Die letzten Christen

Vortrag beim Bayerischen Priestertag 2017

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Als Mitglied der Ordensgemeinschaft der „Kleinen Brüder vom Evangelium“ lebe ich gemeinsam mit drei Mitbrüdern in einem Plattenbauviertel am Stadtrand von Leipzig. Da Wohnungen leer stehen, konnten sich dort in den letzten zwei Jahren viele Flüchtlingsfamilien ansiedeln. Unter ihnen lernte ich auch Familien aus Mossul oder Aleppo kennen. Sie erzählten mir ihre Geschichten, die mich so beeindruckten, dass ich sie schriftlich festhielt. Daraus ist ein Buch entstanden, aus dem ich einige Passagen vorstellen möchte.

 

I.

 

So wird zum Beispiel die Geschichte von Yousif erzählt, der aus Mossul stammt. Ich hatte die Gelegenheit, Yousif zur Totenfeier seines Vaters in den Norden des Irak zu begleiten. Yousif gehört der syrisch-orthodoxen Kirche an. Durch den Familienbetrieb einer Schlosserei hatte es sein Vater Abu Yousif zu einem gewissen Wohlstand gebracht: Sie besaßen ein großes Haus mit Garten. Doch ab 2003 änderte sich die Welt in Mossul.

Im Irak herrschte Saddam Hussein, ein säkularer Diktator. Es gab zwar kaum Diskriminierung aufgrund der Religion. Doch die Gewaltherrschaft war nicht minder menschenverachtend, durch ein Polizei- und Spitzelsystem, durch Folter und die Ermordung vieler Menschen. Vor allem ethnische Minderheiten wie etwa die Kurden wurden Opfer grausamer Unterdrückung. In einem solchen System konnten radikale politische Ideologien wie etwa der Islamismus heranwachsen und gedeihen.

Der Westen arbeitete mit den Diktatoren im Nahen Osten zusammen, wenn er durch Öllieferungen und Waffenexporte gut profitieren konnte. Im Jahr 2003 griffen die USA und Großbritannien den Irak an mit der Begründung, dass dieser Staat zu einer wachsenden Bedrohung werde, etwa durch die Produktion von Massenvernichtungsmitteln. Spätere Untersuchungsberichte zeigten, dass diese Kriegsgründe nur vorgeschoben waren. Vordergründig ging es in diesem Krieg um die Entmachtung des Diktators Saddam Hussein und den „Import“ von Demokratie, untergründig aber wohl auch um den „Export“ von billigem Erdöl.

Als Antwort auf die amerikanische Invasion in den Irak riefen muslimische Geistliche zum „Heiligen Krieg“ auf und viele fundamentalistische „Glaubenskämpfer“ aus der gesamten islamischen Welt sammelten sich zum Krieg gegen die „Ungläubigen“. Die Christen im Irak wurden für die Islamisten zum Freiwild.

Warum aber wurden ausgerechnet die einheimischen Christen ein bevorzugtes Ziel ihrer Anschläge? Da der Prophet Mohammed sowohl religiöser als auch politischer Führer war, sind im Islam Religion und Politik von Anfang an eng verwoben. Infolgedessen kann auch der Krieg eine religiöse Dimension bekommen. In der Wahrnehmung vieler Muslime sind die westlichen Länder „christliche“ Staaten. Und wenn man von diesen angegriffen wird, so werden die Christen im Nahen Osten als Kollaborateure und Verbündete der Amerikaner oder Briten verdächtigt. Die prekäre Lage der Christen wurde durch eine törichte Rede des amerikanischen Präsidenten noch verschlimmert: George W. Bush bezeichnete seinen ölverschmutzten Krieg als „Kreuzzug“ und weckte damit tief sitzende Ressentiments der Muslime gegen den Westen. Die Christen im Irak, die sich in ihrer zweitausendjährigen Geschichte an keinem Kreuzzug beteiligt hatten, wurden in Sippenhaft genommen und mit Terror überzogen. Sie wurden zu Sündenböcken, an denen man die Aggression der „christlichen Besatzer“ (sprich: Soldaten der USA) rächen konnte.

