Als Gottfried Bachl am 23. Mai 2020 starb, bat mich die Redaktion von feinschwarz um einen Nachruf. Das war für mich der Anlass, mich intensiver mit dem Werk von Gottfried Bachl zu beschäftigen. Nun ermöglichen die Gesammelten Schriften herausgegeben von Wilhelm Achleitner, Alois Halbmayr und Heinrich Schmidinger einen erneuten, intensiven Blick auf den Salzburger Theologen, Priester und Theopoeten.
Der Nachruf: „Ein niederknieender Himmel“ (feinschwarz.net am 30. Mai 2020)
„Die Theologie besteht im normalen Fall aus 39 % Abschreiben, 29 % Weiterschreiben, 29 % Dazwischenschreiben und 3 % Eigenschreiben“, so formulierte Gottfried Bachl unübertroffen in seiner Salzburger Abschiedsvorlesung 1998. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass er den Anteil des Eigenschreibens in der Theologie um ein Vielfaches erhöht hat. Wer war dieser Mann, der der Floskeln abhold war und theologische Stereotype zu meiden suchte?
Auf die Spur kommt man ihm am ehesten, wenn man seine Erinnerungen an das Theologiestudium und die Weihe heranzieht. Als er 1953 mit dem Theologiestudium begann, fand er in den Lehrbüchern der römischen Gregoriana eine neuscholastische Sprache vor, die mit keiner Silbe die großen Ereignisse des 20. Jahrhunderts spiegelte. Es war eine lingua perennis, die sich selbst genügte. Er, der in der Nähe des Konzentrationslagers von Mauthausen aufgewachsen war, blieb skeptisch gegenüber einer Sprache, die den Ewigkeitston vor sich hertönte. Programmierte Menschenvernichtungsaktionen, Genozide, Vertreibungen erlebte das letzte Jahrhundert, aber die theologische Sprache war nicht affiziert von den realen Erfahrungen der Menschen.
Der Kirchenaufwand hat die Gottesnähe geschluckt
Von der Kirche hätte er sich eine solche Sensibilität gewünscht, was er vorfand, war eine rhetorische und kultische Selbstbespiegelung. Das wurde ihm klar bei seiner Diakonatsweihe 1958 in Rom, die er von Erzbischof Luigi Traglia erhielt: Bei der Kommunion musste er zuerst den Bischofsring küssen, dann erst bekam er das eucharistische Brot. Diese klerikale Urszene ist ihm nie mehr aus dem Gedächtnis verschwunden. Ihm wurde klar: Der Kirchenaufwand hat die Gottesnähe geschluckt, der Kirchenbetrieb war wichtiger geworden als die Jesusnähe, die Selbstfaszination der Kirche war zum heiligen Spiel verkommen. Dagegen wird er ein Leben lang andenken und anschreiben. Das tut er allerdings nicht mit revolutionären Gesten, er bleibt ein Mann der leisen Töne. Er ist in keiner großbürgerlichen Familie aufgewachsen wie Hans Urs von Balthasar, sondern ein einfacher Bauernbub, der den kargen Mühlviertler Boden kannte: „Bei dem Bauernhaus im Mühlviertel, wo ich meine Kindheit verbracht habe, stand ein Nußbaum von mittlerer Größe. Er war leicht zu besteigen und bot in seinem Laubschirm einen schönen, heimlichen Raum. Als ich lesen gelernt hatte, überfiel mich bald die Lust an den Büchern, und der Nußbaum wurde meine Zuflucht. Oben, in seiner Krone, nagelte ich Bretter in eine Astgabel und machte mir einen Sitz. Der war nicht sehr bequem, aber er hatte seine eigene Weihe und Verborgenheit. Dort kletterte ich mit meinen Geschichten hinauf, so oft es ging, um nicht zu irgendwelchen Arbeiten kommandiert zu werden, um Ruhe zu haben, um allein zu sein, um zu lesen.“ Es war also ein Ort des Rückzugs, ein Versteck und Fluchtort vor den landwirtschaftlichen Arbeiten. Erst später wurde ihm bewusst, dass es der erste Ort einer Jakobsleiter war, wo die Engel Gottes auf- und niedersteigen, ein Ort der Gottesbegegnung. Die kindliche Idylle war stets mit einer anderen Erfahrung konfrontiert.
