Das Interesse am historischen Jesus – also an der Frage, was sich über den im 1. Jahrhundert lebenden galiläischen Juden aus Nazareth historisch sagen lässt – ist trotz aller Traditionsabbrüche und der Auflösung kirchlicher Bindungen ungebrochen. Dieses Interesse besteht auch angesichts grundlegender Zweifel am christlichen Bekenntnis fort. Vielleicht zeigt sich darin ein – mitunter unausgesprochener – Glaube an die Belastbarkeit historisch-wissenschaftlicher Erkenntnis. Und vielleicht übernimmt das historische Interesse selbst Funktionen, die früher stärker
dem Glauben zukamen.
Die Quellen zum historischen Jesus
Was wissen wir über den historischen Jesus, und auf welchen Quellen beruht dieses Wissen? Jesus hinterließ keine eigenen Schriften. Alle verfügbaren Texte sind sekundäre Quellen und müssen kritisch ausgewertet werden. Die Forschung ist heute skeptisch gegenüber dem Versuch, einzelne Überlieferungen mithilfe fester Kriterien als authentisch oder unauthentisch einzustufen. Sie sucht eher nach historischen Spuren und einem stimmigen Gesamtbild. Hilfreich bleiben dabei zwei Kriterien: die mehrfache Bezeugung in voneinander unabhängigen Quellen und die Kontextplausibilität, also die Vereinbarkeit mit dem Judentum des 1. Jahrhunderts. Vier Quellengruppen sind dafür besonders wichtig:
Die neutestamentlichen Evangelien
Sie sind die Hauptquellen, da nur sie zusammenhängend von Jesu Wirken berichten. Zwar sind sie vom Osterglauben und theologischen Interessen geprägt. Durch den Vergleich ihrer Traditionen und die Prüfung ihrer historischen Plausibilität lassen sich ihnen dennoch vorsichtig Hinweise auf den historischen Jesus entnehmen.
Außerbiblische jüdische und pagane Quellen
Diese wenigen Texte belegen, dass Jesus und die frühe christliche Bewegung auch außerhalb des Christentums wahrgenommen wurden. Sie bieten eine begrenzte, aber wichtige unabhängige Bezeugung ihrer historischen Existenz.
Weitere frühjüdische und archäologische Quellen
Frühjüdische Texte und archäologische Funde informieren über religiöse Vorstellungen sowie soziale und politische Verhältnisse zur Zeit Jesu. Sie ermöglichen es, Jesusüberlieferungen auf ihre Kontextplausibilität zu prüfen.
Apokryphe Evangelien
Diese meist später entstandenen Texte sind für die Rekonstruktion des historischen Jesus nur eingeschränkt geeignet. Sie zeigen jedoch, wie Jesus in verschiedenen christlichen Strömungen erinnert und gedeutet wurde, und können vereinzelt unabhängige Überlieferungen bewahrt haben.
Die kanonisch gewordenen Evangelien und ihr Bild von Jesus
Die vier Evangelien sind die wichtigste Quellenbasis für die Erforschung des historischen Jesus. Innerhalb der vier Evangelien ist aber nochmal zu differenzieren: Das Johannesevangelium gilt seit dem 19. Jahrhundert aufgrund seiner starken theologischen Prägung als nur sehr eingeschränkt historisch verwertbar.
In den sogenannten synoptischen Evangelien Markus, Matthäus und Lukas ist hingegen ein Großteil der zunächst mündlich zirkulierenden Jesustradition des frühen Christentums überliefert. Ihren erzählerischen Rahmen haben aber alle vier Evangelien mit je eigenen Besonderheiten selbständig gestaltet, er ist also redaktionell und bietet kaum eine verlässliche Chronologie des Wirkens Jesu. Matthäus und Lukas hängen zudem sehr wahrscheinlich von Markus ab. Außerdem wird angenommen, dass beide auch noch eine andere, nicht mehr erhaltene Quelle verwendeten, die vorwiegend Redestoff beinhaltete („Logienquelle Q“). Die Stoffe innerhalb ihres jeweiligen Erzählrahmens haben die Evangelisten thematisch gruppiert (z. B. Streitgespräche, Gleichnisse, Wundererzählungen) und nur lose topographisch verknüpft.
