare K\u00fcstenebene bis zum Korinthischen Golf diente der Landwirtschaft und der Ern\u00e4hrung der Stadtbev\u00f6lkerung. Kurzum: Die geographischen Gegebenheiten konnten kaum besser sein.<\/p>\n<p>Man m\u00f6chte ja nicht f\u00fcr m\u00f6glich halten, dass eine derart beg\u00fcnstigte Stadt schlie\u00dflich ihren eigenen Niedergang erleben und f\u00fcr mehr als ein Jahrhundert in der Bedeutungslosigkeit versinken musste. Verantwortlich daf\u00fcr war die missgl\u00fcckte politische Positionierung. Im 2. Jahrhundert vor Christus stellte sich Korinth gegen das \u00fcberm\u00e4chtige Rom. Im Jahre 146 vor Christus zerst\u00f6rten die r\u00f6mischen Truppen von Lucius Mummius die Stadt als letzten Hort des griechischen Widerstands. Die m\u00e4nnlichen Einwohner wurden get\u00f6tet, Frauen und Kinder in die Sklaverei gef\u00fchrt. Korinth wurde zum \u201eager publicus\u201c erkl\u00e4rt und r\u00f6misches Eigentum. Das geographisch so g\u00fcnstig gelegene, handwerklich einst versierte, wirtschaftlich potente und kultisch ber\u00fchmte Korinth lag in Tr\u00fcmmern. Als Cicero zwischen 79 und 77 vor Christus die Stadt besucht, ist er \u00fcber den Zustand der einst so reichen und ber\u00fchmten Metropole entsetzt \u2013 mehr noch als die Korinther selbst, die sich mit dem Niedergang schon abgefunden hatten: \u201eUnd mehr als die Korinther selbst ersch\u00fctterte mich der pl\u00f6tzliche Anblick der Tr\u00fcmmer Korinths; das dauernde Bewusstsein (sc. ihres Untergangs) hatte ihre Seele wie mit einer alten Schwiele umzogen.\u201c<\/p>\n<p>In seinen letzten Amtstagen veranlasst Julius Caesar im Jahre 44 vor Christus die Neugr\u00fcndung Korinths. Fortan tr\u00e4gt die Stadt als r\u00f6mische Kolonie den bezeichnenden Namen: \u201eColonia Laus Iulia Corinthiensis\u201c. Korinth \u2013 zerst\u00f6rt, aber wieder pr\u00e4chtig aufgebaut \u2013 soll das Lob des julischen Geschlechts verk\u00fcnden. Die Neugr\u00fcndung war keine selbstlose Gunst. Vielmehr versprach sich Rom wirtschaftliche Vorteile von der Kontrolle des Handels.<\/p>\n<p>Im Jahre 27 vor Christus erhebt Augustus Korinth zur Hauptstadt der Provinz Achaia. Als oberste Stadtbeh\u00f6rde fungieren der Magistrat und die j\u00e4hrlich gew\u00e4hlten Duumviri, denen zwei \u00c4dilen zur Seite standen. Unter der Schutzhand Roms war der Wiederaufstieg gegl\u00fcckt. Das Korinth, welches Paulus in der Mitte des 1. Jahrhunderts besucht und in dem er eine Gemeinde gr\u00fcndet, ist eine aufstrebende Stadt. Korinth pr\u00e4sentiert sich selbstbewusst: geadelt von Rom, wirtschaftlich versorgt durch die beiden H\u00e4fen und gesellschaftlich bunt gemischt als infrastruktureller Knotenpunkt. Etwa ein Jahrhundert nach dem Aufenthalt von Paulus in Korinth beschreibt Aelius Aristides die Atmosph\u00e4re und den Zustand der Stadt wie folgt: \u201eWenn es wie zwischen Menschen auch zwischen St\u00e4dten gegenseitige Gastfreundschaft g\u00e4be, dann h\u00e4tte die Stadt diesen Titel und diese Ehre \u00fcberall; denn sie empf\u00e4ngt alle St\u00e4dte bei sich und entl\u00e4sst sie wieder aus sich, und ist die gemeinsame Zuflucht aller, wie ein Weg und Durchgang aller Menschen, wohin einer auch reisen will. Mit Reichtum und einer Menge G\u00fcter, soviel nur m\u00f6glich, da sie \u00fcberh\u00e4ufen das allseits umgebende Land oder das allseits umgebende Meer; sie wohnt ja inmitten der G\u00fcter und ist ringsum umsp\u00fclt, wie ein Lastschiff, von G\u00fctern.