Die Nähe zu Mauthausen, wo er die in Viehwagen abtransportierten Häftlinge sah, verbot ihm eine Frömmigkeit, die die Augen vor der Wirklichkeit verschloss. Eine runde Theologie ist ihm so früh zerbrochen, er entwickelt sie anders – suchend, vorläufig, immer neu ansetzend, nie stereotyp. Seine einfache Herkunft ließ er sich auch nicht in der Seminarausbildung am Linzer Petrinum oder im 10-jährigen Philosophie- und Theologiestudium am Germanicum in Rom austreiben.
In seiner Zeit als Kaplan und Religionslehrer schrieb er seine ersten Texte für die Welser Zeitung, meist Betrachtungen zu Weihnachten und Ostern, in denen bereits seine Theologie aufleuchtet: Die Idylle Mühlviertel ist nicht ohne Mauthausen zu haben, Jesus war Jude und nicht im Mühlviertel geboren.
Die in der Fachwelt anerkanntesten Beiträge hat er zum Thema der Eschatologie, der „letzten Dinge“ geleistet. Dabei hat er sich gegen eine Tradition gewendet, die alles vom Jenseits zu wissen schien und die Menschen mit Angst drangsalierte. Stets hat er seine theologischen Erkenntnisse in Poesie umgesetzt:
Löst eure Saugnäpfe vom Firmament.
Ihr habt den Text der Erde nicht gelesen.
Buchstabiert noch ein wenig.
Hier unten
Gottfried Bachls theologische Prosa ist brillant, in seine Sprache investiert er ein Leben lang. Sie ist liebevoll, geistreich und manchmal auch provokativ. Bachl war ein Theater- und Operngänger, stets veränderten diese Besuche auch seinen Blick auf die Theologie. In der Oper sitzend traf ihn manchmal der Gedanke, an diesem Ort lerne man mehr über das Verhältnis von Mann und Frau als aus vielen grauen Texten der Theologie. In dem Buch Gott bewegt sind viele seiner Lesestücke zum Glauben und zur Zeit, in der wir leben erstmals zusammengefasst.
Besonders bewegend ist der E-Mail-Briefwechsel mit der 16-jährigen Anna. Er stellt Fragen an sie und sie antwortet und umgekehrt. Ihre Frage „wann wird endlich die Liturgie belebter und unterhaltsamer?“ beantwortet er so: „Ich langweile mich gar nicht gern. Aber es gibt Dinge, die es wert sind, dass man um ihretwillen Langeweile erträgt. Zum Beispiel Vokabeln lernen, damit man halbwegs flüssig sprechen kann. Es fällt mir unter dem Kreuz, an dem Jesus aufgehängt wurde, nicht ganz leicht, mich unterhalten zu lassen. Wie soll das aussehen? Mir gefällt aber zu dieser Frage deine Unterscheidung von belebt sein und unterhaltsam sein. Mit einer großen Geschichte sollte man nicht fad umgehen und nicht die altgewohnte Jesus Leier drehen. Es lohnt sich allemal, die belebende Wirkung in dem brennenden Menschen aus Galiläa zu entdecken. Da darf man schon die Fantasie spielen lassen und den großen Atem aus der Lunge holen. Die Bibel ist ein gewaltiges Libretto. Und für den Umgang mit diesem Buch gilt, was für alle großen Bücher zutrifft. Wer sich am Don Quichote langweilt, sollte bei Gelegenheit einmal fünf Minuten über seine Lesefähigkeit nachdenken.“
Als Anna ihn fragt, wann endlich Frauen zu Priesterinnen geweiht werden dürfen, gibt er zur Antwort: „Ich bin überzeugt, dass diese Schranke eines Tages fallen wird. Wahrscheinlich wird aber bis dahin noch eine erhebliche Zahl von Päpsten in das vatikanische Gras beißen.“
Das Argument, Jesus habe nur Männer in seinen Jüngerkreis berufen, wies er mit dem Hinweis zurück: Dann dürfte es nur jüdische Päpste geben und ganz gewiss keinen Pontifex aus Bayern. Das Buch endet mit einem postskriptum:
seltsam, sagt mein hausverstand,
da gibt es mann und frau,
doch manche wollen nur die hälfte
seltsam, sagt mein hausverstand,
die frauen sind viel früher dran am leeren grab,
doch männlich wird der schluss daraus gezogen
seltsam, sagt mein hausverstand,
vom himmel fällt das goldene brot,
und wichtig ist den päpsten die befugnis
seltsam, sagt mein hausverstand,
Der rabbi läuft mit frauen durch die gegend,
Die kathedralen aber dunsten männlich her
seltsam sagt mein hausverstand,
der geist bewohnt so frau und mann,
doch mannsorakel sagt allein,
wer wie und was wo darf
2022 haben Wilhelm Achleitner, Alois Halbmayr und Heinrich Schmidinger einen Gedenkband für Gottfried Bachl herausgegeben, der die großen Traktate Christologie, Eschatologie, Eucharistie und Mariologie in den Blick nimmt. Mich haben sie um einen Beitrag zum Priesterverständnis von Gottfried Bachl gebeten. Es gibt keinen Traktat dazu, sondern es bedeutete die unterschiedlichsten Texte auszuwerten. Das war also meine zweite Phase der Beschäftigung mit Gottfried Bachl.
