Ethische Grundsätze der Bioökonomie

Bioökonomie im Spannungsfeld kontroverser Erwartungen

 

Bioökonomie ist ein Innovationskonzept, das auf die Herausforderungen des Erdsystemwandels durch proaktiven Klima- und Biodiversitätsschutz antwortet. Sie ist eine zentrale Strategie zur Umsetzung der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen. Dabei setzt das Konzept die moralischen Imperative globaler, intergenerationeller und ökologischer Gerechtigkeit voraus, fokussiert aber argumentationslogisch nicht den ethischen Anspruch, sondern die wirtschaftlichen Potentiale einer Transformation zugunsten nachhaltiger Entwicklung. Dies hängt auch damit zusammen, dass der Begriff, zumindest in der neueren Verwendung seit den 1990er Jahren, seinen ursprünglichen „Sitz im Leben“ nicht im Ökodiskurs hat, sondern im Kontext biotechnologischer Forschung und Wirtschaft. Die Entdeckung innovativer Technologien zur Erschließung und Nutzung nachwachsender Rohstoffe als stoffliche und energetische Ressourcenbasis ist der Motor der Bioökonomie.

Dabei wurden und werden auf nationaler wie auf internationaler Ebene enorme finanzielle Mittel der Forschungs- und Wirtschaftsförderung investiert. So hat sich die Bioökonomie weit über die Nische biotechnologischer Produkte hinaus zu einem Leitkonzept dessen entwickelt, was der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) die „Große Transformation“ bezeichnet, also die Abkehr von dem fossilen „Stoffwechsel“ der Industriekultur, der der Treiber des Umwelt- und Klimawandels ist, hin zu einer Wirtschaft, die zunehmend auf nachwachsenden Rohstoffen basiert.

Dieser umfassende Anspruch, der sich aus dem Erfolg beziehungsweise den Erfolgsversprechen der Bioökonomie ergibt, einerseits und der begrenzte biotechnologische Kontext des Konzeptes von seiner Begriffsgeschichte her andererseits stehen in einer tiefgreifenden Spannung zueinander. Viele Vertreter des Umweltdiskurses, sei es auf Verbands- oder auf Wissenschaftsebene, sehen in der Bioökonomie so etwas wie eine feindliche Übernahme und „Umbiegung“ ihrer eigenen Anliegen durch ein technik- und fortschrittsgeleitetes Paradigma. Hier stoßen unterschiedliche Weltbilder aufeinander. Der Konflikt ist vorprogrammiert.

So hat beispielsweise Dennis Meadows bei einem Vortrag 2012 in München von der Verkehrung des Konzeptes der Nachhaltigkeit in sein Gegenteil gesprochen: Auf EU-Ebene war die Biotechnologie der Hebel für die Unterlegung des Sustainability-Konzeptes durch das des „green growth“. Nach der Analyse von Meadows läuft dies darauf hinaus, die begrenzten ökologischen Ressourcen noch effizienter zu verbrauchen und sich über die tieferliegenden Herausforderungen eines Kulturwandels hin zur Abkehr von Wachstumsmodellen und einer grundlegend anderen Wirtschaft hinwegzutäuschen.

Ich kann und will diese auch ideologisch aufgeladene Debatte um Wachstum und eine „Postwachstumsgesellschaft“ hier nicht vertiefen. Mir geht es lediglich darum, Ihnen kurz den Hintergrund zu skizzieren, vor dem die öffentliche ethisch-politische Debatte um Bioökonomie stattfindet. Der 2015 gegründete Sachverständigenrat Bioökonomie Bayern (SVB) hat sich in diesem Spannungsfeld zunächst den Grundsatzfragen gewidmet und auch intern kontrovers darüber diskutiert. Manche waren schon ungeduldig angesichts unseres langen Zögerns, mit Konzepten und Handlungsvorschlägen an die Öffentlichkeit zu treten. Im Mai 2017 hat er dies mit einem Grundsatzpapier sowie einer Reihe von Analysen und Politikvorschlägen zu einzelnen Handlungsfeldern der Bioökonomie in gebündelter Form getan (siehe www.biooekonomierat-bayern.de/).

