Die Geschichte der historischen Jesusforschung bis zur Third Quest

As part of the event "Jesus (Christus)", 30.03.2026

Jesus Christ - detail from Deesis mosaic, Hagia Sophia, Istanbul, Edal Anton Lefterov/Wikimedia Commons

Introduction

Die moderne historische Jesusforschung ist wie die historisch-kritische Bibelauslegung insgesamt ein Kind der Aufklärung (ca. 1650–1780). Jahrhundertelang wurden in der christlichen Welt die Jesuserzählungen des NT, die kanonischen Evangelien, als Jesus-Biografien gelesen. Damit wurde selbstverständlich angenommen, dass die biblischen Jesuserzählungen historisch wahr seien und Erzählungen und „historische“ Wirklichkeit übereinstimmten.

Antike: Pagane Kritik an der Jesusdarstellung der Evangelien

Kritik an der Jesusdarstellung der Evangelien gab es schon in der Antike. Im Unterschied zur Moderne kam sie aber von außen, d. h. von nichtchristlicher Seite, und reichte vom Philosophen Kelsos (Ende 2. Jh.) bis zum letzten heidnischen Kaiser Julian (360–363). Sie bezog sich auf die Evangelien selbst mit ihren zahlreichen Spannungen und Widersprüchen, nicht auf das dahinter liegende supranaturalistische Weltbild. Dass übernatürliche Wesen – insbesondere göttliche Wesen, aber auch Dämonen – direkten Einfluss auf die menschliche Welt bzw. die menschliche Wirklichkeit nehmen können, gehörte zum antiken Weltbild und wurde – anders als in der Moderne – nicht grundsätzlich hinterfragt.

Kritisiert wurde besonders die Zahl der Evangelien mit ihrem unterschiedlichen Aufriss und den auffälligen Widersprüchen bei inhaltlich ähnlichen Texten wie zwischen den beiden Kindheitserzählungen oder zwischen den Passionserzählungen. Die Fülle an weiteren Evangelien, die ab dem 2. Jh. die kanonischen Evangelien „ergänzten“, trug ebenfalls nicht zum Verstummen der Kritik bei. So vergleicht der Philosoph Kelsos die Christen mit Betrunkenen, die „das Evangelium […] dreifach und vierfach und vielfach umprägen und umformen“, wie es ihnen gerade passt (zit. bei Origenes, Contra Celsum II, 27).

Die Kritik führte zur Anfrage an die Glaubwürdigkeit der Evangelien und damit des christlichen Glaubens insgesamt. Entsprechend groß war die Verunsicherung in den Gemeinden. Christliche Theologen versuchten mit unterschiedlichen Methoden diese Kritik an den Evangelien zu widerlegen. So erklärte Origenes (ca. 185–254) die Unterschiede z. T. historisch und z. T. durchaus modern mit der Annahme voneinander abweichender Intentionen der Evangelisten. Eine weitere, von ihm in die christliche Exegese eingebrachte Methode war die allegorische d. h. bildlich-übertragene Auslegung der Evangelien, um so die geistliche Sinnebene ins Zentrum zu rücken (Allegorese). Ein eher konservativer Versuch die Kritik auszuräumen, war die Erstellung von Evangelienharmonien, in denen die vier Evangelien zu einem Evangelium verbunden wurden, um eine einheitliche Lebens- und Wirkungsgeschichte Jesu zu erzählen. Die bekannteste und einflussreichste Evangelienharmonie der Antike war das syrische Diatesseron, das ca. 170 von Tatian zusammengestellt wurde. Seine lateinische Übersetzung war wiederum Grundlage für Evangelienharmonien in mehreren Volkssprachen, u. a. für den altsächsischen Heliand (9. Jh.).

Mit der Durchsetzung des Christentums als Staatsreligion verschwanden auch die grundsätzlichen Anfragen an die christlichen Quellen und ihren historischen Quellenwert. Andere Fragen traten in den Vordergrund wie die Christologie und die Trinitätslehre. Mit wenigen Ausnahmen blieb das so bis ins MA und in die frühe Neuzeit.

Aufklärung: Innerchristliche Kritik an der Jesusdarstellung der Evangelien

Erst mit der Aufklärung änderte sich das. Sie beginnt in Deutschland mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648), in Frankreich und England etwas früher. In ihr wird die kritische Vernunft zum Maßstab wissenschaftlicher Erkenntnis: Wahr ist, was in sich nicht widersprüchlich ist und der Vernunft entspricht. Zu dieser Entwicklung trugen eine Reihe von Faktoren bei: die wachsende Bedeutung von Naturwissenschaft und Technik, über das Aufkommen der Geschichtswissenschaften, die Kritik am Rechtspositivismus, die theologische Kritik am Dogma der christlichen Kirchen.

Mit der Kritik am Dogma einher ging die zunehmende Emanzipation der Exegese von der Dogmatik, u. a. mit ihren aus Literatur- und Geschichtswissenschaft entlehnten Methoden der historischen Bibelkritik. Für die Jesusdarstellung in den Evangelien bedeutete das, dass nicht mehr Jesu Verhältnis zu Gott bzw. seine Göttlichkeit im Zentrum stand, sondern dass mehr und mehr die Frage nach der historischen Zuverlässigkeit von Jesu Worten und Taten in den Vordergrund rückte. Als unhistorisch wurde in den Evangelien das angesehen, was sich beim Vergleich der Evangelien widersprach, mit der antiken Geschichte nicht zusammenzupassen schien, und vor allem, was mit den Naturgesetzen unvereinbar war, wie z. B. die Wunder Jesu, seine jungfräuliche Empfängnis und nicht zuletzt seine Auferweckung von den Toten.

Die Phasen der historischen Jesusforschung

Die Geschichte der historischen Jesusforschung wird in der Regel in Phasen eingeteilt. Am verbreitetsten ist die Einteilung von Tom Wright (1987), der auch den Begriff Third Quest einführte. Grundlage ist die im angelsächsischen Sprachraum schon vorher gängige Einteilung der Jesusforschung in Old Quest (ca. 1778–ca. 1900) und New Quest (ab 1953). Ein Problem dieser Phaseneinteilung ist das Fehlen der ersten Hälfte des 20. Jhs., eines doch ziemlich großen Zeitraumes. Die Unsicherheit, wie die Phase dieses Zeitraums zu bezeichnen ist, ist bis heute groß. Anfangs wurde sie No Quest genannt, im Jesusbuch von Theißen/Merz heißt sie „Zusammenbruch der Leben-Jesu-Forschung“, in der Neuauflage des Buches 2023 „Krise der Jesus-Forschung“. Alle drei Bezeichnungen für die Jesusforschung in diesem Zeitraum suggerieren, dass es einzig um Kritik der bisherigen Leben-Jesu-Forschung ging, (konstruktive) Neuansätze dagegen fehlten. Dass das nicht stimmt, versuche ich noch zu zeigen. Der von mir verwendete neutralere Begriff „Zwischenphase“ ist allerdings auch noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Die genannten Schwierigkeiten führten dazu, dass einige Forscher:innen die Phaseneinteilung grundsätzlich ablehnen, weil sie der Kontinuität der Entwicklung nicht gerecht würde. Andere lehnen nur die Third Quest als eigene Phase ab wegen der Uneinheitlichkeit ihrer Jesusbilder. Ich selbst halte die Phaseneinteilung allein deshalb für hilfreich, weil sie in die Menge der Veröffentlichungen zum historischen Jesus eine gewisse Struktur bringt. Sie bleibt aber letztlich ein Hilfskonstrukt.