Konkrete Lebensgestalt des Priesters
Bachl suchte nach Gestalten, die für heute Vorbild sein können. In einem Studientag an der Katholischen Akademie in Bayern am 24. März 1991 hatte er dazu die Möglichkeit. Der Studientag trug den Titel: Erzähltes und gelebtes Evangelium. Lebensläufe – Glaubensgeschichten. Am Beispiel von Sophie Scholl und Friedrich Spee SJ. Die Texte der beiden wurden von der Schauspielerin Adelheid Picha (Wien) und Romuald Pekny (München) vorgetragen. Bachl setzte die beiden Gestalten in Bezug zu seinem Priestersein.
Vor Sophie Scholl konnte er nur erröten. Diesen Mut hätte er nicht aufgebracht. Als er so alt war wie sie, war er unreif, unfertig im Germanikum in Rom. Ein Alumnus, ein noch zu nährender am Tropf der Kirche. An Friedrich Spee entdeckte Bachl einen ganz und gar von Gott ergriffenen Menschen. Das Gottesgefühl war der Brennpunkt seiner Kraft, diese ermöglichte es ihm, inmitten einer brutalen Zeit getrost zu sein, Zeit zu haben für Gedichte und Lieder, die allesamt Liebeslieder in Richtung Himmel sind. Bachl hob einen Zug an Spee hervor, der ihm sehr wichtig war: Weisheit und Bildung. „Aber wer glaubt und realisiert das heute noch? Hat sich nicht in vielen religiös interessierten und gestimmten Menschen die Meinung festgesetzt, daß Wissen und Bildung für den Vorgang Glauben gefährlich, hinderlich oder jedenfalls überflüssig seien. Hat der Glaubende nicht alles, was er braucht zur Orientierung im Dasein auf einmal, ein für allemal mit dem Blitz der Gnade erhalten? Der Ayatollah wie der Kardinal scheinen jenseits aller Bildungswege längst und unbefragbar am Ziel zu sein.“
Und dann die Schlussfolgerung von Bachl: „Friedrich von Spee hat sein Christentum nicht nur in einer Form zum Ausdruck gebracht. Es war ihm gegeben, es in vielen Aspekten leuchten zu lassen. Er war Priester und verstand seine Weihe als göttliche Aufschließung seines Lebens. Er war Ordensmann. Er war Lehrer, um mit dem Wort eine Brücke zu schlagen zwischen den Menschen, der Welt und dem Evangelium Gottes…Und er war in der gedrängten Unruhe seines Lebens in der Lage, den flüchtigen Augenblick zu bewohnen, zu erleben als das Entzücken der blitzhaften Gegenwart Gottes. Er hatte die Gnade, davon singen zu können, denn er war ein Dichter.“
Man wird nicht fehlgehen, in dieser Charakterisierung von Spee ein wenig auch Gottfried Bachl zu erkennen und seine Intentionen als geistlicher Mensch. Er wollte Priester und Poet sein.
Einspruch gegen das Priesterverständnis von Papst Benedikt
Zum 150. Todestag des Pfarrers von Ars Johannes Maria Vianney rief Papst Benedikt XVI. 2009 ein Jahr des Priesters aus. Inmitten der Debatte um den Missbrauch im Priesteramt wollte er noch einmal ein Bild der Reinheit aufleuchten lassen. Wegen der Untreue „einiger Diener“ sollte nicht die Kirche als ganze beschmutzt werden. Es sollte vielmehr ein leuchtendes Beispiel des Priesterseins vor Augen gestellt werden, um die Größe dieses Standes neu ins Bewusstsein zu rufen.