Dem Rat war und ist diese Kombination der Grundsatzdebatte mit einzelnen Schwerpunktthemen wichtig. Die ethisch-konzeptionelle Debatte muss geführt werden, sollte sich aber nicht im Abstrakten verlieren. Mancher weltbildschwangere Konflikt relativiert sich, wenn man auf die heute schon möglichen und praktizierten Potenziale von „Leuchtturmprojekten“ der Bioökonomie blickt, beispielsweise Bioplastik und Zelluloseethanol, Bioethanoltechnologien oder die Nutzung biologisch abbaubarer Werkstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen. Der SVB setzt diese Serie handlungsbezogener Thesenpapiere und Diskussionsimpulse seit Mai 2017 in dichter Folge fort. Zu einigen Themenfeldern hat die Katholische Akademie in Bayern im Rahmen der Reihe „Wissenschaft für Jedermann“, die seit viele Jahren in Kooperation mit dem Deutschen Museum durchgeführt wird, bereits Diskussionsveranstaltungen durchgeführt (etwa zu Bioplastik).

 

„Grundsätze der Bioökonomie“ – das Konzept des Sachverständigenrates

 

Der Sachverständigenrat Bioökonomie Bayern hat in seinem Grundsatzpapier vom Mai 2017 fünf Fokusbereiche der Bioökonomie identifiziert: Wissen, Bereitstellung biogener Rohstoffe, Nutzung biogener Rohstoffe, Ökosysteme und Klimaschutz sowie Gesellschaft. Er betrachtet Bioökonomie als ein wissensbasiertes Konzept, also eine Strategie, die von innovativer Forschung ausgeht und diese verstärkt wirtschaftlich für biogene Rohstoffgewinnung und -nutzung wirtschaftlich umsetzt. Zentrale Zielbestimmung und ethische Leitplanken sind dabei der Schutz des Klimas sowie die Vermeidung von Destablisierungsdynamiken des globalen Ökosystems und regionaler Umwelt- und Sozialfaktoren.

Vorangestellt hat der Rat den fünf Fokusbereichen zwei kurzen Abschnitten zu „Vision“ und „Mission“. Die Vision hat Definitionscharakter: „Die Bioökonomie ist in Bayern Leitmotiv für die Entwicklung und Umsetzung nachhaltiger biobasierter Wirtschafts- und Lebensweisen. Durch die Bereitstellung und Nutzung biogener Ressourcen sowie die Entwicklung und Vernetzung des Wissens darüber leistet sie einen wesentlichen Beitrag zur zukunftsfähigen wirtschaftlichen Entwicklung Bayerns. Ihr Ziel ist der Schutz von Ökosystemen sowie eine klimaneutrale Gesellschaft durch eine möglichst weitgehende Reduzierung des Verbrauchs fossiler Ressourcen. Sie stellt wirtschaftliche und technische Innovation in den Dienst einer verantwortungsvollen Nutzung der natürlichen Ressourcen.“

Unter biogene Rohstoffe beziehungsweise Ressourcen versteht der Rat „Materialien organischer Herkunft, zum Beispiel Tiere, Pflanzen Mikroorganismen, nicht aber Material fossilen Ursprungs“. Das zentrale Merkmal ist die Fähigkeit zum Nachwachsen, wofür eine hier führende Studie des Bundesumweltamtes definitorisch einen Zeitraum zwischen 100 und 1.000 Jahren voraussetzt. Dieses Beispiel verdeutlicht: Der zentrale ethisch-konzeptionelle Gehalt der Bioökonomie steckt oft in der Definition von Begriffen. Begriffe sind Griffe, mit denen Türen geöffnet oder verschlossen werden können. Gerade weil Bioökonomie ein sehr weites und schillerndes Konzept ist, bedarf sie präzisierender Definitionen ihrer Leitbegriffe, um nicht zu einem letztlich beliebigen und ethisch „leeren“ Begriff zu degenerieren.