Die Logienquelle Q
Aufgrund ihres Alters, ihrer literarischen Unabhängigkeit und ihrer Verbreitung in unterschiedlichen frühchristlichen Milieus gelten die Logienquelle Q und das Markusevangelium als wichtigste Zugänge zur historischen Gestalt Jesu.
Die Logienquelle Q ist keine überlieferte Handschrift, sondern ein aus den gemeinsamen Stoffen von Matthäus und Lukas rekonstruierter Textbestand. Die untenstehende Tabelle zeigt einen Ausschnitt aus der Bergpredigt, die nicht nur bei Matthäus, sondern auch bei dem Evangelisten Lukas überliefert ist (dort als sogenannte Feldrede). Das beiden gemeinsame Material ist fettgedruckt und wird zu der Logienquelle Q gerechnet.
Q enthält vor allem Worte Jesu und wenig Erzählstoff; inhaltlich umfasst diese hypothetische Quelle einen Zeitraum vom Auftreten Johannes des Täufers bis zu einer endzeitlichen Rede Jesu über das Kommen des Menschensohnes. Das bedeutet, Q endet nicht mit Jesu und Tod und Auferstehung! Eine Passionsgeschichte fehlt; Jesu Tod erscheint vielmehr als typisches Schicksal eines abgelehnten Propheten. Jesus wird als apokalyptischer Prophet beschrieben, der Weisheitslehre und Gerichtsbotschaft miteinander verbindet.
Als Trägergruppe werden wandernde Verkündiger angenommen, die Jesu Lebensweise fortsetzten. Im Zentrum steht die Nachfolge angesichts des nahenden Gottesreiches. Die Gemeinde lebt in Erwartung des Gerichts; ethische Weisungen wie Feindesliebe, Verzicht auf Vergeltung und radikales Gottvertrauen spiegeln diese eschatologische Spannung wider. Q entstand vermutlich vor dem jüdischen Krieg gegen die Römer (d. h. vor 70 n. Chr.), da die dargestellte Welt noch nicht von dessen Folgen geprägt ist. Für die Jesusforschung ist Q bedeutsam, weil die Theologie dieser hypothetischen Quelle weniger ausgearbeitet erscheint als die der späteren Evangelien.
The Gospel of Mark
Neben Q ist das Markusevangelium als ältestes erhaltenes Evangelium eine zentrale Quelle. Hier bezeichnet „Evangelium“ erstmals sowohl Jesu Verkündigung als auch seinen Lebensweg. Jesus wird als Sohn Gottes in Niedrigkeit und Leiden dargestellt – im Kontrast zur kaiserlichen Propaganda, die diesen Titel ebenfalls beanspruchte. Anders als Q berichtet Markus ausführlich von Jesu Verurteilung und Hinrichtung und eröffnet die Perspektive einer weltweiten Mission. Das Evangelium entstand wahrscheinlich um 70 n. Chr. im Umfeld des Jüdischen Krieges. Ob es in Syrien oder Rom verfasst wurde, ist umstritten; seine Betonung der Heidenmission weist jedoch auf eine gemischte Adressatenschaft hin.
Gemeinsame, voneinander unabhängige Überlieferungen in Markus und Q dürften auf alte mündliche Traditionen, möglicherweise auf Jesus selbst, zurückgehen. Sie umfassen Mahnsprüche, Gleichnisse, prophetische Worte sowie Erinnerungen an Jesu Handeln (vgl. Theissen/Merz,
Wer war Jesus?, 2023, 63f.).
Beispiele sind:
- Das Bildwort vom Salz betont die Wirksamkeit der Jünger: Wie Salz einer Speise Geschmack gibt, sollen sie ihre Umwelt prägen (Lk 14,34; Mk 9,50; vgl. Mt 5,13).
- Jesus fordert eine radikale Nachfolge, für die familiäre Bindungen, Besitz und materielle Sicherheiten zurückgelassen werden sollen (Lk 14,26; Mk 6,8–11; 10,29f.).