 

Die Geschichte der historischen Jesusforschung

Old Quest: Von Reimarus bis zur liberalen Leben-Jesu-Forschung (ca. 1778–1900)

Hermann Samuel Reimarus (1694–1768) – Die Geschichte der historischen Leben-Jesu-Forschung beginnt mit Hermann Samuel Reimarus, einem Hamburger Gymnasialprofessor für orientalische Sprachen. Als ein Vertreter des sogenannten Deismus lehnte er die Vorstellung eines Gottes ab, der regelmäßig in die Welt eingreift. Der christliche Offenbarungsglaube war aber nicht per se obsolet für ihn, sondern nur ein von der Vernunft losgelöster Glaube.

Bis zu seinem Tod arbeitete Reimarus an seinem umfangreichen Werk Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes, das zu Lebzeiten nur anonym im Bekanntenkreis kursierte. Gotthold Ephraim Lessing veröffentlichte 1774–78 sieben Fragmente daraus, einschließlich einer Vorform der Abhandlung Von dem Zwecke Jesu und seiner Jünger, die für die historische Jesusforschung besonders interessant ist. Aus Rücksicht auf die Familie des Reimarus erschienen die Fragmente anonym als Fragmente des Wolfenbüttelschen Ungenannten. Der Sturm der Entrüstung, der nach der Veröffentlichung losbrach, rechtfertigte nachträglich die geheim gehaltene Identität des Verfassers.

Neu war in ihrer Radikalität die nur der Vernunft verpflichtete, historische Kritik an der Bibel. Einige zentrale und bis heute akzeptierte Beobachtungen der Evangelienexegese und der Jesusforschung finden sich zuerst bei ihm. Zentral ist sein methodischer Ausgangspunkt, der zwischen der Verkündigung Jesu und dem Christusglauben der Apostel unterscheidet: „ich finde große Ursache, dasjenige, was die Apostel in ihren eigenen Schriften vorbringen, von dem, was Jesus in seinem Leben würklich selbst ausgesprochen und gelehret hat, gänzlich abzusondern.“ (Fragment 7, Teil I §3) Zentral ist auch die Akkomodationtheorie, wonach die Verkündigung Jesu nur aus dem Kontext der jüdischen Religion seiner Zeit heraus zu erklären ist. Als Kind seiner Zeit kann Jesus sich nach Reimarus seinen Hörer:innen nur im Rahmen jüdischer Vorstellungen verständlich machen. Entsprechend hatte er auch keine Absicht, die jüdische Religion abzuschaffen, sondern weckte messianische Erwartungen bei den Menschen und wollte ein weltliches Reich aufrichten. Bemerkenswert ist auch seine genaue Quellenbeobachtung, bei der Widersprüche und Spannungen nicht weginterpretiert oder einfach als irrelevant übergangen werden. Sie entspricht im Kern dem in der New Quest formulierten Kriterium der Verlegenheit: „Wenn die erzählte Sache dem Zeugen selbst, oder denen, welchen er wohl will, zu Unehre, Schaden und Unlust gereichen, oder denen, welchen er abgeneigt ist, Ehre, Vortheil oder Lust bringen kann: so ist es ein Zeichen seiner Aufrichtigkeit.“

Überholt ist dagegen Reimarus’ Deutung der Auferstehung Jesu als Jüngerbetrug. Da die Apostel mit seinem gewaltsamen Tod nicht zurechtgekommen wären, hätten sie die Leiche Jesu heimlich fortgeschafft, so dass sie ihn nach 50 Tagen – als die verweste Leiche nicht mehr zu identifizieren war – als auferstanden und wiederkommenden, durch sein Leiden erlösenden Christus verkündigten. Nach Albert Schweitzer war die Betrugshypothese eine Nothypothese, die „die vielleicht großartigste Leistung in der Leben-Jesu-Forschung überhaupt“ in keiner Hinsicht schmälerte, da die damalige historische Wissenschaft eine andere, von der Vernunft geprägte Deutung noch nicht zuließ.

Die Rationalisten – Da Reimarus aus nachvollziehbaren Gründen keine Schüler hatte und seine Deutung des christlichen Glaubens auch noch lange nach Lessings Veröffentlichung einzelner seiner Schriften hoch umstritten blieb, wurden seine Analysen und Interpretationen zum Leben Jesu nicht aufgenommen und konstruktiv weitergeführt. Stattdessen beherrschte bis Mitte des 19. Jhs. der Rationalismus das Feld. Er versuchte die Evangelien auf „vernünftige“ Weise zu interpretieren, im Einklang mit dem, was die Zeitgenoss:innen sich als vernünftig vorstellten. Seine Vertreter versuchten die neutestamentlichen Texte und darin besonders die Wunder Jesu und seine Auferstehung an das naturwissenschaftliche Weltbild anzupassen, ohne den tradierten Glauben an die „historische“ Wahrheit der Evangelien aufzugeben. Gleichzeitig entwerfen sie ein romanhaftes Gesamtbild des Lebens Jesu, in dem Jesus und seine Jünger in moderner Sprache und damit für ihre Leser:innen verständlich kommunizierten. Ihre konsequent natürliche Deutung der Wunder und der Auferstehung Jesu hat bis heute überlebt, und das nicht nur in esoterischer Jesusliteratur.

Wichtige Vertreter des Rationalismus in Deutschland waren Carl Friedrich Bahrdt (1740/41–1792), Karl Heinrich Georg Venturini (1768–1849) und Heinrich Eberhard Gottlob Paulus (1761–1851). Dabei wurden die Wunder Jesu durchaus unterschiedlich erklärt. So gelangen Jesu Heilungen und Exorzismen nach Venturini durch Heilmittel und chirurgische Eingriffe, während sie nach Paulus, der einen wissenschaftlichen Rationalismus vertrat, psychologisch zu erklären sind. Auch die Naturwunder wurden unterschiedlich ausgelegt, basieren aber immer auf Irrtümern und ­Missverständnissen. So nehmen Bahrdt und Venturini in Bezug auf die Brotvermehrung an, dass die Jünger im Wissen um die große Menschenmenge, die zu Jesus hinaus in die Einöde kam, vorsorglich Brot und Fisch in einer nahegelegenen Höhle deponierten, während Paulus davon ausgeht, dass Jesus die Reichen dazu brachte ihren reichlichen Vorrat an die Armen abzugeben. Allen gemeinsam ist die Erklärung der Auferweckung Jesu mit Hilfe der Scheintodhypothese. Nach Bahrdt haben die Essener, denen Jesus angehörte, die Auferstehung bewusst inszeniert, während nach Venturini Josef von Arimathäa den Gekreuzigten von Pilatus erbat, um ihn mit seinen medizinischen Kenntnissen für 40 Tage ins Leben zurückzuholen. Nach Paulus ist Jesus im Grab wieder zu sich gekommen, hat sich aber heimlich aus dem Grab entfernt und lebte dann noch bis zur Himmelfahrt.

