„Das Leben ist eine Pilgerfahrt, und wir alle sind nur Wanderer auf Erden“. Mit diesem den frühneuzeitlichen Menschen vertrauten Bild beginnt das 1699 erschienene Werk des in Rom lebenden französischen Buchhändlers François Deseine „Nouveau Voyage d’Italie“. Die knappe Einleitung, die Italien zum lohnendsten Reiseziel überhaupt stilisiert und in Wendungen aus Antike und Humanismus das Lob des Landes und seiner Landschaft singt, vermittelt uns ein eindrückliches Bild von der Gemengelage der Motive, aus denen im uns hier interessierenden Zeitraum die Reise nach Italien angetreten wurde: „Fromme Leute können ihrer Andacht an den heiligen Stätten, sei es in Rom oder in Loreto, nachgehen, oder auch an anderen Stellen …; sie werden dort eine große Fülle von Sündenerlassen und Ablässen erwerben können … Diejenigen, die im politischen Leben stehen und Verantwortung tragen, werden sich in der Regierungskunst vervollkommnen, indem sie die ausgeklügelten Verfahrensweisen der … Venezianer und der raffinierten Höflinge des römischen Hofes untersuchen. Die Liebhaber der Antike werden ihre Neugierde befriedigen, indem sie die schönen Ruinen der antiken Bauten … Statuen …, Medaillen und andere antike Zeugnisse in Augenschein nehmen, insbesondere in Rom und in der Umgebung Neapels. Schließlich werden sich auch die Freunde der schönen Künste dort mehr als anderswo vervollkommnen können, da diese dort in größerer Blüte als an irgendeinem anderen Ort stehen … Die schönste Musik und die wohlklingendsten Konzerte hört man in Italien. Und es ist Italien, das in der Malerei, Bildhauerei und Architektur den guten Geschmack hervorgebracht oder in anderen Fällen wiederhergestellt hat“.
Hier haben wir alles zusammen, was für die kurze Collage, die dieser Beitrag liefern will, von Wichtigkeit ist – medizinische Indikationen wären noch anzufügen: Michel de Montaignes Italienfahrt von 1580/81 war eigentlich eine Badereise, durch die er seine Kolikschmerzen zu lindern hoffte. Am Beginn stehen, lange Zeit beherrschend und bis heute nicht verschwunden, religiöse Motive und religiöse Bezüge im weitesten Sinn. Es folgt, im Zeitalter des Humanismus, ein spezifisch gelehrtes Interesse an den neuen Tendenzen in Wissenschaft und Kunst auf der Halbinsel. Auch dadurch wird Italien im 17. Jahrhundert zum Ziel der adligen Kavalierstour, die der Vermittlung von Bildung, der Einübung in eine standesgemäße Lebensführung (nicht zuletzt in den Genuss des Lebens auf allen erdenklichen Gebieten) dient und auch in der Prinzenerziehung regierender Häuser einen wichtigen Rang einnimmt. Vielfältig sind die Übergangsformen zum „Grand Tour“, der seit etwa 1650 vermehrt die Engländer nach Italien bringt. Hier sind schon viele Elemente des Wandels der Kavalierstour zur bürgerlichen Studienreise des späteren 18. Jahrhunderts greifbar, die Italien als Land der Kunst und Wiege der europäischen Kultur aufsuchte und weiterhin schätzte, während das Urteil der Aufklärer über die politische Verfassung der italienischen Staatenwelt zunehmend kritisch ausfiel.
Die Reise als Routine
Als der wittelsbachische Kurprinz unterwegs war, ist die Reise durch Italien bereits Routine geworden, sind die Etappenorte, Routen und Besichtigungspunkte weitgehend standardisiert. Es ist nur ein Teil des Landes, der den Reisenden auf diesen Routen vor Augen kommt: das Veneto, Emilia und die Romagna, der Kirchenstaat, die Toskana und die Lombardei vor allem, Umbrien, Ligurien und Piemont nur im Anschnitt – der Rest, vor allem der Süden, so gut wie gar nicht.
Die Reise durch Italien dauerte mindestens vier Monate, nicht selten neun oder mehr. Nach Möglichkeit wurde die Route nach den klimatischen Bedingungen und nach dem Festkalender ausgerichtet. Das hieß im Idealfall: Karwoche und Ostern in Rom; Karneval oder die Zeremonie der Vermählung des Dogen mit dem Meer am Himmelfahrtstag in Venedig; die Handels-Messen in den oberitalienischen Städten (mit ihrem attraktiven Musikprogramm) im Frühsommer.