- Zugleich versteht er die Ehe als unauflösliche, von Gott gestiftete Verbindung (Lk 16,18; Mk 10,11f.). Gegenüber der Scheidungserlaubnis in Dtn 24,1–4 beruft er sich auf den ursprünglichen Schöpfungswillen Gottes (Gen 2,24).
- In der Auseinandersetzung um seine Exorzismen weist Jesus den Vorwurf zurück, im Bund mit Beelzebul zu handeln: Ein in sich gespaltenes Reich könne nicht bestehen. Seine Dämonenaustreibungen zeigen vielmehr, dass die Herrschaft Satans zerfällt (Lk 11,15–18; Mk 3,22–27).
- Das Senfkorngleichnis beschreibt das Reich Gottes als etwas zunächst Unscheinbares, das ohne menschliches Zutun unaufhaltsam wächst (Mk 4,30–32; Mt 13,31f.; Lk 13,18f.). Auch ein kleiner Glaube kann scheinbar Unmögliches bewirken (Lk 17,6; Mk 11,22f.;
Mt 17,20). - Jesus spricht vom künftig kommenden Menschensohn, der im Endgericht richten wird (Mk 8,38; 13,26; 14,62). Er identifiziert sich nicht ausdrücklich mit ihm, stellt aber eine enge Beziehung her: Wer sich gegenwärtig zu Jesus bekennt, zu dem wird sich der Menschensohn im Gericht bekennen (Lk 12,8f.).
- Für die Endzeit erwartet Jesus Konflikte, die selbst Familien entzweien werden (Lk 12,52f.; Mk 13,12). Wer am bisherigen Leben festhält, wird das kommende Leben bei Gott verlieren; wer es hingibt, wird es gewinnen (Lk 17,33; Mk 8,35).
- Zur gemeinsamen alten Tradition gehören schließlich auch Ereignisse wie Jesu Taufe durch Johannes, seine Versuchung in der Wüste und die Berufung seiner Jünger.
Weitere kontext- und wirkungsplausible Überlieferungen
Das Bild Jesu, das in den Evangelien gezeichnet wird, geht aber bekanntermaßen noch weit über dieses hier skizzierte hinaus. Ein weiteres wiederkehrendes Motiv innerhalb des Wirkens Jesu sind z. B. seine Heilungen. Wenngleich es keine bestimmte im Markusevangelium und Q übereinstimmend überlieferte Heilungserzählung gibt, belegen beide ebenso wie auch das Johannesevangelium, dass Jesus Menschen geheilt hat. Damit werden Heilungen Jesu dem Kriterium der mehrfachen Bezeugung gerecht. Sie passen auch gut zu anderen gesicherten Elementen der Jesusüberlieferung, vor allem zu seiner Verkündigung des anbrechenden Reiches Gottes. In den Evangelien erscheinen Heilungen nämlich genau wie die Dämonenaustreibungen häufig als Zeichen dieser Gottesherrschaft. Zu den vielfach und unabhängig bezeugten Jesustraditionen gehört außerdem das Liebesgebot. Den Evangelien zufolge fasste Jesus die ganze Tora im Doppelgebot der Liebe zusammen und erhob das Liebesgebot zum höchsten Gebot. Auch im frühen Christentum ist diese Sicht belegt, etwa bei Paulus und im Jakobusbrief (vgl. Gal 5,14; Röm 13,8–10; Jak 2,8).
Die Logienquelle Q zeigt zudem, dass Jesus zum Verzicht auf Vergeltung und zur Feindesliebe aufforderte. Dieses Ethos begegnet – in variierter Form – auch in anderen neutestamentlichen Schriften, etwa bei Paulus im Aufruf zum Gewaltverzicht und zum Segnen der Verfolger (vgl. Röm 12,14–21). Daher wird angenommen, dass sowohl das Liebesgebot als auch der Verzicht auf Vergeltung und die Feindesliebe zur ältesten Jesustradition gehören.