David Friedrich Strauß (1808–1874) – Dass auch die rationalistische Bibelinterpretation in eine Sackgasse führt, erkannte als einer der ersten der Theologe und Philosoph David Friedrich Strauß. In seinem 1835/36 erschienenen zweibändigen Werk Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet schlägt er als Hegelschüler einen Weg jenseits von Supranaturalismus und Rationalismus ein, und damit jenseits eines Festhaltens an der Historizität der Evangelien:

„Wenn die altkirchliche Exegese von der doppelten Voraussetzung ausgieng, dass in den Evangelien erstlich Geschichte, und zwar zweitens eine übernatürliche, enthalten sei, wenn hierauf der Rationalismus die zweite dieser Voraussetzungen wegwarf, doch nur um desto fester an der ersten zu halten, dass in jenen Büchern lautere, wenngleich natürliche, Geschichte sich finde: so kann auf diesem halben Wege die Wissenschaft nicht stehen bleiben, sondern es muss auch die andere Voraussetzung fallen gelassen, und erst untersucht werden, ob und wie weit wir überhaupt in den Evangelien auf historischem Grund und Boden stehen.“

Strauß versteht nicht nur einzelne Erzählungen wie die Kindheitsgeschichten oder die Wundererzählungen, die Reimarus für unhistorisch hielt und die Rationalisten vernunftgemäß zu erklären suchten, als Prozess mythischer, absichtsloser Imagination, sondern die Struktur der Evangelien insgesamt. Auch die Messianität Jesu in den Evangelien wird mit Hilfe alttestamentlicher Motive, Bilder und Figuren wie z. B. die eines Mose oder eines Elija mythisch gedeutet.

Dadurch entsteht der Eindruck, dass Strauß gar kein Interesse an einer Darstellung des Lebens Jesu hat, sondern nur beabsichtigt, „die historische Glaubwürdigkeit der meisten Erzählungen in den Evangelien zu zerstören“. Dazu passt, dass für ihn nicht der historische Jesus von Bedeutung ist, sondern die Idee des Gottmenschen in der mythischen Einkleidung der Person Jesu. Trotzdem geht Jesus von Nazaret für Strauß nicht im Mythos auf, wie dann wenige Jahre später etwa bei Bruno Bauer.

Auch wenn Strauß in seinem Jesus-Buch weder die literarischen Strukturen der Evangelien untersucht noch Quellenkritik betreibt, erkannte er als einer der ersten, dass das Johannesevangelium nicht nur stärker als die drei anderen Evangelien von theologischen Interessen geprägt ist, sondern auch historisch viel weniger verlässlich ist.

Die liberale Leben-Jesu-Forschung – Die Vertreter dieser Phase greifen die Erkenntnisse von Strauß auf, knüpfen aber auch an die romanhaften Leben-Jesu-Darstellungen der Rationalisten an. Methodisch ist die Phase bestimmt von der allmählichen Durchsetzung der Zweiquellentheorie, der Theorie zur Entstehung der kanonischen Evangelien, die bis heute von Bedeutung ist. Als ihr eigentlicher Begründer gilt Christian Hermann Weisse (1801–1866), der 1838 nicht nur das Markusevangelium als Quelle für die beiden anderen Synoptiker (Markuspriorität) erkannte, sondern aus dem über das Markusevangelium hinausgehenden gemeinsamen Stoff des Matthäus- und Lukasevangeliums auch auf eine verloren gegangene Spruchsammlung als ihre zweite Quelle schloss, die beide Evangelien unabhängig voneinander benutzt hätten. Der wissenschaftliche Nachweis der Zweiquellentheorie gelang aber erst 1863 Heinrich Julius Holtzmann (1832–1910), wobei für ihn nicht das Markusevangelium, sondern ein hypothetischer Urmarkus A von Mt und Lk als Quelle benutzt worden sei. Dieser Urmarkus hätte neben dem Textbestand des Markusevangeliums auch einige zentrale Texte aus Q wie z. B. die lukanische Feldrede enthalten. Im Hintergrund der quellenkritischen Arbeit stand bei Holtzmann wie bei vielen anderen protestantischen Theologen seiner Zeit nicht das Interesse an den Quellen an sich, sondern an einer historisch genauen Rekonstruktion des Lebens Jesu. Für Holtzmann spiegelt der Urmarkus die innere Entwicklung Jesu wider, hin zu einem messianischen Bewusstsein.

Mit den Entdeckungen der liberalen Leben-Jesu-Forschung einher ging die Publikation einer Fülle von romanhaften Jesusbiografien. Einer der populärsten Jesusromane der Zeit mit einem romantisierenden Jesusbild stammt vom französischen Religionshistoriker und Schriftsteller Ernest Renan (1823–1892), dessen Buch Vie de Jésus auch in Deutschland weite Verbreitung fand. Der von Renan sanft, mild und liebenswürdig charakterisierte Jesus zog mit seiner „köstlichen Theologie der Liebe“ (la délicieuse théologie de l’amour) alle Herzen in den Bann.

Auch wenn sich auf den ersten Blick die romanhafte Darstellung des Lebens Jesu von der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem historischen Jesus eines Heinrich Julius Holtzmann deutlich unterschied, gab es auf den zweiten Blick doch einige Gemeinsamkeiten. Dazu gehörte nicht zuletzt das Interesse daran, den durch die Naturwissenschaften und Geschichtswissenschaften verunsicherten christlichen Zeitgenoss:innen einen neuen Zugang zu Jesus von Nazaret zu ermöglichen, indem er ihnen weniger als Sohn Gottes, sondern mehr als sittliches Vorbild vorgestellt wurde. Beide, Theologie und Literatur, spiritualisierten das von Jesus verkündete Gottesreich, indem sie es nicht als eine äußere Größe auffassten, sondern als eine innerliche, die im Gewissen des Menschen angesiedelt ist. Ein eschatologisches Verständnis des Gottesreiches wurde Jesus entweder abgesprochen oder entwicklungspsychologisch (in Bezug auf Jesus) bzw. pädagogisch (in Bezug auf die Jünger) erklärt. Beide betonen den „sittlichen Gehalt der Gottesidee“, die Jesus verkündet habe und die geprägt gewesen sei von der Liebe.

