„Von Angesicht zu Angesicht“

Zur Theologie von Gottfried Bachl

Im Rahmen der Veranstaltung "Der Theopoet Gottfried Bachl", 23.04.2026

Oleg Serkiz / canva.com

Durch das Werk von Gottfried Bachl (1932–2020) zieht sich ein Leitmotiv. Es ist die von ihm am häufigsten zitierte Bibelstelle 1 Kor 13, 12: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.“ Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, dass sich Bachls gesamte Theologie und Spiritualität als eine Auslegung dieser Verse des Apostels Paulus begreifen lässt. Um dieser These zustimmen zu können, lohnt bereits ein kurzes Eingehen auf die beiden zitierten Sätze. Das Erkennen, von dem hier die Rede ist, kann weder ein bloßes Betrachten noch ein mystisches Schauen sein. Das verunmöglicht schon der Kontext, in dem die Verse stehen. Wie alle wissen, lesen wir sie am Ende des sogenannten „Hohelieds der Liebe“, zu Beginn von 1 Kor 13. Deshalb hat das Erkennen hier mit der Liebe zu tun, ganz im Sinne des biblischen Vokabulars, in dem Erkennen und Lieben Synonymes bedeuten. Nicht von ungefähr „schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Der Akzent liegt also auf Begegnung, auf dem gegenseitigen Erblicken, dem Sich-ins-Gesicht-Schauen. In dem Blickkontakt „von Angesicht zu Angesicht“ werde ich als Du aufgerufen – als das Du eines Ich, das im selben Augenblick zu meinem Du wird und mich meinerseits zu einem Ich macht. Mit Ich und Du ist gegenseitig ein ‚ich selbst‘ berührt und angesprochen, nicht etwa eine äußere Hülle, ein Es, eine Maske. Zu diesem gegenseitigen ‚ich selbst‘ gehört in einem elementaren Sinne Freiheit – die Freiheit, den Blick zu erwidern, dem Blick standzuhalten, den Blick zuzulassen, dem Blick Ausdruck zu geben und als Ausdruck zu nehmen; die Freiheit aber auch, die Ich und Du nicht je für sich besitzen, sondern zu der sie sich gegenseitig befreien, indem sie sich in ihr gegenseitig achten und respektieren; die Freiheit schließlich, die in Form einer ethischen Forderung gilt, sie sich immer wieder neu gegenseitig einzuräumen.

Vor diesem Hintergrund ist ein Bekenntnis Gottfried Bachls zu lesen, welches er als Achtzigjähriger über sein Leben stellt: „Ich habe ihn [Jesus] angesehen, und er hat mich angesehen. […] Das ist das Grundwort meines Glaubens. Wenn dort kein Gesicht, dann kein Leben, keine Welt, keine Freude, keine Hoffnung.“ Zurecht resümiert Bachl damit seinen Werdegang als Priester, als Theologe, als Spiritual, als Dichter und Schriftsteller. Nicht nur wiederholt er dieses „ich habe ihn angesehen, und er hat mich angesehen“ über Jahrzehnte – manchmal variiert in der Formulierung „ich sehe dich [Jesus], so wie du bist, du siehst mich“ –, immer wieder kommt er darauf zurück, dass Glauben heißt: einander ins Gesicht schauen, den Blick tauschen, sich gegenseitig erblicken, im ‚Augen-Blick‘ sich als Du und Ich vice versa aufrufen. Deshalb „gibt es [für ihn] kein Christentum ohne Gesichter“, bzw. „kann sich das Christentum Gott nicht ohne Gesicht denken“. Mein Du im Blick-Kontakt des Glaubens ist niemand anderer als Gott, christlich gesehen Jesus, „das Gesicht Gottes selbst“, sofern „Jesus in seinem menschlichen Leben Gott buchstabiert“ und umgekehrt „Gott sich in der gesamten Grammatik des Lebens Jesu ausdrückt und handelt“. Vor Gott stehen, „von Angesicht zu Angesicht“, heißt Jesus ins Gesicht schauen, seinen Blick, der jeweils mir gilt, zu erwidern, ihm standzuhalten.

