Geflohen vor dem IS – mit jahrhundertealten Manuskripten im Gepäck

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I.

 

Ich bin in eine christliche Familie hineingeboren. Deshalb wurde ich auch christlich erzogen, in einer vorwiegend muslimischen Umgebung. Der größte Teil meiner Freunde waren Muslime, keine Christen. Man hat mir die Frage gestellt, warum ich öfter mit Muslimen als mit Christen zusammen sei. Da habe ich, als ich erst 15 oder 20 Jahre alt war, gesagt, dass man gegenüber allen Religionen offen sein müsse und sich nicht nur in einer einzigen Religion einschließen dürfe. Man ist immer reicher, wenn man auch die anderen kennt, als wenn man auf eine einzige Religion beschränkt bleibt.

Deswegen habe ich auch, nachdem ich Priester geworden war, begonnen, mit allen anderen Religionen zu arbeiten, besonders mit den Jesiden. Immer und vor allem habe ich daran gearbeitet, die Bollwerke, die Mauern zu zerstören, damit sich die einen gegenüber den anderen öffnen konnten, statt Mauern aufzubauen. Denn der Mensch ist wertvoller als die Religion, und die Religion ist dazu da, dass die Menschen sich gegenseitig zur Entfaltung bringen, nicht dazu, sich gegenseitig umzubringen. Mir persönlich ist heute ein Mensch lieber, der sagt, ich glaube nicht an Gott, als einer, der sagt, ich glaube an Gott, und seinen Bruder tötet, ihm den Kopf abschneidet.

Ich glaube heute, dass Europa ein Beispiel für diese Öffnung geben sollte, gleichzeitig aber auch für die notwendige Vorsicht. Im 18. Jahrhundert waren mehr als 70 Prozent der Bevölkerung in Mossul und im Irak Christen; heute sind es nur noch 0,5 Prozent. Garbala, Medschef, Tikrit: Die Hauptbezirke dieser großen mittelalterlichen Städte waren am Beginn des 20. Jahrhunderts christlich. Wo sind sie heute, die orientalischen Christen? Es leben keine mehr dort; sie sind der Gewalt, Missgunst und Folter gegen Christen zum Opfer gefallen. Deshalb muss man vorsichtig sein im Hinblick auf die Terroristen oder Fundamentalisten, die anderen ihre Religion aufzwingen wollen.

Ich will nicht, dass es in Europa so wird wie im Irak. Denn wenn es kein starkes Recht gibt und keine Gleichheit, und wenn es keine Freundschaft und Offenheit gibt, gibt es auch keinen gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus und den Fundamentalismus, damit wir in Frieden leben können. Deswegen bin ich heute als Dominikaner-Priester hier, um Brücken zu bauen zwischen den Religionen und gemeinsam alles zu bekämpfen, was fundamentalistisch ist.

 

II.

 

Heute sind wir in München mit dieser Ausstellung aufgenommen worden, und ich bin begeistert, denn für mich ist diese Ausstellung eine Brücke zwischen dem Orient und dem Okzident. Alle diese Fotografien, die Sie sehen: Mehr als 200 europäische Dominikaner sind in den vergangenen 250 Jahren in den Irak gekommen, um Schulen, Waisenhäuser und Krankenhäuser zu bauen, und zugleich auch Priesterseminare und die Druckerei, die hunderte von Büchern für Muslime, Christen und Juden produziert hat. Bis heute, und ich bin immerhin Archivar, habe ich nicht gehört, dass jemals in den 250 Jahren ein Dominikaner versucht hätte, einen Muslim zum christlichen Glauben zu bekehren; nie ist das geschehen. Im Gegenteil: Wir hatten gute Beziehungen zu den Jesiden, den Christen, den Juden, den Mandäern und allen anderen Minderheiten, um mit Ihnen ein kulturelles Leben aufzubauen.

Wenn es heute Terroristen gibt, so sind dies Unwissende und Menschen von beschränktem Horizont. Deshalb muss man, um sie zu bekämpfen, Erziehung einsetzen, etwas aufbauen, was Gemeinsamkeit schafft, und das kulturelle Leben ist die moderne Sprache, die die Menschheit vereint.