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Ein Spaziergang durch die Stadt: H\u00e4fen, Kultst\u00e4tten und reichlich Rotlicht<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur Zeit des Paulus ist Korinth eine r\u00f6mische Kolonie, die aber nach wie vor wesentlich von der griechischen Kultur gepr\u00e4gt wird. Die offizielle Amtssprache war Latein, auch wenn auf den Stra\u00dfen weiterhin Griechisch gesprochen wurde. In der Mitte des 1. Jahrhunderts z\u00e4hlte die Stadt etwa 80.000 Einwohner. Das Stra\u00dfensystem war nach typisch r\u00f6mischem Vorbild aufgebaut. Die Stra\u00dfen verliefen konsequent und linear von Nord nach S\u00fcd und von West nach Ost. 29 Hauptstra\u00dfen teilten \u2013 wie ein Rasternetz \u2013 die vier Stadtviertel in 29 \u201einsulae\u201c (lat. f\u00fcr H\u00e4userblocks). Die von Nord nach S\u00fcd verlaufende zentrale Hauptstra\u00dfe, lat. \u201ecardo maximus\u201c, \u00a0war gut 15 Meter breit. Sie verband das Stadtzentrum mit dem im Norden gelegenen Hafen Lechaion.<\/p>\n<p>Wer vom Hafen Lechaion herkommend die Stadt betritt, schreitet zun\u00e4chst durch die m\u00e4chtige Toranlage. Der Besucher blickt auf das ausladende Forum vor ihm: Tempel und Markthallen, kultische und kaiserliche Geb\u00e4ude nehmen den Blick des Betrachters gefangen.<\/p>\n<p>Gleich linkerhand befindet sich der pr\u00e4chtige Peirene-Brunnen. Das gro\u00dfe, mit Marmor ausgelegte Brunnenbecken ist von drei m\u00e4chtigen Apsiden umgeben. Zwei Quellen speisen den Brunnen, der auch bei extrem hei\u00dfen Temperaturen nicht versiegt. Der Blick wandert \u2013 von Ost nach West \u2013 weiter zur kaiserlichen Basilika. Die Fassade zieren Statuen von Kaiser Augustus und anderen Angeh\u00f6rigen der julischen Familie. Gegen\u00fcber, auf der S\u00fcdseite des Forums hallt dem Besucher Marktgeschrei entgegen. Zahlreiche H\u00e4ndler bieten in den L\u00e4den ihre Waren an. Mindestens 17 kleine Gesch\u00e4fte formen eine regelrechte Ladenkette, hinter der sich das wohl imposanteste Geb\u00e4ude des Forums erhebt: die zwei Stockwerke umfassende, gut 160 Meter lange und 25 Meter breite S\u00fcd-Stoa. Die S\u00e4ulenhalle wird von der Verwaltung der Stadt genutzt. Der Organisator der Isthmischen Spiele, der Statthalter der Provinz und die Duumviri haben hier ihre B\u00fcror\u00e4ume. Etwa in der Mitte der S\u00fcdstoa befindet sich ein halbkreisf\u00f6rmiger Versammlungsraum: das Ratsgeb\u00e4ude der r\u00f6mischen Kolonie. F\u00fcr \u00f6ffentliche Auftritte und Reden zum Volk nutzen der Statthalter der Provinz und die st\u00e4dtischen Vertreter eine monumentale Rednerb\u00fchne. Die Bema, lat. \u201erostrum\u201c, befindet sich in der Mitte der Ladenzeile, an einem \u00f6ffentlichkeitswirksamen und die Stoa imposant als Hintergrund nutzenden Ort. Nach Apg 18,12-17 wurde auch Paulus vor diesen Richterstuhl gef\u00fchrt und vor dem Statthalter angeklagt. Die Westseite des Forums s\u00e4umen verschiedene Tempel und Kultst\u00e4tten. Rechterhand begrenzt die Nordseite des Forums wiederum eine gut 100 Meter lange S\u00e4ulenhalle. Hinter der Nordwest-Stoa \u00f6ffnet sich ein breites Areal, in dessen Zentrum das alte und urspr\u00fcngliche Wahrzeichen Korinths zu finden ist: der Tempel des Apollon. Stufen f\u00fchren zu diesem Heiligtum hinauf, das auf einer kleinen Anh\u00f6he schon im 6. Jahrhundert vor Christus errichtet wurde. Der Tempel \u00fcberragt das Forum und ist weithin sichtbar.