Jesus zwischen Geschichte und Bekenntnis
Wenn Jesus der Christus von der Bibel in die Dogmen- und Theologiegeschichte wandert, dann wird es, so heißt es oft, kompliziert. Können wir nicht einfach 2000 Jahre überspringen – und zurückfinden zum „wahren“ oder „eigentlichen“ Jesus? Dass wir zwischen dem „historischen Jesus“ und dem „Christus des Glaubens“ unterscheiden müssen, wissen wir. Auch dass zwischen dem „irdischen“ und dem „historischen Jesus“ zu unterscheiden ist, so wie der „Christus des Glaubens“ als kerygmatischer, als biblischer oder als geschichtlicher Christus verstanden werden kann. Die Bultmann-Variante dazu: Jesus, auferstanden ins Kerygma der Gemeinde hinein. Die Bilanz von Albert Schweitzer ist bekannt: „Es gibt nichts Negativeres als die Leben-Jesu-Forschung.“ Das war 1906. Seither ist auch diese Illusion dahin: dass es ein problemloses One-way-Ticket zurück in die Zeit Jesu gäbe. Die Jesusforschung ist ständig in Bewegung.
Die beiden Tagebuchbände Vielleicht ist irgendwo Tag und An der Wurzel der Berge des Tübinger Alttestamentlers und Orientalisten Fridolin Stier (1902–1981) haben auf mich als Theologiestudent großen Eindruck gemacht. Ich beginne deswegen mit einigen Provokationen. Die erste: „Jesus ist nicht nur am Kreuz, er ist auch, zum zweitenmal, im christologischen Dogma gestorben“ – ein harter Vorwurf. Eine zweite Provokation ist ein Eintrag vom 25. Oktober 1969: „Immer wieder die Frage: Haben die christologischen Bekenntnissätze, die Dogmen, die sagen, definieren, bestimmen, was Jesus ist, als solche die Kraft, die Begegnung mit Jesus zu vermitteln? Führen diese Sätze den, der sie glaubend annimmt und bekennt, zu Jesus, zur Erkenntnis Jesu? Oder kommt Jesus durch diese Sätze, diese Begriffe dazu, den Menschen zu ergreifen? Drängt sich hier die intellektuelle Aktivität des Menschen in der Bestimmung des metaphysischen Wesens Jesu nicht so beherrschend vor, dass die Aktivität des lebendigen Jesus von der christologischen Ikone verdeckt wird?“ Jesus als christologische Ikone – eine Gefahr!
Eine dritte Provokation, ein Eintrag vom 10. Januar 1969: „Im Gedanken an das leidenschaftliche, über fünfhundert Jahre hinweg währende Streitgespräch um die Gottessohnschaft Jesu, es mir als Disputationsszene vorstellend: Arius contra Athanasius, Nestorius contra Cyrill von Alexandrien (Konzile von Nizäa und Chalzedon). Jesus ist dabei, hört schweigend zu, um sich zuletzt fragend an die streitbaren Geister zu wenden: Warum wollt ihr mich partout ,definieren‘? Mich, den Geheimnisvollesten aller, die je auf Erden gewandelt sind, mich wähnt ihr mit euren Begriffen in den Griff zu bekommen! Du, Arius, du behauptest, ich sei erst durch Adoption Gottes Sohn geworden. Deine Lehre ist juridisch gedacht. Ich bin der Sohn Gottes, ich bin es nicht geworden. Und Du, Anthanasius, du meinst, mein Widerspruch gegen Arius gebe dir recht. Du und deine Partei, ihr erklärt mich für ,gleichen Wesens mit dem Vater‘. Zugegeben, ihr steht mir näher, aber den Begriff ,Wesen‘ (ousia), den ihr von einem griechischen Metaphysiker geliehen habt, kennt meine Sprache, in der ich mich selbst als ,Sohn‘ verstand, nicht. (…) Warum wollt ihr mich partout ,definieren‘? War es Wissensdrang, war es Liebe, die eure Geister trieben, in das Geheimnis einzudringen, um im Licht der griechischen Denklampe zu erkennen – und aller Welt zu verkünden, dass ich Gott ,ganz Mensch und ganz Gott‘ bin?“
Hier fallen Namen und Begriffe, Akteure und Themen, die in Nizäa, auf dem ersten ökumenischen Konzil der Kirchengeschichte, im Jahr 325 n. Chr. eine Rolle spielten. Begriffe lösen Fantasien aus: „eines Wesens“, „von gleichem Wesen“ (mit dem Vater) – griechisch: „homoousios“ (ὁμοούσιος), lateinisch „consubstantialis“. Ein einziger Buchstabe macht(e) den Unterschied! Ob ich „homoousios“ oder „homoiousios“ sage, ist entscheidend: Jesus wurde als „wesensgleich“, nicht als „wesensähnlich“ definiert – in Abgrenzung von Arius und Arianern, die aus ihm einen zweiten Gott machten, ihn nachträglich zu Gott gemacht haben, durchaus mit dem hehren Anliegen, den strikten Monotheismus zu wahren. So einfach ist das schließlich nicht zu erklären: ein Gott, drei Personen, zwei Naturen, ein Wesen.
