Gelungene Transformation?

Warum Widerstände mehr sind als Hindernisse

As part of the event "Alles bleibt anders", 24.11.2025

Heinz Reisenhoger / pexels.com

Transformation ist längst kein Zukunftsprojekt mehr. Sie findet bereits statt – in Institutionen, politischen Debatten, Unternehmen, Bildungseinrichtungen und nicht zuletzt im alltäglichen Leben. Angesichts von Klimakrise, gesellschaftlicher Polarisierung, globalen Konflikten und technologischen Umbrüchen stellt sich nicht mehr die Frage, ob sich Gesellschaft verändert, sondern wie wir mit diesen zuweilen radikalen Veränderungen umgehen. Doch woran lässt sich eigentlich erkennen, ob Transformation gelingt? Und was sagen uns die Widerstände, Konflikte und Blockaden, die nahezu jeden
Veränderungsprozess begleiten?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Workshop Gelungene Transformation. Zum Umgang mit Roadblocks und Widerständen, den Prof. Dr. Barbara Schellhammer und Dr. Lena Schützle gestalteten. Ausgehend von Forschungsprojekten und philosophischen Reflexionen an der Hochschule für Philosophie München (HFPH) rückte der Workshop einen Aspekt in den Mittelpunkt, der in gesellschaftlichen Debatten häufig als Problem gilt: den Widerstand. Dabei wurde schnell deutlich, dass Widerstände nicht einfach das Gegenteil von Veränderung sind. Sie können Transformation verlangsamen, erschweren oder auch blockieren. Gleichzeitig machen sie sichtbar, was Menschen wichtig ist, welche Werte sie bedroht sehen und welche Bedürfnisse in Konflikten verhandelt werden. Gerade dort, wo Transformation auf Hindernisse trifft, wird oft besonders klar, worum es den Menschen im Kern geht.

Der Workshop steht in enger Verbindung zum Jahresthema trotzHoffnung, das viele unserer Projekte durchzieht.

Hoffnung trotz allem

Die trotzHoffnung bildete mehr als nur den thematischen Rahmen des Workshops. Es verweist auf ein Verständnis von Hoffnung, das sich nicht aus Sicherheit, Kontrolle oder positiven Zukunftsprognosen speist. Hoffnung entsteht hier nicht, weil alles gut wird, sondern obwohl vieles ungewiss bleibt. Hoffnung erscheint damit nicht als naiver Optimismus, sondern als Haltung, die die Brüchigkeit menschlicher Existenz ernst nimmt. Unsicherheit, Scheitern und Ambivalenz werden nicht verdrängt, sondern als Ausgangspunkt für neue Perspektiven verstanden. Transformation ist in diesem Sinne kein linearer Fortschritt, sondern ein Prozess voller Spannungen, Irritationen und offener Fragen.

Gerade in Zeiten multipler Krisen steht Hoffnung häufig unter Rechtfertigungsdruck. Klimawandel, Kriege, gesellschaftliche Polarisierung und demokratische Erosionsprozesse verstärken das Gefühl, dass die Herausforderungen wachsen, während die Handlungsspielräume schwinden. Von Hoffnung zu sprechen, wirkt dann schnell naiv oder wie eine Form von Realitätsverweigerung.

Das Konzept der trotzHoffnung schlägt eine andere Perspektive vor. Es nimmt Unsicherheit, Verletzlichkeit und Begrenztheit ernst, ohne sich davon lähmen zu lassen. Hoffnung wird nicht als Gegenpol zur Krise verstanden, sondern als Haltung, die gerade in ihr entsteht. Sie gründet nicht in der Gewissheit eines guten Ausgangs, sondern in der Bereitschaft, sich auf offene Prozesse einzulassen.

In diesem Sinne verweist trotzHoffnung auf eine Grundbedingung menschlichen Handelns. Menschen handeln stets unter Bedingungen begrenzten Wissens. Sie wissen nicht, wie sich Entwicklungen entfalten, welche Entscheidungen sich als richtig erweisen oder ob ihre Bemühungen Erfolg haben werden. Dennoch handeln sie, übernehmen Verantwortung und gestalten Zukunft. Hoffnung ist dabei weniger ein Gefühl als vielmehr eine Praxis des Sich-Aussetzens in eine offene Zukunft.

Transformationsprozesse machen diese Erfahrung sichtbar. Wer Veränderung initiiert oder begleitet, muss mit Widerständen, Rückschlägen und Ambivalenzen rechnen. Der Wunsch nach klaren Lösungen trifft auf die Komplexität gesellschaftlicher Wirklichkeit. Aus Sicht der trotzHoffnung sind diese Spannungen jedoch keine bloßen Zeichen des Scheiterns, sondern Bedingungen jeder tiefgreifenden Veränderung.