Dreh- und Angelpunkt jeder Italienreise, das wichtigste Ziel war immer Rom, daneben fehlten Venedig und Neapel nie. Dahinter folgten die Städte Florenz, Genua und Mailand, mit einigem Abstand Turin. Südlicher als Neapel führte der „Giro“ vor 1750 in der Regel nicht; die Überfahrt nach Sizilien, zu Schiff von Neapel aus und oft kombiniert mit einem Besuch auf Malta, kam vor, war aber die Ausnahme. Erst Goethe, der 1787 eine außergewöhnlich strapaziöse Route zur Durchquerung der Insel wählte, sollte resümieren: „Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schlüssel zu allem.“
Franzosen und Engländer kamen, über Graubünden oder den Mont Cenis, zuerst nach Turin oder Mailand. Aus den deutschsprachigen Gebieten führten die Passsysteme von Brenner und Tauern nach Verona, Padua oder Venedig. Über Ravenna und Rimini ging es nach Ancona und Loreto (ein wichtiges Ziel fast aller Reisen) und weiter über Spoleto auf der Via Flaminia nach Rom, wo der längste Aufenthalt geplant war.
Obligatorisch war dann die Reise über Terracina und Gaeta nach Neapel. Diese Tour war bereits im 17. Jahrhundert in Form einer Pauschalreise buchbar, mit Unterkunft, Verpflegung und Fahrt inklusive zweier Ausflüge von Neapel aus. Die Fahrt allein dauerte einfach vier Tage und war als gefährlich verrufen. Doch die Stadt Neapel, im 18. Jahrhundert eine europäische Metropole mit über 300.000 Einwohnern (doppelt so viele wie Rom), galt ihrer Lage wegen als die schönste Stadt Italiens. Ausflüge zum Vesuv, nach Pozzuoli und zu den vulkanischen Phänomenen der Phlegräischen Felder sorgten für Nervenkitzel, und die Schönheit Capris hatten im 18. Jahrhundert vor allem die Briten bereits entdeckt. John Dryden junior beschrieb schon um 1700 die Grotta Cieca an der Südküste mit einem epochemachenden Wort: „This cavern looks so romantic.“ Für Gebildete und Gelehrte stellten die Ausgrabungen in Pompeji und Herculaneum ab 1748 neue Anziehungspunkte für eine Reise nach Kampanien dar.
Auch die Lombardei galt wegen ihrer Fruchtbarkeit und der attraktiven landschaftlichen Szenarien als schöner Landstrich und wurde als „Garten Italiens“ gepriesen. Am anderen Ende der Skala wirkte die dünn besiedelte, extensiv genutzte und malariaverseuchte Gegend nördlich von Rom, die „Campagna di Roma“, auf alle Reisenden öde und bedrückend, und nicht selten mischte sich Enttäuschung in die Berichte, dass Rom, das ersehnte Reiseziel, inmitten einer so trostlosen Landschaft lag. Dazu der große Gelehrte Charles de Brosses, Präsident des Parlaments von Dijon: „Wissen Sie, was das ist, diese Campagna? Eine Masse unfruchtbarer, unbebauter Hügelchen ohne ein menschliches Wesen, das Abstoßendste und Kümmerlichste, was man sich denken kann. Romulus muss geradezu betrunken gewesen sein, als er darauf kam, in einem derartig hässlichen Gelände seine Stadt zu bauen.“ Offensichtlich stützte er sein Urteil auf den Utilitarismus des merkantilen Zeitalters, in dem der Boden nach Nützlichkeit und Ertrag bewertet wurde.
Für die Rückkehr von Rom nach Norden wurde in der Regel jene Landseite gewählt, die auf der Hinfahrt nicht durchreist worden war, also entweder auf der Via Cassia über Viterbo und Siena nach Florenz und weitere Städte der Toskana wie Pisa, Lucca und Livorno Richtung Genua (dessen städtebauliche Anlage regelmäßig viel Bewunderung fand), oder an die Adriaküste und dann über Bologna Richtung Mailand, Mantua oder Venedig.