Beispielsweise presste man den Christen Schutzgelder ab und berief sich dabei auf die alte islamische Praxis, dass Nichtmuslime zu einer Sondersteuer, im Koran „Dschizya“ genannt, verpflichtet sind. Gemäß dem islamischen Recht müssen Christen die „Dschizya“ für das Zugeständnis bezahlen, in einem – sehr eingeschränkten – Maß ihre Religion praktizieren zu dürfen. Wer nicht zahlte, dem drohte Zerstörung des Eigentums und Mord.

Auch christliche Kirchen wurden Zielscheiben des Terrors im Namen des Islam. Aber noch dachten viele Christen nicht daran, Mossul zu verlassen, denn sie hegten die leise Hoffnung, dass der Spuk eines Tages ein Ende nehmen würde. So auch Yousif und seine Frau Tara. Stattdessen kam es noch schlimmer. Eines Tages erhielt wurde Yousif angedroht, dass man ihn umbringen werde. So musste er Hals über Kopf mit seiner Frau und den beiden Kindern aus Mossul flüchten. Ziel war Arbil, die Hauptstadt des autonomen Kurdengebiets im Norden des Irak. Dort war er zwar sicher, aber er fand keine Arbeit. Schweren Herzens rang er sich dazu durch, nach Europa zu flüchten. Er ließ seine Frau und die kleinen Kinder in Arbil zurück und schlug sich auf abenteuerlichen, oft sehr gefährlichen Wegen nach Deutschland durch. Dort beantragte er Asyl. Als ihm dieses nach vielen Monaten gewährt wurde, konnte er im Jahr 2014 seine Familie nachkommen lassen. Genau zur selben Zeit besetzten die Milizen des IS seine Heimatstadt Mossul. Nun mussten auch seine Eltern und sein Bruder, die gesamte Verwandtschaft, ja, alle Christen diese Stadt verlassen und Richtung Ankawa flüchten.

 

II.

 

Mossul liegt am Tigris – gegenüber einer berühmten Ruinenstadt: dem biblischen Ninive. Mit etwa zwei Millionen Einwohnern ist Mossul die zweitgrößte Stadt des Irak und galt aufgrund der vielen Christen, Kirchen und Klöster als ein Zentrum des östlichen Christentums. Von den 1,4 Millionen Christen, die um 1990 noch im Irak lebten, wohnten rund 200.000 allein in Mossul. Damals gab es noch über 500 Kirchen im Irak, in denen regelmäßig Gottesdienst gefeiert wurde.

Doch der Krieg und die wirtschaftlich desolate Situation veranlassten schon seit Jahren viele Christen zur Auswanderung. Immer mehr der oft gut gebildeten christlichen Ureinwohner emigrierten aus dem Land, in dem doch ihre Familien und auch ihr Glaube seit nahezu zweitausend Jahren verwurzelt waren. Dazu kam der wachsende Druck, den radikale islamische Gruppen („Salafisten“) auf die Christen ausübten. Al-Kaida („Basis“, „Fundament“) war seit 1993 als loses Netzwerk islamistischer Organisationen entstanden, um eine feste „Basis“ zur Verbreitung des Islam zu gründen.

Nach dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak feierte Al-Kaida in Mossul Hochkonjunktur: Noch im selben Jahr wurde ein Kloster in Mossul Ziel eines Raketenangriffs. Im Jahr darauf wurde die Kathedrale St. Paul durch ein Bombenattentat schwer zerstört. Solche Anschläge auf Kirchen und Kirchgänger häuften sich: Ein fünfjähriger Junge und dessen etwas ältere Schwester wurden auf dem Weg zum Gottesdienst erschossen; christliche Mädchen wurden vergewaltigt, weil sie keinen Schleier trugen.

Yousif erinnert sich mit Schrecken daran, dass islamistische Milizen in Mossul damit begannen, Passanten auf der Straße zu kontrollieren und sich die Pässe zeigen zu lassen. Aus dem irakischen Pass geht auch die Religionszugehörigkeit hervor. Hatte jemand den Vermerk „Christ“ im Ausweis stehen, musste er Angst haben, dafür ermordet zu werden.

Zur Finanzierung des Terrors wurden vor allem die Christen von Mossul, von denen viele einer gebildeten und gut situierten Schicht angehörten, zur Kasse gebeten: Man presste ihnen Schutzgelder ab oder verlangte Lösegelder für entführte Familienmitglieder.