<\/p>\n<p>Die Kultst\u00e4tten auf dem Forum stehen repr\u00e4sentativ f\u00fcr viele weitere Tempel und Kulte. Im Osten von Korinth liegt der Tempel des Poseidons, bei dem die Isthmischen Spiele stattfinden. Weiter s\u00fcdlich \u2013 Richtung Akrokorinth \u2013 ist ein Tempel Demeter und Kore geweiht. Aphrodite besitzt einen Tempel auf dem Felsmassiv von Akrokorinth. Die Stadt ist von Kultst\u00e4tten und Tempeln regelrecht durchsetzt und umgeben. Auch griechische Kulte wurden reaktiviert und die Verehrung von Asklepios in einem n\u00f6rdlich von Korinth gelegenen Heiligtum praktiziert. \u00c4gyptische Kulte konnten Wurzeln fassen. Ebenso wurde das Kaisergeschlecht kultisch geehrt.<\/p>\n<p>Als zweifache Hafenstadt war Korinth ein Schmelztiegel der verschiedenen Kulte und Kulturen. Durch die beiden H\u00e4fen kamen und gingen zahlreiche Menschen aus dem gesamten Mittelmeerraum in Korinth ein und aus. Die Handwerks- und Wirtschaftsmetropole zog viele Zuwanderer an. Hier war Arbeit zu finden. Handel wurde getrieben. G\u00fcter waren in reichem Ma\u00df vorhanden. Gerade auch aus den \u00f6stlichen Reichsteilen kamen Menschen nach Korinth, lie\u00dfen sich nieder oder pflegten Wirtschaftsbeziehungen. Nicht zuletzt besa\u00df Korinth auch eine ansehnlich gro\u00dfe j\u00fcdische Gemeinde. Philo nennt Korinth \u2013 neben anderen gro\u00dfen St\u00e4dten der damaligen Welt \u2013 eine Kolonie von Jerusalem. Die j\u00fcdische Gemeinde nimmt Paulus auf. Er wohnt zun\u00e4chst bei dem j\u00fcdischen Ehepaar Aquila und Priszilla und unterh\u00e4lt regen Kontakt zur Synagoge. Im weiteren Verlauf freilich kommt es zu Konflikten und sogar zu einer formellen Anklage, die der Statthalter jedoch als synagogeninterne Streitigkeit abwehrt (Apg 18,12-17).<\/p>\n<p>Moralisch steht Korinth in keinem guten Ruf. Nach seinen Besuchen in Korinth in den Jahren 44 und 29 vor Christus wei\u00df der Geograph Strabo zu berichten, dass mehrere hundert Tempeldirnen den Einwohnern und Handelsreisenden von Korinth zu Diensten standen. Mit zwei H\u00e4fen war das Dirnenwesen \u2013 noch mehr als in jeder anderen Hafenstadt \u2013 extrem ausgepr\u00e4gt: Korinth \u2013 das St. Pauli der Antike? Bezeichnenderweise nannten die R\u00f6mer den Verkehr mit Dirnen \u201epergraecari\u201c oder \u201econgraecare\u201c. Seit Aristophanes meint das von \u201eKorinth\u201c abgeleitete Verb \u03ba\u03bf\u03c1\u03b9\u03bd\u03b8\u03b9\u1f71\u03b6\u03b5\u03c3\u03b8\u03b1\u03b9 schlichtweg \u201eUnzucht treiben\u201c oder \u201ehuren\u201c. Inwieweit solche Begrifflichkeiten wirklich den Zustand Korinths objektiv beschreiben, l\u00e4sst sich schwer entscheiden. Man wird mit einem guten Teil Polemik und \u00dcberzeichnung rechnen m\u00fcssen. Die H\u00e4fen freilich f\u00f6rderten das Gewerbe, Kneipen und Wirtsh\u00e4user in den Hafenmeilen und zogen ein fluktuierendes und multikulturelles Publikum an.