Dabei findet gegenwärtig ein heftiger internationaler Streit um die Definition und damit „Besetzung“ des Begriffes statt. Der 2009 gegründete bundesdeutsche Bioökonomierat definiert Bioökonomie als „die wissensbasierte Erzeugung und Nutzung biologischer Ressourcen, um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsfähigen Wirtschaftssystems bereitzustellen“. Der normative, allerdings interpretationsoffene Leitbegriff ist hier „zukunftsfähig“. Der Bayerische Rat präzisiert dies durch die Zielangabe „klimaneutrale Gesellschaft“.

Der prägnanteste Unterschied der verschiedenen Bioökonomieräte ergibt sich aber wohl nicht auf der definitorischen Ebene, sondern daraus, dass der Bayerische Sachverständigenrat am Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten angesiedelt ist. Hier liegen besondere Potentiale in Bayern. Gleichzeitig ist es nicht leicht von diesem Ressort aus dem Querschnittscharakter des Konzeptes gerecht zu werden, weshalb der Rat auf eine interministerielle Bearbeitung des Themas gedrängt hat, wozu es bereits Gespräche und eine erste Sitzung gab. Für den SVB ist sowohl die interministerielle als auch die länderübergreifende, nationale wie europäische Verzahnung der Bioökonomiestrategien eine Erfolgsbedingung für die Konzeptentwicklung und Umsetzung, die sich aus der eben zitierten Definition als notwendige Konsequenz ergibt. Darüber hinaus setzt der SVB in besonderer Weise auf zivilgesellschaftlichen Dialog, da das Konzept in diesem Feld teilweise höchst kritisch gesehen wird – insbesondere von Verbänden und Experten aus dem Umwelt- und Ernährungsbereich. Positiv ausgedrückt: Die Einbindung der über rein technologischen Konzepte hinausweisenden zivilgesellschaftlichen Impulse ist eine entscheidende Weichenstellung für ein akzeptanzfähiges und ganzheitliches Konzept von Bioökonomie.

Ein Element, mit dem sich der Bayerische SVB markant von bisherigen Definitionen unterscheidet, ist, dass er den Begriff der „Suffizienz“, also der Genügsamkeit oder des Maßhaltens in sein Grundverständnis von Bioökonomie aufgenommen hat, was jedoch im größeren Zusammenhang verstanden werden sollte: „Die Bioökonomie in Bayern bezeichnet ein Wirtschaftssystem auf der Basis nachwachsender Ressourcen, das dauerhaft mit den Zielen von Klimaschutz, Biodiversität, Wohlstandssicherung und globaler Gerechtigkeit vereinbar ist. Sie prägt die Transformation bestehender Produktions- und Konsummuster zu Gunsten einer nachhaltigen, post-fossilen Gesellschaft. Sie nutzt technische und volkswirtschaftliche Innovationen für eine Entkoppelung von Wachstum und Umweltverbrauch. Auch der Schutz der Umwelt und einer artenreichen Kulturlandschaft, regionaler Wirtschaftskreisläufe sowie die Förderung von Suffizienz sind unverzichtbare Bestandteile der Bioökonomie in Bayern. Ihre Entwicklung wird durch konsistente politische Rahmenbedingungen auf regionaler und überregionaler Ebene gefördert.“

