Zwölf Goldmedaillen bei Paralympics, eine Karriere als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und heute Präsidentin des Sozialverbands VdK: Verena Bentele bringt eigentlich genug Stoff für drei Mittagsbegegnungen im Schloss Suresnes mit. Akademiedirektor Achim Budde zog daraus zu Beginn der Veranstaltung Mittags im Schloss am 29. April 2026 eine naheliegende Konsequenz: Statt einer Stunde werde man den Gast eben drei Stunden befragen. Der Imbiss müsse dann warten. Ganz so lange dauerte das Gespräch schließlich nicht – an Themen mangelte es dennoch nicht.
Schon beim Thema Blindheit zeigte sich, wie selbstverständlich Bentele zwischen Ernst und Humor wechselt. Das beste Mittel gegen die Unsicherheit im Umgang mit Menschen mit Behinderung? Begegnung und gemeinsame Alltagserfahrungen. Wer sie frage, warum sie Sport mache, obwohl sie nichts sehe, dem stelle sie deshalb gern die Gegenfrage: „Wieso machst du gar nichts, obwohl du alles siehst?“
Dass Blindheit keineswegs Bewegungslosigkeit bedeutet, machte Bentele an ihrer eigenen Biografie deutlich. Schon als Kind fuhr sie Fahrrad und orientierte sich dabei über den Schall. Beim Biathlon wiederum zeigte ein akustisches Signal an, wie genau sie auf die Scheibe zielte – „wie so eine Einparkautomatik“. Das Schießen sei trotzdem nie ihre Stärke gewesen. Dafür war sie schnell genug, die Strafrunden wieder aufzuholen. Auch von Künstlicher Intelligenz erhofft sie sich künftig mehr Selbstständigkeit: bessere Bildbeschreibungen, intelligentere Navigationshilfen – und am liebsten einen „elektrischen Blindenhund“, der sie beim Joggen begleitet.
Von dort führte das Gespräch mitten hinein in die Sozialpolitik. Bentele beschrieb den deutschen Sozialstaat als große Errungenschaft, die allerdings häufig gerade für diejenigen schwer zugänglich sei, die seine Unterstützung am nötigsten hätten. Komplizierte Anträge, fehlende Informationen und Sprachbarrieren verhinderten Teilhabe. Aus der Beratung des VdK kenne sie zudem ältere Frauen, die trotz sehr niedriger Renten keine Grundsicherung beantragten, weil sie den Gang zum Sozialamt als beschämend empfänden. Unterstützung dürfe deshalb nicht nur vorhanden sein – Menschen müssten sie auch tatsächlich erreichen können.
Besonders am Herzen liegt Bentele die Bildung. Noch immer hingen die Chancen von Kindern in Deutschland stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Dabei versteht sie „Aufstieg“ ausdrücklich nicht als Synonym für Abitur und Studium. Entscheidend sei vielmehr, Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken und daraus etwas zu machen. Würde man ihr ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro überlassen, wüsste sie jedenfalls, wohin damit: in gute Bildung für alle Kinder und Jugendlichen.
Auch das Publikum mischte sich ein. Aus den Fragen entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über Demokratie, gesellschaftliche Spaltung und Ehrenamt. Bentele selbst zeigte sich besorgt darüber, dass einfache politische Antworten bis weit in die gesellschaftliche Mitte hinein attraktiv würden. Ein Patentrezept dagegen habe auch sie nicht. Umso wichtiger sei es, politische Anliegen verständlich zu erklären und Räume zu schaffen, in denen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen einander begegnen.
Persönlich wurde es gegen Ende beim Thema Glaube. Bentele erzählte von ihrer katholischen Sozialisation und einer Reise nach Lourdes mit ihrer Großmutter. Als sie diese später provokant fragte, ob sie damals auf eine Wunderheilung gehofft habe, antwortete die Großmutter: Nein, sie habe gewollt, dass ihre Enkelin „mehr Kraft bekommt fürs Leben“. Ein Satz, der Benteles Verständnis von Glauben bis heute prägt. Der Kirche selbst begegnet sie durchaus kritisch, gerade wenn es um die Rolle von Frauen und Beteiligungsmöglichkeiten geht. Christliche Werte seien für sie vor allem dann überzeugend, wenn sie praktisch gelebt würden.
Und vielleicht passte deshalb auch die letzte sportliche Erinnerung besonders gut zum Nachmittag. Wettkampf und Solidarität seien für Bentele keine Gegensätze. Im Judo habe sie gelernt: Erst verbeugt man sich vor dem Gegner, dann kämpft man nach klaren Regeln – und hinterher begegnet man sich wieder mit Respekt. Eine Haltung, die nicht nur im Sport funktionieren könnte. Damit endete das herrlich erfrischende Gespräch und die Gäste genossen bei strahlendem Sonnenschein im Schlosspark Imbiss und kühle Getränke.