Die sogenannte Zwischenphase: Von Albert Schweitzer bis Rudolf Bultmann (ca. 1900–1953)

Die Jesusforschung in der sogenannten Zwischenphase ist zum einen von einer durch die Formkritik ausgelösten grundsätzlichen Kritik an der liberalen Leben-Jesu-Forschung geprägt, zum anderen von Auseinandersetzungen um Jesu Judesein. Gegenüber zunächst zaghaften, dann selbstbewussten Versuchen jüdischer Gelehrter Jesus „heimzuholen“ (Quest for the Jewish Jesus) steht die Suche nach dem nicht-jüdischen Jesus (Quest for the Non-Jewish Jesus), die mit dem aufkommenden und sich schließlich etablierenden Nationalsozialismus ihren Höhepunkt erreichte. Dass es die Phase in der ersten Hälfte des 20. Jhs. nur zu einer „Zwischenphase“ geschafft hat, könnte auch damit zusammenhängen, dass die Suche nach dem nicht-jüdischen Jesus und ihrer Verbindung mit dem Nationalsozialismus so sehr mit Scham behaftet war, dass die entsprechenden Arbeiten als unwissenschaftliche, ideologische Jesusforschung abgehakt und mit dem Bann des Schweigens belegt wurden.

Kritik an der liberalen Jesus-Forschung – Die Zwischenphase beginnt um die Jahrhundertwende mit der grundsätzlichen Kritik an zwei Axiomen der liberalen Leben-Jesu-Forschung: an der Ablehnung der eschatologischen Deutung des Gottesreiches (1) und an der Hypothese vom Markusevangelium als historischer Biografie Jesu (2).

zu 1) 1892 stellte Johannes Weiß (1863–1914) die Vorstellung vom Reich Gottes als geistiges und innerliches Reich grundsätzlich in Frage. Er wies nach, dass die jesuanische Reich-Gottes-Verkündigung durch und durch eschatologische Züge trägt und von der frühjüdischen Apokalyptik her zu verstehen ist. Albert Schweitzer (1875–1965) stimmt in seinem epochalen Werk Geschichte der Leben-Jesu-Forschung von 1906 im Wesentlichen mit Weiß überein, setzt sich aber offensiver und hermeneutisch reflektierter mit den Jesusdarstellungen der liberalen Leben-Jesu-Forschung auseinander. Für ihn sind sie Projektionen der eigenen zeitbedingten Jesuswunschbilder, um sich mit der Fremdheit Jesu und seiner eschatologisch-apokalyptischen Verkündigung nicht auseinandersetzen zu müssen: „Man lese die Leben-Jesu seit den sechziger Jahren durch und schaue, was sie aus den Imperatorenworten unseres Herrn gemacht haben, wie sie seine gebieterischen, weltverneinenden Forderungen an den einzelnen heruntergeschraubt haben, damit er nicht wider unsere Kulturideale stritte und mit seiner Weltverneinung in unsere Weltbejahung einginge […] Wir ließen Jesus eine andere Sprache mit unserer Zeit reden, als ihm über die Lippen kam.“

Schweitzers Buch ist bis heute von bleibender Aktualität, da es als eines der ersten das Bewusstsein dafür schärfte, wie zeitbedingt die jeweiligen Jesus-Rekon­struktionen sind, und dass sie daher immer wieder kritisch überprüft werden müssen.

zu 2) Ebenfalls um die Jahrhundertwende hebeln William Wrede (1859–1906) und etwas später Karl Ludwig Schmidt (1891–1956) das zweite Axiom der liberalen Leben-Jesu-Forschung aus. Danach bildet das Mk weder chronologisch das Wirken Jesu ab, noch lässt sich eine Entwicklung der Persönlichkeit Jesu aus der Reihenfolge der Perikopen ablesen. Während Wrede 1901 mit Hilfe der Messiasgeheimnistheorie nachweist, dass auch schon das älteste Evangelium Ausdruck von Gemeindetheologie ist, kann Schmidt 1919, aufbauend auf Wredes Erkenntnissen, zeigen, dass die Jesusüberlieferungen des Mk aus kleinen Einheiten bestehen, die selbst schon von Gemeindebedürfnissen geprägt sind. Diese wurden vom Evangelisten erst nachträglich in einen chronologischen und geographischen Rahmen gesetzt, so dass damit auch das älteste Evangelium als unhinterfragte Quelle für eine historische Rekonstruktion des Wirkens
Jesu ausgeschieden werden muss.

(3) Martin Dibelius (1883–1947) und Rudolf Bultmann (1884–1976) versetzten schließlich durch ihre Arbeiten zur Formgeschichte der Evangelien zentralen Axiomen der liberalen Leben-Jesu-Forschung den letzten Stoß (1919 Dibelius, 1921 Bultmann). Radikaler als Dibelius schließt Bultmann (1884–1976) aus seinen Erkenntnissen, dass der Christus, der verkündigt wird, nicht der historische Jesus ist, sondern der Christus des Glaubens, so dass es unmöglich ist, aus den Texten der Evangelien auf eine Persönlichkeit oder ein Bewusstsein Jesu zu schließen und Jesus damit als moralisches Vorbild für Christen hinzustellen. Daraus folgt, dass der historische Jesus nur zu den Voraussetzungen des christlichen Glaubens gehöre, sein zentraler Inhalt dagegen der kerygmatische Christus sei. Wichtig ist daher nicht, was Jesus gesagt und getan habe, sondern dass er gekommen ist, gelitten hat und gestorben ist und von Gott auferweckt wurde. Für Christen gehe es allein darum, auf den in Jesus an sie ergehenden Anruf Gottes zu antworten.

Verschiedene Neuansätze – (1) Anders als oft angenommen führte die Kritik an der liberalen Jesusforschung aber nicht zu einer grundsätzlichen Ablehnung der historischen Rückfrage nach Jesus. Das trifft auch für Albert Schweitzer und noch mehr für Rudolf Bultmann zu. Beide interessieren sich sowohl für hermeneutische als auch für existentiell-theologische Fragen. Während beide Fragekomplexe bei Schweitzer aufgrund seiner Entscheidung gegen eine theologische Karriere nur in Ansätzen vorliegen, werden sie bei Bultmann mehrfach durchgearbeitet. Schon in seinem Jesusbuch von 1926 verbindet er hermeneutische, historische und existentiale Reflexionen. Er will mit ihm keine Jesusbiografie schreiben, jedenfalls keine im Sinne der Jesusbiografien der liberalen Leben-Jesu-Forschung. Bultmann interessiert weder die Persönlichkeit noch das Bewusstsein noch die psychische Entwicklung Jesu, da auch die neutestamentlichen Texte sich dafür nicht interessieren und entsprechend wenig ergiebig sind. Nichtsdestotrotz ist er aber in Bezug auf die Lehre Jesu davon überzeugt, „daß wir uns ein zusammenhängendes Bild machen können“, auch wenn wir in Bezug auf die Quellen sehr vorsichtig sein müssen. Sein Büchlein beschäftigt sich denn auch nur mit der Verkündigung Jesu, so wie sie uns in der ältesten Überlieferung erhalten ist, und bindet sie durch die drei ersten Kapitel auch in den jüdischen Kontext des 1. Jhs. ein. Bultmanns Interpretation der Verkündigung Jesu zielt jedoch auch in seinem Jesusbuch darauf, dass sie die Begegnung mit dem lebendigen Christus ermöglicht, der den Menschen zur Entscheidung ruft.