Der Kontext des Abschnittes verdeutlicht, dass der Rat das Suffizienzkonzept nicht als Absage an die enormen Potentiale von Wachstum und dessen Entkoppelung vom Umweltverbrauch in vielen Bereichen versteht, sondern vielmehr damit nicht mehr und nicht weniger zum Ausdruck bringt, dass er dies nicht als einzigen und nicht als hinreichenden Weg der Bioökonomie betrachtet. Bioökonomie ist für mich – wenn Sie mir einen theologischen Begriff erlauben – nicht durch die „billige Gnade“ eines Win-win-Versprechens von ökonomischen, ökologischen und wirtschaftlichen Zielen ohne Einschränkung zu haben, sondern birgt Zielkonflikte und erfordert auch unbequeme Einschnitte jedes einzelnen. Es braucht einen Wertewandel, der an die Substanz unseres modernen Selbstverständnisses rührt, indem wir lernen, den einen oder anderen Verzicht als Gewinn an Lebensqualität zu begreifen und – wie es der Philosoph Martin Heidegger bereits vor Jahrzehnten formuliert hat – „die unerschöpfliche Kraft des Einfachen“ neu zu entdecken.

 

Handlungsfelder und Fokusbereiche der Bioökonomie

 

Die ethische Debatte um die Leitwerte, Ziele und Konzepte von Bioökonomie wird auf absehbarer Zeit kontrovers bleiben. Das ist angesichts der enormen Ansprüche und Ambivalenzen des Konzeptes auch gut oder zumindest notwendig so. Dennoch ist es entscheidend, damit die enorme Dynamik, die das Konzept bereits heute auch mit vielfältigen Innovationen entfaltet, aus dem Blick zu verlieren. Der SVB konkretisiert sein grundlegendes Verständnis von Bioökonomie deshalb in fünf Fokusbereichen praktischer Umsetzung. Ich will ich mich hier mit einigen Stichworten begnügen, um Ihnen die jeweilige Konzeptidee der Umsetzung anzudeuten:

Wissen: Ein Schlüsselsatz ist hier: „Die Bioökonomie setzt auf systemisch vernetztes Denken und betrachtet Kreativität, Bildung und Innovation als zentrale Ressourcen der Zukunftsfähigkeit.“ Das bedeutet für uns „Kooperation entlang der Wertschöpfungsketten und in Wertschöpfungsnetzen sowie die ressortübergreifende Nutzung technischer, ökologischer und soziokultureller Kompetenz“. Auch „Technologietransfer zugunsten von Entwicklungs- und Schwellenländern“ sowie eine „Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in Lehrpläne und Forschungsprogramme“ gehört für uns dazu. Bioökonomie ist für uns also auch ein Entwicklungs- und ein Bildungsprogramm, wobei diese auch unter dem Dachbegriff „Nachhaltigkeit“ firmieren können.

Bereitstellung biogener Rohstoffe: Strategisch ist unser Konzept hier durch die Nutzung von „Synergien einer multifunktionalen Forst- und Landwirtschaft“ geprägt, die „durch die verstärkte Verwertung von Nebenprodukten und Reststoffen“ bewerkstelligt werden können. Auch „Regionalität“ und den „Schutz der Kulturlandschaft“ haben wir der bayerischen Bioökonomie ins Stammbuch geschrieben.

Nutzung biogener Rohstoffe: Hier gehen wir von einem Vorrang der Ernährungssicherung aus (was in einem ausführlichen, gerade in der Endabstimmung befindlichen Themenpapier konkretisiert wird). Zwischen stofflicher und energetischer Nutzung haben wir dagegen keine eindeutige Vorrangregel formuliert, da dies aus unserer Sicht nicht generell, sondern kontextspezifisch abzuwägen ist. Maßgeblich ist für uns hier wiederum ein systemischer Ansatz, beispielsweise durch „die Förderung dezentraler Wertschöpfungsstrukturen in unmittelbarer Nähe der Rohstoffquelle“, die „neue Einkommensquellen in ländlichen Regionen“ schaffen und die Attraktivität dieser Gebiete steigern.