Wir bekommen über das Kriterium der mehrfachen Bezeugung bestimmter Jesustraditionen in voneinander unabhängigen Quellen bereits ein recht deutliches Bild vom historischen Jesus. Aber ein ursprünglicher „Sitz im Leben“ solcher isolierten Sprüche und Einzelerzählungen ist nicht mehr rekonstruierbar, da die Überlieferungen zunächst primär mündlich und in wechselnden Situationen weitergegeben wurden.
Gegen die Vorstellung, die Gemeinden hätten die überlieferten Jesusworte weitgehend frei an ihre jeweiligen Bedürfnisse angepasst, sprechen mehrere Beobachtungen. So finden zentrale innergemeindliche Auseinandersetzungen, etwa um die Beschneidung oder die Legitimation kirchlicher Ämter, in der Jesusüberlieferung kaum einen Niederschlag. Gleiches gilt für Fragen, die sich aus dem Zusammenleben mit der paganen Umwelt ergaben. Dies legt nahe, dass die synoptische Tradition nicht beliebig durch spätere gemeindliche Interessen geprägt und umgestaltet wurde.
Die außerchristlichen Quellen
Römische Quellen
Gegen den Einwand, die christlichen Quellen seien tendenziös oder Jesus habe gar nicht existiert, lassen sich nichtchristliche Zeugnisse anführen. Römische Autoren des frühen 2. Jahrhunderts sprechen meist von „Christus“, wobei sie den Titel offenbar als Eigennamen verstehen. Der historische Jesus interessiert sie nur als Urheber einer möglicherweise Unruhe stiftenden Bewegung.
Tacitus berichtet in seinen Annalen, Nero habe die Christen für den Brand Roms im Jahr 64 n. Chr. verantwortlich gemacht. Ihren Namen leitet er von Christus ab, der unter Pontius Pilatus hingerichtet worden sei (Ann. 15,44,2–5). Das Christentum betrachtet Tacitus als einen aus dem Judentum stammenden Aberglauben. Sueton schreibt, Kaiser Claudius habe um 49 n. Chr. „die Juden, die durch einen Anstifter Chrestus fortwährend Unruhe erregten“, aus Rom vertrieben. Vermutlich waren innerhalb der jüdischen Gemeinde Konflikte über die christliche Verkündigung entstanden.
Jüdische Quellen: Josephus
Auch der jüdische Historiker Flavius Josephus (ca. 37–100 n. Chr.) erwähnt Jesus in seinen um 93 n. Chr. entstandenen Jüdischen Altertümern (Ant 18,63f.). Josephus stammte aus Jerusalem, nahm am Jüdischen Krieg teil und schrieb später in Rom über die Geschichte seines Volkes. Die überlieferte Passage, in der Josephus Jesus erwähnt, beschreibt Jesus als weisen Lehrer und Wundertäter, der Juden und Nichtjuden anzog und von Pilatus gekreuzigt wurde. Sie enthält jedoch auch deutlich christliche Aussagen: Jesus sei der Christus gewesen und am dritten Tag auferstanden. Da Josephus mit großer Wahrscheinlichkeit kein Christ war, gelten diese Sätze als spätere christliche Ergänzungen. Vermutlich liegt der Passage jedoch ein neutraler Bericht des Josephus zugrunde. Auch ohne die christlichen Überarbeitungen bezeugt Josephus Jesus als Lehrer und Wundertäter, der unter Pilatus hingerichtet wurde und dessen Anhängerschaft fortbestand. Die römischen Quellen nehmen ihn dagegen vor allem als Ausgangspunkt einer verdächtigen Bewegung wahr. Damit sind sowohl die Existenz Jesu als auch seine Hinrichtung außerchristlich belegt.
Frühjüdische Texte, die allgemeine Hinweise auf die Zeitgeschichte bieten
Allgemeines zur Zeitgeschichte
Das Geschichtswerk des Josephus ist nicht nur als mögliches Zeugnis für die Existenz Jesu bedeutsam, sondern vor allem als Quelle für die politischen und sozialen Verhältnisse seiner Zeit. Seit der Eroberung Jerusalems durch Pompeius 63 v. Chr. stand Judäa unter römischer Oberhoheit. Herodes der Große (37–4 v. Chr.) regierte als romtreuer Klientelkönig. Nach seinem Tod wurde das Reich geteilt: Galiläa fiel an Herodes Antipas, während Judäa 6 n. Chr. unmittelbar der römischen Verwaltung unterstellt wurde. Die direkten Abgaben an Rom widersprachen der Überzeugung, dass das Land allein Gott gehöre. Dies verstärkte die Hoffnung auf Gottes rettendes und richtendes Eingreifen. Umstritten war jedoch, ob man diesen Wandel aktiv herbeiführen sollte.