Jesus Christus als Gegenüber

Müßig zu betonen, dass auch dieses gegenseitige Erblicken etwas zutiefst Existenzielles ist. Bachl sagt uns nicht, wie und wann ihm dieses „ich habe ihn angesehen, und er hat mich angesehen“ bewusstwurde. Es muss früh gewesen sein, spätestens während seiner Zeit am Collegium Germanicum-Hungaricum in Rom (1953–1963), als er an der Universität Gregoriana Theologie studierte. Denn die Dissertation zum Thema Zur Auslegung der Ebedweissagung (Is 52,13–53,12) in der Literatur des späten Judentums und im Neuen Testament (eingereicht im Sommer 1963), die der Frage nachgeht, ob sich Jesus selbst als der leidende und sühnende Gottesknecht bei Jesaja verstanden habe, scheint mir bereits aus diesem Blickkontakt zu resultieren. Schon da wollte Bachl nicht so sehr wissen, wie die Evangelien, das Neue Testament, die Tradition, die Kirche oder sonst jemand Jesus interpretierten, auch wenn er ebendieser Interpretationen bzw. dieses „Spiegels“ methodisch bedurfte, und kein Weg zu Jesus an ihnen vorbeiführte, vielmehr und trotzdem zielte er auf das Selbstverständnis Jesu. Was sagt er von sich aus über sich? Nur dies und nur so fragend schien es Bachl angemessen zu sein, den Blick zu erwidern, den er auf sich gerichtet fühlte. Zu Beginn seines christologischen Hauptwerkes Der schwierige Jesus (1994) kommt er darauf zurück und hält im Sinne Søren Kierkegaards, einem seiner wichtigsten Inspiratoren, fest: „Er [Jesus] ist die Gestalt, mit der man sein sollte, statt sie allein zum Denkobjekt zu machen. Die Koexistenz ist die wirklich angemessene Form des Umgangs mit ihm. […] mein Reden von ihm ist zugleich ein Reden zu ihm, wenn der Sprechakt aus dem aufrichtigen Wunsch entsteht, seine Gegenwart zu erreichen.“ Setzt man dazu in Beziehung, was Bachl an zentralen Stellen seines Werkes vermerkt – nämlich: „Existieren heißt gesehen werden. Alles, was ist, wird von irgendwem gesehen, weil es ist und damit es ist.“, so bestätigt dies das Behauptete: Koexistenz als „angemessene Form des Umgangs“ mit Jesus bedeutet, einander zu erblicken – von Angesicht zu Angesicht. Genau darin bin ich, ist er.

Theologie zwischen Wissenschaft, Spiritualität und Sprache

Was dies für die Theologie besagt, liegt auf der Hand: Wenn ihr Reden von Gott zugleich ein Reden zu Gott ist, dann kann sie sich nicht darin erschöpfen, reine Wissenschaft zu sein. Sie würde aus dem „von Angesicht zu Angesicht“ ausscheren, wenn sie sich darauf beschränkte. Will sie dies nicht, nimmt sie das „von Angesicht zu Angesicht“ ernst, so vermag sie nur als eine genuine Einheit von Wissenschaft und Spiritualität zu sein. Das wusste in aller Regel die christliche Tradition, wenn sie Theologie definierte. Bachl affirmiert es aus seinem Ansatz „ich habe ihn angesehen, und er hat mich angesehen“ heraus. Selbiges lässt ihn zusätzlich zum Schriftsteller und Dichter werden. Man versteht warum: Beim Einander-in-die-Augen-Schauen, beim gegenseitigen Erblicken herrscht – phänomenologisch betrachtet – Unmittelbarkeit. Reflexion gibt es in diesem Moment lediglich im wörtlichen Sinne von ‚re-flectere‘, ­
‚wiedergeben‘. Wenn sich Blicke begegnen, geschieht eine gegenseitige Berührung, und die Reaktion darauf besteht nicht aus einer Zurechtlegung, Erklärung oder Schlussfolgerung, sondern aus Evokation und Resonanz. Naturgemäß drängt auch dieser ‚Ein-Druck‘ nach ‚Aus-Druck‘ – nach Sprache, besser wohl nach ‚An-Sprache‘ und ‚Ent-Sprechung‘. Solch einen Ausdruck jedoch finden Kunst und Literatur eher und treffender als alles ‚Reden über …‘, als das gezielte Interpretieren, als jede Wissenschaft. Dank seines ihm angeborenen Talents besaß Bachl dafür ein Gespür, wie es nur wenigen Menschen eigen und besonders unter Theologen selten ist.