Dieses Schreiben brachte Gottfried Bachl in Rage, er sah darin eine primitive Theologie am Werk. „Es ist ausgeschlossen, dass der endliche Mensch Gott in den Griff bekommen kann. Glauben heißt vor Gott alle zwingenden Instrumente aus der Hand legen und alle magischen Wünsche aus dem Herzen tun. Die biblische Religion ist die Schule der Freiheit.“
Für Bachl war das darin entwickelte Priesterbild naiv und unverantwortlich für die heutige Zeit: Es genügt nicht, einfach zu sein, man muss auch Verstand anwenden. Es gebe auch eine Kriminalität geistlicher Art. „Der Papst vollbringt nichts Hilfreiches, wenn er heute diese Gestalt des kanonisierten Pfarrers den Priestern als nachahmenswertes Beispiel empfiehlt. Beim Lesen des Papstbriefes drängt sich immer wieder das Wort primitiv auf die Zunge. Ich zögere, es herzuschreiben, weil es wie ein Schimpfwort klingen kann. Aber ich komme nicht ohne es aus. Primitiv der Pfarrer, weil er sich geistig nicht weit genug bewegt hat. Primitiv der Papst, weil er die Situation heute sehr wohl kennt und doch nach den Mitteln der frommen Intensität greift, die aus der Zeit der Großväter stammen […] Das einfältige, beinahe analphabetische Gemüt, das da gepriesen wird, kann den Postulaten der modernen Bildungskultur nicht gewachsen sein.“
Bachl sieht im Klima dieser Äußerungen ein Gemisch aus sich überschlagenden Demutsformeln und spiritueller Arroganz. Wie kann ein Theologe so schreiben? Er stürzt die Priester damit in ein spirituelles Vakuum. Es ist die Sprache massiver magischer Logik. Der Priester kann Gott nicht herbeizwingen. Bachl entwirft ein anderes Bild des Priesters. Ihm ist ein schönes Werk aufgetragen. „In der Gemeinschaft des Glaubens den Namen Jesu ausrufen, essen und trinken in der Tischrunde, die er bestellt hat, sein Wort suchen und verstehen, Freude haben an seinem Dasein. Das ist mehr als genug“.
Immer wieder taucht die Frage bei ihm auf, warum er sich zum Priester hat weihen lassen. Das scheint ihm erst in einem langen Reflexionsprozess deutlich geworden zu sein. Der erste Schritt dazu war das Lesen: Das Lesen war für ihn ein Exodus. Sein Leseort in der Kindheit war die Krone eines Nussbaums, wo er sich einnistete. Dieser Ort war nicht sehr bequem, er hatte aber seine eigene Weihe.
Die Erfahrung des Lesens wurde für ihn zu einer Erfahrung der Milieutranszendenz. Die Priesterweihe sah er nicht als Veränderung der Vernunft oder gar eine Sonderstellung gegenüber den anderen Christen, sondern als eine Öffnung der Person, in der die Möglichkeiten eines Menschen erschlossen und geweitet werden. Die Weihe war für ihn ein Akt des Mutes, keine beabsichtigte Selbstheiligung. „Ich bin nicht geweiht, den Geist erst in die Welt zu bringen, sondern geweiht, seine Gegenwart bewußt zu machen.“ Zu dieser Öffnung gehört für ihn unverzichtbar die Notwendigkeit der Bildung. Diese Bildung sieht er unter den heutigen jungen Priestern gefährdet, die Kirche fördert aktuell mehr den naiven und intellektuell primitiven Priestertypus. Die fehlende Bildung führt in die Überbetonung des Kults und zu einer Eucharistiefixiertheit.
Der Theopoet Gottfried Bachl
So wie er selbst durch Jesus ein Freigelassener war, so wollte er auch Jesus für die Menschen freigeben. Jesus freilassen hieße froh sein, dass es einen gibt von dieser Radikalität, dem der Kulturbetrieb, aber auch der heutige Kirchenbetrieb gleichgültig ist. „Denn Jesus ist das Abenteuerlichste, Aufrechteste, Brennendste und Liebenswürdigste, das im Christentum zu finden ist.“ Diesem Abenteuer hat er seine priesterliche Existenz, sein akademisches Lebenswerk, mehr noch: sein Leben und seine ungewöhnliche Lebensform verschrieben.
Seine poetischen Texte – er nennt sie Gebete – sind in Mailuft und Eisgang zusammengefasst. Zwei Beispiele:
Rette dich
aus unserem Mund,
der dich zum Vorwurf macht,
an dem andere rot werden sollen,
der dich zurechtkaut,
rette dich aus den Bildern
links und rechts
und oben und unten,
geh fort aus den
Drohbotschaften und aus den
Frohbotschaften.