(2) Wie erwähnt tut sich die internationale Jesusforschung schwer damit, die antisemitischen Jesusbücher etablierter und anerkannter deutscher Neutestamentler aus der Zwischenkriegszeit (Weimarer Republik und Nationalsozialismus) unter das Label historische Leben-Jesu-Forschung einzuordnen oder sie gar als Neuansatz anzusehen. Doch eine ideologisch verblendete, antisemitische historische Leben-Jesu-Forschung bleibt Leben-Jesu-Forschung, genauso wie die romantisierende und liberale Leben-Jesu-Forschung des 19. Jhs. Leben-Jesu-Forschung bleibt. Gegenüber dem Antijudaismus in der Jesusforschung des 19. und beginnenden 20. Jhs. besteht das Neue der antisemitischen Leben-Jesu-Forschung darin, dass sie versuchten, Jesus ganz aus dem Judentum zu lösen, bis dahin, dass sie ihn als ursprünglich arisch deklarierten und damit die Menschenverachtung des Nationalsozialismus christlich untermauerten. Zu den Vertretern dieser Jesusforschung gehörten u. a. Johannes Leipoldt, Walter Grundmann, Emanuel Hirsch und in etwas abgeschwächter Weise auch Gerhard Kittel, der Herausgeber des Theologischen Wörterbuchs zum Neuen Testament (ThWNT).

(3) Während von christlicher Seite kaum Kritik an antijüdischen Positionen in den Bibelwissenschaften und speziell in der historischen Jesusforschung geübt wurde, entwickelte sich von jüdischer Seite seit Mitte des 19. Jhs. ein neues Interesse am Juden Jesus. Mit Adolf von Harnacks in Teilen antijüdischen Vorlesungen über Das Wesen des Christentums (1900) und die zahlreichen jüdischen Antworten darauf gewann die Debatte über Jesu Jüdischsein noch einmal an Fahrt. Der jüdischen Seite ging es darum zu zeigen, dass das Judentum zur Zeit Jesu keine überholte, überflüssige Vorstufe des Christentums ist, sondern dass die Verkündigung Jesu nur vom Judentum her zu verstehen ist und das Judentum damit für das Christentum eine grundlegende Relevanz hat. Besonders hervorzuheben ist die Studie von Leo Baeck (1905), die sich schon durch ihren Titel Das Wesen des Judentums als Gegenposition zu Harnacks Vorlesungen zu erkennen gibt. Baeck hat übrigens 1938, in dunkelster Zeit, eine eigene Studie zu Jesus und den Evangelien vorgelegt: Die Evangelien als Zeugnisse der jüdischen Glaubensgeschichte. Die im Schocken-Verlag gedruckten Exemplare wurden aber fast sofort nach Erscheinen von der Gestapo beschlagnahmt und vernichtet.

Unabhängig von der jüdischen Auseinandersetzung mit Harnacks Position gab es um die Jahrhundertwende eine Reihe kleiner Beiträge zum Juden Jesus von jüdischen Autoren. Es fehlte jedoch eine größere wissenschaftliche Untersuchung zum historischen Jesus aus jüdischer Sicht. Diese Lücke schloss Joseph Klausner (1874–1958), ein aus Odessa stammender Zionist und ausgewiesener Kenner der semitischen Philologie, der die erste große jüdische Jesusmonografie schrieb. Sie erschien 1922 in Jerusalem auf Hebräisch, 1930 auch in deutscher Übersetzung. Ungewöhnlich war, dass sie sich „zunächst an einen hebräisch sprechenden, jüdischen Adressatenkreis im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina [richtete], dessen zurückhaltende bis ablehnende Haltung gegenüber Jesus bzw. dem Christentum auf eine lange Tradition zurückging“. Für Klausner war Jesus selbstredend weder Messias und noch weniger Gottes Sohn, sondern „einer von uns, einer unserer bedeutendsten Moralisten, einer unserer größten Visionäre“. Sein Buch wurde breit rezipiert, aber von christlicher wie auch von jüdischer Seite sehr kontrovers diskutiert. Christliche Theologen fühlten sich überlegen, z. T. auch angegriffen und werteten die jüdische Perspektive auf Jesus ab. Jüdische Gelehrte hatten u. a. Probleme mit der unpolemischen Darstellung Jesu als jüdischer Rabbi, der das Judentum seiner Zeit reformieren wollte.

Festzuhalten ist, dass der Versuch jüdischer Gelehrter in der sogenannten Zwischenphase, die Gestalt Jesus von Nazaret für das Judentum zurückzugewinnen, von der christlichen Leben-Jesu-Forschung bis heute nicht angemessen gewürdigt wird. Ihre Forschungsleistung wird nur selten erkannt wie z. B. die Ablehnung des Differenzkriteriums schon durch Klausner, und ebenso selten wird ihre schwierige Situation in vom Antisemitismus geprägten Gesellschaften berücksichtigt.

New Quest: Von Ernst Käsemann bis in die 1970er Jahre (1953 - ca. 1980)

Der Beginn der New Quest wird mit einem Vortrag von Ernst Käsemann (1906–1998) aus dem Jahr 1953 verbunden. Als Vertreter
der Formgeschichte sind auch für ihn die kanonischen Evangelien kerygmatische Erzählungen über Jesus. D. h. schon in ihren frühen Überlieferungsstufen überlagert die jeweils gegenwärtige Bedeutung Jesu als des erhöhten Herrn das Bild des historischen Jesus. Im Unterschied zu seinem Lehrer Rudolf Bultmann betont Käsemann jedoch, dass es nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig ist, nach der geschichtlichen Gestalt Jesu zu fragen. Den Hauptgrund sieht er darin, dass das frühe Christentum selbst an der Identität zwischen dem irdischen Jesus und dem Erhöhten festhielt, da sonst nicht zu erklären sei, warum es überhaupt notwendig erschien, vier Erzählungen über Jesus zu tradieren. Der christliche Glaube richtete sich von Beginn an auf eine historische Person der Geschichte und weigert sich diese geschichtliche Person in einen Mythos oder ein Himmelswesen aufzulösen. Zwar ist es nicht möglich, eine Biografie Jesu zu schreiben, wie es die liberale Leben-Jesu-Forschung versuchte, aber es ist möglich, aus dem kerygmatischen Rahmen der Evangelien und der ältesten erreichbaren Überlieferung darin einzelnes authentisches Jesusgut herauszufiltern.

Um das zu erreichen, ist nach Käsemann die Entwicklung einer Kriteriologie unumgänglich. Das entscheidende methodische Hauptinstrument ist für ihn das Unähnlichkeits- bzw. Differenzkriterium, das zwar nicht grundsätzlich neu ist, aber seine Wirkung erst in der New Quest entfaltet. Hinzu kommt das Kriterium der Verlegenheit, wonach das als echt vermutet werden kann, was dem Urchristentum Schwierigkeiten bereitete, so dass es entsprechend verändert wurde, wie z. B. die Taufe Jesu durch Johannes.