Der Ansatz im „ich habe ihn angesehen, und er hat mich angesehen“ schlägt sich jedoch nicht allein in der Form dieser Theologie nieder, sondern gleichermaßen in deren Inhalt. Erinnern wir uns: Im gegenseitigen Erblicken von Ich und Du begegnen sich ‚ich selbst‘ und ‚ich selbst‘, was besagt, dass sich Ich und Du und umgekehrt darin ansprechen bzw. aufrufen, worin jedes von beiden je zu sich selbst ist, in absoluter Einmaligkeit und Individualität. Dabei räumen sie sich gegenseitig Freiheit ein. Dieses jedoch ist nicht einfach der Fall oder gar gelebte Realität. Vor Augen steht uns vielmehr, wie wenig selbstverständlich es ist, dass das gegenseitige Erblicken in eine gegenseitige Befreiung zur Freiheit, zum jeweiligen ‚ich selbst‘, mündet. Wir kennen den Grund: Beim gegenseitigen Sich-Erblicken werden unsere Blicke nicht nur aufgefangen, sondern zugleich eingefangen. Eingefangen wovon? Von der Optik, in der wir uns die Welt theoretisch und praktisch zurechtlegen, von den Bedürfnissen, die uns dabei begleiten, von den Erwartungen, die wir an sie herantragen, von den bewussten und unbewussten Wünschen, die uns umtreiben, von den Emotionen, die uns bestimmen. Dieses Einfangen, ein für den Menschen unvermeidlicher Akt im Rahmen seiner Existenzbewältigung, steigert sich oft dermaßen, dass es die Wirklichkeit ausschließlich funktionalisiert, ja verschlingt und vertilgt, so dass eine Begegnung zwischen ‚ich selbst‘ und ‚du selbst‘ abhandenkommt und Freiheit im Zueinander von Ich und Du zum Ding der Unmöglichkeit wird.

Dieses Einmaleins jeder Dialogphilosophie wendet Bachl prominent, nicht ausschließlich, auf die Christologie an. Dabei gewinnt er eine ihn zeit seines Lebens zutiefst bewegende Erkenntnis: Bereits in den frühesten und ältesten Überlieferungen, die sich von Jesus im Neuen Testament finden, setzt in der Begegnung mit ihm eine Funktionalisierung ein, die auf der Stelle die gesamte Jesus-Rezeption dermaßen dominiert, dass Jesus in ihr aufgeht, ja, wie Bachl sich nicht scheut zu sagen, in ihr als ‚er selbst‘ verschwindet: Jesus ist gestorben für uns, er hat uns von Tod, Leid und Schuld erlöst. Instantan wird er zum Erlöser schlechthin; außer in dieser Rolle scheint es ihn selbst gar nicht mehr zu geben; Jesus verwandelt sich in ein „Christusprinzip“.

Vor diesem Hintergrund eine Textpassage aus dem – meines Erachtens – zentralen Text zur Christologie Bachls Lass mich deine Leiden nicht singen, der erstmals 1982 in Linz erschienen ist und 1987 in den Band Der beneidete Engel Aufnahme gefunden hat: „Jesus, was bleibt von dir, wenn wir alles wegnehmen, was du für uns zu sein hast, du Erlöser und Licht, Heiland und Schlachttier und Unterpfand? Bist du hinter diesen Funktionen auch noch einer? Bist du jemand? […] Hast du dich wirklich so hingegeben, wie es dir angedacht wird? […] Du wusstest um dich, unabhängig von deiner Arbeit. Beim Beten warst du allein. Ich möchte das einmal respektieren. Jesus sagen. Sonst nichts, gar nichts. Keinen Gedanken hinzufügen. […] ergibt sich der Sinn nicht erst, wenn wir die Kraft haben, uns zu erblicken, ehe wir aufeinander einfallen und uns gebrauchen? Ich sehe dich, so wie du bist, du siehst mich. […] Ich bin Theologe, und ohne weiteres verspeise ich dich in der Lehre, im Geistmaul der Theorien. Du passt so gut hinein. Ich finde Gründe auf Gründe, die deine Katastrophe, deine Schreie notwendig machen. Ich bin imstande, deine Todesangst prinzipiell zu deduzieren. Große Deuter helfen mir dabei. Dann, Jesus, hängst du hilfloser als damals am Holz, fester angenagelt in meiner Logik. Da kannst du nicht mehr herunter. Ich will jetzt eine Zeit lang nicht wissen, warum es sein musste, ob es einen Plan gab, dich so einzusetzen und zu benützen. Ich will mein Deute-Maul schließen. Du sollst es sein, du am Holz.“