Die angesprochene Standardisierung der Wege und Ziele kam durch die Postrouten zustande. Personen von Stand wie der bayerische Kurprinz reisten natürlich mit eigener Equipage; auch die Engländer kamen zunehmend mit eigenen Kutschen, für die in Calais und Rom florierende Gebrauchtwagenmärkte existierten. Aber das Gros der Reisenden nutzte die „fahrende Post“, deren Verbindungsnetz schon Mitte des 16. Jahrhunderts gut ausgebaut war. Planbarkeit und eine gesicherte Infrastruktur an Gasthäusern sprachen für das Reisen mit der Post, und die Reisezeiten entsprachen den Möglichkeiten der Epoche. Joachim Christoph Nemeiz gibt Anfang des 18. Jahrhunderts für die Route Augsburg-Venedig (über den Brenner und die Valsugana; knapp 600 Kilometer) 21 Poststationen an, die in 117 Stunden reiner Reisezeit durchfahren wurden. Geht man von einer durchschnittlichen Fahrtdauer von sieben Stunden am Tag aus, so ist die Reise Augsburg-Venedig auf 17 Tage zu veranschlagen. Für die etwa 300 Kilometer lange Strecke von Loreto nach Rom (über Spoleto) waren als reguläre Reisezeit fünf Tage angesetzt.
Die geplanten Reisezeiten konnten nicht nur durch Unbilden der Witterung und alle Arten von Unfällen illusorisch werden, sondern auch durch eine im frühneuzeitlichen Italien verbreitete bürokratische Praxis, die Einforderung von Gesundheitsbescheinigungen („fede di sanità“). Vor allem in den großen Hafenstädten mussten über maritime Routen einreisende Personen nachweisen, dass sie aus einem Gebiet kamen, in dem keine ansteckenden Krankheiten herrschten, sonst drohte eine unerwünschte Reiseunterbrechung durch Quarantäne. Besonders rigoros, mit Tendenz zur Beutelschneiderei, wurde diese gesundheitspolizeiliche Routine von der Republik Venedig betrieben, und das nicht nur auf den Lazzaretto-Inseln in der Lagune. Auch Karl Albrecht erging es ja so; an den Weihnachtstagen 1715 saß er in Chievo bei Verona fünf Wochen fest. Als Johann Caspar Goethe (der Vater) 1740 von Wien kommend über Görz ins Venezianische einreisen wollte, wurde er von den „überängstlichen Venezianern“ in der Grenzfeste Palmanova vier Wochen in Zwangsquarantäne gesteckt. Er fügte sich ins Unvermeidliche, verlor dann aber die Beherrschung, als man ihm zum Schluss auch noch eine Rechnung für Unterkunft und Verpflegung präsentierte. Trotz dieser Lektion in italienischer Geschäftstüchtigkeit (seine Worte) hat er seinen Sohn später immer wieder dazu gedrängt, nach Italien zu reisen, um Kunst und Kultur des Landes kennenzulernen.
Den standardisierten Reiserouten korrespondierte ein dem Stand der Zeit entsprechendes Informationsangebot. Gedruckte Reiseführer („Guides“) für Italien standen den Reisenden seit 1518 zur Verfügung, Kursbücher für die Postrouten seit 1563, ein umfassendes Reisehandbuch erstmals 1600 – es war nicht zufällig ein Heiliges Jahr, zu dem Franz Schott aus Antwerpen sein bahnbrechendes „Itinerarium Italiae“ erscheinen ließ. Damit begann das Zeitalter der „Apodemiken“, der umfangreichen und nach dem neuesten Wissensstand informierenden Reise-Handbücher, deren erfolgreichste in vielen Übersetzungen und Auflagen erschienen. Nicht wenige waren von Hofmeistern verfasst, die junge Angehörige adliger Familien auf ihrer Italien-Tour begleiteten. Für die Generation unseres reisenden Prinzen waren die Standard-Referenzen „The Voyage of Italy“ des katholischen Geistlichen Richard Lassels von 1670 und der „Nouveau voyage d’Italie“ des Hugenotten Maximilien Misson, 1685 aus Frankreich nach England geflohen, 1691 im französischen Original, 1713 in deutscher und 1714 in englischer Übersetzung erschienen. Es folgten 1749 Thomas Nugents Standard-Beschreibung des englischen „Grand Tour“, deren dritter Band Italien gewidmet ist, und, gleichzeitig Ende der 1760er, die voluminösen Werke des Abbé Jérôme Richard und des Astronomen Jérôme Lalande, immer noch ohne Kalabrien, Apulien oder Sizilien. In Johann Jacob Volkmanns deutscher Übersetzung von 1770/71 diente Lalandes Kompendium Goethe als Nachschlagewerk bei seiner „Italienischen Reise“ 1786/87.