Zerschlag die Bilder,
die Kompositionen,
die Gedichte,
alle Bewältigungsfiguren,
die wir über den Mordfeldern bauen,
und erhebe dein Schweigen
über dem Schrei der
Toten.
Nun liegen die Gesammelten Schriften von Gottfried Bachl in vier Bänden vor, wobei der vierte Band zwei Teilbände umfasst. Man könnte fast an jedem der edierten Texte den theopoetischen Ansatz von Gottfried Bachl skizzieren. Ich wähle ein kleines Prosastück Der beneidete Engel als Veranschaulichung.
In der Kirche, die Bachl als Kind zu Weihnachten besuchte, stand eine Krippe. Seine Augen bleiben stets an dem Engel hängen, der über der Krippe schwebte. Er hatte den Überblick. Er hatte nur eine Aufgabe: schauen.
Ich wähle diesen Text, weil er die Entwicklung und Entfaltung der Theologie von Bachl in nuce entfaltet. Da ist zunächst der Kinderglaube, den er mit dem Engel Gabriel über der Krippe in Verbindung bringt. Das wäre doch eine ideale Position, alles mitzubekommen und in nichts verwickelt zu sein. Hehre Distanz und der Blick von oben.
Diese Position wird ihm aber fragwürdig während des Studiums bei einer Papstaudienz in Castel Gandolfo. Zunächst die Bewunderung: Stündest du da oben, wärst du all deine Zweifel los, die ganze seelische Schinderei wäre vorbei. Aber welche Einsamkeit dieser weißen Gestalt, wie an Fäden gezogen hob er die Arme in puppenhaftem Rhythmus.
Jahre später stand Bachl auf der Brücke, von der seine Schwester Rosina bei einem Unfall zu Tode gestürzt war. Sie fiel vom Heuwagen auf die darunter führenden Geleise und verblutete. Nun hast du die Position des Engels und er erschrak ob dieser Distanz. Und er spürte, dass nicht der Schwingen berauschte Gabriel seine Leitfigur für seine Theologie sein sollte, sondern der Lazarus im Fleisch:
Meine Seele, mein Gabriel,
fluglustig,
schwingenberauscht.
Wirf ab deine Flügel,
opfere sie der Sonne,
entscheide dich für die Perspektive
des Staubs.
Wenn du es mit den Wolken hältst
über Austerlitz,
über Stalingrad,
wenn du hoch genug fliegst,
machen dir Öfen
die schönsten Kringel aus Menschenfleisch,
passen gut in die Landschaft
die Totenkreuze –
zierliches Heidelbeerkraut.
Wenn du es mit den Wolken hältst.
Von oben stimmt alles.
Aber lieg unten.
Leg dein Gesicht auf die Kiesel,
entdecke die Wurzeln.
Die Sümpfe sind tief,
der Teer brennt auf den Straßen.
Meine Seele, mein Gabriel,
herunter mit dir!
Die fürstliche Höhe, der Überblick,
das schäumende Blau,
die Prasserei, die Zusammenfassung,
die universale Stimmung des Himmels.
Aber Lazarus
hat nur die Augenwinkel
im Fleisch, im Fleisch, meine Seele,
auf Erden.
In den Text hat Bachl einen Exkurs über die klerikalen Weisheitsfürsten eingestreut, angefangen bei Thomas von Aquin bis zu den heutigen theologischen Größen: Der Aquinate hat die Jungfrauengeburt als ohne Schmerz und irgendwelche Verletzung beschrieben. Das Kind flog auf dem Engelsweg nach draußen, es muss keine Enge durchleben: Inkarnation ja, aber nicht da unten. Erfahrungen sind nicht nötig, im Zeppelin über den Wohnungen und Ehebetten sind sich die Kleriker im Klaren. Nein. Gabriel nein, sondern Lazarus im Fleisch.