<\/p>\n<p>Korinth war aufstrebend und reich. Doch ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung lebte in Armut und in einfachen Verh\u00e4ltnissen. Der Schiffsverkehr ruhte im Winter. Die Arbeiten und Dienste an den H\u00e4fen waren weder gut bezahlt noch k\u00f6rperlich leicht zu ertragen. H\u00e4fen und Schifffahrt produzierten Saisonarbeiter und nutzten billige Tagel\u00f6hner. In einem fiktiven Brief schreckt der griechische Rhetor Alkiphron im 2. Jahrhundert vor Christus vor den sozialen Gegens\u00e4tzen in Korinth zur\u00fcck. Niemals w\u00fcrde sich der Schreiber des Briefs in Korinth niederlassen. Ein Ort, an dem J\u00fcnglinge verdorbene Brotst\u00fccke aufsammeln, Nussschalen auskratzen und Granatapfelschalen abschaben m\u00fcssen, soll niemals seine Heimat werden. Der Brief d\u00fcrfte \u00fcberzeichnen und den Zustand Korinths s\u00fcffisant aufs Korn nehmen. Aber soziale Missst\u00e4nde und Spannungen waren vorhanden. Auch Paulus wei\u00df von Konflikten zwischen den Reichen und den Armen der Gemeinde (1 Kor 11,20-22). Die sozialen Gegens\u00e4tze stellen f\u00fcr Paulus eine Herausforderung ganz eigener Art dar: Als Leib Christi hat die Gemeinde Gegens\u00e4tze zu \u00fcberwinden und ein Ganzes aus verschiedenen Gliedern zu sein (1 Kor 12,27).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Paulus in Korinth: Wachsen, Werden und Profil der Gemeinde<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Korinth passt zur Missionsstrategie von Paulus. Die Stadt bietet ihm ideale Voraussetzungen. Paulus kann auf den Multiplikationseffekt Korinths bauen, den die beiden H\u00e4fen \u2013 im Vergleich zu anderen Gemeindegr\u00fcndungen \u2013 sogar noch potenzieren. Korinth strahlt nicht nur ins Umland aus, sondern vermag, das Evangelium sogar per Schiff \u00fcber das Wasser, in weit entferntere Gegenden zu tragen.<\/p>\n<p>Paulus kommt auf seiner \u201ezweiten Missionsreise\u201c von Athen nach Korinth (Apg 18,1). Als Datierungshilfen f\u00fcr den Gr\u00fcndungsbesuch bieten sich das Claudius-Edikt und die Gallio-Inschrift an. Dem Zeugnis der Apostelgeschichte nach wohnt und arbeitet Paulus zun\u00e4chst bei Aquila und Priszilla (Apg 18,2-3). Das j\u00fcdische Ehepaar musste kurz zuvor \u2013 nach einer Anordnung des Kaisers Claudius \u2013 Rom verlassen. Grund war wohl eine Kontroverse \u00fcber den Christusglauben unten den Juden Roms. Wom\u00f6glich waren Aquila und Priszilla also schon in Rom mit dem Christusglauben in Ber\u00fchrung gekommen oder sogar gl\u00e4ubig geworden. Von einer Bekehrung des Ehepaars erst in Korinth berichtet Paulus jedenfalls nicht. Diese Ausweisung der christusgl\u00e4ubigen Juden aus Rom d\u00fcrfte im Jahr 49 geschehen sein. Bei der Ankunft des Paulus in Korinth hatte das Ehepaar freilich in der Stadt schon Fu\u00df gefasst und offensichtlich ein Gesch\u00e4ft aufgebaut. Zwischen der Ankunft des Ehepaars und des V\u00f6lkerapostels in Korinth m\u00fcssen daher zumindest einige Monate veranschlagt werden.<\/p>\n<p>Einen weiteren Anhaltspunkt zur Datierung des Aufenthalts von Paulus in Korinth bietet eine in Delphi gefundene Inschrift. Diese erw\u00e4hnt den in Apg 18,12-17 genannten L. Junius Gallio, der unter Kaiser Claudius Statthalter der Provinz Achaia war. Die Inschrift selbst l\u00e4sst sich ziemlich sicher auf das Jahr 52 datieren. Die Ankunft und der Aufenthalt von Paulus in Korinth d\u00fcrften also in die Jahre 50 bis 52 fallen.