Bachl weiß, wogegen er hier schreibt: Es handelt sich dabei um die breiteste und anhaltendste Tradition des Christentums – nicht nur in der Theologie, fast noch stärker und intensiver in den vielen Formen christlicher Spiritualität, in den kirchlichen Liturgien, in so gut wie allem, was das Christentum an Glaubensleben und Kulturen hervorgebracht hat. Bachl weiß auch, dass er sich angesichts dessen an nichts Geringeres als an einen Paradigmenwechsel wagt, der wie alle fundamentalen Wechsel dieser Art vor allem anderen ein neues Denken nach sich zieht, das sogar ein Gegen-den-Strich-Lesen der Evangelien impliziert. Bachl weiß schließlich, dass es für ihn zum Wagnis dieses Denkens keine Alternative gibt, geht es doch darum, „Jesus freizulassen“, was bedeutet, seinem Blick standzuhalten, ihn von sich selbst her zu vernehmen, ihn ‚sich selbst‘ sein zu lassen.

Der Mensch Jesus und die Bitte um das Reich Gottes

Unwillkürlich drängt sich die Frage auf, was tatsächlich von Jesus bleibt, wenn er aus dem Opferungs- und Erlösungs-Zusammenhang herausgelöst und sein Leben nicht mehr ausschließlich als das Sein-zum-Tode-am-Kreuz betrachtet wird. Ohne hier ins christologische Detail gehen zu können, sei trotzdem kurz angesprochen: In der Überzeugung, „dass Gott so ist, wie Jesus auf Erden gelebt hat“, setzt Bachl grundsätzlich und ausschließlich beim Menschen Jesus an. Schon in seinen 1981 erschienenen Vorträgen Jesus heute nimmt er vorweg, was er 13 Jahre später in seinem christologischen Hauptwerk Der schwierige Jesus ausführt, dass nämlich Jesus nur begegnet, wer ihn schlicht als Menschen anschaut. Dabei erscheint ihm der als einzelnes, individuelles Du ansprechbare Mensch Jesus winzig, nackt, hässlich. Ganz im Sinne von 1 Kor 1,18–31, dass Gott das Niedrige, Schwache und Törichte erwählt hat, um seine Kraft und Weisheit zu offenbaren, sieht er darin die Inkommensurabilität Jesu aufleuchten: „In diesem Jesus scheint alles bereit zu sein für Gott, den Einfall seines Willens und seiner Wahrheit, sodass er zugleich ganz in diesem unverfügbaren Brennpunkt versammelt ist und alles, was er weiß und kann, aus dem Zentrum Gott ordnet, auf die einfache Hauptsache bringt, den unvergesslichen Appell dafür findet. Der Mensch Jesus ist das Signal Gottes und dieses musste, sagt Kierkegaard, in der Durchschnittlichkeit aufgepflanzt werden: […] Jesus trägt in seiner menschlichen Schlichtheit das Feuer der göttlichen Anwesenheit mitten hinein, an alle heran. Er ist in Person das Zeugnis für die ganz andere Art der Liebe Gottes. Sie übersteigt die irdischen und kosmischen Seinsgestalten in allen Größenverhältnissen. Es genügt ihr die Anknüpfung irgendwo im Gewimmel der werdenden Wesen, aber dort, wo sie brennt, wie in Jesus, entsteht an der bescheidenen menschlichen Form, in der Flüchtigkeit eines kurzen Lebens die unvergessliche, ganz ungewöhnliche, über alle Mittelmäßigkeit hinausspringende Gestalt.“

Was Bachl hier die Bereitschaft für Gott, „den Einfall seines Willens und seiner Wahrheit“, nennt, ist auch das, was Jesus unabhängig und vor seinem Sich-Fügen in sein Sterbens-Schicksal kennzeichnet. In dem für ihn zentralen Vortrag Thesen zum Bittgebet von 1988 interpretiert Bachl diese Bereitschaft als Bittgebet, was zunächst überraschen mag, was sich jedoch verstehen lässt, wenn Zweierlei bedacht wird: Zum einen steht die Bitte für den Grundvollzug der Gemeinschaft zwischen Gott als dem Freiheit-stiftenden Schöpfer und seinem von ihm zur Freiheit berufenen Geschöpf ‚Mensch‘, sie ist „der absolute Ernstfall des Personalen“, Ausdruck des Glaubens schlechthin; zum anderen ist der Inhalt der Bitte das Reich Gottes, das als Inbegriff der immer schon intendierten und geschehenden Liebeszuwendung Gottes zu seiner Schöpfung kommen möge. „Jesu Bitte um das Reich Gottes, das die Erlösung und die Versöhnung, das ewige Leben bringt, ist der wahre, alles zusammenfassende Grundakt seines Denkens, Redens und Handelns. Er ist der Mensch, der seine Existenz in die Bitte um das gelingende Leben mit Gott verwandelt hat. Wie er diese Bitte in seinem Lebenswerk selbst darstellt und einübt, so bittet er auch mit seinem Tod. […] Während es in Exegese und Dogmatik immer noch strittig ist, ob überhaupt, in welcher Deutlichkeit und welchem Sinn Jesus seinen gewaltsamen Tod als Heilsereignis verstanden hat, steht nach den Quellen außer Zweifel, dass in der Bitte um das Reich alles gesagt ist, was Jesu Anliegen war.“