„Einigermaßen sicheren Boden haben wir nur in einem einzigen Fall unter den Füßen, wenn nämlich Tradition aus irgendwelchen Gründen weder aus dem Judentum abgeleitet noch der Urchristenheit zugeschrieben werden kann, speziell dann, wenn die Judenchristenheit ihr überkommenes Gut als zu kühn gemildert oder umgebogen hat.“

Käsemann selbst schrieb kein Buch zum historischen Jesus. Das tat drei Jahre später Günther Bornkamm, ebenfalls ein Bultmannschüler, mit seinem bahnbrechenden Werk Jesus from Nazareth. Die hermeneutischen Grundlagen sind dieselben wie bei Käsemann, ebenso die Verwendung des Differenz- und des Verlegenheitskriteriums. Da Bornkamm aber im Unterschied zu Käsemann nicht nur exemplarisch arbeitete, sondern den Anspruch hatte, die gesamte Jesusüberlieferung auf authentisches Jesusgut hin zu untersuchen, entwickelte er weitere Kriterien für diese Analyse. Neben dem Kriterium des semitischen Einflusses, wonach die Texte vermutlich authentisch sind, die einen aramäischen Kontext erkennen lassen, gehören dazu auch das Kriterium der Mehrfachbezeugung und das Kriterium der Tendenzwidrigkeit. Werden Worte Jesu in verschiedenen Gattungen und unterschiedlichen Quellen übereinstimmend bezeugt, können sie als echt angesehen werden. Das Gleiche gilt für Überlieferungen, die in Erzählzusammenhängen der Tendenz des kerygmatischen Rahmens entgegenstehen.

Wie das Jesusbuch von Bornkamm zeigt, fiel der von Käsemann initiierte Neuansatz relativ bald auf fruchtbaren Boden und führte weit über die deutschsprachige Exegese hinaus zu einer neuen Blüte der historischen Jesusforschung. Für zwei Jahrzehnte dominierte er die Suche nach dem historischen Jesus.

Third Quest (ca. 1980 - heute)

Ab den 70er Jahren machte sich ein gewisses Unbehagen an den Axiomen der New Quest breit, insbesondere am Differenzkriterium mit seiner starken Abgrenzung Jesu vom Judentum (und Frühchristentum). Der belgische, römisch-katholische Dogmatiker Edward Schillebeeckx schrieb 1974 über den Jesus der New Quest: „ein einzigartiger Jesus in einem Vakuum, ohne inneren Zusammenhang mit dem Judentum und dem Urchristentum.“ In der BRD traf dieses Unbehagen mit der Aufarbeitung der Schoa zusammen, in der römisch-katholischen Kirche mit dem Zweiten Vatikanum und der Erklärung Nostra Aetate 1965 mit ihrem zentralen Abschnitt zu einem erneuerten Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum. Das Interesse am jüdischen Jesus zeigte sich in der BRD auch im Erfolg z. T. mehrfach aufgelegter und an ein breites Publikum gerichtete Jesusbücher aus der Feder jüdischer Gelehrter wie Schalom Ben-Chorin (Bruder Jesus 1967), David Flusser (Jesus 1968), Pinchas Lapide (Der Rabbi von Nazareth 1974).

Als Initialzündung gilt das 1973 erschienene Jesusbuch Jesus der Jude von Géza Vermes, eines ungarisch-jüdischen Historikers. Auf Grund seiner profunden Kenntnisse der antiken jüdischen Zeit- und Religionsgeschichte, seines hermeneutischen Bewusstseins und seines methodischen Ansatzes forderte Vermes die christliche Leben-Jesu-Forschung des New Quest heraus. Bei ihm sind schon mehrere Charakteristika der Third Quest zu erkennen, u. a. der für das Verständnis von Wirken und Lehre Jesu konstitutive jüdisch-galiläische Kontext des 1. Jhs. oder die Aufwertung der in der New Quest vernachlässigten Wunderüberlieferung. Es dauerte aber noch einmal zehn Jahre, bis sich auch im christlichen Raum die Jesusforschung deutlich von einzelnen Axiomen der New Quest absetzte. Der eigentliche Beginn wird ab Mitte der 80er Jahre angesetzt, mit Marcus J. Borgs Conflict, Holiness and Politics in the Teaching of Jesus (1983) und Ed P. Sanders’ Jesusbuch Jesus and Judaism (1985), auf die dann im englischsprachigen Raum in schneller Folge eine Reihe weiterer Jesusbücher mit ähnlichem Ansatz erschienen.

 

Die Third Quest als gegenwärtiger Forschungskontext

Das Kontextprinzip als Leitprinzip der Third Quest

Neu gegenüber den vorherigen Phasen ist die absolute Priorität des Kontextprinzips. Das gilt in zweierlei Hinsicht: in Bezug auf das Forschungsobjekt, also in Bezug auf die Frage nach dem historischen bzw. irdischen Jesus von Nazaret, und in Bezug auf das Forschungssubjekt, d. h. auf die jeweiligen Forscher:innen.

Das Kontextprinzip in Bezug auf das Forschungsobjekt Jesus von Nazaret – Konsequenter als in früheren Phasen wird Jesus nun in den zeitgeschichtlichen, sozio-ökonomischen, kulturellen und religiösen Kontext des 1. Jhs. n. Chr. eingeordnet. Nicht mehr die Differenz zu seinem Kontext wird betont, sondern die Zugehörigkeit. Die Third Quest knüpft damit an den Paradigmenwechsel in den Geschichtswissenschaften an, die die Geschichtskonzeption des genialen Menschen hinter sich ließen. Diese Geschichtskonzeption des 19. Jhs., nach der einzelne Männer (!) nicht nur aus der Masse herausragten, sondern sich unabhängig von der Umgebung entwickelten und dadurch Geschichte wie Kultur bestimmten, prägte auch noch die Jesusforscher des New Quest.

Wie schon erwähnt findet die Kontextbezogenheit der Jesusforschung ihren deutlichsten Ausdruck in der Ablehnung des Differenzkriteriums als Hauptkriterium. Während in der englischsprachigen Jesusforschung generell eine gewisse Skepsis gegenüber einer ausgefeilten Kriteriologie herrscht, hat sich in der deutschsprachigen Jesusforschung das historische Plausibilitätskriterium von Gerd Theißen und Dagmar Winter durchgesetzt, wonach historisch sein dürfte, was „im jüdischen Kontext plausibel ist und die Entstehung des Urchristentums verständlich macht“. Das Differenzkriterium wird dadurch nicht für obsolet erklärt, es verliert aber seinen bisherigen absoluten Stellenwert. Die individuelle Besonderheit von Wirken und Lehre Jesu wird nicht mehr von seinem jüdischen Kontext abgegrenzt, sondern innerhalb dieses Kontextes zu verstehen versucht.