Yousif erinnert sich: „Die Predigten beim Freitagsgebet in den Moscheen: Wir mussten sie ja über die Lautsprecher auf den Minaretten immer mitanhören. Wenn dann hasserfüllt gegen die Christen gehetzt wurde und Imame mit Berufung auf den Koran ihre Gläubigen aufforderten, die Ungläubigen zu töten, bekamen wir es mit der Angst zu tun.“

Und dann vor zweieinhalb Jahren: Die Terroristen des „Islamischen Staats“ vertreiben die letzten Christen aus Mossul oder aus Karakosh. Die letzten Christen – sie müssen entweder zum Islam konvertieren oder sie müssen gehen. Und viele von ihnen werden ermordet.

 

III.

 

Es war schütternd, was ich von Yousif und dessen Verwandten im Irak erfuhr. Ich frage mich, warum ich mich als Priester und Theologe so wenig für das Schicksal der Christen im Orient interessiert habe. Durch die Flüchtlinge, die jetzt in meiner Nachbarschaft in Leipzig wohnen, erfuhr ich von der Geschichte dieser Christen. Eine große und bewegende Geschichte, die jetzt zu Ende geht.

Von Anfang an verbreitete sich das Christentum dreikontinental. Symbolisch stehen dafür drei Apostel: Paulus verkündete das Evangelium für den Westen mit seiner griechisch-römischen Kultur; Markus missionierte in Alexandria und symbolisiert damit die Kirche von (Nord-)Afrika; Thomas schließlich wird als der große Missionar verehrt, der nach Asien und vielleicht bis nach Indien gezogen ist.

Von je her dienten die Handelsrouten auch als Nachrichtenwege. In kürzester Zeit gelangte das Christentum auf den großen Verkehrsstraßen von Damaskus über Palmyra nach Osten, nach Mari, Arbela und Basra. Die legendäre Seidenstraße führte von Antiochien über Buchara, Merw und Sarmakand immer weiter in den Orient. Anknüpfungspunkte für ihre Mission fanden die ersten Christen, die oft jüdische Wurzeln hatten, in den weit verstreuten jüdischen Gemeinden von Mesopotamien. Auch von Paulus wissen wir, dass er auf seinen Missionsreisen in der Wagenspur des Judentums unterwegs war und immer zuerst in den Synagogen predigte: in Ikonion, Athen, Thessalonich. Im Unterschied zu den Briefen des Paulus sind von den Aposteln, die gen Osten zogen, keine Schreiben an ihre Gemeinden erhalten. Daher wissen die Wenigsten, dass das Urchristentum nicht nur in Ephesus, Korinth oder Rom Fuß fasste, sondern auch in Nisibis, Seleukia-Ktesiphon und Gondeschapur.

Die Umgangssprache in Palästina, in der römischen Provinz Syrien und in Mesopotamien war Aramäisch und wurde zur Sprache des syrischen Christentums, das eine lange und große Blütezeit erlebte. Mönche aus dem alten Syrien gründeten sogar in Italien Klöster und Einsiedeleien; aus dieser Tradition konnte Benedikt von Nursia schöpfen und das abendländische Mönchtum prägen, das die Kultur Westeuropas über Jahrhunderte maßgeblich beeinflusst hat. Im 7. und 8. Jahrhundert wurde sogar mehrmals Syrer zum Papst von Rom gewählt.

In den Wüsten und abgelegenen Gebirgen Vorderasiens entstand und blühte das christliche Mönchtum. Über Jahrhunderte übte diese Lebensform eine unglaubliche Anziehungskraft aus und Tausende von Frauen und Männern zogen sich in die Einsamkeit zurück. Sie pflegten die Stille und das kontemplative Gebet, wie etwa das „Jesus-Gebet“, das den Namen Jesus wie ein Mantra wiederholt.

Die Kirchen in den Städten und Klöstern wurden prächtig ausgestattet und sollten – erfüllt von den berückenden Gesängen der syrischen Liturgie – einen Vorgeschmack auf den Himmel vermitteln.