Josephus berichtet von zahlreichen Unruhen gegen die römische Herrschaft. Nach einer Steuerschätzung rief ein gewisser Judas Galilaios zum Widerstand auf (Jos., Ant. 18,2–9). Seine Begründung war theologisch: Gott allein sei Israels Herr; wer Rom Steuern zahle, erkenne einen fremden Herrscher über Gottes Land an und verstoße damit gegen das erste Gebot.
Josephus schildert die Lage äußerst düster: „Kein Leid gab es, von dem […] unser Volk nicht heimgesucht worden wäre. Ein Krieg nach dem anderen brach aus […] Räuber machten das Land unsicher und viele der edelsten Männer wurden ermordet.“ (Ant. 18,6f.; Übers. H. Clementz, 505)
Jesus war damals etwa zehn bis zwölf Jahre alt und könnte die Unruhen in Nazareth wahrgenommen haben. Nach Mk 12,13–17 wurde er später selbst nach der Berechtigung der Kaisersteuer gefragt. Seine Antwort lautet: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Mk 12,17)
Ob die Szene historisch genau so stattfand, bleibt unsicher. Josephus zeigt jedoch, dass die Steuerfrage die jüdische Bevölkerung dauerhaft beschäftigte. Es ist daher plausibel, dass auch Jesus sich mit ihr auseinandersetzte. Anders als Judas Galilaios lehnte er die Steuerzahlung offenbar nicht als Verstoß gegen das erste Gebot ab. Sein Wirken erscheint damit nicht unmittelbar politisch: Ein Aufruf zum Widerstand gegen die römische Herrschaft ist nirgends überliefert.
Frühjüdische Apokalyptik
Die Hoffnung auf ein Ende der Unterdrückung und die Aufrichtung der Königsherrschaft Gottes gehört zu den zentralen Themen frühjüdischer Schriften der Zeitenwende, besonders der apokalyptischen Literatur (vgl. Dan 2,44; 4Q400–407). Dabei treten auch Mittlerfiguren auf: Dan 7,13f. schildert eine himmlische Gestalt „wie einen Menschensohn“, die im Namen Gottes ein ewiges Reich errichtet. Das 1. Henochbuch erwartet einen himmlischen Menschensohn als endzeitlichen Richter und Herrscher (1 Hen 48,5; 62,5; 69,27–29), während das 4. Esrabuch ihn mit dem Messias Israels identifiziert (4 Esr 12,31f.).
Diese Hoffnung auf Umsturz und Neuordnung äußerte sich sowohl in politischen Aufständen als auch in der Erwartung einer endzeitlichen Retterfigur. Sie bildete den zeitgeschichtlichen Hintergrund der Jesusbewegung. Auch Jesus sprach von einem künftig kommenden Menschensohn und knüpfte damit an frühjüdische apokalyptische Erwartungen an. Zugleich bezeichnete er sich selbst in der dritten Person als gegenwärtig wirkenden, irdischen und leidensfähigen Menschensohn. So verband er die Vorstellung eines irdischen Menschen mit der einer himmlischen Endzeitgestalt. Diese in der jüdischen Tradition nicht vorgegebene Verbindung könnte ein Schlüssel zu seinem Selbst-
verständnis sein.
Frühjüdische Texte zur Auslegung der Tora
Frühjüdische Schriften und die Werke des Josephus geben Einblick in die religiöse Vielfalt des Judentums zur Zeit Jesu und helfen, seine Positionen einzuordnen. Der von der älteren Forschung angenommene Gegensatz zwischen Jesus und dem Judentum lässt sich angesichts dieser Texte und der archäologischen Befunde aus Galiläa nicht aufrechterhalten.