Tod, Leiden und Erlösung

Wiederum zurück zu 1 Kor 13,12: Was bisher noch nicht zur Sprache kam, ist die Eschatologie, die hier anklingt und der Bachl in seiner Theologie die größte Aufmerksamkeit schenkt. Es gibt einen Unterschied zwischen dem gegenseitigen Erblicken „jetzt“ und dem Einander-ins-Gesicht-Schauen „dann aber“, auch wenn beides in eins geht und in eins die Begegnung „von Angesicht zu Angesicht“ ausmacht. Die Zäsur zwischen dem „jetzt“ und dem „dann aber“ bildet der Tod – das völlige Aus jeglichen Blicks, das Brechen aller Augen, die Zerstörung jedes Gesichts. Was besagt dies für Gott, der den Menschen gerade dadurch sein und existieren lässt, dass er ihm in die Augen und ins Gesicht schaut? Bachl:

Schaust du den Toten
ins Gesicht, Gott?
Siehst du den wortlosen Mund,
der auch dich nicht mehr nennt?
So ist das Ende,
das du ausgedacht hast für uns.
Wir wissen nicht aus und ein,
wenn wir das sehen.
Leih uns deine Augen, die überall
ins Leben blicken.

Das absolute Dunkel des Todes wirft seine Schatten im Leben voraus. Mag auch stimmen, was der antike Philosoph Epikur meinte (und Bachl zitiert): „[…] solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr“, so weiß sich der Mensch doch als Sein-zum-Tode, und jedenfalls das Sterben bleibt ihm in aller Regel nicht erspart. Spätestens dann, wenn es ans Sterben geht, schaut er dem Tod ins Auge. Dabei erfährt er, dass Blicke auch töten und vernichten können, und es steht zur Debatte, welcher Blick der endgültige sein mag – der auslöschende oder der Leben schenkende. Anders gefragt: Schaut mich Gott auch im Tod an? Oder tritt mit der Todesstille eine Gottesfinsternis ein, in der die Spiegel, in die wir schauen, nicht einmal mehr „rätselhafte Umrisse“ eines Lebenszeichens wiedergeben?

Bachl beendet den bereits zitierten Text Lass mich deine Leiden nicht singen mit Folgendem: „Eines Tages stehe ich vor dem Bett, auf dem mein Vater liegt und sterben wird. Er bittet mich. Ich hebe ihn heraus auf den Leibstuhl. Was habe ich da in den Armen? Kaum hält es noch zusammen, das Knochenwerk, das wenige Menschenfleisch. Und Scham und Schmerzen, Hilflosigkeit und Müdigkeit zum Tod, zerlegt und verschrumpelt. Da fällst du mir ein, Jesus, in der Form, in der man dich ans Holz gebracht hat. Ich fange nicht an zu singen, ich sage nichts. Aber meinen Vater tragend ahne ich: Du gehörst zu ihm. Die Fraktur seines Lebens ist eingelegt in deinen Leib. Jesus, du Baum und Schatten, in dem ich den zerbrechenden Mann niederlege. Diese schweigende Melodie ist in mir.“

Was immer angesichts dessen ‚Erlösung‘ heißen mag – Bachl nennt sie an einer Stelle „wie ein Anfang von Trost“ –, ist schlicht dies: Auch im Sterben bleiben wir angeschaut und dies wiederum nicht anders als durch jenes Erblicken, das uns sein und leben lässt und das uns zu dem einmalig unersetzlichen Ich macht, das als das Du Gottes gemeint ist. ‚Erlösung‘ nicht mehr als Teilhabe an einer Opferung oder „Schlachtung“, ‚Erlösung‘ auch nicht als Aufhebung in einen höheren „Zusammenhang“, in eine „Allgemeinheit“ oder in eine „augenlose Einheit“, ‚Erlösung‘ schon gar nicht als Sinnstiftung, Begründung oder „Trost-
sage“, sondern als bloßes Gesehen-Werden in aller Einmaligkeit und Singularität – ohne Interpretation, Ausdeutung oder zweckträchtige Erklärung.