Ökosysteme und Klimaschutz: Unser Anspruch ist es hier, durch die Bioökonomie „Produkte, Prozesse und Dienstleistungen bereitzustellen, die den fossil basierten in ihren funktionalen Eigenschaften und in Bezug auf den Schutz von Ressourcen und Ökosystemen überlegen sind“. Potentiale sehen wir hier beispielsweise durch die „Optimierung der CO2-Bindung in Wäldern und Holzprodukten“ sowie durch gezielte Förderung der „ökologischen Leistungen der Landwirtschaft, beispielsweise zugunsten der Boden- und Wasserqualität sowie einer nachhaltigen Ernährung“.

Gesellschaft: „Transparente und partizipative Prozesse“, „breites Wissens- und Informationsangebot“, „kontinuierlicher Interessensaustausch aller Anspruchsgruppen“, „Wertvorstellungen zugunsten biobasierter Konsum- und Verhaltensmuster“ sowie „verantwortliche Gestaltung der ländlichen und urbanen Räume“ sind hier die richtungsbestimmenden Stichworte. Die Verbraucher werden als „souveräne Akteure der Wertschöpfungskette an der Entwicklung der Bioökonomie“ beteiligt und werden „dabei durch politische Rahmenbedingungen unterstützt“.

Sein besonderes Profil gewinnt das bioökonomische Konzept des Rates nicht zuletzt aus dem Fokusbereich „Gesellschaft“, indem er davon ausgeht, dass die Ziele der Bioökonomie nicht allein durch Technik und Wirtschaft erreichbar sind, sondern eine gesamtgesellschaftliche Bewusstseinsbildung und eine damit verbundene Transformation von Lebens- und Konsumstilen und letztlich auch kulturell pluraler Vorstellungen und Handlungsmuster von Wohlstand, Mobilität, und Verantwortung umfassen. „Gesellschaft“ steht hier nicht nur die Aufgabe der Kommunikation und Werbung für Akzeptanz des Konzeptes, sondern stellvertretend für umfassende ethische Debatten. Um zu verdeutlichen, was damit gemeint ist, möchte ich abschließend sieben Bedingungen ethisch verantworteter Bioökonomie benennen (ausführlich dazu siehe forum-wirtschaftsethik.de/bedingungen-ethisch-verantwortbarer-biooekonomie/).

 

Sieben Bedingungen ethisch verantwortbarer Bioökonomie

1. Das Konzept der Bioökonomie ist nur dann verantwortbar, wenn es die verschiedenen Wertdimensionen der Natur durch je angemessene Normen und Strategien schützt. Das legitime Ziel einer effizienteren Nutzung darf nicht mit einer schrankenlosen Unterwerfung der Mitgeschöpfe und Ökosysteme unter menschliche Zwecke verwechselt werden.

2. Bioökonomie ist strikt am Leitbild der Nachhaltigkeit auszurichten. Dessen halbierte Rezeption im Rahmen des bioökonomischen „Green-Growth-Konzeptes“ wird diesem ethischen Anspruch nicht gerecht.

3. Bioökonomie sollte das Konzept der „global boundaries“ für die Ermittlung von Prioritäten des Umwelt- und Naturschutzes zugrunde legen. Nach diesem sind der Verlust der Biodiversität (wir erleben derzeit das sechste große Artensterben der Evolutionsgeschichte) sowie der Stickstoffeintrag in Böden und Gewässer durch die globale Landwirtschaft (112 Millionen Tonnen jährlich) die kritischsten „tipping points“ im Erdsystem.

4. Als wissensbasiertes, auf innovative Forschung und Entwicklung ausgerichtetes Konzept bedarf die Bioökonomie eines Konzeptes „verantwortlicher Innovationen“, um die dynamische Seite von Nachhaltigkeit zu entfalten und risikosensibel zur Lösung von Knappheitsproblemen beizutragen.

5. Das bioökonomische Innovationskonzept muss dabei jedoch von seiner einseitigen Fixierung auf technische Lösungen befreit und um soziokulturelle Aspekte erweitert werden. Nur eine auf ökologischem Wissen basierende und ordnungspolitisch begleitete Innovationspolitik kann konzeptionell-strategischer Kern der Bioökonomie sein.