Ich möchte ein wenig Zeugnis ablegen von dieser Katastrophe und dem Genozid, der von der ISIS-Terrormiliz, der Da‘esh, begangen wurde. Glücklicherweise war ich damals vor Ort, um Zeuge zu sein, und um Menschen und unser Erbe retten zu können. Alle Kirchen, die orthodoxen, protestantischen, evangelikalen, die orientalischen und chaldäischen Kirchen, und alle anderen, auch die armenischen, haben zusammengearbeitet, um ihre Kinder und ihr Erbe zu retten, weil man den gleichen Feind hatte und sich zusammenschließen musste, um diesen bekämpfen zu können.

Ich selbst stand auf der Liste derjenigen, die ermordet werden sollten, nachdem schon fünf Priester und ein Bischof seit 2006 getötet worden waren. Ich habe mehr als 15 Morddrohungen erhalten, eine davon in einem Drohbrief mit drei Koranversen, und in dem Brief befanden sich außerdem eine Kugel und ein zerbrochenes Kreuz. Diese Leute halten uns ja für Gottlose, für Ungläubige, die man töten muss.

Dann habe ich von meinen Ordensoberen in Frankreich die Anweisung erhalten, Mossul sofort zu verlassen, um nicht getötet zu werden. Und als ich die Stadt dann heimlich verlassen habe, haben ich und meine Freunde in unseren Autos nacheinander alle Manuskripte, Archivmaterialien und wertvollen Kulturgüter mitgenommen und aus den gefährlichen Zonen herausgebracht.

Im Orient werden wir mit „mon père“, also „mein Vater“ angesprochen. Obwohl ich nicht verheiratet bin, habe ich tausende von Kindern, und was noch viel, viel mehr ist: Meine Kinder sind die Bücher und Manuskripte. Deswegen konnte ich mich nicht von ihnen trennen; wir sind zusammengeblieben, und ich habe sie mit mir aus Mossul herausgebracht. „Wenn man den Baum retten will, muss man seine Wurzeln retten“, sagt ein Sprichwort. Das, was die Da’esh macht, bedeutet, den Baum mit seinen Wurzeln zu töten.

 

III.

 

Als zweites Beispiel zur Rettung der Manuskripte möchte ich noch davon erzählen, was ich in Karakosch erlebte, in der Nacht vom 6. zum 7. August 2014. Um Viertel vor 6 Uhr morgens fuhr ich hinaus und hatte den Rest der Manuskripte bei mir. Als ich zum Checkpoint kam, war er geschlossen, und ich sah auf der rechten Seite Männer der Da’esh mit ihren Autos und den schwarzen Fahnen, auf denen „Allahu akbar“ steht. Da hatte ich zum ersten Mal wirklich Angst um mein Leben, weil ich mir gesagt habe, dass wir alle zusammen sterben werden, denn die Grenzen waren geschlossen und die Da’esh war da, mit Tausenden von Männern und Autos, und wir waren eingezwängt zwischen der Da’esh und den geschlossenen Grenzen. Mein Gedanke war, vor dem Sterben müssen wir beten. Also habe ich ein kurzes Gebet gesprochen, denn wir hatten ja kaum Zeit, und ich habe allen die Absolution erteilt. Den Muslimen auch; das macht nichts, Gott weiß es.

Gleich danach haben die Kurden die Grenzen zunächst für Fußgänger geöffnet. Jetzt hatte ich die Sorge, alles tragen zu müssen. Leider habe ich nur zwei Hände, um die Manuskripte und die Fotos zu retten. Viele Leute aus der kilometerlangen Menschenschlange boten sich an, mit mir die Manuskripte zu transportieren. Einem zehnjährigen Mädchen habe ich fünf Manuskripte gegeben, einige davon aus dem 12. und 13. Jahrhundert, damit sie sie über die Grenze mitnimmt. Als wir dann weiterfahren durften, ließen wir alte Leute und Kinder einsteigen und setzten sie auf die Manuskripte. Ich habe Ihnen gesagt: Es macht nichts, wenn sie etwas zusammengedrückt werden. Ich hatte das Gefühl, dass mein Auto die Arche Noah geworden war. Man lebt zusammen oder man stirbt zusammen, mit der Kultur und den Menschen.