Theopoesie ist bei Bachl keine artifizielle, kunstvolle Sprache, sondern Theologie in Abbreviatur, verwandt dem sermo humilis. Deshalb sind auch seine Mundartgedichte nicht zu übersehen. Sie sind in den Gesammelten Schriften nicht abgedruckt, weil der Mühlviertler Dialekt zu fremd ist. Ich möchte aber heute Abend als Sohn des Bayrischen Waldes, der dem Mühlviertel nicht nur benachbart, sondern dem Dialekt auch verwandt ist, ein Gedicht aus der Sammlung om bei de engl – heruntt ba de leit zu Gehör bringen:
an bessan
an aunan heagot megst
ned oan
dea oanaugat abaschaut aus dd gsodlugga
ned oan
dea se dazwischlegt e dein bett
ned oan
dea da viapasst e de gedanga
ned oan
dea se oissa gaunze drauflegt auf di
ned oan
denst ned datrestn kaunst
ned oan
dea koan giatat hat mit eam sam
ned oan
den sei muadda ned aus de augn lassn deaf
an aunan heagot megst
i glaub das
Bachl versteht sich in der Nachfolge Jesu: Den schweren Gott – den Kontrollgott – wegnehmen und seine Leichtigkeit spüren lassen, mit der er Gott dasein lässt in der Welt: „Jesus macht Gott leicht, anruhend am Geschöpf mit der Berührung der ewig zuvorkommenden Liebe. Alle dringlichen Menschenworte sind vom guten Wort Gottes überholt und als Gottbeschaffungsmethode überflüssig. Daher die Gesten der Leichtigkeit: Licht werden in der Szene auf dem Tabor, über das Wasser gehen, die Lösung des Gebetes aus dem Leistungszwang, die Abkehr vom zehrenden Gedanken, Gott sei hungrig. Jesus entfernt Gott nicht in die Beliebigkeit, in das Glasperlenspiel, das Epikur für die Götterwelt konstruiert hat, verbannt ihn gerade nicht in die Gleichgültigkeit. Es kommt gegensätzlich eine andere Schwere herein: Wie dieser nahen Liebe entsprechen, wie nicht an ihr verzweifeln angesichts des Weltlaufes, wie nicht dumm werden in der Lust der Zustimmung? Der Charakter der biblischen Schriften ist von diesem Spiel der Gegensätze bestimmt, in dem der schwere Sorge-Gott leicht wird zum Liebe-Gott der Zumutungen. Da ist also gewiß kein fröhliches Buch, das in Stimmung versetzt und mit guter Laune versorgt. Aber wer die Bibel nicht nur gelesen hat, sondern ihren Weg gegangen ist, hat was zu lachen.“
Schließen möchte ich mit einer Erinnerung von jemandem, der Gottfried Bachl wohl am längsten kennt, dem Regensburger Dogmatiker Wolfgang Beinert: Er war Kurskollege von Bachl: „Gottfried Bachl und ich sind am gleichen Oktobertag des Jahres 1953 ins römische Collegium Germanicum et Hungaricum eingetreten; am gleichen Oktobertag des Jahres 1959 standen wir am Zielpunkt jenes Schrittes, am Weihealtar in Sant’ Ignazio. Mich hat mit ihm mehr als bloße Kursgenossenschaft verbunden. Das war nicht so leicht, nicht nur deswegen, weil vom Haus aus nähere Gemeinschaft gar nicht geschätzt wurde, sondern vor allem an der offenkundigen Sprödigkeit seines Verhaltens. Er schien von vielem, was die anderen aufwühlte, nicht einmal berührt zu sein – die leibgewordene Ataraxia der Stoiker. Doch wer sich um Kontakt zu seiner Person, zu seinem Denken mühte, erkannte alsbald: Hinter der unerschütterlichen Gelassenheit verbarg sich eine leidenschaftliche, eine glühende Gottsuche. Gott suchen, Gott finden in allen Dingen – diese ignatianische Christenweisung hat sein theologisches Wirken lebenslang bestimmt, seine Humanität geprägt. Gerade so hat er in seiner bescheidenen Zurückgezogenheit eine nachhaltige Wirkung entfaltet. Bachl gehört zu den bedeutenden Christen seiner Epoche.“ Beinert schildert Bachl als jemanden, der mit Gott gerungen hat – vergleichbar Fridolin Stier.
Bachl war bis zum Schluss neugierig auf Gott: „Ich bin froh, dass ich nicht weiß, wer ich bin, Gott wird es mir sagen.“ Deshalb ließ er sich auf dem Sterbebett die Gedichte von Christine Lavant vorlesen, der dichtenden Gesinnungsgenossin aus dem Lavanttal.
Die Theologumena kannte er in- und auswendig, aber die Metaphern der Poesie wurden ihm zum Vorgeschmack auf die Begegnung mit Gott im Tod. Er blieb Theopoet bis zum letzten Atemzug.