Spezielle Kunstführer kamen erst recht spät auf, 1671 mit dem schmalen Band „Viaggio pittoresco“ des in Frankreich geborenen, in Venedig lebenden Malers Giacomo Barri. Das war ein sehr knapp gefasster Führer zu Bildwerken in Kirchen und Galerien, einigermaßen vollständig eigentlich nur für Rom und Venedig – die römische Peterskirche passt auf zwei Seiten, der Dogenpalast in Venedig bekommt immerhin sechs. Was die Wertschätzung für Künstler und Kunstwerke angeht, bleibt die sich bei Barri abzeichnende Tendenz auch bei den ausführlicheren Nachfolge-Werken gleich: Als Epoche am meisten Aufmerksamkeit genießt die Hochrenaissance, das größte Renommee als Maler Raffael („il divino“), Venedig rangiert als Malermetropole vor Rom oder Florenz.
Barocke Gelehrsamkeit und Antikenbegeisterung
Das barocke Rom hatte seit Urban VIII. neue Anziehungskraft entfaltet, wofür in Architektur und Kunst Namen standen wie Gian Lorenzo Bernini, Francesco Borromini und Pietro di Cortona, in der Wissenschaft der große jesuitische Universalgelehrte Athanasius Kircher am Collegio Romano oder Giovanni Pietro Bellori, der Leiter der Sammlungen der schwedischen Königin (1632-1654) Kristina, der Tochter Gustav Adolfs und berühmtesten Konvertitin des 17. Jahrhunderts.
Die humanistische Tradition des „iter Italicum“, der Forschungsreise durch die Bibliotheken der Apenninenhalbinsel, lebte neu auf in den Aktivitäten der Mauriner, jener gelehrten Benediktiner aus Frankreich, die die Erforschung der älteren Kirchengeschichte auf eine neue methodische Grundlage stellten. Jean Mabillon, Begründer der Urkundenlehre, arbeitete sich während eines halbjährigen Romaufenthalts 1685 durch alle einschlägigen Bibliotheken und Sammlungen; Bernard de Montfaucon recherchierte zwischen 1698 und 1701 in ganz Italien nach griechischen Manuskripten und kopierte zahllose Inschriften.
Von den italienischen Universitäten, zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus ganz Europa breit frequentiert, stellte eigentlich nur noch Padua einen Anziehungspunkt für gelehrte Reisende dar, wegen der besonderen Kompetenzen in Medizin und Physik. Auch die zahlreichen Akademien, die im Zuge der Diffusion humanistischer Gelehrsamkeit im 16. Jahrhundert entstanden waren, konnten als Gelehrtengemeinschaften nicht mehr Schritt halten mit den neuen Institutionen des 17. Jahrhunderts in Paris und London, vermittelten den gelehrten Reisenden aber ohne großen Aufwand nützliche Kontakte vor Ort.
Nach wie vor stand die Bildung der Führungsschichten überall in Europa im Zeichen humanistischer Ideale und damit der Helden, Stoffe und Ideen der klassischen Antike. Und der ideale Ort für die authentische Begegnung mit dieser Antike war, wie in allen Instruktionen und Berichten hervorgehoben wurde, immer noch Italien. Hier wurden Leseerinnerungen lebendig, trat der Kontrast von Einst und Jetzt vors Auge und eine Ahnung dessen, was historische Größe ausmachte. So hatte es Thomas Hobbes geschrieben, 1629 als Tutor des zweiten Earl of Devonshire in Rom unterwegs.
Die großen Antikensammlungen Italiens stellten deswegen weiterhin einen Anziehungspunkt erster Ordnung für die Kunst- und Bildungsreisen dar. Unvergleichlich war auch hier die zentrale Rolle von Rom mit den Sammlungen auf dem Kapitol (ab 1734 allgemein zugänglich), im Statuenhof des Vatikanischen Papstpalasts, im Palazzo Farnese und in der Villa Medici und in den Villen und Gärten aller großen Familien des Kirchenstaats. All diese Kollektionen waren ohne großen Aufwand zugänglich und bildeten den Stolz dieser Familien, damit, wie Johann Georg Keyßler 1741 notierte, „die Fremden viel davon zu rühmen und zu erzehlen haben mögen“.