Das war also die Gemeinschaft, die ihr Kulturerbe hinausgebracht hat. Heute leben wir in Erbil in Kurdistan. Wir sind nicht mehr als 130.000 christliche Flüchtlinge, die aus Mossul und der Ninive-Ebene fliehen konnten. Unter Saddam Hussein gab es mehr als eine Million Christen, heute sind es kaum noch 300.000. Die anderen haben das Land verlassen. Die Kirche kann den Menschen nicht verbieten wegzugehen und kann sie ebenso wenig daran hindern zu bleiben. Die Zukunft ist ungewiss. Wir können ihnen keine Versicherungen geben und keinen Frieden versprechen.

Jetzt, nach der Befreiung, nach zweieinhalb Jahren der Sklaverei ist dieses Kulturerbe wirklich völlig zerstört. Diese geflüchteten Menschen haben nach zweieinhalb Jahren gehört, dass die Städte ihrer Väter befreit worden sind, aber leider ist alles zerstört worden, verbrannt und geplündert. Viele Leute wollten nach Hause zurückkehren, aber sie sagen: Mon père, wo sollen wir uns niederlassen? Wir haben kein Geld mehr, haben kaum zu essen. Wie sollen wir uns auf der Asche der Ruinen einrichten? Und so, wie das alles nur noch Asche ist, haben wir dort keine Zukunft mehr. Ein Vater hat zu mir gesagt: Mon père, seit 2000 Jahren vergießen die Christen ihr Blut in Mesopotamien. Ich habe nicht das Recht, auch noch das Blut meiner Kinder zu vergießen, ich will sie hier herausholen. Darauf habe ich ihm gesagt: Entscheiden Sie sich dafür, dass Sie glücklich sind, ob draußen oder drinnen ist gleichgültig. Wichtig ist, dass der Mensch frei ist und ehrenhaft leben kann. Sie wissen, ich selber, mit dem Patriarchen, den Bischöfen und vielen der Mönche und Nonnen, wir leben in Erbil, in Bagdad oder in Basra. Wir wollen mit unseren Gemeinschaften vor Ort bleiben.

 

IV.

 

Meiner Meinung nach müssen wir diejenigen segnen, die weggehen. Für diejenigen, die bleiben, sind wir da, um ihnen zu helfen. Aber wir können nicht für sie entscheiden. Wenn wir wollen – und ich spreche damit auch Sie an, Europa und die ganze Welt –, dass weiterhin Christen in Mesopotamien leben, auf dem Ur-Boden des Christentums, an der Wiege der Kultur, müssen wir vor allem auf politischer Ebene handeln. Nach der Befreiung von Ninive und Mossul aus der Gewalt der Da’esh muss man auf internationaler Ebene daran arbeiten, dass Frieden geschlossen wird, dass eine neue Seite aufgeschlagen wird, um aufzubauen und nicht mehr zu zerstören.

Was die finanziellen Ausgaben angeht: Mit fünf Prozent dessen, was in der Welt für die nukleare Aufrüstung ausgegeben worden ist, für die Mittel und Werkzeuge der Zerstörung, könnte man eine bessere Welt aufbauen als sie es heute ist. Was mich angeht, so glaube ich an die Zukunft der Christen im Irak, und ich glaube auch, dass der Friede viel stärker ist als der Dolch. Für die Zukunft müssen Schulen gebaut werden. Man muss Zentren einrichten, um Frieden zwischen den Völkern und den Religionen zu schaffen und eine Kultur der Öffnung zu begründen, und nicht etwa ein beschränktes und geschwächtes Volk.

Deswegen sind die Kultur und all diese Fotografien ein Zeugnis dafür, dass Frieden möglich ist. Bildung und Kultur sind die beste Sprache, um Gewalt und Terrorismus zu bekämpfen. Ich möchte mich ganz besonders bei Deutschland bedanken, das schon viel über die Nicht-Regierungsorganisationen und die Kirchen getan hat, über Organisationen, die den Flüchtlingen geholfen haben, den Christen, Jesiden und Muslimen im Irak gemeinsam. Besonders bedanke ich mich bei der Katholischen Akademie in Bayern dafür, dass sie diese Ausstellung angenommen hat, und für all das, was sie schon unternommen hat, um andere durch die Bilder und durch ihre Erklärungen zu informieren. Wir bedanken uns wirklich sehr bei Ihnen, und wir werden immer im Gebet vereint bleiben, um den Frieden aufzubauen.

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