Wir haben die Verantwortung, uns zu engagieren

In der Reihe "Schwabinger Vorträge"

Kommt man hier nach München und spricht über Verantwortung, dann kommt einem sofort die Münchner Sicherheitskonferenz im Jahr 2014 in den Sinn. Damals war diese Regierung ganz frisch im Amt, alle waren gespannt, was wir sagen werden, und es war der Bundespräsident, der den Ton vorgab. Unabgesprochen haben mein Kollege Frank-Walter Steinmeier und ich ähnlich intoniert: dass Deutschland mehr sicherheitspolitische Verantwortung übernehmen muss. Angesichts seiner politischen Rolle und Relevanz und angesichts seines ökonomischen Gewichtes kann Deutschland nicht am scharfen Ende beiseite stehen und die anderen machen lassen, sondern ist verpflichtet, selber auch mehr Verantwortung auf seine Schultern zu nehmen. Es ist unsere moralische Pflicht und es entspricht unseren Interessen.

Dieses gemeinsame Credo damals 2014 hier in München hat für Furore gesorgt, und es wird heute oft als der „Münchner Konsens“ bezeichnet. Wir ahnten nicht, wie schnell wir auf Herz und Nieren geprüft werden würden. Denn es dauerte nur rund einen Monat – die Winterspiele in Sotschi waren gerade vorbei –, da annektierte Russland die Krim. Mit anderen Worten: zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg und dem Aufbau unserer Sicherheits- und Friedensarchitektur hat in Europa ein Land Grenzen wieder gewaltsam verschoben. Und vier Monate später erschien für uns neu auf der Bühne der sogenannte Islamische Staat. Damals eroberte die Terrorgruppe Mosul und versuchte, einen Genozid an den Jesiden zu vollziehen. Beide Ereignisse haben die sicherheitspolitische Lage grundlegend verändert, aber sie waren gewissermaßen auch nur der Auftakt zu einem Stakkato an Krisen und Konflikten, die wir seitdem erlebt haben.

General Klaus Naumann hat in den 1990er Jahren bereits den Begriff des Krisenbogens an Europas Peripherie maßgeblich geprägt. Sie haben damals schon vor den langfristigen Folgen der Entwicklungen im Süden, Südosten und Osten Europas gewarnt. Heute sehen wir diesen Krisenbogen um Europa umso scharfkantiger und deutlicher. Wir haben ein Russland, das zunehmend unberechenbar und rücksichtslos agiert, das vereinbarte Regeln missachtet, das Grenzen und Souveränität eines anderen Staates nicht respektiert, das eine hybride Kriegsführung im Osten der Ukraine zeigt bis hin zum Bombardement von Aleppo. Wir erleben aber auch das Agieren des menschenverachtenden Terrors durch den IS, der uns nicht nur im Nahen und Mittleren Osten fordert, sondern der bis tief ins Herz Europas agiert, uns genau da trifft, wo wir unsere offene und freie Art zu leben auch gewöhnt sind: beim Fußball, in Cafés, in Konzerten, auf öffentlichen Plätzen. Ich brauche nur zu erinnern an Paris, an Brüssel, an Würzburg, an Ansbach.

Das alles ist weiter flankiert worden durch die für uns so noch nicht erlebten Flüchtlingsbewegungen: 60 Millionen Menschen auf der Welt sind als Migranten unterwegs, viele Hunderttausende sind hier nach Europa gekommen. Sie sind geflohen vor Terror, vor Bürgerkriegen, aber auch vor Hunger, auch vor Armut. Das bringt wiederum uns an die Grenze der Belastbarkeit. All das ist Ausdruck der veränderten Sicherheitslage. Das bedroht Europa, und die daraus entstehenden Ängste sind real. Und wir alle wissen, wenn wir diese Probleme nicht lösen können, dann entsteht ein Vakuum, das jene ausfüllen, die eher Ängste und Frustrationen schüren. Die eher das Trennende, das Spaltende betonen. Wir werden aber nur Fortschritte erreichen, wenn wir geeint, wenn wir stark und wenn wir auf dem sicheren Fundament unserer gemeinsamen Werte agieren.

 

I.