Auch die im Workshop thematisierten Widerstände und Roadblocks lassen sich so neu lesen. Widerstände ­verweisen auf Verletzlichkeiten, bedrohte Werte oder Sorgen vor Verlust. Sie zeigen, dass Transformation nie nur technische Anpassung ist, sondern immer Menschen in ihrem Selbstverständnis betrifft. Hoffnung bedeutet dann nicht, Widerstände zu beseitigen, sondern ihnen zuzuhören und in ihnen Hinweise auf gelingende Veränderung zu erkennen.

trotzHoffnung beschreibt damit eine Haltung, die weder resigniert noch beschönigt. Sie anerkennt Brüchigkeit und hält zugleich an der Möglichkeit von Veränderung fest. Gerade weil die Zukunft offen bleibt, bleibt auch die Transformation möglich.

Wenn Forschung selbst zum Transformationsprozess wird

Der Workshop entspringt einem Forschungszusammenhang, der sich seit mehreren Jahren mit diesen Fragen auseinandersetzt. Am Lehrstuhl Intercultural Social Transformation der HFPH, geleitet von Prof. Dr. Barbara Schellhammer, arbeitet eine internationale, interdisziplinäre Forschungsgruppe zum Konzept transformativer Forschung. Gegründet wurde sie 2020 – in einer Zeit, in der die Corona-Pandemie sowohl die Verletzlichkeit gesellschaftlicher Strukturen als auch den Bedarf tiefgreifender Veränderungen deutlich machte. In der Arbeitsgruppe kommen Wissenschaftler:innen unterschiedlicher Disziplinen zusammen. Philosophinnen diskutieren mit Ethnologinnen, Sozialwissenschaftler:innen und Praktiker:innen aus verschiedenen gesellschaftlichen Feldern. Verbunden sind sie durch das Interesse an Transformationsprozessen und an der Rolle von Wissenschaft in ihnen. Dabei zeigt sich schnell eine grundlegende Spannung. Wissenschaft beschreibt gesellschaftliche Veränderungen, analysiert Ursachen und entwickelt Begriffe, um sie zu verstehen. Doch indem Forschung Transformation untersucht, verändert sie zugleich ihren eigenen Blick auf das Phänomen. Forschung steht nicht außerhalb des Prozesses, sondern wird selbst Teil davon. Gerade die Philosophie steht hier vor einer besonderen Herausforderung: Soll sie Transformation lediglich beschreiben? Soll sie normative Orientierung geben? Oder soll sie selbst transformativ wirken? Hinter diesen Fragen stehen unterschiedliche Vorstellungen davon, was Wissenschaft leisten kann und soll. Andere Disziplinen setzen andere Akzente. In der Ethnologie etwa stellt sich die Frage, wer über wen forscht und welche Machtverhältnisse dabei wirksam werden. Wer gilt als Wissensproduzent:in und wer als beforschte Instanz? Welche Perspektiven werden sichtbar und welche systematisch übergangen? Solche Fragen verweisen auf koloniale Kontinuitäten und epistemische Ungleichheiten in der Wissensproduktion.

Transformation betrifft damit nicht nur Gesellschaft, sondern auch Forschung selbst. Die Auseinandersetzung mit Transformationsprozessen führt zwangsläufig zur Reflexion darüber, wie Wissen entsteht, wer daran beteiligt ist und welche Stimmen gehört werden.

Was Widerstände sichtbar machen

Vor diesem Hintergrund stellte der Workshop eine scheinbar einfache Frage: Was steht Transformation im Weg?

Im Alltag gelten Widerstände oft als Störung. Sie erscheinen als Hindernisse, die überwunden werden müssen. Doch die Teilnehmenden wurden eingeladen, diese Sicht kritisch zu hinterfragen. Was, wenn Widerstände nicht nur bremsen, sondern auf Wichtiges hinweisen?

Der methodische Zugang war von kritischer Phänomenologie geprägt. Statt zu fragen, was Widerstand ist, wurde gefragt, wie er erscheint. Diese Perspektive geht auf Edmund Husserl zurück, der den Fokus auf die Art richtete, wie Phänomene in der Erfahrung gegeben sind. In Kleingruppen erkundeten die Teilnehmenden eigene Erfahrungen mit Widerständen in Transformationsprozessen. Dabei blieb die Reflexion nicht abstrakt. Die Gruppen wurden gebeten, Widerstand leiblich darzustellen – über Körperhaltungen, Bewegungen und räumliche Konstellationen.