Manchmal scheint es, als müsse Jesus „in eigener Sache aussagen“: sich legitimieren, sich verteidigen – gegen ihm Zugedachtes und Zugemutetes. Wie es ihm wohl geht, wenn er sich auf Hoheitstitel und -prädikate reduziert sieht, die definieren, wer er ist, um deren Wortlaut auf Punkt und Komma vehement gestritten wurde? Wir schauen auf den Jesus der Bibel und sehen, was in der Dogmengeschichte daraus geworden ist. Das Anliegen bleibt: Jesus sagen und Gott meinen. Aber wie? Letztlich lässt einen die Frage nie los, wie einer beides zugleich sein kann: Mensch und Gott. Von Anfang an, vor seiner Geburt bereits („Präexistenz“ genannt). Wie ist das zu denken, ohne daraus einen Mythos zu machen?
Was Dogmen gewinnen – und was sie verlieren
Braucht es dafür Dogmen und Lehrsätze? Geht dabei nicht viel verloren, etwas Ursprüngliches? Ja, das ist die Gefahr. Aber es gibt Jesus nicht aus der Retorte. Allein dass es vier kanonische Evangelien gibt, einmal ganz abgesehen von anderen Quellen wie den apokryphen Evangelien, zeigt: Er lässt sich nicht in einem einzigen Text unterbringen. Der „historische Jesus“ wird vom „geglaubten Christus“ tendenziell oft verschluckt. Anders gesagt: Theologie sticht Biografie! Man muss beide – den irdischen (historischen) Jesus und den geschichtlichen, biblischen oder kerygmatischen Christus – voneinander unterscheiden. Der erhöhte und verklärte Christus hatte eine ganz und gar irdische Geschichte und einen individuellen Lebensweg, zu dem eine prägnante Leidensgeschichte gehörte. Dass der auferstandene Herr Wundmale trägt, die er herzeigt, verweist auf die Identität des aus dem Grab Geholten mit dem Wanderprediger aus Galiläa.
Jesus von Nazareth darf nicht auf eine „christologische Ikone“ reduziert werden. Die Evangelien sind ein Glaubenszeugnis in Form einer Jesus-
erzählung. Dogmen bringen auf den Punkt, sie legen fest, sie schließen damit anderes aus, sie verwerfen und sie bestimmen. Das bedeutet immer auch Verlust – von Alex Stock, Inaugurator einer seine Zunft bis heute verstörenden „Poetischen Dogmatik“ so auf den Punkt gebracht: „In dem Schatten, den die Zwei-Naturen-Lehre über das Ensemble der vielen biblischen Namen wirft, zeichnet sich jedoch schon eine Entwicklung ab, die dazu führt, die christologische Arbeit ganz auf jenen Doppelnamen ,Gottmensch‘ zu konzentrieren und die bunte Fülle der Frömmigkeit, Liturgie und Predigt, Kunst und Literatur zu überlassen.“ Das ist der blinde Fleck des Credos, das nur die beiden Pole Geburt und Tod kennt – und das Leben dazwischen ausspart und spirituellen Vollzügen zuweist wie einem Reservat.
Man kann es auch poetisch ausdrücken, mit einem Text von Huub Oosterhuis: „Wer Interesse zeigt an Jesus – der ein Jude aus Nazaret war, so viel steht fest –, muss akzeptieren, dass schon zwanzig Jahrhunderte lang über ihn gesprochen wird − erhaben, banal oder bösartig verspottend. Jeder kann mit ihm machen, was er will, er gehört allen, von links und rechts wird er ,ausgestaltet‘ und benutzt. Das allein ist aber kein Grund, sich von ihm abzuwenden. Wir können lesen, was über ihn geschrieben wurde, in den ältesten Schriften, und wir können Rat suchen bei denen, die wissen, woher diese ältesten Schriften stammen, nämlich aus der Gedanken- und Sprachwelt von Mose und den Propheten. Evangelien werden sie genannt, gute Nachrichten, frohe Botschaft. Jesus wurde nach Josua benannt, dem Nachfolger von Mose, der die zwölf Stämme Israels in das Gelobte Land führte. Sein Nachname lautet ,aus Nazaret‘. Nicht ,aus Jerusalem‘, dem Zentrum des Gesetzes und der Tradition, der Liturgie und der nationalen Träume. Er kam aus einem Flecken, der in der Literatur seiner Zeit niemals erwähnt wird und aus dem, nach dem Leumund jener Tage, nichts Gutes kommen konnte. Jesus aus Nazaret. “
Wir kommen diesem Jesus nicht aus – als Jesusgemeinde. Christen sind eine GmbH: eine „Gesellschaft mit begründeter Hoffnung“ (Manfred Hösl SJ).
