Christoph Peters wurde am 11. Oktober 1966 in Kalkar geboren, er war von 1977 bis zum Abitur 1986 Schüler des katholischen Internatsgymnasiums Collegium Augustianum Gaesdonck, wo Franz Joseph van der Grinten einer seiner Lehrer war. Diese Prägung hat ihn in seinem künstlerischen Schaffen beeinflusst. Er studierte von 1988 bis 1994 Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Von 1995 bis 2000 arbeitete er als Fluggastkontrolleur am Frankfurter Rhein-Main-Flughafen. Diese Arbeit und der Kontakt mit Menschen haben ihn nachhaltig geprägt, auch
die Art seines Schreibens.
Die Internatsjahre
Nach seinem ersten Roman Stadt Land Fluß (1999) folgte 2012 der Roman Wir in Kahlenbeck. Handlungsort dieses Romans ist ein katholisches Jungeninternat nahe der Grenze zu den Niederlanden. Carl Pacher (die Initialen lassen an den Autor denken) besucht das Jungeninternat „Collegium Gregorium Kahlenbeck“ und berichtet von den Mühen der Pubertät, den religiösen Zweifeln und Anfechtungen. Am Schluss steht eine Lebensbeichte; er habe die schwerste Sünde begangen, die Sünde wider den Hl. Geist, das sei eine Verweigerung Gott gegenüber und daraus folgt alles Weitere: Ich liebe nicht, niemanden, keinen Menschen und auch nicht Gott. Mein Herz ist kalt. Der Priester erteilt ihm dennoch die Absolution, doch der Pönitent fühlt sich nicht erleichtert. Es ist alles noch aussichtsloser.
Suchbewegung in Sachen Religion
Damit aber ist für Peters die Suchbewegung in Sachen Religion nicht beendet. Durch den Kontakt mit dem Islam – die Schwester seiner ersten Frau konvertiert zum Islam – entdeckt er den Reichtum dieser Religion. Es ist kein Blick von außen, die Stereotype über den Islam werden brüchig. Die Architektur der Moscheen und die Kalligrafie begeistern ihn. Dazu erlebt er die Menschen als gastfreundlich, herzlich und kommunikativ. Fast jedes Gespräch landet früher oder später bei religiösen Fragen. Die Suchbewegung geht weiter und führt nach Japan.
In mehreren Romanen unterschiedlicher Genres beschrieb Peters die gegenseitige Beeinflussung zwischen Japan und Deutschland. Ich komme aus dem katholischen Milieu und bin in meiner Kindheit und Jugend relativ religiös geprägt worden, so konstatiert er selbst. Mit fünfzehn oder sechzehn habe er angefangen, sich über den christlichen Horizont hinaus für Religion und Spiritualität zu interessieren. Damals sei er von seinem Kunstlehrer, Franz Josef van der Grinten auf Eugen Herrigels ZEN in der Kunst des Bogenschießens hingewiesen worden. „Mit 17/18 schien mir, dass die dort beschriebenen Zustände, die mit der Auslöschung des Ich durch die künstlerische Arbeit zu tun hatten, sich mir in ersten Ansätzen auch während des Zeichnens öffneten. Daraus ist für mich eine Art innere Zielvorgabe geworden, der unablässige Versuch in dem Augenblick, wo man etwas macht, mit dem, was man da macht, zeichnen zum Beispiel, ganz eins zu werden und zu vergessen, dass es ein Selbst, ein Tun und eine Zeichnung überhaupt gibt.“
In Mitsukos Restaurant (2009) geht es um den Versuch, japanische Esskultur und Lebensart in Deutschland zu etablieren. In Japan beginnt an der Ostsee – Die Keramik des Jan Kollwitz (2010) befasst er sich mit der Spiritualität japanischer Handwerkskunst im Kontext der deutschen Gegenwart. Im Roman Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln (2014) schildert er die klischeebedingten Missverständnisse beim Bau eines Anagama Keramikofens in der deutschen Provinz. Anagama-Öfen sind liegende Einkammer-Öfen, meist in einen Hang gebaut, zum Brennen von Töpfereiprodukten.
„Jede Woche verbringe ich viele Stunden mit der Teezeremonie und habe festgestellt, dass sich dadurch meine Wahrnehmung verändert hat. Im Nachvollziehen der reduzierten wie vollendet funktionalen Gesten wird mir immer wieder vor Augen geführt, wie fahrig unkonzentriert, ja sinnlos die meisten meiner Verrichtungen im Alltag sind, sei es, weil ich sie für nebensächlich halte, sei es, weil ich vermeintlich bedeutsamen Gedanken nachjage, während ich in Wirklichkeit zum Beispiel Kartoffeln schäle. Es scheint, als hätten die Teemeister dem Bewegungsablauf ein Geheimnis eingeschrieben, dass dem, der sie vollzieht, dabei hilft, sich selbst zu erkennen. Wie bei allen vom Zen geprägten Wegen geht es darum, den sprunghaften Geist des Menschen zu überlisten, damit er sich mit nichts anderem beschäftigt als mit dem, was jetzt in diesem Augenblick ansteht und dadurch zur Ruhe findet.“
2020/21 ist Christoph Peters erstmals mit eigenen Zeichnungen, die ab 2019 aus seiner langjährigen Beschäftigung mit japanischer Teekeramik heraus entstanden sind, in einer Einzelausstellung an die Öffentlichkeit getreten. Zur Ausstellung erschien ein Katalog mit dem Titel Teeschalen, sonst nichts.