Jesus bezog sich vielfach auf die Tora. Wahrscheinlich beteiligte er sich an den halachischen, also rechtsbezogenen Diskussionen seiner Zeit. Mehrere seiner Auslegungen haben Parallelen in frühjüdischen Zeugnissen. So konnten im hellenistischen Diasporajudentum die einzelnen Gebote unter Gottes- und Nächstenliebe zusammengefasst werden. Der alexandrinische Gelehrte Philo von Alexandrien unterscheidet entsprechend zwei Grundlehren: gegenüber Gott „Gottesverehrung und Frömmigkeit“, gegenüber den Menschen „Nächstenliebe und Gerechtigkeit“ (Über die Einzelgesetze II 63–64). Auch der Verzicht auf Vergeltung ist im frühen Judentum verbreitet. Psalmen, Sprüche und Sirach fordern dazu auf, auf eigene Rache zu verzichten und Gottes Gericht zu vertrauen. Ähnlich heißt es in der Gemeinderegel von Qumran: „Ich will niemandem seine böse Tat vergelten; mit Gutem will ich jeden verfolgen“, denn Gott selbst vergilt dem Menschen seine Tat (1QS 10,17–18).
Jesus verband ebenfalls das Gebot der Gottesliebe (Dtn 6,5) mit dem der Nächstenliebe (Lev 19,18) zum Doppelgebot der Liebe (Mk 12,28–31;
Lk 10,27). Diese Gewichtung der Tora besitzt ebenso wie die Goldene Regel (Mt 7,12) Vorbilder im antiken Judentum. Jesus unterschied sich in seinem Verhältnis zur Tora daher nicht grundsätzlich vom Judentum. Eigene Akzente setzte er jedoch, indem er das Doppelgebot der Liebe nicht nur als Zusammenfassung, sondern als höchstes Gebot hervorhob und die Nächstenliebe zur bedingungslosen Feindesliebe radikalisierte (Mt 5,44;
Lk 6,27f.). Dieses Gebot wird weder auf bestimmte Situationen noch auf bestimmte Gruppen beschränkt, sondern allgemein und absolut formuliert.
Reinheitsdiskussionen (Mk 7,1–23; Mt 15,1–20)
Reinheit und Unreinheit spielen in Jesu Heilungen und Streitgesprächen eine wichtige Rolle. Archäologische Funde zeigen, dass Reinheitspraktiken in galiläischen Dörfern zum Alltag gehörten. Josephus zufolge besaßen die Pharisäer als Ausleger der Tora großen Einfluss und bemühten sich um die Heiligung des gesamten Lebens (vgl. Bell 2,162f.; Ant 13,171f.; 18,11–15). Vor diesem Hintergrund erscheinen die in den Evangelien geschilderten Konflikte Jesu mit Pharisäern und Schriftgelehrten historisch plausibel. Jesu Positionen zu Reinheit, Sabbat, Fasten, Eherecht und der „Überlieferung der Ältesten“ berührten unmittelbar deren Kompetenzbereich. Auch bei seinen Heilungen am Sabbat knüpfte Jesus an innerjüdische Diskussionen an. Qumrantexte und rabbinische Überlieferungen zeigen, dass die Rettung eines Lebens das Sabbatgebot relativieren konnte. Jesus ging darüber hinaus, indem er seine Heilungen selbst als lebensrettendes Handeln verstand: Sie stellten nicht nur Gesundheit wieder her, sondern nahmen die endzeitliche Heilszeit vorweg. Auf diese Weise überschritt Jesus soziale und kultische Grenzen.
Archäologische Funde
Archäologische Funde sind für die Erforschung des historischen Jesus besonders wertvoll. Vor allem Grabungen in Galiläa haben unser Bild von der Alltagswelt Jesu präzisiert. Im späten 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. nahm die Bevölkerung Galiläas stark zu. Zugleich veränderte sich die materielle Kultur: Schweineknochen verschwanden nahezu vollständig, jüdische Tauchbäder traten vermehrt auf, und hasmonäische Münzen dominierten. Dies deutet auf eine Judaisierung Galiläas, vermutlich durch Zuwanderung aus Judäa. Die jüdische Prägung blieb auch in römischer Zeit bestehen. Synagogen, etwa in Magdala, sowie rituell reine Kalksteingefäße belegen die Orientierung an jüdischen Normen und Reinheitsvorschriften.