Von den Engländern, die sich in immer größerer Zahl auf die Tour durch Italien begaben, legte Joseph Addison, der Gründer des „Spectator“-Magazins, seine Italien-Fahrt 1703 als Reise in die Geschichte der Alten Welt an, auf den Spuren der antiken Dichter. Eine ausgesprochene Kunstreise beschrieb der aus einer Familie französischer Glaubensflüchtlinge stammende, in England aufgewachsene John Durant Breval, der auch Sizilien durchreiste und eine der ältesten Abbildungen des Concordia-Tempels von Agrigent lieferte. Die Engländer interessierten sich auch als erste für den Kunstmarkt und den Erwerb von Souvenirs; Richard Boyle, der dritte Earl of Burlington, ein großer Verehrer von Palladio, kam nach fünfjähriger Tour über den Kontinent 1719 angeblich mit 878 Gepäckstücken wieder in Dover an. Das Sammeln antiker Kunstwerke wurde im 18. Jahrhundert zu einem neuen Standard adeliger Repräsentation in England, vorangetrieben von einem eigenen Club, der 1734 begründeten „society of Dilettanti“. Mit ihr beginnt die Geschichte der Antikenbegeisterung und des Klassizismus auf den britischen Inseln.
Die bei Addison angelegte Wertschätzung für die Antike als kulturellen Maßstab entwickelte sich in den Berichten zweier großer französischer Reisender, Montesquieus und de Brosses’, um 1730/40 weiter in Richtung genereller Kritik am Barock, auch an großen Namen wie Bernini. Die goldstrotzenden Kirchen Neapels, bisher immer herausgestellt, galten nun als „dem großen Stil und der edlen Einfachheit der Antike nachrangig“. So interessierte de Brosses sich besonders für die neuen Ausgrabungen in Herculaneum, das beim Vesuv-Ausbruch des Jahres 79 verschüttet worden war. Hierin folgte ihm Johann Georg Winckelmann, 1755 nach Rom gekommen und (nach Konversion) zum „Commissario delle Antichità“ im Kirchenstaat berufen. Seine „Geschichte der Kunst des Altertums“, Kunstgeschichte und Archäologie in hymnischer Sprache miteinander verbindend, wies Generationen von Italienfahrern den Weg zu einem ästhetischen Erlebnis, das er in dem Ausruf ankündigte: „Alles ist nichts gegen Rom.“
Das Urteil der Konfession
Das Urteil über die Schauseite des religiösen Lebens in Italien wurde schon früh auf eine Formel gebracht, die sich durch die Jahrhunderte hielt und von Katholiken wie Nicht-Katholiken zustimmend kolportiert wurde. „Die Zeremonien eher prächtig als fromm“ – so hatte Michel de Montaigne, der große Realist und Skeptiker, seine Eindrücke 1580 zusammengefasst. Die Gottesdienste und die vielen öffentlichen Prozessionen seien prunkvoll, doch oft nur auf theatralische Wirkung berechnet. Diesen Eindruck unterstrichen die Auftritte der Prediger, die hohle Rhetorik, enormen Stimmaufwand und pathetisches Gebärdenspiel in einer Weise kombinierten, die auf die nordalpinen Besucher eher abschreckend als überzeugend wirkte. Dem einfachen Volk wurde eine tief empfundene Frömmigkeit nicht abgesprochen, aber oft schlügen quasi-magische Praktiken durch, etwa beim Blutwunder im Dom von Neapel oder bei den Einsetzungsworten im Hochgebet, wenn die Menschen sich während der Messe der Länge nach hinwarfen, die Stirn auf den Boden schlugen und laute Gebete sprachen.