<\/p>\n<p>Paulus nutzt die vorhandene religi\u00f6se Infrastruktur und besucht die j\u00fcdische Synagoge. Dort wirbt er f\u00fcr den Christusglauben. Der Synagogenvorsteher Krispus bekehrt sich mit seinem ganzen Haus (1 Kor 1,14; Apg 18,8). Seinem Beispiel folgen andere Gottesf\u00fcrchtige, wie etwa Titius Justus, bei dem Paulus schlie\u00dflich auch wohnt (Apg 18,7). Dort \u2013 im Haus eines Gottesf\u00fcrchtigen \u2013 spricht Paulus vermehrt Heiden an. Die von Silas und Timotheus \u00fcberbrachte Hilfe der mazedonischen Gemeinden schenkt ihm finanzielle Unabh\u00e4ngigkeit und erm\u00f6glicht ihm ein verst\u00e4rktes Engagement in der Verk\u00fcndigung und Mission (Apg 18,5). Konflikte bleiben nicht aus. Paulus wird beschuldigt, eine Gottesverehrung zu propagieren, die gegen das Gesetz verst\u00f6\u00dft (Apg 18,13). Der Statthalter Gallio jedoch l\u00e4sst die Anklage als innerj\u00fcdische Streitigkeit erst gar nicht zu. Die Entscheidung muss Paulus den R\u00fccken gest\u00e4rkt haben. So konnte er \u2013 zun\u00e4chst noch ganz im Schutz des Judentums und als Teil einer von Rom anerkannten Religion \u2013 den Christusglauben verk\u00fcnden.<\/p>\n<p>Die Gemeinde von Korinth bestand aus einzelnen Hauskirchen. Die Wohnst\u00e4tten des Paulus \u2013 bei Aquila und Priszilla und bei Titius Justus \u2013 weisen darauf hin: Die Christen versammelten sich in H\u00e4usern und profitierten von der Gastfreundschaft und F\u00fcrsorge einzelner Hausherrn. Die Hauskirche legte aber auch die Gruppengr\u00f6\u00dfe r\u00e4umlich fest. Es d\u00fcrften kaum mehr als 25 Personen zu einer Einheit geh\u00f6rt haben. In Korinth werden mehrere h\u00e4usliche Zentren nebeneinander und in loser Verbindung untereinander bestanden haben. Wom\u00f6glich bot gerade diese Struktur Anlass f\u00fcr Streitigkeit, Spannungen und beklagenswerte Gruppenbildungen. Gerade eine sich in Hauskirchen auff\u00e4chernde Gemeinde erinnert Paulus an die Einheit: \u201eIch ermahne euch aber, Br\u00fcder, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn: Seid alle einm\u00fctig, und duldet keine Spaltungen unter euch; seid ganz eines Sinnes und einer Meinung. Es wurde mir n\u00e4mlich, meine Br\u00fcder, von den Leuten der Chlo\u00eb berichtet, dass es Zank und Streit unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus, ich zu Apollos, ich zu Kephas, ich zu Christus\u201c (1 Kor 1,10-12).<\/p>\n<p>Die soziale Schichtung der Gemeinde entsprach dem Profil der antiken Stadtgesellschaft und dem besonderen Zustand der Hafenstadt Korinth. Paulus selbst erw\u00e4hnt die einfache Herkunft der Christen von Korinth: \u201eSeht doch auf eure Berufung, Br\u00fcder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele M\u00e4chtige, nicht viele Vornehme\u201c (1 Kor 1,26). Die Mehrheit der Gemeinde geh\u00f6rt der Unterschicht an. Zu den wenigen wohlhabenden und prominenten Gemeindemitgliedern geh\u00f6ren neben dem schon erw\u00e4hnten Ehepaar Aquila und Priszilla, Titius Justus und Krispus auch Stephanas (1 Kor 1,16; 16,15-17), Ph\u00f6be (R\u00f6m 16,1-2) und Chlo\u00eb (1 Kor 1,11). Sie dienten der Gemeinde als Patrone, \u00f6ffneten ihre H\u00e4user f\u00fcr die Zusammenk\u00fcnfte und unterst\u00fctzten \u2013 materiell und ideell \u2013 Paulus und die Christen. Am Ende des in Korinth entstandenen R\u00f6merbriefs erw\u00e4hnt Paulus einen gewissen Stadtverwalter Erastus (R\u00f6m 16,23). Er war Christ und bekleidete offensichtlich ein hohes st\u00e4dtisches Amt. Im Jahre 1929 wurde in Korinth eine als Pflasterstein wiederverwendete Inschrift entdeckt. Darauf ist zu lesen: \u201eErastus lie\u00df von seinem Geld das Stra\u00dfenpflaster legen, aus Anlass seiner Wahl zum \u00c4dil.