Galiläa war wirtschaftlich durch Kleinbauern und Fischer geprägt. Auch Nazareth war eine kleine landwirtschaftliche Siedlung. Einfache Hofhäuser mit engen Räumen und flachen Dächern aus Holz, Schilf und Lehm bestimmten das Ortsbild. Diese Bauweise macht Erzählungen wie die Öffnung eines Daches in Mk 2 historisch anschaulich. Viele Haushalte lebten am Existenzminimum. Missernten, Krisen und die römische Steuerlast konnten zur Verpfändung von Besitz und zur Schuldknechtschaft führen. Solche Verhältnisse spiegeln sich auch in Jesu Gleichnissen wider, etwa im Gleichnis vom Schalksknecht (Mt 18,23–35). Die Archäologie verankert die Jesusüberlieferung somit in einer konkreten Lebenswelt. Die Berufung von Fischern wie Petrus entspricht der wirtschaftlichen Bedeutung des Fischfangs am See Gennesaret. Ebenso setzen die Gleichnisse vom Sämann (Mk 4,1–9), vom Senfkorn (Mk 4,30–32) und vom Unkraut unter dem Weizen (Mt 13,24–30) eine kleinbäuerliche Erfahrungswelt voraus.
Auch Jesu Verkündigung lässt sich vor diesem Hintergrund genauer verstehen. Seine Botschaft vom nahenden Reich Gottes war mit der Zuwendung zu Armen, Hungrigen und Ausgegrenzten verbunden. Sie zielte jedoch vermutlich nicht auf einen politischen Umsturz, sondern auf eine umfassende Statusumkehr im Reich Gottes. Die soziale Dimension seines Wirkens war daher theologisch begründet und nicht primär politisch motiviert.
Steckbrief Jesu
Aus den Mehrfachüberlieferungen des Neuen Testaments sowie den außerchristlichen literarischen und nichtliterarischen Quellen und den archäologischen Befunden ergibt sich ein ungefähres Bild von Jesu Wirken:
- Jesus wirkte in Galiläa und Umgebung und war wie sein Umfeld in jüdischer Lebensweise und -praxis zu Hause.
- Jesus wurde von Johannes dem Täufer am Jordan getauft.
- Er verkündigte das nahende Reich Gottes.
- Seine Adressaten waren Juden/Israel.
- Er sammelte eine Nachfolgegemeinschaft um sich und verlangte von ihr ein bestimmtes, radikales Ethos (Besitzverzicht, Aufgabe sozialer Bindungen).
- Sein Ethos und seine Toraauslegung waren geprägt von einer Konzentration der Toragebote im Doppelgebot der Liebe und einer Zuspitzung des Nächstenliebegebots auf Vergeltungsverzicht und Feindesliebe.
- Sein Ethos war ferner orientiert an der Schöpfungsordnung, wie sie im Buch Genesis beschrieben ist, und an der Erwartung des nahenden Reiches Gottes.
- Er trieb Dämonen als Zeichen der Entmachtung des Satans aus und heilte Kranke. In beidem konnte er ein punktuelles Realisieren der Gottesherrschaft sehen.
- Er geriet in Streitgespräche mit Zeitgenossen, insbesondere Pharisäern, die teilweise seine Gesetzesauslegung problematisierten und seinen Anspruch in Frage stellten.
- Er beschrieb das Kommen oder sich Ausbreiten des Reiches Gottes in Gleichnissen.
- Er schrieb dem Glauben als Antwort auf dieses kommende Reich eine besondere Bedeutung zu.
- Er nahm an, dass die Endzeit naht und Gottes Gericht unmittelbar bevorsteht. Dazu sah er einen Menschensohn beauftragt, den er in enger Beziehung zu sich selbst setzte.
- Anders als Zeitgenossen verstand er seine Verkündigung nicht als politische Botschaft und als Aufruf zu gewaltsamem Widerstand
gegen die Römer.