Die „Kirche des Ostens“ machte ihrem Namen alle Ehre und gelangte über Kaufleute und Mönche bis nach China und Sibirien, nach Indien und auf die Philippinen. Es gab Bischofssitze und Klöster in Kabul und Peking. In ihrer ganzen Geschichte war diese Kirche nie Staatskirche; sie führte keine Kriege und missionierte nie mit Zwang, sondern mit innerem Feuer. Ihre Missionare kamen mit den verschiedensten Kulturen in Berührung und traten in einen fruchtbaren Dialog. Ein eindrucksvolles Symbol für die Kontakte mit dem Buddhismus ist die Kombination von Kreuz und Lotosblüte. Über Jahrhunderte zeichnete es diese Kirche aus, dass sie mit anderen Religionen Kontakt suchte und an deren Werte anknüpfend das Evangelium verkündete. Als leuchtende geistige Zentren der östlichen Christenheit ragten Edessa, Nisibis (heute: Nusaybin) und Gondeschapur hervor, wo die griechisch-römische und die persische Bildung bewahrt und weitergegeben wurde.

Zu Recht wird die große Bedeutung der islamischen Philosophie gerühmt, durch die das antike Wissen und Denken nach Westeuropa gelangte. Zu Unrecht aber wird die große Bedeutung der aramäischen Christen für diesen Prozess unterschlagen. Denn in den syrischen Klosterschulen studierte man Aristoteles und christliche Gelehrte vermittelten die griechische Philosophie und die antike Wissenschaft an ihre islamischen Kollegen. Eintausend Jahre lang brachte das syrische Christentum Gelehrte hervor, die den Grundstein für die islamische Wissenschaft legten. Das „Haus der Weisheit“ von Bagdad setzte die Tradition der christlichen Hochschule von Gondeschapur fort, indem es von dort zahlreiche christliche Gelehrte übernahm. Neben Philosophie galt das Interesse der syrischen Gelehrten auch der Astronomie, Mathematik, Medizin, Musik und Optik. Gondeschapur beherbergte das älteste bekannte Lehrkrankenhaus.

 

IV.

 

Seit dem 7. Jahrhundert lebten die Syrischen Kirchen unter arabisch-muslimischer Oberhoheit. Die arabischen Herrscher behandelten die Christen anfangs noch mit ziemlich großer Toleranz. Dies geschah auch aus politischem Kalkül heraus: Man wollte keine Aufstände provozieren. Denn die Christen stellten etwa in Syrien noch über Jahrhunderte die Bevölkerungsmehrheit – unter einer muslimischen Oberherrschaft. Im „Goldenen Zeitalter“ des Islam, unter der Herrschaft der Abbasiden im 8. bis 13. Jahrhundert, konnten christliche, jüdische und muslimische Gelehrte in Bagdad gemeinsam eine große Blütezeit von Philosophie und Wissenschaft einläuten. In der philosophischen Debatte herrschte Gleichberechtigung – allerdings nicht im Alltag.

Denn dort mussten die Christen erfahren: Je mehr sich die muslimische Herrschaft etablierte, umso härter übte man sozialen Druck auf die Christen aus. Als „Schutzbefohlene“ waren sie wie die Juden als Anhänger einer „Buchreligion“ zwar geduldet, doch die Bezeichnung „Schutzbefohlene“ bringt die Problematik ihres sozialen Status schon zum Ausdruck: Sie mussten für die Religionsausübung ein „Schutzgeld“ zahlen. Über lange Zeiträume hinweg diente die „Dschizya“ den islamischen Herrschern als wichtigste Einnahmequelle. Langfristig erwies sich die Kopfsteuer als ein wirksames Zwangsmittel zur Islamisierung einer Bevölkerung. Als „Schutzbefohlene“ waren die Christen ihren „Schutz-Herren“ gesellschaftlich natürlich nicht ebenbürtig. Dies zeigte sich etwa darin, dass das Zeugnis eines Christen vor Gericht weniger galt als das eines Muslims. Christen hatten auf Landbesitz oder auf öffentliche Ausübung ihrer Religion (wie das Läuten von Glocken) zu verzichten; seit früher islamischer Zeit durften sie keine neuen Klöster oder Kirchen mehr bauen.

War man in der Frühzeit des Islam dem Christentum noch mit Respekt begegnet, begann ab dem 9. Jahrhundert eine wachsende Polemik gegen die Christen. Zu den verbalen Attacken gesellten sich brachiale: Fanatische Muslime massakrierten wehrlose Christen. Dabei ist zu beachten, dass es je nach Herrscher oder geographischer Region auch wieder Zeiten größerer Duldsamkeit gab. Seit dem 13. Jahrhundert wurden die Gesetze für die Minderheiten immer schärfer ausgelegt.