Protestanten oder Anglikaner auf Reisen konnten natürlich dazu neigen, ihr konfessionelles Selbstverständnis in der „Abgrenzung gegen die katholische Sinnenfülle Italiens“ zu gewinnen oder weiter zu bestätigen. John Evelyn bewunderte 1646 die Erweiterungsbauten Gregors XIII. am Vatikanischen Papstpalast, empfand aber die Prozessionen der Karwoche als „heidnischen Pomp“. Johann Georg Keyßler referierte in seinem Text von 1740 alle Wunderberichte, die für die mehrstufige Translatio der Santa Casa (des Hauses Mariens) von Nazareth nach Loreto einschlägig waren, bemerkte aber kritisch, die frühesten Belege dafür stammten aus der Zeit um 1500. Johann Caspar Goethe hielt den Wallfahrtsbetrieb in Loreto für kommerziell motivierten Betrug: „Man müßte aber schon sehr dumm sein, um so etwas glauben zu können.“ Sein Sohn mied den Ort, doch der gleichzeitig mit ihm Italien durchreisende Karl Philipp Moritz bemühte sich um Toleranz und Verständnis, sprach mit den Pilgern, besichtigte eingehend die Marmorverkleidung Bramantes und die Votivgaben der Schatzkammer und erwarb – wie Generationen protestantischer Besucher vor ihm – sogar einen Rosenkranz. Goethe (der Sohn) eilte 1786 an seinem zweiten Tag in Rom mit Tischbein zum Quirinalspalast, um die Messe zum Allerseelentag zu erleben, doch enttäuschte es ihn, Papst Pius VI. in seiner priesterlichen Funktion zu sehen, „sich wie ein gemeiner Pfaffe gebärdend und murmelnd“, und er stahl sich sogleich wieder aus der Hauskapelle hinaus, um den Palast zu besichtigen.
Die Konfession diente jedenfalls nicht als Cicerone, besuchten doch katholische, protestantische und anglikanische Reisende alle die gleichen Orte. Zwar empfahl eine umfassende Traktatliteratur (als Beispiel sei die Abhandlung „Der an päbstische Örter reisende und daselbst wohnende Lutheraner“ des sächsischen Superintendenten Johann Friedrich Mayer von 1683 genannt) den jungen protestantischen Adligen, eingehende Kontakte und vor allem Gespräche über religiöse Themen strikt zu meiden. Eine katholische Kirche dürfe nur aus dem Grund besucht werden, „zu Gottes Ehre ihre [der Katholiken] schädliche, verdammliche Irrthümer desto eher und gewisser zu erkennen“. In der Realität nahm man es mit derlei Abgrenzungen nicht so genau. Man hakte die üblichen Sehenswürdigkeiten ab, ging zu den Zeremonien und Funktionen, kommentierte sie mehr oder weniger kritisch. Der Kanzleischreiber Jakob Rathgeb, im Heiligen Jahr 1600 mit Herzog Friedrich I. von Württemberg in Rom, beschrieb die Heilige Pforte als „ein schlecht alt steinen Thür Gestell“; bei der Zeremonie zu ihrer Öffnung habe ein enormes Gedränge geherrscht, in dem seinem Herzog, der die Pforte, wiewohl Lutheraner, ebenfalls durchschritt („gleich nach dem Actu“, wie mit Stolz festgehalten wird) die Taschenuhr gestohlen wurde. Schließlich sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Giro durch Italien auch geeignet war, bei einem Besuch der Synagoge in Rom oder eines griechisch-orthodoxen Gottesdiensts in Venedig Ideen von interreligiöser Ökumene zu vermitteln.
Wichtiger als die Kirchen und Zeremonien war den Angehörigen regierender Häuser, gleich welcher Konfession, ihre „politische Verortung in der Hierarchie der europäischen Fürstengeschlechter“, die am römischen Hof zusammenkamen. Die Audienz beim Papst inklusive Handkuss gehörte selbstverständlich dazu, ebenso Empfänge und Geschenke durch die Kardinäle und den römischen Adel, das entsprechende Zeremoniell und Kontakte zu gleichrangigen Adligen. Mit dieser Anerkennung ihrer Standesehre als Fürsten war dann ein respektvoller Umgang mit den Praktiken der katholischen Konfession ohne weiteres vereinbar. Die jungen Grafen von Hanau-Münzenberg beobachteten 1684 in Siena die Fronleichnamsprozession vom Fenster ihres Gasthofs aus. Als das Sanctissimum an ihnen vorbeigetragen wurde, vermieden sie das Niederknien, traten aber vorher ein paar Schritte in ihr Zimmer zurück, um öffentlich unbeobachtet zu bleiben.
Das Studium abweichender kirchlicher Praktiken gehörte zum standespädagogischen Standardprogramm der höfischen Bildungsreise; man folgte ihnen möglichst incognito und war bemüht, in keinerlei Richtung Anstoß zu erregen. „Konfessionelle Unterschiede waren auszumachen, dominierten aber nicht die Erfahrungen der jungen Reisenden.“ Rom war für die protestantischen Reisenden von Stand ebenso wichtig wie für die katholischen, aber nicht als die Stadt der „Mirabilia“, sondern als Sitz eines besonderen monarchischen Hofes von europäischem Rang.