 

Ich möchte deshalb über vier Bereiche, vier Grundsätze sprechen, die in diesem Szenario, das ich Ihnen eben geschildert habe, für mich maßgeblich sind. Der erste Grundsatz ist, dass wir aus den in Teilen bitteren Erfahrungen der letzten Jahre unsere Lehren gezogen haben und heute sagen: kluge Kooperation geht vor Intervention. Das heißt, wir dürfen nicht in dem Glauben handeln, dass der Westen mit seiner ganzen militärischen Macht alleine in der Lage sein könnte, die Dinge in den Griff zu bekommen. Sondern wir müssen uns immer wieder darauf besinnen, auch wenn es der langsamere und der mühsamere Weg ist, dass die Menschen vor Ort eigentlich am besten wissen, was notwendig ist. Dass sie oft nur nicht die Möglichkeiten haben, dies umzusetzen. Dass sie selber Verantwortung übernehmen wollen, und dass sie vor allem bereit sind, für ihre Heimat zu kämpfen.

Wir haben dieses Prinzip im Jahr 2014 angewendet mit Blick auf die Kurden im Nordirak. Damals wurden sie vom IS fast überrannt. Mosul wurde erobert und der IS trieb die Jesiden in das Sindschar-Gebirge. Zweieinhalb Jahre ist es her, dass Deutschland zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg bereit war, Waffen in ein Krisen- und Konfliktgebiet zu liefern. Verbunden mit der Ausbildung der lokalen Kräfte. In der tiefen Überzeugung, dass wir sie in die Lage versetzen müssen, sich gegen den IS zu wehren. Ich erinnere mich gut an die heftigen Debatten, die wir damals auch geführt haben, gerade auch unter Christen. Debatten, ob das Gebot „Du darfst nicht töten“ uns dort nicht die Hände bindet. Ich werde nie die Rede des evangelischen Bischofs Wolfgang Huber vergessen, der damals diesen Begriff erweiterte. Er sagte, für ihn hieße es auch: „du darfst nicht töten lassen“. Er zeigte damit das Dilemma auf, das wir auf der Grundlage unserer Werte zu lösen hatten.

Wir haben damals begonnen, die Peschmerga auszurüsten, auszubilden und sie zu unterstützen. Wir haben inzwischen 11.000 Peschmerga ausgebildet und ausgerüstet. Wir haben ihnen damals Waffen gegeben, die sie in die Lage versetzt haben, die rollenden Bomben, das heißt mit Sprengstoff gefüllte Autos und Lastwagen, mit denen der IS in die kurdischen Dörfer und in die Reihen der Peschmerga fuhr, auf Distanz zu halten und sich dagegen zu wehren. Wir haben ihnen dadurch überhaupt erst den Rücken gestärkt. Dadurch waren sie in der Lage, sich zu verteidigen. Sie wurden nicht vom IS überwältigt, sondern sie konnten ihn stoppen, ihn zurückdrängen, Territorium zurückgewinnen und dem IS damit den Nimbus der Unbesiegbarkeit nehmen.

Es ist damals keine leichte Entscheidung gewesen, aber es war die richtige Entscheidung. Auch aus einem zweiten Grund: Es ist den Kurden nicht nur gelungen, dem IS empfindliche Niederlagen beizubringen, sondern sie haben auch 1,8 Millionen Flüchtlingen in ihrer Region Schutz gegeben. Und wenn ich Ihnen sage, dass die kurdischen Gebiete eine Bevölkerung von fünf Millionen Menschen haben, dann wissen wir hier in Deutschland heute, was es bedeutet, wenn man 1,8 Millionen Flüchtlinge aufnimmt. Die Kurden haben sie seitdem geschützt; es leben in manchen ihrer Städte mehr Flüchtlinge als Einheimische. Es wäre niemals möglich gewesen, dass sie diese Kraft aufgebracht hätten, wenn wir nicht von Tag eins an nicht nur Waffen, sondern auch konsequent humanitäre Hilfe gegeben hätten. Insbesondere Gerd Müller fördert mit seinem Ministerium bis zum heutigen Tag den wirtschaftlichen Aufbau in dieser Region.

 

II.