6. Der grundlegende ethische Anspruch der Bioökonomie als einer Strategie der Nachhaltigkeit kann nur dann eingelöst werden, wenn sie darauf ausgerichtet wird, den ländlichen Raum zu stärken. Sie ist mehr als ein technikzentriertes Leitbild.

7. Der ernüchternden Bilanz der großen Versprechen, das Energieproblem durch Bioenergie zu lösen, muss konzeptionell Rechnung getragen werden: Statt einseitiger Ausrichtung auf (lineare) Maximierungskonzepte müssen Skalenprobleme und systemische Wechselwirkungen stärker beachtet werden.

Eine achte Bedingung beträfe die Fragen der Ernährungssicherung und der Gentechnik. Ich habe mich dazu an anderen Stellen positioniert, will hier jedoch darauf verzichten, da dies eine ganz eigene, hoch emotionalisierte Debatte ist, die einer differenzierteren Erörterung bedarf.

 

Bioökonomie als innovative Seite der Nachhaltigkeit

 

Bioökonomie verzeichnet weltweit hohe, in einigen Bereichen sogar zweistellige Wachstumsraten. In ihrer Funktion als Innovationsmotor kann man die in sie gesetzten Hoffnungen mit digitalen Unternehmen vergleichen, die in den vergangenen Jahrzehnten zum Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung wurden. Durch die intensive Förderung (allein das BMBF hat von 2010 bis 2016 2,4 Milliarden Euro an Fördermitteln zur Verfügung gestellt), ist das Konzept aus der Nische eines spezifischen Forschungsfeldes zu einem Leitkonzept für einen großen Bereich wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung weltweit geworden. Dadurch ändert sich der Kontext. Es erhält eine Schlüsselbedeutung für die Entwicklung der Wirtschaft in vielen Sektoren wie etwa Energie, Rohstoffbeschaffung und -nutzung oder Landwirtschaft und Ernährung. Daher ist eine ethisch-politische und sozialwissenschaftliche Reflexion des Konzeptes und seiner Praxis unter weltweit sehr unterschiedlichen kulturellen und sozialen Bedingungen ein sich aus dieser Dynamik heraus ergebendes Desiderat.

Zu diesen kulturellen und ethischen Aspekten bietet nicht zuletzt die Enzyklika Laudato si‘, in der landwirtschaftliche Themen einen zentralen Stellenwert einnehmen, vielfältige Horizonterweiterungen. Auch die Schrift „Der bedrohte Boden“, den die Kommission VI der Deutschen Bischofskonferenz im September 2016 veröffentlicht hat und der im Mai 2017 an der Katholischen Akademie intensiv diskutiert wurde, ist hilfreich, um das Konzept der Bioökonomie ethisch weiterzudenken. Denn fruchtbarer Boden ist und bleibt die wichtigste Grundlage einer Bioökonomie, die die Ernährung des Menschen auch in Zeiten des Klimawandels sichert.

Zur bioökonomischen Grundidee, nämlich der konsequenten Einbindung der Wirtschaft in die sie tragenden Kreisläufe der ökologischen Systeme, die die Ressourcen bereitstellen und die Reststoffe aufnehmen, gibt es keine vernünftige Alternative. Bioökonomie operationalisiert die innovative Seite der Nachhaltigkeit und kann helfen, dieses vor allem im politischen Diskurs verankerte Konzept, das nicht selten in einer idealistischen Beschwörung von Zielen stecken bleibt, zu operationalisieren. Ziel der nachhaltigen Bioökonomie ist eine Kreislaufwirtschaft durch die strategische Erschließung und Nutzung nachwachsender Rohstoffe sowie durch die konsequente Vermeidung von Abfall. Bioökonomie beruht auf einer Kombination von technischer, sozialer, ökonomischer und politischer Intelligenz. Daran wird Fortschritt in Zukunft zu messen sein.

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