„Ikonen der Abwesenheit“

Zwei Texte aus dem Bildmeditationsband Auch Dinge haben ihre Tränen (1988), in dem Bachl zu einem 26-teiligen Bilderzyklus des oberösterreichischen Künstlers Herbert Friedl (1943–2018) in jeweils kurzen Texteinheiten Bildbetrachtungen anstellt, mögen ausdrücken, was gemeint ist: „‚So hat der Herr gesprochen: Horch! In Rama wird Wehklage laut, bitterliches Weinen! Rahel weint um ihre Kinder, will sich nicht trösten lassen wegen ihrer Kinder: Ach sie sind nicht mehr da.‘ (Jer 31,15) […] Da durchschneidet die Frau das Gespinst der Trostsage. Sie schreit. Sie bleibt vor dem Loch, in dem ihre Kinder verschwunden sind, sie hält ihre Augen dorthin, wo nichts zu sehen ist, nichts Schönes, nichts Gutes, nichts Wahres, kein Leben, kein Licht. Sie rafft alles zusammen, was in ihr ist, Liebe, Gefühl, Wissen und Willen, um das Wort zu sagen, das die Gewalt des Todes nennt: Sie sind nicht mehr. Und Gott gab ihr die Stimme dazu.

Dagegen wird mir gesagt: Halte Dich auf bei der einzelnen Nummer 943. Schau nicht durch sie hindurch, schau nicht um sie herum, nicht über sie hinaus, nicht neben ihr zur Seite. Schau die Nummer an und bleibe da. Hefte Deinen Blick auf die menschliche Einzelheit. Wenn sich an ihr nichts begibt, wenn die göttliche Gnade nicht auf diese winzige Stelle fällt, ist alles nichts. Der Erlöser wird seine Tat nicht beflecken mit dem Verrat an der Wahrheit des Leidens.“

Auch Dinge haben ihre Tränen – dieser Buchtitel erinnert mich an Bachls Predigt Der Tod aus 1992, in der es unter anderem heißt: Angesichts der Leiche „führt kein Weg mehr in die Augen, in das Gesicht. Aller Innenraum, die Seele, das Bewusstsein, die Sprache sind verschwunden. Nichts als Haut und Rand ist, bloße Oberfläche, was da auf dem Schragen liegt. […] An der Leiche erfahren wir, dass der Tod den Menschen ganz äußerlich, ganz dinglich, ganz sprachlos macht. Die Person wird niemand für diese Welt […]“ Ich bleibe hängen am Wort ‚dinglich‘ bzw. am Begriff der ‚Verdinglichung‘. Genau darauf fokussieren sich die Bilder von Herbert Friedl. „Ikonen der Abwesenheit“ nennt sie Bachl, weil sie keine Menschen, geschweige denn die Gesichter der Häftlinge und Opfer des KZ Mauthausen zeigen. Diese sind nur sichtbar in den Kleidern, Habseligkeiten und Orten, die sie zurückgelassen haben. Jedes Stück, jeder Ort markiert den Tod in seiner Absolutheit und Einmaligkeit. Darauf ist der Blick gerichtet – nicht nur unserer im Gefolge des Künstlers, sondern zuvor schon jener des „Erlösers“, der „seine Tat nicht beflecken wird mit dem Verrat der Wahrheit des Leidens“. Dessen Blick lenkt nicht ab von der „entsetzlichen Evidenz des Leidens“, im Gegenteil er lässt nichts aus – nicht die kleinste Kleinigkeit, nicht die winzigste Winzigkeit, nicht das Buchstäbliche und nicht das Unzählige, schon gar nicht das Einmalige, den Einzelnen, die Einzelne, das Persönliche, das Lebens- und Sterbensgeschichtliche. Und dieser Blick durchdringt dies alles – bis er es selbst wird. So ist im Schrei der Rahel um ihre Kinder „die zerrissene Stimme des Messias“ laut, so gilt für das Siechtum des Vaters, der stirbt: „Hier ist Golgotha.“ Nichts anderes, nichts mehr, aber auch nichts weniger heißt Menschwerdung, Inkarnation, Erlösung.

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