 

Das führt mich zu meinem zweiten Grundsatz. Wir werden militärische Erfolge immer wieder gefährden, wenn wir nicht vom ersten Tag an Diplomatie und wirtschaftlichen Aufbau in diese Regionen bringen, um damit die militärischen Erfolge auch zu flankieren. Um es nochmals deutlich zu machen: Die Aggression des sogenannten IS können Sie nicht anders stoppen als durch militärische Mittel. Der IS verhandelt nicht, der IS tötet. Aber so unerbittlich, wie wir gegen den Terror vorgehen müssen, so unermüdlich müssen wir auch immer die Mittel des Dialoges und der Diplomatie genau in diese Region bringen. Denn nur so können wir die Ursachen des Terrors, den Nährboden des Dschihadismus austrocknen. Mit Versöhnung und Wiederaufbau in diesen Regionen. Wenn nicht von Tag eins an die Mittel der Diplomatie, der Versöhnung, des Wiederaufbaus flankierend zu den militärischen Erfolgen kommen, werden wir keinen nachhaltigen Erfolg erzielen. Die Menschen müssen spüren, dass es einen Unterschied macht, ob sie vom IS beherrscht werden oder ob sie frei leben können. Sie rechnen da ganz einfach: Kann ich meine Familie ernähren, habe ich ein Dach über dem Kopf, werde ich nicht bedroht, und habe ich eine Perspektive in dieser Region? Dann bleiben wir.

Wir haben vieles richtig gemacht im Irak. Auch diese Geschichte muss erzählt werden, denn sie geht oft in dem Schrecken des Nahen und Mittleren Ostens unter. Nach der Rückeroberung der irakischen Städte Tikrit oder Ramadi sind sofort die Vereinten Nationen vor Ort gewesen, um ganz schnell Hilfe zu bringen. Das heißt: Wasser, Elektrizität und Häuser reparieren, Minen entsorgen – die gesamten Städte sind durch den IS vermint worden – und medizinische Hilfe bringen; ganz pragmatisch. Genau das wird auch die Bewährungsprobe in Mosul sein. Der Irak ist derzeit in einer schweren Wirtschaftskrise. Nicht nur durch den Krieg, sondern auch wegen des lang anhaltenden niedrigen Ölpreises. Hinzu kommen die Konflikte zwischen den Sicherheitskräften und die ungeklärte Rolle der mächtigen schiitischen Milizen. Soll also der Kampf gegen den IS, wenn Mosul wieder zurückerobert worden ist, nicht in einen neuen Binnenkonflikt übergehen, müssen wir umso konsequenter das Prinzip der vernetzten Sicherheit verfolgen.

Es sind die Bürgerkriege, es ist der Terror, die, wie ich eingangs sagte, fast 60 Millionen Menschen in die Flucht treiben, überall auf der Welt. Wir haben im vergangenen Jahr sehr stark gemerkt, was das bedeutet, insbesondere ob der Flüchtlingsströme aus Syrien und Irak.

 

III.

 

Ich möchte jetzt den Blick nach Afrika wenden und dort den dritten Punkt ansprechen. Wir können sehr viel aus eigener Kraft schaffen. Ich habe über die Münchner Sicherheitskonferenz gesprochen, ich habe über die Haltung Deutschlands gesprochen, ich habe über die Grundprinzipien gesprochen. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Herausforderung unseres Nachbarkontinents Afrika nur bewältigen können, wenn wir die Kraft eines ganzen Kontinentes dazu in die Hand nehmen – und das ist unser geeintes Europa.

Wenn wir einmal auf unseren Nachbarkontinent blicken, genügen einige Zahlen, die das zeigen: Afrikas Bevölkerung wird sich bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Das klingt abstrakt und für viele zeitlich weit weg. Was das aber konkret bedeutet, zeigt ein anschauliches Beispiel: Die Bundeskanzlerin ist ja im vergangenen Monat in Nigeria gewesen. Dort lebten bis zum Jahr 2000 rund 100 Millionen Menschen. Beim Besuch der Bundeskanzlerin waren es schon 180 Millionen. In gerade einmal 16 Jahren kamen also so viele Menschen dazu, wie insgesamt in Deutschland leben. Das zeigt die Dimensionen. Das zeigt, was eigentlich der Treiber der Entwicklung gerade in dieser Region ist. Denn damit sind auch die Krisen und Konflikte der Zukunft schon erkennbar. Sie gehen von den fragilen Staaten aus, sie gehen von massenhafter Korruption aus, also dem Gegenteil von guter Regierungsführung. Aber es wird eben auch ein Kampf sein um Nahrung, um Wasser, um Arbeit, ums Überleben. Hunderte Millionen junger Menschen in Afrika suchen Perspektiven, und wenn sie sie nicht in ihrer Heimat sehen, machen sie sich auf. Das ist übrigens ein Thema der Menschheitsgeschichte, das wir seit Jahrtausenden kennen.