Im Dorfroman (2020) kehrt er noch einmal in seine Herkunftswelt zurück: Es geht um eine autofiktionale Erzählung der zeitgenössischen Lebens-verhältnisse in Peters’ Heimatort Kalkar am Niederrhein. Er handelt vom Schnellen Brüter und der Rolle der katholischen Kirche.
Auseinandersetzung um die Berlin-Trilogie
Seine Berlin Trilogie angelehnt an das erzählerische Vorbild Wolfgang Koeppens löste vor allem wegen des dritten Teils Innerstädtischer Tod (2024) Furore aus. 2025 wurde bekannt, dass der Berliner Galerist Johann König und seine Ehefrau einen Antrag auf den Erlass einer einstweiligen Verfügung eingereicht hatten, nach der Peters’ Roman Innerstädtischer Tod (2024) nicht mehr verbreitet und veröffentlicht werden darf. Sie hatten sich im Galeristenpaar Konrad und Eva-Kristin Raspe wiedererkannt. Nachdem sowohl das Hamburger Landgericht als auch das Hanseatische Oberlandesgericht den Antrag auf einstweilige Verfügung als unbegründet abgewiesen hatten, ließ das Ehepaar König eine Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe einreichen, die allerdings nicht zur Entscheidung angenommen wurde.
Peters hatte im Vorwort zu Der Sandkasten ausdrücklich geschrieben: „Der Roman hat mit den wirklichen Verhältnissen nur insofern zu tun, als diese in der Form, wie sie in der Öffentlichkeit tagtäglich medial vermittelt werden, als Anregung für die Imagination des Autors gedient haben, Figuren, Schauplätze und Geschehnisse der Erzählung sind nirgends mit realen Personen, Orten und Vorgängen identisch. Erscheinungsbild, Eigenschaften und Handlungsweisen der Protagonisten wurden weder lebenden noch verstorbenen Menschen nachgebildet, sondern entsprechend der inneren Logik des Romangeschehens gestaltet. Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten finden, verdanken sie sich dem Zufall oder den unabänderlichen Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Natur. Dagegen sind motivische und kompositorische Parallelen zu Wolfgang Koeppens
Roman Das Treibhaus beabsichtigt und Teil des Spiels.“
Peters verweist hier auf den Einfluss von Wolfgang Koeppen auf sein Schreiben. Er hat das auch in seiner Dankrede für den Koeppen-Preis (2019) ausgeführt: Nicht nur der Pazifismus Koeppens in der Phase der Wiederbewaffnung der BRD hat den Kriegsdienstverweigerer Peters überzeugt, sondern auch dessen lakonischer Stil, der zuvor nie gehörte Ton einer Unmittelbarkeit und Distanziertheit zugleich, lapidar und pathetisch, aggressiv und versponnen-poetisch in einem.
Peters wohnte mit seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Veronika Peters und der gemeinsamen Tochter (* 2003) bis vor kurzem in Berlin und ist nun nach Schleswig-Holstein umgezogen. Viele Preise hat Peters bekommen, ich nenne nur den Friedrich Hölderlin Preis und den Wolfgang Koeppen Preis. Ebenso hatte er viele Poetikdozenturen inne in Mainz, Tübingen, Paderborn und Bonn.
Poetologie von Peters
„Ich schreibe nicht um zu verarbeiten. Ich schreibe erst, wenn ich verarbeitet habe.“ Dieser Satz von Christoph Peters gilt auch für seinen aktuellen Roman Entzug. Zwanzig Jahre nachdem er sich dem Entzug gestellt hat, kann er jetzt darüber schreiben. Das Buch ist in zwei Kapitel eingeteilt. Das erste lautet trinken, das zweite, wesentlich längere Nicht trinken. Gewidmet ist der Roman seiner Frau Veronika Peters, die immer noch da ist.
TRINKEN
Sein Leben ist ein einziges Versteckspiel. Wofür er das Trinken gebraucht hat, nämlich für seine Kreativität, um schreiben zu können, ist längst ein Mythos. Er bringt kaum noch eine Zeile zu Papier. Die erste Konfrontation kommt von seinem Lektor: Leider könne er diesmal nach der Lektüre nicht einfach von seiner Begeisterung schreiben. Für ihn ist der Text so wie er sich in der jetzigen Fassung darstellt noch nicht in dem Stadium, das er eigentlich gewohnt sei.