Die Ergebnisse waren aufschlussreich. Widerstand erschien als Schwere, Druck, Blockade oder Festhalten. Gleichzeitig zeigte er sich als Schutz, Stabilisierung oder Ausdruck eines Bedürfnisses nach Orientierung. Was zunächst als reine Verhinderung erschien, erwies sich als vielschichtiges Phänomen. In der Diskussion wurde deutlich, wie sehr Wahrnehmungen von Widerstand durch Machtverhältnisse, Gewohnheiten und Erfahrungen geprägt sind. Ob etwas als legitim gilt, hängt stark von der eigenen Position ab. Wahrnehmung ist nie neutral, sondern immer sozial und historisch situiert.

Besonders relevant war die Frage nach den Bedürfnissen hinter Widerständen. Häufig verweisen sie auf Sicherheit, Anerkennung, Zugehörigkeit oder Gerechtigkeit. Sie markieren nicht nur Grenzen von Veränderung, sondern auch das, was Menschen bewahren wollen.

Transformation der Wahrnehmung

Eine zentrale Erfahrung des Workshops bestand darin, dass sich während des Sprechens über Transformation auch die Wahrnehmung von Transformation selbst veränderte. Widerstände erschienen nicht mehr nur als Hindernisse, sondern als Erkenntnisquellen. Diese Perspektive hat gesellschaftliche Relevanz. In politischen und organisationalen Prozessen werden Widerstände oft als Probleme behandelt, die effizient beseitigt werden sollen. Doch wer sie nur überwinden will, übersieht möglicherweise die Anliegen, die sich darin ausdrücken. Eine gelungene Transformation zeichnet sich daher nicht unbedingt dadurch aus, dass keine Widerstände auftreten. Vielmehr könnte ihr Erfolg darin liegen, Widerstände ernst zu nehmen, ihre Ursachen zu verstehen und sie als Teil des Prozesses zu begreifen. Transformation wäre dann kein Umweg um Konflikte, sondern ein Weg durch sie hindurch.

Der Workshop zeigte, dass Forschung hier einen wichtigen Beitrag leisten kann – nicht durch einfache Lösungen, sondern durch Perspektivwechsel und die Sichtbarmachung von Komplexität. Hoffnung entsteht dabei gerade dort, wo Widerstände nicht verdrängt, sondern verstanden werden.

Was bedeutet das für gesellschaftliche Transformation?

Die entwickelten Perspektiven reichen über den konkreten Kontext hinaus. In nahezu allen Transformationsfeldern stellt sich die Frage nach dem Umgang mit Widerständen.

In der Klimakrise besteht wissenschaftlicher Konsens über notwendige Veränderungen. Dennoch stoßen Maßnahmen regelmäßig auf Widerstände. Diese pauschal als irrational abzutun, greift zu kurz. Sie verweisen oft auf Fragen sozialer Gerechtigkeit, wirtschaftlicher Sicherheit oder politischer Teilhabe. Ähnliches gilt für Demokratien. Polarisierung und Konflikte werden häufig als Gefahr gesehen. Doch Demokratie lebt von der Austragung unterschiedlicher Perspektiven. Entscheidend ist nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern der Umgang mit ihnen. Auch Organisationen stehen vor tiefgreifenden Veränderungen durch Digitalisierung, Nachhaltigkeit und neue Arbeitsformen. Viele Prozesse scheitern nicht an Konzepten, sondern daran, dass Widerstände nicht ernst genommen werden. Sie können Hinweise auf unbeachtete Bedürfnisse sein. Im Bildungsbereich schließlich wird deutlich, dass Zukunft nicht eindeutig planbar ist. Bildung muss daher über bloße Wissensvermittlung hinausgehen und den Umgang mit Unsicherheit und Konflikt stärken – angesichts populistischer Parolen und einer rechtsnationalen Bedrohung der Demokratie sollte Bildung sogar widerständig sein bzw. Menschen ermutigen, sich selbstreflektiert kritisch im Widerstand zu üben. Die im Workshop erprobte Verbindung von Reflexion, Körperlichkeit und Perspektivwechsel weist in diese Richtung.

So eröffnet der Blick auf Widerstände eine andere Vorstellung gelungener Transformation. Erfolg bedeutet dann nicht Konfliktfreiheit, sondern die Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten, Machtverhältnisse zu reflektieren und Zukunft gemeinsam auszuhandeln. Gerade darin zeigt sich eine Form von trotzHoffnung: die Überzeugung, dass aus der ernsthaften Auseinandersetzung mit Brüchen neue Möglichkeiten entstehen können.

Wir danken allen Teilnehmenden für die rege Partizipation und die wertvollen Beiträge zur Diskussion.

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