Deshalb kann auch hier nur die Lösung sein, dass die Fähigkeiten der Entwicklungszusammenarbeit, der Diplomatie und der Sicherheit verknüpft werden. Ein Paradebeispiel ist unser Vorgehen in Mali. In Mali lebt die Hälfte der Bevölkerung von weniger als 1,25 Dollar am Tag, jeder zweite hat also nur 1,25 Dollar zur Verfügung, oder sogar weniger, und das Durchschnittsalter liegt bei 16 Jahren. Mali ist das Kernland in der Sahelzone, wo weder Terror noch organisierte Kriminalität noch Schmuggel irgendwelche Grenzen respektieren. Sie sind ja auch genau die erklärten Gegner von jeglicher Form von Sicherheit, Stabilität und wirtschaftlicher Prosperität, denn das würde ihnen ihr Betätigungsfeld entziehen.

Auch hier handeln wir in Deutschland mit den anderen Ressorts vernetzt zusammen: Das Auswärtige Amt unterstützt den politischen Dialog. Das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit fördert Projekte der Landwirtschaft, der Wasser- und Elektrizitätsversorgung. Das Innenministerium fördert den Aufbau der Polizei. Und wir sind als Verteidiger gleich in zweifacher Mission dort. Einerseits mit einer Trainingsmission im Süden Malis, um malische Soldaten auszubilden, damit sie Terroristen im eigenen Land bekämpfen können. Wir haben bisher zwei Drittel der malischen Gesamtkräfte ausgebildet. Zugleich aber sind wir dort auch mit 500 Soldatinnen und Soldaten in der VN-Friedensmission im Norden. Sie hat den Auftrag, den Friedensvertrag, der in diesem fragilen Land zwischen den Rebellen und der Regierung geschlossen worden ist, zu begleiten. Aber nicht nur das, sondern wir bilden auch gleich diejenigen in klassischer deutscher dualer Ausbildung aus, die von uns geschützte Fahrzeuge kriegen. So bekommen sie die technischen Möglichkeiten und Fertigkeiten, diese Fahrzeuge instand zu halten, sie zu reparieren und sie zu warten. Damit bringen wir Nachhaltigkeit in unsere Hilfe. Deutschland ist der viertgrößte bilaterale Geldgeber in Mali. Ich schildere das nur, weil das ein Pfund ist, und wir dort viel tun. Das wird aber nicht reichen. Mali ist einer von über 50 Staaten in Afrika. Es braucht darum die ganze Kraft unseres Kontinents, um eine Antwort auf die Herausforderungen unseres Nachbarkontinents Afrika zu geben.

Ja, es stimmt: Dieses Europa zeichnet sich derzeit durch viele frustrierende Kompromisse aus – CETA war in den letzten Tagen wieder ein sprechendes Beispiel. Das ist die Tagesaktualität – und das ist frustrierend und zermürbend. Viele zweifeln daran, was man diesem Europa überhaupt noch zutrauen kann.

Dennoch sollten wir die langen Linien Europas sehen. Wir sollten nicht vergessen, was das ist, was wir in den 70 Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg geschaffen haben. 500 Millionen Menschen; 28 Länder, die 24 unterschiedliche Sprachen miteinander sprechen; 19 Länder mit einer Währung, die uns zwar Mühe macht und vielleicht auch manche Sorge – aber was für großartige Errungenschaften sind das! Und dann erst: Zwischen diesen 28 Ländern gibt es keine Grenzen mehr! Zwischen diesen 28 Ländern sind, seit sie EU-Mitglieder sind, keine Schüsse mehr gefallen. Alle sind Demokratien. Wir mögen nicht immer einer Meinung sein, aber diese Staaten sind alle Demokratien, und das ist kein Zufall. Das ist nicht vom Himmel gefallen. Das ist die treibende Kraft, die Europa heißt, auch wenn sie uns manchmal an den Rand unserer Nerven bringt.