Neue Dimensionen im Italienbild des 18. Jahrhunderts
Im Lauf des 18. Jahrhunderts verlor das politisch-kulturelle Modell Italien, wie es sich mit der Renaissance etabliert hatte, an Strahlkraft. In den Kriegen der ersten Jahrhunderthälfte wurde die italienische Staatenwelt zum Objekt der europäischen Mächtepolitik, beherrscht von den Interessen der großen Dynastien Bourbon und Habsburg. Im Zeichen der Aufklärung verschärfte sich die Kritik an den oligarchischen Regierungssystemen der alten Seerepubliken oder an der Ausbeutung der Landbevölkerung im Kirchenstaat und in Neapel; immer selbstverständlicher wurde die gesellschaftlich-politische Ordnung der italienischen Staaten mit Kriterien der Dekadenz beschrieben. Der wesentliche Grund dafür wurde nach wie vor in der Rolle der Konfession und im Einfluss der Kirche gesehen. Noch 1804 schrieb der protestantische Theologe Karl Friedrich Benkowitz den schrecklich einfachen Satz nieder: „Je eifriger die katholische Religion an irgendeinem Ort herrscht, umso schlechter sind die Menschen.“
National bezogene Stereotypen im Blick der intellektuellen Eliten aufeinander hatten sich überall in Europa schon im 16. Jahrhundert herausgebildet. Nun machte sich kein Geringerer als Charles de Montesquieu, selbst in den Jahren 1728/29 zwischen Turin, Venedig und Rom unterwegs, an eine Systematisierung der antiken Klimatheorie und schuf damit im 14. Buch seines berühmten „Geists der Gesetze“ eine ethnographische „Geographie der Mentalitäten“, die auf der Dichotomie von Kälte und Wärme, von Norden und Süden beruhte und im Lauf der Zeit zu einer Art anthropologischer Grunddisposition hochstilisiert wurde.
Die Folgen des Lebens im sonnigen, heißen Süden beschrieb Montesquieu als wenig erfreulich. Die Erschlaffung der äußeren Nervenfasern unter Einwirkung der Sonne vermindere intellektuelle und moralische Energien des Menschen; die Folge seien einerseits Mutlosigkeit, Trägheit und die Neigung zum Nichtstun, andererseits eine große Erregbarkeit der Leidenschaften und Neigung zu Verbrechen.
Der Genfer Literat Karl Victor von Bonstetten fasste diese Dichotomie in zwei Typen: Der „Mensch des Südens“ (so sein Buchtitel von 1824) sei voller Aufmerksamkeit für den Augenblick und lebe sorglos in den Tag hinein, sei aber auch beherrscht vom Wüten der Leidenschaften, zuvörderst Rachedurst und Liebesrausch. Der „Mensch des Nordens“ dagegen sei ein Freund von Systematik und Ordnung, plane und handle rational, gebe sich freilich darüber dem Grübeln hin und verfalle der Gefahr zu denken, ohne zu handeln – während der Südländer handle, ohne zu denken.
Die Reiseberichte des 18. Jahrhunderts nahmen wohl Kenntnis von der Kritik und den völkerpsychologischen Topoi der Aufklärer, doch bestimmend ist eine andere Tendenz, ein Paradigmenwechsel, wie er beim Vergleich der Berichte von Vater und Sohn Goethe oder im Titel von Laurence Sternes Roman „A Sentimental Journey“ deutlich wird: Auf Kosten der rational-enzyklopädischen Studienziele tritt das Primat des Ästhetischen in den Vordergrund. Dieser sentimental-romantische Reise wohnte auch das starke psychologische Moment inne, die Begegnung mit dem Fremden beitragen zu lassen zur Herausbildung der eigenen Persönlichkeit. So konnte ein Aufbruch zur Flucht geraten, der Weg zum Ziel, und das Interesse an romantischen Sinneseindrücken unterwegs wuchs an. Seit damals bleibt Italien als Inbegriff des Südens für die Reisenden aus dem Norden bis heute ein Sehnsuchtsort, freilich kaum mehr als Inbegriff einer besseren Welt.