Trotz all dieser bedrohlichen Entwicklungen stand die „Kirche des Ostens“ auch im 13. Jahrhundert noch in großer Blüte, vor allem durch ihre Mission bis tief nach Asien hinein. Diese lebendige Kirche erlitt um das Jahr 1400 ein jähes und gewaltsames Ende – und zwar durch die Mongolen. Der blutrünstige Timur zerstörte viele Kulturen, auch die Kirche des Ostens fiel diesem Gewaltherrscher zum Opfer. Zahlreiche Bischofssitze wurden ausgelöscht und Kirchen in Asche gelegt. Uralte Klöster mit kostbarsten Handschriften gingen in Flammen auf. Von da an konnte das syrische Christentum nur noch ein klägliches Restdasein in unzugänglichen Gebirgsregionen und einigen Enklaven wie etwa dem nördlichen Mesopotamien führen.

Der rote Faden durch die Geschichte der Syrischen Kirchen: eine Blutspur! Von Anfang an war diese Kirche eine Märtyrerkirche und ist es bis heute geblieben. Die Gläubigen der „Kirche des Ostens“ lebten immer unter Fremdherrschaft und ihre Lage schwankte zwischen anerkannt, geduldet oder verfolgt hin und her – mit der Tendenz zu wachsender Unterdrückung. Die syrischen Kirchen schrumpften immer mehr zusammen.

Im Schatten des Ersten Weltkrieges fand dann ein regelrechter Genozid statt: Nicht nur 1,5 Millionen Armenier wurden Opfer eines Wahns, in dem türkischer Nationalismus mit islamischer Religion vermischt wurden, sondern auch zwischen 300.000 und 500.000 aramäische Christen. Man hatte eigentlich nur eine Chance, nämlich zum Islam zu konvertieren. Und falls nicht, wurden Männer ermordet, Frauen vergewaltigt, Kinder lebendig verbrannt.

Und genau 100 Jahre nach dem abscheulichen Genozid von 1915 wird den syrischen Kirchen in ihren Ursprungsländern der Todesstoß gegeben. Und wieder das gleiche Schema: Der IS, aber auch syrische Rebellengruppen, die vom Westen unterstützt werden, zwingen Christen zur Konversion zum Islam – sonst droht Vertreibung, Vergewaltigung, Mord. Die allermeisten Christen haben es vorgezogen, ihre Heimat zu verlieren, ihre Häuser, ihren Beruf. Sie haben alles verloren – nur nicht ihren Glauben. Viele vegetieren in den Flüchtlingslagern in Kurdistan, wo es für sie keine Zukunft gibt. Einige haben das Risiko auf sich genommen, über Schlepper nach Europa zu kommen. Und nun sind sie unsere Nachbarn, etwa in Leipzig.

 

V.

 

Navid Kermani hat in seiner viel beachteten Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahr 2015 auf die Christen des Ostens aufmerksam gemacht, die von ihren westlichen Glaubensgeschwistern vergessen wurden. Er zitiert den Priester Jacques Mourad: „Wir bedeuten ihnen nichts.“ Diese Ermahnung eines Muslims, dass sich die Christen endlich ihren bedrohten und bedrängten Glaubensgeschwistern zuwenden sollten, muss aufrütteln. Daher komme ich zu der Schlussfolgerung, dass die orientalischen Christen unsere ganze Solidarität verdient haben. Sie wurden weit verstreut und so könnten wir es uns zur Aufgabe machen, sie zu suchen, sie anzusprechen und einzuladen, etwa in die Pfarrgemeinden und Gottesdienste. Sie können von ihrer Geschichte erzählen oder auch Gottesdienste mitgestalten.