Und dann ist es kein Wunder, dass angesichts der modernen Kommunikationsmöglichkeiten die Menschen in Afrika ihr Leben aufs Spiel setzen, Kinder in diese entsetzlichen Boote setzen, mit diesen läppischen orangenen Schwimmwesten um den Hals, um diesen Sehnsuchtsort zu erreichen. Das ist keine Lösung – das ist klar. Und deshalb müssen wir Europäer genau das machen, was plausibel auf dem Tisch liegt: Wir müssen nach Afrika gehen und dort die ganze Kraft, die wir haben zusammen mit den Afrikanern, die bereit sind, mit uns zusammen zu arbeiten – das sind sicherlich nicht alle –, einsetzen, um vor Ort die Perspektiven zu schaffen, damit die Menschen in ihrer Heimat bleiben können. Es geht darum, gemeinsam Sicherheit zu schaffen, denn sonst können sie keine gute wirtschaftliche Entwicklung haben, gute Regierungsführung einführen und Milliarden und Aber-Milliarden dort investieren. Aber jeder Flüchtling, der in Afrika bleibt, wird uns dort weniger kosten, als wenn er oder sie zu uns kommt, und es wird besser sein für die Entwicklung Afrikas.

Deshalb haben wir vor wenigen Wochen in einer deutsch-französischen Initiative vorgeschlagen, den Teil Europas weiter zu entwickeln, der noch der schwächste ist. Wir sind in vielen Teilen stark: wirtschaftlich oder etwa politisch. Aber die europäische Sicherheits- und Verteidigungsunion hat lange, lange brach gelegen, weil wir immer dachten, das brauchen wir nicht. Wir merken inzwischen, dass wir auch in diesem Bereich ein starkes Europa brauchen, auch wenn wir durch die NATO gut geschützt sind. Denn die NATO sehe ich nicht in Afrika. Vielmehr sehe ich das Erfordernis, dass Europa die Probleme, die es unmittelbar selber angehen, auch selber löst. Doch dafür müssen wir uns besser aufstellen. Wir haben alle diese Instrumente der zivilen und der militärischen Möglichkeiten als lose Enden über Europa verteilt – ineffizient und nicht koordiniert. Diese zu bündeln, hier eine kohärente Antwort zu geben, das ist die Aufgabe der kommenden Wochen und Monate.

 

IV.

 

Und damit komme ich, meine Damen und Herren, zur vierten und letzten These im Umgang mit der aktuellen sicherheitspolitischen Lage. Wir müssen unserer Demokratie wieder den Rücken stärken. Wir müssen wieder klar machen, welche Überzeugungen wir teilen; wir Europäer und wir Transatlantiker. Wir glauben, dass Menschen und Nationen selbstbestimmt in Frieden und in Sicherheit leben sollen. Wir glauben, dass es Chancen für alle geben muss und nicht für einige wenige. Wir glauben fest daran, dass jeder Mensch, so wie er ist, einzigartig ist und dass er eine inhärente Würde hat, unabhängig davon, wen er liebt und wie er betet. Andere negieren diese Werte. Nicht laut, aber leise, schleichend, durch das, was wir moderne Kommunikation nennen und was sich ausbreitet in den sozialen Medien.

Wir haben es erlebt in Deutschland beim Fall Lisa. Damals, kurz nach dem Kölner Neujahrsmorgen, tauchte das Gerücht auf, dass ein 13-jähriges russischstämmiges Mädchen in Berlin von Migranten vergewaltigt worden sei. Das hat damals einen enormen Aufruhr mit sich gebracht. Russischstämmige Menschen standen mit Transparenten und Demonstrationen vor dem Kanzleramt. Akribisch sind wir, das heißt die Sicherheitsbehörden, den Vorwürfen nachgegangen. Es hat sich alles als eine glatte Lüge erwiesen. Doch diese Lügen führten dazu, dass der Außenminister Russlands sagte, er hoffe, dass die deutsche Regierung diesmal die Fakten nicht unter den Teppich kehren werde.