Diese Hoffnung hat einen Namen: Jesus, den wir als Christus bekennen – den verheißenen Messias. „IHS“, in der ignatianisch-jesuitischen Lesart gelesen als „Iesum Habemus Socium“ (Wir haben Jesus zum Gefährten). Aber Christen sind kein Leben-Jesu-Gedächtnisverein. Wir glauben, dass Jesus, der Kyrios lebt. Es gibt auch so etwas wie die Flucht vor diesem Geheimnis in die Plausibilität – eine vermeintliche Plausibilität, die glaubt, mit wissenschaftlichen Methoden allein diesem Mysterium nahezukommen. Gleichzeitig braucht es die „Anstrengung des Begriffs“, die einem Karl Rahner nicht erspart, die Theologie- und Dogmengeschichte ohnehin nicht.
Warum Nizäa bis heute wichtig ist
Das erste ökumenische Konzil wurde im Heiligen Jahr 2025/26 groß gefeiert: 1700 Jahre nach Nizäa (heute İznik in der Westtürkei). Mit welchem Effekt? „Es gibt im Leben der Kirche dogmatische Punktsetzungen, hinter die man nicht zurückgehen kann. Die Entscheidung von Nizäa gehört dazu. Sie hat Eingang gefunden in das Glaubensbekenntnis der Kirche und ist für die liturgische Gedenkkultur von Katholiken, Orthodoxen und Protestanten bis heute gleichermaßen bedeutsam“: Mit diesen Bemerkungen kam der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück schnell zur Sache. Und beharrte dabei darauf, dass auch ein so lange zurückliegendes Ereignis mitnichten „allenfalls für Archivare der Dogmengeschichte von Interesse“ sein könne. Ganz abgesehen von diesem Aspekt: „Das erste ökumenische Konzil zeigt, dass Streitfragen nicht in Spaltungen einmünden müssen, sondern synodal geklärt werden können. Es kann allerdings Jahrzehnte dauern, bis synodale Klärungen auch in der ganzen Kirche rezipiert werden.“
Ebenso nüchtern wie erschreckend bleibt die Feststellung der Deutschen Bischofskonferenz: „Nur 32 Prozent der katholischen Kirchenmitglieder stimmen der Aussage zu: ,Ich glaube, dass es einen Gott gibt, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat.‘ Nicht einmal ein Drittel teilt also die zentrale Botschaft des Christentums. Während dies für die westdeutschen Diözesen eine Gesamtsituation darstellt, mit der man teilweise erst umzugehen lernen muss, haben die ostdeutschen Diözesen bereits mehr Erfahrungen mit dieser Art der Marginalisierung der Kirche“. Tück fragt mit Blick auf Nizäa: „Diese Wendungen mögen fremd klingen, aber sie verteidigen die Gottheit Christi gegen jede Relativierung. (…) Das Bekenntnis von Nizäa verbindet Katholiken, Orthodoxe und Protestanten, es ist ökumenisch von höchster Bedeutung.“
Alte Formel neu verstehen
Implizite, biblische Christologie muss explizit, in Begriffe übergeführt werden. Bereits erfolgte christologische Klärungen können helfen, sich über das eigene Bekenntnis klarer zu werden, weil sie Auseinandersetzungen ins Wort gebracht und entschieden haben. Vorösterliche Ansatzpunkte der Christologie, der österliche Christusglaube, Titel und Vorstellungen neutestamentlicher Christologie bilden die Basis und den Ausgangspunkt für spätere lehramtliche Festlegungen, die notwendig wurden durch Irrlehren und Polemiken, durch Verzerrungen und Fake News. Beides ist wichtig: sich mit der „Historie“, aber auch mit ihrer „Gegenwartsrelevanz“ auseinanderzusetzen. Dogmatische Antworten und deren Kenntnis sind nur eine Seite der Medaille. Es geht auch ums Verstehen: „Der Klärungsbedarf altkirchlicher Konzilstexte“, so Hans-Joachim Höhn, „ist höher als ihr Erklärungspotenzial. Die hinter diesen Texten stehenden christologischen Probleme und theologischen Kontroversen müssen nämlich mit erheblichem Aufwand heute erst wieder erzeugt werden, ehe die Konzilstexte als deren Lösung präsentiert werden können. Bei der Erläuterung der Problemlösung ist man vor allem mit dem Problem konfrontiert, dass semantische Barrieren und Blockaden die Akzeptanz der Lösung erschweren. Lehnbegriffe aus der neuplatonischen Philosophie und Ontologie wie ,Hypostase‘ oder ,Ousia‘, die ursprünglich als Interpretamente, d. h. als Verstehensschlüssel dienten, werden in der Moderne selbst zum Interpretandum, d. h. zu einer hermeneutischen Verschlusssache.“