\u201c Ob der dort genannte gro\u00dfz\u00fcgige und politisch einflussreiche Erastus mit dem von Paulus erw\u00e4hnten Christusgl\u00e4ubigen in Korinth identisch ist? Einen felsenfesten Beweis gibt es nicht. Mit Erastus als \u00c4dil aber h\u00e4tte die Gemeinde von Korinth einen wichtigen und einflussreichen Patron an der Seite gehabt.<\/p>\n<p>Mehrheitlich bestand die Gemeinde von Korinth aus Heidenchristen. Paulus erinnert die Korinther an ihre heidnische Vergangenheit (1 Kor 12,2). Er zieht in das Haus des Gottesf\u00fcrchtigen Titius Justus und verk\u00fcndet damit das Evangelium nicht mehr in einem dezidiert j\u00fcdischen, sondern einem heidnischen Kontext. Auch die im ersten Korintherbrief genannten Probleme sprechen f\u00fcr haupts\u00e4chlich heidenchristliche Adressaten. Paulus thematisiert das Prozessieren vor heidnischen Gerichten (1 Kor 6,1-11), den G\u00f6tzendienst und den Verzehr von G\u00f6tzenopferfleisch (1 Kor 8,1-13; 10,14-22). Eine eigene Herausforderung stellen Mischehen dar. Konflikte treten auf, wenn ein Partner sich zum Christentum bekehrt, w\u00e4hrend der andere Ehepartner weiter ungl\u00e4ubig \u2013 und damit also wohl Heide \u2013 bleibt (1 Kor 7,12-16). Im \u00dcbrigen sind es die Fragen, Probleme und Sorgen des Anfangs, mit denen die Neubekehrten zu k\u00e4mpfen haben und mit denen sich auch Paulus im ersten Korintherbrief auseinanderzusetzen hat.<\/p>\n<p>Paulus bleibt anderthalb Jahre in Korinth. Den ersten Korintherbrief verfasst er wohl um das Jahr 54 in Ephesus (1 Kor 16,8). M\u00fcndliche und schriftliche Informationen und Anfragen haben ihn erreicht. Es geht um den Inhalt der Osterbotschaft und die Wirklichkeit der Auferstehung, um soziale Missst\u00e4nde bei der Feier des Herrenmahls und \u2013 vor allen Dingen \u2013 um die Einheit der Gemeinde und die Bedeutung einzelner Begabungen und Dienste. Auch noch Jahre nach seinem Gr\u00fcndungsaufenthalt besch\u00e4ftigt Paulus die Gemeinde von Korinth. Noch zwei weitere Male reist er nach Korinth: Es kommt zu Auseinandersetzungen und Anfeindungen, Tr\u00e4nen- und Vers\u00f6hnungsbriefe werden verfasst. Eine Reise nach Korinth ist eben nichts f\u00fcr jedermann. Und doch: Wer die Stadt besucht, die urchristliche Frische der Gemeinde erlebt und die Worte des Paulus studiert, der hat wahrhaft Mannhaftes geleistet und Entscheidendes erfahren!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Biblical Days 2016<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":32561,"menu_order":1644,"template":"","meta":{"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":""},"class_list":["post-32457","media-library","type-media-library","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","media-library-category-n-a"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zu Besuch in Korinth: Stadt und Gemeinde - 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