Diese Unterstützung bedeutet nicht, dass wir Christen deshalb bevorzugen, weil wir ja auch Christen sind. Das würde dem Geist Jesu widersprechen. Jesus hat sich für Notleidende eingesetzt, unabhängig von der Religionszugehörigkeit. Wenn wir uns besonders für die Christen im Orient einsetzen, dann deshalb, weil sie dort eine so bedrohte Minderheit darstellen. Die internationale Politik hat sich sehr für die bedrohte Minderheit der Jesiden eingesetzt. Aber die genauso bedrohte Minderheit der Christen wurde oft ihrem Schicksal überlassen. Schiiten oder Sunniten finden im Nahen Osten Länder oder Regionen, in denen sie relativ geschützt sind, weil dort ihre Glaubensgenossen wohnen. Aber für Christen gibt es solche Regionen im Nahen Osten – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht mehr. Und daher müssen sie bevorzugt aufgenommen werden, weil sie in ihrer Heimat nirgends mehr sicher sind.

Die in direkter Linie von der Urkirche abstammenden Kirchen aus dem Orient werden in alle Welt zerstreut. In ihrem leidvollen Zerrissen-Werden können die orientalischen Kirchen eine Fruchtbarkeit entfalten: Sie bringen ein kostbares Vermächtnis mit – und wenn die westlichen Kirchen dies wertschätzen und aufnehmen, dann leben die Traditionen des Ostens fort!

Um ein Beispiel zu nennen: Die Kirchen des Orients waren missionarisch und dialogisch zugleich. Sie haben die Kulturen Asiens wertgeschätzt und standen in lebendigem geistigem Austausch mit Buddhismus oder Hinduismus. Sie haben auch den Islam mitgeprägt, indem sie dem muslimischen Kulturkreis wichtige philosophische und naturwissenschaftliche Kenntnisse vermittelten. Glücklicherweise spielen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Inkulturation und der Dialog mit anderen Religionen und Weltanschauungen eine zentrale Rolle.

Dieser Dialog ist heute notweniger denn je, vor allem mit Muslimen. Denn weder darf man das Gewaltpotential, das im Namen des Islam aktiviert wird, verharmlosen – noch darf man dem Islam generell eine Gewaltsamkeit unterstellen. Der Islam ist eine sehr komplexe Religion – ähnlich wie das Christentum. Da gibt es die verschiedensten Strömungen, radikal-fundamentalistische wie auch gemäßigte und sehr offene.

Es wurde von der westlichen Politik mitverschuldet, dass die radikalen Kräfte gestärkt und hochgerüstet wurden, etwa die Taliban. Und es sind Länder wie Saudi-Arabien und Khatar, die mit Europa und den USA so eng verbündet sind, die ihre radikale fundamentalistische Version des Islam in alle Welt exportiert haben. Auch Deutschland liefert Waffen nach Saudi-Arabien, bis auf den heutigen Tag. Diese vom Westen mitfinanzierte Radikalisierung des Islam hat zu den verheerenden Verhältnissen im Irak, in Syrien, aber auch im Jemen beigetragen. Umso wichtiger ist es, dass die muslimischen Bewegungen zu unterstützen, die für Offenheit und Toleranz eintreten.

Ungezählte Menschen fliehen nach Europa, um dem Terror des Islamismus zu entkommen. Der Großteil der Flüchtlinge sind Muslime. Sie sind auf der Suche nach einer neuen Heimat, aber auch nach anderen politischen Systemen und gesellschaftlichen Werten: Menschenrechte und Demokratie, Religionsfreiheit und Toleranz. Es stellt die große Herausforderung für unsere westliche Gesellschaft dar, die Flüchtlinge von innen her für diese Werte zu gewinnen. Wenn wir die Vertriebenen offen und entgegenkommend aufnehmen, können sie unsere Werte kennen- und schätzen lernen.

Auf einen zentralen Punkt möchte ich noch aufmerksam machen: Über viele Jahrhunderte haben die Christen im Orient das Evangelium von der Gewaltfreiheit sehr ernst genommen. Immer wieder betonen sie, dass eine Religion nicht mit Gewalt ausgebreitet werden darf. Das Christentum des Westens war in dieser Frage sehr ambivalent, auch in der Vermischung von Politik und Religion. Die Kirchen des Ostens waren in dieser Frage immer sehr klar am Evangelium orientiert. In einer Zeit, in der wieder Gewalt im Namen einer Religion ausgeübt wird, bis hin zu einem menschenverachtenden Terrorismus – kann dieses Zeugnis nicht laut genug verkündet werden: Religion darf nicht mit Gewalt ausgebreitet werden.

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