Dank einer freien Presse, die sich nicht lumpen lässt und die akribisch jedes Argument prüft, jedes Faktum hinterfragt, gelang es, diese Geschichte aufzuklären und die Hintergründe zu erzählen. Aber wir mussten auch erleben, dass an dem Tag, an dem die unabhängige Kommission ihre Ergebnisse zum Abschuss der Passagiermaschine MH 17 durch Separatisten über der Ukraine veröffentlicht hat, die Welt mit der Gegenpropaganda überschwemmt wurde. Und wir mussten erleben, wie Belgien vor wenigen Wochen plötzlich mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, belgische Bomber hätten syrische Krankenhäuser angegriffen, und Kinder wären deshalb zu Tode gekommen. Es hat Tage gedauert, bis die belgische Regierung in der Lage war, sich dagegen zu wehren, weil sie nachweisen konnten, dass kein einziges belgisches Flugzeug zu der Zeit in dem fraglichen Luftraum war.

Aber auch der islamische Staat bedient sich der strategischen Kommunikation in den sozialen Medien im großen Rahmen. So wurden am Tag der Eroberung von Mosul vor jetzt gut zwei Jahren 40.000 Tweets mit Siegespropaganda abgesetzt. Das hatte seine Wirkung weltweit. Oder es werden in den Rekrutierungsvideos Bilder ins Netz gestellt, die zeigen, wie schön es in Rakka ist, und wie sehr es sich lohnt, dorthin zu kommen, um für das Kalifat zu kämpfen. Unsere Arbeit ist es jetzt, akribisch jedes Video zu überprüfen. Zum Beispiel jede Vase, die man im Hintergrund sieht. Dann stellt man z.B. fest: das ist keine Vase aus Rakka, sondern wir stellen das Bild aus Istanbul daneben, denn dort, nicht in Rakka, wurde die Aufnahme erstellt!

Wir sind nicht ohnmächtig gegen diese Art von Propaganda, denn wir haben starke Argumente. Das Anstrengende ist, immer wieder das eigene Narrativ auch tatsächlich zu erzählen, weil wir uns so sicher auf dem Boden unserer Werte fühlen. Wir müssen sie nur immer wieder verbalisieren. Wir haben eine objektive Berichterstattung durch eine freie Presse, wir haben die freie Meinungsäußerung, das Demonstrationsrecht. Und das ist ja das Schöne: bei uns wird Argument gegen Argument gestellt, alles wir gedreht und gewendet. Das schärft unseren Blick.

Wir sehen, dass die akribische Arbeit Früchte trägt. Die Zahl der Videos, die der sogenannte IS ins Netz stellt, lag im Jahr August 2015 noch bei 700; im August 2016 waren es nur noch 200. Das heißt, seine Möglichkeiten werden reduziert. Und die Tonalität ändert sich. Bisher waren es vorwiegend Videos, die vor allem Hinrichtungen von Ungläubigen zeigten. Heute dagegen Videos, die Hinrichtungen von sogenannten Spionen oder Deserteuren zeigen. Das heißt, der Druck nach innen steigt.

Wir enttarnen genauso Troll-Fabriken, die in Russland liegen und unsere sozialen Medien automatisiert mit bestimmten Nachrichten schwemmen. Wir tun dies auch, weil wir der festen Überzeugung sind, dass der Dialog mit Russland dazu führen muss, dass Russland wieder erkennt, dass wahre Größe nicht durch das Bevormunden seiner Nachbarn wächst, sondern durch weltweite Zusammenarbeit, durch wirtschaftliches Wachstum, das dann auch den Menschen Fortschritte und Wohlstand bringt, die wiederum die Grundlage für Freiheit und für Sicherheit sind.

Sie haben jetzt mit mir einen sicherheitspolitischen Parforce-Ritt durch die Krisen dieser Welt absolviert. Es scheint manchmal, dass vor uns ein schier endloses Meer von Krisen und Konflikten liegt, und dass eine Krise, ein Konflikt den nächsten nährt. Aber um es noch einmal mit dem „Münchner Konsens“ zu sagen: Es ist keine Option für uns, gleichgültig zu bleiben. Wir müssen lernen, mit diesen Situationen umzugehen. Das ist Globalisierung, von der gerade wir in Deutschland am meisten wirtschaftlich und politisch profitieren. Wir sind eines der Länder, das am meisten darauf angewiesen ist, dass wir offene Gesellschaften und offene Märkte haben. Und wir können das meistern. Wenn wir das tun, dann mit Geduld und mit Standfestigkeit. Mit dem nötigen Weitblick, zusammen mit unseren vielen Partnern und mit der Kraft eines ganzen Kontinents, der selber erlebt hat, welche unbändige Kraft unsere Werte entfalten können.

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