Der Erzähler ist sich im Klaren darüber: Ich muss aufhören zu trinken. Ich kann aber nicht aufhören zu trinken wegen der Panik, die dann ausbricht. Vor allem wegen des Zitterns, das jedem, der mich sieht, sofort unmissverständlich vor Augen führt, dass eine Grenze überschritten ist, dass ich diese Grenze überschritten habe, hinter der es kein Zurück gibt. So wendet er sich an eine bekannte Ärztin und versucht von ihr ein Medikament zu bekommen, um persönlich einen Entzug durchzuführen, er hört aber von ihr, dass dieses Medikament nur klinisch verordnet werden kann, weil sonst die Gefahr besteht, dass man in ein Delirium fällt.
Die zweite Konfrontation ist die Konfrontation der Frau. Sie macht ihm deutlich, dass wir dein Mädchen und ich reale Menschen sind und keine Romanfiguren, und sie wollen mit einem Menschen leben und nicht mit einem, der sich vorsätzlich und systematisch selbst zerstört. Noch einmal versucht er sich mit seinem Berufsethos herauszureden. Er sei nicht der Einzige, der so handle. Die Literatur besteht im Grunde nur aus Leuten, die sich zu Tode gesoffen haben. Dieser Beruf ist absolut zerstörerisch, weil es das Werk verlangt.
Sie entgegnet: Du kommst doch seit Monaten nicht voran. Vielleicht trinkst du auch gar nicht, weil du nicht weiterkommst, sondern du kommst nicht weiter, weil du trinkst. Hast du schon einmal darüber nachgedacht. Dabei sieht die Frau nicht einmal die Hälfte davon, was er wirklich trinkt. Als das Zittern immer heftiger wird und er es nicht mehr verbergen kann, gesteht er vor seiner Frau: Ich bin Alkoholiker. Ich muss einen Entzug machen, ja, sagt die Frau, dann aber sofort.
NICHT TRINKEN
Bei seinem Vorstellungsgespräch im Philipp-Nikolai-Krankenhaus bekommt er überraschenderweise sehr schnell einen Termin, den will er nicht verstreichen lassen und damit beginnt das zweite Kapitel „nicht trinken“. Er kommt in ein Vierbettzimmer – eine Situation, die er seit Internatszeiten nicht mehr gekannt hat. Um dieser bedrängten Situation zu entgehen, geht er öfter in den Raucherraum. Dann werden die unterschiedlichen Behandlungsformen beschrieben, das Gespräch mit dem Arzt und mit der Psychologin. Die Psychologin weist darauf hin, dass man im Laufe der Behandlung den so genannten Jellinekaufsatz verfassen muss, nämlich darüber nachzudenken, wie es mit der Sucht begonnen hat und warum, wen man durch sein Verhalten verletzt hat. Also eine brutal ehrliche, schonungslose Offenlegung dessen, was man bislang verdrängt. Beim ersten Erinnern fällt ihm ein, wie alles begonnen hat mit den Mon Chéri-Abenden am Samstag, wenn die Familie im Esszimmer vor dem Fernsehen saß und Schnapspralinen verteilt wurden. Auch das Internat war ein Trinkerort. Mit vierzehn Jahren hatte er einen älteren Freund, der ihm verbotenerweise Bier mitbrachte, das man erst ab der elften Klasse trinken durfte. Bier diente als Sedativ und als Schlafmittel. Die Ultraschalluntersuchung seiner Leber macht ihm den dramatischen Gesundheitszustand deutlich. „Das ist eine wirklich ausgeprägte Fettleber“, sagt die untersuchende Ärztin. Lange wäre das nicht mehr gut gegangen. Nach ein oder zwei Monaten wäre es sicher zu einer Zirrhose gekommen.
Kurz vor seiner Entlassung sieht er sich im Spiegel, so, als er sähe er sich zum ersten Mal. Er würde sich nicht erkennen, wenn er sich auf der Straße entgegenkäme, gerötete Wangen, hängende Schultern und der aufgequollene Wanst, der das T-Shirt spannt. Auch die Augen schauen krank aus, er ist regelrecht erschüttert und weiß in diesem Moment und ist sich gewiss, dass er nie wieder trinken werde, und er weiß es auf eine Art, wie er es zuvor nie gewusst hat. Es ist vorbei – ein für alle Mal. Am Schluss steht dann der Jellinekaufsatz, die Biografie eines Trinkers, der umkehrt, der es geschafft hat und der Schlusssatz vom schwedischen Schriftsteller Lars Gustavsson lautet: „Wir fangen noch einmal an, wir geben nicht auf.“
Der Roman von Peters ist eine schonungslose Selbstanalyse mit der Gewissheit, nie mehr zu trinken. Er konnte darüber schreiben, weil er es seit zwanzig Jahren geschafft hat.