Entsprechend ist die wohl größte Leistung der Third Quest die konsequente Einordnung Jesu in das antike Judentum des 1. Jhs. in Judäa und Galiläa. Selbstverständlich wurde Jesu Judesein auch in früheren Forschungsphasen vorausgesetzt, doch diente das Judentum vor allem als negative Folie, vor der sich der geniale Mensch Jesus von Nazaret umso strahlender absetzen konnte. Die Forscher:innen der Third Quest verstehen Jesus dagegen als Teil des palästinischen Judentums, dessen Leben, Lehre und Wirkung nur von seiner jüdischen Herkunft und Prägung her verständlich ist. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass das antike Judentum nicht mehr stereotypisiert (z. B. als Gesetzesreligion), sondern in seiner Vielfalt und Komplexität wahrgenommen wird. Das Interesse am jüdischen Jesus schlägt sich in der englischsprachigen Forschung auch in den Buchtiteln nieder: Jesus the Jew (mehrfach); A Marginal Jew; Jesus, a Jewish Galilean; Jesus of Nazareth. King of the Jews; Rabbi Jesus; Jesus the Pharisee.

Eine Reihe von Forscher:innen berücksichtigen noch einen weiteren Kontext, in den Jesus und das antike Judentum eingebunden waren. Das sind zum einen die Gemeinsamkeiten, die sie mit den mediterranen Kulturen der Antike teilten, wie der Wertekodex von Ehre und Schande, die große Bedeutung von familiären und verwandtschaftlichen Beziehungen oder das supranaturalistische Weltbild. Zum anderen war der geographische Raum Palästina im 1. Jh. schon seit ca. 250 Jahren durch die hellenistische Kultur geprägt und seit knapp 50 Jahren auch durch die römische Besatzungsmacht.

Unterstützt wird die Kontextbezogenheit der Jesusforschung durch die Einbeziehung von Methoden aus der Soziologie und der Ethnologie. Hilfswissenschaften wie die Archäologie gewinnen an Bedeutung. So haben u. a. Ausgrabungen in Galiläa nachgewiesen, dass die dort lebende Bevölkerung nicht weniger jüdisch observant war als die in Judäa. Eine weitere Konsequenz aus dem Kontextprinzip ist die Berücksichtigung eines größeren Pools zeitgenössischer Quellen. Nicht nur das ab Mitte des 20. Jhs. stark angewachsene Quellenmaterial zum Judäa und Galiläa des 1. Jhs. (z. B. die Handschriftenfunde in den Höhlen von Qumran; das Babatha-Archiv mit verschiedenen Verträgen und Urkunden zur Rechtsstellung von Frauen) bereichert die Forschung, sondern auch schon lange bekannte Quellen wie z. B. das Thomasevangelium werden neu gewürdigt. Hinzu kommt, dass die meisten Vertreter:innen der Third Quest die einseitige Bevorzugung der Wortüberlieferung und die Abwertung der Wunder­überlieferung durch die New Quest ablehnen, so dass Jesu Heilungen und Dämonenaustreibungen als integraler Bestandteil seines
Wirkens verstanden werden.

Das Kontextprinzip in Bezug auf das Forschungssubjekt: Die Forscher:innen – In der Third Quest wuchs – angestoßen durch gesamtgesellschaftliche Veränderungen – auch das Bewusstsein in Bezug auf die Rolle des forschenden Subjekts, d. h., dass der jeweilige Kontext der Forschenden die Perspektive auf den historischen Jesus wesentlich mitbestimmt. In der Vergangenheit zeigte sich das besonders deutlich am Ausschluss jüdischer Gelehrter aus der christlichen Leben-Jesu-Forschung und damit auch der Ausschluss einer jüdischen Perspektive auf den historischen Jesus.

Noch in der New Quest dominierte der weiße, westeuropäische (vor allem deutsche), christlich-protestantische und theologisch gebildete Mann die historische Jesusforschung und damit auch das mit dieser Spezies verbundene Milieu die Forschungsfragen. In der Third Quest begann vor allem die protestantische Dominanz aufzubrechen. Christ:innen verschiedener Konfessionen, Juden und Jüdinnen, sogar Agnostiker gehören seitdem zur Forschungscommunity. Entsprechend veränderten sich auch die Forschungsorte und die akademischen Voraussetzungen für die Forschungssubjekte. Nicht nur Theolog:innen, sondern auch Historiker:innen und Religionswissenschaftler:innen arbeiten zum historischen Jesus, und das tun sie nicht nur wie bisher an Theologischen Fakultäten und Seminaren, sondern auch an anderen Universitätsinstituten. Weniger groß waren die Veränderungen jedoch in Bezug auf das Ethnos und das Geschlecht der Forschungssubjekte. Es beteiligen sich immer noch erschreckend wenige Frauen an der Leben-Jesu-Forschung. Das Gleiche gilt von Menschen aus nichtwestlichen Kulturen, d. h. von Menschen außerhalb Westeuropas und der angelsächsischen Welt.

Divergenzen im Jesusbild – Angesichts der kaum noch überschaubaren Zahl von Veröffentlichungen zum historischen Jesus ab den 1980er Jahren wundert es nicht, dass trotz des Kontextprinzips als gemeinsamem Rahmen die Jesusbilder einzelner Forscher:innen in erheblicher Weise divergieren. Die größten Unterschiede bestehen in der Frage, ob Jesu Verkündigung endzeitlich-eschatologisch oder nicht-eschatologisch zu verstehen ist. Damit hängt u. a. die Frage zusammen, ob er eher als (Endzeit)Prophet oder eher als Weisheitslehrer gewirkt hat, und inwieweit sein Wirken als politisch bzw. „(prä)politisch“ (W. Stegemann) bezeichnet werden kann. Im Hintergrund steht die Debatte um die ältesten Jesusüberlieferungen. Während die einen nur weisheitliche Texte dazu rechnen und in der Regel eschatologisch interpretierte Größen wie das Königreich Gottes als nicht-eschatologisch verstehen, gehören für die anderen weisheitliche und eschatologisch geprägte Texte zum ältesten Überlieferungsbestand. Trotz dieser nicht unbedeutenden Divergenzen bleibt die Kontextbezogenheit der jeweiligen Jesus(re)konstruktion auf allen Seiten zentral.

Der „erinnerte“ Jesus oder der „Jesus Memory Approach“

Seit den 2000er Jahren wird von Forschenden im skandinavischen, angelsächsischen und deutschsprachigen Raum die Kategorie „Erinnerung“ in die historische Jesusforschung eingebracht. Sie nehmen Ergebnisse aus dem Erinnerungs- und Gedächtnisdiskurs der Kultur- und Sozialwissenschaften auf und übertragen sie auf die neutestamentlichen Quellenschriften zu Jesus von Nazaret. Aus dem „historischen“ Jesus wird der „erinnerte“ Jesus.

Zwei Ansätze des Jesus Memory Approach werden zurzeit diskutiert. Nach James D.G. Dunn (1939–2020), einem britischen Neutestamentler, basiert die Jesusüberlieferung des NT auf den Erinnerungen der Schüler:innen Jesu. Diese gehen auf den Eindruck (engl. impact) zurück, den Jesu Wirken und Lehre zu Lebzeiten auf sie ausgeübt hat. Hinter diesen, vom Glauben der Schüler:innen Jesu geprägten Erinnerungen, die zunächst mündlich überliefert wurden, kommt die Jesusforschung nicht zurück. Dunn ist von der hohen Zuverlässigkeit dieser Erinnerungen überzeugt und erklärt die Vielfalt der Überlieferungen durch die Variabilität mündlicher Traditionsprozesse.