Es geht immer auch um „Übersetzungsarbeiten“ – und das in zweifacher Hinsicht: Was war ursprünglich gemeint? Und: Wie drücken wir das heute aus – so, dass es auch verstanden wird? Biblische Zeugnisse, Bekenntnisformeln im Neuen Testament sind das eine, philosophisch-theologische Begriffe das andere. Beides braucht es. Im Bewusstsein zu halten ist aber auch, dass die Kirche Begrifflichkeiten schafft, die sich so in der Bibel nicht finden. „Hypostatische Union“, „Idiomenkommunikation“, „Natur“, „Person“, „Wesensgleichheit“: Begriffe, die sich im Lauf der Theologie- und Dogmengeschichte angesammelt haben. Natürlich sagen sie etwas aus, auch wenn sie eher an unseren Verstand gerichtet sind und nicht gerade das Herz zu erwärmen vermögen. Immer wieder deswegen die Frage: Glauben wir Begriffen? Dem Wortlaut? Oder geht es um Inhalte? Was ist gewonnen, wenn Menschen einen Wortlaut repetieren, aber den Inhalt nicht verstehen (können oder wollen)? Oder wenn jeder etwas anderes darunter versteht?
Von Nizäa zu einem persönlichen Bekenntnis
Ich schreite die Dogmengeschichte mit Siebenmeilenstiefeln ab: die alexandrinische Denkform mit seinen Vordenkern Origenes, Athanasius und den drei Kappadokiern Basilius von Cäsarea, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa; die antiochenische Denkform mit Ignatius von Antiochien, Justin und Irenäus von Lyon bis zu Paulus von Samosata und der Entfaltung der Logos-Anthropos-Christologie; sodann die christologischen Konzilien von Nizäa (325) als Sieg einer antiochenischen Formel über die Drei-Hypostasen-Lehre der Alexandriner; das Erste Konzil von Konstantinopel (381), auf dem das Nizänum mit einer eher alexandrinischen als antiochenischen Formulierung ergänzt, also nachgebessert wurde; das Konzil von Ephesus (431), das von Alexandrinern beherrscht wurde; das Konzil von Chalkedon (451), das die Formel „wahrer Gott und wahrer Mensch“ aufbrachte, eine antiochenische Korrektur von Ephesus; das Zweite Konzil von Konstantinopel (553), das zum alexandrinischen Gegenschlag wurde; das dritte Konzil von Konstantinopel (680/81), das den endgültigen Sieg der Antiochener bedeutete; und schließlich das Zweite Konzil von Nizäa (787), das übrigens von einer Frau, Kaiserin Irene, präsidiert wurde und für den Bilderstreit wichtig wurde (Ikonen werden verehrt, nicht angebetet).
Das Bekenntnis von Nizäa, die Einfügung eines unbiblischen Terminus aus der Philosophie (ὁμοούσιος / consubstantialis) gehört sicher nicht zu den einfachsten und leicht erklärbaren Glaubenswahrheiten. Es braucht, unter Wahrung der klassischen Formel, Versuche, dies anders auszudrücken. Nicht immer wird dabei verständlicher, was im Jahr 325 festgelegt wurde.
Es geht auch anders, kürzer und prägnanter, und da lande ich zum Schluss bei Kurt Marti. In seiner Schrift Spätsätze brachte der Schweizer Pastor und Schriftsteller auf den Punkt, was das Konzil von Nizäa mit „wesensgleich“ ausgesagt hat und was das Bekenntnis dazu auslöst: „Ihm, Jesus, glaube ich Gott.“ Jesus dem Christus glauben heißt: Jesus glauben, ihm trauen und ihm abnehmen (können wollen), dass er Gott ist. Ihm glauben – und deswegen an ihn glauben. Es ist eine lebenslange Einübung: „Ihm, Jesus, glaube ich Gott.“ Und eine bleibende, immense intellektuelle Herausforderung.