Einen etwas anderen Schwerpunkt legt der deutsche evangelische Neutestamentler Jens Schröter, der sich an Jan Assmanns Arbeiten zum kulturellen Gedächtnis anlehnt. Er versteht die Evangelien als unterschiedliche Jesuserinnerungen christlicher Gemeinden, die die Vergangenheit aus der Perspektive der jeweiligen Gegenwart deuten und sich dadurch der eigenen Identität vergewissern. Das Gleiche gilt für jede weitere historische Rückfrage nach Jesus bis heute. Daher sind auch die historisch-kritischen Konstruktionen Jesu Formen von Jesuserinnerungen, in die das Wirklichkeitsverständnis der Forschenden einfließt.

Einzelne Forscher:innen verbinden nun mit der Kategorie „Erinnerung“ einen Paradigmenwechsel, der die Third Quest hinter sich lassen und eine neue Phase der historischen Jesusforschung einleiten würde. Doch liest man die Jesusbücher von James Dunn und Jens Schröter, unterscheiden sie sich grundsätzlich nicht von anderen historisch-kritischen Jesus(re)konstruktionen der Third Quest, zumal beide Forscher sich selbst innerhalb der Quest verorten. Auch das mit dem Erinnerungskonzept behauptete neue hermeneutische Bewusstsein ist keinesfalls so exklusiv wie behauptet. Die meisten Vertreter:innen der Third Quest, ja selbst viele Vertreter der Zwischenphase und der New Quest, gingen bzw. gehen davon aus, dass alle Rückfragen nach dem historischen Jesus nie zum galiläischen Juden Jesus von Nazaret in Fleisch und Blut führen, sondern immer nur zu mehr oder weniger konsistenten Bildern von ihm auf der Basis der Quellen. Ebenso gehen sie davon aus, dass jede historische Rückfrage geprägt ist durch die jeweils eigene Gegenwart des forschenden Subjekts, dessen eigene soziale und kulturelle Herkunft, dessen Geschlecht etc. Der bisherigen Jesusforschung kann zwar vorgeworfen werden, dass sie dieses hermeneutische Konzept zu wenig offensiv vertritt, so dass der Eindruck entstehen kann, es handle sich beim historischen Jesus um einen „‚objektiven‘ Gegenstand der Erkenntnis“. Eine neue Phase der Jesusforschung ist aus gegenwärtiger Perspektive aber noch nicht zu erkennen.

Der Sinn der historischen Jesusforschung

Seit ihren Anfängen hat es von unterschiedlichen Seiten immer wieder grundsätzliche Kritik an der historischen Jesusforschung gegeben. Neben konservativen bis evangelikalen christlichen Theologen wurde die Suche nach dem historischen Jesus auch von historisch-kritisch denkenden Theologen in Frage gestellt. Im Anschluss an Martin Kähler (1835–1912) hat sich zuletzt der evangelische Neutestamentler Klaus Wengst entsprechend geäußert. Für ihn ist die Rückfrage nach dem historischen Jesus nicht nur historisch unmöglich und daher sinnlos, sondern sie ist auch „theologisch verantwortungslos“, da sie von dem in den Evangelien bezeugten Glauben an den von Gott auferweckten und damit lebendigen Jesus absehen muss. Der Glaube werde
„so abhängig von historischer Wissenschaft […]“.

Gegen die hier aufgestellte falsche Alternative von Geschichte oder Glauben können eine Reihe von Argumenten aufgeführt werden. An dieser Stelle werde ich mich auf vier beschränken:

  • Nicht nur Theolog:innen, sondern alle Christ:innen partizipieren an der jeweils herrschenden Wissensordnung ihrer Zeit und Gesellschaft. Für die westlichen Theologien ist das die in der Aufklärung ­entstandene ­Wissensordnung, der ein empirisch und naturwissenschaftlich fundiertes Rationalitätsmodell zugrunde liegt. Dieses Modell prägt nicht nur diejenigen, die zwischen dem Jesus der Evangelien, d. i. der Jesus des Christuskerygmas, und dem irdischen Jesus unterscheiden, sondern auch fundamentalistische Verfechter einer historischen (!) Übereinstimmung
    zwischen beiden.
  • Alle neutestamentlichen Schriften – auch die paulinischen – halten an der Kontinuität zwischen dem historischen Jesus und dem verkündigten Christus fest. Das gilt noch einmal besonders für die kanonischen Evangelien, wie Ernst Käsemann gegen Rudolf Bultmann betont hat. Gerade die Existenz von vier ähnlichen, aber doch unterschiedlichen, in Teilen widersprüchlichen „Biographien“ über Jesus weist auf eine historische Referenzgestalt hinter ihnen zurück und führt zu der Frage, wodurch diese Referenzgestalt so beeindruckt hat, dass ihre Anhänger:innen sie nach Ostern als Christus und Gottes Sohn bekannten. Diese Fragen zu verbieten oder als nicht legitim abzuwerten, führt angesichts unserer Einbindung in die westliche Wissensordnung nicht zu größerem Glauben, sondern zu Unglauben.
  • Wengst nimmt die hermeneutischen und methodischen Analogien zwischen der historischen Jesusforschung und den Geschichtswissenschaften nicht wahr. Der Verdacht, dass die historische Jesusforschung den wirklichen, irdischen Jesus hinter den Quellen zum Leben erwecken und dadurch den geglaubten lebendigen Christus ersetzen wolle, ist überholt, spätestens durch die Einbeziehung des Erinnerungskonzepts. Überholt ist ebenso das mit diesem Verdacht einhergehende objektivierende Geschichtsverständnis, das die Geschichtswissenschaften ab Ende des 19. Jhs. abzulegen begannen. Stattdessen wuchs die Erkenntnis, dass alle Quellen nur zu einer interpretierenden (Re)Konstruktion der in ihnen dargestellten Ereignisse oder Personen führen, nie zu den Ereignissen oder Personen selbst. Was für die Evangelien als Jesusbiografien gilt, gilt ebenso für andere antike literarische Quellen wie z. B. die Selbstverständlichkeit fiktionaler Elemente in Geschichtsschreibung und Biografien und damit zusammenhängend die Frage ihrer „historischen“ Glaubwürdigkeit.
  • Und schließlich hat nach Wolfgang Stegemann die historische Jesusforschung eine unentbehrliche theologie- und kirchenkritische Aufgabe: Sie ist „Stachel im Fleisch“ einer Theologie und einer Kirche, die immer wieder in der Gefahr stehen, den Nazarener zu einem mythischen, himmlischen Wesen zu machen und ihn von dem unbequemen radikalen jüdischen Lehrer und Propheten aus Galiläa zu trennen, der eines brutalen gewaltsamen Todes starb. Hierher gehört auch die zentrale Erkenntnis der Third Quest, dass der jahrhundertelang als Stifter- bzw. Gründergestalt des Christentums angesehene Mann aus Nazaret nicht nur zeitlebens ein Jude war, sondern dass sein Wirken und seine Verkündigung ganz und gar in seiner jüdischen Identität wurzelten.

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